Der 2. Brief an die Korinther

Kapitel 3

Der 2. Brief an die Korinther

Paulus hatte gerade von der Art gesprochen, in der er das Wort predigte, doch bedeutete das nicht, daß er sich den Korinthern zu empfehlen wünschte oder daß er andere benötigte, ihn zu empfehlen. Tatsache war, daß sie selbst sein „Empfehlungsbrief“ waren, denn ganz offensichtlich waren sie, trotz ihrer traurigen Fehler, die Frucht eines echten göttlichen Werkes durch ihn. Er spricht von ihnen als von einem Brief auf zweierlei Weise. Erstens als geschrieben in seinem eigenen Herzen. Indem er sich so ausdrückt, glauben wir, daß er wünschte, sie möchten erkennen, wie tief sie gleichsam in seine Zuneigungen „eingraviert“ waren. Sie waren sich nur wenig bewußt, wie stark seine Liebe zu ihnen in Christus war. Doch dann waren sie ein Brief Christi in einem mehr objektiven Sinn, und davon spricht Vers 3.

Sie waren ein „Brief Christi“ im doppelten Sinn, insofern als das, was geschrieben ist, mit einem Wort Christus ist, und auch ist Christus selbst der große, wirkungsvolle Schreiber. Gewiß, Er schreibt durch die Hand Seines Dieners, und so finden wir die Worte „angefertigt durch uns im Dienst“ (oder nach der Fußnote: „durch uns bedient“). Paulus war nur der Diener, doch er war der Diener, und das empfahl ihn zur Genüge.

Als Nächstes haben wir einen zweifachen Gegensatz. Die Gedanken des Apostels gingen zurück zu dem früheren Dienst in Verbindung mit dem Gesetz, das durch Mose gegeben worden war. Die göttlichen Gebote wurden einst auf steinerne Tafeln eingraviert und offensichtlich durch irgendeine Art von Tinte sichtbar gemacht. Jetzt ist es auch nicht Tinte, sondern der Geist des lebendigen Gottes: und jetzt sind es nicht steinerne Tafeln, sondern die Tafeln des Herzens. Jenes war tot; dies war lebendig. Das Evangelium war den Korinthern wirklich ein Geruch vom Leben zum Leben gewesen.

In diesem Vers wird das Werk Gottes in den Herzen der Korinther gesehen als gleicherweise die Frucht der Einwirkung Christi und des Geistes des lebendigen Gottes. Christus und der Geist sind auf diese Weise, wie wir sehen werden, in diesem denkwürdigen Schriftabschnitt sehr eng miteinander verbunden.

Das Werk Christi und das des Geistes war durch Paulus ausgeführt worden. Er hatte es bedient. Jeder Diener Gottes, der das Evangelium predigt, ist in dieser Stellung. Doch Paulus hatte diesen Platz in einem besonderen Sinn. Er besaß dazu an sich nicht mehr Tüchtigkeit, als wir besitzen, doch war er in besonderer Weise „tüchtig“ gemacht worden zu einem Diener des neuen Bundes, der sein Fundament und seine Begründung in dem Tod und der Auferstehung Christi gefunden hatte. Der neue Bund, von dem Jeremia geweissagt hatte, wird formal natürlich in der Zukunft geschlossen werden, und zwar mit dem Haus Israel und dem Haus Juda, doch die Grundlage ist bereits gelegt worden, und das heute gepredigte Evangelium entspricht der Ordnung des neuen Bundes. Die Segnungen, die der neue Bund verheißt, werden darin gefunden, doch auch weitere Segnungen, die über alles hinausgehen, was der neue Bund beinhaltet.

Erneut wird in Vers 6 der lebendige Charakter des Dienstes am Evangelium hervorgehoben, wohingegen das Gesetz den Tod brachte. Der Ausdruck „Buchstabe“ kommt in Vers 6 zweimal und in Vers 7 einmal vor. Er bezieht sich auf das Gesetz, wie die Worte „Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben“ erkennen lassen. Das Gesetz tötet. Sein Dienst führt zum Tod. Der Geist macht lebendig.

Was wir gerade dargelegt haben, ist der Beachtung wert, denn einige haben aus dieser Schriftstelle abzuleiten gesucht, daß der Buchstabe der Schrift tötet! Unter dem Deckmantel dieser Idee fühlen sie sich frei den Buchstaben der Schrift zugunsten von etwas zu mißachten, was sie als den Geist der Schrift erklären wollen. Was die Schrift sagt, wird abgewiesen, um etwas einzuführen, wovon man annimmt, daß es das bedeute. Und wenn andere Stellen angeführt werden, die der angenommenen Bedeutung klar widersprechen, so gilt das nichts, denn die anderen Schriftstellen werden ebenso beiseite gesetzt in dem Sinn, daß sie auch nur der Buchstabe sind, der tötet. Solche Leute töten den Buchstaben, weil, so sagen sie, der Buchstabe tötet. Das alles ist ein Irrtum. Dieser Vers sagt etwas völlig anderes.

Wir haben die Einfügungen in diesem Brief aufgezeigt. Jetzt haben wir zu beachten, daß es mitten in dieser langen Einfügung wieder eine Einfügung gibt, die die Verse 7-16 umfaßt. In dieser Einfügung wird der überaus eindrucksvolle Gegensatz zwischen dem Dienst des Gesetzes und dem Dienst des neuen Bundes entwickelt, und besonders wird herausgestellt, daß die Herrlichkeit des letzteren die Herrlichkeit des früheren bei weitem überstrahlt.

Zuerst einmal war das Gesetz nur ein Dienst des Todes, das Evangelium aber ist ein Dienst des lebengebenden Geistes. Dennoch war mit dem Gesetz eine Herrlichkeit verbunden, und sie war so groß, daß die Kinder Israel sie nicht anschauen konnten, noch konnten sie ertragen, wenn sie sich im Angesicht Moses widerspiegelte. Diese Herrlichkeit sollte weggetan werden, denn sogleich schwand sie von Moses Angesicht, und die Zeit kam, wo die Zeichen der göttlichen Gegenwart vom Gipfel des Sinai wichen. So heißt es hier, daß der Gesetzesdienst „in Herrlichkeit begann“, aber er dauerte nicht fort. Jetzt kommt die Frage: „Wie wird nicht vielmehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit bestehen?“ Die Herrlichkeit des Gesetzes begann, aber bald erlosch sie im Dienst des Todes für alle, die unter diesen Dienst kamen. Wenn der Dienst des lebendigmachenden Geistes gegeben wird, so bleibt er in Herrlichkeit.

Wiederum ist das Gesetz ein Dienst der Verdammnis, wohingegen das Evangelium ein Dienst der Gerechtigkeit ist. Das Gesetz verlangte Gerechtigkeit vom Menschen, und weil er keine hatte, verdammte es ihn vollständig. Das Evangelium aber bringt Gerechtigkeit und bewirkt sie für den Menschen mittels des Glaubens. Ein Dienst aber, der Gerechtigkeit verleiht und so einen sündigen Menschen befähigt, in der Gegenwart Gottes zu stehen, übertrifft in seiner Herrlichkeit bei weitem einen Dienst, der bloß Gerechtigkeit da fordert, wo keine ist, und als Folge davon verdammt.

Vers 11 enthält einen weiteren Gegensatz. Der Gesetzesdienst und seine Herrlichkeit wird in Christus „weggetan“, während die durch Ihn eingeführte Herrlichkeit bleibt. Durch den Herrn Jesus wurde eingeführt, was in Ewigkeit bleibt, und dessen Herrlichkeit ist so überragend, daß sie jede Herrlichkeit, die einmal in Verbindung mit dem Gesetz bestand, völlig in den Schatten stellt, wie Vers 10 zeigt.

Dies war somit der wunderbare Charakter des Dienstes, mit dem der Apostel betraut war, und dieser Charakter prägte auch die Art seiner Verkündigung. Was der Dienst am Evangelium vorstellt, ist noch nicht zu seiner vollen Entfaltung gelangt; aber es wird zu seiner Zeit geschehen. Deshalb spricht er hier von einer Hoffnung, und zwar von einer solchen Hoffnung. Da er sie hatte, war er in der Lage, den Menschen mit „großer Freimütigkeit“ zu begegnen, und auch mit großer Offenheit und ohne jede Zurückhaltung. Letztere war beim Gesetz angebracht, denn Menschen konnten vor seiner Herrlichkeit nicht standhalten.

Mose mußte eine Decke auf sein Angesicht legen, als er von dem Berg herabstieg, um die Herrlichkeit vor den Kindern Israel zu verbergen. Das, was weggetan worden ist, hatte ein „Ende“, was sie aber nicht sahen. „Ende“ bedeutet nicht die Beendigung des Gesetzes, sondern das Ziel dessen, was Gott mit dem Gesetz erreichen wollte; dieses Ziel war Christus, wie Römer 10,4 uns sagt. Es war ein „Zuchtmeister“ auf Christus hin, und somit war Christus des Gesetzes Ende, wie Römer 10,4 uns sagt. Das Gesetz bereitete dem Menschen eine dornige Straße, die ihn aber zu Christus führte, ebenso wie jeder andere Weg, den Gott bereitet, zu Christus führt. Die Herrlichkeit, die im Angesicht Moses erstrahlte, war in Wirklichkeit ein schwacher Abglanz Christi. Doch Israel konnte sie nicht sehen. Hätten sie sie wahrgenommen, so würden sie sich verurteilt und in sehnlicher Erwartung nach der Ankunft des Befreiers, Christus, ausgeschaut haben.

Ach, ihr Sinn war verstockt. Sie benutzten das Gesetz, als wäre es eine Art schöner Feder, die man sich an den Hut steckt, um dadurch einen vorrangigen Platz unter den Nationen zu haben. Es ist, als ob die Decke, die einst auf dem Angesicht Moses lag, sich auf ihren Sinn und ihre Herzen gelegt hätte. Natürlich gibt es heute eine Auswahl der Gnade aus Israel, dennoch ist es immer noch wahr, daß sie als Nation das Alte Testament mit der Decke auf ihren Herzen lesen.

Doch es kommt der Augenblick, wo die Decke weggenommen werden wird. Vers 16 ist eine Anspielung auf 2. Mose 34,33-35. Obwohl Mose sein Angesicht bedeckte, wenn er zu dem Volk sprach, so tat er die Decke ab, wenn er vor Jehova hineinging, um mit Ihm zu reden. Dies ist eine Art Gleichnis von dem, was mit Israel geschehen wird. Wenn sie zuletzt zum Herrn umkehren in Aufrichtigkeit und Buße, dann wird die Decke von ihren Herzen entfernt werden, und die Herrlichkeit Christi, den sie einst gekreuzigt haben, wird über ihnen erstrahlen.

Vers 16 schließt die Einfügung ab, die mit Vers 7 begann. Mit Vers 17 nehmen wir den Faden von Vers 6 wieder auf, wo gesagt wurde, daß der Geist lebendig macht. Hier finden wir den Herrn und den Geist in bemerkenswerter Weise einander gleichgesetzt. Der Geist ist der Geist des Herrn, und Er ist der Geist Gottes. Wir sind so sehr daran gewöhnt, zwischen den Personen der Gottheit zu unterscheiden, daß wir leicht in den Irrtum verfallen, sie voneinander zu trennen. Das dürfen wir nicht tun. Wir kennen die hierzu in Beziehung stehende Wahrheit von der Einheit der Gottheit. Wir dürfen diese wesenhafte Einheit niemals aus dem Auge verlieren.

Der Herr ist der lebengebende Geist des neuen Bundes, und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Leben und Freiheit gehen zusammen, genauso wie Gesetz und Knechtschaft zusammengehören. Das göttliche Leben darf nicht durch gesetzliche Zwänge gehindert oder eingeschränkt werden. Das ist auch gar nicht nötig. Gesetzliche Schranken sind notwendig und angemessen, wenn es sich um das Fleisch oder die Welt handelt. Sie richten nichts aus, denn das Fleisch und die Welt durchbrechen sie und übertreten. Das Gesetz ist wohl wirksam, allerdings in anderer Weise, denn es verflucht den Übertreter und stellt ihn unter das Todesurteil. Alles ist verändert, wenn einmal der Geist das Leben gegeben hat. Dann kann Freiheit gefahrlos gewährt werden, denn der Geist des Herrn übt die Herrschaft aus.

Vers 18 führt ein drittes wunderbares Geschehen ein. Zusätzlich zu Leben und Freiheit gibt es eine Verwandlung. Der Ausdruck „mit aufgedecktem Angesicht“ besagt zunächst, daß wir natürlich nicht, wie Israel, eine Decke auf uns haben. Der eigentliche Sinn scheint aber zu sein, daß die Herrlichkeit des Herrn, die wir anschauen, für uns unverdeckt ist. Auf dem Angesicht des Herrn ist keine Decke, wie sie auf dem Angesicht Moses war. Außerdem ist die Herrlichkeit, die aus Ihm leuchtet, nicht zurückweisend wie die Herrlichkeit auf dem Angesicht Moses, sie ist anziehend, und nicht nur anziehend, sondern sie wirkt auch verwandelnd. Je klarer Christus in Seiner Herrlichkeit von unserem geistlichen Sehvermögen geschaut wird, um so ähnlicher werden wir Ihm werden.

Diese Verwandlung wird nicht auf einmal völlig erreicht, sondern ist ein fortschreitender Prozeß. Wir werden verwandelt „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“, das heißt, von einer Stufe der Herrlichkeit zur nächsten. Es ist ein göttliches Werk, „als durch den Herrn, den Geist“. Der Wortlaut ist bemerkenswert: „Als durch [den] Herrn [den] Geist“. Der bestimmte Artikel „der“ ist beide Male im Griechischen ausgelassen. Unsere kurze Lotleine mag längst nicht ausreichen, wenn wir sie in die Tiefen dieser Aussage einsenken. Dennoch können wir schließlich sehen, daß beide, der Herr und der Geist, zusammenwirken in diesem Verwandlungsvorgang; der Herr als ein Bild vor dem Auge des Glaubens, der Geist als eine Kraft in uns.

O möchten wir unverwandt unser Auge auf Christus richten, so beständig, wie die Kompaßnadel auf den magnetischen Pol zeigt.

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