Der 2. Brief an die Korinther

Kapitel 4

Der 2. Brief an die Korinther

Der Dienst des neuen Bundes, mit dem der Apostel Paulus betraut war, wird uns in Kapitel 3 dargestellt. Kapitel 4 lenkt unsere Gedanken zunächst auf Wesenszüge, die ihn als einen solchen Diener auszeichneten. Zuerst und vor allem war er guten Mutes. Da Gott ihn mit dem Dienst betraut hatte, gab Er ihm auch die dazu nötige Gnade. Was auch immer an Gegnerschaft und Schwierigkeit vor ihm stand, er verzagte nicht. Auch wir sollten nicht verzagen. Der Herr beruft uns nicht zu einem Dienst irgendwelcher Art, ohne uns die benötigte Gnade darzureichen. Einen „Dienst“ könnte natürlich jeder von uns ausüben, obwohl der Bedeutungsumfang dieses Wortes groß ist und Dinge einschließt, zu denen viele von uns nicht berufen werden.

Der zweite Vers betont die Rechtschaffenheit und Durchsichtigkeit des Apostels in seinem Dienst. Er gab sich nicht dafür her, irgendwelche listigen Tricks anzuwenden, von der üblicherweise weltliche Propaganda geprägt ist. Mancher religiöse oder politische Eiferer erniedrigt sich in Gerissenheit und Fälschungen, um seine Zwecke zu erreichen. Nach seiner Denkart rechtfertigt der Zweck die Mittel. Paulus war sich wohl bewußt, daß er das „Wort Gottes“ verkündigte, das nicht verfälscht werden darf, sondern in all seiner Wahrheit vorgestellt werden muß. Seine durchsichtige Ehrlichkeit im Umgang mit der Wahrheit empfahl sich in dieser Weise jedem aufrichtigen Gewissen.

Und noch etwas wurde auch erreicht. Die Verkündigung des Evangeliums führte bei Menschen, die seine Botschaft nicht annahmen, zu einer entscheidenden Klärung. Vers 3 enthält zweimal das Wort „verdeckt“; dasselbe Wort (in leicht veränderter Form) begegnete uns mehrmals im letzten Abschnitt von Kapitel 2 „Wenn aber auch unser Evangelium verdeckt ist, so ist es in denen verdeckt, die verlorengehen.“ Auf dem Evangelium lag keine Decke, denn Paulus verkündete es rein und klar, aber eine Decke lag auf den Herzen und dem Sinn derer, die nicht glaubten und verlorengingen. Der Gott dieser Welt hatte eine Decke auf ihren Sinn und ihre Gedanken gelegt. Hätte Paulus das Wort nur in Teilen gepredigt oder in einer betrügerischen Art und Weise, würde das Ergebnis nicht so klar gewesen sein.

Was für ein Wort ist dies für solche unter uns, die das Evangelium verkündigen! Sind wir zutiefst von dem furchtbaren Ernst erfaßt, der mit dem Predigen des Wortes Gottes verbunden ist? Haben wir allen „geheimen Dingen“ entsagt, ob sie nun unehrlicher, listiger, trügerischer oder irgendwie unwürdiger Art sind? Stellen wir die Wahrheit vor, und nur die Wahrheit? Das sind schwerwiegende Fragen. Wenn es nicht der Fall ist, so kann der Unglaube unserer Zuhörer nicht ihrer Verblendung, wohl aber unserer Untreue zugeschrieben werden.

Doch selbst wenn das Evangelium gepredigt wird, wie es sein sollte, so findet man Menschen, die nicht glauben. Das erklärt sich daraus, daß der Teufel ihre Augen verblendet hat. Die Sonne am Himmel hat sich nicht verfinstert, sondern eine sehr dunkle Blende hat sich auf das Fenster ihres kleinen Raumes gelegt. Der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi leuchtet, aber es leuchtet nicht in sie hinein. Der Gott dieses Zeitlaufs wird alles einsetzen, was es auch sein mag, solange es das Evangelium auslöscht. Er tut es normalerweise nicht durch materielle Dinge, sondern durch erdachte Vorstellungen und Lehren von Menschen. Seit Darwin hat er sehr wirkungsvoll die Massen dadurch verblendet, daß er eine Lieblingsidee der heidnischen Welt aus der Zeit vor Christus wieder belebte - die Evolution. Der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi dringt da nicht durch, wo die Evolutionsblende den Geist eines Menschen sicher abdichtet. So jemand mag erbärmliche Vorstellungen vom Menschen als dem Bild eines Affen oder irgendeines anderen niederen Geschöpfes haben, oder von einem Affen als dem Bild eines Menschen. Dann liegt es für ihn in der Natur der Dinge, daß er Christus nicht als „das Bild Gottes“ erkennen kann, obwohl er über einen Christus seiner Phantasie sprechen mag. Es gibt manche phantasievolle Vorstellungen von Christus. Aber ein Christus, wie die Menschen ihn wünschen, ist Er nicht gewesen. Es gibt nur einen wahren Christus, das Bild Gottes; Christus, wie Er war und ist, der Christus der Bibel.

Christus Jesus war das große Thema der Verkündigung des Apostels, und der Wahrheit, daß Christus der Herr ist, verlieh er besonderen Nachdruck. Er selbst trat zurück, als nur im Dienst anderer stehend. Indem er Ihn als den Herrn predigte, stellte er Ihn natürlich vor in Seiner gegenwärtigen Herrlichkeit zur Rechten Gottes. So konnte er von seiner Botschaft sprechen als dem „Evangelium der Herrlichkeit des Christus“ (V. 4). An anderer Stelle sagt er, daß er das „Evangelium der Gnade Gottes“ bezeuge (Apg 20,24). Es gibt natürlich keine zwei Evangelien. Dieses eine Evangelium Gottes hat unter seinen herausragenden Wesensmerkmalen sowohl die Gnade Gottes als auch die Herrlichkeit Christi. Das eine wie das andere kann zu seiner Charakterisierung gebraucht werden. Im Zusammenhang hier ist die Herrlichkeit Christi das vorrangige Kennzeichen, denn er hatte von dem Verschwinden der Herrlichkeit des Alten Bundes gesprochen, die einst aus dem Angesicht Moses strahlte. Wir können behaupten, daß die Herrlichkeit Gottes jetzt im Angesicht Christi leuchtet und ewig leuchten wird.

Vers 6 ist sehr eindrucksvoll, denn er erinnert zuerst einmal an das Handeln Gottes in der Schöpfung, dann an Sein Eingreifen in Paulus' eigener Bekehrung und schließlich an den Dienst, zu dem er berufen wurde. Damals sprach Gott: „Es werde Licht!“ und das Licht leuchtete aus der Finsternis. So geschah es in der materiellen Schöpfung. Aber jetzt gibt es ein Werk der neuen Schöpfung, und es ereignet sich etwas Ähnliches. Göttliches Licht - das Licht der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi - leuchtet in finstere Herzen, so wie es in besonderer Weise in das Herz des Paulus auf dem Weg nach Damaskus geleuchtet hat, und das mit einem wunderbaren Ergebnis. Es leuchtet hinein in die Herzen, damit es wieder aus ihnen herausleuchten kann. Es leuchtet „zum Lichtglanz der Erkenntnis“. Auf diese Weise beginnt der Gläubige selbst zu strahlen. Er beginnt zu leuchten, genauso wie der Mond im Licht der Sonne leuchtet, natürlich abgesehen davon, daß der Mond ein toter Körper ist, der nur das Licht von seiner Oberfläche reflektiert, ohne daß es auf ihn selbst einwirkt.

Diese Tatsache, bei der wir verweilen, ist der Grund für den wunderbaren Charakter des Dienstes, den Paulus erfüllte. Er war nicht nur ein Prediger - ein nur berufsmäßiger Evangelist -, der jede Woche soundso viele Ansprachen hielt. Er predigte tatsächlich mehr als andere, aber sein Predigen war ein Ausstrahlen des Lichtes, das in ihm selbst leuchtete, ein Aussprechen von Dingen, die sein ganzes Sein erfaßt hatten. Keiner sah es klarer als er, daß jede göttliche Vortrefflichkeit in dem Herrn Jesus leuchtet und daß Er in einem Licht wohnt, das den Glanz der Sonne übertrifft, denn so hatte er es auf dem Weg nach Damaskus gesehen. Das, was er wußte, war gleich einem kostbaren Schatz, der in ihm niedergelegt war.

Wir haben Christus nicht, wie Paulus, in Seiner Herrlichkeit gesehen, doch wir sehen Ihn dort durch den Glauben, so daß auch wir sagen können, daß wir einen Schatz besitzen. Und wie bei Paulus, so ist es auch bei uns, „wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen“. Diese Anspielung bezieht sich auf unseren gegenwärtigen sterblichen Leib, denn was ihn angeht, so „bildete Gott den Menschen, Staub von dem Erdboden“ (1. Mo 2,7). Ursprünglich war der Leib des Menschen vollkommen und seiner Umgebung und seinem Platz im Schöpfungsplan völlig angepaßt. Im gefallenen Zustand des Menschen ist sein Leib beeinträchtigt, und so sind die irdenen Gefäße, die den Schatz beherbergen, arm und schwach. Doch das macht nur um so deutlicher, daß die Kraft, die wirkt, von Gott ist und nicht von Menschen.

Wir haben in dem vor uns liegenden Schriftabschnitt, der die ersten Verse von Kapitel 5 noch miteinschließt, manche Hinweise auf den Leib, und zwar in verschiedenen Weisen. In Vers 10 wird er klar als „unser Leib“ erwähnt, frei von bildlicher Sprache. In Vers 11 ist er „unser sterbliches Fleisch“. In Vers 16 „unser äußerer Mensch“. Und im nächsten Kapitel in den Versen 1 und 4 „unser irdisches Haus, die Hütte“. Der ganze Abschnitt belehrt uns über das Handeln Gottes mit Paulus hinsichtlich seines Leibes, und dabei fällt ein helles Licht auf manches Ereignis in unserer eigenen Geschichte.

Alles göttliche Handeln mit uns hinsichtlich des irdischen Gefäßes unseres Leibes hat zum Ziel, den in uns niedergelegten Schatz besser und klarer hervorleuchten zu lassen. Es gibt eine „Vortrefflichkeit“ oder „Überragenheit“ der Kraft um diesen Schatz, die sich bei Paulus in seltener Weise zeigte. Aufgrund dieser Kraft wurde er nicht nur im Ertragen beispielloser Leiden aufrecht erhalten, sondern Leben wirkte auch in denen, denen er diente, wie Vers 12 zeigt. Es gibt, wie wir wissen, tatsächlich eine überragende Kraft im natürlichen Leben, die uns unerklärlich erscheint. Kleine Samen werden unter schweren Steinplatten begraben, und siehe, eines Tages treiben zarte grüne Schößlinge ans Licht; von Leben erfüllt, beweisen sie eine überraschende Energie, die ausreicht, um den Stein zu heben und zur Seite zu rücken. Leben geistlicher Art offenbart Kräfte, die uns noch mehr in Erstaunen setzen.

Diese Kraft nun wirkte mächtig in einem gebrechlichen sterblichen Menschen wie Paulus. Wäre er in einem Leib der Herrlichkeit zum Dienst in der Welt ausgesandt worden, so würde man ihn als eine Art Übermensch angesehen und alle Tatkraft seines Wirkens vorwiegend ihm selbst zugeschrieben haben. Aber wie es um ihn stand, da mußte die überragende Kraft, die in ihm und durch ihn wirkte, offensichtlich von Gott sein.

Es ist ein Übel bei uns, daß wir so gerne Macht ausüben möchten, als stünde sie uns selbst zur Verfügung. Es genügt uns nicht, gleich einem irdenen Gefäß zu sein, versehen mit einer Kraft, die offensichtlich nicht unsere eigene ist. Daher kommt es, daß uns nur eine geringe Kraft oder vielleicht sogar überhaupt keine Kraft kennzeichnet. Erkennen wir hier nicht eine wirklich unausrottbare Neigung unserer armen menschlichen Herzen?

Davon war Paulus auch nicht frei, denn er war ein Mensch von den gleichen Empfindungen wie wir. Die Verse 8-11 machen das deutlich. Er sah sich beständig einem Meer von Sorge und Schwierigkeiten gegenüber. Anderseits wurde er ebenso beständig aufrecht erhalten und hindurchgetragen und war durch Gottes Macht für andere zum Segen.

Wenn wir diese Verse sorgfältig prüfen, sehen wir, daß die sich vor ihm auftürmenden Widrigkeiten dreifacher Art waren. Zuerst waren es die Umstände, die sich gegen ihn stellten. Sie werden in den Versen 8 und 9 erwähnt. Nöte, Verlegenheiten, Verfolgung, Niedergeschlagenheit, alledem war er ausgesetzt. Er stand nicht über all diesen Dingen. Er wußte, was es war, bestürzt und niedergeworfen zu sein, wie die meisten von uns es wissen.

Zweitens gab es die geistliche Übung und Erfahrung, die sich in den Worten ausdrückt: „Allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragend.“ Das Sterben des Herrn Jesus war der Gesinnung des Apostels bleibend eingeprägt, so daß er es beständig mit sich umhertrug. Aber diese Worte scheinen noch mehr als dies auszusagen, denn als eine Folge legte das Sterben Jesu gleichsam seinen Finger auf jede seiner Begabungen und jedes Glied seines Leibes, um alle seine Wege zu steuern. Es legte seinen Finger zum Beispiel auf seine Zunge, um jede unwürdige Äußerung zu unterdrücken. Das alles war bei ihm nicht vollkommen, wie wir wissen. Doch Selbstbeherrschung war ihm eigentümlich und kennzeichnete ihn normalerweise, trotz gelegentlichen Versagens.

Drittens gab es Prüfungen in der Schule Gottes. Er beschreibt sie mit den Worten: „Denn wir, die wir leben, werden allezeit dem Tod überliefert um Jesu willen.“ Gott erlaubte es, daß manches ernste Ereignis eintrat, wie zum Beispiel der Aufruhr in Ephesus, auf den die Worte in Kapitel 1 „von so großem Tod“ hinweisen. Dadurch war er dem Tod ausgeliefert seitens Menschen, die ihm widerstanden. In dieser Weise wurde die innerliche, geistliche Erfahrung, die er in Vers 10 erwähnt, durch äußere Erfahrungen ergänzt, die Gott schickte, um ihm in seinem Dienst weiterzuhelfen. Dadurch lebte er, und sie ließen sein Licht um so heller leuchten.

Bisher haben wir jedoch nur die eine Seite der Sache betrachtet. Die andere Seite hat es mit den Ergebnissen zu tun, mit der Art, in der die Überragenheit der Kraft Gottes darin und dadurch sichtbar wurde. Obwohl er beständig mit widerwärtigen Umständen zu kämpfen hatte, war er nicht eingeengt, nicht ohne Ausweg, nicht verlassen, nicht umkommend. Offensichtlich wirkte eine stärkende Kraft in ihm, die allem, was gegen ihn war, widerstand. Er glich geradezu einem der sich selbst aufrichtenden Rettungsboote, das, von stürmischer See umtost und sich überschlagend, trotzdem wieder hochkommt und sich aufrichtet, wenn die donnernden Wogen abebben. Es war in der Tat die Kraft des göttlichen Lebens in Paulus, das dieses vollbrachte.

Ob wir nun an die Tatkraft des Glaubens und der Liebe in seiner eigenen Erfahrung denken, die ihn dazu brachte, das Sterben Jesu am Leib umherzutragen, oder an die Züchtigungen Gottes, die mit dieser Erfahrung in Einklang standen, es war immer der gleiche Endzweck, der erreicht wurde: das Leben Jesu wurde an seinem Leib, seinem sterblichen Fleisch, sichtbar. In Vers 2 hatte er in bezug auf seinen Dienst von der Offenbarung der Wahrheit gesprochen. In Vers 6, immer noch in Verbindung mit seinem Dienst, vom Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi. Jetzt haben wir etwas Zusätzliches, denn die Offenbarung des Lebens Jesu ist nicht eigentlich Dienst. Hier geht es um seinen Charakter. In den Tagen vor seiner Bekehrung hatte Saulus sich selbst offenbart als ein Mann von gebieterischem Eigenwillen und höchster Energie, und beides in seinem sterblichen Fleisch. Jetzt war alles verändert. Das Sterben Jesu hatte ein solche Wirkung auf ihn ausgeübt, daß der Saulus-Charakter wirksam im Tode zum Schweigen gebracht war, während das Leben Jesu offenbar wurde.

Auf nichts Geringerem beruht das wahre und eigentliche christliche Zeugnis. Hinter der Predigt und dem Dienst steht das Leben. Christus in Seiner Herrlichkeit sollte in der Wortverkündung klar dargestellt werden, aber diese Darstellung wird erst dann zu höchster Kraft und Wirkung kommen, wenn Christus zugleich in dem Leben offenbar wird. Und dies ist heute für uns nicht weniger wahr, als es bei dem Apostel Paulus war. Ohne Zweifel liegt hier einer der Hauptgründe für die Unfruchtbarkeit von so viel modernem Predigen, selbst dann, wenn die Wortauslegung an sich richtig und gesund ist.

Die Verse 10 und 11 zeigen uns, daß, als Ergebnis davon, daß der Tod in Paulus wirkte, das Leben in ihm wirkte und das Leben Jesu von ihm gelebt wurde. Vers 12 läßt ein weiteres Ergebnis deutlich werden: das Leben wirkte auch in denen, denen er diente, hier in den Korinthern, und das in bemerkenswerter Weise. Einige Jahre zuvor hatte dieses Leben zu ihrer Bekehrung mitgewirkt. Jetzt beglückte es ihn, einen weiteren Beweis des Lebens in der wahren Buße über ihr übles Handeln zu erkennen wie auch darin, daß sie ihm trotz seiner Zurechtweisung ihre Zuneigung bewahrten. Und schließlich freute er sich auf die Welt der Auferstehung, in der sie zusammen mit ihm zu seiner Zeit dargestellt würden. Vers 14 weist darauf hin.

Die Worte „Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet“ sind aus Psalm 116,10 angeführt. Wenn wir uns diesen Psalm genau ansehen, finden wir, daß die Umstände, aus denen der Psalmist schrieb, denen des Paulus sehr ähnlich waren. Da waren Tod und Tränen und ein Sturz, doch hatte er Rettung erfahren. Und dann hatte er das Vertrauen gewonnen, daß er wandeln würde „vor Jehova im Land der Lebendigen“, das heißt, er blickte hin auf die Welt der Auferstehung. In dieser Zuversicht konnte er seinen Mund zum Zeugnis zu öffnen. All das traf auch auf Paulus zu. Er hatte „denselben Geist des Glaubens“. Auch er hatte die Welt der Auferstehung vor Augen.

Liegt sie ebenso offen vor unseren Augen? Es sollte so sein. Leben und Unverweslichkeit sind durch das Evangelium ans Licht gekommen. Was dem Psalmisten nur teilweise bekannt war, kann von uns völlig erkannt werden. Nur in dem Maß, wie wir im Licht der Auferstehung leben, können wir Zufriedenheit darin finden, das Sterben Jesu an unserem Leib umherzutragen; und nur soweit wir das tun, wird das Leben Jesu in unserem Leib offenbar sein und auch das Leben in denen wirken, denen wir dienen dürfen.

Um den Dienst des Paulus geht es auch noch in Vers 15, und der Ausdruck „alles“ in diesem Vers bezieht sich auf den Schatz, der ihm anvertraut war, die Gnade, die ihn im Triumph durch Verfolgungen und Züchtigungen trug, den Ausblick auf die Welt der Auferstehung, die vor ihm lag. All dies war nicht nur persönlicher Besitz des Paulus, sondern stand durch ihn der ganzen Kirche Gottes zur Verfügung. Folglich hatten die Korinther ein Interesse und einen Anteil an allem und konnten ihre Danksagungen denen des Apostels hinzufügen zur größeren Herrlichkeit Gottes. Auch wir dürfen uns der Danksagung anschließen, obwohl seitdem nahezu neunzehn Jahrhunderte vergangen sind. Denn was für ein großer Segen ist uns zugefallen durch seine inspirierten Briefe, die diesen Erfahrungen entsprangen und um unsertwillen ebenso wie um der Korinther willen geschrieben wurden. Auch wir werden mit Paulus und den Korinthern in der Welt der Auferstehung dargestellt werden.

Nichts läßt sich damit vergleichen, daß wir die Auferstehung vor Augen haben. Sie ist das Heilmittel gegen aufkommende Verzagtheit. Diese herrliche Hoffnung stützte den Apostel, und sie wird uns stützen. Im letzten Vers von 1. Korinther 15 sehen wir, wie sie zu tätiger Arbeit im Werk des Herrn anspornt. Hier geht uns auf, wie sie in den härtesten Proben aufrecht erhält und ermutigt, wo der äußere Mensch vom Untergang bedroht ist, das heißt, von der Zerstörung des Leibes im Tod.

Und es gibt nicht nur eine Auferstehung in der Zukunft, sondern auch ein Werk der Erneuerung in der Gegenwart. „Unser äußerer Mensch“ ist der stoffliche Leib, mit dem wir bekleidet sind. „Der innere Mensch „ ist nicht materiell, sondern geistig - die geistige Wesenheit, die jeder von uns besitzt und die (seitdem wir Gläubige sind) ein Werk der Neuschöpfung Gottes ist. Der übliche Gebrauch dieses Ausdrucks in der Welt ist völlig fehl am Platz. Ein Mensch spricht von der Aufmerksamkeit, die er „den Forderungen des inneren Menschen“ zollt, wenn er eine gute Mahlzeit hält, um seinen Magen zufriedenzustellen. So wird der innere Mensch zu einem Bestandteil der Anatomie des äußeren Menschen. Es ist bezeichnend, daß das Geistige nicht einmal in den Gesichtskreis des natürlichen Menschen kommt.

Der äußere Mensch ist aller Art von Schicksalsschlägen und der Abnutzung unterworfen, doch er kann durch Gottes Erbarmen ein gewisses Maß an Erneuerung erfahren, die für eine Zeit das schließliche Vergehen aufschiebt, das wir den Tod nennen. Der innere Mensch WIRD Tag für Tag erneuert. Diese Erneuerung wird zweifellos durch den gnadenvollen Dienst des Geistes Gottes bewirkt, der in uns wohnt.

Was für ein außergewöhnliches und belebendes Bild bietet sich unserem geistlichen Blick in dieser Schriftstelle. Der Apostel steht hier vor uns. Er hat Jahre anstrengender und gefahrvoller Arbeit hinter sich. Beständig wird er geplagt, verfolgt, von Menschen geschlagen und immer wieder in den vorsehenden Fügungen Gottes „dem Tod überliefert“. Doch er dringt vorwärts mit unerschrockenem Mut, im Licht künftiger Auferstehungsherrlichkeit. Und obwohl seine leiblichen Kräfte sich verzehren und der Verfall sich ankündigt, wird er Tag für Tag in seinem Geist erneuert, so daß er mit unverminderter und sogar gesteigerter geistlicher Kraft vorangeht. Er fühlte zutiefst all die Leiden, die über ihn kamen, und tat sie dennoch ab als „das Leichte unserer Drangsal“.

Die Drangsal ist nicht nur leicht, sondern auch „schnell vorübergehend“. In Paulus' Fall dauerte sie von den Tagen kurz nach seiner Bekehrung, als die Juden in Damaskus beratschlagten, ihn zu töten, bis zu dem Tag, wo er den Märtyrertod erlitt: eine Periode, die sich über dreißig Jahre oder mehr erstreckte. Diese ganze Zeit bedeutet ihm nur einen Augenblick, weil sein Auge auf die ewige Herrlichkeit gerichtet ist. Welche unerhörten Gegensätze tun sich hier auf! Die kommende Herrlichkeit ist gewichtig und nicht leicht. Sie ist für ewig und nicht nur für einen Augenblick. Sie ist es in einer „über die Maßen überragenden“ Weise. Man meint, es hätte genügt zu sagen: überragend. Eine Steigerungsstufe scheint überflüssig. Aber: „über die Maßen überragend“! Paulus scheint die Worte mit großem Bedacht aufzutürmen. Es muß sich um etwas außergewöhnlich Überragendes handeln! Er wußte es, denn vor vierzehn Jahren war er in den dritten Himmel entrückt worden und hatte einen flüchtigen Eindruck empfangen. Er möchte, daß wir es auch wissen.

Das Geheimnis der wunderbaren Laufbahn des Apostels finden wir im letzten Vers des Kapitels. Das „sieht“, wovon er spricht, ist natürlich das Sehen des Glaubens. Er durchlebte die irdischen Szenen und Umstände, die sehr sichtbar waren, doch er blickte nicht darauf. Er sah auf die ewigen Dinge, die sterblichen Augen nicht sichtbar sind. Ohne Zweifel entdecken wir hier, wo eine Ursache für viele unserer Schwachheiten liegt. Unser Glaube ist schwach gleich dem des Petrus, als er versuchte, auf den Wassern zu Jesus zu gehen. Er sah auf die heftigen Wogen, die so deutlich zu sehen waren, und er begann zu sinken. Wenn wir, wie Paulus, unsere Augen auf Christus gerichtet hielten, auf die Auferstehung und die Herrlichkeit, würden wir durch göttliche Macht aufrecht erhalten und innerlich Tag für Tag erneuert werden.

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