Der 2. Brief an die Korinther

Kapitel 2

Der 2. Brief an die Korinther

Der Apostel hatte sich entschlossen, seinen Besuch aufzuschieben, bis er ihn unter glücklicheren Umständen machen könnte. Als er jetzt diesen zweiten Brief schrieb, ließ die Bedrückung nach, und ein freundlicherer Ausblick öffnete sich. Sein erster Brief hatte sie traurig gestimmt, wie er auch beabsichtigt hatte, und ihre Traurigkeit nun machte ihn fröhlich, wie Vers 2 dieses Kapitels zeigt. Er war vorausgeschickt worden, so daß, wenn Paulus zu ihnen kommen würde, Vertrauen und Freude wiederhergestellt sein möchten.

Vers 4 erlaubt uns einen rührenden und wertvollen Eindruck von der Art und dem Geist, in dem Paulus schrieb. Wenn wir seinen früheren Brief lesen, fällt uns sein vollmächtiger und schneidender Stil auf; wir bemerken, wie er darauf abzielt, sie durch heilige Ironie zu treffen und zu demütigen. Wir hätten jedoch kaum vermutet, daß er ihn schrieb „aus vieler Drangsal und Herzensangst ... mit vielen Tränen“, wenn er es uns nicht mitteilte. Doch es war so. Obwohl sie töricht und fleischlich waren, liebte er sie dennoch mit zarter Zuneigung. So floß ihnen das inspirierte Wort Gottes zu durch den menschlichen Kanal eines liebenden und betrübten Herzens, und es übte eine mächtige Wirkung aus. Gott möge geben, daß wir darin Nachfolger des Paulus sind und die heilige Kunst von ihm lernen! Wieviel mehr würden wir ausrichten.

Was für eine Flut umstrittener Schriften hat sich durch die Kirchengeschichte ergossen! Welcher Polemik hat man sich bedient! Und wie wenig ist, vergleichsweise gesprochen, dabei herausgekommen. Wir wagen anzunehmen, daß, wenn nur ein Zehntel geschrieben worden wäre, aber dieses Zehntel von Gottesmännern verfaßt worden wäre, die in viel Trübsal und Herzensangst und mit vielen Tränen geschrieben hätten, eben der Umstände wegen, die das Schreiben nötig machten, es zehnmal so viel zu Gottes Herrlichkeit ausgerichtet hätte.

Letzten Endes ist nichts anderes als die Liebe das wirkliche Fundament von allem. Nicht Klugheit, nicht Fähigkeiten, nicht bissiger Spott, nicht Zorn, sondern Liebe ist Gottes Weise zu segnen.

Es hätte den Anschein erwecken können, daß Paulus schroff war, den Übeltäter in Korinth einen „Bösen“ zu nennen und die Versammlung anzuweisen, ihn aus ihrer Mitte hinauszutun. Aber sein liebendes Herz ließ Tränen aus seinen Augen fließen, als er diese Worte schrieb. Worte und Tränen taten ihre Wirkung, die Strafe wurde verhängt, wie Vers 6 zeigt: nicht nur von Paulus oder von einem oder zweien der geistlicheren Brüder in Korinth, sondern von den vielen der Versammlung. So mußte der Ausgeschlossene fühlen, daß alle seine Sünde verabscheuten und verurteilten. Sein Gewissen wurde erreicht. Er wurde zur Buße gebracht.

Dies ist natürlich der Zweck, den die Zucht erreichen soll. Gläubige, die sich verirrt haben, werden nicht bloß wegen der Strafe unter Zucht gestellt, sondern damit sie zur Buße gebracht und wiederhergestellt werden, sowohl in ihren Seelen als auch im Blick auf den Platz der Gemeinschaft unter dem Volk Gottes. Dieses glückliche Ergebnis wurde bei dem Übeltäter in Korinth erzielt.

Wie selten wird ein solches Ergebnis heute erreicht! Allzu oft geschieht ein Ausschluß in einem harten, richtenden Geist. Herzensängste und Tränen fehlen; der Übeltäter ist mehr mit dem harten Vorgehen seiner Brüder beschäftigt als mit seinen Missetaten. Deshalb läßt seine Reue lange auf sich warten – zu seinem und ihrem Schaden.

In Korinth war der Ausschluß so wirkungsvoll, daß der Mann selbst in große Drangsal und Herzensangst kam. Tatsächlich bestand jetzt die Gefahr, daß die Versammlung in Korinth in ihrem Eifer gegen seine Sünde seine Traurigkeit übersah, indem sie ihn an seinen Platz in ihrer Mitte wieder einsetzten und ihm verwaltungsmäßig vergaben. Deshalb mußte Paulus ihnen jetzt schreiben und sie drängen, dies zu tun und ihm so ihre Liebe zu beweisen. Andernfalls wäre es möglich, daß übermäßige Traurigkeit ihn verschlingen könnte. Trauer der Sünde wegen ist gut; doch es gibt einen Punkt, über den hinaus sie zu schwer und schädlich werden kann. An diesem Punkt sollte sie aufhören und die Freude der Vergebung erfahren werden. Die Freude am Herrn, nicht Kummer um die Sünde, ist unsere Kraft.

Vers 10 zeigt, daß, wenn die Versammlung in Korinth dem Mann vergab, ihre Vergebung auch die des Apostels einschloß. Und wiederum, daß, wenn Paulus vergab kraft seiner apostolischen Autorität, so tat er es um ihretwillen; er handelte in Christi Namen. Vergebung, wie sie in diesem Vers besprochen wird, kann verwaltungsmäßige Vergebung genannt werden. Es ist jene Vergebung, von der der Herr in Schriftstellen wie Matthäus 16,19 sprach – sie bezieht sich dort auf die Apostel –, und Matthäus 18,18 – wo sie der Versammlung übertragen wird – und Johannes 20,23 – wo sie den Aposteln vom Herrn, dem Auferstandenen, bestätigt wird. In 1. Korinther 5 haben wir einen Fall, wo die Vollmacht zu „binden“ und zu „behalten“ ausgeübt wurde. In unserem Kapitel haben wir ein Beispiel vom „Lösen“ und „Vergeben“.

Paulus schrieb in dieser Weise nicht bloß um des bekümmerten Bruders willen, sondern um ihrer aller willen, damit der Satan sie nicht übervorteilte. Beachten wir das gut! Sogar der Teufel selbst liebt es, Gläubige übertrieben gerecht zu sehen, nämlich auf Kosten „der Sanftmut und Milde Christi“. Der Apostel konnte hinzufügen „denn seine Gedanken sind uns nicht unbekannt“. Ach, daß wir das so oft nicht der Wahrheit gemäß sagen können! Wir sind dann unwissend über seine Gedanken, und trotz guter Absichten geraten wir in Fallen, die er uns stellt.

Wieviel Weisheit gehört dazu, in praktischen Angelegenheiten das ruhige Gleichgewicht zwischen dem Anspruch der Gerechtigkeit und dem der Liebe zu wahren. Und wie nötig ist es, daran zu denken, daß alle Züchtigung uns gerechterweise auferlegt wird, sei es von Gott selbst oder durch Menschen, um Buße zu bewirken, und daß, sobald dieser Zweck erreicht ist, die Liebe das Recht fordert, zu herrschen. Laßt uns nicht fortfahren, einem reumütigen Herzen hart zuzusetzen, damit wir uns nicht selbst unter göttliche Züchtigung bringen.

Ein bemerkenswertes Kennzeichen in diesem Brief ist die Art, in der geschichtliche Einzelheiten der Reisen und Erfahrungen des Apostels sich zu einem Rahmen fügen, in dem zugleich manche wichtige Wahrheit erläutert wird, oft in der Form einer längeren Einfügung. Zu Anfang traten die Leiden und der Aufruhr in Kleinasien vor uns, dann der anschließende Wechsel in seinen Reiseplänen, und das führte zu der wichtigen Einfügung der Verse 19–22 in Kapitel 1. Dann nimmt Paulus den Faden hinsichtlich der anstehenden Reisevorhaben wieder auf, doch nur, um in Kapitel 2 von neuem einfügend die Frage der Vergebung im Fall eines bußfertigen Übeltäters zu behandeln.

In Vers 12 kommt er auf seine Reisen zurück. Dieser kurze Besuch in Troas muß von dem, der in Apostelgeschichte 20,6 erwähnt wird, unterschieden werden. Er lag anscheinend zwischen der Abreise von Ephesus und der Ankunft in Mazedonien, wovon in Apostelgeschichte 20,1 die Rede ist. Obwohl der Herr ihm eine Tür auftat, vermochte er sie nicht zu nutzen, zu sehr beunruhigte ihn die Sorge wegen der Nachrichten aus Korinth. In diesem Fall überwog seine Besorgtheit als Hirte seinen evangelistischen Eifer. Wenn ein Diener in seinem Geist keine Ruhe findet, kann er dem Herrn nicht wirkungsvoll dienen.

Der Apostel war sich offensichtlich des Versagens auf seiner Seite bewußt. Doch im Rückblick wurde ihm auch klar, daß Gott dieses Versagen um der Herrlichkeit Christi willen überspielt hatte, und das veranlaßte ihn, Gott zu danken. Auch regte es ihn an, wieder einmal von seinem Erfahrungsbericht abzuweichen, und erst in Kapitel 7,5 kommt er darauf zurück. Diese lange Einfügung, die mit Kapitel 2,14 beginnt, enthält die hauptsächliche Belehrung dieses Briefes.

Hinsichtlich seines Dienstes wußte Er eins: Er stellte wirklich und wahrhaftig Christus vor. Es gab viele, die es wagten, Gottes Wort ihren eigenen Zwecken anzupassen. Er dagegen sprach in aller Lauterkeit, als aus Gott und also vor Gott, und um Christus darzustellen. Christus war sein großes Thema. Deshalb führte Gott ihn im Triumphzug umher in Christus.

Die Sprache, die der Apostel benutzt, scheint auf die Gewohnheit anzuspielen, siegreichen Heerführern einen Triumpfzug zu gewähren, wobei Räucherwerk verbrannt wurde und wohlriechende Düfte gab. Und von den Gefangenen, die mitgeführt wurden, um den Triumph zu erhöhen, waren einige zum Tod und andere zum Leben bestimmt. Es war Christi Triumph; doch Paulus hatte einen Anteil daran, indem er den Wohlgeruch Christi verbreitete, wo immer er ging – für Gott ein unendlich duftender Wohlgeruch. So war es, ob er sich in Troas aufhielt oder in Mazedonien.

Er predigte Christus als den, der starb und wieder auferstand, ob Menschen glaubten und errettet wurden, oder ob sie nicht glaubten und verlorengingen. Wenn sie nicht glaubten und so verlorengingen, dann bedeutete die Botschaft vom Tod Christi einfach den Tod für sie. Wenn er für Sünden starb und sie Ihn abwiesen, dann mußten sie sicherlich in ihren Sünden sterben. Wenn einige glaubten, dann brachte die Botschaft von Seinem Leben in der Auferstehung ihnen den Geruch des Lebens. Weil er lebte, würden sie auch leben.

Wie ernst ist somit die Wirkung, wenn Christus in Wahrheit gepredigt wird! Was für ewige Folgen hängen davon ab! Das ist so, ob die sprechenden Lippen die des Apostels Paulus sind im ersten Jahrhundert oder die unseren im zwanzigsten. Kein Wunder, wenn sich die Frage erhebt: „Wer ist dazu tüchtig?“ Sie wird gestellt, aber nicht sofort beantwortet. Doch sie findet eine Antwort in Vers 5 des nächsten Kapitels. Da alles von Gott ist, gibt es keine Tüchtigkeit außer von Gott. Möge jeder Diener Gottes dies klar in seinem Bewußtsein tragen! Tiefer Ernst würde unsere Herzen erfassen und mehr Abhängigkeit von der Macht Gottes bewirken. Welche Sorgfalt würden wir walten lassen, nicht die Botschaft zu verfälschen und nicht die Arbeit auszuführen, wie es uns gerade paßt oder wir es für das beste halten, nein, wir würden dann den Dienst dem Wort Gottes gemäß tun.

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