Der Brief an die Hebräer

Kapitel 2

Der Brief an die Hebräer

Die ersten vier Verse des zweiten Kapitels schließen unmittelbar an das an, was im ersten Kapitel entwickelt wurde. Sie enthalten die ernste Ermahnung, ja nicht von dem Wort abzuweichen, das die gläubigen Israeliten – und zu diesen rechnet sich Paulus – von Gott durch den Sohn vernommen hatten. „Deswegen sollen wir umsomehr auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht etwa abgleiten“ (Vers 1). Diese Gefahr war die eigentliche Veranlassung zu diesem Brief. Gott war selber zu ihnen gekommen im Sohn. Dessen Worte waren Gottes eigene Worte. Wenn sie nun ihren Blick auf die Herrlichkeit des Messias richteten, würden sie sicher auf Ihn hören und sich nicht von der Wahrheit abwenden. Zugleich würden sie verstehen: dass, wenn der Ungehorsam gegenüber dem Gesetz, das durch die Vermittlung der Engel zu ihnen gekommen war, eine so schwere Strafe über das jüdische Volk hatte kommen lassen, die Verwerfung des Sohnes noch schwerere Strafe zur Folge haben musste. „Denn, wenn das durch die Engel geredete Wort fest war und jede Übertretung und jeder Ungehorsam gerechte Vergeltung empfing, wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen?“ (Verse 2–3). Es ist rührend, wie sich Paulus hier ganz den gläubigen Israeliten gleichstellt, seinen Platz unter ihnen einnimmt und als ihresgleichen mit ihnen redet. Er war der Apostel der Nationen, hatte als solcher eine besondere Berufung und war dazu sowohl vom Volk als auch von den Nationen abgesondert worden (Apg 26,17). Der Herr hatte ihm besondere Offenbarungen gegeben; das Geheimnis von dem einen Leib war ihm anvertraut worden. In diesem Brief stellt er sich, unter der Leitung des Heiligen Geistes, in die Mitte der gläubigen Israeliten und geht in seinen Ausführungen über die Wahrheit der Errettung nicht hinaus, welche, nachdem sie den Anfang der Verkündigung durch den Herrn empfangen hat, uns von denen bestätigt worden ist, die es gehört haben, indem Gott außerdem „mitbezeugte, sowohl durch Zeichen als durch Wunder und mancherlei Wunderwerke und Austeilungen des Heiligen Geistes nach Seinem Willen“ (Verse 3–4).

Nach dieser ernsten Ermahnung spricht Paulus über einen andern sehr wichtigen Teil der Herrlichkeit des Christus. Er ist nicht nur der Sohn Gottes, sondern auch der Sohn des Menschen. Beide Eigenschaften sind unbedingt erforderlich, sowohl für die Herrlichkeit Gottes als auch für unsere Erlösung. Taste Christus an in Seiner Göttlichkeit oder in Seiner Menschlichkeit, und Gottes Herrlichkeit ist verdunkelt und unsere Erlösung unmöglich geworden. Nur eine göttliche Person – Gott selber – war imstande, entsprechend der Herrlichkeit Gottes diesen Platz einzunehmen, und das Werk zu vollbringen, das Ihm aufgetragen war. Aber diese göttliche Person musste wahrhaftig Mensch werden, wenn sie imstande sein sollte, nach Gottes Gerechtigkeit und Liebe eine Sühnung und Erlösung für sündige Menschen zu erwirken. Daher hat die Verneinung von Jesu wahrhaftiger Menschheit ebenso verhängnisvolle Folgen wie die Verleugnung Seiner Göttlichkeit. Diese wichtige Wahrheit wird den Hebräern durch den inspirierten Schreiber deutlich vor Augen geführt. Jesus war als Mensch ebenso wahrhaftig Gott, wie Er als Gott wahrhaftig Mensch war, und in beidem über die Engel erhaben.

Das Gesetz war durch die Engel in die Hände des Mittlers gelegt; die Engel sind für die Erben des Heils Gottes dienende Geister, sie regieren jedoch nicht; denn nicht Engeln hat Er unterworfen „den zukünftigen Erdkreis, von welchem wir reden“ (Vers 5). Wenn die Gemeinde in den Himmel aufgenommen ist, wird ganz Israel ... errettet werden und Gott wird eine neue Ordnung der Dinge hienieden aufrichten: der zukünftige, durch die Propheten verheißene Erdkreis wird dann seinen Anfang nehmen. Dieser ist nicht Engeln unterworfen, sondern dem Menschen, und im besondern dem Sohn des Menschen. Denn, sagt Paulus: „Es hat irgendwo jemand bezeugt und gesagt: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass Du auf Ihn siehst. Du hast Ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt, mit Ehre und Herrlichkeit hast Du Ihn gekrönt und Ihn gesetzt über die Werke Deiner Hände; Du hast alles Seinen Füßen unterworfen (Verse 6–8).

Diese Worte werden aus dem 8. Psalm angeführt, der uns den Platz und die Herrschaft des Christus im weitern Sinn, als es im 2. Psalm geschieht, darstellt. In Psalm 1 finden wir den Gerechten von Gott angenommen und glückselig gepriesen. In Psalm 2 werden die Ratschlüsse Gottes hinsichtlich Seines Messias entfaltet, zum Leidwesen der Könige und Richter der Erde. Gott salbt Seinen König auf Zion, dem Berg Seiner Heiligkeit, und ruft alle Könige auf, sich vor Dem zu beugen und Ihm zu huldigen, Den Er als Seinen Sohn auf die Erde gesandt hat und anerkennt. In den folgenden Psalmen wird die Verwerfung des Messias geschildert. Der treue Überrest Israels leidet, und die Könige der Erde sind im Aufruhr. Im 8. Psalm wird dann gezeigt, dass diese Verwerfung des Messias nur dazu gedient hat, Seine Herrlichkeit grösser zu machen. Christus nimmt Seinen Platz als Mensch ein, empfängt den Titel als Sohn des Menschen und genießt seine Rechte und Würden nach den Ratschlüssen Gottes. Ein wenig niedriger gemacht als die Engel, wird Er gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre; und nicht nur werden alle Könige der Erde, sondern alle Dinge ohne Ausnahme Seinen Füßen unterworfen. Darauf richtet Paulus im besondern unsere Aufmerksamkeit. Er fügt dem Zitat aus Psalm 8 hinzu: „Denn indem Er Ihm alles unterworfen, hat Er nichts gelassen, das Ihm nicht unterworfen wäre“ (Vers 8).

Dennoch sind nicht alle Dinge, die in diesem Psalm angeführt werden, schon in Erfüllung gegangen. „Jetzt aber sehen wir Ihm noch nicht alles unterworfen“, sagt Paulus. Christus war verworfen worden, und die Aufrichtung Seines Königreichs wurde demzufolge auf später verschoben. Aber ein Teil dieses Psalms war bereits erfüllt und ist für den Gläubigen eine Bürgschaft für die ganze Erfüllung dieser Weissagung: Der Sohn des Menschen, der nur ein wenig unter die Engel erniedrigt wurde, ist von Gott mit Herrlichkeit gekrönt zu Seiner Rechten im Himmel. Im Glauben sehen wir Ihn dort, also nicht auf Erden als König in Herrlichkeit; nicht in Jerusalem auf Davids Thron, wo Er später erscheinen wird, sondern als von Gott in den Himmel aufgenommen. Da Israel und die Welt Ihn verworfen haben, sehen wir Ihn im Glauben, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, sitzend zur Rechten Gottes.

„Jetzt aber sehen wir Ihm noch nicht alles unterworfen, wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt – so dass Er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte“ (Vers 9). Es scheint, dass die Worte: „Der ein wenig unter die Engel erniedrigt war“ im Zusammenhang stehen mit: „so dass Er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte“, während die Worte: „Wegen des Leidens des Todes“, mit „Herrlichkeit und Ehre gekrönt“„ zusammengehören. Das stimmt völlig mit andern Stellen der Heiligen Schrift überein und vor allem mit dem, was im 14. Vers unseres Kapitels gesagt wird. Gottes Sohn wurde Mensch; dadurch ein wenig niedriger als die Engel, denn die Engel sind erhabenere Geschöpfe als die Menschen. Er wurde Mensch, damit Er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte. Ohne Blutvergießen ist keine Vergebung. Ohne den Tod eines von Gott angenommenen Schlachtopfers keine Versöhnung. Gottes Sohn, der dazu allein fähig war, hat sich als Opfer zur Verfügung gestellt. Aber dazu war es notwendig, dass Er Mensch wurde. Er konnte nicht sterben ohne Mensch zu sein. Doch Er wurde Mensch; Er übergab sich dem Leiden des Todes und wurde von Gott mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Wie Paulus im Brief an die Philipper sagt: „Welcher, da Er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem Er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in Seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem Er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz. Darum hat Gott Ihn auch erhoben und Ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist“ (Phil 2,6–9).

Beachten wir, dass Paulus nicht sagt: „damit Er für alle“, sondern „damit Er für alles den Tod schmeckte“. In „alles“ liegt „alle“ eingeschlossen; aber „alles“ umfasst die ganze Schöpfung, die durch die Sünde unter den Fluch und das Gericht gekommen ist. Sie kann davon nur befreit werden durch denselben Tod, durch den wir, die glauben, mit Gott versöhnt worden sind. In Kolosser 1 sagt der Apostel, dass nicht nur wir, die glauben, durch den Tod des Christus versöhnt sind, sondern dass alle Dinge, die auf der Erde und in den Himmeln sind, durch denselben Tod versöhnt werden. Beachten wir zugleich den merkwürdigen Ausdruck „den Tod schmecken“, der uns auf so ergreifende Weise das schreckliche Leiden unseres Herrn und Heilandes vor Augen stellt. Er ist nicht nur gestorben, sondern Er hat all das Entsetzliche dieses Sterbens als Lohn der Sünde, als das Gericht Gottes über den Sünder „geschmeckt“. Darum war Seine Seele so erschüttert und die Angst Seines Herzens so groß, als der Kelch des Leidens vor Ihn gestellt wurde. Anbetungswürdiger Erlöser, wie viel hat es Dich gekostet, uns zu erretten! Wie unendlich groß war Deine Liebe, die Dich in den Stand setzte, das große Werk für uns zu vollbringen!

Herrliche Gewissheit für alle, die glauben! Wir sehen Jesus mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und wissen dadurch nicht nur, dass alle Weissagungen über Seine zukünftige Herrlichkeit als des Menschen Sohn erfüllt werden sollen, sondern auch – und das ist für uns so wichtig –, dass das Leiden des Todes, das Er in Gnaden für uns erduldete, Gott vollkommen verherrlicht und uns für ewig erlöst hat.

In den folgenden Versen wird dies näher erklärt: „Denn es geziemte Ihm, um deswillen alle Dinge und durch Den alle Dinge sind, indem Er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Anführer ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen“ (Vers 10). Wunderbare, herrliche Worte! Christus hat es auf sich genommen, sich der Sache derer anzunehmen, die Gott als Söhne zur Herrlichkeit führen wollte. So musste Er notwendigerweise auch in den Umständen leben, in denen sich diese befanden, die Folgen dieser Stellung tragen und dementsprechend behandelt werden. Es geziemte Gott, um Dessentwillen alle Dinge bestehen, und der alle Dinge erschaffen hat, die Rechte Seiner Herrlichkeit zu behaupten gegenüber denen, die Ihn entehrt hatten, und Den, der ihre Sache auf sich genommen hat und sich an ihren Platz stellte, so zu behandeln, wie Er jene hätte behandeln müssen. Wollte Gott aus sündigen Menschen viele Söhne zur Herrlichkeit führen, dann musste Er den Anführer ihrer Errettung, d. h. Den, der sie zur Errettung bringen würde, durch Leiden vollkommen machen. Gott konnte uns nicht in unsern Sünden zur Herrlichkeit führen. Darum musste der Anführer unserer Errettung die ganze Verantwortlichkeit auf sich nehmen und alle Folgen des Zustandes, in dem wir waren, erdulden. Er musste leiden und den Tod schmecken, um uns dadurch von den Sünden und dem Tod zu befreien und, auferstanden aus den Toten, eine Ursache ewigen Heils zu werden für alle, die an Ihn glauben.

Es ist wohl nicht möglich, auf bestimmtere und deutlichere Weise über die Notwendigkeit von Jesu Leiden und Sterben zur Verherrlichung Gottes und zur Befriedigung von Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit zu reden, als es in diesen Worten geschieht. Jesus hat gelitten und ist gestorben als Märtyrer für die Gerechtigkeit und aus Liebe zu uns, darum kann Er uns dadurch helfen und ein Vorbild sein in unsern Leiden. Aber wie wichtig und herrlich dieses Leiden auch sei, so konnte es uns nicht als Söhne in die Herrlichkeit bringen. Dazu geziemte es Gott, Ihn durch Leiden vollkommen zu machen. Nicht der Mensch, sondern Gott musste Ihn zerschlagen, um unserer Sünden willen. Der heilige und gerechte Richter musste Ihn in den Staub des Todes legen. Gott hat Ihn für unsere Sünden dem Tod übergeben. Gottes Herrlichkeit erforderte das. Der uns zur Herrlichkeit führen sollte, musste unsere Strafe erleiden, unser Gericht tragen, unsern Tod sterben. Wer das nicht annimmt, beweist, dass er weder die Abscheulichkeit der Sünde noch die Heiligkeit Gottes versteht.

Da nun der Anführer unserer Errettung durch Leiden vollkommen gemacht ist, kann gesagt werden: „Denn sowohl Der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von Einem um welcher Ursache willen Er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen“ (Vers 11). „Heiligen“ bedeutet absondern. Hier will es sagen: Absondern von der Sünde und von der Welt für Gott. Er, der heiligt, ist der Christus; sie, die geheiligt werden, sind der Ueberrest, für Gott durch den Heiligen Geist abgesondert. Diese sind alle von Einem. Der Christus, welcher heiligt, und sie, die geheiligt werden, sind alle ein und dieselbe Familie, in derselben Stellung vor Gott. Darum schämt Er sich nicht, sie Brüder zu nennen. Welch unaussprechliche Gnade! Wer ist im Stand, diese Herrlichkeit zu begreifen und in Worte zu fassen? Wir können nur bewundern und anbeten.

Aber lasst uns wohl beachten, dass nur von den Geheiligten gesagt wird, dass sie „von Einem“ sind mit Christus. Nicht durch Seine Menschwerdung – obschon sie dazu notwendig war – hat Christus sich mit uns vereinigt, wie eine allgemein verbreitete Irrlehre behauptet; sondern indem Er uns von der Sünde und der Welt absonderte und zu Gott brachte, dazu musste Er als der Anführer unserer Errettung durch Leiden vollkommen gemacht werden. Geschähe die Vereinigung durch Seine Menschwerdung, dann müsste Er alle Menschen Seine Brüder nennen. Doch das tut Er nicht. Er schämt sich nicht, die Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, die Geheiligten Seine Brüder zu nennen.

Und wiewohl diese Kinder Ihm schon vorher gegeben waren, so waren sie doch nicht in dieser Stellung, und Er hat sie erst Brüder genannt, nachdem Er das Werk der Versöhnung und Erlösung vollbracht hatte und von den Toten auferstanden war. Wohl hat Er während Seines Wandels auf Erden und vor allem in den letzten Tagen Seines Lebens den Namen des Vaters Seinen Jüngern bekanntgemacht; aber das Band zwischen ihnen und dem Vater konnte nicht geknüpft werden, und Er konnte sie dem Vater nicht als Kinder vorstellen, solange das Weizenkorn nicht in die Erde gefallen und gestorben war. Solange blieb Er allein. Aber sobald das Werk vollbracht und Er von den Toten auferstanden war, sagte Er zu Maria Magdalena: „Gehe aber hin zu Meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu Meinem Vater, und zu eurem Vater, und zu Meinem Gott und zu eurem Gott“ (Joh 20,17).

Um dies alles zu beweisen, führt Paulus drei Stellen aus dem Alten Testament an. In Psalm 22 sagt der Herr nach den drei leidensvollen Stunden der Finsternis und des Gottverlassenseins: „Ja, Du hast Mich erhört von den Hörnern der Büffel. Verkündigen will Ich Deinen Namen Meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will Ich Dich loben.“ Nach dem vollbrachten Versöhnungswerk tritt in der Auferstehung die eine Familie in Erscheinung, an deren Spitze der Anführer unserer Errettung steht. Die Geheiligten sind Seine Brüder; sie bilden die Gemeinde, in deren Mitte Er weilt, um Gott für Seine unaussprechliche Gnade zu loben und zu preisen. Lasst uns wohl daran denken, dass unsere Lobgesänge deshalb mit den Seinen in Übereinstimmung sein müssen, wenn sie zur Verherrlichung Gottes dienen und von Ihm angenommen werden sollen. Ungewissheit und Zweifel, an Stelle von Freude und Dankbarkeit für die vollbrachte Erlösung, wären nicht in Harmonie, sondern im Widerspruch mit dem Himmel.

Die zweite Stelle, die Paulus erwähnt, finden wir in, Psalm 16. Unser anbetungswürdiger Herr wird als Gottes Knecht hier auf Erden dargestellt, der zu dem HERRN sagt: „Meine Güte reicht nicht hinauf zu Dir“, und zu den Heiligen, die auf der Erde sind, und zu den Herrlichen: „An ihnen ist alle Meine Lust.“ Inmitten dieser Herrlichen setzt Er „Sein Vertrauen auf den Herrn“. Wiewohl Er der Sohn ist, der Schöpfer, der Allmächtige, hat Er sie in der Auferstehung mit sich verbunden und schämt sich nicht, sie Seine Brüder zu nennen.

Abschließend werden die Worte aus Jesaja 8,18 angeführt: „Siehe, ich und die Kinder, die der HERRN Mir gegeben hat.“ Es sind Gottes Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, und mit denen Er sich eins erklärt: eine Familie, ein Ganzes. Gleichwie Jesus zum Vater sagte: „Ich habe Deinen Namen offenbart den Menschen, die Du Mir aus der Welt gegeben hast, denn sie sind Dein, und Ich bin in ihnen verherrlicht“ (Joh 17,6. 9. 10).

Wenn nun der Herr diesen Platz an der Spitze der Familie der Auserwählten, nach Gottes Ratschluss, einnehmen wollte, musste Er ihnen gleich werden, und der Herr ist es geworden. Die Kinder, die Gott Ihm gegeben hatte, waren des Blutes und Fleisches teilhaftig, und Er hat desgleichen daran teilgenommen. „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch Er in gleicher Weise an denselben teilgenommen“, sagt Paulus in Vers 14. Er ist wahrhaft Mensch geworden, jedoch ein Mensch ohne Sünde, der von Anfang an „das Heilige“ war, und der die Sünde weder gekannt noch getan hat. Er war durch die Kraft des Allerhöchsten gezeugt, aber doch ein wahrer Mensch, geboren von einer Jungfrau und unter Gesetz. Er war nicht eine Erscheinung, wie wir solche manchmal im Alten Testament finden, sondern ein wirklicher Mensch, in der gleichen Art, wie die Kinder, die Gott Ihm gegeben hatte, des Blutes und des Fleisches teilhaftig. Und Er hat daran teilgenommen, „dass Er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (Vers 14–15).

Um sterben zu können musste Er Mensch werden; und wollte Er den Menschen, der dem Tod unterworfen war, vom Tod erlösen, dann musste Er sterben. Nur durch den Tod konnte Er den, der die Macht des Todes hatte, zunichte machen und die, welche der Knechtschaft unterworfen waren, erlösen. Die Sünde ist durch den Teufel in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod; darum hat der Teufel die Macht des Todes und deswegen sind alle Menschen ihr Leben lang durch die Todesfurcht der Knechtschaft unterworfen. Aber Jesus war dem Tod nicht unterworfen, weil in Ihm keine Sünde wohnte. Er hat sich für die Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, in den Tod gegeben, hat ihren Platz im Gericht eingenommen, für sie Genüge geleistet und sie dadurch auf rechtmäßige Weise, in Übereinstimmung mit Gottes Gerechtigkeit, von der Sklaverei des Teufels und des Todes erlöst. Indem Er den Tod schmeckte für die, welche durch die Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren, hat Er den Teufel, der durch den Tod über die Menschen herrscht, überwunden, ihm seine Macht genommen und ihn zunichte gemacht. Indem Er die Fürstentümer und Gewalten ausgezogen hat, hat Er sie öffentlich zur Schau gestellt und durch das Kreuz über sie triumphiert. (siehe Kol 2,13–15.)

Merkwürdig ist der Ausdruck „welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“. Das ist der Zustand des Menschen. Darin besteht sein Elend schon jetzt. Sein ganzes Leben hindurch ist er in der Todesfurcht gefangen. Wie ungläubig er sich auch gebärden mag und welche großen Worte auch über seine Lippen kommen mögen: sein Herz zittert beim Gedanken an den Tod; denn bewusst oder unbewusst sagt ihm die Stimme des Gewissens, dass auf den Tod das Gericht folgt. Lasse dich nie durch die Kühnheit des Unglaubens aus dem Feld schlagen, sondern gebrauche Gottes Wort als das zweischneidige Schwert, mit dem das Gewissen getroffen und in Gottes Licht gebracht wird.

„Denn Er nimmt sich fürwahr“ – so fährt Paulus fort – „nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt Er sich an“ (Vers 16). Christus ist nicht gekommen, um das Heil der Engel, sondern um das Heil des Samens Abrahams zu erwirken; und dazu „musste er in allem den Brüdern gleich werden“ und sich selber in den Zustand und die Umstände versetzen, in denen diese sich befanden. Es ist stets dieselbe, von Gott anerkannte Familie, die der Gegenstand der Zuneigung und der Sorge des Erlösers ist. Die Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, sind die Kinder Abrahams, sowohl nach dem Fleisch, wenn sie dem Zustand entsprechen, in dem der wahre Same Abrahams sich befinden sollte, wie ihn der Herr selber beschreibt in Johannes 8,37.39, als auch nach dem Geist, wenn sie durch die Gnade diesen Titel „Kinder Abrahams“ erhalten haben, wie es der Apostel in Galater 3 zeigt.

Diese Wahrheiten bringen uns von selber zur Priesterschaft. Als Sohn des Menschen ist Jesus ein wenig niedriger geworden als die Engel; jetzt schon mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, werden später alle Dinge Seinen Füßen unterworfen; dies wird erst in der zukünftigen Welt geschehen. Aber Er hat diesen Platz der Erniedrigung eingenommen, um für die ganze Schöpfung, die sich von Gott entfernt hat, den Tod zu schmecken, und um sich die Rechte des zweiten Adams zu erwerben, indem Er Gott da verherrlichte, wo Ihn der Mensch entehrt hatte. Zugleich hatte Er die bestimmte Absicht, die Kinder, die Gott zur Herrlichkeit führen wollte, zu erlösen und, indem Er ihre Natur annahm, sie als Geheiligte um sich zu vereinigen, indem Er sich nicht schämte, sie Seine Brüder zu nennen. Wollte Er sie jedoch zur Herrlichkeit führen, musste Er sie nach der Allgenugsamkeit des Werkes, das Er für sie vollbrachte, vor Gott als Hoherpriester vertreten. „Daher musste Er in allem den Brüdern gleich werden, dass Er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werden möchte, um die Sünden des Volkes zu sühnen, denn worin Er selbst gelitten hat, als Er versucht wurde, vermag Er denen zu helfen, die versucht werden“ (Verse 17–18).

Gleichwie der Hohepriester in Israel einmal im Jahr in das Allerheiligste hineinging, um für die Sünden des Volkes das Versöhnungswerk zu vollbringen, so ist Christus für immer in das himmlische Heiligtum hineingegangen, vor Gottes Angesicht, um für die Sünden Seines Volkes das Werk der Sühnung zu vollbringen. Nun können alle, die an Ihn glauben, mit Freimütigkeit in Gottes Gegenwart erscheinen. Dies wird im Verlauf dieses Briefes ausführlich behandelt und bewiesen werden. Hier wird nur die wichtige Wahrheit hinzugefügt, dass Er, der unser Hoherpriester bei Gott ist, mit uns zu fühlen vermag in all unserm Kampf und allen unsern Mühsalen. Er, versucht wie wir, hat gelitten, und kann denen, die versucht werden, zu Hilfe kommen. Bedenken wir wohl, dass das Fleisch, durch die Begierden geleitet, niemals leidet. Im Gegenteil, wenn es versucht wird, hat es Genuss an den Dingen, durch die es versucht wird. Aber wenn der Geist dem Licht Gottes entsprechend in Treue und Gehorsam den Angriffen des Feindes die Stirne bietet, dann leidet man. Der Herr hat gelitten, als Er versucht wurde. Er hat nie anders als gelitten, denn in Ihm war kein Fleisch; Er war das „Heilige“; Er hat keine Sünde „gekannt“; der Teufel fand nichts in Ihm. Darum war jede Versuchung, sowohl von seiten der Menschen, wie von seiten des Teufels, für Ihn ein Leiden. Jede Versuchung war ganz im Widerspruch mit allem, was in Ihm war, mit Seiner Heiligkeit, Treue und Liebe und ließ Ihn seufzen über all die Ungerechtigkeit, die in der Welt war, und über die Bosheit Satans, der die Menschen in seiner schrecklichen Macht gefangen hielt. Diese Leiden sind auch uns beschieden. Wir gehören zu Gottes Familie; wir sind Kinder, die zur Herrlichkeit geführt werden, wir sind neue Menschen. Aber wir sind noch hienieden, und in uns ist das Fleisch. Darum haben wir Hilfe nötig. Nicht das Fleisch braucht Hilfe, sondern der neue Mensch gegen das Fleisch, um die Glieder des alten Menschen zu töten – Hilfe bei den vielen Schwierigkeiten, denen wir begegnen, wenn wir in Treue und Aufrichtigkeit des Herzens den Willen des Herrn zu vollbringen wünschen. Jesus ist es, der in der Versuchung hienieden gelitten hat, und der also mit einem menschlichen Herzen alle die Gefühle unserer Seele teilen kann, und uns zu Hilfe kommt, wenn wir versucht werden.

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