Der Brief an die Hebräer

Kapitel 1

Der Brief an die Hebräer

Zum Unterschied von allen anderen Briefen gibt dieser Brief weder den Namen, noch irgend etwas über die Person des Schreibers an. Dies ist höchst beachtenswert und liefert uns, einen treffenden Beweis für die Wahrheit, dass nicht ein Mensch, der von seinen eigenen Gedanken geleitet wird, sondern der Heilige Geist, der in alle Wahrheit leitet, der eigentliche Schreiber dieses Briefes ist. Da Jesus Christus selber in diesem Brief als Apostel dargestellt wird, wäre es ganz unpassend gewesen, wenn Paulus, wie in den meisten seiner Briefe, sich als Apostel vorgestellt hätte. Da er im besonderen berufen war, unter den Nationen zu arbeiten, hatten ihn die Juden ihren Hass besonders fühlen lassen; daher ist es verständlich, dass sein Name, der leicht Anlass zum Ärgernis geben konnte, nicht genannt wird. Sein Schreiben war aber so, dass jeder Leser es spüren konnte, dass hier kein Mann in Überhebung und Feindschaft geschrieben hatte, sondern einer von ihnen, der sich in ihren Zustand versetzen und ihre Versuchungen verstehen konnte.

Wunderbar und erhaben ist der Anfang dieses Briefes. Die Herrlichkeit des Christus, der als Sohn Gottes über die Engel erhoben und als Mensch ein wenig geringer als die Engel geworden, durch Seinen Gehorsam einen vorzüglicheren Namen als sie erhalten hat, wird vor unsern Augen dargestellt. Wer ist mit Ihm zu vergleichen? Moses und Aaron, die Männer des Alten Bundes, können Ihm nicht das Wasser reichen. In Ihm war Gott selber auf Erden erschienen und hatte nicht durch Seine Knechte, sondern mit eigener Stimme die Gedanken Seines Herzens offenbart.

„Nachdem Gott vielfältig und auf mancherlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat Er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn“ (Vers 1) .

Um die Kraft und die Bedeutung dieser Worte recht zu verstehen, müssen wir beachten, dass im Urtext nicht steht „durch den Sohn“, sondern „im Sohn“. Im Griechischen ist der Unterschied zwischen „geredet in den Propheten“ und „geredet im Sohn“ von großer Bedeutung. Die Propheten waren Gottes Werkzeuge; Gott sprach durch die Propheten, indem Er sie als Seinen Mund gebrauchte; doch der Sohn war kein Werkzeug, sondern Gott selber. Gott „redet im Sohn“, will sagen: Gott redet „als Sohn“. Gott selber spricht, nicht durch das Mittel eines andern, wie bei den Propheten, sondern Er redet selber, als göttliche Person, und diese Person ist der Sohn. Das Wort, das bei Gott und Gott war, und durch welches alle Dinge geschaffen sind, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Das ist das Ende der Wege Gottes mit dem Menschen. Vielfältig und auf mancherlei Weise, jedesmal Seinen Erlösungsplan deutlicher entfaltend, hat Gott „vor alters“, in der alten Haushaltung, „zu den Vätern“ geredet durch die Propheten, doch jetzt, am Ende der Tage der Propheten, also am Ende der alten Haushaltung, ist Gott selber zu uns gekommen, in der Person des Sohnes und hat zu uns geredet. Nach den Knechten kam der Sohn, Gott selbst. Eine höhere Offenbarung war nicht möglich. Ein Prophet folgte dem andern, nach Moses David, und nach David Jesaja. Da nun der Sohn selber gekommen ist, kann kein anderer mehr folgen. In Ihm hat sich Gott vollkommen offenbart. Wenn jemand bei den Propheten hängenbleibt, oder zu den Propheten zurückkehrt, so verlässt er den Herrn und Meister. Der Größte der Propheten, Johannes der Täufer, sagte: „Er muss wachsen und ich abnehmen“; und auf dem Berg der Verklärung, wo Petrus Jesus mit Moses und Elias gleichstellen wollte, verschwanden diese und eine Stimme kam aus der Wolke und sagte: „Dieser ist Mein geliebter Sohn, Ihn hört.“

Die alttestamentliche Haushaltung ist also vergangen, nicht, weil sie nichts taugte, o nein, sondern weil etwas Besseres und Herrlicheres gekommen ist. Die alte Haushaltung war die Vorbereitung und in mancher Hinsicht der Schatten der Erfüllung. Gott sprach in dieser Haushaltung durch die Propheten. Und jedem, der Sein Wort hörte und glaubte, wurde sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. Jetzt war der Sohn selber auf Erden erschienen und ließ uns die Worte hören, und die Dinge sehen, die Er beim Vater vernommen und gesehen hatte. Doch lasst uns beachten, der Sohn war nicht mehr ein Knecht, welcher die Worte aussprach, die sein Herr ihm auftrug, sondern Gott selbst. Seine Gedanken, die Er mitteilte und Sein Wille, den Er offenbarte, waren göttlich. Er war der Sohn, aber er konnte sagen: „Ich und der Vater sind eins.“

Er, der von Ewigkeit her im Himmel war, kam zu uns auf die Erde. Wunderbare Gnade! Wohl mochte Paulus ausrufen: „Das Geheimnis der Gottseligkeit ist groß: Gott offenbart im Fleisch.“

„Gott hat zu uns geredet im Sohn“, sagt der inspirierte Schreiber dieses Briefes. Und wer ist dieser Sohn? Er ist Der, „den Er gesetzt hat zum Erben aller Dinge“. Es ist Gottes Ratschluss, dass Christus als Sohn alles, was besteht, in Herrlichkeit besitzen soll. Im Brief an die Epheser wird gesagt, dass Gott sich vorgenommen hat, alles, was im Himmel und auf Erden ist, unter einem Haupt zusammenzubringen in Christus. Das Königreich der Welt ist unseres Herrn und Seines Christus, und Er wird herrschen in alle Ewigkeit.

Weiter heißt es: Er ist der Schöpfer. „Durch den Er auch die Welten gemacht hat“ (Vers 2). Alle die unbekannten Welten, die sich in dem unermesslichen Raum fortbewegen, offenbaren die Herrlichkeit des Schöpfers, das Werk Dessen, der zu uns geredet hat, der Christus Gottes. Johannes sagt in seinem Evangelium, dass durch das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, alle Dinge geworden sind; und in seinem Brief an die Kolosser bezeugt Paulus, dass durch Ihn alle Dinge geschaffen sind, die in den Himmeln und auf der Erde sind, die sichtbaren und die unsichtbaren.

Er ist der Abglanz von Gottes Herrlichkeit und der Abdruck Seines Wesens, eine wirklich göttliche Person, in Wesen und Natur eins mit dem Vater.Von niemand anderem kann dies gesagt werden. Darum sehen wir in Ihm Gott in allem, was Er sagt und tut. Die Herrlichkeit Gottes wird in Ihm geschaut; Gottes Wesen kommt in Ihm zum Ausdruck, so dass Er sagen konnte: „Wer Mich sieht, sieht den Vater.“ Johannes sagt: Das ewige Leben, das beim Vater war, ist uns offenbart. Und Paulus sagt: Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, das Haupt der ganzen Schöpfung. Demzufolge trägt Er auch alle Dinge durch das Wort Seiner Macht. Er ist nicht nur der Schöpfer, sondern auch der Erhalter des ganzen Weltalls. Er hat alle Dinge geschaffen, und alle Dinge bestehen auch durch Ihn.

Derart ist also der Sohn, in Dem Gott zu uns geredet und sich offenbart hat. Durch Sein Wort erhält und trägt Er alle Dinge. Wunderbare Offenbarung! Aber noch herrlicher ist das, was folgt. Lesen wir das Ganze: „Welcher, der Abglanz Seiner Herrlichkeit und der Abdruck Seines Wesens seiend und alle Dinge durch das Wort Seiner Macht tragend, nachdem Er durch sich selbst die Reinigung der Sünden gemacht, sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe“ (Vers 3). Der Schöpfer ist Mensch, und dieser ist unser Erlöser geworden. Er hat durch sich selbst die Reinigung von den Sünden gemacht und sich darnach zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. Das ist eben so sehr Seine Herrlichkeit; eine göttliche Herrlichkeit, aber offenbart in der menschlichen Natur. Wer anders als eine göttliche Person, wer anders als der Sohn, wäre imstande gewesen, durch Seine eigene Macht, so Seine Herrlichkeit zu offenbaren? Zu Seiner eigenen Herrlichkeit hat Er die Reinigung der Sünden bewirkt, um sich dann, kraft Seiner Herrlichkeit und Seiner erworbenen Rechte zur Rechten der Majestät in der Höhe zu setzen. Das Werk, das Christus vollbracht hat, die Hingabe Seiner selbst bis in den Tod, um die Reinigung von den Sünden zustande zu bringen, wird hier nicht in seiner Notwendigkeit für uns betrachtet, sondern als die Offenbarung Seiner Herrlichkeit als Sohn. Darum wird nicht gesagt, dass Gott Ihn in die Herrlichkeit erhoben und Ihm einen Platz zu Seiner Rechten gegeben hat, wie wir anderswo lesen, sondern dass Er selber in Macht und Autorität diesen Platz eingenommen hat.

Die Darstellung solch persönlicher und amtlicher Herrlichkeit des Messias musste notwendig jeden, der an diese Herrlichkeit glaubte, dazu bringen, das Judentum zu verlassen und preiszugeben. Der Messias ist Gott; Er ist vom Himmel gekommen und, nachdem Er die Reinigung von den Sünden zustande gebracht hat, ist Er in den Himmel zurückgekehrt. Mit Ihm sind wir, die glauben, vereinigt. Fremdlinge und ohne Bürgerrecht auf Erden, haben wir eine himmlische Berufung. Solange wir hienieden wandeln, werden wir durch Ihn, der im Himmel verherrlicht ist, inmitten aller Mühseligkeiten der Reise unterstützt und durch Sein vollkommenes Mitgefühl als Mensch wird unsere Gemeinschaft mit dem Himmel unterhalten. Bald werden wir dorthin kommen, wo Er jetzt schon ist; Er ist vorausgegangen, wir werden Ihm folgen.

Indem der Apostel mit der Beschreibung der Herrlichkeit des Messias fortfährt, sagt er, dass Christus „um so viel besser geworden ist als die Engel, als Er einen vorzüglicheren Namen vor ihnen ererbt hat“ (Vers 4). Dadurch werden alle, die mit Ihm verbunden sind, in eine Stellung gebracht, die weit über das jüdische System erhaben ist. Dieses System war verordnet durch Engel in der Hand eines Mittlers. Aber der Mensch Christus Jesus nimmt einen erhabeneren Platz ein als die Engel; Er hat einen vorzüglicheren Namen ererbt als sie – und Sein Name ist die Offenbarung dessen, was Er ist -. Paulus führt hierauf verschiedene Stellen aus dem Alten Testament an, welche die Natur und die Stellung des Messias im Gegensatz zu derjenigen der Engel deutlich ins Licht stellen und zeigen, dass Christus ein viel vorzüglicherer und erhabenerer Platz zukommt als den Engeln, nach den Rechten, die Ihm kraft Seiner Natur und nach den Ratschlüssen Gottes zustehen. Folglich sind alle, die mit Ihm verbunden sind, in Verbindung gebracht mit einer Herrlichkeit, welche die des Gesetzes völlig verdunkelte. Die Herrlichkeit der jüdischen Haushaltung war, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine „Engel“-Herrlichkeit; diejenige des Christentums dagegen war die Herrlichkeit des Sohnes, so dass an eine Verbindung dieser beiden nicht zu denken ist.

Die Zitate aus dem Alten Testament beginnen mit einem Wort aus dem zweiten Psalm: „Denn zu welchem der Engel bat Er je gesagt: ‚Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt?'“ (Vers 7). Wie wohl, im allgemeinen Sinn, von Adam und von allen Menschen als von Gottes Geschlecht gesprochen wird, da Gott den Odem des Lebens in Adams Nase blies und wiewohl die Engel als Geschöpfe Gottes sogar Gottes Kinder genannt werden, so hat doch Gott nie weder zu einem Engel noch zu einem Menschen gesagt. „Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt.“ Dies sagte Er allein von Christus auf Erden, von Ihm, in dem Er zu uns geredet hat, und der die Reinigung von den Sünden zustande gebracht hat durch sich selbst. Denn obschon es nur möglich war, so von Ihm zu reden, weil Er der Sohn des Vaters von Ewigkeit her ist, so wird hier doch nicht über Seine ewige Sohnschaft gesprochen, sondern über Seine Menschwerdung. Zu Ihm, als dem ewigen Sohn des Vaters, konnte nicht gesagt werden: „Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt“; denn in der Ewigkeit gibt es kein heute das gibt es nur in der Zeit. Niemand wird es bezweifeln, dass der Sohn Gottes in Seinem ewigen Wesen mehr ist als die Engel. Aber dass Er, der ein Kindlein auf der Erde war, geboren von der Jungfrau, über alle Engel im Himmel erhaben ist, das musste die Verwunderung der Juden erwecken und erregte die Bewunderung der Engel und der Seligen.

Das zweite Zitat beweist das noch näher: „Ich will Ihm zum Vater, und Er soll Mir zum Sohne sein“ (Vers 5). Es ist deutlich genug, dass hier keine Rede ist von Seiner ewigen Beziehung zum Vater, sondern von der Beziehung, in der Er als Mensch zu Gott steht, in der Gott Ihn annimmt und bekennt: „Ich will Ihm zum Vater, und Er soll Mir zum Sohne sein.“ Wie im 2. Psalm werden diese Worte an den Messias gerichtet, den König zu Zion, den Sohn Davids, vor dem alle Könige der Erde sich beugen werden. Ursprünglich an Salomo gerichtet, werden sie hier durch den Heiligen Geist auf den Messias angewendet, den wahren Sohn Davids, wie es auch in 1. Chronika 17, 13 die Bedeutung zu haben scheint.

Der Messias, der Sohn Gottes, steht dadurch in einem besonderen Verhältnis zu Gott, eine Stellung, welche die Engel nicht einnehmen können. In Anlehnung an Psalm 97, 7 schreibt der Apostel weiter: „Und wiederum, wenn Er den Erstgeborenen in den Erdkreis einführt, spricht Er: „Und alle Engel Gottes sollen Ihn anbeten“ (Vers 6). Gott stellt den Messias der Welt vor, und alle Engel müssen Ihn anbeten. Die erhabensten von Gottes Geschöpfen, die Seinen Thron umringen, müssen sich vor dem Erstgeborenen beugen und Ihm ihre Huldigung und Anbetung darbringen. Wie schön wird uns das in den Evangelien dargestellt. Gottes Engel stiegen herab auf die Fluren von Bethlehem, um das Lob des geborenen Königs der Juden zu verkündigen, und um die Hirten zum Stall und zur Krippe zu leiten, damit sie das Kindlein, in Windeln gewickelt, anbeten sollten. Gottes Engel kamen auf die Erde, um dem Sohn des Menschen zu dienen und Ihn zu stärken. Nach Jesu eigenem Wort zu Nathanael sollte er „den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen“ (Joh 1, 51).

Der Ausdruck „Erstgeborener“ ist höchst merkwürdig. Dass wir dabei nicht an Zeit, sondern an Rang zu denken haben, ist klar, wie es auch deutlich aus Psalm 89, 27 hervorgeht, wo von Salomo und als Weissagung von Davids grossem Sohn, unserm Herrn Jesus Christus, gesagt wird: „So will auch Ich Ihn zum Erstgebornen machen, zum Höchsten der Könige der Erde.“ In Kolosser 1, 15 sagt Paulus, dass der Sohn von Gottes Liebe der Erstgeborne der ganzen Schöpfung ist, weil durch Ihn alle Dinge erschaffen sind. Weiter wird unser Herr genannt „der Erstgeborne aus den Toten“, weil Er sowohl unter den Brüdern als auch im ganzen Weltall den ersten Platz einnimmt. Nun sandte Gott so lehrt uns Paulus hier – den Erstgebornen, welcher der vollkommene Ausdruck von Gottes Rechten und Herrlichkeit ist, in diese Welt. Er kam zwar nicht nur als Davids Sohn, als Haupt Seines Volkes auf diese Erde, auch nicht nur als Sohn Gottes, wie man Ihn nach Psalm 2 erkennt, sondern als der Erstgeborne, als das Haupt des ganzen Weltalls, so dass die heiligen Engel, die Werkzeuge von Gottes Macht und Gewalt, den Sohn in dieser Seiner Würde anbeten müssen.

Aber diese Anbetung wäre ganz unpassend, ja, unerlaubt, wenn die Herrlichkeit, die Christus besitzt, Ihm nicht persönlich eigen wäre und eine notwendige Folge Seiner göttlichen Natur. Darum wird durch die folgenden Anführungen aus den Psalmen gezeigt, dass Gott den Messias als Gott anerkennt, und das nicht nur im gewöhnlichen Sinn, gleichwie die Richter und Obrigkeiten in Israel, als Gottes Vertreter auf Erden, Götter genannt werden, sondern in dem ganz besonderen Sinn des Wortes, als der HERR des Alten Bundes, der Ewigbleibende und Unveränderliche.

Der Gegensatz ist treffend. „Und in Bezug auf die Engel zwar spricht Er: „Der Seine Engel zu Winden macht und Seine Diener zu einer Feuerflamme in Bezug auf den Sohn aber: „Dein Thron, o Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter Deines Reiches, Du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst, darum hat Gott Dein Gott Dich gesalbt mit Freudenöl über Deine Genossen“ (Verse 7–9). Die Engel macht Gott zu Winden und Seine Diener zu einer Feuerflamme; doch den Sohn macht Er nicht zu etwas, sondern anerkennt Ihn in Seiner eigenen, göttlichen Würde; denn in der Gestalt Gottes hat Er es nicht für einen Raub geachtet, Gott gleich zu sein, nach Seinem eigenen Wort: „Ich und der Vater sind eins.“

„Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter Deines Reiches.“ Der Messias hat einen irdischen Thron und ein Königreich auf Erden. Dieses Königreich wird ebenso durch Ihn in die Hände des Vaters übergeben, wie Er es aus den Händen des Vaters empfangen hat 1, und hört also auf zu bestehen (siehe 1. Kor 15, 24–28), um dem ewigen Königreich des Sohnes Platz zu machen, von dem hier die Rede ist. „Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Herrliches Zeugnis für die Gottheit des Christus!

Beachten wir, wie wunderbar die Verbindung ist. Er, der als Gott einen Thron hat von Ewigkeit zu Ewigkeit, ist Mensch geworden. Auf Erden wandelnd, hat Er Gerechtigkeit geliebt und Ungerechtigkeit gehasst, und ist darum von Gott mit Freudenöl gesalbt worden für Seine Genossen. Als Gott konnte Er keine Genossen haben, aber als Mensch sind nach Gottes erwählender Gnade der kleine Überrest in Israel – und, wie wir später sehen werden: alle, die glauben – Seine Genossen geworden, über die Er aber, überall und zu allen Zeiten hoch erhaben ist, so dass Er einen ganz besonderen Platz einnimmt. Wunderbare Gnade Gottes! Er, der als der erniedrigte Mensch, gegen den der Herr Sein Schwert zog, um Ihn zu treffen, von dem Herrn als Sein Genosse anerkannt wird (siehe Sach 13), hat hier, wo Seine Gottheit betont wird, in den Gläubigen Seine Genossen.

Doch der Messias ist nicht nur Gott, auch andere werden auf Erden Götter genannt, sondern Er ist der HERR, selber, der ewig treue Bundesgott. Im unvergleichlich schönen 102. Psalm wird dies von dem HERRN selber gesagt. Dieser Psalm enthält den stärksten Ausdruck für das, was Jesus in Seiner Erniedrigung und in Seinem Elend hienieden empfand und zeigt uns zugleich Seine tiefe Abhängigkeit von Gott, während Seine Feinde Ihn den ganzen Tag schmähten. Inmitten dieses Elends ist Sein Auge voll Vertrauen auf des HERRN unwandelbare Güte gerichtet, die sich einmal über Zion erbarmen und Seines Volkes in Gnaden gedenken wird, wenn Er als ihr König in ihrer Mitte mit Macht und großer Herrlichkeit erscheinen wird. Der Messias ist jedoch in der Hälfte Seiner Tage hinweggenommen worden; der HERR hat Seine Kraft gebeugt auf dem Weg und Seine Tage verkürzt. Wie kann Er denn in Herrlichkeit erscheinen und den Segen herabkommen lassen? Unlösbares Rätsel für den Israeliten! Die Worte, die Paulus hier anführt, sind die Antwort auf diese brennende Frage. Der Messias, wie erniedrigt Er auch war; dessen Leben abgeschnitten und dessen Stätte auf Erden nicht mehr gefunden wurde, war der HERR selber, der Schöpfer Himmels und der Erde, der Unveränderliche, der Ewige, mit einem Wort, der „Ich bin, der Ich bin“. „Du Herr, hast im Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind Werke Deiner Hände, sie werden untergehen, Du aber bleibst, und sie alte werden veralten wie ein Kleid, und wie ein Gewand wirst Du sie zusammenwickeln, und sie werden verwandelt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht vergehen“ (Verse 10–12).

Derart ist also das Zeugnis des Messias, gegeben durch die eigenen Schriften der Juden. Er ist Gottes Sohn; in dieser Zeit und dieser Welt von Gott selber gezeugt. Er steht in einer ganz besonderen Beziehung zu Gott, dem Vater – Salomo ist nur Vorbild; der Zimmermannssohn ist der Christus. Von den Engeln wird Er angebetet, von Gott als Gott und von dem HERRN als dem HERRN anerkannt. Es fehlte nur noch ein Glied in der wundervollen Kette dieser Herrlichkeiten, – ein Glied, das die göttliche Herrlichkeit des Christus mit dem Platz verbindet, den Er jetzt einnimmt. Christus sitzt zur Rechten Gottes. Gott selber hat Ihm diesen Platz angewiesen. „Zu welchem der Engel aber hat Er je gesagt: „Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feine lege zum Schemel Deiner Füße“ (Vers 13). In Vers 3 wird gesagt, dass der Sohn kraft Seiner Herrlichkeit und Seiner erworbenen Rechte sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe; doch hier wegen der göttlichen Herrlichkeit Seiner Person, andrerseits wegen des Werkes, das Er vollbracht hat; wie es später ausführlich bewiesen werden soll.

„Setze Dich zu Meiner Rechten“ – so hat Gott zu Ihm gesagt – bis ich Deine Feinde lege zum Schemel Deiner Füße.“ Dass der Messias jetzt zur Rechten Gottes sitzt, ist der deutlichste Beweis dafür, dass Er von Seinem Volk verworfen ist und dass alle, die Gott fürchten und Ihm dienen wollen, diesem von den Menschen verworfenen, aber von Gott zu Seiner Rechten erhobenen Christus anhangen und folgen müssen. Sie nehmen den gleichen Platz der Schmach und der Verachtung ein, aber den Blick auf das himmlische Vaterland gerichtet, das ihre Hoffnung ist. Er wird solange zur Rechten Gottes sitzen, bis die Stunde der Rache gekommen sein wird, da alle Feinde des Messias von Gott zum Schemel Seiner Füße gelegt sein werden und dann Sein Königreich, ihre Herrlichkeit auf Erden, beginnen wird.

Zu welchem der Engel hat Gott je gesagt: „Setze Dich zu Meiner Rechten?“ Zu keinem von ihnen, ebensowenig dass Er je zu einem von ihnen gesagt hat: „Du bist Mein Sohn.“ „Sind sie nicht alle dienstbare Geister ausgesandt zum Dienst um derer willen, welche die Seligkeit ererben sollen?“ fragt der Apostel. Gleichwie der Sohn einen Platz der Ehre und Herrlichkeit zur Rechten Gottes einzunehmen, sind sie dienende Geister, von Gott ausgesandt, nicht nur, um Seine Pläne auf Erden auszuführen, sondern zum Dienst derer, welche die Seligkeit ererben sollen – der Genossen des Messias. Wunderbare Gnade! Wie die Engel ausgesandt wurden, um dem Sohn Gottes zu dienen und Ihn zu stärken, so werden sie jetzt ausgesandt zum Dienst derer, deren Er sich nicht schämt, sie Seine Brüder zu heißen.

Fußnoten

  • 1 Dies ist das einzige Mal in der Geschichte der Menschheit, dass das von Gott einem Menschen Anvertraute durch diesen Menschen unversehrt, unbefleckt und unverdorben in die Hände Gottes zurückgegeben wurde. Niemand als der Gottmensch, der Heilige und Gerechte, der keine Sünde gekannt und getan hat, war dazu imstande.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht