Vorträge über das Hohelied

Kapitel 6+7

In dem folgenden Kapitel 6 kommen wir zu einem weiteren Punkt, auf den ich bisher noch nicht besonders aufmerksam gemacht habe. Sie sagt: „Mein Geliebter ist in seinen Garten hinab gegangen, zu den Würzkrautbeeten, um in den Gärten zu weiden und Lilien zu pflücken“. Genauso wie die Aufforderung, der die Ankündigung seines Kommens folgt, wiederholt vorkommt (Hld 2,7; 3,5; 8,4) und eine bedeutende Hilfe zum Verständnis der verschiedenen Teile dieses Buches bildet, so finden wir auch wiederholt den Ausdruck der Liebe der Braut zum Bräutigam. Im letzten Teil des zweiten Kapitels hörten wir andere Worte: „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein, der unter den Lilien weidet“ (2,16). Hier in unserem Kapitel haben wir etwas Besseres: „Ich bin meines Geliebten und mein Geliebter ist mein“ – also gerade umgekehrt als in 2,16.

Das kennzeichnet einen sehr entscheidenden Fortschritt in ihrer Seele – in den Zuneigungen von Jerusalem –, wenn wir es jetzt nicht persönlich anwenden, sondern auf den Gegenstand des Buches. Und dies ist der Unterschied: das erste, – und das trifft auch bei einer wiedergeborenen Seele zu –, das die Seele wissen möchte, ist das, was wir im 2. Kapitel haben, dass Christus mein ist. Jerusalem wird eine ähnliche Erfahrung machen, und diese Erfahrung ist dann sehr am Platze. Es würde eine armselige Sache sein, zu wissen, dass ich Sein bin, wenn ich nicht auch wüsste, dass Er mein ist. Wo der Geist Gottes in Kraft wirksam ist, beginnt das Herz notwendigerweise nicht damit, dass ich des Christus bin. Ich weiß sehr wohl, dass man das Gegenteil davon bei vielen frommen Menschen findet. Sie kleiden das in die Worte: „Bin ich Sein, oder bin ich es nicht“?

Aber das ist keineswegs das erste, was der Geist Gottes dem Wort gemäß in einem Herzen bewirkt, das ihm unterwürfig ist. Wenn man mit sich selbst beschäftigt ist, ist es das erste. Das erste ist dann, dass ich wissen möchte, ob ich Sein bin. Ich beginne also mit mir selber (mit „Ich“), aber gerade das ist schlecht für mich – davon wollen wir ja gerade frei werden. Und was befreit uns davon? Ist Er mein? –jener Schatz, jener Gegenstand von Gottes Wonne – ist Er mein? Ist Christus mein? Und das ist es gerade, was Christus schenkt; darum geht es. Es ist nicht so, wie die Leute allgemein sagen, dass das erste für mich ist, zu wissen, dass ich errettet bin. Zuerst muss ich wissen, ob ich an Ihn glaube. Das Entscheidende ist, was Christus für meine Seele bedeutet und nicht, was meine Seele durch Christus empfangen hat. Ihr seht, wie falsche Theologie stets das Ich in den Vordergrund rückt, es stets zur ersten Sache macht.

Versteht mich nun bitte nicht falsch. Ganz gewiss vermag das Bewusstsein davon unser Herz völlig zu trösten. Das wäre wirklich eine arme Theologie – und vor allem ein bedauernswerter Glaube – denn darauf läuft es hinaus: es würde eine Armut in geistlicher Hinsicht bedeuten, wenn das erneuerte Herz darin nicht vollste Befriedigung fände. Aber der erste Gedanke, den Gott hat und den ich als Gläubiger haben sollte, ist nicht, ob „ich Sein bin“, sondern, ob „Er mein ist“. Das ist es, was die Braut hier bekennen kann – was sie wirklich bekennt. Wir müssen uns daran erinnern, liebe Brüder, dass dieses Buch nicht – wenn ich so sagen darf – eine Stümperei von Menschen ist, die aus der Schrift eine wissenschaftliche Theologie machen wollen. Was wir im Wort Gottes haben, ist die Leitung des Heiligen Geistes –der vollkommene, sichere Weg Gottes und Sein Handeln mit Seelen Christo gemäß. Das erste ist daher: „Mein Geliebter ist mein“, aber dann fügt sie hinzu: „Und ich bin sein“. Das folgt daraus. Es ist völlig wahr, dass ich ewiges Leben habe, aber das erste ist doch, dass ich an Ihn glaube.

Ich wiederhole: Das erste ist nicht, was ich empfangen soll, sondern an wen ich glauben soll. Wen stellt Gott meiner Seele vor? Habe ich mich vor Ihm gebeugt? Habe ich mich Ihm ganz und gar unterworfen, einfach und ohne Einschränkungen? Dann ist dies das erste: an Christus zu glauben – nicht nur zu glauben, dass mir vergeben worden ist. Meine Vergebung ist eine Folge, wenn ich an den Herrn Jesus Christus glaube. Aber das Allererste, behaupte ich, ist nicht die Rettung meiner Seele, sondern dass ich mich vor dem Sohn Gottes beuge. Es ist ein großer Unterschied, in welcher Weise wir das Evangelium bringen. Keine wichtigere Lektion könnte es für einen jungen Evangelisten geben als diese: sich stets vor Augen zu halten, dass das erste nicht die Seele in ihrer Beziehung zu Christus, sondern Christus in Seiner Beziehung zu der Seele ist. Und ich bin überzeugt, wenn er das ganz klar herausstellt und aufrechterhält, dass Gott ihn nicht nur für die Seelen gebraucht, sondern über alles zur Verherrlichung Christi; und schließlich sollte Christus mir mehr sein als alle Seelen der Welt. Es ist nicht so, dass man die Seelen in der Welt weniger lieben wird, aber Christus hat dann den ersten Platz. Die Braut hat dabei keinen Verlust: weit davon entfernt. Sie wird noch mehr gesegnet, weil sie den Segen auf Gottes Weg und Weise erhält.

Der nächste Punkt in diesem 6. Kapitel, wo ein Fortschritt zu sehen ist, – und das hat mich zu diesen Bemerkungen veranlasst – ist genau das Gegenteil. „Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein“. Wäre es nicht genauso gut für uns wenn es hieße: „Mein Geliebter ist mein und ich bin meines Geliebten“?

Nein, gewiss nicht. Wir sehen, sie kennt Ihn jetzt. Sie ist vollkommen darüber zufrieden gestellt, dass Er ihr gehört. Das hat etwas Neues und Bleibendes zur Folge. Es ist wunderbar, sagen zu können: „Ich bin meines Geliebten“. Mein Geliebter hat zu mir gesprochen und ich zu Ihm. Durch den Geist gab es zwischen uns solche Äußerungen der Liebe; und jetzt darf ich sagen: „Ich bin meines Geliebten“. Dies ist daher nicht mehr nur ein geistliches Verlangen, sondern ein fortschreitendes Bewußtwerden dieser Beziehung, obgleich sie noch nicht tatsächlich in aller Form errichtet ist. Aber geistlich gesehen ist die Braut jetzt darauf vorbereitet. Gott hat das in ihrer Seele bewirkt. „Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein“. Das eine erscheint ebenso zu rechten Zeit wie das andere, nur muss das eine dem anderen notwendigerweise vorausgehen.

Und dann wird wiederum auf sehr schöne Weise die Liebe und die Freude entfaltet, die der Bräutigam an der Schönheit Seiner Braut findet. „Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza, lieblich wie Jerusalem, furchtbar wie Kriegsscharen. Wende deine Augen von mir ab, denn sie überwältigen mich“ (Vers 4 und 5). Welch ein wundervoller Gedanke ist es doch, dass der Herr solchen Reiz in Jerusalem findet, das Ihn so viele Tränen gekostet hat – das Jerusalem, das Ihn von jenem Tage bis hierher so verleumdet hat. Denn Jerusalem ist noch dasselbe, das es war, dasselbe schuldige Jerusalem, das Christus verwarf; aber so soll es nicht immer sein. Der Herr wird diese Worte wahr machen, und bei Jerusalem an jenem kommenden Tage den Glauben wirken. Wenn ich von Jerusalem spreche, meine ich natürlich das Volk; und doch geht es gerade um Jerusalem und jenes Volk, das mit eben dieser Stadt an jenem kommenden Tage verbunden sein wird.

Der Herr fährt in dieser Weise fort und am Schluss fügt Er hinzu: „In den Nussgarten ging ich hinab, um die jungen Triebe des Tales zu besehen“ (Vers 11); denn Er wollte sehen, was für Früchte die Demütigung, die Israel durchgemacht hatte, gebracht hatte. Jerusalem war in die tiefste Demütigung geführt worden, und Er wollte die Wirkung davon sehen –ob jene Demütigung geistliche Früchte hervorgebracht hatte. Und was fand Er? „Unbewusst setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes“. Das ist Sein Volk, das am Tage Seiner Macht willig gemacht worden ist. Nun wissen wir, dass, als der Herr in den Tagen Seines Fleisches hier war, es der Tag Seiner Schwachheit war. In Schwachheit wurde Er gekreuzigt, aber Er lebt durch Gottes Kraft; und wir kennen Ihn daher als den Auferstandenen. Sie werden Ihn kennen, wenn Er erscheint, und dies zeigt, was der Herr über Sein Volk empfindet. Direkt anschließend folgt dann: „Kehre um, kehre um, Sulamith; kehre um, kehre um, dass wir dich anschauen“! Das ist der Gegenstand Seiner Liebe. Es ist das zukünftige Jerusalem, das wie das „Doppellager“ (“das Heerlager Gottes“ – 1. Mose 32,2) sein wird. Es wird genau so sein wie in den Tagen Jakobs – zwei Armeen, als die Engel ihn in der Stunde seiner Not und Furcht beschützten; so wird es an jenem Tage mit Jerusalem sein. Sie werden wie die Engel Gottes in ihrer Macht und Kraft sein.

In Kapitel 7 verleiht der Herr Seiner Liebe zu Jerusalem neu Ausdruck. Hierzu brauche ich nicht viel zu sagen. Es ist – ich wiederhole – das, was Er in ihr sah. Nicht Glanz und Herrlichkeit, das wäre etwas Geringes. Es ist nicht Macht. Es ist nicht das, was sie in der Welt zu tun hat oder irgendetwas dergleichen. Ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass Jerusalem an dem kommenden Tage zur Hauptstadt der Erde gemacht wird. Ich bin sicher, dass der Herr ein ganz wundervolles Werk durch die bekehrten Juden vollbringen wird; aber darum geht es nicht. Sie wird hier als eine Person gesehen –der Gegenstand Seiner Liebe. Dies tritt in überraschender Weise hervor, und dem folgt – nun zum dritten Male – die Antwort der Braut: „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen“ (Vers 10). Hier steht nicht im Vordergrund, dass sie zu einem festen Bewusstsein der Liebe – dem Besitz Seiner Liebe, gelangt. „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen“. Sie braucht jetzt nicht zu sagen: Er ist mein“. „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen“. Sie begann mit: Mein Geliebter ist mein“, aber nun ruht sie darin. Sie braucht nicht mehr zu sagen, dass Er ihr gehört; das ist jetzt völlig klar. Durch all die Ausdrücke Seiner Liebe und der Schönheit, die Er in ihr findet, hat Er das deutlich gemacht. „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen. Komm, mein Geliebter, lass uns aufs Feld hinausgehen, in den Dörfern übernachten. Und damit endet das eigentliche Hohelied.

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