Betrachtungen über das Lied der Lieder

Kapitel 6

„Wohin ist dein Geliebter gegangen, du Schönste unter den Frauen? wohin hat dein Geliebter sich gewandt? Und wir wollen ihn mit dir suchen“ (V. 1). Gesegnet und mannigfaltig sind die Resultate, wenn die Seele sich hingebend mit Christus beschäftigt. Sich selbst aus den Augen zu verlieren und Ihn zum Gegenstand der Betrachtung zu haben, ist der erste Segen; und wahrlich, es ist ein großer Segen! Was kann Gläubige, die in einen niedrigen, dürren Seelenzustand geraten sind, am raschesten und wirksamsten daraus befreien? Wenn die Seele sich für sich selbst mit Christus beschäftigt und von Ihm mit anderen redet. Die Erfahrung der Braut erläutert diese Wahrheit in treffender Weise. Ihr anfänglicher Fehler bestand ohne Zweifel darin, dass sie begann, an sich selbst zu denken und um sich selbst besorgt zu sein. Sich mit sich selbst beschäftigen führt stets zur Selbstgenügsamkeit. „Ich habe mein Kleid ausgezogen, wie sollte ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder beschmutzen?“ (Kap. 5,3). Sobald aber von den Töchtern Jerusalems der Vorzug ihres Geliebten vor anderen Geliebten in Zweifel gezogen wird, kommt sie wieder dahin, an Ihn allein zu denken und von Ihm allein zu reden; und indem sie das tut, wird zunächst ihre eigene Seele wiederhergestellt, und dann erreicht sie einen Grad der Gemeinschaft, von dem sie früher keine Vorstellung hatte. Ferner redet sie mit solcher Liebe von der fleckenlosen Schönheit ihres Herrn, dass die Töchter Jerusalems durch die Herrlichkeit Seiner Person angezogen werden und begehren, Ihn zu sehen und kennen zu lernen.

Doch das Zeugnis der Braut für Christus trägt noch eine andere Frucht, die wir nicht unbeachtet lassen dürfen. Die Töchter Jerusalems ziehen den ganz natürlichen Schluss, dass der Bräutigam Seine Braut verlassen haben müsse, nicht dass sie Ihn verlassen habe. Da sie die Braut in solch glühenden Ausdrücken von Ihm reden hören, können sie sich gar nicht vorstellen, dass sie selbst sich jemals aus Seiner Nähe entfernen konnte. War Er so herrlich, so von ihr geliebt, bewundert und geschätzt - wie konnte dann ihr Auge sich von Ihm abwenden? wie konnte ihr Herz aufhören, sich Seiner zu erfreuen? wie konnte sie jemals Seiner müde werden? Sie fragen deshalb: „Wohin ist dein Geliebter gegangen, du Schönste unter den Frauen? wohin hat dein Geliebter sich gewendet?“ und sie bieten sich an, Ihn mit ihr zu suchen. Welch ein scharfer, schneidender Vorwurf lag in diesem Anerbieten für die Braut! und wie tief muss ihr jetzt so empfindsames Herz ihn gefühlt haben! Indem sie von der Schönheit ihres Herrn geredet hatte, hatte sie sich selbst ihr Urteil gesprochen. So ist es immer. Wenn das Herz außer Gemeinschaft mit Christus ist, so scheint alles gegen uns zu sein und unsere Wege zu verurteilen. Ist die Seele aber wiederhergestellt, so dient alles nur dazu, unsere Demütigung zu vertiefen und den Grad unserer Gemeinschaft zu erhöhen. Das Herz, das eben erst vom Lobe des Geliebten übergeströmt ist, frohlockt jetzt in Ihm. Das Auge der Braut ruht auf Ihm; sie weiß, wo Er ist und was Er tut. Seliger Augenblick! Alles ist Licht und Freude. Jetzt kann sie ihren Gefährtinnen sagen, wo Er zu finden ist.

„Mein Geliebter ist in seinen Garten hinab gegangen, zu den Würzkrautbeeten, um in den Gärten zu weiden und Lilien zu pflücken“ (V. 2). Welch eine liebliche Szene im Vergleich mit Kap. 5,7! Dort lasen wir: „Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umherliefen: sie schlugen mich, verwundeten mich; die Wächter der Mauern nahmen mir meinen Schleier weg.“ Das ist der Unterschied zwischen einem Wandel in Gemeinschaft mit Jesus und einem Umherwandern in der Welt. Die Braut hat die Stadt verlassen und ist jetzt auf dem ländlichen Schauplatz mit ihrem Geliebten, tritt ein in die Gedanken Seines Herzens und bewundert die Werke Seiner Hände. Unser Vers beschreibt eine Szene glücklicher Gemeinschaft. Der Herr findet Seine Wonne an Seinem Volk; Er ist in Seinem Garten und pflückt Lilien. „Wie eine Lilie inmitten der Dornen, so ist meine Freundin inmitten der Töchter“ (Kap. 2,2); Die Braut geht ein in die Gedanken ihres Herrn über Sein Volk im Allgemeinen und über sich selbst im Besonderen. Das ist Gemeinschaft, und zwar eine innige, gesegnete Gemeinschaft. Ihr Auge ist einfältig, und das Licht des Himmels erfüllt ihre Seele. Jetzt ruft sie aus:

„Ich bin meines Geliebten; und mein Geliebter ist mein, der unter den Lilien weidet“ (V. 3). Das ist eine liebliche Melodie, ein erhabenes Lied; aber der Glaube kann es singen. Es ist die Sprache einer Seele, die sich selbst aus den Augen verloren hat. „Ich bin meines Geliebten.“ Es ist eine wahre Herzensbeschäftigung mit Christo, die Seele geht in Seine Gedanken, Seine Liebe, Gnade und Freude ein, statt sich mit den eigenen Gedanken und Gefühlen, mit dem eigenen Glauben und Dienst zu beschäftigen. Das Auge, das Herz, die Gedanken, die Lippen - alles ist voll von Christus und mit Ihm beschäftigt. In Kap. 2,16 sagt die Braut: „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein.“ Dort steht die Freude, Christus zu besitzen, im Vordergrund: Er ist mein. Hier aber ist es die tiefere Freude, Christus anzugehören! ich bin Sein. Beide Arten von Freude sind gesegnet, aber die Freude, die aus dem Bewusstsein fließt: ich bin Sein, bekundet einen göttlichen Fortschritt.

Wir verstehen sehr wohl, dass eine Seele, die aus ihrem Sündenschlaf aufgewacht ist und dann die Wahrheit im Glauben aufnimmt, voller Freude ausruft: „Ich glaube jetzt an Jesus; ich weiß, dass ich an Ihn glaube; ich weiß, dass Er am Kreuz für mich gestorben ist; Er hat Sein Blut für mich vergossen, und jetzt kann ich Ihm völlig vertrauen.“ Eine Seele, die aus der Finsternis in das wunderbare Licht Gottes gebracht, und von der schweren Last ihrer Sünden, von Zweifeln und Befürchtungen aller Art befreit ist, kann in den Siegesruf ausbrechen: „Jesus ist mein!“ Es ist alles, was man für den Augenblick erwarten kann, und sicher, es ist etwas Großes und überaus Herrliches! - Hernach aber, wenn die Seele ruhiger geworden ist, wenn der erste Freudenrausch sich gelegt hat, erwartet man mit Recht etwas anderes. Nicht dass jene Freude über den Besitz Jesu sich vermindern sollte. Keineswegs! aber die Seele soll fortschreiten von der Erkenntnis der Wahrheit bezüglich ihrer eigenen Errettung zur Erkenntnis. der Quelle aller ihrer Segnungen. Sie sollte sich fragen: Woher kommt das neue Leben, das ich besitze? Wo ist Seine Quelle? Woher alle diese Gnade und Güte gegen mich, ein solch sündiges, verdammungswürdiges Geschöpf? Wer hat den Pulsschlag des ewigen Lebens in meiner einst toten Seele erweckt? Wenn die Seele auf diese Weise nach und nach lernt, dass das ewige Leben und jede Segnung nur die Frucht der Liebe Gottes in Christus gegen sie ist, so wird sie zu Jesus Selbst hingezogen, an Seine Person gefesselt und mit Seiner vollkommenen Liebe beschäftigt. Das Auge wendet sich von dem eigenen Ich ab auf Jesus hin. Alle Furcht verschwindet, denn die Furcht hat Pein. „Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn“ (1. Joh 5,11). - „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist jetzt, da die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie gehört haben, werden leben“ (Joh 5,25). So wird die Seele in die innigste Verbindung mit dem Sohn des lebendigen Gottes droben gebracht; und indem sie lernt, dass alle Quellen ihres Segens dort sind, erhebt sie sich bis zu Ihm. „Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein“, wird der wahrheitsgetreue Ausdruck ihres Glaubens.

„Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza, lieblich wie Jerusalem, furchtbar wie Kriegsscharen (eig. befahnte Scharen)“ (V. 4). Welch ein Gruß ist das! Bedenke ihn wohl, mein Leser. Willst du das Herz Jesu kennen lernen, Seine geduldige Liebe, Seine unermüdliche Freundlichkeit, Seine unerschöpfliche Güte, so verweile hier einen Augenblick und sinne über jene Worte nach. Sicher ist es von hohem Interesse, der Bedeutung der hier gebrauchten Vergleiche: Tirza, Jerusalem und Kriegsscharen, nachzuforschen; aber siehe zu, dass die Beschäftigung mit diesen Dingen deine Gedanken nicht von der Person des Herrn Jesus ablenke. Ich bezweifle nicht, dass jene Vergleiche der unmittelbare Ausdruck Seiner Liebe sind; aber wenn es so ist, dann lass sie dir zu Strömen dienen, die dich zu ihrer Quelle zurückführen. Verweile nicht zu lange bei dem Strom; die Quelle ist besser. Die Wirkung jedes wahren Dienstes am Wort ist, dass die Seele in unmittelbare Berührung mit der Person Christi gebracht wird. Der Wunsch des Feindes und die Wirkung jeder falschen Lehre gehen dahin, etwas zwischen die Seele und Christus zu stellen. Tirza ist nicht mehr; Jerusalem, die geliebte Stadt, war Jahrhunderte hindurch niedergetreten und ist es zum Teil auch heute noch; Judas Banner war bis vor wenigen Jahren zusammengerollt; aber das Herz, das einst Seine Freude an diesen bedeutungsvollen Symbolen fand, ist unveränderlich dasselbe geblieben. Suche darum vor allem das Herz Jesu kennen zu lernen. „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh 17,3).

Gottes Liebe in Christus zu dem Sünder zu kennen ist das Beste, das ich je kennen lernen kann; denn dann kenne ich den ewig sprudelnden Born, die Urquelle alles Segens. Wie oft mag Christus Selbst aus dem Auge verloren sein, obwohl die Seele mit der Wahrheit beschäftigt ist. Wache gegen diese Gefahr, meine Seele!

Kehren wir jetzt zu dem Gruß des Herrn zurück. „Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza, lieblich wie Jerusalem, furchtbar wie Kriegsscharen.“ Beachten wir, dass dies die ersten Worte sind, die der Herr nach ihrem traurigen Abirren an Seine Braut richtet. Seine Lippen haben holdselige Worte für ihre wiederhergestellte Seele: „Du bist schön, meine Freundin.“ Fürwahr, das ist Jesus Selbst. Wer könnte Seine Liebe beschreiben? Sind wir in dieser Atmosphäre zu Hause, mein lieber Leser? Stehen wir nicht mit staunender Bewunderung einer solchen Liebe gegenüber? O lasst uns Ihn betrachten, der so redet, und vor Seinem erfreuten Herzen die von ihren Irrwegen zurückgekehrte Braut sehen. Lasst uns suchen, die anbetungswürdige Gnade unseres Herrn besser zu verstehen.

Wie lauteten Seine letzten Worte an Seine träge, schlaftrunkene Braut? „Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! denn mein Haupt ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht.“ Nichts könnte zärtlicher und rührender sein als diese Worte; aber sie blieben in jenem Augenblick von ihr völlig unbeachtet. Infolgedessen geriet sie für eine Zeit in einen betrübenden Zustand. Aber jetzt finden wir sie völlig wiederhergestellt und glücklich. Sie hat wieder volles Vertrauen zu der Liebe ihres Herrn. „Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein“, so lautet die freudige Sprache ihrer Seele. Wird Er denn gar nichts mit ihr reden über ihre Verirrung und ihre törichte Handlungsweise? Wird Er nicht wenigstens in Seinem Benehmen etwas kühl gegen sie sein, damit sie vor Ihm beschämt dastehe? Ach nein; denn Er sieht, dass sie ihr Tun aufrichtig bereut. Der Herr vergibt nicht nur, sondern Er vergisst auch alle unsere Vergehungen, wenn wir sie bereuen. Er kommt jeder bußfertigen Seele mit dem vollen Ausdruck Seiner Gnade entgegen. Sobald die Seele ihren wahren Platz vor Ihm einnimmt, kennt Er keinen Rückhalt mehr, sondern öffnet ihr bereitwillig den reichen Schatz Seiner Liebe. Betrachten wir z. B. das kananäische Weib (Mt 15). Kaum hat sie den Platz einer armen Heidin eingenommen, die Fluch und Tod verdient hatte, als auch schon der volle Segensstrom aus Seinem Herzen ihr zufließt. Er preist selbst ihren Glauben mit den stärksten Ausdrücken: „O Frau, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du willst.“ Er hält nichts zurück; sie wird gesegnet nach dem ganzen Begehr ihres Herzens. Betrachten wir auch die große Sünderin zu den Füßen Jesu im Hause Simons und den verlorenen Sohn in den Armen des Vaters.

„Du bist schön, meine Freundin.“ Nicht ein klagendes oder vorwerfendes Wort kommt über die Lippen des Bräutigams; nicht die leiseste Frage an die Braut, wo sie inzwischen gewesen sei oder was sie getan habe. Seine Liebe ist vollkommen, und Seine Gnade ist gleich der Nachsicht Seiner Liebe. Der Herr will gnädig sein entsprechend der Liebe Seines Herzens. Er sagt, dass die Braut schön sei wie Tirza, lieblich wie Jerusalem. Tirza bedeutet „Lieblichkeit, Anmut“. Es war die Residenzstadt der Könige von Israel ehe Samaria gebaut wurde, so wie Jerusalem der Wohnsitz der Könige von Judäa war. Jerusalem ist, wie wir wissen, in der Schrift bekannt wegen ihrer mannigfaltigen Herrlichkeit. Es heißt von ihr: „Schön ragt empor, eine Freude der ganzen Erde, der Berg Zion, an der Nordseite, die Stadt des großen Königs. Gott ist bekannt in ihren Palästen als eine hohe Festung“ (Ps 48,3.4). Tirza war, wie bemerkt, die Hauptstadt der zehn abtrünnigen Stämme; aber die beiden Königreiche, Israel und Juda, werden in den Tagen der zukünftigen Herrlichkeit wieder unter einem Haupt vereinigt sein und nie wieder getrennt werden. Was uns hier in bildlicher Weise vorgestellt wird, lehren die Propheten in den deutlichsten Ausdrücken. So spricht der Herr, HERR: Siehe, ich werde die Kinder Israel aus den Nationen herausholen, wohin sie gezogen sind, und ich werde sie von ringsumher sammeln und sie in ihr Land bringen. Und ich werde sie zu einer Nation machen im Land, auf den Bergen Israels, und sie werden allesamt einen König zum König haben; und sie sollen nicht mehr zu zwei Nationen werden und sie sollen sich fortan nicht mehr in zwei Königreiche teilen“ (Hes 37,21.22).

Wenn so die zwölf wieder vereinigten Stämme ihren Messias zum König haben werden, dann wird die Herrlichkeit des Volkes groß sein. Es wird „furchtbar sein wie Kriegsscharen“. Dieser Vergleich erweckt nicht den Gedanken des Erschreckenden, sondern des Überwältigenden, Ehrfurchtgebietenden, gleich einer glänzenden Kriegerschar, die mit wehenden Fahnen dahin zieht. Der König erkennt an, dass die Herrlichkeit Seines geliebten, so in eins vereinigten Volkes Ihn überwältige.

„Wende deine Augen von mir ab, denn sie überwältigen mich“ (V. 5 a). Das ist wahrlich Wunderbar; wer könnte es verstehen? Um es nur ein wenig verstehen zu können, müssen wir Jesus Selbst kennen. Kein Herz kann so auf die Segnung und Freude anderer eingehen wie das Seinige. Es erleichtert gleichsam Sein Herz, wenn Er den Bedürftigen segnen kann. In den Tagen Seines Fleisches machte Er eine weite Reise, um einer gefallenen Tochter Samarias oder einer armen Heidin aus den Gegenden von Tyrus und Sidon zu begegnen und sie zu segnen. Freude ist in Seinem Herzen, Freude im ganzen Himmel, wenn ein Sünder Buße tut. Aber was wird erst Seine Freude sein, wenn das Haus Davids und die Bewohner von Jerusalem sich mit Weinen und Klagen zu Ihm wenden werden; wenn die lange verlorenen Stämme auf dem Schauplatz erscheinen und Ihn als ihren wahren Messias anerkennen werden; wenn jedes Auge auf Ihn gerichtet sein wird und jedes Herz von Seinem Lobe überfließen wird; wenn von Jerusalem, als dem großen Mittelpunkt, Segen ausfließen wird zu allen Völkern der Erde hin!

Dann wird das 53. Kapitel des Propheten Jesaja den Inhalt des Gesangs Israels und den Ausdruck seiner weinenden Freude bilden: „Um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg, und der HERR hat ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit.“ Ihr Jerusalem wird dann das Jerusalem der Ratschlüsse Gottes, und nicht des Stolzes und der Gewalttat des Menschen sein. Von Bergen umgeben, mit Mauern, Wällen und Türmen wohl versehen, wird es die Freude der ganzen Erde ausmachen (Ps 48). „Und der Name der Stadt soll von nun an heißen: Der HERR ist hier“. (Hes 48,35). Alles wird dann nach den Gedanken des Messias seinen Gang gehen. Satan wird im Abgrund eingeschlossen sein, der Fluch ist von der Erde entfernt, die Macht des Bösen zu Boden geworfen, und der wahre Salomo wird als König regieren. Welch eine Wirkung die Abwesenheit Satans und die Gegenwart Christi in Macht und Herrlichkeit auf die ganze Schöpfung ausüben wird, wer könnte es ermessen!

„Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die an den Abhängen des Gilead lagern; deine Zähne sind wie eine Herde Mutterschafe, die aus der Schwemme heraufkommen, die allesamt Zwillinge gebären, und keines unter ihnen ist unfruchtbar; wie ein Schnittstück eines Granatapfels ist deine Schläfe hinter deinem Schleier“ (V. 5 b-7). Den gleichen Ausdrücken sind wir bereits im 4. Kapitel begegnet, und doch wissen wir, dass die Schrift keine eitlen Wiederholungen macht. Warum denn hier diese Wiederholung? Seitdem der Bräutigam jene Ausdrücke im 4. Kapitel an Seine Braut gerichtet hat, ist sie in der Irre umhergegangen und dann wieder zurückgekehrt. Indem Er nun hier das wiederholt, was Er ihr einst gesagt hat, versichert Er ihr, dass ihre Schönheit in Seinen Augen unverletzt sei. Obgleich Er nichts davon sagt, dass sie für eine Zeit sich von Ihm abgewandt habe, müssen diese Ausdrücke Seiner unveränderten Bewunderung jetzt einen viel tieferen Eindruck auf ihr Herz machen als vordem. Ihr Wert wird siebenfach vermehrt durch die Umstände, unter denen sie wiederholt werden.

„Sechzig Königinnen sind es und achtzig Nebenfrauen und Jungfrauen ohne Zahl“ (V. 8). Dieser Vers bezieht sich, wie ich nicht zweifle, auf die Zeit des Tausendjährigen Reiches. Er folgt daher erst nachdem bereits (Seite 125) auf der Vereinigung der beiden Nationen (Tirza und Jerusalem oder Israel und Juda) hingewiesen worden ist. Dann wird „ganz Israel“ in seiner gottgewollten Einheit der zwölf Stämme ein Segen für alle Geschlechter der Erde werden. Die Städte Judas und die Völker der Erde füllen den ganzen Schauplatz der Herrlichkeit aus, aber Jerusalem hat den ersten Platz. Diese Wahrheit, die in der ganzen Schrift hervortritt, findet ihren vollsten und rührendsten Ausdruck im nächsten Vers:

„Eine ist meine Taube, meine Vollkommene; sie ist die Einzige ihrer Mutter, sie ist die Auserkorene ihrer Gebärerin. Töchter sahen sie und priesen sie glücklich, Königinnen und Nebenfrauen, und sie rühmten sie“ (V. 9). Welch einen Platz hat sie in Seinem Herzen! Sie ist in Seinen Augen die Auserkorene, mit der sich nichts vergleichen lässt. Es gibt viele andere Jungfrauen, aber Seine Liebe sieht keine andere als sie. „Eine ist meine Taube, meine Vollkommene; sie ist die Einzige ihrer Mutter.“ Bei früheren Gelegenheiten hat Er von ihren Eigenschaften gesprochen und ihre Schönheit beschrieben; aber jetzt redet Er von ihr selbst und von dem, was sie ist für Ihn. „Sie ist die Auserkorene ihrer Gebärerin.“ Die ganze Nation wird hier in einem mütterlichen Charakter betrachtet, der Stamm Juda in einem bräutIichen. - Das also ist die Bräutigamsliebe Jesu, und so wird es mit dem gottesfürchtigen Überrest Judas sein in den letzten Tagen; ja, so ist es jetzt schon im Geist mit uns. Trinke, meine Seele, trinke mit vollen Zügen aus dieser Quelle der Bräutigamsliebe deines Herrn! Sie ist tief, unerschöpflich, und sie ist dem Glauben geöffnet bis zur Feier des Hochzeitstages droben.

Es gab eine Zeit, in der die Tochter Zion im Stolz und der Verkehrtheit ihres Herzens Seine Liebe von sich wies. Seine Liebe blieb dennoch die gleiche, aber sie zeigte sich in den Tränen, die Er über ihre Blindheit vergoss. Von Ihm verlassen, fiel sie dann ihren grausamen Feinden zur Beute, die sie in schrecklichster Weise misshandelten. Doch Sein Auge der Liebe folgte ihr auf allen ihren Irrgängen. Nichts konnte Sein Herz verändern; und als die Zeit gekommen war, besuchte Er sie. Er fand sie in der Stellung einer armen, ausgestoßenen, sonnenverbrannten Sklavin, einer Hüterin der Weinberge anderer. Sein Herz entbrannte gegen sie. In Seiner Liebe und in Seinem Mitgefühl war es Ihm, als „habe sie von der Hand Jehovas Zwiefältiges empfangen für alle ihre Sünden“. Und nun ist „ihre Mühsal vollendet, ihre Schuld abgetragen“, und sie tröstet sich in ihrem gnädigen und vergebenden Herrn (Jes 40,2). Aber Seine Liebe ruht nicht - gesegnete Wahrheit! - bis Er alle Wünsche Seines Herzens im Blick auf sie befriedigt hat, bis sie als die schöne, herrliche Braut des wahren Salomo auf Seinem königlichen Thron in Zion sitzt. Und nicht nur, ich wiederhole es, ist sie der Gegenstand der Wonne des Königs, sondern auch der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. „Töchter sahen sie und priesen sie glücklich, Königinnen und Nebenfrauen, und sie rühmten sie.“ - „Und die Tochter Tyrus (ein Vorbild der Heiden), die Reichen des Volkes (oder der Völker), werden mit Geschenken deine Gunst suchen „ (Ps 45,13). Die Braut strahlt die Herrlichkeit und Schönheit des Königs zurück, und alle Nationen bewundern Seine Anmut in ihr.

„Wer ist sie, die da hervorglänzt wie die Morgenröte, schön wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie Kriegsscharen?“ (V. 10). Dieser Vers scheint die Sprache der Bewunderer des Bräutigams zu sein und lautet wie ein Gesang, der den Chor begleitet. Alle sind einig in dem Lob der Braut. Die trübe Nacht ist vorüber, der helle Morgen bricht an. „Wer ist sie, die da hervorglänzt wie die Morgenröte?“ Sie taucht gleichsam auf aus der Finsternis der langen, langen Nacht, durch die sie gegangen ist; alles dahinten lassend, tritt sie hervor in der Frische und Schönheit des Morgens, und bald wird sie in mittäglichem Glanz dastehen, übergossen von den Strahlen der „Sonne der Gerechtigkeit“.

Zur Darstellung der zukünftigen Würde und Herrlichkeit Israels benutzt der Heilige Geist häufig die Himmelskörper: Sonne, Mond und Sterne. Schon der Traum Josephs zeigt uns dies im Vorbild. In der Familie Jakobs erblicken wir das ganze Volk (1. Mo 37). In Off 12 sehen wir den Stamm Juda, aus dem unser Herr kam, mit gleicher Herrlichkeit bekleidet. Das Bild ist „eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt war eine Krone von zwölf Sternen“. Die Herrlichkeit der zwölf Stämme erscheint hier vereinigt in dem einen königlichen Stamm. - Auch der Gedanke der Beständigkeit und Festigkeit wird durch jene Himmelslichter verwesentlicht. „Einmal habe ich geschworen bei meiner Heiligkeit: wenn ich dem David lüge! Sein Same wird ewig sein, und sein Thron wie die Sonne vor mir; ewig wird er feststehen wie der Mond; und der Zeuge in den Wolken ist treu“ (Ps 89,35-37).

Welch eine Veränderung für die lange verachteten, niedergetretenen Israeliten! Mit Bewunderung betrachten die Töchter, die Königinnen und Kebsweiber den königlichen Stamm, die Braut Juda, „die da hervorglänzt wie die Morgenröte, schön wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie Kriegsscharen“. Bekleidet mit Licht, Herrlichkeit und Würde, wird sie, als die herrliche Braut des königlichen Sohnes Davids, zu dem großen Anziehungspunkt der Erde und zum Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.

Sei mir gegrüßt, du seliger Morgen! die Finsternis ist vergangen, „die Sonne der Gerechtigkeit geht auf mit Heilung in ihren Flügeln“. Ihre Strahlen vergolden die dunklen Berge des heiligen Landes und füllen seine Täler mit Licht und Wonne. Aller Herzen frohlocken: Hosanna dem Sohne Davids! Die Verheißung ist erfüllt. - „Steh auf, leuchte! denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit des HERRN ist über dir aufgegangen... Und Nationen wandeln zu deinem Licht hin, und Könige zum Glanz deines Aufgangs“ (Jes 60,1.3).

„In den Nussgarten ging ich hinab, um die jungen Triebe des Tales zu besehen, um zu sehen, ob der Weinstock gesprosst hätte, ob die Granatbäume blühten. Unbewusst setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes“ (V. 11. 12). Wie selten geschieht es, dass der Weingärtner von der Fülle und Reife der Früchte seines Weinbergs überrascht dasteht. Enttäuschung, nicht Genugtuung, muss er nur zu oft für seine Mühe einernten. Und wir dürfen wohl sagen, dass es von jeher so gewesen ist mit Israel, dem Weinberg des Herrn. Doch hier ist es anders. Alles ist verändert, und in der lieblichsten Weise verändert. Die Gnade strahlt in herrlichem Glanz, der Glaube triumphiert, der Herr trägt den Sieg davon, und Sein Volk blickt auf Ihn und rechnet auf Ihn, auf Ihn allein. Alles ist reif in Juda für die Herrlichkeit.

Gesegneter Tag! Der Herr erblickt jetzt in Seinem Volk die reifen Früchte Seiner Gnade. Sein Herz frohlockt, ja es wird von dem Anblick ganz überwältigt. Es handelt sich nicht länger um die Wüste und Seine Verbindung mit dem Volk dort, sondern ein fruchtbarer Garten steht vor unseren Blicken mit den jungen Trieben des Tales, mit grünenden Reben und blühenden Granaten. Diese Früchte Seiner reichen, langmütigen Gnade bewegen den Herrn tief. Seine Liebe zieht Ihn hin zu Seinem jetzt so völlig veränderten und willigen Volk. „Unbewusst setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes“ (Vergl. Ps 110,3). Wie wunderbar ist es, das Herz des Herrn so bewegt, so hingerissen zu sehen durch die Bereitwilligkeit Seines Volkes, Ihn aufzunehmen. - Wahrlich, diese Seite der Liebe unseres Herrn erfordert unsere tiefe, eingehende Betrachtung. 'Welch ein Gedanke, dass der Herr des Himmels und der Erde durch Herzen, die nach Ihm verlangen, so völlig hingerissen und mit tiefer Freude erfüllt werden kann! Möchte doch jede bußfertige, aber ängstlich zweifelnde Seele dies hören und glauben. Wenn einmal die Tochter Zion die Füße ihres Herrn mit ihren Tränen benetzen wird, dann wird Er Sich von allem anderen abwenden und sie eilend trösten. Die Fülle Seines Herzens wird zu ihr ausströmen, und Vergebung, Heil und Frieden werden ihr ewiges Teil sein.

Im Neuen Testament begegnen wir manchem ähnlichen Beispiel von der Bereitwilligkeit unseres Herrn, dem schuldigen Sünder in Gnade zu begegnen. Gott hat von jeher so gehandelt; aber im Neuen Testament tritt uns die persönliche Liebe und Gnade Christi lebendiger entgegen. Nichts erfreut Sein Heilandsherz mehr, als einem armen, verlorenen Sünder Gnade zu erweisen und ihn zu erretten. Wandte Er Sich nicht um in dem Drängen und Schieben der Volksmenge, um die eine zu sehen, die den Saum Seines Kleides angerührt hatte? Sie hätte sich ebenso still und unbeobachtet wieder entfernen können, wie sie gekommen war; aber Seine Liebe wäre damit nicht befriedigt gewesen. Der Vorgang musste ans Licht gezogen werden und er sollte zu ewigem Gedächtnis aufgezeichnet werden. Niemand war so tief an dem, was geschehen war, interessiert wie Er Selbst. Die Frau hatte im Glauben gleichsam die innersten Quellen Seines Herzens angerührt, und die Kraft, die in Ihm war, floss zu ihr aus. Doch der Herr wünschte sie selbst zu sehen und aus ihrem eigenen Munde zu hören, was sie erfahren hatte; und dann rief Er ihr die lieblichen Worte zu: „Tochter, dein Glaube hat dich geheilt; gehe hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage“ (Mk 5).

Gerade so erfreut und innerlich bewegt war Er durch den Schrei um Erbarmen aus dem Mund des blinden Bettlers (Lk 18). Er befand Sich auf einer wichtigen Reise, und eine große Volksmenge begleitete Ihn. Soll nun der ganze Zug stillstehen, weil ein armer Bettler um Hilfe ruft? Nein, die Vorangehenden bedrohen den Blinden, und gebieten ihm zu schweigen. Aber was tut der Sohn Davids? Sobald der Ruf Sein Ohr erreicht, steht Er still. Er geht keinen Schritt weiter. „Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich führen. Als er aber nahe gekommen war, fragte er ihn: Was willst du, dass ich dir tun soll?“ (V. 40.41) Welch ein Anblick! Ein armer, blinder Bettler, geleitet von mitleidiger Hand, und Jesus, auf ihn wartend! „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Der Herr beeilt Sich nicht, Sein Werk zu vollenden; Er zögert gleichsam, weil Ihn der ganze Vorgang so herzlich erfreut. Seine Seele ist tief bewegt; Er allein kannte den wunderbaren Ausgang der Sache. Aber welch eine Stellung für den armen, bedauernswürdigen Mann vor Ihm! Was würdest du vom Herrn erbeten haben, mein Leser, wenn du so vor Ihm gestanden hättest? Ist es nicht gerade so, als wenn der Herr gesagt hätte: „Bitte nur, um was du willst; ich stehe bereit, dir zu dienen und deiner Bitte zu entsprechen“? Der Bettler bittet nur um das, was er so schmerzlich entbehrt, um sein natürliches Augenlicht. „Er sprach: Herr, dass ich wieder sehend werde!“ Und der Herr? Er entspricht seiner Bitte nicht nur, sondern gibt ihm tausendmal mehr. „Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! dein Glaube hat dich geheilt (oder gerettet).“ Der Ausgang dieser Szene ist überaus herrlich. Der Geheilte folgt Jesus im Glauben nach und verherrlicht Gott; „und das ganze Volk, das es sah, gab Gott Lob“. Der ganze Vorgang ist ein schönes Bild von der Zeit des tausendjährigen Reiches.

Doch von allem, was uns im Neuen Testament berichtet wird, ähnelt die Geschichte von dem verlorenen Sohn wohl am meisten der Szene hier im Hohenlied. Die reuevolle Umkehr des Sohnes treibt den Vater in Eile zu ihm hin. Er Iäuft Seinem Sohn entgegen. „Als er aber noch ferne war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn sehr.“ Die Liebe des Vaterherzens und der Wunsch des Sohnes, zu ihm zurückzukehren, kommen einander auf halbem Wege entgegen; und der Vater leitet den Sohn mit bewegtem Herzen der glücklichen Heimat zu.

Ähnlich wird es mit dem Bräutigam am Ende der Tage sein. Der tiefe Schmerz, die göttliche Betrübnis Seines Volkes in jener Zeit, besonders derer aus dem Stamm Juda, und ihr ernstes Verlangen nach der Ankunft des Messias wird Seine Liebe in Tätigkeit setzen und Ihn veranlassen, Sein Kommen zu beschleunigen. „Unbewusst setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes.“ Und indem Er die Leitung Seines Volkes übernimmt, wie ein Wagenlenker die Lenkung des Wagens, wird Er ihre völlige Befreiung bewirken und sie in Eile zu Herrlichkeit und Triumph führen.

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