Betrachtungen über das Lied der Lieder

Kapitel 7

„Kehre um, kehre um, Sulamith; kehre um, kehre um, dass wir dich anschauen! - Was wollt ihr an der Sulamith schauen? - Wie den Reigen von Machanaim“ (oder von zwei Heeren) (V. 1). Die Jungfrauen stimmen jetzt wieder voll Bewunderung in den Chor ein. Sie wünschen, mehr von der Schönheit, Vollkommenheit und Herrlichkeit der Braut zu sehen. Sie ergeht sich mit dem König im Nussgarten. Kostbares Vorrecht! Die Jungfrauen nennen sie mit einem neuen Namen: „Kehre um, kehre um, SuIamith!“ Sulamith ist die weibliche Form des Namens Salomo. Das ist bedeutungsvoll. Die Vereinigung ist geschehen; die lange unterbrochenen Beziehungen sind wiederhergestellt; die Gnade hat ein vollkommenes Werk in der Braut getan. Der Herr kann Sich ihr jetzt völlig offenbaren, und sie wirft die Strahlen Seiner Herrlichkeit ungetrübt zurück: „sie ist schön wie der Mond, rein wie die Sonne“. Sie steht in der wolkenlosen Gunst des Königs und besitzt und genießt Seine ganze Liebe. Wahrlich, darin kann das Herz vollkommen und ewig ruhen. Nichts könnte höher und gesegneter sein. Ruhst auch du in dieser Liebe, meine Seele? in der bewussten und tief empfundenen Liebe deines Geliebten? Er hat Sich dir offenbart; Sich Selbst dir geschenkt; was könnte Er mehr tun? Im Himmel kann es keinen solchen Ausdruck Seiner Liebe geben, wie er hier auf der Erde in dem Kreuz ans Licht getreten ist. Das Blut, das auf den Höhen Golgathas vergossen wurde, bildet den vollkommenen Ruheort für das Gewissen; die Liebe, die sich dort offenbart hat, den vollkommenen Ruheort für das Herz. Und alles das ist jetzt dein. „Glaube nur!“

Noch andere Jungfrauen fallen jetzt, wie es scheint, in den Chor ein und fragen: „Was wollt ihr an der Sulamith schauen?“ Die sofortige Antwort lautet: „Wie den Reigen von Machanaim“ (oder von zwei Heeren). Tirza, die Schöne, und Jerusalem, die Liebliche, werden vereint in ihr gesehen. Einige Ausleger haben gemeint, dass der Geist hier an den beständigen Kampf zwischen dem alten und dem neuen Leben in dem Gläubigen denke; aber wir halten dies für einen Irrtum. Der Ausdruck deutet keineswegs auf Kampf und Streit, sondern vielmehr auf Frieden und Freude, Einheit und Herrlichkeit hin. Dürfen wir hier nicht eher an die Wiedervereinigung des lange getrennten Hauses Jakobs unter dem Szepter des Friedensfürsten denken? Juda und Israel sind nicht länger zwei Nationen, die miteinander streiten, sondern sie erscheinen hier aufs innigste miteinander verbunden. Wie der Reigen von Machanaim, so werden sie hier durch die liebende, friedliche (Sulamith bedeutet „die Friedliche“) Braut des wahren Salomo dargestellt. Diese Vereinigung wird sich im Beginn des tausendjährigen Reiches, der Herrschaft des Friedens, vollziehen. „Und der Neid Ephraims wird weichen, und die Bedränger Judas werden ausgerottet werden. Ephraim wird Juda nicht beneiden, und Juda wird Ephraim nicht bedrängen“ (Jes 11,13). Der König von Salem regiert, die zwölf Stämme sind wieder vereinigt, die Völker ihnen unterworfen - alles ist Friede und Segnung. Die Kriegstrompete hängt unbenutzt in der Halle, die Schwerter sind zu Pflugscharen, die Speere zu Winzermessern umgeschmiedet, und die Völker werden die Kriegskunst nicht einmal mehr Iernen (Jes 2,4).

Doch abgesehen von der bildlichen Darstellung in unserem Kapitel möchte ich fragen: Ist es ein schriftgemäßer Gedanke, dass der Christ einen Kampf zwischen dem alten und dem neuen Leben zu führen hat?“ Sicherlich nicht. Der Kampf geht vor sich zwischen dem Fleisch und dem Geist. „Das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist aber gegen das Fleisch“ (Gal 5,17). Es heißt nicht: „Das alte Leben gelüstet wider das neue, und das neue wider das alte.“ Wo dieser Gedanke festgehalten wird, muss die Erkenntnis über das Kreuz und das an ihm vollbrachte Werk sehr mangelhaft sein. Der Apostel belehrt uns in Röm 6,1-11 in klarer, bestimmter Weise, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden ist, „damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“. Hieraus geht unzweideutig hervor, dass in Gottes Augen, und jetzt auch für den Glauben, unsere alte Natur am Kreuz zu ihrem Ende gekommen ist. Welch ein Trost für unsere Herzen! Wir wissen selbstverständlich aus eigener schmerzlicher Erfahrung, dass die alte Natur, die wir haben, noch existiert; und weiter, dass sich diese alte Natur, wenn wir nicht unaufhörlich über sie wachen und sie schonungslos verurteilen, sich als eine Quelle endloser Beunruhigung für uns und auch für andere erweisen wird. Man kann sagen, dass das praktische Christentum aus zwei Dingen besteht: 1. aus der Ernährung des neuen Lebens durch die Beschäftigung mit Christus, und 2. aus der Verurteilung des alten Lebens, auf das Gott in feierlich-ernster Weise am Kreuz das Todesurteil geschrieben hat. Jemand möchte fragen: „Wie kann man denn gegen die Regungen dieser alten Natur wachen und sie richten?“ Der Apostel beantwortet diese Frage mit den Worten: „Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht vollbringen.“ Wir haben keine Kraft gegen die Natur, als nur im Heiligen Geiste und in der durch den Glauben festgehaltenen und verwirklichten Tatsache, dass das Fleisch nach den Gedanken Gottes gekreuzigt und für immer abgetan ist. Gepriesen sei der Name Dessen, der das Kreuz für uns erduldet hat! Dort ist unser alter Mensch mitgekreuzigt worden; dort wurde er gleichsam ans Holz genagelt, dort wurde für immer ein Ende mit ihm gemacht. An uns ist es, diese Tatsache im Glauben zu erfassen und in der Kraft und Freiheit, die uns der Glaube an diese Wahrheit verleiht, zu wandeln.

Bist du in das volle Verständnis dieser Grundwahrheit eingegangen, mein lieber Leser? Dann weißt du auch zu deinem ewigen Trost, dass von dem Augenblick an, da wir durch den Glauben an Christus Leben empfangen haben, unsere verdorbene Natur in der Schrift als tot betrachtet und behandelt wird. „Ihr seid gestorben“, sagt die Schrift; aber das ist, Gott sei Dank, nicht alles; wir lesen weiter: „und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott“ (Kol 3,3). Wie sicher, wie wohl geborgen ist also jeder wahre Gläubige: „mit dem Christus in Gott“! Könnte unsere alte Natur oder irgendetwas, das zu ihr gehört, in Gott verborgen sein? Nein! Alles was von uns ist, ist vergangen, für immer dahin; alles was von Christus ist, bleibt - bleibt in all seiner unveränderlichen Vollkommenheit an dem besten Platz im ganzen Himmel, in Gott Selbst. Durch das Kreuz werden wir los von allem, was von uns ist; in der Auferstehung werden wir in den Besitz alles dessen eingeführt, was von Christus ist. In der neuen Schöpfung wird nie das kleinste Teilchen von der alten gefunden werden.

Der Apostel gibt uns im Galaterbrief eine eingehende Belehrung über diese Wahrheit. „Ich bin mit Christo gekreuzigt“, sagt er; „und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich durch Glauben“ (Gal 2,20). Paulus redet hier in einer Hinsicht von sich als tot, als gestorben, in einer anderen als lebend. Wie ist das zu verstehen? Nur durch den Glauben. Das alte „Ich, der alte Paulus, ist gestorben, mit Christus gekreuzigt; das neue „Ich“ ist sein neues Leben, Christus in ihm. Das alte „Ich“ behandelt er als tot, als für immer abgetan; das neue Leben als sein einziges Leben jetzt, nachdem er geglaubt hat. „Christus lebt in mir.“ Die praktische Wirkung dieser Wahrheit, wenn sie im Glauben aufgenommen wird, ist unermesslich. Das eigene, böse, verderbte Ich, das für den natürlichen Menschen bei all seinem Tun Anfang, Mitte und Ende bildet, ist für den Glauben hinweg getan, und Christus ist an seine Stelle getreten. „Das Leben ist für mich Christus“; das heißt: Christus ist für mich Anfang, Mitte und Ende, mein ganzer Lebensinhalt. Wir wissen wohl, dass Paulus sein natürliches Leben, das Leben, das er stets als Mensch besessen hatte, nach wie vor behielt; aber das Leben, in dem er lebte, war ein ganz und gar neues - Christus lebte in ihm. „Was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20).

Alles dieses ist dem Grundsatz nach heute ebenso wahr von jedem Gläubigen, wie einst von dem Apostel, obgleich es sich in uns nicht so deutlich offenbaren mag. Aber vergessen wir nicht: zunächst muss der Glaube an die Wahrheit vorhanden sein, ehe ein Leben in der Kraft, die dieser Glaube verleiht, erwartet werden kann. Indes steht deutlich geschrieben: „Die des Christus sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und den Begierden“ (Gal 5,24). Beachten wir es wohl! Es heißt nicht: sie kreuzigen es, sondern sie haben es gekreuzigt. Und von wem wird das gesagt? Von weit geförderten Christen, von Männern und Vätern in Christus? Nein, es heißt einfach: „die des Christus sind“. Es ist ebenso wahr von dem Kindlein, wie von dem Jüngling oder dem Vater in Christus. Was war es, das am Fluchholz gekreuzigt werden musste? War es etwas, das Christus angehörte? Nein, es war das alte, böse „Ich“, das ans Kreuz genagelt und in Christus hinweggetan werden musste. Und dass dies geschehen ist, dafür sei Sein heiliger Name ewiglich gepriesen!

Gott gebe allen Seinen teuer erkauften Kindern Gnade, sich diese Wahrheit im Glauben zuzueignen, zu wandeln in der Freiheit und Kraft des Heiligen Geistes, und stets beschäftigt zu sein mit dem auferstandenen und verherrlichten Christus!

„Wie schön sind deine Tritte in den Schuhen, Fürstentochter“! (V. 2). Die Braut des Königs wird hier noch einmal genau betrachtet und empfängt einen neuen Titel: „Fürstentochter“. Ihre Verbindung mit der königlichen Würde wird jetzt anerkannt. Sie ist in die innigsten Beziehungen zu dem König gebracht. Das ist offenbar vor den Augen aller. Wenn der Messias den Thron besteigen wird, so wird nach der klaren und gewaltigen Sprache des 45. Psalms der Platz der Braut zur Rechten des Königs sein. „Die Königin steht zu deiner Rechten in Gold von Ophir.“ Wenn Christus den Schauplatz wieder betritt und den Thron Davids einnimmt, wird in Israel alles verändert sein. Jerusalem wird den ersten Platz haben, und alle Städte Judas werden es an diesem Platz anerkennen. Ja, die Segnung des ganzen Landes und der Erde im Allgemeinen wird eine Folge der Erhöhung Israels sein. „An deiner Väter statt werden deine Söhne sein; zu Fürsten wirst du sie im ganzen Land einsetzen (oder: auf der ganzen Erde).“

Und nun lausche, mein Leser, auf die erste Ansprache, wenn wir es so nennen dürfen, die der König von dem Thron herab an Sein geliebtes Volk richtet. „Höre, Tochter, und sieh, und neige dein Ohr; und vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters! Und der König wird deine Schönheit begehren, denn er ist dein Herr: so huldige ihm!“ (Ps 45,11.12). Nicht die Herrlichkeit der Väter, - eines Abraham, Isaak und Jakob, - nein, die unendlich höhere Herrlichkeit des wahren Sprosses aus dem königlichen Haus Juda ist dann angebrochen. Christus ist alles und in allen. Er, der Gerechtigkeit liebt und Gesetzlosigkeit hasst, hat sich der Herrschaft würdig erwiesen. In Gerechtigkeit und Gericht hat Er den vollen Triumph und die Herrlichkeit des jüdischen Volkes eingeführt. Er hat es zum Sieg geführt und alle seine mächtigen Feinde vor ihm zu Boden geschmettert. Der große Feind, der Israel in die Gefangenschaft führte, ist selbst im Abgrund gefangen. Christus sitzt auf dem Thron, und alle Seine Feinde sind zum Schemel Seiner Füße gelegt. Und dann wird Israel aufgefordert, nicht auf die Väter, sondern auf Ihn zu blicken. „Wir sind Abrahams Same“, so lautete einst ihre ruhmredige Antwort dem demütigen und sanftmütigen Jesus gegenüber; aber alles ist jetzt verändert. „Vergiss dein Volk“, so tönt es in dem Ohr der Tochter Zion, „und das Haus deines Vaters!“ Und was wird die Folge davon sein? „Der König wird deine Schönheit begehren.“ Ja, Er ist ihr Herr, und Ihm allein gebührt ihre Huldigung und Anbetung.

Aber, möchte ich fragen, haben diese schönen Worte von den Lippen Jesu, obwohl Er sie als König der Juden ausspricht, nicht auch eine Stimme für uns? Sind sie nur passend für Israel? Nein, sie sind grundsätzlich und in geistlichem Sinne heute auf alle Jünger Christi anwendbar. Sobald eine Seele zu Jesus bekehrt wird, sollte sie alle ihre alten Verbindungen und Beziehungen vergessen und sich von ihnen abwenden. Alles was Seinem Willen zuwider ist und was uns hindern will, diesen Willen auszuführen, sollte aufgegeben werden. Die Anwendung der Stelle ist gar nicht schwierig, vorausgesetzt, dass wir bereit sind, unsere Herzen Ihm zu weihen. „Gib mir, mein Sohn, dein Herz, und lass deine Augen Gefallen haben an meinen Wegen“ (Spr 23,26), ist ein schönes und sicher auch ein billiges Gebot von Dem, der Sich Selbst für uns hingegeben hat. Seine Hingebung uns gegenüber ist vollkommen. Er hat nichts zurückgehalten. Er hat uns geliebt und Sich Selbst für uns hingegeben; nicht nur Sein Leben, so wahr und gesegnet das ist, sondern Sich Selbst. Das Kreuz ist der stärkste Ausdruck Seiner Liebe, den es jemals geben kann; aber indem Er Sich Selbst hingab, gab Er alles was Er ist, als der Mensch Christus Jesus, der Heiland der Sünder. O beachte, mein lieber Mitpilger, die Größe dieser Gabe: Sich Selbst! - und betrachte Ihn, den Geber! Seine Liebe ist vollkommen. Er, Er Selbst ist dein!

Wir besitzen Christus in Seiner ganzen Fülle, Sein Name sei dafür gepriesen! Seine Weisheit, Seine Gerechtigkeit, Sein Friede, Seine Freude, Seine Gnade, Seine Herrlichkeit, die Vollkommenheit Seines Werkes, Sein Auferstehungsleben - mit einem Wort, Seine ganze Person mit all ihrer Schönheit und Herrlichkeit ist unser, ist dem Gläubigen für immer und ewig geschenkt. Groß, wunderbar groß ist das Geheimnis dieser vollkommenen Liebe. Betrachten wir von ihr hier nur kurz ein Beispiel. Es steht geschrieben, dass Christus „Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes“ (KoI 1,20). Das Wort „Friede“ bedeutet in dieser Verbindung Versöhnung. Wir sind mit Gott versöhnt, der Friede ist gemacht gemäß der Vollkommenheit Seines Werkes auf dem Kreuz. Aber es steht auch geschrieben: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Hier ist „Friede“ nicht gleichbedeutend mit „Versöhnung“, sondern es handelt sich um den eigenen Frieden Christi, wie Er ihn auf Erden in der Gemeinschaft mit Seinem Vater auf dem Pfad des Gehorsams genossen hat. Welch eine Gabe: „mein Friede“! ein Friede, der der Herrlichkeit Seiner Person entsprach und den Er uns als ein heiliges Vermächtnis in dem unruhigen Schauplatz dieser Welt hinterlassen hat. Und Er gibt nicht, wie die Welt gibt. Die Welt gibt einen Teil, und einen Teil hält sie für sich zurück; Er aber gibt alles. Welch eine Segnung! Was hat die Liebe nicht alles getan! Welch ein Vertrauen sollte diese unaussprechliche Gabe in unserem Herzen erwecken. Zu wissen und zu verwirklichen, dass Jesus mein ist, heißt vollkommenen Frieden und selige Ruhe in Seiner gesegneten Gegenwart genießen. Und wenn diese Gabe das Vertrauen unserer Herzen weckt, wie treibt sie uns andererseits an, uns Ihm ganz zu widmen, Leib, Seele und Geist unserem hochgelobten Herrn zu weihen. Möchten wir jenes Vertrauen kennen, und handeln, getrieben durch diese Liebe! - Ja, Herr, gib, dass unsere Liebe ein treuer Widerschein von Deiner Liebe sei!

Es ist schwer zu sagen, ob die ersten fünf Verse unseres Kapitels von den Töchtern Jerusalems oder von dem Bräutigam Selbst an die Braut gerichtet werden. Der Ton des sechsten Verses, in dem offenbar der Bräutigam spricht, scheint tiefer und inniger zu sein als vorher. Wenn Er ferner im 4. Kapitel von den Eigenschaften Seiner Geliebten redet, beginnt Er mit dem Haupt. Im 5. Kapitel tut die Braut im Blick auf den Bräutigam dasselbe. Hier aber ist es umgekehrt; die Beschreibung beginnt mit den Füßen und endet mit dem Haupt. Die Braut scheint in dieser Stelle von einem irdischen Gesichtspunkt aus betrachtet zu werden, als ob die Töchter Jerusalems zunächst durch ihren Wandel angezogen würden. Außerdem handelt es sich hier nicht so sehr um ihre persönliche, makellose Schönheit, die der Bräutigam so sehr bewundert und bei der Er so gerne verweilt, sondern vielmehr um Eigenschaften, die auf ihre königliche Würde anspielen; oder, wie man auch sagen könnte, es handelt sich mehr um nationale Herrlichkeit als um persönliche Schönheit.

Da wir bereits im 4. und 5. Kapitel die einzelnen Züge eingehender betrachtet haben, können wir uns hier darauf beschränken, die Bedeutung der Vergleiche kurz anzudeuten.

Der Ausdruck: „Wie schön sind deine Tritte in den Schuhen, Fürstentochter!“ erweckt den Gedanken an einen stattlichen Gang, an ein majestätisches Einherschreiten. Der Vergleich der Biegungen der Hüften mit einem kostbaren Kunstwerk bestätigt die Auffassung der Stelle. „Dein Nabel ist eine runde Schale, in der der Mischwein nicht mangelt; dein Leib ist ein Weizenhaufen, umzäunt mit Lilien“ (V. 3), deutet einen Überfluss von allem an, was erfreut und sättigt. Die Umzäunung mit Lilien erlaubt jedem den Zutritt; alle dürfen kommen und von der Freigebigkeit des Königs, von Seinen Gaben Gebrauch machen. Sie erinnert uns an die Einladung der Weisheit: „Kommt, esst von meinem Brote, und trinkt von dem Wein, den ich gemischt habe!“ (Spr 9,5). So voll, so reich und herrlich werden die irdischen Segnungen sein unter der friedlichen Regierung des wahren Salomo. Eine Fülle von Korn und Wein, umzäunt mit Lilien. Welch eine Vorstellung geben uns diese schönen und bezeichnenden Sinnbilder von dem Segenszustand im Tausendjährigen Reich. Wie schön und anmutig, wie sicher und friedlich muss das Land sein, dessen Grenzzäune aus den Lilien der Täler bestehen. Welch einen überwältigenden Eindruck müssen alle empfangen, die nach Jerusalem hinaufziehen! Jesus ist dort! Der König von Salem regiert, und alles ist nach Seinen Gedanken geordnet.

„Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen“ (V. 4), deutet vielleicht auf die Einigkeit und Harmonie hin, die in jenen Tagen die ganze Bevölkerung des Landes kennzeichnen wird. Von dem Segen Israels unter dem neuen Bund am Ende der Tage sagt das Wort: „Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinigkeiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleische wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut. Und ihr werdet im Land wohnen, das ich euren Vätern gegeben habe; und ihr werdet mein Volk, und ich werde euer Gott sein“ (Hes 36,25-28). Der Apostel sagt, unter Anwendung dieser Prophezeiung auf Israel: „Denn dies ist der Bund, den ich in dem Haus Israel errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem ich meine Gesetze in ihren Sinn gebe, werde ich sie auch auf ihre Herzen schreiben; und ich werde ihnen zum Gott, und sie werden mir zum Volk sein. Und sie werden nicht ein jeder seinen Mitbürger und ein jeder seinen Bruder lehren und sagen: Erkenne den Herrn! denn alle werden mich erkennen, vom Kleinen bis zum Großen unter ihnen“ (Heb 8,10.11). Wer könnte, mit solchen Stellen vor sich, an der vollen Wiederherstellung Israels, an der Wirklichkeit und Einheitlichkeit ihrer Segnung zweifeln?

„Dein Hals ist wie ein Turm aus Elfenbein“ (V. 5a) erweckt den Gedanken an Reichtum und Erhabenheit, vielleicht auch an Reinheit, da gutes Elfenbein bekanntlich schneeweiß ist. Der Ausdruck: „Deine Augen wie die Teiche zu Hesbon“ (V. 5b) lässt uns wohl an Ruhe, Tiefe und Klarheit denken. Wie ein ruhiger Teich das Antlitz von dem, der sich in ihm spiegelt, klar und deutlich wiedergibt, so wird dereinst Christus in Seiner geliebten Braut gesehen werden. Sie wird Seine Schönheit wiederspiegeln.

„Deine Nase wie der Libanon-Turm, der nach Damaskus hinschaut“ (V. 5c) erinnert an Kraft, Sicherheit und Obergewalt. Die Juden, das einst so allgemein verfolgte und über die ganze Erde hin zerstreute Volk, das in alter Zeit so oft Einfälle der Syrer zu erdulden hatte, kann nun auf Syrien und alle umherliegenden Völker hinblicken in turmgleicher Stärke. Alle Nationen der Erde liegen ihm zu Füßen. Der Turm blickt nach Damaskus hin, der Hauptstadt ihres einst so rastlosen und mächtigen Feindes. „Denn Damaskus ist das Haupt von Syrien, und Rezin das Haupt von Damaskus“ (Jes 7,8). Ein Turm, der auf dem Gipfel des Libanon steht, blickt herab auf alles, und wird gesehen von allen. Zu jener Zeit wird man auf der ganzen Erde wissen, dass die Macht JHWA-Jesus inmitten Seines geliebten Volkes wohnt; und das Volk wird die Obergewalt haben über alle Völker der Erde.

„Dein Haupt auf dir ist wie der Karmel“ (V. 6a). Der Berg Karmel war berühmt wegen seiner Weinberge, seiner Gärten und seines reichen Pflanzenwuchses. „Karmel“ bedeutet „Fruchtgefilde“. So wird Israel gekrönt sein mit Güte, das Land Immanuels wird gesegnet sein mit aller irdischen Segnung. Aber so herrlich dies auch sein wird, so ist es doch nur ein schwacher Schatten von den Segnungen der Kirche Gottes, sogar während sie noch als ein Pilgrim in dieser Welt wandert. Im Blick darauf ruft der Apostel aus: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus“ (Eph 1,3). Das ist der Charakter und das Maß der christlichen Segnungen, wenn sie überhaupt gemessen werden können. Verweile hier einen Augenblick, mein Leser, bei den drei kostbaren Dingen, von denen in dem eben angeführten Vers die Rede ist: 1. „Jede geistliche Segnung“. Keine fehlt; und es sind geistliche Segnungen, entsprechend der neuen Natur, die wir empfangen haben. 2. Sie sind „in den himmlischen Örtern“. Es ist der höchste, erhabenste Bereich, die besten Örter, die es gibt; nicht irdische Örter wie diejenigen Israels, so gesegnet sie sein mögen, sondern himmlische. 3. Sie sind „in Christus“; sie sind uns geschenkt in der gesegnetsten und herrlichsten Weise, in der Gott sie uns schenken konnte. Hier können wir keine Vergleiche ziehen; wir können nur bewundern und anbeten. O vermöchten wir nur mehr in das einzugehen, was bereits in Christus unser Teil ist, gemäß der Liebe unseres Gottes und Vaters, „der uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe“ (Eph 1,4).

„Das herabwallende Haar deines Hauptes ist wie Purpur: ein König ist gefesselt durch deine Locken!“ (V. 6b). „Purpur“ ist wiederum das Sinnbild königlicher Würde. Das Auge, das von den schönen Schuhen bis hinauf zu dem herrlichen Schmuck des Hauptes der Braut wandert findet nur Vollkommenes. Die liebliche Braut des Königs ist makellos. Der König ist von ihrer hinreißenden Schönheit überwältigt; Er ist gleichsam gefesselt durch ihre Locken, durch die Schönheit, die Er Selbst ihr gegeben hat. „Ganz herrlich ist des Königs Tochter drinnen, von Goldwirkerei ihr Gewand; in buntgewirkten Kleidern wird sie geführt werden zum König; Jungfrauen hinter ihr her, ihre Gefährtinnen, werden zu dir gebracht werden“ (Ps 45,13.14). - „Ein König ist gefesselt durch deine Locken.“ Er kann Seine königliche Braut nicht wieder aufgeben. Sie ist Ihm kostbar über alles; Er hat sie um einen teuren Preis erkauft und sie so herrlich gemacht, dass Sein Auge mit der höchsten Wonne auf ihr ruht. Wunderbare Liebe, überströmende Gnade! O, das Herz Jesu zu kennen, mein Leser, was könnte es Höheres und Herrlicheres geben!

„Wie schön bist du, und wie lieblich bist du, o Liebe, unter den Wonnen!“ (V. 7). Das ist ohne Zweifel des Bräutigams Stimme. Wir entdecken sofort mehr Tiefe und Innigkeit in diesem Vers als in den fünf vorhergehenden. Andere mögen die Braut bewundern, Er aber hat Seine Wonne an ihr. Durch Seine langmütige Gnade ist eine moralische Ähnlichkeit mit Ihm in der Geliebten hervorgebracht. Das sieht Er jetzt und erfreut Sich darin. Je vollkommener Christus Sein Bild in uns wiederfindet, desto größer wird Seine Wonne an uns sein. Das ist eine notwendige und auch leicht verständliche Wahrheit.

Ein gerader, aufrichtiger Mensch findet kein Gefallen an einem Mann, der krumme Wege liebt; ein ehrlicher kein Gefallen an einem unehrlichen. Eine Person von reinen Sitten kann keine Gemeinschaft haben mit jemand, der in Unreinheit wandelt. Der Aufrichtige erfreut sich an Aufrichtigkeit, der Ehrliche an Ehrlichkeit, der Reine an Reinheit. So kann auch der Herr nur Seine Freude an dem finden, was Seine eigene Vollkommenheit, wenn auch notwendigerweise in geringem, unvollkommenem Maße, wiederstrahlt, was Ihm ähnlich ist. Welch eine gesunde, praktische Lektion kannst du hieraus lernen, meine Seele! Inwieweit, lass dich fragen, bist du Christus ähnlich? Denke an Seine Liebe, Seine Heiligkeit und an die Vollkommenheit aller Seiner Wege; und dann frage dich: „Inwieweit findet Er Sein eigenes Bild in mir wieder?“ Und weiter: „Inwieweit kann Er Seine Wonne an mir finden?“ Weise solche tief erforschenden Fragen nicht ab; bleibe in dem Licht und prüfe dort alle deine Wege mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. - Was machte Paulus zu einem treuen Diener und Zeugen Christi? Was rief eine so himmlische Gesinnung in ihm hervor? Er konnte sagen: „Eines aber tue ich“. Und was war dieses eine? Sein Auge war auf Christus in der Herrlichkeit droben gerichtet, und sein Herz verlangte sehnlichst nach Ihm. Ein im Himmel verherrlichter Christus war der eine Gegenstand, der vor seiner Seele stand. Und das allein wird auch in uns ein Verhalten und eine Gesinnung hervorrufen, an welchen Christus Seine Wonne finden kann. „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2. Kor 3,18).

Doch inmitten aller unserer Fehler, Versäumnisse und Mängel ist es tröstlich zu wissen, dass ein Tag kommt, an dem Er von dem, was Er liebt und woran Er Seine ganze Wonne findet, umgeben sein wird. Dann werden alle himmlischen Heiligen Seinem verherrlichten Leib gleichgestaltet, vollkommen in dasselbe Bild verwandelt sein. „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen wie er ist“ (1. Joh 3,2). Und an diesem zukünftigen Tag der Herrlichkeit Christi wird auch von Israel, als Seinem Volk hier auf Erden, gesagt werden: „Nicht mehr wird man dich „Verlassene“ nennen, und dein Land nicht mehr „Wüste“ nennen; sondern man wird dich nennen: „Meine Gefallen an ihr“, und dein Land: „Vermählte“; denn der HERR wird Gefallen an dir haben, und dein Land wird vermählt werden“ (Jes 62,4). - O Herr, beschleunige diesen herrlichen Tag, um Deines großen Namens willen!

„Dieser dein Wuchs gleicht der Palme, und deine Brüste den Trauben“ (V. 8) dürfen wir wohl als Sinnbilder der Geradheit oder Aufrichtigkeit und der Reife und Fruchtbarkeit betrachten. Die Palme wird oft in der Schrift in sinnbildlicher Weise erwähnt. Ihr Stamm ist glatt, aber schlank, anmutig und gerade - das Bild der Geradheit. Wird sie auch für eine längere Zeit umgebogen, so richtet sie sich doch, sobald der Druck aufhört, wieder auf. Sie will nicht krumm wachsen; alle Lebenskraft des Baumes drängt nach oben. Schönes Bild von der Art und Weise, wie die Juden einst, nach Aufhebung des langen Druckes, der auf ihnen gelegen hat, ihre Häupter wieder erheben werden. Einige Palmenarten erreichen eine beträchtliche Höhe; und da die Palme keine Äste treibt, sondern nur eine prächtige, reiche Blätterkrone trägt, ist es oft mit vieler Mühe verbunden, die Frucht einzuernten. An diesen Umstand erinnert wohl der nächste Vers: „Ich sprach: Ich will die Palme ersteigen, will ihre Zweige erfassen“. Die Früchte des Geistes sind nie unerreichbar für den Herrn. Er sammelt sie und schätzt sie hoch an Seinem Volke. Doch noch an etwas anderes erinnert uns die Palme. Kein Augenblick ist dem durstigen Wanderer in dem Sandmeer der Wüste willkommener, als wenn Palmenwipfel am Horizont aufsteigen. Es ist das sichere Zeichen, dass erquickendes und belebendes Wasser in der Nähe ist (vergl. 2. Mo 15,27).

Die Schrift liefert uns ferner viele Beispiele von dem sinnbildlichen Gebrauch der Palmzweige oder der gewaltigen Blätter, die eine Länge von 3 - 3 ½ m erreichen, als Zeichen des Sieges. Bei dem Laubhüttenfest, einer Zeit großer Freude in Israel, wurden sie vornehmlich verwendet, „Und ihr sollt euch am ersten Tag Frucht nehmen von schönen Bäumen, Palmzweige und Zweige von dichtbelaubten Bäumen und von Bachweiden, und sollt euch vor dem HERRN, eurem Gott, freuen sieben Tage“ (3. Mo 23,40). Auch die unzählige Volksmenge, die Johannes vor dem Thron und vor dem Lamm sah, war „bekleidet mit weißen Gewändern, und Palmen in ihren Händen“ (Off 7,9). Heute noch redet man viel von der Siegespalme; sie wird dem Sieger als Preis zuerkannt.

„Ich sprach: Ich will die Palme ersteigen, will ihre Zweige erfassen; und deine Brüste sollen mir sein wie Trauben des Weinstocks, und der Duft deiner Nase wie Äpfel, und dein Gaumen wie der beste Wein, - der meinem Geliebten sanft hinuntergleitet, der über die Lippen der Schlummernden schleicht“ (V. 9b und 10). Die liebliche Braut des Königs hat also ihre moralische Reife erlangt. Sie ist vollkommen in Seinen Augen, die Wonne Seines Herzens, das Bild Seiner Selbst. Das Gebet ist beantwortet, die Verheißung erfüllt: die Lieblichkeit des HERRN ist über ihr; der Gerechte sprosst wie der Palmbaum. Ja, das Fest der Laubhütten ist gekommen, die Braut schwingt triumphierend die Siegespalme; ihre Freude ist voll. Gerade und erhaben wie die Palme, ihr Haupt herrlich gekrönt, zu ihren Füßen ein erfrischender Quell; dabei schwach und abhängig gleich der Rebe, aber sich anklammernd an den Mächtigen Israels und reiche Frucht tragend zu Seiner Verherrlichung - so erscheint sie vor unseren Blicken. Die Rebe ist eines der lieblichsten Sinnbilder von dem schwachen Zustand des Menschen und doch von einer überreichen Fruchtbarkeit durch das Vertrauen auf Gott, durch das Bleiben in dem wahren Weinstock. „Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2. Kor 12,10). Der Wohlgeruch der Braut ist gleich dem Duft der Äpfel (V. 8), der Frucht des Baumes, den wir bereits als das schöne Sinnbild des Geliebten kennen gelernt haben (Kap. 2,3). Sie verbreitet um sich den süßen Wohlgeruch Seines Namens.

Von der Mitte des 9. Verses an scheint der Bräutigam in den lieblichen Reizen Seiner Braut zu ruhen. Sein Herz ist befriedigt. Er sieht in ihr die Frucht der Mühsal Seiner Seele und ist gesättigt (Jes 53,11). Das Begehren Seiner Liebe hat Befriedigung gefunden. Glückliche Braut! Glückliches Israel! Vollkommen und auf immerdar wiederhergestellt, so dass der Herr, dein Gott, in dir ruht! Er wird erquickt durch „den besten Wein“, den du für Ihn, deinen Geliebten, bereitet hast, und der Ihm „sanft hinuntergleitet“. - Sollte in dem Herzen irgendeines meiner Leser noch eine Frage bestehen hinsichtlich der herrlichen und gesegneten Wiederherstellung der Juden in den letzten Tagen, möge er dann die nachstehende schöne Prophezeiung mit Aufmerksamkeit erwägen. Dass sie ihre Erfüllung bis heute noch nicht gefunden hat, kann sicherlich niemand bezweifeln. „Jubele, Tochter Zion; jauchze Israel! freue dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der HERR hat deine Gerichte weggenommen, deinen Feind weggefegt; der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte, du wirst kein Unglück mehr sehen. An jenem Tage wird zu Jerusalem gesagt werden: Fürchte dich nicht! Zion, lass deine Hände nicht erschlaffen! Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein rettender Held; er freut sich über dich mit Wonne, er schweigt in seiner Liebe, frohlockt über dich mit Jubel“ (Zeph 3,14-17).

„Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen“ (V. 11). Das ist, wie wir wohl sagen dürfen, die höchste Note, der reinste Ton in dem Lied der Lieder. Die Seele ist jetzt völlig fertig mit sich selbst, und einzig und allein mit Christus beschäftigt. In ihren Worten drückt sich, nach unserer Meinung, die höchste Vorstellung von Christus aus: Sein Verlangen ist nach mir; Er hat Seine Wonne an mir! Die Gnade hat ihr vollkommenes Werk getan, die Seele ist gegründet in der Gnade; und gerade dies ist die höchste Schönheit an dem Gläubigen, das, woran der Herr Seine besondere Freude findet. Solange eine Seele unter dem Gesetz steht, erreicht sie niemals diesen Platz des Vertrauens, der Ruhe und der ungestörten Freude. Sie vermag eine so hohe Note nicht zu singen. Sie ist mit Zweifeln und Befürchtungen erfüllt. Nicht als ob das Gesetz nicht gut wäre; im Gegenteil: es ist gerecht, heilig und gut. Aber der Mensch kann es nicht halten; und nun der Gedanke an die Zukunft! Wir können nicht auf ewig auf dieser Erde bleiben. Und wenn wir sie nun verlassen müssen, was dann? Dann kommt der Richterstuhl. Eine finstere Wolke hängt über der Zukunft. Ach, die arme, beunruhigte Seele glaubt nicht, obgleich es klar und deutlich geschrieben steht, dass sie aus Gnaden, mittels des Glaubens, ewiges Leben hat und nicht mehr ins Gericht kommt; sie weiß nicht, dass sie aus dem Tod in das Leben hinübergegangen ist (Joh 5,24).

Die Gnade allein kann die Seele in diesen glücklichen, gesegneten Zustand bringen. Das Gesetz vermag es nicht, weil es alle Übertreter verdammen muss und kein Erbarmen kennt. Überdies, wenn ich Furcht habe, dann habe ich Pein. Aber „die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe“ (1. Joh 4,18). Diese „vollkommene Liebe“ gibt sich kund in einer vollkommenen Gnade, und die Gnade allein vermag die Seele zu gründen in der Liebe unseres Gottes und Vaters und unseres Herrn Jesus Christus, und in Seinem auf Golgatha vollbrachten Werk. Israel sang sein erstes Loblied jenseits des Roten Meeres, wo die Gnade sich in der vollendeten Errettung des Volkes voll und ungehindert offenbarte. In Ägypten vernehmen wir keinen Lobgesang, und noch weniger am Fuß des Berges Sinai, wo das Volk die Donner des Gesetzes hörte. Hier gab es nur Furcht und Zittern. Seit jenem Augenblick ist Israel stets unter dem Gesetz gewesen, und muss es sein, bis sein Messias kommt. (Diejenigen Israeliten, die heute Buße tun und an Jesus gläubig werden, verlassen damit natürlich den jüdischen Boden, werden Glieder des Leibes Christi und erlangen alle die Vorrechte und Segnungen eines gegenwärtigen Heils.)

Die Lage der Juden in ihrer Gesamtheit und besonders als die, die den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt haben, findet ihr treffendes Vorbild in der Lage des „Totschlägers“ unter dem Gesetz., Er war gezwungen, in der Zufluchtsstadt zu bleiben, bis eine Veränderung des Priestertums eintrat (4. Mo 35). Erst nach dem Tod des jeweiligen Hohenpriesters durfte er in das Land seines Eigentums zurückkehren. So wird auch Israels volle Befreiung erst kommen, wenn ihr Messias in Seiner Melchisedek-Herrlichkeit erscheinen wird. Dann wird Er sie von dem Druck des Gesetzes befreien, unter dem sie seufzen und leiden, und wird sie erretten aus der Hand aller ihrer Bedränger. Er wird ihnen begegnen entsprechend dem lieblichen Bild in 1. Mo 14 und ihre wankenden Herzen erquicken und stärken mit dem Brot und Wein des Reiches. Ihre so lange verblendeten Augen werden dann sich öffnen, um ihren Messias zu sehen, und zu erkennen, dass Er alles für sie ist.

Erfahrungen dieser Art finden wir im Hohenlied nicht. Sie würden nicht im Einklang stehen mit dem Gegenstand des Buches. Der Geist der Prophezeiung macht uns vielmehr mit den Herzensübungen des Überrestes bekannt; es handelt sich um innere Gefühle, Zuneigungen und Erfahrungen, so wie in den Psalmen die Übungen des Gewissens im Vordergrund stehen, durch die der Überrest am Ende der Tage gehen wird.

Wir erinnern uns, dass die Braut in Kap. 2,16 ihrer Freude darüber Ausdruck gab, dass sie den Messias gefunden hatte, dass sie Ihn besaß: „ Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein“. In Kap. 6,3 hatte ihre Erfahrung schon einen höheren Grad erreicht; ihr Herz fand süße Genugtuung und Befriedigung in dem Bewusstsein, dass sie Ihm angehörte: ,,Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein“. In dem vorliegenden Vers aber gelangt sie zu dem Gipfelpunkt in den Erfahrungen einer Seele; sie ruht in der seligen Gewissheit, dass Sein Herz nach ihr verlangt: „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen“. Es ist, wie bereits gesagt, das herrliche Ergebnis der geduldigen und langmütigen Gnade des Herrn; sie ist in Seinen Augen das Bild makelloser Schönheit und Vollkommenheit, sie weiß das, und ihr Herz ruht selig und frei in diesem kostbaren Bewusstsein. „Nach mir ist sein Verlangen“ - höher als das kann die Seele sich nicht erheben; Besseres kann sie nicht erlangen. Sie findet alles in der unveränderlichen Liebe Christi zu ihr. Das ist die tiefste Freude des Herzens, das gibt unerschütterlichen, süßen Frieden. Welch ein Teil für einen armen, aus Gnaden erretteten Sünder, alle seine Quellen in der Liebe Jesu zu finden; sagen zu können: „Er kennt mich ganz und gar; Er weiß, was ich war und was ich bin. Und dennoch liebt Er mich, ja Er liebt mich nicht nur, sondern Er findet auch Seine Wonne an mir.“ Wunderbare Wahrheit! Lass mich hier fragen, mein Leser: Ist die Harfe deines Herzens so gestimmt, dass sie diesen Ton hervorzubringen vermag? Oder ist eine gewisse Anstrengung deinerseits dazu erforderlich? - Ach, das Lied von Seiner Liebe sollte nie schwächer werden, sollte keinen Augenblick auf unseren Lippen verstummen; nein, es sollte lauter und lauter ertönen, mehr und mehr anschwellen, je näher wir der Herrlichkeit kommen, wo derselbe Herr Jesus und dieselbe Liebe ewig Gegenstand unseres Lobens und Dankens sein werden.

„Komm, mein Geliebter, lass uns aufs Feld hinausgehen, in den Dörfern übernachten. Wir wollen uns früh aufmachen zu den Weinbergen, wollen sehen, ob der Weinstock gesprosst hat, die Weinblüte sich geöffnet hat, ob die Granatbäume blühen; dort will ich dir meine Liebe geben“ (V. 12. 13). In der vollen Gemeinschaft mit ihrem Bräutigam und im seligen Genuss Seiner Liebe wendet sich jetzt die Braut an ihren Geliebten. Der Ton ihrer Anrede und der Charakter ihrer Worte übersteigt alles, was wir bisher von ihr gehört haben. Sie redet nur noch von Dingen, von denen sie weiß, dass sie Ihm wohlgefällig sind. Ihr Glaube hat das Maß Seiner Gedanken und Gefühle bezüglich ihrer Person erreicht. So war es einst auch bei David im Terebinthental (1. Sam 17). Sein Glaube erhob sich zu den Gedanken und Gefühlen Gottes bezüglich Seines Volkes Israel, und rechnete dementsprechend auf Ihn. Das ist der wahre Boden der Gemeinschaft: Einheit der Gefühle und des Herzens mit Christus.

Der Ausdruck: „Lass uns aufs Feld hinausgehen, in den Dörfern übernachten“, scheint anzudeuten, dass die Segnung und Herrlichkeit des tausendjährigen Reiches die Grenzen Israels überschreiten werden. Die Felder und Täler liegen außerhalb der Stadt. Jerusalem und die Städte Judas werden, als der irdische Mittelpunkt der Herrlichkeit des Messias, ohne Zweifel zuerst mit ihr erfüllt werden. Aber von diesem Mittelpunkt aus wird sie sich zur Rechten und zur Linken ausbreiten, bis die ganze Erde von jener Herrlichkeit erfüllt sein wird. Was mir so besonders lieblich und gesegnet in der vorliegenden Stelle erscheint, ist die Tatsache, dass die Juden mit ihrem Messias in dieser Herrlichkeit verbunden sein werden. Christus und Sein Volk sind gleichsam füreinander gebildet, und erfreuen sich miteinander all der Segnungen der Erde. „Komm, mein Geliebter“, sagt die Braut, „lass uns aufs Feld hinausgehen, ... wir wollen uns früh aufmachen“ usw. Bräutigam und Braut besuchen und überschauen in glückseliger Gemeinschaft die weiten, ausgedehnten Gefilde tausendjähriger Segnung und Herrlichkeit. Hernach fügt sie mit der Vertraulichkeit eines Herzens, das sich in Seiner Gegenwart völlig daheim fühlt, hinzu: „Dort will ich dir meine Liebe geben“. Ihr Herz wallt über. Das Wort „Liebe“ steht im Hebräischen in der Mehrzahl. Eine tiefe, überströmende Liebe erfüllt ihr ganzes Inneres und geht aus, dem Bräutigam entgegen. Und in der Tat, unsere Liebe kann nie zu tief, zu glühend sein, wenn Christus der Gegenstand unserer Herzen ist.

Ich brauche kaum noch einmal darauf aufmerksam zumachen, dass die Kirche und alle Heiligen, die bei der Ankunft des Herrn auferweckt und entrückt werden, bereits mit Christo in dem Jerusalem droben verherrlicht sind, bevor der König mit Seiner irdischen Braut vereinigt wird. Denn es ist der Vorsatz Gottes, alles was im Himmel und auf Erden ist, unter ein Haupt zusammenzubringen, und dieses Haupt ist Christus. Er wird die himmlischen wie die irdischen Teile Seines Reiches unter Seinem Szepter vereinigen. Sie werden miteinander verbunden sein, wie es einst vorbildlich durch die Leiter Jakobs dargestellt wurde. Die Herrlichkeit der himmlischen Heiligen wird den Heiligen auf Erden, ja der ganzen Welt sichtbar sein. „Damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, gleichwie du mich geliebt hast“ (Joh 17,23). Und im Blick auf das neue Jerusalem lesen wir: „Die Nationen werden durch ihr Licht wandeln, und die Könige der Erde bringen ihre Herrlichkeit zu ihr“ (Off 21,24).

„Die Dudaim duften, und über unseren Türen sind allerlei edle Früchte, neue und alte, die ich, mein Geliebter, dir aufbewahrt habe“ (V. 14). Die glückliche Braut entdeckt jetzt in ihrem Herzen eine Fülle von kostbaren Früchten für den Sohn Davids, allerlei edle Früchte, neue und alte. Wir dürfen unter diesen Früchten wohl die Dankbarkeit und Liebe, die Hingebung und Anbetung ihres Herzens verstehen. Die Schlussworte der Braut sind von besonderer Schönheit: „die ich, mein Geliebter, dir aufbewahrt habe“. Eine ganz neue Art von Gefühlen ist in ihrer Seele für den Herrn erwacht; Gefühle, wie sie sie vorher nie gehabt hat und auch für niemanden anders haben könnte. Ihr Herz, das so lange dürr und leer war, ist jetzt mit der Liebe ihres Messias erfüllt und bringt die Früchte dieser Liebe dar. Er hat Zuneigungen in ihr wachgerufen, die Ihm Selbst eigen sind, und die. gleichsam während der ganzen Zeit ihres Umherirrens verschlossen gewesen und für Ihn aufbewahrt geblieben sind.

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