Betrachtungen über das Lied der Lieder

Kapitel 2

„Ich bin eine Narzisse von Saron, eine Lilie der Täler“ (V. 1). Welch eine wunderbare Sache ist die Gnade, die Gnade Gottes für den Sünder. Welche mächtigen Veränderungen bringt sie in denen hervor, die sie kennen, in Bezug auf ihre Gedanken, Gegenstände des Herzens, Wünsche und Zuneigungen. Sie teilt uns die Gedanken des Herrn mit über das, was wir in Seinen Augen und für Sein Herz sind. Beachte dieses wohl, mein Leser, und sinne darüber. Der Brunnen ist tief, und seine Wasser sind zu jeder Zeit frisch und erquickend. Trinke daraus, frei und ungehindert.

Gnade kennen heißt Gott kennen, Sein volles Heil durch Jesus Christus, mittels der Belehrung des Heiligen Geistes. Noch vor kurzem hat die Braut bekannt: „Ich bin schwarz ... schwarz wie die Zelte Kedars“ ; und jetzt ist sie durch die Gnade fähig gemacht, in Wahrheit und ohne irgendwelche Zweifel zu sagen: „Ich bin eine Narzisse von Saron, eine Lilie der Täler“; ich bin das, was den höchsten Schmuck von Saron bildet, was die Täler schön und lieblich macht. Sie spricht nicht in allgemeinen Ausdrücken, sondern in der bestimmtesten Weise von dem, was sie dem Bräutigam so anziehend erscheinen lässt. Sie rühmt sich nicht eitler Weise anderen gegenüber, sondern redet unmittelbar zu Ihm, in dem freudigen Bewusstsein des Platzes, den sie in Seinem Herzen hat. Eine völlige Gemeinschaft ist vorhanden; denn Er fügt sofort hinzu: „Wie eine Lilie inmitten der Dornen, so ist meine Freundin inmitten der Töchter „(V. 2). Und an einer späteren Stelle dieses Buches sagt Er: „Eine ist meine Taube, meine Vollkommene; sie ist die einzige ihrer Mutter, sie ist die Auserkorene ihrer Gebärerin“ (Kap. 6,9). Von solcher Art ist die Liebe und Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, und das ist der besondere Platz, den Seine Braut in Seinen Augen hat; die Ausdrücke Seiner Zuneigung übertreffen stets die Ausdrücke ihrer Zuneigung. Das ist überaus köstlich für das Herz. Wie groß ist doch der Unterschied zwischen der herrlichen, duftenden Lilie und einem scharfen, verletzenden Dorn!

Es gibt viele Gläubige, die, wenn sie solche Wahrheiten hören, unwillkürlich ausrufen: ,,O ich bin eines solchen Platzes nicht wert!“ - Sicherlich nicht, mein Freund, wenn du an deine eigene Würdigkeit denkst. Was für einen Platz aber meinst du wert zu sein? Wahrscheinlich einen niedrigeren. Aber ist das Demut? Nein, es ist Stolz! Wir verdienen in Seiner Gegenwart überhaupt keinen Platz; folglich muss jeder Platz, den Er uns gibt, eine Folge reiner, unumschränkter Gnade sein. An der Türschwelle zu stehen, würde ebenso wohl unvermischte Gnade sein, als auf Thronen zu sitzen.

Ohne Zweifel dachte der verlorene Sohn, dass es sehr demütig von ihm sein würde zu sagen: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“. Aber es war nicht Demut, sondern ein Rest von Stolz und Gesetzlichkeit des Herzens. Alle solche Gedanken entstammen dem natürlichen Herzen, das überaus stolz und selbstgerecht ist und weder seinen eigenen Zustand noch die Gnade Gottes kennt. Wahre Demut steht von ferne und bekennt, dass sie nicht wert sei, auch nur die Augen zum Himmel aufschlagen zu dürfen (Vergl. Lk 18). Der verlorene Sohn hatte ebenso wenig Anspruch auf den Empfang eines Tagelöhners, als auf den eines Sohnes. Er hatte auf dem Boden der Gerechtigkeit alle Ansprüche verloren. Er hatte nur einen Grund, auf dem er wagen durfte zu kommen, und das war seine dringende Not. Nur Gnade konnte ihm begegnen. Wäre ihm Gerechtigkeit widerfahren, so würde ewige Verdammnis sein Los gewesen sein. Aber die Gnade herrscht; kein Wort wird gesagt über seine Sünden. Er hätte auch nicht für eine aus tausend einstehen können. Die Frage der Sünde wurde am Kreuz zwischen Gott und Christus geordnet. Und jetzt strahlt die Gnade in ihrem ganzen himmlischen Glanz. Das Herz des Vaters ist die Quelle von allem, und Er hat Seine Freude daran, Gnade zu üben. Er handelt Sich Selbst gemäß. Die Ansprache, die der Sohn sich vorher überlegt hatte, wird unterbrochen; er kommt nicht so weit zu sagen: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“. Wie hätte es auch sein können? Die Gnade verhinderte es; der Vater lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn sehr. Die Versöhnung fand ihren Ausdruck und ihre Vollendung in dem Augenblick, da Vater und Sohn zusammentrafen. Der Sohn empfing sofort den Kuss des Friedens. Die Gnade ist frei. Nachdem Gott das Sühnungswerk am Kreuz entgegengenommen hat, wird uns die Versöhnung in dem Augenblick zuteil, da wir in Christus mit Ihm zusammentreffen.

Und nun, durch das Blut des Kreuzes versöhnt, wird der einst verlorene und verderbte Sünder zum Sohn und Erben gemacht, zum Erben Gottes und Miterben Christi. Das ist Gnade, die Gnade Gottes in Christus Jesus für alle, die an Seinen Namen glauben. Sie werden die leuchtenden Gefäße dieser Gnade bilden in all den endlosen Zeitaltern der Ewigkeit. Welch ein Platz für den einst armen, freund- und heimatlosen Wanderer, und das für immer und ewig. So offenbart Gott Seinen Charakter der Gnade; Er will „in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erweisen in Christus Jesus“ (Eph 2,7).

Beachten wir auch, dass die Braut sagt: „Ich bin eine Lilie der Täler“. In dem stillen Tal findet sie ihren heimatlichen Boden. Dort blüht sie für das Auge ihres Geliebten, und dort verbreitet sie ihren Wohlgeruch zu Seiner Erquickung. „Er weidet unter den Lilien.“ In der Stadt verliert sie die Freude Seiner Gegenwart und wird von den Wächtern verhöhnt und beschämt (Kap. 5). Wie viel besser wäre es für sie gewesen, hätte sie nie ihre stillen Täler verlassen. Welche beachtenswerte Unterweisung liegt hierin auch für uns, geliebter Leser. Fern von dem Strom und dem Geist dieser Welt, fern von ihren Reizen und anziehenden Dingen sollten wir darüber sinnen, was dem Auge Jesu wohlgefällig und Seinem Herzen angenehm ist. Wie wunderbar, dass Er, der Sich auf den Thron Seines Vaters gesetzt und Sich mit Dessen Herrlichkeit umgeben hat, noch solcher wertloser Geschöpfe gedenkt; wie wir sind; ja, mehr noch, dass Er erfreut und erquickt, oder betrübt und verwundet wird durch unser Verhalten hier auf Erden. Ach, dass Er so oft verwundet wird in dem Hause derer, die Ihn lieben. Sollte es irgendetwas unter der Sonne geben, das einem Christen mehr Freude bereiten könnte, als Ihm zu gefallen? Können wir uns etwas Unwürdigeres denken als einen Christen, der sich selbst zu gefallen sucht und seine Freude an den Dingen dieser Welt findet? obwohl er weiß, dass er das Herz Dessen betrübt, den zu erfreuen sein ganzes Bestreben sein sollte - Ihn, der für ihn starb auf Golgatha?

O möchten wir uns alle in Aufrichtigkeit prüfen, wie es in dieser Beziehung mit uns steht, und schonungslos mit uns ins Gericht gehen. „Richtet auf die erschlafften Hände und die gelähmten Knie und machet gerade Bahn für eure Füße, damit nicht das Lahme vom Wege abkomme, sondern vielmehr geheilt werde“ (Heb 12,12.13). Wie köstlich ist es für das Auge des guten Hirten, wenn er diejenigen, für die Er starb, mit freudigem Herzen wandeln sieht in den „Spuren seiner Herde“, und weidend „bei den Wohnungen der Hirten“. Dort finden sie zarte, grüne Weide und stille Wasser der Ruhe. Wie betrübend dagegen für den Erzhirten und Seine Unterhirten, wenn er sieht, wie ein Jünger Jesu, der für eine Zeit mit seinem ganzen Herzen dem Herrn ergeben schien, den Vorstellungen unbekehrter Freunde und den Reizen der Welt nachgibt; wie betrübend, wenn ein solcher nach allerlei Gründen und Entschuldigungen sucht, um wenigstens bis zu einem gewissen Grad Hand in Hand mit der Welt gehen zu können. „Muss ich denn wirklich dieses, muss ich jenes aufgeben?“ hört man oft fragen. Ach, mein Bruder, meine Schwester, denke lieber daran, was du zuerst aufgeben musst, um die Freuden der Welt wieder genießen zu können. Für ihre Eitelkeiten und Torheiten musst du Christus aufgeben (Ich meine, Christus im Blick auf den praktischen Genuss. Du weißt, dass du nicht zu gleicher Zeit den Herrn und jene Dinge genießen kannst. Darum: du musst diese Dinge für Christus aufgeben. Zögerst du noch? O richte dann deinen Blick auf das Kreuz. Wie hat Er dich geliebt! Seine Liebe trieb Ihn in den Tod, in den Tod für dich, um dich von deinen Sünden, von der Welt und ihren Dingen, ja, von der ewigen Verdammnis zu befreien. Wirf dich zu Seinen Füßen nieder mit aufrichtiger, göttlicher Betrübnis. Du hast Sein Auge beleidigt, Sein Herz betrübt, Seinen Namen verunehrt. Bekenne Ihm alles; und du wirst vollkommen wiederhergestellt werden, deine vergangenen Sünden werden vergeben und vergessen werden für immer.

Solange dieses nicht geschieht, ist die Gemeinschaft mit dem Herrn unterbrochen, die geistliche Gesinnung und der Ernst des Herzens sind dahin. Du gehst rückwärts, schneller und immer schneller; und wenn nicht der Herr in Seiner Gnade die Räder des Wagens zum Stehen bringt, wer kann dann sagen, wie schnell und wie weit er abwärts rollen wird? Vielleicht tritt etwas ein, das plötzlich den Rückgang aufhält; aber der Schaden, der geschieht, lässt vielleicht für immer seine ernsten, beschämenden Spuren zurück. Möge die Gnade des Herrn uns erleuchten und viele in die Wüste zurückführen, die nahe am Rande der Welt sich aufhalten und begehrliche Blicke über die Linie der Absonderung hinüberwerfen. Ja, Herr, entwöhne Du uns alle von dem gegenwärtigen, bösen Zeitlauf; lass Du uns gekleidet sein in den bescheidenen, einfachen Schmuck der Lilie für Dich allein; Bewahre uns vor der Sucht, in den Augen der Welt glänzen zu wollen. Wahrlich, teurer Herr, Deine Worte: „Wie eine Lilie inmitten der Dornen, so ist meine Freundin inmitten der Töchter“, sind von unendlich höherem Wert als alles, was wir um Deinetwillen aufgeben mögen.

„Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter inmitten der Söhne; ich habe mich mit Wonne in seinen Schatten gesetzt, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß“ (V. 3). Aus verschiedenen Stellen der Schrift (vergl. Joel 1,12) geht hervor, dass der Apfelbaum im Lande Palästina vielfach vorkam und wegen seines kühlenden Schattens und seiner schmackhaften, lieblich duftenden Frucht (vergl. Kap. 7,8) allgemein geschätzt wurde. Im Vergleich mit den gewöhnlichen Bäumen des Waldes muss er ohne Zweifel dem müden, durstigen Wanderer sehr begehrenswert erschienen sein. Und so stellt auch die Braut einen Vergleich an zwischen ihrem Geliebten und anderen. „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter inmitten der Söhne.“ Niemand ist gleich Ihm. Er ist „ausgezeichnet vor Zehntausenden“; und sie steht in dem vollen Genuss von dem, was Er ist, nicht bloß Seiner Gaben, so herrlich sie auch sein mögen, sondern Seiner Selbst.

Hier finden wir eine völlige, persönliche Gemeinschaft. Die Braut ist in dem ungetrübten Licht Seiner Gunst und Liebe, und ihre Antwort auf diese Liebe ist vollkommen. Wenn Er sagt: „Wie eine Lilie inmitten der Dornen, so ist meine Freundin inmitten der Töchter“, so erwidert sie: „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter inmitten der Söhne“. Welche Wunder hat die Gnade bewirkt? Zu welchen Höhen leitet sie? Hätte der Jude, wenn er auch die steilen Felsen des Sinai erstiegen hätte, je die Gegenwart Gottes erreichen können? Nein, alles muss Gnade sein von Anfang bis zu Ende. Durch sie haben wir nicht nur eine vollkommene Versöhnung, sondern sind auch in die Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes eingeführt. Und der Herr freut Sich über das Werk Seiner Liebe, wie geschrieben steht: „Er freut sich über dich mit Wonne, er schweigt in seiner Liebe, frohlockt über dich mit Jubel“ (Zeph 3,17). Die Braut ruht ebenfalls in dieser unveränderlichen Liebe. „Ich habe mich mit Wonne in seinen Schatten gesetzt, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.“ Ihre Seele findet Ruhe, Freude und Überfluss. Das Herz nährt sich von Christus. Jedes Bedürfnis ist gestillt. Sie fühlt sich bei Ihm zu Hause und ist glücklich. Einst hatte sie einen anderen Platz, den Platz der Sünde und des Todes. Aber der Herr hat sie daraus erlöst und sie an Seinen eigenen, Seinen neuen Platz als der auferstandene Messias gebracht. Das ist jetzt ihr Platz; sie kann nicht an beiden Plätzen zugleich sein. „Unter dem Apfelbaum habe ich dich geweckt“ (Kap. 8,5). Der Apfelbaum ist Christus.

Israel, das sich heute bereits wieder seinem Lande, allerdings in eigener Kraft, zuwendet und aus seinem bisherigen Zustande des nationalen Todes, wenn auch im Unglauben, zur staatlichen Selbständigkeit erwacht ist, wird, wie wir wissen, erst unter Christus nach vorangegangenen unvorstellbaren Drangsalen die Segnungen des neuen Bundes genießen. Inmitten großer Not in dem Lande und furchtbarer Gerichte Gottes, wie sie nie da gewesen sind und auch nie wieder sein werden, wird dann Barmherzigkeit der einzige Boden für den treuen Überrest, vollkommene Hilflosigkeit sein einziges Anrecht, und Christus sein einziger Weg sein. Wenn es einmal so weit gekommen ist, so steht alles wohl, für immer wohl für Israel wie für die Nationen. Israel wird noch einmal auf diesem Boden und unter diesem gesegneten Haupt gesammelt werden. Dann werden sie unter Seinem Schatten sitzen im vollsten Sinn des Wortes, und Seine Frucht wird ihrem Gaumen süß sein - die herrliche Frucht Seiner wunderbaren Liebe, indem Er für das widerspenstige Volk starb. „Und also wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: Es wird aus Zion der Erretter kommen. Er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden“ (Röm 11,26). „An jenem Tage, spricht der HERR der Heerscharen, werdet ihr einer den anderen einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum“ (Sach 3,10).

„Er hat mich in das Haus des Weins geführt, und Sein Banner über mir ist die Liebe“ (V. 4). Indem wir die verschiedenen Szenen der Freude betrachten, in welche die glückliche Braut durch den König eingeführt wird, müssen wir einen Augenblick bei der Quelle dieser vielen Segensströme verweilen. Es ist das Vorrecht des Gläubigen, aus der Quelle wie auch aus dem Strom zu trinken. Gott Selbst ist die Quelle aller unserer Segnungen. Die Freuden sind zahllos, die sich zu Seiner Rechten finden. Aber die tiefe Quelle des vollsten, reichsten Segens ist die glückselige Gewissheit, dass nichts, gar nichts nötig war, um das Herz Gottes uns zuzuwenden. Kostbare Wahrheit! Seine Liebe ist gleich dem Ring, der an die Hand des verlorenen Sohnes gelegt wurde; sie hat weder Anfang noch Ende. „Gott ist Liebe.“ Er verändert Sich nicht. Und darum sind uns die reichen Segnungen Seiner Liebe für immer gesichert, nicht durch das, was wir sind, sondern durch das, was Er ist. „Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden“ (1. Joh 4,10).

Hier ist der vollkommene Ruheplatz des Glaubens: das Herz Gottes, die Urquelle alles wahren Glücks. Wie könnte ich jemals an der Liebe zweifeln, die den eingeborenen Sohn dahingab? Welch eine Antwort auf jede Frage: Er gab Seinen Sohn für mich, den Sünder, dahin. „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“ (Röm 5,8). Was ist Unglaube? Nicht-Glauben an die Güte Gottes, der Seinen Sohn für uns in den Tod gab. Was ist Glaube? Glauben an die vollkommene Liebe Gottes und die Gabe Seines geliebten Sohnes. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tode in das Leben übergegangen“ (Joh 5,24).

Es bedurfte nicht des Werkes Christi, um das Herz Gottes dem Sünder zuzuwenden, sondern um das Herz des Sünders zu Gott zu kehren. Die ganze Schrift bezeugt diese herrliche Wahrheit. Die erste Gelegenheit, sie zu offenbaren, gab der Fall des Menschen im Garten Eden. Das schuldige Menschenpaar suchte einen Bergungsort vor dem Angesicht des Herrn hinter den Bäumen des Gartens; aber die Stimme Dessen, der kam, um zu suchen und zu erretten, was verloren ist, schlug in gnadenreichen Lauten an ihr Ohr: „Adam, wo bist du?“ Der Mensch war jetzt ein verlorener Sünder, und Gott suchte ihn. Die ersten Worte der erlösenden Liebe kennzeichnen das ganze Werk der Erlösung; und die Offenbarung der Liebe in der Verheißung, dass der Same des Weibes der Schlange den Kopf zertreten solle, gewann ohne Zweifel das Vertrauen der beiden gefallenen Menschen und gab ihnen Mut, aus ihrem Versteck hervorzukommen und in die Gegenwart Gottes zu treten. Und so ist es seitdem immer gewesen. Wenn der Sünder durch die Gnade dahin geführt wird, im die vollkommene Liebe Gottes, wie sie sich in der Gabe und dem Werke Seines Sohnes offenbart hat, zu glauben, so tritt er mit Vertrauen in die Gegenwart Gottes, in den vollen Besitz von allem, was der Tod, die Auferstehung und Verherrlichung des Herrn Jesus für ihn erworben haben. Eine völlige Vergebung wird ihm zuteil, er wird angenommen in dem Geliebten, und die Ansprüche Gottes gegen ihn sind vollkommen befriedigt.

Aber obgleich die Liebe Gottes zu uns stets dieselbe war, gab es doch vieles in uns, das ihr volles und freies Ausströmen verhinderte. Gott ist gerecht; aber Er ist auch die Liebe. Er ist gerade so heilig wie barmherzig. Er muss stets in Übereinstimmung mit sich bleiben. Was aber die Liebe wünschte, hat Seine Weisheit ersonnen und Seine Macht zustandegebracht. Dass er die entgegenstehenden Hindernisse beseitigte, zeugt von der Größe Seiner Liebe. Jesus kam, um den Willen Gottes zu tun. Er vollbrachte das Werk. Er brachte das Opfer, das zur Abschaffung der Sünde notwendig war. Die Liebe, die göttliche, ewige Liebe, konnte nicht mehr tun, als sie getan hat. Zu welchem Zweck, mein lieber Leser, wurde jenes große, geheimnisvolle Opfer gebracht? Der Apostel antwortet: „damit er uns zu Gott führe“. Nicht bloß in den Himmel, sondern zurück zu Gott Selbst, zu der Erkenntnis Gottes und zu der vollkommenen Versöhnung mit Ihm. „Denn es hat ja Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er uns zu Gott führe“ (1. Pet 3,18). Und an einer anderen Stelle steht geschrieben: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2. Kor 5,21). So finden wir also beides in Christo: Liebe und Gerechtigkeit. Beide sind unser Teil in Ihm. Auch ist Er als der auferstandene Jesus unser Leben, und zwar ein Leben, das jenseits des Grabes liegt und den Stempel des Sieges über Tod und Grab trägt. Wir besitzen schon jetzt in Christo alles, was uns für die unmittelbare Gegenwart Gottes passend macht, dort wo es eine Fülle von Freuden und Lieblichkeiten gibt auf immer.

In Gemeinschaft mit Jesu erfreut sich die Braut hier an allem, woran Er Selbst Seine Freude findet. Sie suchen gleichsam gemeinschaftlich die vielen Quellen göttlichen Glücks auf. Er leitet sie zu den Brunnen des „lebendigen Wassers“. Am Morgen des Tages sagt sie: „Der König hat mich in seine Gemächer geführt.“ Ein wenig später sieht man sie mit Ihm in dem Gefilde, wo Er Seine Herde weidet und am Mittag lagern lässt. Noch weiter am Tage sagt sie: „Unser Lager ist frisches Grün; die Balken unserer Behausung sind Zedern, unser Getäfel Zypressen.“ Nachher saß sie unter dem Apfelbaum, dessen Frucht ihrem Gaumen süß war. Und jetzt, am Schluss des Tages, wie wir wohl sagen dürfen, wird sie von ihrem Geliebten zu dem Weingelage geführt unter dem Banner Seiner Liebe. Die offen und frei ausströmende Liebe des Bräutigams ist das Geheimnis aller ihrer Freuden, die Quelle aller ihrer Genüsse.

Lange, lange Zeit hat das Banner der Liebe des Herrn für Israel gleichsam zusammengerollt gelegen. Der Glaube hat immer gewusst, dass nach Gottes Ratschlüssen es nur für eine Zeit beiseitegelegt ist, sicher geborgen in dem Worte der Verheißung, wenn auch nicht öffentlich entfaltet. Manche fromme Männer haben gesagt und geschrieben, dass das Banner der Gunst des HERRN nie wieder über Seinem alten Zion wehen werde. Sie haben die Wahrheit Gottes bezüglich des Wiederaufbauens der Stadt und des Tempels und der Wiederherstellung Israels übersehen; andere haben sie vergeistlicht. Was aber sagt die Schrift? Seitdem „der hochgeborene Mann“, von dem wir im Gleichnis hören, „in ein fernes Land gezogen ist, um ein Reich für sich zu empfangen und wiederzukommen“, hat kein Banner göttlicher Liebe über Jerusalem geweht. Schon nahezu 1900 Jahre liegt der herrliche Tempel in Trümmern und steht statt seiner noch heute ein islamischer Felsendom auf dem Tempelplatz; noch immer ist das alte Zion, die Davidstadt, unter fremder Herrschaft und den rechtmäßigen Einwohnern verwehrt. Der Herr Selbst hat dies wiederholt vorhergesagt: „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt. Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Mt 23,37-39).

Der Herr hat, wie wir wissen, Seine Rückkehr verzögert, und das in reicher Gnade gegen uns. Seine Liebe ist stets tätig gewesen, wenn auch nicht in Israel. Seine Langmut ist Errettung (Vergl. 2. Pet 3,9). Aus Juden und Heiden hat Er durch die Kraft des Heiligen Geistes, mittels der Predigt des Evangeliums, ein Volk berufen für Seinen Namen (Apg 15,14-18). Seit dem Pfingsttag ist Er beschäftigt gewesen, „damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe“ (Eph 2,15). Und nicht lange mehr, dann wird die Kirche, die Sein Leib ist, die Fülle Dessen, der alles in allem erfüllt, vollständig sein und aufgenommen werden, um Ihm in der Luft zu begegnen; „und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein“ (Eph 1,22.23; 1. Thes 4). Die Kirche wird zu ihrem Herrn aufgenommen werden, bevor Israel wieder als das Volk Jehovas anerkannt werden kann. Aber obgleich die Juden lange beiseitegesetzt und wegen ihrer Sünden gezüchtigt worden sind, versichert uns doch der Apostel, dass Gott Sein Volk nicht für immer verstoßen habe; denn „die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar“ (Röm 11).

Die Zeit, Zion gnädig zu sein, wird kommen; Gott hat sie in Seinem Ratschluss bestimmt. Der Herr wird in Seiner Herrlichkeit erscheinen, wenn Er Zion wieder aufbauen wird. Denn der Name des HERRN wird in Zion verkündigt werden, und in Jerusalem Sein Lob (Ps 102). Das Wort des Herrn besteht in Ewigkeit; die Gedanken und Meinungen der Menschen vergehen. „Denn siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da ich die Gefangenschaft meines Volkes Israel und Juda wenden werde, spricht der HERR; und ich werde sie in das Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe, damit sie es besitzen“ (Jer 30,3). Und: „Ich werde mich über sie freuen, ihnen Gutes zu tun, und werde sie in diesem Lande pflanzen in Wahrheit mit meinem ganzen Herzen und mit meiner ganzen Seele“ (Jer 32,41). Dann wird sicherlich das Banner der unveränderlichen Liebe Gottes sich von neuem über ihnen entrollen. O wie groß müssen die Segnungen des Volkes sein, das Gott segnen wird mit Seinem ganzen Herzen und mit Seiner ganzen Seele. Welch eine Gnade und Herablassung von Seiten Gottes, so zu sprechen. Welche Segnungen warten auf die jetzt noch von hasserfüllten und ihnen den Besitz des Landes streitig machenden Feinden umgebenen Juden! Wenige wollen es glauben; aber der Tag wird kommen und ist nahe, an dem der Messias, ihr König, für sie aufstehen wird gegen alle ihre Feinde - wenn Er eine Mauer von Feuer rings um Sein geliebtes Jerusalem und die Herrlichkeit in seiner Mitte sein wird. Dann wird das lange verhüllt gewesene Banner Seiner Liebe entrollt werden für immer; dann werden alle Geschlechter der Erde die treue Liebe des Herrn sehen, wenn sie hinaufziehen werden nach Jerusalem um den König, den HERRN der Heerscharen, anzubeten und das Laubhüttenfest zu feiern (Sach 14). Und dann, ja dann wird das kostbare Wort in Erfüllung gehen: „Er hat mich in das Haus des Weins geführt, und sein Banner über mir ist die Liebe.“ „Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke ist unter meinem Haupt, und seine Rechte umfasst mich“ (V. 4-6).

Und nun, mein Leser, wozu bringen wir diese wechselnden Szenen des tiefen und tiefsten Segens, diese mannigfaltigen Quellen immer neuer Genüsse vor deine Seele? Welche Stimme haben sie für dich? Mögen es auch Bilder und Schatten sein, so wurden sie doch in der Vorzeit zu deiner Unterweisung niedergeschrieben. Sie stellen in aller Einfachheit die Wirklichkeit der Gemeinschaft mit Christus dar, die gegenseitigen Zuneigungen des Bräutigams und der Braut, die Sympathien von Herzen, die eins sind. Hast du nicht zuweilen empfunden, dass die Stimmung deines Herzens und der Ton deiner Gedanken und Gefühle geistlicher wurde, wenn du dich für eine Weile ganz von der Welt zurückzogst und im Verborgenen eine innige Gemeinschaft mit dem Herrn pflegtest? Wurde nicht die Gegenwart des Herrn dann mehr verwirklicht? Wurde nicht der Geist freier und das Hindernde des Leibes weniger empfunden? Fühltest du dich nicht weiter als sonst von der Erde getrennt und in dem gleichen Maß dem Himmel näher gerückt, in dem bewussten Genuss der himmlischen Dinge und in der Gewissheit der Liebe des Herrn und Seiner Freude an uns?

Aber dieser Zustand eines höheren, geistlichen Genusses ist nur gelegentlich; auch erreicht man ihn im Allgemeinen nicht in einem Augenblick. Wir können uns nicht so mit einem Schlage von dem Genuss irdischer Dinge zu diesem Maß des Genusses der himmlischen Dinge erheben. Wir besitzen allerdings Christus, den Geist, das Wort und die Liebe des Vaters in immer gleicher Unveränderlichkeit; aber unsere Gemeinschaft mit diesen Dingen ist nicht immer die gleiche. Selbst die notwendige, nicht zu umgehende Beschäftigung des Geistes und des Leibes mit den zeitlichen Dingen wirkt für die Zeit lähmend auf unsere geistlichen Empfindungen. Ein verborgenes, stilles Reden mit dem Herrn, ein Sinnen über Sein Wort, ein wahres Selbstgericht, ein Niederhalten des Leibes, während das Herz sich erfreut an den Dingen Gottes und der Heilige Geist die Liebe Jesu unseren Herzen offenbart, - das sind die Dinge, die sich in den meisten Fällen mit jenem Zustand hohen geistlichen Genusses verbunden finden. Ja, wir möchten sagen, diese Übungen müssen die Gewohnheit des Gläubigen bilden, wenn er überhaupt himmlisch gesinnt sein will. Wir müssen im Glauben wandeIn als solche, die der neuen Schöpfung angehören, nicht im Schauen, der alten Schöpfung gemäß (2. Kor 5,16-18).

Wir dürfen jedoch zu gleicher Zeit nicht vergessen, dass unser hochgelobter Herr nicht an eine gewisse Klasse von Mitteln gebunden ist, um Seine Geliebten in Sein Haus des Weins zu führen, an die Stätte Seiner Gegenwart, wo eine Fülle von Freuden ist. Wir haben schon gesehen, dass eine Seele von Freude überströmte, weil sie plötzlich zu der Einsicht ihrer eigenen Ohnmacht und Fehlerhaftigkeit und der unveränderlichen Liebe des Herrn Jesus kam. Hier jedoch, in der Geschichte der Braut, begegnen wir keinen Fehlern und Verkehrtheiten; es zeigt sich vielmehr ein stetiges Fortschreiten in ihrer Erfahrung, gleich einer Seele, die aus dem stillen Kämmerlein zum Familien-Gottesdienst kommt und sich von da zum öffentlichen Gedächtnismahl zu Ehren seines Erlösers begibt. Ihre Gemeinschaft mit dem Bräutigam nimmt einen immer innigeren Charakter an; ihre Freude steigert sich, bis endlich die Offenbarung der Liebe und Güte ihres Herrn so überwältigend auf ihre Seele wirkt, dass der Leib darunter zusammenzubrechen droht. Trotzdem aber sucht sie gerade durch das gekräftigt zu werden, was sie völlig erschöpft hat: „Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe“ (V. 5).

Die Beschäftigung mit Christus macht die Seele nie satt. Obwohl sie das Herz völlig befriedigt, steigert sie doch stets den Appetit. Und des Herrn Freude ist es, immer mehr und in Überfluss zu geben. „Tu deinen Mund weit auf, und ich will ihn füllen“ (Ps 81,11). Er allein kann die Wünsche des Herzens befriedigen. Und beachten wir, dass Er die Braut immer näher zu Sich zieht: „Seine Linke ist unter meinem Haupt, und seine Rechte umfasst mich“ (V. 6). Anbetungswürdiger Herr! wo sollen wir die Höhen und Tiefen, die Längen und Breiten Deiner Liebe finden? Eine innigere, wirklichere, gesegnetere Gemeinschaft könnte nie genossen werden. Die Braut lehnt ihr Haupt an die Brust des Geliebten, die Stätte vollkommener, ewiger Ruhe. Höheres als das kann es nicht geben. O möchten wir mehr bekannt sein mit der überwältigenden und aufrechthaltenden Macht der Gegenwart unseres gnädigen Herrn. Er gebe uns ein weiteres Herz, eine Seele, die fähiger sei, diese kostbaren Dinge zu fassen und zu genießen!

„Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hirschen des Feldes, dass ihr weder weckt noch stört die Liebe, bis es ihr gefällt!“ (Kap. 2,7). Am Schluss dieses glücklichen, wolkenlosen Tages lassen wir die Braut des Königs in der Ruhe zurück, die Seine unveränderliche Liebe allein geben kann. Das Banner Seiner Liebe über ihr, die ewigen Arme unter ihr, so ruht sie selig an Seiner Brust. Sie schwelgt in dem Genuss dessen, was Er ist. Darum redet sie von Seinem Schatten, von Seiner Frucht, Seinem Banner, von Seiner Linken und Seiner Rechten. Alles ist Christus und nur Christus. Wenn die Seele so mit Ihm beschäftigt ist, dann ist Er am meisten besorgt, dass sie nicht gestört werde. Die Gazellen und Hirsche sind die scheuesten Tiere des Feldes, und ihr Gehör ist so scharf, dass das fernste, leiseste Geräusch sie beunruhigt. So aufmerksam sollten auch wir auf alles Acht haben, was sich uns nähern will, um unsere Gemeinschaft mit dem Herrn zu unterbrechen, oder uns von dem Pfade der praktischen Heiligkeit und Hingebung für Ihn abzuwenden.

„Horch! mein Geliebter! siehe, da kommt er, springt über die Berge, hüpft über die Hügel“ (V. 8). Wenn die Seele eine längere Zeit in ununterbrochener Gemeinschaft mit dem Herrn gewesen ist, werden die Zuneigungen lebendiger und das Verlangen nach Seiner Rückkehr ernster und wirklicher. Hast du, mein Leser, den Geist der liebenden und geliebten Sulamith erfasst, wie er sich in den herrlichen Worten kundgibt: „Horch! mein Geliebter! (oder: Stimme meines Geliebten!) siehe, er kommt!“? Ist Er wirklich Der, den du am meisten liebst? Ist keine Stimme dir so wohlklingend wie die Seinige? Harrst du auf Ihn, und ist dein tägliches Verlangen nach Ihm?

Es besteht ein großer Unterschied zwischen einer Person, die an die sogenannte „Lehre von der zweiten Ankunft des Herrn“ glaubt, und einer liebenden Seele, die sich Seiner Gemeinschaft erfreut und sehnsüchtig auf das Kommen ihres geliebten Herrn wartet. Der bloße Glaube an die Lehre übt nur wenig Einfluss auf das Herz aus im Vergleich mit dem Besitz der Person Christi Selbst als des alles beeinflussenden und beherrschenden Gegenstandes für das Herz. Es ist etwas ganz anderes, nur zu wissen, dass der Herr wiederkommt, oder, wie die Thessalonicher, den Sohn Gottes aus den Himmeln zu erwarten, gleich einer Braut, die mit Sehnsucht der Ankunft ihres Bräutigams entgegenschaut. „Der Geist und die Braut sagen: Komm!“ Es ist das Herz der Braut, das ruft: Komm! getrieben durch den Geist, der in dem Herzen wohnt. Der Geist gibt uns das selige Bewusstsein von dem Verhältnis zu Christus, in das wir eingeführt sind, und von den Zuneigungen, die diesem Verhältnis angehören.

Wir unterscheiden schnell den Klang einer Stimme, die wir lieben. „Maria!“ rief der Herr am Grabe Seiner trauernden Jüngerin zu; und die wohlbekannte Stimme durchdrang ihre ganze Seele. Und selbst wenn die redende Person so weit entfernt ist, dass man die Worte nicht genau verstehen kann, ist doch der Klang der Stimme hinreichend, die Saite zu berühren, deren Ertönen das ganze Herz durchzittert und seine schlummernden Kräfte weckt. „Horch! mein Geliebter!“ sagt die Braut. Sie vernimmt Seine Stimme in der Ferne, und ihre ganze Seele ist mit sehnlicher Erwartung erfüllt. Und sie braucht nicht lange zu warten. Sie darf sogleich hinzufügen: „Siehe, da kommt er!“ - Ja, Er kommt, „der Herr ist nahe!“ Erwartest du Ihn heute, geliebter Leser? - „Siehe, da kommt er, springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Mein Geliebter gleicht einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche“ (V. 9). Seine Füße sind schnell wie die Füße der Hirsche.

Statt dass die Nähe des Herrn dem Herzen volle Befriedigung gibt, steigert sie im Geiste nur das Verlangen nach den höheren Freuden, die Seine persönliche Gegenwart verleiht. Was könnte näher, inniger und vertrauter sein als die Gemeinschaft, deren sich die Braut durch Glauben von Beginn unserer Betrachtung an erfreut hat? Ihre Freude ist nicht unterbrochen, wohl aber hat die Erkenntnis Seiner Liebe und der Genuss Seiner Gunst beständig zugenommen.

Manche sind der Meinung, dass sich in der vorliegenden Stelle Zeichen eines Rückgangs bemerkbar machten, dass die Zeit der Ruhe verhängnisvoll für die Braut gewesen sei, und dass die überströmende Fülle ihrer Vorrechte sie zu einer gewissen Sorglosigkeit verleitet habe. Aber obwohl so etwas gewiss vorkommen mag, und einer großen geistlichen Freude zuzeiten eine Art von Erschlaffung und selbst ein Zurückgehen und Abirren aus der Gemeinschaft des Herrn folgen kann, scheint dies doch gerade hier nicht der Fall zu sein. Denn wann verlangen wir am meisten nach der Ankunft des Herrn? Wenn wir in Gemeinschaft oder außer Gemeinschaft mit Ihm sind? Diese Frage ist nicht schwer zu beantworten. Unmöglich kann ein wahres Verlangen nach Seiner Wiederkunft im Herzen sein, wenn wir nicht in glücklicher Gemeinschaft mit Ihm stehen. Allerdings sind wir immer sicher in Ihm, aber wir sind nicht immer glücklich mit Ihm. Wenn wir einen Schritt zu weit gegangen sind mit der Welt, oder wenn wir versäumt haben, uns selbst zu richten, so verlieren wir unsere Freude an Ihm, und zu solchen Zeiten tragen wir kein Verlangen nach Seiner Ankunft.

„Petrus spricht zu ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortet ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du kein Teil mit mir“ (Joh 13,8). Beachten wir wohl, dass der Herr nicht sagt: du hast kein Teil an mir. Das hätte Er nicht sagen können; nein, Er belehrt Petrus und uns, dass, wenn das Selbstgericht vernachlässigt wird, wenn die täglichen Verunreinigungen nicht weggewaschen werden „durch die Waschung mit Wasser durch das Wort“, die Gemeinschaft mit Ihm eine Unterbrechung erleiden muss. Der Herr kann nicht mit ungerichtetem Bösem vorangehen. „Du hast kein Teil mit mir“, sind Worte voll von tiefem Ernst. Möchtest du nicht lieber alles aufgeben, meine Seele, als die Gemeinschaft mit deinem Herrn auch nur für einen Tag, für eine Stunde entbehren? Wo wolltest du Kraft finden für Wandel, Anbetung und Dienst, wenn du sie nicht von Ihm empfingest? Welche Schwäche, welche Finsternis würde deinen Pfad kennzeichnen fern von Ihm. Scham mag dein Antlitz bedecken und Schmerz deine Seele erfüllen, wenn du deine beschmutzten Füße in Seine Hände legst, denn wahrlich, Er weiß und sieht, wo du gewesen bist. Aber bedenke das eine: sie können nicht gewaschen werden, es sei denn dass Er es tut. „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir.“ Wenn du mit Jesu wandeln und glücklich bei Ihm sein willst, so musst du abgesondert wandeln, in wahrer Absonderung von allem Bösen - von allem, was Seiner Heiligkeit entgegen ist und sich mit Seiner Natur nicht verträgt. - O Herr, leite uns in Deinen Wegen in diesen bösen Tagen, damit wir immer mit ernstlichem Gebet und liebendem Verlangen auf Deine Wiederkunft harren.

„Mein Herr verzieht zu kommen“, ist die Sprache eines Herzens, das in dieser Welt Befriedigung sucht. „Komm, Herr Jesu, komme bald!“ ist die Sprache eines Herzens, das mit der Liebe Christi erfüllt ist und ernstlich danach verlangt, Ihm persönlich nahe zu sein. In dem Maße wie wir uns Christus geistlicherweise erfreuen, werden wir auch verlangen, Ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Dies ist immer ein sicherer Prüfstein für den Zustand der Seele. Wenn das Haus in Unordnung ist, verlangt die Frau nicht nach der Rückkehr ihres Mannes; sie ist vielmehr beschäftigt, die Ordnung wiederherzustellen. Wenn sich aber alles an seinem Platz befindet und so ist, wie er es gern hat, dann beginnt sie an seine Rückkehr zu denken und verlangt danach, seine Stimme zu hören und sein Angesicht zu sehen.

Manche Christen sagen in ihrem Herzen: „Ist es nicht genug für mich zu wissen, dass ich dem Herrn angehöre? Warum sollte ich Tag für Tag nach Seiner Wiederkunft vom Himmel ausschauen? Ich weiß, dass meine Sünden vergeben sind, und dass ich errettet bin; überdies kann ich auch den unsichtbaren Heiland lieben und Ihm vertrauen.“ - Schon recht, mein lieber Mitpilger; aber ich möchte dich doch fragen: Redet so ein Herz, das den Herrn Jesus aufrichtig liebt, oder ist es die Sprache eines Herzens, das hinsichtlich Seiner gesegneten Person kalt und gleichgültig geworden ist? Kannst du an alle Seine Liebe und Huld, an alle Seine Leiden, an Seinen Tod für dich, an Seine Erhöhung und Verherrlichung denken, ohne danach zu verlangen, Ihn zu sehen? Sehnst du dich nicht nach einem Blick in jenes Antlitz, das dein Herz für immer hinnehmen und deinen Mund mit den erhabensten Lobliedern füllen wird? Was würde der abwesende Ehemann denken, was würde er fühlen, wenn er vernähme, dass seine Frau sagte: „Ich weiß, dass ich sein bin. Das befriedigt mich völlig. Zudem höre ich täglich von ihm und weiß, dass er mich innig liebt. Warum also sollte ich so sehnlichst nach seiner Rückkehr verlangen? warum ihm immer wieder schreiben: Kehre doch bald heim; ich verlange danach, Dich zu sehen“?

Wie würdest du, mein lieber Leser, einen solchen Zustand der Dinge deuten? Würdest du das Liebe zu dem abwesenden Gatten nennen? Und wenn du selbst dieser Ehemann wärest, würde es dein Herz befriedigen; namentlich wenn du deine Frau mit „großer Liebe“ liebtest? Nein, Liebe kann nur durch Gegenliebe befriedigt werden. „Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“ Die Liebe des Gläubigen ist der Widerschein der Liebe Christi. Je häufiger eine liebende Frau von ihrem abwesenden Mann hört, soviel mehr wird ihr Verlangen nach seiner Rückkehr lebendig werden. Der häusliche Kreis mag noch so angenehm und behaglich für sie sein, aber um ihr Herz völlig glücklich zu machen, bedarf es der Gegenwart des Einen, der in der Ferne weilt. Solange er nicht da ist, kann nichts auf Erden die Lücke ausfüllen. Ach, wie wenig fühlen wir die Lücke, die nur die Person Christi ausfüllen kann.

Es ist der Herr SeIbst, als Messias und König, nach dem die liebende Braut hier so sehnlich verlangt. „Horch! mein Geliebter! siehe, er kommt!“ Er hat Sich Selbst ihrem Herzen offenbart, und sie dringt nun durch den Glauben ein in Seine Liebe und Freude als Bräutigam und König in Zion. Sie kennt und schätzt diese Liebe und verlangt Ihn als ihren Messias zu besitzen. Herrlicher Wechsel! Die Stätte, an der Er einst verachtet und verworfen wurde durch die Tochter Zion, wird binnen kurzem der Schauplatz Seiner Bräutigamsliebe und Seiner tausendjährigen Herrlichkeit werden. Das heiße, inbrünstige Verlangen des gottesfürchtigen Überrestes der letzten Tage nach der Erscheinung des Messias, als ihres Königs und Erlösers, findet in den Psalmen und Propheten wiederholt beredten Ausdruck. So lesen wir z. B. in Jes 63,19b; 64,1: ,,O dass du die Himmel zerrissest, hernieder führst, dass vor deinem Angesicht die Berge erbebten, wie Feuer Reisig entzündet, Feuer die Wasser wallen macht, um deinen Widersachern deinen Namen kundzutun: damit die Nationen vor deinem Angesicht erzittern!“

Im Hohenlied begegnen wir dem gleichen starken Verlangen, nur unter einem anderen Charakter. Der Überrest tritt im Bilde einer Braut vor uns, die nicht so sehr die eigene Befreiung und die Vernichtung der Feinde, oder selbst die Aufrichtung des Reiches Christi in Herrlichkeit und Macht herbeisehnt, als vielmehr nach der Person ihres kommenden Messias Verlangen trägt. Es ist „ihr Geliebter“, und Er kommt bald. „Mein Geliebter gleicht einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche. Siehe, da steht er hinter unserer Mauer, schaut durch die Fenster, blickt durch die Gitter“ (V. 9). Es ist die Person des Herrn, um die es sich handelt. Der Überrest in Jerusalem ahnt hier die nahende Ankunft seines Königs, seine eigene völlige Erlösung und die Erscheinung der tausendjährigen Herrlichkeit; und der Herr erfreut ihn durch noch größere Offenbarungen Seiner Selbst, durch die wiederholte Versicherung Seiner Liebe und der Freude Seines Herzens an ihm. Nichts könnte schöner und rührender sein, als die Worte des Herrn in den nächsten Versen. Er spricht zu der Braut, und sie findet ihre Freude daran, Seine Worte zu wiederholen: „Mein Geliebter hob an und sprach zu mir: Mach dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Denn siehe, der Winter ist vorbei, der Regen ist vorüber, er ist vergangen. Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit des Gesangs ist gekommen, und die Stimme der Turteltaube lässt sich hören in unserem Lande. Der Feigenbaum rötet seine Feigen, und die Weinstöcke sind in der Blüte, geben Duft. Mach dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm!“ (V. 10 - 13). Kurz zuvor konnte sie nur den Klang Seiner Stimme unterscheiden und durch die Gitter einen flüchtigen Blick Seiner Augen erhaschen. Aber jetzt, o glückliche Braut! ist Er nahe genug, dass du die Worte Seines Mundes vernehmen kannst. Und gepriesen sei Sein herrlicher Name! dem Glauben ist Er immer nahe, immer gegenwärtig.

„Seine Linke ist unter meinem Haupt, und seine Rechte umfasst mich.“ So redet der Glaube. Der Glaube kann sich an Seine Brust lehnen; er kann in der Nacht in Seinen Armen ruhen und am Morgen mit Ihm ausgehen in die Weingärten, um die Weinstöcke blühen zu sehen. Wie gesegnet ist das! Persönlich ist Er allerdings noch nicht hier; Er ist im Himmel, und wir sind auf der Erde. Aber während wir im Glauben in Ihm ruhen, verlangen wir sehnlich nach Seiner Wiederkunft, um von Ihm aufgenommen zu werden und bei Ihm zu sein in der Herrlichkeit droben. O möchten wir doch in unseren Herzen freier sein von der Welt und ihren Dingen und, wie der Vogel in den Zweigen, stets .bereit, unsere Schwingen auszubreiten und diese Erde zu verlassen! Was sind die schönsten Segnungen dieser Erde im Vergleich mit dem Himmel, was der glücklichste Platz auf Erden im Vergleich mit dem Paradies Gottes?

Nun, der Freudentag beginnt zu dämmern für das lange unterdrückte Volk Israel. Der Herr Selbst wird bald erscheinen. „Das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“ Der lange, dunkle und öde Winter der Abwesenheit des Herrn ist dann vorüber. Der Frühling ist gekommen, der Sommer ist nahe. Der helle, wolkenlose Morgen bricht an. Seit dem Fall des ersten Menschenpaares hat diese seufzende Erde nie eine so freudenvolle, liebliche Szene gesehen, wie diese Verse sie beschreiben. Sie schildern in herrlicher Sprache die zukünftige Herrlichkeit und Segnung des Landes Israel und der ganzen Erde.

„In Zukunft wird Jakob Wurzel schlagen, Israel wird blühen und knospen; und sie werden mit Früchten füllen die Fläche des Erdkreises“ (Jes 27,6). Die hellen Strahlen der „Sonne der Gerechtigkeit“ werden für immer das Dunkel und die Öde des langen Winters verscheuchen. Die knospenden Blumen, die reifenden Feigen, die blühenden Reben, die singenden Vögel, die Stimme der Turteltaube, alles das sind sichere Zeichen, nicht nur dass der Winter vergangen, sondern auch dass der Frühling gekommen ist. Und obwohl in dem Weinberg der Braut bis jetzt noch nichts zur Reife gekommen ist, liegt doch in der göttlichen Verheißung die sichere Bürgschaft eines herrlichen Sommers und eines reichen Herbstes.

„Meine Taube im Geklüft der Felsen, im Versteck der Felswände, lass mich deine Gestalt sehen, lass mich deine Stimme hören; denn deine Stimme ist süß und deine Gestalt anmutig“ (V. 14). Wir tun gut, uns immer wieder an den Unterschied zwischen der irdischen Berufung Israels und der himmlischen Berufung der Kirche zu erinnern. Unser hochgelobter Herr wird Sich als Jehova am Ende der Tage der Sache Seines irdischen Volks wieder annehmen, und Jerusalem wird in seinem Charakter als die Braut des Königs der Mittelpunkt aller irdischen Herrlichkeit und Segnung werden. Die Kirche dagegen ist die Braut des Lammes, des einst erniedrigten, nun aber droben verherrlichten Christus. Der Ausdruck Braut ist das Symbol der Liebe und der Einheit hinsichtlich der Stellung. Die Braut steht im gleichen Rang mit dem Bräutigam, und zwar die jüdische Braut im Blick auf die irdische Herrlichkeit, die Kirche im Blick auf die himmlische. Da sie Ihn anerkannt und Ihm vertraut hat während der Zeit Seiner Erniedrigung und Verwerfung, wird sie auch die Ihm Nächste und Teuerste sein in Seiner Erhöhung und Herrlichkeit. Der einzelne Gläubige könnte nicht sagen, dass Christus sein Bräutigam sei. Er kann sagen: Er ist mein Erlöser, und: „Er hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben“ (Gal 2,20). Aber Christus ist der Bräutigam der Kirche.

Verfolgen wir den Unterschied zwischen Israels Platz und Segnung in Verbindung mit dem kommenden Reich und der Stellung der Kirche noch etwas weiter. Der Herr kommt hernieder zu Israel, und segnet es da, wo es sich befindet. „Der Erlöser wird in Zion erscheinen“ (vergl. Lk 1,68-79). Die Kirche dagegen wird aufgenommen in Wolken, um dem Herrn in der Luft zu begegnen (1. Thes 4). Der jüdische Überrest wird gesegnet werden mit allen zeitlichen Segnungen in einem herrlichen Lande (Am 9,11-15); wir sind gesegnet mit aller geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern (Eph 1). Jerusalem auf der Erde wird den Mittelpunkt der irdischen Herrlichkeit und Segnung bilden, und durch sie werden alle Nationen der Erde gesegnet werden. „Denn von Zion wird ausgehen das Gesetz, und das Wort des HERRN von Jerusalem“ (Jes 2,3). Das Jerusalem droben aber ist der Mittelpunkt der himmlischen Herrlichkeit; denn „die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm“ (Off 21,23b). Die himmlischen Heiligen werden ihre verherrlichten Leiber tragen, die gleichgestaltet sein werden mit dem verherrlichten Leib Christi (Phil 3,21). Das ganze Haus Israel wird gesegnet sein mit den lange verheißenen Segnungen eines neuen Herzens und eines aufrichtigen Geistes (Hes 36,24-28).

Seitdem Israel seiner Untreue wegen von Gott als Volk beiseite gesetzt ist, steht es mit allen Sündern auf dem gleichen Boden. In der Predigt des Evangeliums werden Juden wie Heiden angeredet als verlorene Sünder; und alle, die durch die Gnade Gottes gesammelt werden, werden zu „einem Leib“ gebildet. Alle genießen in Christus die gleichen Vorrechte. „der aus beiden eines gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, … damit er die zwei, frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe... Denn durch ihn haben wir beide den Zugang durch einen Geist zu dem Vater“ (Eph 2).

Die Hoffnung der Kirche - des“ einen Leibes“, in dem der eine Geist wohnt, - ist die Wiederkunft des Herrn Jesus vom Himmel, um uns zu sich zu nehmen. „Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,2.3). Wenn diese Verheißung in Erfüllung gegangen sein wird, wird Israel wieder auf den Schauplatz treten, und der Geist Gottes wird in dem Überrest Judas zu wirken beginnen. Nach der Aufnahme der Kirche und während der Regierung des Antichristen wird dieser Überrest Gegenstand der besonderen Liebe und Sorge des Herrn sein. Indem Er von Israel redet im Bilde einer Frau, sagt Er: „Ich werde sie locken und sie in die Wüste führen, und zu ihrem Herzen reden; und ich werde ihr von dort aus ihre Weinberge geben, und das Tal Achor zu einer Tür der Hoffnung. Und sie wird dort singen wie in den Tagen ihrer Jugend und wie an dem Tag, als sie aus dem Land Ägypten heraufzog. Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR, da wirst du mich nennen: Mein Mann; und du wirst mich nicht mehr nennen: Mein Baal... Und ich will dich mir verloben in Ewigkeit ... und du wirst den HERRN erkennen“ (Hos 2,16-22).

Wie haben wir nun die vorliegende Schriftstelle zu verstehen: „Meine Taube im Geklüft der Felsen, im Versteck der Felswände, lass mich deine Gestalt sehen, lass mich deine Stimme hören; denn deine Stimme ist süß und deine Gestalt anmutig“? - Vom 10. bis 15. Vers finden wir eine ununterbrochene Ansprache voll zärtlicher Liebe, lieblicher Ermunterung und freudiger Hoffnung. Aus vielen Stellen der Schrift geht klar hervor, dass der volle Strom der tausendjährigen Segnungen nicht auf einmal über das Land Israel und die Nationen hereinbrechen wird; er kommt vielmehr allmählich, gleich dem Schwinden des Winters und dem langsamen Herannahen des Frühlings. Daher die Notwendigkeit des Glaubens auf Seiten der Braut. Doch der Herr erfreut ihr Herz mit der Versicherung, dass der Tag ihrer Erlösung nahe sei. Er will, dass sie wisse, dass Sein Auge auf sie gerichtet ist, und dass sie geduldig ausharre. Andererseits lernen wir aus vielen Schriftstellen, dass sie gerade während dieser Zeit der besondere Zielpunkt des Hasses und der Verfolgung des Antichristen sein wird. Er wird alles aufbieten, um den gläubigen Überrest zu vertilgen (Off 12,6.17). Aber durch den Geist Gottes geleitet, findet der Überrest eine Zufluchtsstätte in der Wüste; und der Geliebte kennt den Bergungsort Seiner Braut. Für Sein Auge und Sein Herz ist sie gleich der Taube im Geklüft der Felsen, im Versteck der Felswände. Ihre Stimme klingt Ihm angenehm, wenn sie auch dem trauernden Klagen der einsamen Taube gleicht. Ihre Gestalt ist anmutig; sie ist schön in Seinen Augen, wie sehr sie auch durch Leiden und Verfolgungen entstellt sein mag. Er sucht sie zu sehen, sie zu hören. O welch eine tiefe, zärtliche Liebe! Gab es je eine Liebe gleich der Seinigen? Wahrlich, von Ihm darf gesagt werden, aber auch nur von Ihm: „Die Liebe ist gewaltsam wie der Tod, hart wie der Scheol ihr Eifer“ (Kap. 8,6). Erfasst der Tod nicht sein Opfer mit eisernem Griff? Ja, er ist gewaltsam; was er einmal erfasst hat, lässt er nicht wieder los. Und so ist die Liebe, die Liebe unseres Herrn und Heilandes. Sinne über diese Liebe, mein Leser! Es ist die Liebe Christi zu Seiner Braut, zu dir! Denke an den harten, gewaltsamen Griff des Todes, und wie er seine Beute festhält! und dann denke an das allmächtige Ergreifen, an die ewige Festigkeit der Liebe des Erlösers! Der Vergleich ist erschreckend, überwältigend; aber die Wirklichkeit ist über die Maßen tröstend, ermunternd und stärkend.

Und jetzt richte deine Gedanken auf die andere Seite der Liebe des Heilands: „Hart wie der Scheol ist ihr Eifer.“ Was bedeutet das? Es scheinen harte Worte zu sein, um die zärtliche Liebe des Erlösers auszudrücken. Aber nur starke Gleichnisse können eine Vorstellung von der Kraft Seiner Liebe geben. Ist es der Tod, der eine Person mit gewaltsamem Griff erfasst, so ist es der Scheol, der sie zurückhält. Er gibt nichts wieder zurück. Er ist grausam; der bittere Schrei des Beraubten, das tiefe Weh der Witwe, das ergreifende Seufzen der Waise - nichts rührt ihn. Er hält sein Opfer unerbittlich fest; er gibt nichts wieder heraus. - Könnte es stärkere Bilder geben als diese?

Lerne denn, mein Leser, aus diesen starken Gleichnissen den Charakter der Liebe des Erlösers kennen. In der Felsenkluft versteckt, in Seiner verwundeten Seite geborgen, ruht Seine furchtsame, verscheuchte Taube an diesem geheimnisvollen Herzen der Liebe. Kein Raubvogel kann sie dort erreichen oder ihr schaden. Kein feindlicher Geier könnte ihr je eine Feder ausrupfen. Die Felsenkluft, in der sie geborgen ist, ist unerreichbar für alle ihre Feinde. Könnte sie aber trotz allem nicht in einem unbewachten Augenblick in die Hände derer fallen, die sie zu vernichten trachten? Ja, wenn ihre Sicherheit im geringsten Grade davon abhinge, dass sie sich festhielte, so würde allerdings alles für sie verloren sein. Aber, Gott sei gepriesen! alles hängt von der Kraft und Beständigkeit Jesu und Seiner Liebe ab. Die göttliche Liebe hält ihren Gegenstand fest mit einer Kraft, die stärker ist als der Tod, und doch zugleich so süß und zärtlich, dass sie keinen Vergleich zulässt; sie bewahrt ihn sicherer als selbst der Scheol. Wird der hochgelobte Herr jemals „die Seele seiner Turteltaube dem Raubtier hingeben“? (Ps 74,19). Nein, nie und nimmer. Hören wir nur, was Er Selbst sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben“ (Joh 10,27-29).

O Liebe ohne Gleichen!
Kein Sinn kann je erreichen
Die Fülle, die du gibst.
Selbst Engel werden stehen
Und voll Anbetung sehen,
Wie Du, o Herr, die Deinen liebst!

„Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, welche die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte“ (V. 15). In lieblicher Weise verbindet sich hier der Geliebte mit Seiner Braut in der Pflege des Weinbergs. „Fangt uns die Füchse - denn unsere Weinberge sind in der Blüte. Der Weinberg muss sorgfältig gehütet werden. Die kleinen Füchse haben scharfe Zähne; und obwohl sie klein sind, so sind sie doch schlau und richten leicht großen Schaden an. Im Winter, wenn die Zweige kahl sind, finden sie kein Versteck. Sobald aber der Frühling wiederkehrt, bietet ihnen das Land hinreichenden Schutz, um ihre zerstörende Arbeit beginnen zu können. Wache deshalb, mein Leser, über den Zustand deines Herzens. Wache besonders über die täglichen Sorgen des gegenwärtigen Zeitlaufs und die tausenderlei kleinen Dinge, die dem Fruchtbringen so leicht hindernd in den Weg treten. Bleibe in dem wahren Weinstock, ziehe deine Nahrung aus Seinen Wurzeln, so wirst du viel Frucht tragen zur Verherrlichung des Vaters. „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kund werden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus“ (Phil 4,6 und 7).

In Zeiten der Erquickung von Seiten des Herrn und großer Erweckungen ist doppelte Wachsamkeit nötig. Es ist wahrhaft erfreulich zu beobachten, wie die Knospen aufbrechen und die Blüten sich entfalten, und dabei dem lieblichen Gesang der Vögel zu lauschen. Aber der Weingärtner hat mehr als das zu tun; er hat zu wachen über den schlauen Verderber, der zwischen dem grünenden Laub der Reben lauert, um ihre Wurzeln zu unterwühlen und ihre Frucht zu rauben. Wie manche gute Rebe haben wir im Laufe der Jahre kränkeln sehen infolge der verführerischen Ränke des Feindes, der stets auf der Lauer liegt.

Wie bitter sind solche Enttäuschungen. Der Winzer gibt sich alle Mühe, die Reben zu bewässern, zu pflegen und zu beschneiden. Schön und viel versprechend verlässt er sie am Abend; aber ach, welch ein Anblick bietet sich ihm am nächsten Morgen. Während er der Ruhe pflegte, hat der Fuchs sein verderbliches Werk getan. Seine scharfen Zähne haben den Stamm bis aufs Mark abgenagt, den Boden umgewühlt, die zarten Triebe abgerissen. Ach, in einer Nacht, in einer bösen Stunde ist die herrliche Pflanze, die einen so reichen Herbst verhieß, ein Opfer des Feindes geworden. Mit traurigen Blicken betrachtet der Winzer seine arme Rebe. Sie ist dahin. - Für immer dahin? Nein, Gott sei Dank! die Wurzel ist geblieben. Denn selbst die Füchse der Hölle vermögen nicht die Wurzeln einer Pflanze, die der himmlische Vater gepflanzt hat, auszurotten. Aber der Schaden ist geschehen; auf lange Zeit hinaus wird die einst so hoffnungsvolle Rebe nur wenig Frucht bringen.

Die Anwendung des Bildes ist nicht schwierig. In der stillen Einsamkeit der göttlichen Gegenwart lasst uns unsere Lektion lernen, mein Leser! Hat Gott dir Liebe zu den Seelen gegeben? Hat Er dir das Herz eines Hirten geschenkt? O suche dann Seelen für Christum zu gewinnen, suche sie zu schützen und zu ernähren, und wache mit Fleiß über die Schafe und Lämmer Seiner Herde! „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht nicht aus Zwang führt, sondern freiwillig ... Und wenn der Erzhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen“ (1. Pet 5,2-4).

„Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein, der unter den Lilien weidet“ (V. 16). Die glückliche Braut redet jetzt mit voller Gewissheit von dem Besitz des Gegenstandes ihrer Liebe. „Mein Geliebter ist mein“, nicht: „Ich hoffe, dass Er mein ist“. Wenn die Liebe wirklich und wahr ist, so verlangt das Herz nach dem Besitz seines Gegenstandes. Nichts anderes genügt ihm.

Bisher haben wir die Braut mit bewundernder Freude von den vielen herrlichen Eigenschaften ihres Geliebten reden gehört; auch stand sie im Genuss der Segnungen Seiner Liebe. Jetzt aber besitzt sie Ihn Selbst. So wird es sein am Ende der Tage. Christus wird für den Überrest sein, und der Überrest für Christus. Aber unsere Herzen sind so träge zu glauben. Wieder und wieder versichert der Herr die Braut Seiner Liebe und Seines Wohlgefallens an ihr. Selbst wenn sie sagt, dass sie schwarz ist, nennt Er sie sofort: „Du Schönste unter den Frauen“. Und jetzt kann sie mit aller Gewissheit sagen: „Er ist mein!“ Welch ein Triumph! „Jesus ist mein!“ Die Braut spricht jetzt nicht mehr von den Ergebnissen Seiner Liebe oder von Seinen ausgezeichneten Eigenschaften, sondern von Ihm Selbst.

Könnte man mit ebensolcher Bestimmtheit von dem Besitz irgendeines irdischen Gegenstandes reden? Sicherlich nicht. Man kann mit einem gewissen Maß von Wahrheit sagen: „Dies Geld ist mein; dies Haus ist mein; dieser Ehrenplatz ist mein usw.“ Aber wie rasch können alle diese Dinge uns entschwinden oder wir ihnen! Wie oft ist gerade dann, wenn wir meinten, der Erfüllung unseres Herzenswunsches endlich nahe zu sein, diese Erfüllung in weite Fernen gerückt worden; oder wenn wir wirklich den lange ersehnten Gegenstand in unserer Hand hielten, wie oft ist er über Nacht verwelkt wie eine dem nährenden Boden entrissene Blume! Ach, wie viele Tausende und Millionen müssen am Ende ihres Lebens ausrufen: „Alles, wofür ich sorgte und lebte, wofür ich kämpfte und litt, ist nicht mein und wird nicht mein sein in Ewigkeit! Für ein Linsengericht habe ich mein Erstgeburtsrecht verkauft, und nun ist alle Hoffnung dahin; nichts bleibt mir als eine finstere, schreckliche Ewigkeit!“

Wie töricht ist es, auf irgendetwas in dieser Welt sein Vertrauen zu setzen! Und wenn ich von allem, was die Menschen der Welt schätzen, reden könnte als „mein“: mein Reichtum, meine Ehre, mein Einfluss, meine Macht, mein Verstand usw. - was könnte es mir nützen, was kann es tun für meine unsterbliche Seele? Aber wie ganz anders ist es, wenn Christus, der Geliebte, der Gegenstand meines Herzens ist; wenn der Glaube mit voller Gewissheit sagen kann: Christus ist mein, mein jetzt und in Ewigkeit, mein, um meine Sünden abzuwaschen und mich mit der Gerechtigkeit Gottes zu bekleiden, mein, um in meinem Herzen zu wohnen, mein in allen Umständen und Schwierigkeiten dieses Lebens, mein in ewiger Herrlichkeit! Ja, mein Leser, und noch mehr als das: Er ist mein als Der, auf Den ich blicke und mit Dem ich rede, der mich liebt, für mich sorgt, mit mir fühlt und mich aufrecht hält, der mich mit Güte und Huld umgibt bis an das Ende meines Pilgerpfades und Der mich bald heimholen wird ins Vaterhaus droben. Ist das nicht ein seliges Teil? Sage mir, ist es nicht genug für einen armen, schuldigen Sünder?

O wer ermisst
Den Reichtum, der in diesen Worten liegt:
“Ich bin des Herren, und der Herr ist mein!“?
Welch eine Zukunft tut sich hier dem Blick
Des Glaubens auf! Nicht fürchtet sich die Braut,
So kühn zu reden; nein, sie rühmt sich laut:
Mein Gott, mein Heiland, mein geliebter Herr! -
Und hat sie nicht Sein Wort? Sagt Er nicht Selbst:
„Wie mich der Vater liebte, lieb' ich euch“?
Und hat Er bis ans Ende nicht geliebt,
Nicht dieses eine nur von ihr begehrt:
“Gib mir dein Herz! „?

Wie ist es möglich, so fragt das liebende Herz, dass irgendjemand diesen Jesus vernachlässigen oder gar verachten könnte? „In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (KoI 2,9). Alles andere ist leer und eitel. Und als der auf erstandene, verherrlichte Mensch lädt Er jetzt alle ein, zu Ihm zu kommen und Seinen Reichtum, Seine Herrlichkeit und Seinen Platz mit Ihm zu teilen. „Denn es ist kein Unterschied …, denn derselbe Herr von allen ist reich für alle, die ihn anrufen; denn jeder, der irgend den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden“ (Röm 10,12.13).

Andererseits wagt es manche aufrichtige Seele nicht, die den Herrn wirklich lieb hat, zu sagen: „Mein Geliebter ist mein.“ Man meint, das sei Anmaßung. Aber alle, die so denken, vergessen, dass Er es zuerst sagt. Und kann es Anmaßung sein, zu bestätigen, dass Sein Wort wahr ist? Es ist stets demütiger, sich durch Sein Wort leiten zu lassen, als durch die eigenen Gedanken und Gefühle. Wie kommt es, dass solche Geschöpfe, wie wir sind, Ihn lieben? Der einzige Grund liegt darin, dass Er uns zuerst geliebt hat (1. Joh 4,19). Eine Seele, die in Aufrichtigkeit nach Christus und Seinem Heil verlangt, besitzt schon beides, wenn sie es auch noch nicht glaubt und weiß. Der Herr hat eine solche Seele bereits in dem Reichtum Seiner Gnade besucht. Er schafft das Verlangen, es zu befriedigen; Er schafft die Liebe, ihr zu begegnen; Er schafft den Glauben, ihm zu antworten. Alles Gute kommt von oben herab. In unserem Herzen von Natur ist nichts Gutes, und Welt und Satan können auch nichts Gutes hineinpflanzen; alles Gute muss von oben kommen. Jeder gute Gedanke, jedes gute, aufrichtige Verlangen kommt vom Herrn. Jede Seele, die wirklich danach verlangt, Christus kennen zulernen, Ihm zu vertrauen, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen, wird deshalb sicherlich Ihn kennen und lieben lernen, Ihm dienen und Ihn anbeten ewiglich. Der Mensch mag Erwartungen erwecken, denen er nicht entsprechen kann, er mag Liebe hervorrufen, die er nachher enttäuscht; aber nicht so der hochgelobte Herr. Er ist der wahrhaftige Gott; Seine Liebe ist vollkommen. Und Er ist unser, mein lieber Mitgläubiger, unser durch die freie Gabe Gottes, so dass wir in aller Demut sagen können: „Mein Geliebter ist mein.“ O möchten wir mehr alles das zu erfassen vermögen, was Er ist und was Er hat für uns.

„Und ich bin Sein.“ Die Braut weiß sehr wohl, dass sie des Herrn ist. Sie ruft sich diese kostbare Wahrheit immer wieder ins Gedächtnis zurück, und Er versichert ihr in der lieblichsten Weise, dass sie Ihm über alles teuer sei. „Meine „Freundin, meine Schöne, meine Taube“, so nennt Er sie. Ist es nicht ein beglückender Gedanke, mein Leser, dass der Gläubige niemandem anders angehört als Christus, und dass er Ihm allein unterworfen ist? ,,So rühme sich denn niemand der Menschen“, sagt der Apostel, „denn alles ist euer. Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges: alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“ (1. Kor 3,21-23). Kostbare Wahrheit! ,,Ihr seid Christi.“ Jeder Gläubige kann sagen: „Ich bin Sein.“ So ehren wir Gott und Sein Wort. Wir gehören ausschließlich Christus an und sind nur Ihm unterworfen. Und während wir keinem anderen als Ihm angehören, sind alle Dinge unser: „es sei Paulus oder Apollos oder Kephas usw.“ Sie sind unsere Diener, nicht unsere Meister. Einer ist unser Meister. Selbst der Tod hat seine Herrschaft über uns verloren. Er ist für den Gläubigen kein Herr mehr, sondern ein Bote des Friedens, ein Diener. Der Tod kann mich nicht länger als seine Beute betrachten; die Welt kann nicht länger sagen, dass ich ihr angehöre, und der Feind kann nicht sagen, dass ich sein sei. Das einfache, aber so herrliche Wort: „ihr seid Christi“, ordnet alles. O glaube es, mein Leser, und glaube es so, dass du auch Ihm allein zu folgen begehrst. Wir sind um einen Preis erkauft, und dieser Preis ist Sein kostbares Blut. Wir gehören nicht mehr uns selber an, sondern Ihm.

„Er weidet unter den LiIien.“ Die Braut erinnert sich an den Namen, den Er ihr gegeben hat (V. 2). Ist das Anmaßung? Wahrlich nicht. Möchten wir im Gegenteil mehr an die Worte denken, die Er gebraucht, und die Titel beachten, die Er gibt! Als „die Lilie“ ist sie die Vertreterin Seines ganzen Volkes; und in der Weite ihres Herzens nennt sie sie alle „Lilien“. Überdies weiß sie, dass Er unter den Lilien weidet. Da ist Er zu finden, nirgendwo anders. In dem Liliengarten findet Er Seine Erquickung, Seine Freude, Sein Genüge. Welch ein Vorrecht, Lilien in diesem Garten sammeln zu dürfen, während Er noch Seine Ankunft hinausschiebt.

„Bis der Tag sich kühlt und die Schatten fliehen, wende dich, sei, mein Geliebter, gleich einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche auf den zerklüfteten Bergen!“ (V. 17). Die volle Gewissheit Seiner Liebe und der selige Genuss Seiner Selbst im Glauben vermehren das Verlangen der Braut nach dem Tag Seiner Herrlichkeit. Dann werden „alle Schatten fliehen“. Indem alle Schatten und Vorbilder bei Seiner Erscheinung ihre Erfüllung finden, verschwinden sie für immer. Jetzt sehen wir durch einen Spiegel dunkel und trübe; dann von Angesicht zu Angesicht. Wir werden zwar keinen anderen Jesus sehen als jetzt, aber das trübe Glas wird nicht mehr sein. „Wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1. Joh 3,3). Für Israel wird die aufgehende Sonne der Gerechtigkeit für immer alle Finsternis verscheuchen und den langen, öden Winter in einen herrlichen Frühling verkehren. Die Blumen werden erscheinen, die Vögel ihren Gesang beginnen, und die ganze Schöpfung wird mit Freude erfüllt sein.

Bis zum Anbruch dieses glücklichen Tages bittet die Braut den Geliebten, bei ihr zu bleiben. Sie verlangt sehnlich nach Seiner Gegenwart und dem Trost Seiner Liebe, bis Er Selbst in Herrlichkeit erscheint. Sie hängt an der Person ihres Geliebten. „Wende dich, sei, mein Geliebter, gleich einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche auf den zerklüfteten Bergen!“ Sie ist noch in der Wüste. Ihre Prüfungen sind mannigfaltig. Der Pfad ist rau und schwierig. Deshalb sehnt sie sich nach der Ankunft ihres Geliebten in Macht und Herrlichkeit, mit der Schnelligkeit einer Gazelle oder eines jungen Hirsches auf den zerklüfteten Bergen. Was sind Felsen und Klüfte für eine flüchtige Gazelle? Nichts. Was sind alle die Schwierigkeiten der vollen Wiederherstellung Israels für den Herrn? Nichts. Ein Strahl Seiner zukünftigen Herrlichkeit wird Schrecken in den Herzen Seiner Feinde verbreiten und den Weg ebnen für die Befreiten des HERRN, die „zurückzukehren und nach Zion zu kommen mit Jubel und ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; sie werden Wonne und Freude erlangen, und Kummer und Seufzen werden entfliehen“ (Jes 35,10). Dann „wird jedes Tal erhöht, und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden, und das Höckerige soll zur Ebene werden, und das Hügelige zur Talebene. Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen“ (Jes 40,4.5). Aber bis zum Anbruch dieses lange ersehnten Augenblicks bittet die Braut, in dem Genuss Seiner Liebe erhalten zu bleiben. Liebliche Früchte der Gnade: ein Glaube, der das Wort erfasst, eine Hoffnung, die nach dem ersten Dämmern des Tages ausschaut, und ein Bitten um den Genuss Seiner Gegenwart! Die Braut streckt sich aus nach dem Ziel, und kein Hindernis kann sie aufhalten. Sie verlangt, bei Ihm zu sein.

Ist es auch so mit uns, geliebter Leser? Haben wir Glauben an das Wort des Herrn? schauen wir aus nach Ihm, verlangen und erwarten wir Seine Rückkehr? Und ist es unser beständiges Flehen, in Seiner Gemeinschaft erhalten zu bleiben, „bis Er kommt“? Die Stunde, die dem Tagesanbruch unmittelbar vorangeht, gilt als die kälteste und finsterste Stunde der Nacht. So wird es mit Israel sein am Ende der Tage. „Wehe! denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob! Doch wird er aus ihr gerettet werden. Denn es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR der Heerscharen, dass ich sein Joch von deinem Hals zerbrechen und deine Fesseln zerreißen werde“ (Jer 30,7.8). Die Morgendämmerung jenes Tages wird dem harrenden, betenden Überrest Befreiung und ihren stolzen Bedrängern Verderben bringen. Und was die Kirche betrifft, so schreibt der Apostel Paulus an Timotheus: „Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere (oder gefahrvolle) Zeiten eintreten werden.“ (2. Tim 3,1). Glücklich ist jeder, der einfältig und treu an Seinem Wort festhält, dem Herrn nachfolgt und auf Sein Kommen wartet! Die letzte Stunde der Nacht mag in der Tat kalt und finster sein; aber lass dich nicht beirren, mein Leser, wache und bete, der Morgen wird bald anbrechen. Glückselig alle, die mit wachen Augen das erste Aufleuchten des Morgensterns erblicken.

„Ihr aber, Geliebte, euch selbst erbauend auf euren allerheiligsten Glauben, betend im Heiligen Geist, erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben“ (Jud 20.21).

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