Vorträge über das Hohelied

Kapitel 1+2

Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist besser als Wein“ (Vers 2). War er nicht Jehova und Gott? Ganz gewiss, aber er ist auch Mensch, er ist ihr eigener Messias. Und so erkennen wir die Schönheit dieser Worte. Das ist umso auffallender, als sie nicht sagt: „Der Messias küsse mich“, sondern etwas viel passenderes, geziemenderes. Für die Liebe gibt es nur einen Gegenstand. Wie sie der Seine, so war Er der ihrige. Darum gerade geht es hier, und sie braucht nicht zu sagen, wer Er ist. Liegt darin nicht die ganze Schönheit? „Er küsse mich“. Es mochte auf der Erde noch so viele geben – für sie war da nur Einer, und das war Der, den sie so beleidigt hatte, abgelehnt, zurückgewiesen und verworfen hatte. „Er küsse mich“. Das ist ihr Empfinden, und ist es nicht überflüssig, zu sagen, wen sie damit meint? Im Himmel und auf Erden wünscht sie nichts als Ihn. „Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes“. Das ist zweifellos ein Ausdruck zärtlichster Liebe, und doch – das ist ja gerade ihr Problem. Konnte sie das nicht wünschen? Sehnlichst begehrte sie es; aber der Gedanke ließ sie nicht los, es verloren zu haben. Sie dachte, es könne nicht sein. Wenn Er doch nur antworten würde! Wie wundervoll aber doch auch wiederum: ja, das Herz von Israel muss sich wenden, und der Herr wartet darauf. Er ist entschlossen, Jerusalem zu segnen, und Er wird es tun. Seine verborgene Gnade wird wirksam sein. Aber sie muss erst das Wort sprechen, wie er (verworfen und sich hier unter Seine Verwerfung beugend) in demselben Evangelium, das ich schon anführte, dem Evangelium nach Matthäus, sagt: „... bis ihr sprechet...“ (Mt 23,39).

Er ließ das Haus öde und nannte es „euer Haus“. Es ist nicht mehr „das Haus meines Vaters“ (Joh 2,16), noch das Haus Jehovas (Mt 21,13). Indem er vom Tempel spricht, sagt er vielmehr: „... euer Haus wird euch öde gelassen“, und Er fügt hinzu: „Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprechet: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn“ (Mt 23,38). Das ist der „Er“; Er ist der Einzige; Er kommt im Namen des Herrn. Aber noch gilt: „... bis ihr sprechet ...“ Was, sie – die Juden, die im Begriff standen, Ihn zu kreuzigen? Genau die. „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“. Und hier ist die Antwort darauf. Die Gnade ist nicht ohne Wirkung geblieben. Wie lange hatten sie auf Ihn gewartet! Aber nun ist die Zeit gekommen, die festgesetzte Zeit, um Zion zu segnen – Gottes bestimmte Zeit. Und da Seine Diener an ihren Steinen Gefallen finden und selbst der Schutt in ihren Augen kostbar ist (Ps 102), wünscht ihr Herz, dass die Beziehung, die verloren schien, nun gefestigt werde. Wenn sie Ihn doch nur haben könnte! Aber sie hatte Ihn ja abgewiesen. Dies ist nun das einleitende Wort. Der Wunsch ihres Herzens ist, der Messias möge ihr Seine Liebe zeigen – Er, dem sie so viel Verachtung und Hass entgegengebracht hatte.

„... denn deine Liebe ist besser als Wein. Lieblich an Geruch sind deine Salben, ein ausgegossenes Salböl ist dein Name“. Hier wird es ganz klar, dass es nicht um Salomo geht noch um irgendeine geschichtliche Tatsache, die zur Entstehung geführt hat. Nur von Einem ist die Rede – niemand als dieser Eine konnte ihr völliges Genüge schenken. Ein größerer als Salomo ist hier. „Ein ausgegossenes Salböl ist dein Name; darum lieben dich die Jungfrauen“, sagt sie. Es kann nichts Heiligeres geben, nichts Reineres, als die Zuneigung derjenigen, die auf diese Weise dem Wunsch ihres Herzens Ausdruck gibt, dass Er ihr doch nur Seine Liebe zeigen möchte. „Darum lieben dich die Jungfrauen“. Wen meint sie mit den „Jungfrauen“? Jene, die durch die Verdorbenheit jener Zeit nicht berührt worden waren. Dieses „Hohelied“ kann nur dem Herz der Gottesfürchtigen in Israel entspringen, denn sie werden das wahre Israel sein. Sie werden die wahre Braut bilden, wenn der Tag kommt, wo sich dies erfüllt, in einer Zeit äußerster Verdorbenheit und ausgesprochenen Abfalls.

Und das ist es gerade, was sie jetzt schätzen gelernt hat. Es wird andere geben, die genau so bezeichnet werden. Wir sehen das in der Offenbarung. Im 14. Kapitel jenes abschließenden Buches z. B. (wo wir eine Szene aus den letzten Tagen haben, nachdem die Versammlung, die himmlische Braut also, in den Himmel entrückt ist; denn Gottes Segnungen sind nicht zu Ende) finden wir bestimmte Personen, 144 000 auf dem Berg Zion; und wie werden sie beschrieben? Als solche, die sich nicht befleckt haben, also genau so, wie die Braut sie hier schildert – „... darum lieben dich die Jungfrauen“. Es sind jene, die durch den Götzendienst und die Gottlosigkeit jener Zeit nicht verunreinigt waren. Und es ist ihre Freude, dass sie darin nicht allein steht – neben Jerusalem wird es noch andere geben – die Gottesfürchtigen unter den Juden werden an jenem Tage nicht die einzigen sein. Ich zweifle allerdings nicht, dass sie besonders ins Auge fallen werden; und der Herr wird über sie wachen und sie segnen. Einige von ihnen werden sogar sterben. In jener Zeit werden einige von ihnen um der Wahrheit willen ihr Blut vergießen. Aber ganz offensichtlich werden sie Gefährten haben.

Es werden also die Aufrichtigen da sein – jene, die sie „die Jungfrauen“ nennt. Sie beschreibt uns nicht das, was wir jetzt wissen. Wir sprechen nicht in dieser Weise. Es scheint, dass die irdische Braut über die Jungfrauen sprechen kann und über die Aufrechten, die nicht zu ihr gehören. Warum? Weil die himmlische Braut nun alle Frommen auf Erden umfasst. Der Unterschied ist also deutlich. An jenem Tage wird es einen besonderen Gegenstand geben, aber nicht nur einen einzigen. Die himmlische Braut dagegen besteht jetzt aus allen, die des Christus sind. Sie alle bilden einen Leib. Das ist dann durchaus nicht der Fall. Ich erwähne dies besonders, um unsere Herzen für die eigentliche Bedeutung dieses wunderbaren Buches offen zu halten.

„Ziehe mich, wir werden dir nachlaufen“. Hier also wiederum: „Ziehe mich, wir werden dir nachlaufen“. Sie ist in keiner Weise eifersüchtig, dass auch andere Gegenstände Seiner Liebe sind. Sie selbst wird ohne Zweifel einen besonderen Platz haben; aber sie freut sich, dass auch andere, die von der Gottlosigkeit der Welt unberührt geblieben sind, in Seinen Augen kostbar sind. Und das werden sie auch sein; aber die Versammlung hätte das nie sagen können. Die Versammlung konnte nicht auf die Juden oder Mohammedaner blicken und von ihnen als den Rechtschaffenen sprechen oder den Jungfrauen, die den Herrn Jesus lieben; denn tatsächlich sind sie auch nicht rechtschaffen und lieben Ihn auch nicht. Die Lage der Dinge ist also völlig anders.

Ich wiederhole, dass, wenn sich dies erfüllt, die Verhältnisse anders sein werden. Dies wird uns zum Verständnis der wahren Bedeutung des Hohenliedes verhelfen. Wir sehen hier eigentlich das Herz der jüdischen Braut, das sich dem Messias-Bräutigam zuwendet, bevor er kommt – ihr Herz in der Zubereitung für Sein Kommen. So ist es ein großer Irrtum, anzunehmen, dass der Jude sich erst bekehrt, wenn Christus in Herrlichkeit erscheint. Nein. An jenem Tag wird sie angenommen werden, wird die bräutliche Beziehung endgültig. Jener Tag ist noch zukünftig, er ist noch nicht da. Wir werden sehen, dass dieser Tag erst noch kommen muss. Die Schatten werden verschwinden; aber im ganzen Hohenlied ist der Tag noch nicht angebrochen; die Schatten sind noch nicht gewichen. Doch die Zeit kommt. Sie war sich dessen vollkommen bewusst; der Herr macht es ihr bewusst. Er ist es, der es sie wissen lässt. jetzt ist der Tag noch nicht da. Sie bereitet sich für Ihn und für diesen Zeitpunkt. Das ist es, was wir hier finden.

„Ziehe mich“, sagt sie dann; „wir werden dir nachlaufen. Der König hat mich in seine Gemächer geführt: wir wollen frohlocken und deiner uns freuen, wollen deine Liebe preisen mehr als Wein! Sie lieben dich in Aufrichtigkeit.“ Sie nimmt vorweg, was sie hofft, aber sie befindet sich noch nicht dort. Ihr Glaubensauge erblickt es; aber wir dürfen keinesfalls vergessen, dass die Hochzeit noch nicht stattgefunden hat. Sie ist ausersehen, Braut zu sein; und an ihrer Ausdrucksweise erkennt man, wie es ihr immer klarer wird, dass sie Braut sein und den Platz der Braut einnehmen wird – mehr und mehr ergreift sie davon Besitz, dass sie wirklich die Braut ist. Noch ist es nicht so weit. Das ist das Thema des Buches – die Braut wird für die Hochzeit zubereitet.

Nun wendet sie sich etwas anderem zu: sich selbst, und da hat sie eine andere Geschichte zu erzählen. „Ich bin schwarz“, sagt sie – das erste Wort, das sie über sich selbst sagt. „Ich bin schwarz, aber anmutig.“ Sie ist dessen eingedenk, was das Gesetz bewirkt hat. Sie leugnet nicht den Fluch des Gesetzes; ihr erstes Wort gilt ihrer eigenen Schande. Sie erkennt damit an, wie wenig sie dem Einen ähnlich ist, den sie begehrt. Er ist ganz und gar schön; sie jedoch ist schwarz, wenn sie auch hinzufügen kann „anmutig“. Das bedeutet, dass sie zugibt, durch und durch der Gnade zu bedürfen. Sie erkennt an, völlig von der Gnade des Herrn abhängig zu sein; und das schafft eine Verbindung zu der Sprache der Psalmen. Zwei Dinge sind es, die die Frommen in Israel kennzeichnen und die wir in den Psalmen finden. Das erste ist das Bewusstsein, Gnade nötig zu haben; das andere das tiefe Verlangen nach Gerechtigkeit – der wirklichen Lauterkeit des Herzens. Aus dieser Aufrichtigkeit heraus verlassen sie sich ganz auf Sein Erbarmen. Das findet man beständig. Gnade und Rechtschaffenheit gehen stets Hand in Hand; Israels erstes Wort jedoch ist Gnade. Gottes erstes Wort im Blick auf sie, wenn ich so sagen darf, ist ihre Lauterkeit, ihres jedoch Seine Gnade. Und das haben wir hier. Sie beschreibt sich selbst als „schwarz“. Sie gibt es zu. Es ist wirkliche Lauterkeit des Herzens; aber im Vertrauen auf Seine Gnade kann sie doch sagen: „Ich bin schwarz, aber anmutig.“

Wenn wir den 25. und 26. Psalm nehmen, finden wir genau das gleiche. In Psalm 25 bekennen die Frommen jener Tage ihre Sünden; und wie heißt das große Wort, das sie über sich selber sagen? „Um deines Namens willen, Jehova, wirst du ja vergeben meine Ungerechtigkeit“, warum? „denn sie ist groß“ (Vers 11). Wie wunderbar, das zu Gott zu sagen. Zu Menschen konnten sie so nicht sprechen. Wenn ein Angeklagter den Richter, der ihn verhört, bitten würde, ihm seine Ungerechtigkeit zu vergeben, weil sie groß sei, dann wäre gewiss der ganze Gerichtshof starr vor Staunen über die Vermessenheit dieses Mannes. Aber was vor der Welt und den Menschen als Anmaßung erscheint, ist nichts anderes als Vertrauen und Glauben. Und das ist genau das, was Gott in einer wiedergeborenen Seele bewirkt: Lauterkeit des Herzens, indem sie ihre Sünden anerkennt und bekennt. Das bedeutet dann nicht nur ein Gereinigtwerden von Sünden, sondern auch von aller Ungerechtigkeit. Denn das ist etwas anderes. Es ist ganz klar ein Werk, das in der Seele geschieht. Alle Schuld wird von ihr weggenommen. Da ist kein Verbergen von Sünde, sondern Lauterkeit, aber eine Lauterkeit, hervorgerufen durch das Vertrauen auf Gottes Gnade.

Und was hatte im 25. Psalm Vertrauen in diese Gnade geweckt? Was war denn vorangegangen? Der 22. Psalm. Es gibt eine Ordnung in diesen Dingen. Wir dürfen nicht glauben, die Psalmen seien einfach so an ihre Stelle gepurzelt. Gott hat ihnen ebenso gut ihren Platz gegeben, wie sie durch Ihn inspiriert sind. Sie mögen in noch so ferner Zeit geschrieben worden sein, und ich glaube ganz und gar nicht, dass sie in der Reihenfolge geschrieben wurden, in der sie jetzt vorliegen. Sie sind in ebenso göttlicher Weise angeordnet, wie die Worte göttlich sind, aus denen sie bestehen. Man kann nicht die Stellung eines einzigen Psalms ändern, ohne zugleich die Wahrheit zu zerstören. Es würde sein, als ob man ein Blatt von einer überaus schönen Pflanze risse, so dass für jeden, der eine Vorstellung von der eigentlichen Gestalt der Pflanze hat oder davon, wie sie nach Gottes Gedanken sein sollte, eine empfindliche Lücke zurückbliebe.

Nun, das sehen wir hier. Die Gnade Gottes, die Christus gab, damit er am Kreuz litt, öffnet ihnen das Herz, so dass sie ihre Sünden bekennen; und sie können sagen. „Um deines Namens willen, Jehova, wirst du ja vergeben meine Ungerechtigkeit; denn sie ist groß“ (Ps 25,11). Ja, das ist wirklich der Grund. Weil die Ungerechtigkeit so groß ist, ist solch ein Opfer notwendig; und im Blick auf solch ein Opfer kann man nicht um Nachsicht bitten, weil die Sünde gering war, sondern im Gegenteil um Vergebung, weil sie so groß war. Im 26. Psalm dann stellt derselbe Geist Christi, der dazu bringt, die Sünde zu bekennen, sich auf den Boden absoluter Lauterkeit. „Ich habe die Versammlung der Übeltäter gehasst, und bei Gesetzlosen saß ich nicht. Ich wasche in Unschuld mein Hände und umgehe deinen Altar, Jehova“ (Verse 5 und 6). Diese Dinge gehören zusammen.

Sie war also „schwarz, aber anmutig“. Ich zweifle jedoch nicht, dass die Schwärze sich auch noch auf etwas anderes bezieht, dass es nicht nur die Schwärze des Versagens, des Zukurzkommens, der Sünde ist, sondern auch die Schwärze des Leidens. Der Herr jedenfalls wird es so empfinden. An jenem Tage wird der Herr sagen: „Von der Hand Jehovas hat sie Zwiefältiges empfangen für alle ihre Sünden“ (Jes 40,2). Sie hat zu viel gelitten. Ich gestatte nicht, dass sie noch länger leidet. Sie hat doppelt so viel gelitten, wie sie hätte leiden sollen. Der Herr wird Sich an jenem Tage des Rechtsfalles des armen, schuldigen Jerusalem annehmen und wird nicht zulassen, dass sie weiterhin leidet. Ob es nun ihr eigener Fehler war oder die grausame Verfolgung, die sie als gerechte Strafe für ihre Sünden erduldete – sie bekennt, dass dies ihr Zustand sei: schwarz, aber durch die Gnade anmutig. „Ich bin schwarz, aber anmutig, Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars“, was wohl ein Bild des ersteren ist, während die „Zeltbehänge Salomos“ in all ihrer Schönheit für das zweite stehen.

„Sehet mich nicht an, weil ich schwärzlich bin, weil die Sonne mich verbrannt hat“. Und das bestätigt doch, wie mir scheint, den Gedanken, dass die sengende Hitze der Heimsuchung mit zu ihrer Schwärze beigetragen hat. „Meiner Mutter Söhne zürnten mir, bestellten mich zur Hüterin der Weinberge; meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet“. Jerusalem hatte hochfliegende Gedanken. Die Juden sollten tatsächlich Führer der Blinden und Lehrer der Unwissenden sein. Sie hätten ein Zeugnis sein sollen, aber sie waren es nicht. Sie hätten ein Zeugnis Gottes sein sollen für jede Nation, jeden Stamm, jede Sprache. Aber ach, weit davon entfernt, ihren Auftrag gegenüber aller Welt zu erfüllen und ein Segen für jedes Volk unter der Sonne zu sein, wie ja zu Abraham gesagt worden war, dass in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3), hatten sie nicht einmal ihren eigenen Weinberg gehütet. Sie bewahrten nicht einmal ihre eigenen Segnungen; und noch viel weniger waren sie ein Licht für alle Welt.

Das ist es, denke ich, was sie jetzt einsieht. „Sage mir an, du“ – ihr Herz wendet sich jetzt, nachdem sie zu den Töchtern Jerusalems gesprochen hat, dem Gegenstand ihrer Liebe zu. – „Sage mir an, du, den meine Seele liebt“ – denn das ist das Große, was sich jetzt zeigt – „du, den meine Seele liebt“. Wirklich, sie liebt den Messias, und der Geist Gottes legt ihr diese Worte in den Mund; und sie wird sie an jenem Tage aufgreifen. Sie wird sie zu ihren eigenen machen. Diese Zuneigungen werden tatsächlich in ihr gewirkt werden. Wie  gnädig von dem Herrn! Nicht ihre Werke sind entscheidend, sondern ihr Glaube. Es ist von ihr keine Anmaßung; Seine Gnade ist es, die sie diese so zu Herzen gehenden Worte sagen lässt. Hosea 2,14 bezieht sich wohl etwa auf die gleiche Zeit. So wendet sie sich an Ihn. „Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo weidest du,“ – sie möchte Ihn gern finden – „wo lässt du lagern am Mittag? denn warum sollte ich wie eine Verschleierte sein bei den Herden deiner Genossen“? So wie sie dieses Verhältnis zu Ihm ersehnte und auch, dass Er Seine Liebe zu ihr zeigen möge, so wünscht sie sich auch einem solchen Verhältnis gemäß zu benehmen. Lange Zeit war sie unter den Nationen umhergeirrt. Götzenbildern war sie nachgegangen, hatte anderen Göttern nachgehurt, wie die Propheten es so ernst und streng, aber wahrheitsgetreu beschreiben. Nun schlug ihr Herz für ihn allein – für Ihn, den ihre Seele liebte.

Und dann folgt die Antwort. „Wenn du es nicht weißt, du Schönste unter den Frauen, so geh hinaus, den Spuren der Herde nach“. Das war das Richtige. Es ging jetzt darum, den Wegen des Wortes Gottes zu folgen: „geh hinaus, den Spuren der Herde nach“ – jenen, die den Weg vorangegangen waren, den Schafen Jehovas. „... und weide deine Zicklein bei den Wohnungen der Hirten“. Halte das Zeugnis des Wortes Gottes fest, das, was Gott in Seinem Wort gab – folge jenen, die Gott hier auf Erden als Hirten Seiner Herde erweckt hat. Bevor sie also weiß, dass Sein Herz sich ihr zugewandt hat, wird sie darauf hingewiesen, sich an Sein Wort zu klammern – bevor sie Seine Liebe erfährt. Aber die Antwort kommt von Ihm Selbst. Sie richtet sich danach, zweifellos. Das wird vorausgesetzt. Sie ist jetzt dem Wort unterworfen; und dies wunderbar ermutigende Wort sagt ihr der Bräutigam.

„Einem Rosse an des Pharaos Prachtwagen vergleiche ich dich, meine Freundin. Anmutig sind deine Wangen in den Kettchen, dein Hals in den Schnüren. Wir wollen dir goldene Kettchen machen mit Punkten von Silber“. Dies scheint mir das erste Wort des Bräutigams zu sein; aber es reicht noch nicht an das heran, was er ihr sagen möchte. Aber sie versteht, und die Antwort ihres Herzens lässt nicht auf sich warten. „Während der König an seiner Tafel war“ – wir sehen, sie nennt Ihn bei Seinem richtigen Namen. Sie spricht von Ihm als dem König. Sie kennt den Charakter ihrer Beziehung zu Ihm. Stehen auch wir so zu Christus? Sprechen wir jetzt von dem König? Ich habe schon gehört, dass man Ihm diesen Namen gab. Ich glaube, dass diese Gewohnheit noch nicht abgeschafft ist, selbst nicht unter Christen, von dem Herrn Jesus als unserem König zu sprechen. Wir pflegten zu singen – und vermutlich sahen wir damals darin nichts Verkehrtes: „Unser König, Priester und Prophet“.

So spricht die Schrift nicht von Ihm. Nie nennt sie Ihn unseren König – nicht einmal in der Offenbarung, wo es vielleicht so aussehen könnte. Da sollte es statt „König der Heiligen“ besser „König der Nationen“ heißen (Off 15,3). Darüber besteht kein Zweifel. Aber hier spricht sie von Ihm nicht als dem König der Nationen, sondern sagt „der König“. In welcher Weise blickt sie auf Ihn? Er ist für sie der König des Volkes Gottes, der König Israels. Das steht offenbar vor ihrem inneren Auge. „Während der König an seiner Tafel war“ – er ist noch nicht da – „gab meine Narde ihren Duft“. Sie wusste, dass der Herr in ihrer Seele gewirkt hatte, und sie weist es nicht von sich. Sie kann mit gutem Gewissen so sprechen und mit einem Herzen voller Vertrauen darauf, dass die göttliche Gnade Frucht in ihr gewirkt hatte.

Nun spricht sie von dem, was er ihr bedeutete. „Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhe, das zwischen meinen Brüsten ruht“. Dies ist nur ein Ausdruck ihrer Zuneigung – nichts, was man als ungeziemend ansehen könnte, wenn es sich nur um eine tatsächlich bestehende Beziehung handelte. Die Beziehung ist noch nicht errichtet. Noch ist es nicht so weit. Aber sie gibt ihrer vollkommenen Freude an einem, der sie liebt, Ausdruck. „Eine Zypertraube ist mir mein Geliebter, in den Weinbergen von Engedi“.

Beachten wir, wie dieser Ausdruck der Liebe zu Ihm den Herrn zu einer Antwort drängt! „Siehe, du bist schön, meine Freundin“! Es ist nicht so, dass Er nun gekommen ist; tatsächlich ist Er noch nicht gekommen. Aber Gott sorgt dafür, dass ebenso wie ihr Herz diese Worte aufnimmt und seine Zuneigung zum Messias ausspricht, sie erfährt, wie Er sie liebt. Was sagt er über sie? Welche Gnade! Nicht: „Ich liebe dich“, sondern: „Siehe, du bist schön, meine Freundin“. So sieht das Auge der Liebe sie, mag vielleicht auch kein anderes Auge in der Welt das in ihr sehen. Ich glaube, dass zu jener Zeit der Überrest sehr gottesfürchtig sein wird und dass sie auch wirklich leiden – leiden um ihres Glaubens willen. Aber dies ist Seine Sprache, und wie gesegnet ist sie! Wie anders würden die Worte klingen, wenn sie nicht von Ihm kämen! „Siehe, du bist schön, meine Freundin, siehe, du bist schön, deine Augen sind Tauben“ – gewiss ein Bild der Bescheidenheit von der, die nun bald Seine Braut sein sollte. Und ihre Antwort ist: „Siehe, du bist schön, mein Geliebter, ja, holdselig; ja, unser Lager ist frisches Grün. Die Balken unserer Behausung sind Zedern, unser Getäfel Zypressen“. Es ist also nicht nur ein Zelt, das man wieder abbrechen kann. Sie blickt nach einer festen Behausung aus, wenn der König kommt und sie als die Seine erkennt. Sie wartet auf den Augenblick, wo alles in jener gefestigten Beziehung zu Ihm steht und hier auf Erden alles zu Gottes Ehre dient.

Bevor ich schließe, will ich nur noch ein paar Worte zum nächsten Kapitel sagen. „Ich bin eine Rose“ – oder wahrscheinlicher Narzisse, nicht direkt Rose. Die Rose erscheint in der Schrift nur an zwei Stellen, und, obwohl manche das als Schock empfinden werden, nehme ich an, dass beide Male – hier und in Jesaja 35,1: „Die Steppe wird ... aufblühen wie eine Rose“ wohl eher eine Narzisse gemeint ist. Wie dem auch sei – die Frage hat keine große Bedeutung. Aber ich halte Narzisse für passender, zumal die Braut selbst hier spricht. Wie wir wissen, überragt die Rose alle anderen Blumen an Schönheit und Wohlgeruch, und ich kann mir nicht denken, dass sie solch eine Sprache wählen wollte. Ich könnte wohl verstehen, wenn Er sie so nennen würde. Die Narzisse ist in keiner Weise der Rose vergleichbar, und gewiss wird die Braut nicht mehr scheinen wollen, als sie ist. So spricht sie von sich selber als einer Narzisse Sarons, einer Lilie der Täler. Sie nimmt einen bescheidenen Platz ein; jedenfalls ist es kein auffallender. Bald wird sie in eine glanzvolle Stellung erhoben werden. Bis jetzt war sie lediglich eine Lilie der Täler. Ich denke, dass auch dies den Gedanken bestätigt, dass hier nicht eine „Rose“ Sarons gemeint ist – eine sehr ins Auge fallende Blume – sondern eine von zurückgezogenem Charakter.

Dann folgt Seine Antwort: „Wie eine Lilie inmitten der Dornen“ – Er greift ihr Wort über die Lilie auf – „eine Lilie inmitten der Dornen“ – damit vergleicht er die anderen. Sie ist umgeben von dem, was Ihm feindlich gegenübersteht und Ihn hasst, was, wenn Er kommt, dem Feuer übergeben wird. Wie eine Lilie inmitten der Dornen, so ist meine Freundin inmitten der Töchter“. Das ist die Antwort des Bräutigams, und so fährt sie fort: „Wie ein Apfelbaum (bzw. Zitronenbaum) unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter inmitten der Söhne; ich habe mich mit Wonne in seinen Schatten gesetzt, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. Er hat mich in das Haus des Weines geführt, und sein Panier über mir ist die Liebe. Stärket mich mit Traubenkuchen, erquicket mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe! – Seine Linke ist unter meinem Haupte, und seine Rechte umfasst mich“. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Er gekommen war. Es ist die Liebe und die Gnade, die Er ihr erzeigt hat – so empfindet sie Seine Liebe zu ihr schon jetzt, obwohl sie wünschte, dass alles schon Seinem Wort gemäß eingetroffen wäre.

Und nun erscheint ein wichtiger Hauptgedanke für das Verständnis des Hohenliedes. „Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hindinnen des Feldes, dass ihr nicht wecket noch aufwecket die Liebe, bis es ihr gefällt“! Dies lesen wir im Hohenlied mehrere male, und ich denke, das ist die vollkommene Antwort für jene, die meinen, es sei nichts als eine Reihe kleiner Lieder, die ohne irgendeine Ordnung aneinandergereiht wurden. So ist es nämlich nicht. Wir finden eine vollkommene Ordnung, und nicht nur einen inneren Zusammenhang, sondern sogar ein Vorwärtsschreiten. Wir werden sehen, dass diese Ermahnung dreimal gegeben wird (dann ist da noch eine ähnliche Stelle, die man als vierte ansehen könnte, die aber doch etwas anders ist). Sie erscheint hier im zweiten Kapitel, dann im 3. Kapitel und wieder im 5.; von daher ist es also klar, dass hier eine bestimmte Ordnung herrscht. Und es bestätigt auch eine andere Sache, die ich schon erwähnte: dass der Herr hier als noch nicht mit ihr vermählt gesehen wird. Es geht hier um den Bräutigam und die erwählte Braut. Der Ausdruck „Braut“ wird natürlich verwendet; aber wir dürfen nicht glauben, dass die Hochzeit schon stattgefunden habe. Die Braut wartet vielmehr darauf, dass sie in ihr endgültiges Verhältnis zum Bräutigam eingeführt wird. Sie hat das Bewusstsein, dass der Herr voller Gnade auf sie blickt; ihr Herz sehnt sich natürlich danach.

„Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hindinnen des Feldes“ – sie nennt gerade diese, denke ich, weil das wohl die geräuschempfindlichsten Tiere sind; im Nu sind sie aufgeschreckt. Sie wünscht, dass nichts Ihn stören möge – dass Er in jener Liebe ruhen möge, die Er ihr zugedacht hat. Denn es ist ein wunderbarer Gedanke, dass der Herr in Seiner Liebe zu Jerusalem ruhen will. Ich beziehe mich auf das letzte Kapitel von Zephanja, und meine Absicht dabei ist, die verborgenen Verbindungen aufzuzeigen, die zwischen dem Hohenlied und dem übrigen Wort Gottes bestehen. Ich habe auf die Psalmen hingewiesen; hier möchte ich die Propheten anführen. Der Heilige Geist hat nur eine Absicht. Er soll in Seiner Liebe ruhen; und wem gegenüber gebraucht Er jenen Ausdruck? Sind wir es? Nein, Jerusalem. Das finden wir ganz klar in Zephanja 3.

Was folgt? „Horch, mein Geliebter! siehe, da kommt er“ – aber er ist noch nicht da; Er ist auf dem Wege. Und sie weiß das. „Siehe, da kommt er“. Berge und Hügel mögen zwischen ihnen liegen, aber was bedeutet das für Ihn? Mein Geliebter gleicht einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche“. Daher machen Ihm die Schwierigkeiten nichts aus. „Siehe, da steht er hinter unserer Mauer, schaut durch die Fenster, blickt durch die Gitter“. Ihr Herz ist es wohl, das hier Sein Kommen schon vorwegnimmt, so dass sie sogar Seine Stimme hört. Sie sagt nicht nur: „Die Stimme meines Geliebten“, sondern „Mein Geliebter hob an und sprach zu mir: Mache dich auf, meine Freundin“ – das sollte ihr Herz mit Vertrauen in Seine Liebe füllen – „Mache dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Denn siehe, der Winter ist vorbei“ – der lange Winter für Israel – „der Regen ist vorüber, er ist dahin. Die Blumen erscheinen im Lande, die Zeit des Gesanges ist gekommen, und die Stimme der Turteltaube lässt sich hören in unserem Lande. Der Feigenbaum rötet seine Feigen“ – hier finden wir das Gleichnis vom Feigenbaum, auf das sich der Herr in Matthäus 24 bezieht – „und die Weinstöcke sind in der Blüte, geben Duft. Mache dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm“!

Dann bittet er sie, Ihn ihre Stimme hören zu lassen. Das war Sein Gedanke über sie und Sein Wunsch, dass sie Seine Liebe zu ihr kennen möge. „Lass mich deine Stimme hören; denn deine Stimme ist süß und deine Gestalt anmutig“. Auch Er wünscht, dass das, was hindern könnte, entfernt wird. Er wünscht in Seinem Garten Frucht zu sehen; denn wenn Er zu den Seinen kommt, tritt Er nicht nur die Herrschaft über Sein Volk an, sondern der ganze Schauplatz ist Sein. Und Er sieht darauf, dass doch bald alles passend und würdig für Sein Kommen ist. So mahnt er: „Fanget uns die Füchse, die kleinen Füchse, welche die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte“!

Und nun erscheint ein anderes Schlüsselwort des Hohenliedes. „Mein Geliebter ist mein“. Das ist ihre Antwort. „Mein Geliebter ist mein“. Das ist der erste Gedanke. Sie nimmt Ihn so recht in ihre Seele auf. Es ist noch nicht die Hochzeit. Aber sie hört Seine Stimme, und er hat sie getröstet und ihr Vertrauen in Seine Liebe geschenkt. „Mein Geliebter ist mein“, sagt sie, „und ich bin Sein“. Sie denkt sich völlig hinein, und ihre Seele wird dadurch für die Hochzeit zubereitet. „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein, der unter den Lilien weidet“. Es ist nicht so, ich wiederhole es, dass er Seinen Platz auf dem Thron schon eingenommen hätte. Er weidet unter den Lilien. „Bis der Tag sich kühlt“. Das ist noch nicht der strahlende Tag; der Tag ist noch nicht da. Es ist noch nicht „die Sonne der Gerechtigkeit ... mit Heilung in ihren Flügeln“; das steht noch aus. „Bis der Tag sich kühlt“, sagt sie, „und die Schatten fliehen, wende dich, sei, mein Geliebter, gleich einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche auf den zerklüfteten Bergen“! Aber hier möchte ich zunächst abbrechen. So der Herr will, werde ich den Faden wieder aufnehmen und auf alle Fälle einen allgemeinen Oberblick über dieses wunderbare kleine Buch des Wortes Gottes geben.

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