Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

"Gehet zu Joseph!"

Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

1. Mose 41,53–57

„Und die sieben Jahre des Überflusses, der im Land Ägypten gewesen war; gingen zu Ende. Und die sieben Jahre der Hungersnot begannen zu kommen, so wie Joseph gesagt hatte“ (Vers 53.54). Auf Erden hat nichts Bestand, ist alles dem steten Wechsel unterworfen. Aber welch ein Wechsel, welch eine Veränderung war dies! Wie dort im Traum des Pharao die sieben mageren Ähren die fetten „verschlangen“, wie die sieben hässlichen Kühe die sieben schönen „fraßen“, und „man nicht merkte, dass sie in ihren Bauch gekommen waren“, so brach jetzt die „sehr schwere Hungersnot“ über das unglückliche Land herein, nach dem Wort Josephs: „Aller Überfluss wird im Land Ägypten vergessen sein. . . Und man wird nichts mehr vom Überfluss im Land wissen wegen dieser Hungersnot danach, denn sie wird sehr schwer sein“ (Vers 30.31).

Es ist ein anderes „Vergessen“, das hier vor unsere Seele tritt, die Kehrseite des erhebenden Bildes, das wir in unserem vorigen Abschnitt vor Augen hatten. Während Joseph, durch die Hand Gottes erhöht, „all seine Mühsal“ und das „Land seines Elends“ vergessen darf, legt sich dieselbe Hand auf das Land in einem so harten und schweren Gericht, dass „aller Überfluss“, als ob man ihn nie genossen, nie gekannt hätte, aus dem Gedächtnis schwindet. – Die ernste Anwendung hiervon für die, die es betrifft, liegt so nahe, dass es kaum nötig ist, sie noch deutlicher hervorzuheben.

Denn diese „sieben Jahre der Hungersnot“ – ein göttlich vollkommenes Maß – sind ein deutlicher Beweis davon, wie „furchtbar es ist, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Heb 10,31). Diese Hungersnot war „stark“ und „sehr schwer“; sie“ verzehrte das Land“, Jahr folgte auf Jahr, in dem es „kein Pflügen noch Ernten“ gab; ja, „es war kein Brot im ganzen Land ... und das Land Ägypten und das Land Kanaan verschmachteten vor Hunger“ (Vers 30.31.56.57; Kap. 45,6; 47,13). Von diesem gewaltigen göttlichen Gericht lesen wir auch in dem oft angeführten Psalm: „Er rief eine Hungersnot über das Land herbei; jede Stütze des Brotes zerbrach er“ (Ps 105,16). Wehe der Erde, wenn es keine Rettung aus dieser Lage gab! War denn kein Ausweg da aus einem solch furchtbaren Gericht? O doch! Wir hören – in einem bemerkenswerten, scheinbaren Widerspruch zu dem vorstehend Angeführten –: „Aber im ganzen Land Ägypten war Brot“ (Vers 54). Brot die Fülle war da, aber es war nur zu erhalten bei Joseph. Es kam nur darauf an, diesen Ausweg – die Hilfe Josephs – nun auch in Anspruch zu nehmen.

Wie gut, dass dies geschah! „Und das ganze Land Ägypten hungerte; und das Volk schrie zum Pharao um Brot. Da sprach der Pharao zu allen Ägyptern: Geht zu Joseph; tut, was er euch sagt!“ (Vers 55). Ach! er brauchte nicht zu antworten wie Joram, als die Frau zu ihm um Hilfe schrie: „Hilft dir der Herr nicht, woher sollte ich dir helfen?“ noch seine Kleider zu zerreißen wie dieser König (2. Kön 6,25 ff.). Und sie, die Ägypter, brauchten nicht“ leer zurückzukommen mit ihren Gefäßen“ wie zu der Zeit, da „Jerusalems Klagegeschrei emporstieg“ (Jer 14,1 ff.). Nein, hier hieß es nicht, wie bei dieser Gelegenheit: „Die Kinder fordern Brot, niemand bricht es ihnen“ (Klgl 4,4) – hier war Joseph da, und wer Hunger hatte, brauchte sich nur an ihn zu wenden.

Wiederum fällt uns die praktische Anwendung dessen, was wir betrachten, nicht schwer; die Frage ist nur, ob wir sie auch für uns persönlich gemacht haben und machen. „Gehet zu Joseph!“ heißt es ja auch da, wo geistlicher Hunger die Seele nach Brot schreien lässt. Denn Er, der Herr – der wahre Joseph, wie wir Ihn im Laufe unserer Betrachtungen immer wieder genannt haben – ist es ja, „der den Schlüssel des David hat, der da öffnet, und niemand wird schließen, und schließt, und niemand öffnet“; Er ist es, „in dem verborgen sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (Off 3,7; Kol 2,3). „Es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen“ und durch Ihn alle die „mit sich zu versöhnen“, die Zuflucht zu „dem Blut seines Kreuzes“ nehmen (KoI 1,19 ff.). Hast du dies schon getan, geliebter Leser? Bist du dem Ruf: „Geht zu Ihm!“ schon gefolgt – Seinem rührenden Ruf: „Kommt zu mir!“, den Er an alle Mühseligen und Beladenen richtet? „He! ihr Durstigen alle, kommt zu den Wassern; und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft ein und esst! ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was nicht Brot ist, und euren Erwerb für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich und esst das Gute, und eure Seele labe sich an Fettem! Neigt euer Ohr und kommt zu mir; hört, und eure Seele wird leben“ (Jes 55,1–3). –

Hat nicht auch uns heute – nun wieder in anderer Beziehung – eine „Hungersnot“ betroffen? Leben nicht auch wir in einer Zeit der Sichtung und des Gerichts, wo man meinen sollte, dass besondere Bedürfnisse auch in den Herzen der Seinen hervorgerufen würden? Schwer hat sich insbesondere die Hand Gottes auf die Jugend gelegt; aber die große Frage ist, ob dadurch die Herzen näher zu Ihm gezogen oder nicht vielmehr weiter von Ihm entfernt werden. In der gegenwärtigen Zeit der Not bekommt der Ruf: „Geht zu Joseph; tut, was Er euch sagt!“ einen besonderen, ernsten Klang, wenn wir ihn auf uns, die Gläubigen, und auf die Lage, in der wir uns befinden, anwenden. Aber welch ein Tiefstand des persönlichen Glaubenslebens wird da vielfach offenbar! Möchten wir uns doch allezeit auf die reichen Hilfsquellen, die uns in dem wahren Joseph geöffnet sind, besinnen! Er wird ganz gewiss keinen, der zu Ihm kommt, beschämen. -

„Und die Hungersnot war auf der ganzen Erde; und Joseph öffnete alles, worin Getreide war, und verkaufte es den Ägyptern; und die Hungersnot war stark im Land Ägypten“ (Vers 56). Auch hier wurde niemand, der dem Befehl „Geht zu Joseph!“ folgte, beschämt. Denn dieser „tat alles auf“, teilte allen mit aus seinem reichen, für die ganze Dauer der Hungersnot nicht versagenden Schatz. Da war kein einziger, der leer ausging; denn „Joseph, er war der Gebieter über das Land, er verkaufte das Getreide allem Volk des Landes“ (Kap. 42, 6).

„Und alle Welt kam nach Ägypten zu Joseph, um Getreide zu kaufen; denn die Hungersnot war stark auf der ganzen Erde“ (Vers 57). Welch ein gewaltiger Zug von Hungernden und Hilfsbedürftigen aus allen Ländern! Derselbe, der in der Grube und im Kerker lag, der eine so beispiellose Erniedrigung über sich hatte ergehen lassen müssen, – derselbe ist nun der Mittelpunkt der ganzen Welt, ein getreues Abbild Dessen, von dem der Psalmist singt: „Er wird herrschen von Meer zu Meer, und vom Strom bis an die Enden der Erde. . . Und alle Könige werden vor ihm niederfallen, alle Nationen ihm dienen. Denn erretten wird er den Armen, der um Hilfe ruft, und den Elenden, der keinen Helfer hat; Er wird sich des Geringen und des Armen erbarmen, und die Seelen der Armen wird er retten“ (Ps 72,8.11–13).

Schon als Er, noch in Niedrigkeit, in Jerusalem einzog, als ein „König, sitzend auf einem Eselsfüllen“, lesen wir von Ihm: „Siehe, die Welt ist ihm nachgegangen“ (Joh 12,15.19). Heute aber – und in der Zukunft, wenn Er in Herrlichkeit wiederkommt – gilt das Wort von Ihm: „Es ist kein Unterschied ... derselbe Herr von allen ist reich für alle, die ihn anrufen“ (Röm 10,12). Ja, Er wird, wann immer es auch sei, wann immer man zu ihm geht“, „seine Armen mit Brot sättigen“ (Ps 132,15).

Welch ein Herr! Wahrlich, hier finden sich Segnungen, die alles, was der Mensch erdenken kann, alles Dagewesene, „überragen bis zur Grenze der ewigen Hügel“. Aber vergessen wir nie, bei wem sie zu finden sind: „Sie werden sein auf dem Haupt Josephs und auf dem Scheitel des Abgesonderten unter seinen Brüdern“ (1. Mo 49,26).

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