Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

Nach Ägypten hinab

Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

1. Mose 37,25–30.36

Während Jakob sich seinem fassungslosen Schmerz hingibt und seine Söhne ihn mit heuchlerischen Worten zu trösten versuchen, befindet sich Joseph, der Todgeglaubte, im heißen Sonnenbrande, gebunden auf den Rücken eines Kamels, auf dem Weg hinab nach Ägypten.

Wie war dies zugegangen? – Gott hatte über Joseph gewacht, um ihn aus der Mitte der feindlichen Brüder zu entfernen.

„Und sie setzten sich, um zu essen. Und sie hoben ihre Augen auf und sahen: Und siehe, ein Zug Ismaeliter kam von Gilead her; und ihre Kamele trugen Tragant und Balsamharz und Ladanum; sie zogen hin, um es nach Ägypten hinabzubringen“ (Vers 25). Wie wunderbar, dass diese Ismaeliter, was doch gewiss nicht alle Tage geschah, so unversehens des Weges von Gilead daherkamen! Kein Zweifel: Gott hatte – wie einst bei Jona den Fisch, den Wunderbaum, den Wurm und den schwülen Ostwind – diese Karawane „bestellt“, um in Wahrheit „das Beste des Landes“, den wahren „Balsam von Gilead“ für die ganze Welt, nach Ägypten hinabzubringen (vergl. Kap. 43,11; Jer 8,22; 46,11).

War es nicht ebenso Gottes Hand, welche die Söhne Jakobs, nachdem die Felder Sichems abgeweidet waren, zu dieser Zeit nach Dothan geführt hatte? (Die syrisch-ägyptische Karawanenstraße führte über den Engpass von Dothan durch die Ebene von Jesreel. Gilead (im weiteren Sinn des ganze Ostjordanland) nannte sich das Gebirge südlich des Jabbok.). War es nicht Seine Hand, die auch Ruben, ohne ersichtlichen Grund, gerade jetzt aus der Mitte der Brüder fernhielt, während Juda einen neuen – dritten – Anschlag ersann, der den im geheimen gehegten Plan Rubens zum Scheitern brachte? Jene Hand, die uns oft unverständliche Wege führt, und deren wunderbares Tun wir doch eines Tages – gleich Joseph – rühmen dürfen (lies Ps 118,13–17). Ja, dass wir mehr Vertrauen hätten zu dieser „guten Hand unseres Gottes, die über uns ist“, und die auch über Joseph war (Esra 8,18). –

„Da sprach Juda zu seinen Brüdern: Was für ein Gewinn ist es, dass wir unseren Bruder erschlagen und sein Blut bedecken? Kommt, lasst uns ihn an die Ismaeliter verkaufen; aber unsere Hand sei nicht an ihm, denn unser Bruder, unser Fleisch ist er! Und seine Brüder hörten darauf“ (Vers 26.27). Das zeigt uns zunächst, dass die Söhne Jakobs – trotz Rubens Abraten – noch keineswegs den Plan aufgegeben hatten, ihren Bruder mit eigener Hand zu töten. Da entsteht, als die Karawane am Horizont erscheint, in Juda ein neuer Plan, der geeignet war, nunmehr den Beifall aller zu finden und zugleich Rubens gute Absichten, die er möglichenfalls erriet, zu vereiteln.

„Was für ein Gewinn ist es ...“ – Ach, was ist der Mensch! Das ist die Sprache, die er allezeit liebt, die Frage, um die sich alle Gedanken seines eigennützigen Herzens drehen. In die Sklaverei verkauft, das war ja so gut wie tot; jedenfalls aber war so ein Weg gefunden, der eher gangbar schien, um den Gegenstand ihres Hasses und Neides für immer beiseite zu schaffen. – „Aber unsere Hand sei nicht an ihm.“ Waren sie deswegen weniger schuldig? War es Saul weniger, wenn er David gegenüber den gleichen Vorsatz in seinem Herzen nährte? (1. Sam 18,17). Oder David, wenn er den tödlichen Streich wider Urija nicht selber führte, sondern den Feinden überließ? „ Urija, den Hethiter, hast du mit dem Schwert erschlagen“, musste Nathan ihm sagen (2. Sam 11,15; 12,9). – Aber das Gewissen des Menschen, wenn es nicht im Licht Gottes ist, ist schnell zufriedengestellt und beruhigt sich gern mit allerlei frommen, trefflich klingenden Reden. „Unsere Hand sei nicht an ihm, denn unser Bruder, unser Fleisch ist er.“ Ähnlich hatte Laban zu Jakob gesagt; aber das hinderte ihn nicht, ihn härter als einen Knecht zu behandeln und „seinen Lohn zehnmal zu verändern“ (Kap. 29,14.25 ff.; 31,38 ff.).

„Als nun die midianitischen Männer, die Kaufleute (Vergl. Vers 25.27.28.36; Kap. 39,1. – „Ismaeliter“ (Nomaden) und „Medianiter“ (sesshafte Kaufleute) bildeten hier also, wie wir sagen würden, eine Art Handelsgesellschaft, die einen als Kameltreiber, die anderen als Kaufleute. Vielleicht waren diese stammverwandten Völker aber auch damals schon so miteinander vermischt, wie zu den Zeiten Gideons, des Besiegers Midians, wo sie ganz ineinander aufgegangen zu sein scheinen (vergl. Ri 8,24).), vorüberkamen, da zogen und holten sie Joseph aus der Grube herauf und verkauften Joseph an die Ismaeliter für zwanzig Silberstücke; und sie brachten Joseph nach Ägypten“ (Vers 28). Auch Jeremia „zogen und holten“ sie später mit Mühe aus der Grube im Gefängnishofe herauf (Jer 38,13); aber hier, bei Joseph, war es nicht Freundeshand, die ihn aus furchtbarer Lage befreien wollte. .. Welch eine Tat! „Wer einen Menschen raubt und ihn verkauft...“, so bestimmte später das Gesetz, „der soll gewiss getötet werden“ (2. Mo 21,16). Und streng war es untersagt, selbst im Schuldverhältnis, die eigenen Volksgenossen zu Sklaven zu machen. „Sie sollen nicht verkauft werden, wie man Sklaven verkauft“ (3. Mo 25,42). Hier aber handelte es sich nicht um einen Menschen schlechthin, auch nicht nur um einen Volksgenossen, sondern um den eigenen, leiblichen Bruder.

„Und sie verkauften Joseph an die Ismaeliter für zwanzig Silberstücke.“ Ach, welche Gedanken werden beim Lesen dieses kurzen Satzes in uns wach! Diese „zwanzig Silbertücke“ mögen für Joseph, seinem Alter nach, angemessen gewesen sein (vergl. 3. Mo 27,5); welche Geringschätzung aber drückte sich in den „dreißig Silberstücken“ aus, dem „herrlichen Preis“, dessen der wahre Joseph von Seinen Brüdern wertgeachtet wurde! (Sach 11,12.13; Mt 27,3 ff.). Er entsprach der Summe, die für einen von einem Ochsen getöteten Sklaven gezahlt werden musste (2. Mo 21,32).

Ruben kommt zu spät (Vers 29.30). Wir zweifeln nicht an der Aufrichtigkeit seines Schmerzes; aber nicht jeder findet zugleich die Kraft, seinen Gefühlen auch die Taten folgen zu lassen. Mangel an Entschiedenheit hatte ihn in diese Lage gebracht und nötigte ihn fernerhin, sich mit dem Bösen einszumachen, anstatt es aufzudecken (Vers 31 ff.). An ihm wird – eine weitere ernste Belehrung für uns – das Wort wahr: „Menschenfurcht legt einen Fallstrick“ (Spr 29,25). Schon sein erster Einspruch war matt und schwach, war nichts als ein Zugeständnis an das Böse: Vergießt nicht Blut, lasst ihn lieber dort in der Grube verkommen, so riet er – wenngleich er für sich selbst beabsichtigte, ihn zu retten. Und wie durfte er ihn dann (und ebenso die anderen, deren Absichten er kannte) auch nur einen Augenblick aus den Augen lassen? – „Und die Midianiter verkauften ihn nach Ägypten, an Potiphar, einen Hofbeamten des Pharao, den Obersten der Leibwache“ (Vers 36). Von seinen Brüdern verworfen, in die Hände der Fremden verkauft, blieb Joseph fortan dem Lande seiner Väter fern – er ist mit einer einzigen Ausnahme nie wieder dorthin zurückgekehrt (Kap. 50,7 ff.). So erinnert er uns an jenen „hochgeborenen Mann, der in ein fernes Land zog, um ein Reich für sich zu empfangen“ (Lk 19,12), an den jetzt von dieser Welt verworfenen, in den Himmel aufgenommenen Christus. „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht:,Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!'“ (Mt 23,38.39). Das wird sich erfüllen im Blick auf unseren Herrn und Sein irdisches Volk, wie es sich auch im Bilde an Joseph und seinen Brüdern erfüllt hat.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht