Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

Die Verwerfung

Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

1. Mose 37,23.24

„Und es geschah, als Joseph zu seinen Brüdern kam, da zogen sie Joseph seinen Rock aus, den langen Rock, den er anhatte“ (Vers 23). Das war das erste, was sie ihm antaten, ihm, der als Abgesandter des Vaters kam, „um nach ihrem Wohlergehen zu sehen“, - eine scheinbar sinnlose, durch nichts begründete Handlung. Wollten sie seine Leiden dadurch erhöhen, dass sie ihn auszogen? oder hatten sie das schon im Sinne, was sie nachher unternahmen, um ihr furchtbares Tun zu verschleiern? (vergl. Vers 31 ff.). Ach nein! Dieses seinen Träger auszeichnende (und in etwa ja auch auf dessen hohe Bestimmung hinweisende) Gewand war ein Dorn in ihren Augen; denn selbst tote Gegenstände rufen ja im menschlichen Herzen Hass und Eifersucht hervor, wie hier im Herzen der Brüder Josephs. Zugleich war es eine Schmach, so behandelt zu werden, wie wir wiederholt in der Schrift sehen (vergl. 1. Chr 19,4; Spr 20,16; 27,13; Hes 23,26).

Richten sich unsere Blicke hier nicht wiederum auf Den, dem sie wiederholt, und in der unehrerbietigsten Weise, diese Schmach antaten? „Und sie zogen ihn aus“ - freilich nur, um Ihm zum Hohn bald dieses, bald jenes andere Gewand umzuwerfen: sei es das Purpurkleid der Kriegsknechte, sei es das „glänzende Gewand“, mit dem Herodes seinem Ärger und seiner Enttäuschung in geringschätziger Weise Ausdruck geben wollte (Mt 27,28; Lk 23,11). Aber die Stunde kam auch, wo das Wort in Erfüllung ging: „Sie teilen meine Kleider unter sich, und über mein Gewand werfen sie das Los“ (Ps 22,18) - wo sie Ihm alles nahmen, auch das letzte, was Er hienieden besaß, und wo sie Ihm, um Ihm den Thron zu nehmen, das Kreuz gaben.

„Und sie nahmen ihn und warfen ihn in die Grube; die Grube aber war leer, es war kein Wasser darin“ (Vers 24). Alles nahm seinen Lauf; und wenn sie auch, Rubens Einspruch folgend, ihn nicht töteten, sondern lebendig in die Grube warfen, so war ihre Handlung doch grausam genug. Denn diese Zisternen waren tief, unten weit und oben verengt (Man vergleiche hiermit die Ausdrucksweise in Ps 69,16 b!) und wenn eine gefüllte Grube ihrem Bruder den Tod durch Ertrinken gebracht haben würde, so drohten ihm in einer trockenen die Schrecken eines langsamen, qualvollen Verdurstens; und wer sagte Joseph, dass Ruben ihn noch retten wollte?

Wahrlich, es war eine furchtbare Überraschung, eine verzweifelte Lage für Joseph, als er wie zerschlagen, mit zerschundenen Gliedern auf den Boden der Grube niederfiel oder dort vielleicht aus tiefer Betäubung erwachte! So verzweifelt und aussichtslos war später auch die Lage Jeremias, des Propheten des Leides, in der Grube im Gefängnishof; ohne die Fürsprache Ebedmelechs, des Äthiopiers, wäre er umgekommen (Jer 38,6 ff.). So verzweifelt und aussichtslos wird einst auch die Lage des jüdischen Überrests sein, und dann ist es der wahre Joseph, der König Israels, der die „Gefangenen der Hoffnung“ entlässt „aus der Grube, in der kein Wasser ist“ (Sach 9,9-11). Zuvor aber hatte dasselbe Volk diesem seinem König den gleichen Platz gegeben, den die Söhne Jakobs dem Joseph gaben; wie geschrieben steht: „Ohne Ursache haben sie mir ihr Netz heimlich gelegt, ohne Ursache meiner Seele eine Grube gegraben“ (Ps 35,7). Aber diese Grube war nicht leer; wir hören Ihn klagend rufen: „Rette mich, o Gott! denn die Wasser sind bis an die Seele gekommen. Ich bin versunken in tiefen Schlamm, und kein Grund ist da; in Wassertiefen bin ich gekommen, und die Flut überströmt mich. . . Ziehe mich heraus aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke! lass mich errettet werden von meinen Hassern und aus den Wassertiefen! Lass die Flut der Wasser mich nicht überströmen, und die Tiefe mich nicht verschlingen; und lass die Grube ihren Mund nicht über mir verschließen!“ (Ps 69,2.3.15.16). Doch so grausam und verwerflich die Handlung der Brüder Josephs auch war, so dürfen wir andererseits nicht vergessen, dass Gott sie zuließ. Er hat die Bosheit ihrer Herzen benutzt, um Seine Gedanken über Joseph und seine Brüder, über Israel und seinen ganzen Samen zur Ausführung zu bringen. Bei Christus, dem wahren Joseph, war es ebenso; mit dem bedeutsamen Unterschied freilich, dass es Gott „gefiel, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen“ (Jes 53,10). Hier traten die Leiden von Seiten Gottes, die sühnenden Leiden, hinzu; welche geheimnisvollen, ewig unergründlichen Tiefen! Hören wir Ihn selbst: „Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen. - Auf mir liegt schwer dein Grimm, und mit allen deinen Wellen hast du mich niedergedrückt. . . Ich bin eingeschlossen und kann nicht herauskommen“ (Ps 88,7-9).

Dort aber, „aus der tiefsten Grube“, hat Er den Namen Seines Gottes angerufen (Klgl 3,55). Dort hat Er „beharrlich auf den HERRN geharrt“ und ist erhört worden: „Er hat mich heraufgeführt aus der Grube des Verderbens, aus kotigem Schlamm; und er hat meine Füße auf einen Felsen gestellt, meine Schritte befestigt; und in meinen Mund hat er gelegt ein neues Lied, einen Lobgesang unserem Gott. Viele werden es sehen und sich fürchten und auf den HERRN vertrauen“ (Ps 40,2-4).

Auch Joseph kam aus der Grube, in die ihn seine Brüder geworfen hatten, wieder heraus; Gott wachte über ihm, um Seine Gedanken über ihn und das Haus Israel zur Ausführung zu bringen.

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