Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

Die Flucht

Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

1. Mose 39,11.12

In der ernsten Schule, durch die Joseph unter der Zulassung Gottes im Haus Potiphars ging, kam ein Augenblick, wo die Versuchung auf das höchste stieg – wo niemand zugegen war, wo niemand ihn sah – wo jene Ehebrecherin ihre Bemühungen verdoppelte (Vers 11.12). Musste Joseph sich nicht sagen, dass ein Beharren bei seiner Weigerung ihm den unauslöschlichen Hass seiner Herrin zuziehen würde, ja, dass der Tod ihm gewiss sei? Und andererseits – hatte er nicht das gleiche Herz, wie wir, ein Herz, dem „gestohlene Wasser süß sind und heimliches Brot lieblich“? (Spr 9,17). Es wäre nicht verwunderlich, wenn, wie es so leicht geschieht, der Gedanke in dem Jüngling aufgekommen wäre, dass ja nicht er diese Lage herbeigeführt habe und dass er darum auch nicht voll verantwortlich gemacht werden könne, wenn sein Widerstand unter einer solchen Belastung erlahmte.

Wir müssen verstehen, dass wir mit solchen Gedanken letzten Endes Gott verantwortlich machen für unser Erlahmen und unseren Fall, ja sogar für die Versuchung zum Bösen. „Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht; denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, und selbst versucht er niemand“ (Jak 1,13). So sagt Gottes Wort. - Aber tragen nicht die Umstände, trägt nicht Satan die Schuld? Hat nicht seine furchtbare List und Macht uns das stählerne Netz übergeworfen, aus dem nur eine übermenschliche Kraft uns befreien könnte? Lieber Leser, es ist sehr wichtig für uns, dass wir die Schuld an jeglichem Nachgeben gegenüber dem Bösen nur bei unserem eigenen, verderbten Herzen suchen; weder bei Gott, noch bei den Umständen, noch bei Satan. In der angeführten Stelle wird Satan überhaupt nicht genannt: „Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust fortgezogen und gelockt wird“ (Jak 1,14).

Wehe, wenn solche Gedanken, wie wir sie eben anführten, in Joseph Raum und Gestalt gefunden hätten! Wirklich, wir fühlen, dass dies ein ernster entscheidender Augenblick für ihn war, entscheidend für sein ganzes, ferneres Leben. Wieder hatten die „Bogenschützen“ einen todbringenden Pfeil bereit, aber die Bemühungen des Feindes blieben vergeblich. Joseph blieb in der Stunde der Versuchung Herr über sich selbst, furchtlos hinsichtlich der Folgen seines Gehorsams gegen Gott und anderseits in wahrer, gottgemäßer Reinheit. – Sein Bruder Juda „bog ab“ auf einen solchen traurigen Weg, „wie ein Ochse zur Schlachtbank“ (Kap. 38,16; Spr 7,22.23), aber Joseph war und blieb auch im fernen Land der „Abgesonderte unter seinen Brüdern“, der Nasir Gottes. Was befähigte ihn dazu? Es war die Furcht Gottes, die in seinem Herzen wohnte und der er zuvor in den Worten an Potiphars Frau einen so einzigartigen, schönen Ausdruck verliehen hatte. „Ich fürchte Gott“ – mit diesen Worten konnte er später mit Fug und Recht vor seine Brüder treten (Kap. 42,18).

Der von Gott gelöste Mensch sagt: „Wer wird uns sehen?“ (Ps 64,6; Hiob 24,15). So hätte, von menschlichen Gesichtspunkten aus, auch Joseph in dieser Stunde sagen können. Der aber, in dessen Herzen die Furcht Gottes wohnt, weiß und verwirklicht, dass Gott „ein Gott des Wissens“ ist; „von ihm werden die Handlungen gewogen“ (1. Sam 2,3). Er sagt nicht: „Niemand sieht mich“, sondern „Gott sieht mich“. „Kann sich jemand in Schlupfwinkel verbergen, und ich sähe ihn nicht? spricht der HERR“ (Jer 23,24). „Der das Ohr gepflanzt hat, sollte er nicht hören? der das Auge gebildet, sollte er nicht sehen? der die Nationen zurechtweist, sollte er nicht strafen?“ (Ps 94,9.10). Gott wird „ein schneller Zeuge sein“ gegen alle, die Seiner vergessen (Mal 3,5). Das haben die Brüder Josephs erfahren. Ruben erkannte es zuerst und rief ihnen zu: „Habe ich nicht zu euch gesprochen und gesagt: Versündigt euch nicht an dem Knaben?. . . Siehe, sein Blut wird auch gefordert!“ Und Juda musste später vor Joseph bekennen: „Gott hat die Missetat deiner Knechte gefunden!“ (Kap. 42, 22; 44,16). Und noch heute „ist nichts verdeckt, was nicht aufgedeckt, und verborgen, was nicht erkannt werden wird“ und „kommt der Zorn Gottes dieser Dinge wegen über die Söhne des Ungehorsams“ (Lk 12,2; Eph 5,6.13). Mit heiligem Ernst ruft Gottes Wort uns zu: „Wisst, dass eure Sünde euch finden wird“, und preist darum denjenigen glückselig, „der sich beständig fürchtet“. „Wer aber sein Herz verhärtet, wird ins Unglück fallen“ (Spr 28,14). Möchten wir darum, wenn es sich, in welcherlei Gestalt auch immer, um das Böse handelt, mit Nehemia sagen können: „Ich aber tat nicht so, aus Furcht vor Gott“ (Neh 5,15).

„Er aber ließ sein Gewand in ihrer Hand und floh und lief hinaus“ (Vers 12). An dem Bilde großer sittlicher Schönheit, das Joseph uns in der Geschichte seiner Versuchung gibt, fehlt nicht der geringste Zug. Er zieht die letzte Folgerung aus der Lage, in die er ohne sein Zutun gekommen ist, er flieht. Er hätte es längst getan – schon am ersten Tag –, wenn nicht die Pflicht ihn auf dem von Gott gegebenen Platz festgehalten hätte. Jetzt aber blieb ihm kein anderer Ausweg mehr offen: Er „floh und lief hinaus“. In göttlicher Einsicht handelte er so, wie Gottes Wort fast zwei Jahrtausende später den Gläubigen zugerufen hat: „Flieht die Hurerei!“ „Die jugendlichen Begierden aber fliehe!“ (1. Kor 6,18; 2. Tim 2,22).

„Joseph lässt den Mantel fahren, aber das gute Gewissen hält er fest“, hat einmal jemand gesagt. Leider müssen wir heute oft das Gegenteil feststellen: Man legt großen Wert auf das „Gewand“ – das, was nach außen hin in Erscheinung tritt – aber nur geringen auf das gute Gewissen. Man trägt ein hohes Bekenntnis zur Schau, trachtet aber nur wenig danach, die sittlichen Folgerungen daraus zu ziehen. Wenigstens da, wo „niemand uns sieht“, – anstatt zu bedenken, dass wir einmal ernten werden, was irgend wir gesät haben.

Joseph ließ sein Gewand im Stich, und, obwohl gerade dieses Gewand gleich darauf (Vers 15.16) zum Beweismittel gegen ihn diente, hat es ihn nicht gereut: Gott hat ihn bald darauf mit „Kleidern aus Byssus“, von feinster, weißer Baumwolle, bekleidet (Nach neueren Erkenntnissen nicht Baumwolle (ein Produkt der Neuzeit), sondern Linnen, vergl. 2. Mo 28,39.42; 39,28; 3. Mo 16,4 (Anmerkung d. Herausgebers).) (Kap. 41,42). Und „weiße Kleider“ sind auch unser Teil, wenn wir überwinden (Off 3,5). „Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen“ (Jak 1,12).

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