Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

Gott lässt vergessen

Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

1. Mose 41,45–52

Welch ein Bild, Joseph auf dem Thron des Pharao zu sehen! Wahrlich, „Der Herr macht arm und macht reich; Er erniedrigt und erhöht auch. Er hebt aus dem Staub empor den Geringen, aus dem Kot erhöht Er den Armen, um sie sitzen zu lassen bei den Edlen; und den Thron der Ehre gibt Er ihnen als Erbteil“ (1. Sam 2,7.8). – Doch damit nicht genug; außer dem Thron – dem Siegelring, den Kleidern von Byssus und der goldenen Kette – empfängt Joseph nun noch dreierlei: einen neuen Namen, eine Frau und zwei Söhne.

„Und der Pharao gab Joseph den Namen Zaphnath-Pahneach“ (Vers 45). Schon zu Abram hatte der Herr gesagt: „Ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein!“ und zu David, als er die Herrschaft angetreten hatte: „Ich habe dir einen Namen gemacht, gleich dem Namen der Großen, die auf Erden sind“ (1. Mo 12,2; 1. Chr 17,8). Auch dieser Name, den Joseph erhielt, war ein „großer“ Name, den ihm nicht der Pharao, sondern „der Mund des HERRN bestimmt“ hatte! (Jes 62,2). Denn dieser Name bedeutet, wenn wir den alten Auslegern der nachapostolischen Zeit folgen dürfen, „Erhalter des Lebens“ oder „Retter der Welt“; er gibt dem Ausdruck, was Joseph hinfort für Ägypten und die ganze Welt, und im besonderen für seine Brüder, für das Haus seines Vaters, sein sollte.

Wie gehen unsere Gedanken bei diesem Namen doch wiederum von dem Vorbild zu dem erhabenen Ebenbild hin! „Du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden“ (Mt 1,21). Als solcher, als der Heiland Seines Volkes, ja, als der „Retter der Welt“ (vergl. Joh 4,42), kam Er auf diese Erde herab, und nun „ist in keinem anderen das Heil, denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in dem wir errettet werden müssen“ (Apg 4,12). Welch ein kostbarer Name!

Jesus-Nam', wer kann ergründen
Deine Tiefe, Deine, Höh'!
Wer die Lieb' und Gnad' verkünden,
deren End' ich nirgend seh'!
Unausforschlich bleibet hier
Deines Namens Fülle mir!

Geliebter Leser! hast du schon in diesem Namen Rettung und ewiges Heil gefunden? Ach, wenn du dem Zug des Vaters nicht folgst, dann wirst du einst als ein ewig Gerichteter gezwungen werden, diesem Namen die schuldige Ehrerbietung darzubringen. Denn weil Er so tief hinabstieg bis in den Tod, ja, bis in den Tod am Kreuz, „darum hat Gott ihn auch hocherhoben und ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters“ (Phil 2,9–11). Welch eine Huldigung wird das sein! Dann wird es heißen: „Herr, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!“ (Ps 8,2.10). „Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang wird mein Name groß sein unter den Nationen; und an jedem Ort wird geräuchert, dargebracht werden meinem Namen“ (Mal 1,11). Ja, „sein Name wird ewig sein; solange die Sonne besteht, wird sein Name fortbestehen; und in ihm wird man sich segnen; alle Nationen werden ihn glücklich preisen“ (Ps 72,17).

So ist also Joseph, wir sahen es schon, wie zuvor vom Tod Christi und Seiner Auferweckung, nun auch ein Vorbild von Seiner – heute noch zukünftigen – wunderbaren Erhöhung. Er freilich nahm, als Er „ungefähr dreißig Jahre alt zu werden begann“, Seinen Dienst in Niedrigkeit auf; Joseph ist in dem gleichen Alter schon gewürdigt, „vor dem Pharao zu stehen“ (Hinsichtlich dieses Ausdrucks vergl. 1. Sam 16,21; 1. Kön 12,6.8; Spr 22,29; Dan 1,19.). Sein öffentlicher Dienst wurde in Herrlichkeit getan; und er zögert nicht, damit sogleich zu beginnen (Vers 46; Lk 3,23).

„Und das Land trug in den sieben Jahren des Überflusses Hände voll ... Und Joseph schüttete Getreide auf wie Sand des Meeres, über die Maßen viel, bis man aufhörte zu zählen, denn es war ohne Zahl“ (Vers 47–49). Das war der „große Überfluss“, von dem Gott durch den Traum geredet hatte (Vers 29). Isaak hatte einst Ähnliches erlebt, als er in Gerar säte und „das Hundertfache gewann“; und in der Wüste beschämte Gott später Sein murrendes Volk, indem Er „Fleisch auf sie regnen ließ wie Staub, und geflügelte Vögel wie Sand der Meere“ (Kap. 26,12; Ps 78,27). Diese vereinzelten Ereignisse aber werden dereinst einmal weit in den Schatten gestellt von den herrlichen Segnungen der tausendjährigen Herrschaft Christi, von denen diese „sieben Jahre des Überflusses“ ein treffendes Bild sind. „Es wird Überfluss an Getreide sein im Land“, heißt es im Blick darauf, und zwar sogar „auf dem Gipfel der Berge; wie der Libanon wird seine Frucht rauschen.“ „Du hast die Erde heimgesucht und ihr Überfluss gewährt, du bereicherst sie sehr: Gottes Bach ist voll Wasser“ (Ps 72,16; 65,10). Dann wird das Land in einer unsere heutigen Begriffe weit übersteigenden Weise, „über die Maßen viel“, von dem HERRN gesegnet sein – „vom Köstlichsten des Himmels, vom Tau, und von der Tiefe, die unten lagert, ... und vom Vorzüglichsten der Berge der Urzeit … und vom Köstlichsten der Erde und ihrer Fülle -; und das Wohlgefallen dessen, der im Dornbusch wohnte“, wird auf dem Haupt des wahren Joseph sein und „auf dem Scheitel des Abgesonderten unter Seinen Brüdern“ (5. Mo 33,13–16).

Und wie dann in der Herrlichkeit dieses Reiches dem Sohn des Menschen eine aus den Nationen genommene Braut zur Seite stehen wird, so nennt auch Joseph hier eine heidnische Frau sein eigen. Zippora, die Tochter des Priesters von Midian, die dieser dem aus Ägypten vertriebenen Mose gab, stellt die Kirche in der Zeit der Verwerfung Christi dar, „Asnath, die Tochter Potipheras, des Priesters von On“, in der Zeit Seiner Herrlichkeit; denn auch diese Herrlichkeit, nicht nur Seine Schmach, darf Seine Braut, die Ihm jetzt aus den Nationen zugeführt wird, mit Ihm teilen. Immer wieder kommt uns, was Joseph selbst betrifft, die völlige Veränderung seiner Lage zum Bewusstsein. Er empfängt die höchsten Ehren, und er empfängt eine Frau, und noch „ehe das Jahr der Hungersnot kam“, werden ihm von dieser Frau „zwei Söhne geboren“ (Vers 50). Die Namen, die er ihnen gab, lassen uns seine innersten Gefühle angesichts solcher Segnungen erkennen. Manasse heißt: „Der vergessen macht“; „denn Gott hat mich vergessen lassen all meine Mühsal und das ganze Haus meines Vaters“ (Vers 51). Die Feindschaft, die er von dort erfuhr, die Mühsal, die hinter ihm lag – er durfte sie „vergessen“, sich „an sie erinnern wie an vorübergeflossene Wasser“ (Hiob 11,16). „Vergessen“, welch ein herrliches Wort! – So ist auch der Christus, der „Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut“, „hinweggenommen worden aus der Angst und aus dem Gericht“ und ist nun in „die vor ihm liegende Freude“ eingegangen (Jes 53,8; Heb 12,2).

„Und dem zweiten gab er den Namen Ephraim“ – das bedeutet: „Doppelte Fruchtbarkeit“ – „denn Gott hat mich fruchtbar gemacht im Land meines Elends“ (Vers 52). Joseph hatte „mit Tränen gesät“, nun durfte er „mit Jubel ernten“; das Elend seiner Jugend war vorbei, Gott hatte „sein Sacktuch gelöst“ und „seine Wehklage in einen Reigen verwandelt“ (Ps 126,5; 30,12). Und der wahre „Sohn eines Fruchtbaums am Quell“? Auch in Seinem Fall hat die „Mühsal seiner Seele“ Frucht gebracht, tausendfältige Frucht, und sie tut es noch. Er ging uns aus dem „Land des Elends“ voran; dort in der Herrlichkeit aber darf Er nun diese „Frucht sehen und sich sättigen“ (Jes 53,11).

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