Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

Gott befreit

Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

1. Mose 41,14-16

„Da sandte der Pharao hin und ließ Joseph rufen; und sie holten ihn schnell aus dem Kerker“ (Vers 14a). Welch ein Augenblick: das Ende der langen, schier endlosen Prüfungszeit war gekommen! „Der König sandte hin und ließ ihn los, der Herrscher über Völker, und befreite ihn“ (Ps 105,20). Die Stunde der köstlichen Freiheit schlug; Gott selbst war es, der Seinem als treu erfundenen Knecht die Tore des Kerkers auftat. Denn wer war der Pharao, wer der Mundschenk, wer die Abgesandten, die „ihn schnell aus der Grube hoben“? (1 So übersetzen einige den hebräischen Text; vergl. die Anm. auf Seite 43). Was anders als willenlose, ahnungslose Werkzeuge in eines weisen Regenten Hand? „Gott war mit Joseph und rettete ihn aus allen seinen Drangsalen“, sagte der Heilige Geist durch den ersten Blutzeugen der Kirche Christi (Apg 7,10). Etwa dreizehn Jahre lang, möglichenfalls schon von seinem siebzehnten Lebensjahr an, also seine ganze Jugendzeit hindurch, war Joseph von einer Erprobung zur anderen gegangen. Wie viel Jahre er davon im Kerker lag, wissen wir nicht; aber mit ein wenig Vorstellungskraft können wir uns in die Gefühle, die ihn jetzt, bei seiner plötzlichen Befreiung, bewegt haben mögen, hineinversetzen. Auch in die eines Simson, als sie ihn „aus dem Gefängnis riefen“ und ihm nach einem verfehlten Leben noch einmal eine Stunde der Freiheit geschenkt wurde (Ri 16,25 ff.). Auch in die eines Hiob, den Gott, bildlich gesprochen, „ringsum eingeschlossen“ und dessen Füße Er „in den Stock gelegt“ hatte (Hi 3,23; 13,27) - wir kennen „das Ende des Herrn“, „dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig“ war: „der HERR wendete die Gefangenschaft Hiobs ... und der Herr mehrte alles, was Hiob gehabt hatte, um das Doppelte“ (Jak 5,11; Hi 42,10). Auch Jeremia und Daniel kamen aus der todbringenden Grube heraus (Jer 38,10 ff; Dan 6,24), und Engel Gottes, sei es in Person oder verborgen hinter Naturgewalten, öffneten die Kerker, in denen die Apostel in den Verfolgungen des Anfangs ihren Platz fanden (Apg 5,18.19; 12,6 ff.; 16,24 ff.). Und die Sonne des Auferstehungstages beschien ein leeres und weit geöffnetes Grab: Das finsterste und ungerechteste Gefängnis, das es auf dieser Erde gab, hatte seine kostbare Beute herausgeben müssen! Er, der am Kreuz rief: „Ich bin eingeschlossen und kann nicht herauskommen“, und der auch in der“ tiefsten Grube“, im „Staub des Todes“, Sein Vertrauen nicht sinken ließ, stand siegreich aus den Toten auf - wer erkennte nicht, dass wir von diesem wunderbaren, erhabenen Geschehen in der Befreiung Josephs aus dem Gefängnis ein treffendes Vorbild haben? -

„Und sie holten ihn schnell aus dem Kerker.“ Lange hatte der Herr seinen Knecht in Geduld geübt, aber als Seine Stunde gekommen war, da durfte der Kerker den armen Gefangenen nicht einen Augenblick länger behalten. Lange wurde auch der Glaube Jakobs auf die Probe gestellt; dann hieß es: „Eilt und zieht hinauf zu meinem Vater und sprecht zu ihm. . . Komm zu mir herab, zögere nicht!“ (Kap 45,9.13). Ohne jede Aussicht auf Rettung lag Petrus im Gefängnis zu Jerusalem verwahrt, aber als der Engel des Herrn diesen Schauplatz betrat, lautete seine Botschaft: „Stehe schnell auf!“ - „und die Ketten fielen ihm von den Händen“ (Apg 12,7). Fast zwei Jahrtausende harrt die Gemeinde des Herrn auf den Tag, wo Er wiederkommt, aber wenn diese glückselige Stunde schlägt, geschieht alles „in einem Nu, in einem Augenblick, und wir werden sein „wie Träumende“, wenn Er „die Gefangenen Zions zurückführt“ (1. Kor 15,52; Ps 126,1). Und wenn der Augenblick, an den der Psalmist hier zunächst denkt, für das Volk der irdischen Berufung kommt, dann „hüllt er sich in Eifer wie in einen Mantel“, und „seine Heilung wird schnell sprossen“ (Jes 59,17; 58,8). Wenn „ihre Mühsal vollendet“ und „ihre Schuld abgetragen“ sein wird, gibt es kein Zögern, kein Verziehen mehr: „Der in Fesseln Gekrümmte wird sogleich losgelassen werden und wird nicht hinsterben in die Grube, und sein Brot wird ihm nicht fehlen“ (Jes 40,2; 51,14). Welch ein wunderbarer Gott! Wir wissen es: „Nicht von Herzen plagt und betrübt Er die Menschenkinder“ (Klgl 3,33). Auch im Fall Josephs war Er „in all seiner Bedrängnis bedrängt“ und harrte gewiss sehnlicher als der Bedrängte selbst auf den Augenblick, wo Er „dem Gefangenen Freiheit“ und „dem Gebundenen Öffnung des Kerkers ausrufen“ konnte (vergl. Jes 63,9; 61,1).

Wann in der Schule, durch die Joseph ging, erreicht war, was der göttliche Lehrer bezweckte, das wusste Gott allein; wie konnte es der Schüler wissen? Joseph jedenfalls war von seiner Freilassung so völlig überrascht, dass er sich erst in einen passenden Zustand versetzen musste, um vor den Pharao zu treten: „Und er schor sich (Aus alten Abbildungen geht hervor, dass die Agypter in damaliger Zeit das Haar kurz trugen; die Kaste der Priester ging sogar völlig kahl.) und wechselte seine Kleidung und kam zum Pharao“ (Vers 14). Auch dieser unscheinbare Zug passt völlig zu Josephs Bild; aber er wusste nicht nur, was er dem König schuldig war, sondern auch, was sich Gott gegenüber geziemte.

„Und der Pharao sprach zu Joseph: Ich habe einen Traum gehabt, und da ist keiner, der ihn deutet; ich habe aber von dir sagen hören, du verstehest einen Traum, ihn zu deuten“ (Vers 15). Das war für Joseph eine nicht geringe Versuchung, diese im Mund des heidnischen Königs durchaus natürliche Sprache stillschweigend anzuerkennen oder gar zu der seinigen zu machen. Nie vergisst ja das menschliche Herz seines Gottes so schnell, als unmittelbar nach einer von Seiner Gegenwart und Treue gemachten Erfahrung. Aber Joseph erliegt der Gefahr dieses Augenblicks nicht; ob der Versucher - sei es auf religiösem oder moralischem Gebiet - mehr von außen, aus seiner Umgebung heraus, zu ihm trat, oder auf dem verborgenen Gebiet der Gedanken seines Herzens - nie vergisst Joseph, was sich Gott gegenüber geziemt, nie versäumt er, in wahrer Gottesfurcht und Demut Ihm allein die Ehre zu geben.

„Und Joseph antwortete dem Pharao und sprach: Das steht nicht bei mir; Gott wird antworten, was dem Pharao zur Rettung ist“ (Vers 16). Ähnlich hatte er zu den „Gefangenen des Königs“ gesagt: „Sind die Deutungen nicht Gottes?“ (Kap. 40,8). Ähnlich hat später auch Daniel zu Nebukadnezar gesagt: „Mir aber ist nicht durch Weisheit, die in mir mehr als in allen Lebenden wäre, dieses Geheimnis offenbart worden, sondern deshalb, damit man dem König die Deutung kundtue“ (Dan 2,30). Und die gleiche Sprache finden wir bei den großen Zeugen des Neuen Testaments; so, wenn Petrus nach der Heilung des Lahmen zu dem Volk sagt: „Männer von Israel..., was seht ihr unverwandt auf uns, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann?“ oder wenn Barnabas und Paulus in Lystra voll Entsetzen ihre Kleider zerreißen (Apg 3,12.13; 14,12 ff.). „Nicht dass wir von uns selbst aus tüchtig sind, etwas zu denken, als aus uns selbst, sondern unsere Tüchtigkeit ist von Gott“, schrieb der große Apostel der Nationen (2. Kor 3,5). Und ebenso reiht sich sein „Nicht aber ich“ an anderer Stelle (1. Kor 15,10) würdig dem Wort Josephs an, das wir hier finden. „Das steht nicht bei mir“ - das ist das erste Wort Josephs außerhalb des Kerkers. Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis aus dem Mund dessen, der in ernster Schule gelernt hatte, nichts zu sein, und dem Gott darum die Tür zur Freiheit auftun konnte.

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