Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

Gott gedenkt

Der Abgesonderte unter seinen Brüdern

1. Mose 41,1-13

„Und es geschah nach Verlauf von zwei vollen Jahren, dass der Pharao träumte: und siehe, er stand am Strom“ (Vers 1). Zum dritten Male sollte ein Traum in Josephs Leben eine bedeutende Rolle spielen. Zwei „Jahre von Tagen“ lang schien es, als ob nicht nur der Mundschenk, sondern auch Gott ihn vergessen hätte. Ich sage: „es schien“, denn der Glaube weiß und verwirklicht, dass auch dieser Schein trügt. „Könnte auch eine Frau ihren Säugling vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Sollten sogar diese vergessen, ich werde deiner nicht vergessen“ (Jes 49,15). Während Joseph im Gefängnis harrte, während „das Wort des Herrn ihn läuterte“, hatte Gott längst den Plan zu seiner Befreiung bereit - die Hilfe sollte kommen, aber sie sollte nicht von Menschen, sondern von Ihm kommen. Wären uns die Dinge nicht so von Jugend auf bekannt, wir würden vermutlich mit Spannung dem weiteren Verlauf der Erzählung entgegensehen. Gottes Mittel sind unerschöpflich, Gottes Regierungswege unumschränkt, und nirgends tritt uns dies vielleicht so augenfällig entgegen, wie in diesem Buche, das uns das Kindesalter der Menschheitsgeschichte berichtet. In keinem Buch finden wir auch einen so bunten Wechsel der Szenerie: Wir werden aus dem Garten Eden in das Land Nod geführt, von den Städten Kains und seiner Nachkommen zu den Gräbern der Familie des Glaubens. Einige Kapitel lang blickt unser Auge über die ganze bewohnte Erde hin, dann wieder tönt das Geschrei von Babel an unser Ohr, breitet sich die fruchtbare Ebene des Jordan vor uns aus oder die zerklüfteten Berge Hebrons. Wir wandern mit Jakob nach dem „Land der Kinder des Ostens“ hin, und folgen Joseph in die bedrückenden Umstände der Sklaverei in Ägypten, bis hinein in das Gefängnis. Dann wieder verlassen wir diesen Schauplatz und werden, plötzlich und unvermittelt, in das Schlafgemach des Königs geführt, ohne zunächst hierfür den Grund, die göttlichen Zusammenhänge, zu erkennen.           

„Der Pharao träumte: und siehe, er stand am Strom.“ Dieser Strom ist die Lebensader Ägyptens, der Nil, und seine vieltausendjährige Geschichte erzählt von guten und von schlechten Zeiten. Es ist derselbe Strom, in den später der Pharao, „der Joseph nicht kannte“, die neugeborenen Söhne Israels warf und aus dessen Schilf seine Tochter das Kästlein mit dem Moses-Knaben in Sicherheit brachte; derselbe, dessen Wasser dieser Moses nachher - ein furchtbares Gericht - in Blut verwandeln musste. Auch in die Ferne hin redet Gottes Wort von diesem „Strom“ - dass er „versiegen und austrocknen“ wird; weil der Pharao „spricht: ‚Der Strom gehört mir, und ich habe ihn gemacht', darum, siehe, will ich an dich und an deine Ströme; und ich werde das Land Ägypten zu öden, wüsten Einöden machen...“ (Jes 19,5-7; Hes 29,9.10). Wir sehen, dass es wiederum ein Traum war, dessen Wichtigkeit für den Träumer von vornherein auf der Hand lag.

Aus diesem Strom, dem Spender der Fruchtbarkeit, steigen nun zweimal sieben Kühe, das Bild der Fruchtbarkeit, herauf; denn als dieses ist die Kuh im alten Ägypten verehrt worden. Aber während die ersten Kühe „schön von Ansehen und fett an Fleisch sind (Vers 2.18), bieten die nach ihnen heraufsteigenden das entgegengesetzte Bild; sie sind mager, „dürr und sehr hässlich“, wie der Pharao nachher sagt; „ich habe wie diese an Hässlichkeit keine gesehen im ganzen Land Ägypten“ (Vers 3.19). Und während die ersten sieben „im Riedgras weiden“, verhalten die anderen sich völlig wider die Natur, indem sie die sieben fetten Kühe verschlingen (Vers 4.20). „Und sie kamen in ihren Bauch, und man merkte nicht, dass sie in ihren Bauch gekommen waren, und ihr Ansehen war hässlich, wie im Anfang“ (Vers 21). Wie eindrucksvoll! „Und der Pharao erwachte.“

In dem zweiten Traum schaut der königliche Schläfer nicht nur das Bild der Fruchtbarkeit, sondern die Frucht selbst: „Sieben Ähren wuchsen an einem Halm, fett und schön (Der ägyptische Weizen bringt an jedem seiner Halme drei oder mehr Ähren hervor, deren mittelste voll und groß ist, die aber nach außen hin schwächer werden. Das Auffällige an diesem Traumbild war also nicht so sehr, dass sieben Ähren an einem Halm standen, sondern dass alle diese sieben Ähren „fett und schön“ waren.); und nach diesen wiederum eine gleiche Zahl magere, dürftige, leere und von dem gefürchteten Ostwind versengte Ähren, die die ersten verschlingen (Vers 5-7; 22-24; 27). „Und der Pharao erwachte, und siehe, es war ein Traum.“

Doch obwohl es ein Traum war, fühlte der Pharao offenbar, wie vor ihm die beiden Gefangenen, dass er hier vor dem Geheimnis einer bedeutungsvollen, übernatürlichen Offenbarung stand. „Und es geschah am Morgen, da war sein Geist voll Unruhe, und er sandte hin und ließ alle Wahrsagepriester Ägyptens und seine Weisen rufen; und der Pharao erzählte ihnen seine Träume, aber da war keiner, der sie dem Pharao deutete“ (Vers 8). Armer Pharao! Ihm trat am Morgen nach der bedeutsamen Nacht kein Joseph entgegen! Insofern waren vordem seine Gefangenen besser daran, und all seine Macht und seine Unumschränktheit konnten ihm hier nicht helfen. „Da war keiner, der sie dem Pharao deutete“ - zweimal hören wir später das Eingeständnis hiervon aus seinem eigenen Mund (Vers 15.24). Manchen Traum mochten seine Wahrsagepriester ihm schon gedeutet haben; aber gegenüber dieser göttlichen Offenbarung „wurde ihr Unverstand allen offenbar“ (vergl. 2. Tim 3,9), wie denn überhaupt der Mensch nicht das Organ besitzt, das ihn befähigt, die Kundgebungen Gottes zu verstehen. „Niemand weiß, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes“, „es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen“ (1. Kor 2,11.14; vergl. Joh 3,3).

Hier greift nun Gott in Seiner wunderbaren Gnade ein; die Stunde ist da, wo Er sowohl des Pharao gedenkt, als auch vor allem seines geduldig harrenden Knechtes. „Da redete der Oberste der Mundschenken zum Pharao und sprach: Ich erinnere mich heute an meine Sünden“ (Vers 9). Gott gedenkt, aber auch der Oberste der Mundschenken gedenkt. Alles in dieser kostbaren Geschichte, die wir betrachten, hat Joseph, den Knecht Gottes, zum Mittelpunkt; und der Mundschenk, dem dieser Joseph zuvor einen so großen Dienst erwies, hatte Joseph vergessen. Jetzt endlich, nach so langer Zeit, wird er sich des Wertes dieses Mannes bewusst, aber indem er an ihn denkt, muss er notwendigerweise auch „an seine Sünden denken“. Alles was da einst auf seinem Weg lag, wie auch die einzigartige Weisheit jenes „hebräischen Jünglings“ steigt vor seinem inneren Auge auf, wie auch schließlich die Botschaft von Gericht und Gnade, die er einst aus seinem Mund gehört hatte. - Sollte nicht unter den Lesern dieser Zeilen auch der eine oder andere sein, der „Josephs vergessen“ hat - des wahren Josephs -, weil er sich des hohen Wertes dieser Person nicht bewusst blieb? In solchem Fall tut es uns ebenso Not, im Geist zurückzukehren bis dahin, wo wir Ihm zum erstenmal begegnet waren.

Nicht die Bitte des Joseph, sondern der Traum, den Gott dem Pharao sandte, ließ den Obersten der Schenken das Werkzeug zur Befreiung Josephs werden. Gott ließ sich herab, sich dieses Mannes zu bedienen, in dem Joseph einst vergeblich seinen Retter sah; aber es war Gott, der half, und zwar zu Seiner Stunde. Gott gedenkt, und Gott hilft, wenn Seine Stunde gekommen - das ist es, was der Glaube weiß, verwirklicht und festhält.

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