Betrachtung über das Evangelium nach Johannes

Kapitel 12

Betrachtung über das Evangelium nach Johannes

Auch in der Familie in Bethanien wird der Überrest Israels in jenen Tagen dargestellt 1. Der Herr kommt in die Mitte dieser geliebten Familie und findet Erquickung, Gemeinschaft und Anerkennung Seiner Herrlichkeit, wie Er diese Dinge bei Seinem Überrest am Ende der Tage finden wird. Dort liegt Er als der Herr des Lebens zu Tisch, neben sich den Zeugen Seiner lebendig machenden Kraft. Dort sitzt Er als „der König der Herrlichkeit” und empfängt die Huldigung Seines willigen Volkes. In diesen beiden heiligen Würden wird Er nun von diesem gläubigen Haus aufgenommen. „Während der König an seiner Tafel war, gab meine Narde ihren Duft” (Hld 1,12), sagt gleichsam Maria.

In diesem Charakter befindet Er sich hier. Eine einzige Familie in dem abtrünnigen Land erkennt den Herrn des Lebens und den König der Herrlichkeit an. Aber bald sollten auch die Stadt selbst und die Fremden dort Ihn sehen wie dieses Haus in Bethanien, ebenso wie auch bald die Nation und die ganze Erde Ihn annehmen werden, nachdem der Überrest Ihn aufgenommen hat.

„Am nächsten Tage” begegnet Ihm, wie wir lesen, eine große Volksmenge, bewegt durch die Nachricht von der Auferweckung des Lazarus aus den Toten. Sie begegnet Ihm, als Er nach Jerusalem kommt, und führt Ihn als den Sohn Davids, den König Israels, in die königliche Stadt 2.

Es war die Zeit des Passahs, aber das Volk ist gleichsam von der Freude des Laubhüttenfestes erfüllt, denn es nimmt Palmzweige zur Begrüßung seines Königs. Auch die Nationen kommen sozusagen zu dem Fest, denn etliche Griechen kommen zu Philippus und sagen: „Herr, wir möchten Jesus sehen”. Herrlichkeit strahlt für einen Augenblick im „Land der Lebendigen”. Lazarus war aus den Toten auferweckt worden; die Stadt empfing ihren König, und die Nationen beteten an. Die großen Ereignisse des Reiches waren jetzt vor dem Herrn vorübergezogen. Die Freude Jerusalems und die Sammlung der Nationen waren ein Zeugnis für Ihn, aber Seine Seele war von der heiligen Gewissheit erfüllt, dass hinter allem der Tod lauerte, wie angenehm und verheißungsvoll auch alles aussah, und dass dauernde Ehre und beständiges Glück nur in anderen und herrlicheren Sphären zu erwarten waren. Inmitten dieser festlichen Szene ist Jesus selbst einsam; Sein Geist beschäftigte sich mit dem Tod, während die Gedanken aller um Ihn her von dem Reich und den zu erwartenden Herrlichkeiten und Freuden erfüllt waren. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch”, sind Seine Worte, „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein”. Die Auferstehung war für Ihn alles. Sie war Sein Trost in den Sorgen des Lebens, wie wir in Johannes 11 sahen, und Sein Gegenstand inmitten der Erwartungen und Versprechungen der Welt, wie wir in Kapitel 12 sehen. Sie gab Seiner Seele ruhigen Sonnenschein, als über Bethanien dunkle und schwere Wolken lagerten; sie beruhigte Sein Gemüt, als der blendende Glanz des festlichen Tages den Weg von dort nach Jerusalem beleuchtete. Der Gedanke an die Auferstehung stand vor Seinem Geist inmitten des Kummers und der Freude rings um Ihn her. Sie machte Ihn zu einem vollkommenen Beispiel jenes schönen Grundsatzes, dass die Weinenden seien als nicht Weinende und die sich Freuenden als sich nicht Freuende (1. Kor 7,29–31). Wie wenig kennen die Herzen mancher von uns diese Erhabenheit über die Umstände und Schwierigkeiten des Lebens!

Diese Zeit war für Jesus in Wahrheit die Zeit des Passahs und nicht die des Laubhüttenfestes. Seine Seele schreitet noch einen Augenblick durch die Leiden Seines Passahs. Aber der Vater bestätigt Ihn wiederum. Er hatte Ihn am Grab des Lazarus als den Sohn Gottes, den Lebensspender aus dem Tod, verherrlicht. Jetzt verherrlicht Er Ihn durch die Stimme vom Himmel als den Sohn des Menschen, den Richter der Welt und des Fürsten der Welt.

Der Sohn Gottes und der Sohn des Menschen war jetzt völlig vor Seinem ungläubigen Israel geoffenbart worden. Er war unter ihnen als der Fürst des Lebens und der Inhaber aller Autorität und Macht verherrlicht worden. Die Dinge, die sich in diesen beiden Kapiteln ereignet hatten, waren die Erfüllung Seiner Worte zu ihnen am Anfang; es waren die „größeren Werke”, über die sie sich „verwundern” sollten (Joh 5,20–22). Sie hatten ihnen jetzt Seine lebendig machende Kraft als Sohn Gottes und, durch die Stimme vom Himmel, Seine richterliche Herrlichkeit als Sohn des Menschen bezeugt. Die Juden hätten Ihn ehren sollen, wie sie den Vater ehrten, aber stattdessen sollten sie Ihn bald töten. Sie würden bald den Herrn des Lebens und den König der Herrlichkeit verleugnen, an dem alle ihre Hoffnungen des Lebens und des Reiches hingen. Er hatte sie erprobt durch die verheißenen „größeren Werke”, aber es gab keinen Widerhall in Israel. Die Ernte war vorüber, die Obstlese war zu Ende, und sie waren nicht gerettet. Jetzt musste die Klage des Propheten ausgesprochen werden: „Wer hat unserer Verkündigung geglaubt”. Es war nicht so, dass Seine Werke Ihn nicht als die Hoffnung Israels geoffenbart hätten. Manche, selbst von den Obersten, fühlten und erkannten es in ihren Gewissen, wie wir hier lesen (Joh 12,42). Aber sie liebten die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott, wie Er zu ihnen gesagt hatte (Joh 5,44; 12,43). Was blieb war Gericht für Israel und die himmlische Herrlichkeit des auf dieser Erde verworfenen Jesus (V. 40–41). So berichtet es unser Evangelist, indem er selbst die schreckliche Schlussfolgerung aus allem zieht: „Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht sehen mit den Augen und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren, und ich sie heile. Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.” Alles endete für Israel im Gericht und für den gepriesenen Herrn in Herrlichkeit, in himmlischer Herrlichkeit innerhalb des Vorhangs (Jes 6,1–2).

Auf diese Weise erhebt unser Evangelium den Sohn Gottes wieder in den Himmel. Seine Wege enden dort, wo sie begonnen haben. Das Matthäus-Evangelium führt Ihn als den Sohn Davids aus Bethlehem ein und zeigt Ihn am Schluss, soweit es Seinen Dienst betrifft, auf dem Ölberg (Mt 1; 24). Unser Evangelium beginnt mit Seinem Herabkommen vom Vater und schließt, was Seinen Dienst anbetrifft, mit Seiner Rückkehr in den Himmel. Er wohnt „in der Höhe und im Heiligtum und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist” (Jes 57,15). Er redet vom Himmel in der Kraft des hier auf der Erde vollbrachten Werkes, das Ihn dorthin erhoben hat. Er ist durch den Vorhof ins Heiligtum gegangen, indem Er alle Feindschaft wegtat, alle Zwischenwände und Umzäunungen abbrach. Und von dort kam Er wieder in der Kraft Seines Blutes und in der Macht des Heiligen Geistes, um allen Frieden zu verkündigen (Eph 2,12–22). Er kann nur von dem sprechen, was droben ist, nicht von dem, was auf der Erde ist. Er kann durch den Heiligen Geist nur von Frieden, Freude und Herrlichkeit reden, die droben sind, nicht von den Anklagen, mit denen unsere hier noch begangenen Sünden unsere Herzen erfüllen mögen.

Während Seines ganzen göttlichen Dienstes in diesem Evangelium hat Er, wie ich schon sagte, in Gnade gehandelt als der „Sohn des Vaters” und als das „Licht der Welt”. Seine Gegenwart im Land Israel war „Tag”. Er hatte als das Licht hier geschienen, damit die Finsternis Ihn erfassen möchte. Und noch hier am Ende Seines Dienstes sehen wir das Licht seine letzten Strahlen über Land und Leute aussenden (Joh 12,35–36). Er kann nicht anders als scheinen, ob sie Ihn annehmen oder nicht; während Seiner Gegenwart hienieden ist noch Tag, denn die Nacht kann nicht kommen, bevor Er weggegangen ist. „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.” Aber jetzt „ging er weg und verbarg sich”. Dann bringt Gott durch Seinen Propheten die Nacht über das Land (V. 40). Das Licht hatte nicht etwa unvollkommen geschienen, denn ihr eigenes Gewissen sprach ganz anders (V. 42–43). Das Licht hatte seinen Dienst getan und den Tag beherrscht, aber die Finsternis hatte es nicht erfasst. Dann geht dieser Beherrscher des Tages gleichsam in Judäa unter, aber nur um in anderen Sphären wieder aufzugehen. Denn Sein Ruf in diesen Schlussversen (V. 44–50) ist nicht mehr an Israel allein gerichtet, sondern an die ganze Erde. Es ist aber dasselbe „Licht der Welt”, das bisher in Judäa seine Bahn durchlaufen hatte, das jetzt aus seinem „Gemach” hervorkommt, um eine längere Bahn zu durchlaufen. Und diese Bahn durchläuft es noch; noch ist „der Tag des Heils”. Die Nacht des Gerichts über die Heiden ist noch nicht hereingebrochen, wir können noch, ohne anzustoßen, wandeln. Wir dürfen noch wissen, wohin wir gehen. Das Licht spricht noch: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!” Das sind Deine Wege, gepriesener Heiland, Lamm Gottes, Sohn des Vaters!

Fußnoten

  • 1 Wir sehen in diesem Haus in Bethanien aber auch die Kirche; zwischen beiden besteht viel sittliche Ähnlichkeit. Die Kirche ist das Zeugnis von der Auferstehungsmacht des Christus während der langen Zeit, in der Israel im Unglauben ist, bevor der Überrest geoffenbart wird. Auch findet der Herr in dieser Zeit allein in der Kirche Seine Erquickung und Gemeinschaft. In Marthas Dienst, Lazarus' Zu-Tische-Liegen und Marias Salben der Füße sehen wir die Heiligen in ihren verschiedenen Gnaden und Arten der Gemeinschaft mit Ihm: einige dienen Ihm in den Tätigkeiten ihrer Liebe, andere ruhen bei Ihm in der stillen Gewissheit Seiner Gunst, hören Seine Stimme und lernen Seine Wege kennen. Andere wieder schütten die Fülle ihrer liebenden und anbetenden Herzen aus.
  • 2 Der Herr sendet hier nicht nach dem Eselsfüllen, wie Er es in anderen Evangelien tut. Hier wird die Szene Seines Einzugs in die Stadt durch den Eifer des Volkes hervorgerufen. Diese Unterscheidung ist charakteristisch, denn dieses Evangelium zeigt den Herrn nicht in Seinen jüdischen Beziehungen.
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