Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Der Verfall der Kirche

In den vorangegangenen Kapiteln haben wir die Versammlung unter zwei unterschiedlichen Aspekten betrachtet: was sie nach den Gedanken Gottes ist und wie Gott sie hier auf der Erde errichtet hat und was mit ihr unter der Verantwortung des Menschen geschah. Was den ersten Aspekt angeht, die Versammlung als Leib und Braut Christi, kann es kein Versagen geben, denn es ist alles aus Gott selbst. Was den zweiten Blickwinkel angeht, so gab es schwerwiegendes Versagen, da sich hier, wie bei allen anderen Dingen auch, gezeigt hat, dass der Mensch unfähig ist, in die Gedanken und Pläne Gottes einzugehen. Diese unterschiedlichen Sichtweisen werden in zwei parallelen Bildern eindrucksvoll dargestellt. Im Epheserbrief, wo die Versammlung nach den Gedanken Gottes vorgestellt wird, werden die Gläubigen beschrieben als „aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, indem Christus Jesus selbst Eckstein ist, in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, in dem auch ihr mitaufgebaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,20–22). Petrus drückt sich in Bezug auf Christus ähnlich aus: „Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus“ (1. Pet 2,4.5). In diesen Versen ist Gott der Erbauer, als Baumaterial werden nur „lebendige Steine“ verwendet und das Ergebnis ist ein geistliches Haus, ein heiliger Tempel, eine Behausung Gottes. Gott sei Dank kann kein Versagen des Menschen diese Wahrheit ändern.

Wenn wir jedoch die Kirche sehen, wie sie nach außen hin unter der Verantwortung des Menschen geworden ist, dann wird dasselbe Bild in auffallend anderer Weise verwendet. So wie der Brief an die Epheser die Versammlung nach den Gedanken Gottes darstellt, so wird sie im Korintherbrief in ihrer Darstellung nach außen gegenüber der Welt gezeigt. Hier sind die Erbauer Menschen und nicht Gott. Das Fundament, Christus, ist sicher, aber „nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf diesen Grund baut Gold, Silber, wertvolle Steine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird es klar machen, weil er in Feuer offenbart wird; und welcherart das Werk eines jeden ist, wird das Feuer erproben“ (1. Kor 3,10–13).

Die Versammlung nach den Gedanken Gottes ist also immer vollkommen. Die Kirche, als dem Menschen anvertraut, zeigt bald Versagen. Holz, Heu und Stroh werden mit dem kostbaren Material, das als einziges dem Feuer der Erprobung Gottes standhalten kann, vermischt und verbaut. An anderer Stelle finden wir einen ähnlichen Gegensatz: im ersten Brief an Timotheus wird die Versammlung nicht von ihrem himmlischen Blickwinkel aus betrachtet, sondern unter dem Aspekt, dass sie aus wahren Gläubigen besteht, die hier auf der Erde an der Wahrheit festhalten. Daher wird sie „die Versammlung des lebendigen Gottes ... der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim 3,15) genannt. Im zweiten Brief wird die Kirche als bekennende Masse gesehen, die nur den Namen Christi trägt. Sie wird beschrieben als „großes Haus“, in dem „sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre“ (2. Tim 2,20).

Wir haben die Versammlung bereits als Tempel Gottes, d. h. in ihrem himmlischen Charakter, betrachtet. Wir haben sie auch als Behausung Gottes auf der Erde gesehen, d. h. so, wie sie sich nach Gottes Gedanken auf der Erde nach außen hin darstellen soll. Nun müssen wir einmal untersuchen, inwiefern der Mensch sich an die göttliche Ordnung gehalten hat, inwieweit die sogenannte Kirche bzw. das christliche Bekenntnis der heutigen Zeit mit den Gedanken Gottes übereinstimmt, wie sehr sie den Tempel seines Baus darstellt und wie hoch der Anteil an Holz, Heu und Stroh ist, der durch menschliche Einflüsse eingebracht wurde. Lasst uns dazu einmal kurz die Hauptmerkmale der Versammlung, so wie Gott sie gegründet hat, aufzählen:

  1. Sie ist der Leib Christi, gebildet durch den Heiligen Geist, der auf die Erde gesandt wurde.
  2. Da sie mit dem himmlischen Haupt verbunden ist, ist sie nicht von dieser Welt, sondern hat himmlischen Charakter und eine himmlische Hoffnung.
  3. Sie gibt der Welt gegenüber Zeugnis von der Einheit des Hauptes mit dem Leib und der einzelnen Glieder zueinander.
  4. Diese Einheit in Bezug auf Lehre und Ordnung zu erhalten bedingte absolute Unterordnung unter das Wort Gottes.
  5. Das örtliche Zeugnis sollte die gleiche Einheit wie die Versammlung zeigen. Alle örtlichen Zeugnisse sollten ihre Einheit untereinander bewahren, indem sie sich unter die Autorität Christi stellten, der in ihrer Mitte gegenwärtig war.
  6. Ämter waren auf die örtlichen Zeugnisse beschränkt, sie wurden mittels apostolischer Autorität vergeben, während Gaben für die ganze Versammlung waren und durch den aufgestiegenen Christus verliehen wurden.
  7. Die Versammlung kam am ersten Tag der Woche zum Brechen des Brotes zusammen. Der Heilige Geist allein regelte den Ablauf. Er bestimmte, wie und durch wen eine Gabe ausgeübt werden sollte.

I. Die Versammlung ist der Leib Christi, gebildet durch den Heiligen Geist, der auf die Erde gesandt wurde. Als solche besteht sie ausschließlich aus wahren Gläubigen, echten Gliedern des Leibes Christi. So hat Gott sie eingerichtet, aber was hat der Mensch aus der Kirche gemacht? In weiten Teilen der Christenheit wird die sogenannte Kirche als Weg zur Errettung angesehen und nicht als eine Versammlung von Erlösten. Unbekehrte werden in die Kirchen gedrängt, wo sie glauben gemacht werden, dass kirchliche Amtsträger sie vor dem kommenden Zorn und Gericht zu erretten vermögen. In anderen Fällen ist die Kirche eine politische Einrichtung, wo jeder Bürger das Recht hat – ungeachtet dessen, ob er eine Umkehr erfahren hat oder nicht – in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden und an ihren Privilegien teilzuhaben. Es gibt zweifellos einige bedeutende Ausnahmen, aber die große Mehrheit der Namenschristen ist einer dieser beiden Kategorien zugehörig. Der großen Masse derer, die seinen Namen tragen und in der Verantwortung stehen, Zeugnis von Christus hier auf der Erde zu geben, gelten die ernsten Worte des Richters: „Ich kenne deine Werke, dass du den Namen hast, dass du lebst, und du bist tot“ (Off 3,1). Die bekennende Kirche, die ausschließlich aus lebendigen Gliedern Christi bestehen sollte, hat indessen nur einen Namen, dass sie lebe und ist doch tot, „die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Tim 3,5). Wie nötig ist es, dort, wo wahres Leben vorhanden ist, der ernsten Warnung Folge zu leisten: „Sei wachsam und stärke das Übrige, das sterben will; denn ich habe deine Werke nicht für vollkommen befunden vor meinem Gott“ (Off 3,2)

Die Versammlung jedoch, so wie Gott sie eingesetzt hat, sollte als der Leib Christi alles von Ihm empfangen, „festhaltend das Haupt, aus dem der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst“ (Kol 2,19). Das Haupt stellte die für das Wachstum des Leibes nötige Wahrheit zur Verfügung, das ist Gottes Vorsorge. Das dadurch erreichte Wachstum ist „das Wachstum Gottes“. Aber was hat der Mensch aus der Kirche gemacht? Nicht den Empfänger der Wahrheit, sondern den Entscheider über die Wahrheit. Das ist so ausgeprägt, dass die, die lehren dürfen, erst ihre Zustimmung bekunden müssen. Diese Zustimmung gilt jedoch nicht der göttlichen Wahrheit der Schrift, sondern den Lehrmeinungen der Kirche, die in bestimmten menschlichen Glaubensbekenntnissen verankert sind. Aber was sind das für Glaubensbekenntnisse? Nehmen wir einmal das früheste und beste, das sogenannte „apostolische Glaubensbekenntnis“. Schon die allerersten Worte sind in direktem Gegensatz zur Schrift: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Die Schrift schreibt die Schöpfung Gott zu, wenn sie jedoch von den Personen der Gottheit spricht, wird das Werk immer dem Sohn zugeschrieben, der Heilige Geist hat jedoch teil daran, der Vater wird nie erwähnt. Über das „Wort“ sagt die Schrift: „Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist“ (Joh 1,3). Von Christus sagt der Apostel: „Alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen. Und er ist vor allen, und alle Dinge bestehen durch ihn (Kol 1,16.17). Von Gott, wie Er sich im Sohn zeigt, steht geschrieben: „Durch den er auch die Welten gemacht hat“ (Heb 1,2). Zweifellos hatte der Vater Teil an der Schöpfung, aber ist es nicht als unheilvolles Anzeichen zu sehen, dass der Mensch schon beim ersten Versuch, sich mit solchen Dingen zu befassen, die Schöpfung genau der einen Person der Gottheit zuschreibt, der die Schrift sie nicht zuschreibt? Und doch sind das die Glaubenssätze der Kirche, die sie unter der Verwaltung des Menschen aufgestellt hat. Diese sollen den Gläubigen als Richtlinie dienen, anstatt der lebendigen Aussprüche Gottes. Die Schrift verweist uns in Bezug auf Leitung nie auf die Versammlung, sondern immer auf sich. Denen, die ihre eigenen Gedanken einbringen wollten, sagt der Apostel: „Ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist es zu euch allein gelangt?“ (1. Kor 14,36). So wird auch Timotheus von Paulus ermahnt: „Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die imstande sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist“ (2. Tim 3,14–15). Petrus stellt die Lehren des Paulus' auf eine Stufe mit den „übrigen Schriften“ (2. Pet 3,16). In der oben erwähnten Passage setzt Paulus die Wahrheit, die er Timotheus mitteilte, den alttestamentlichen Schriften gleich, von denen er spricht. Wir kennen die Lehre des Paulus nur durch die neutestamentlichen Schriften. Auf diese Lehren und auf die übrigen Schriften, d. h. auf das ganze Wort Gottes, wird der Gläubige verwiesen. Daran sollte er sich in den dunklen Zeiten halten, die durch Unglauben und formales Bekenntnis geprägt sein würden und die der Apostel ankündigt.

Aber entschied nicht der Rat in Jerusalem über lehrmäßige Fragen? Zu dieser Zeit war jedoch das Neue Testament noch nicht geschrieben. Allerdings lehrten die Apostel, die göttliche Lehren bezüglich der Versammlung empfangen hatten, mit einer Autorität, die heute nur der Schrift zukommt. Außerdem war dies kein allgemeiner Rat der Kirche, sondern lediglich ein örtliches Zusammenkommen der Versammlung in Jerusalem. Diese hatte noch nicht vollständig mit den jüdischen Gewohnheiten gebrochen, und aufgrund ihres großen Einflusses bestand die Gefahr, dass nicht-jüdische Versammlungen unter unwissenden oder parteiischen Lehrern gesetzlich werden würden. Es war daher eine göttliche Anordnung, dass diese Versammlung unter der Leitung des Heiligen Geistes und mit apostolischer Autorität das Verhalten derer entschieden ablehnen sollte, die den Nationen gesetzliche Praktiken auferlegen wollten. Diese ganze Situation war jedoch außergewöhnlich und einmalig. Der Rat kann daher nicht als Institution der Versammlung zur Klärung von Lehrfragen angesehen werden. Was das angeht, ist das Wort Gottes unser einziger und allumfassender Ratgeber.

II. Die Versammlung ist, da sie mit einem himmlischen Haupt verbunden ist, nicht von dieser Welt, sondern sie hat einen himmlischen Charakter und eine himmlische Hoffnung. Inwiefern ist der Mensch dem göttlichen Entwurf, so wie ihn die Schrift uns lehrt, gefolgt und wie sieht die praktische Umsetzung in der Versammlung aus? Einige der kirchlichen Systeme beanspruchen die Weltherrschaft für sich, andere haben sich unter den Schutz der weltlichen Obrigkeit gestellt. Sie erhalten ihre Lehrsätze und Gemeindeordnungen von der Welt und wenden sich an weltliche Gerichte, um über Fragen zu entscheiden, über die nur das Wort Gottes entscheiden kann. Wo dieser offene Austausch abgelehnt wurde, wird die Trennung als politische Maxime ins Feld geführt, mithilfe politischer Mittel vorangetrieben und schließlich zur Grundlage politischer Vereinigungen. In diesem Fall handelt es sich genauso wie zuvor um einen Versuch seitens der sogenannten Kirchen, die Weltpolitik gemäß ihren Ansichten zu steuern. Ist es nicht traurig zu sehen, wie gottesfürchtige und entschiedene Männer die Angelegenheiten der Kirche ihren „parlamentarischen Komitees“ übertragen, politische Kampagnen organisieren, ein ungleiches Joch mit weltlichen Interessengruppen eingehen? Sie versprechen sich ein höheres gesellschaftliches Ansehen sowie verbesserte Zukunftschancen für ihre Glaubensüberzeugung. Dabei unterliegen sie jedoch dem Irrtum, eine weltliche Vorrangstellung sei der Verbreitung geistlicher Wahrheiten dienlich. Ohne ihre Motive in Frage stellen zu wollen, aber ist das in Übereinstimmung mit einer himmlischen Berufung? Können solche Menschen von sich behaupten, dass sie nicht mit fleischlichen Waffen kämpfen? Unser Bürgertum ist nicht von dieser Welt, sondern im Himmel. Mit Christus sind wir der Welt gekreuzigt – wie können wir dann die Zustimmung der Welt suchen, weltliche Verbindungen eingehen oder die Angelegenheiten der Welt regeln wollen?

Eine andere Form der Weltlichkeit ist in fast allen kirchlichen Gruppen gleichermaßen zu beobachten: sie wetteifern untereinander, dem Fleisch zu gefallen und die Massen anzuziehen. Damit meine ich nicht einen Ritus, der manchen Handlungen geradezu abergläubische Bedeutung verleiht, sondern das Bestreben, die Bewunderung der Welt durch künstlerische Darbietungen zu bekommen, z. B. durch prachtvolle Bauten, klanggewaltige Orgeln und hochbezahlte Chöre, deren Sänger häufig gar kein Bekenntnis über einen persönlichen Glauben an Jesus Christus abgelegt haben. Wie sehr unterscheidet sich das von dem Apostel, der schreibt: „Wenn ich noch Menschen gefallen wollte, so wäre ich Christi Knecht nicht“ (Gal 1,10). Und das ist nur eine Art und Weise, wie um die Anerkennung und Unterstützung der Welt gebuhlt wird. Personen werden nicht wegen ihrer Frömmigkeit, sondern aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung gebeten, den Vorsitz in ihren Zusammenkünften einzunehmen. Aufdringlich werden Spenden erbeten, ohne Rücksicht darauf, ob die Geber Kinder Gottes sind oder Kinder des Bösen. Man organisiert verschiedenste Veranstaltungen und wendet alle möglichen weltlichen Mittel an, um an Geld und Gunst zu kommen. Manche Kirchen und Gemeinden liefern sich einen regelrechten Wettbewerb um die höchste Kollekte. Die Prediger sollten talentiert, vorzeigbar und erfolgreich sein, um der Glaubensgemeinschaft in der Welt höheres Ansehen zu verschaffen und damit ihre Amtsträger als fortschrittlich und zeitgemäß betrachtet werden. Das alles und noch viele weitere Merkmale zeigen dem Leser eindeutig, in welche Richtung man sich bewegt. Damit sind nicht die großen abtrünnigen Kirchen gemeint, wo man den Geist der Welt natürlicherweise erwartet, sondern die Benennungen, die in vieler Hinsicht wahrhaft für den Glauben eingetreten sind und unter denen eine große Anzahl von Kindern Gottes zu finden sind.

Und wenn der himmlische Charakter und die himmlische Abhängigkeit nahezu verschwunden sind, was kann man dann noch von der himmlischen Hoffnung sagen? Leider sind viele Christen mehr damit beschäftigt, die Welt mit dem Christentum zu verbessern anstatt ein Volk aus der Welt abzusondern und mit gegürteten Lenden und brennenden Lampen ihren Herrn zu erwarten. Die Kirche hat ihre himmlische Berufung außer Acht gelassen und ihr Herz der Welt zugewandt. Sie sagt: „Mein Herr zögert sein Kommen hinaus“; und die große Masse der Gläubigen heutzutage fragt: „Wo ist die Verheißung seiner Ankunft?“ – genauso wie die Spötter in den letzten Tagen. All das ist Anlass zur Besorgnis für solche, die sich fragen, inwiefern das Volk Gottes seine Gedanken bezüglich der Versammlung verstanden hat.

III. Die Versammlung soll der Welt gegenüber Zeugnis geben von der Einheit des Hauptes mit dem Leib und von der Einheit der Glieder des Leibes untereinander. Gott hatte sie in vollkommener göttlicher Einheit gebildet, als Abbild der Einheit Christi und als Zeugnis davon, dass der Vater den Sohn gesandt hatte. Gibt es einen traurigeren Kontrast als den zwischen einem majestätischen Schiff, das Gott selbst zu Wasser gelassen hat, und den Wrackteilen, die auf den Wellen und Strömungen dieser ruhelosen Welt umhertreiben? Anstatt dass sich alle Gläubigen zur Person Christi hin versammeln, kennt man seinen Namen als Zentrum des Zusammenkommens nicht. Es gibt keinen Unterschied in Lehrmeinungen, der zu gering wäre, keine Abweichung in der Gemeindeordnung, die es nicht Wert wäre, eine eigene Gruppe zu bilden. Kein Name ist zu unbedeutend, um nicht als Benennung einer weiteren christlichen Gruppe zu dienen. Wir müssen uns nicht länger mit diesem traurigen Bild beschäftigen, das im Detail für jeden klar erkennbar ist. Die Wrackteile aufzusammeln und das zerstörte Schiff wieder zusammenzuflicken, ist unmöglich. Aber sollten wir deshalb unsere Augen davor verschließen, dass dieses furchtbare Schiffsunglück passiert ist, weil der Mensch das Steuer in der Hand hatte und dass die bekennende Kirche selbst für ihren Verfall verantwortlich ist? Würden die Christen das doch nur anerkennen und ihren Platz – wie Daniel damals – in Bekenntnis vor Gott einnehmen, dann gäbe es immer noch Segen, auch wenn es keine Wiederherstellung mehr geben kann.

Aber der Mensch ist so erfüllt von seinen eigenen Gedanken und so weit entfernt von den Gedanken Gottes, dass er diese Trennung eher nützlich als schädlich bewertet. Er fragt nicht mehr wie der Apostel: „Ist der Christus zerteilt?“ Die kleinste Andeutung eines Auseinanderdriftens wird nicht länger mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit derer betrachtet, die die Ehre des Herrn suchen. Alles wird nach eigenem Gutdünken beurteilt, der göttliche Gedanke der Einheit gilt als verkrampft und sklavisch, stattdessen erfreut man sich an einer Vielzahl von Gruppierungen als Produkt der eigenen geistigen Unabhängigkeit. Die verschiedenen christlichen Gruppen betrachtet man als farbige Strahlen des Lichts, das in einem Prisma gebrochen wird und wo jeder Strahl für einen vollkommenen Lichtschein notwendig ist. Dabei vergisst man, dass das Licht Gottes nicht länger sein Licht ist, nachdem es in menschlichen Prismen gebrochen und gestreut wurde. Sein Licht ist nur das Licht, das direkt von Ihm ausstrahlt. Wir sehen hier zweifellos etwas, dessen sich der Mensch rühmt: sein eigenes Denken und Handeln. Was wir hier nicht finden, ist die Unterordnung unter Gottes Gedanken.

IV. Die Einheit der Versammlung sollte, was Lehre und Ordnung angeht, durch die absolute Unterordnung unter das Wort Gottes erhalten bleiben. Dort hat Gott uns seine Gedanken vollkommen offenbart und fordert von uns absoluten Gehorsam Ihm gegenüber. Gott gibt den Menschen darin die Anweisungen, wie sie das ihnen anvertraute Schiff steuern müssen, um alle Klippen und Meerengen sicher zu passieren. Und was hat der Mensch daraus gemacht? In dem Gedanken, die Seekarte sei keine ausreichende Navigationshilfe, hat er eigene Routen festgelegt, die sich zum Teil völlig von dem göttlichen Plan unterscheiden oder eine Vielzahl von Kursabweichungen nach seinem Ermessen enthalten. Gottes Einschätzungen in Bezug auf Wahrheit und Irrtum waren ihm nicht genug, er musste seine eigene Philosophie entwickeln und sich eigenen Beobachtungen hingeben! Wundert es da noch, dass die Kirche unter einer derartigen Führung nur noch ein Wrack ist? Was wir heute unbedingt benötigen ist völlige Unterordnung unter das Wort Gottes, nicht nur in dem, was wir große Dinge nennen, sondern auch in kleinen Dingen. Gott fordert keine Unterwerfung, solange wir die richtige innere Einstellung haben, aber Er will, dass wir jeden Gedanken unter den Gehorsam des Christus gefangen nehmen (2. Kor 10,5). Und das beinhaltet nicht nur Gehorsam gegenüber dem, was geschrieben steht, sondern Ablehnung dessen, was nicht geschrieben ist. Ersteres abzulehnen bedeutet, die verpflichtenden Aussagen des Wortes Gottes zu missachten, letzteres abzulehnen heißt, seine Allgenügsamkeit zu verleugnen. Wenn ich meine, ich könne mich minimal von dem entfernen, was geschrieben steht, bedeutet das, dass ich meine Beurteilung für besser erachte als die Einschätzung Gottes. Wenn ich meine, etwas tun zu können, was nicht geschrieben steht, bedeutet das, Gottes Anweisungen für unvollkommen zu erklären.

Wie groß die Abweichungen in Bezug auf die Lehre sind, ist allen bekannt. Als Beweis für diese Abweichung müssen wir jedoch nicht näher auf die schwerwiegenden Irrtümer der bekennenden Kirche eingehen – Fegefeuer, Gebete zur Jungfrau, Fürbitten der Heiligen, Bußübungen, Ablässe und andere offenkundige Formen des Bösen. Nehmen wir einmal die vergleichsweise reine Lehre der evangelischen Länder und stellen diese dem Wort Gottes gegenüber. Die große Masse der Gläubigen hat zwar das Gesetz als Grundlage ihrer Rechtfertigung aufgegeben, nimmt es aber als Maßstab für eine christliche Lebensführung. Sie haben jeglichen Sinn für die himmlische Berufung verloren. Jetzt sind sie damit zufrieden, das Gesetz der Gebote in Satzungen als Lebensregel anzusehen. Letzteres war angemessen für eine fleischliche Religion und ein irdisches (weltliches) Volk. Für die meisten Christen ist das ewige Leben als gegenwärtiger Besitz keine Tatsache sondern nur ein unwirklicher Gedanke. Es gilt als vermessen, wenn man behauptet, dieses jetzt schon zu besitzen. Dass der Mensch nach dem Fleisch vollständig beiseite gesetzt wurde (2. Kor 5,16), ist für die meisten ein Satz ohne Bedeutung. Umkehr und von neuem geboren werden bedeutet für sie nichts weiter, als dass die Natur, die Gott für hoffnungslos schlecht erklärt hat, verbessert wird. Daher gibt es selbst unter wahren Christen nur wenige, die wirkliche Errettung und wahren Frieden besitzen. Die große und überaus wichtige Tatsache, dass der Heilige Geist auf der Erde weilt, ein Hauptmerkmal des derzeitigen Werkes Gottes, wird als „weitere Verrücktheit“ dargestellt. Die Hoffnung auf das Kommen des Herrn für die Seinen verspottet man als Phantasievorstellung. Und diese ganze Unwissenheit göttlicher Wahrheit findet sich unter den Lehrern und Leitern in den sogenannten evangelischen Glaubensgemeinschaften der Christenheit.

Auch das Abweichen von göttlicher Ordnung in der Kirche ist nicht weniger offensichtlich und katastrophal wie die Abweichungen von göttlicher Lehre. Während es hinsichtlich der Lehre noch eine gewisse Rückkehr zur göttlichen Wahrheit gab, hat man sich in Sachen Kirchenordnung soweit wie noch nie von Gottes Wort entfernt. Der schreckliche Verfall in der bekennenden Kirche zur Zeit Luthers drängte ihn und alle anderen, denen die Verherrlichung Gottes am Herzen lag, öffentlich zu machen. Anstatt jedoch die Versammlungsgrundsätze gemäß dem Wort Gottes umzusetzen, warfen sie sich in die Arme des Staates, und im Gegenzug für die Unterstützung, die sie dort erhielten, stellten sie sich unter die Autorität der Regierung. In protestantischen Ländern nahm der Staat die Stelle des Papstes ein. Obwohl die Kirche von grober Verderbtheit gereinigt worden war, wurde sie zum Werkzeug der Welt und Zentrum politischer Machenschaften. In ihr war nur wenig göttliches Leben zu finden und die geistliche Armut nahm zu – genau wie in der Römischen Kirche, jedoch ohne das äußere Bild der Einheit, das diese zumindest noch bewahrte. Zunehmender Verfall und Leblosigkeit der politischen Kirchen trieb wieder einige Männer dazu, diese zu verlassen. Aber auch diese hielten sich nicht an die wahren Grundsätze der Versammlung Gottes, sondern gründeten eigene Kirchen. Dort versuchten sie entweder, die Einheit durch menschliche Organisation zu erhalten, womit sie widersprüchlicherweise das aufrechterhielten, wogegen sie protestiert hatten, oder sie verloren die Einheit als göttliches Prinzip aus den Augen. Es entstand eine christliche Splittergruppe nach der anderen. Die einen scharten sich um einen großen Anführer, die anderen hatten sich durch gemeinsame Ansichten bezüglich der Gemeindeordnung zu einer künstlichen Einheit verbunden.

In einigen Fällen mag es den Versuch gegeben haben, zu den vergessenen Grundsätzen des Wortes Gottes zurückzukehren, wobei diese leider unverkennbar von Traditionen und einem Mangel an Sorgfalt geprägt sind. In den meisten Fällen wurden Gemeinderegeln einfach aus praktischen Gründen eingeführt. Die Schrift wurde nicht in böser Absicht verdreht, um sie den neuen Regeln anzupassen, sondern ihre Verfasser nahmen einfach an, dass diese Angelegenheiten der Kirche dem Willen und der Weisheit der Menschen überlassen seien. Das beinhaltet allerdings zwei Aspekte:

1.) man drückt damit aus, dass die Anweisungen im Wort Gottes nicht für alle Situationen ausreichend seien und

2.) dass eine Spaltung der Kirche in alle möglichen Untergruppen – den unterschiedlichen menschlichen Denkweisen entsprechend – für die kirchliche Verwaltung und Organisation das Beste sei.

Das bedeutet demnach, dass man die Autorität Gottes beiseitesetzt, die Ansprüche der Schrift herabsetzt und die Darstellung der Kirche nach außen hin zerstört. Wie das in der Praxis aussieht, ist unschwer festzustellen. Die Menschen hielten es für zweckmäßig, ihre eigenen Regeln und Ordnungen aufzustellen anstatt den Anweisungen Gottes Folge zu leisten. Aber wenn sich eine Gruppe an diese, eine andere an jene Ordnung hält, ist keine Einheit möglich. Und warum nicht? Ganz einfach weil menschliches Gedankengut als Ergänzung oder Ersatz für Gottes Wort eingebracht wurde.

Das ist der Ursprung aller religiösen Gruppierungen. Wenn jemand die Frage stellen würde: „Aber was können wir denn nun tun, um Abhilfe zu schaffen? Das Unheil ist angerichtet und wir können nichts tun, um es wieder gut zu machen“, würde ich entgegnen: Bist du selbst vollkommen unschuldig daran, dass das Böse Einzug gehalten hat? Gestattest du Dinge, die das Wort Gottes ausdrücklich verbietet oder nicht eindeutig gutheißt? Wenn das der Fall ist, musst du dich zuerst von diesen Dingen freimachen. Man kann sich nicht von jeglicher Mitschuld für Trennungen freisprechen, wenn man in dem vorherigen System von Zuwiderhandlungen und Ungehorsam bleibt, durch das die Trennungen verursacht wurden. Jeder ist für die Konsequenzen seines Handelns verantwortlich. Und wenn die Tatsache, dass der Mensch seine eigenen Gedanken einbringt und über die offenbarten Gedanken Gottes stellt, zur Folge hat, dass die Kirche in Stücke gerissen wird, obwohl sie doch die Einheit Christi sichtbar darstellen sollte, kann man sich nur dadurch der Verantwortung entziehen, indem man sich persönlich von allem distanziert – sei es im Verhalten oder in Bezug auf die Stellung –, das in irgendeiner Weise dazu beiträgt. Wenn man das in Treue tut, wird sich der nächste Schritt bald zeigen.

V. Das örtliche Zeugnis sollte ebenso wie die Versammlung die Einheit nach außen darstellen. Alle örtlichen Zeugnisse sollten in Bezug auf die Zucht untereinander eins sein, indem sie sich unter die Autorität Christi als in ihrer Mitte gegenwärtig stellten. Wie sehr ist der Mensch in dieser Hinsicht bei dem göttlichen Modell geblieben? Was hat er aus dem örtlichen Zeugnis gemacht? Unter menschlicher Verwaltung gibt es kein nach außen hin sichtbares Zeugnis der örtlichen Versammlung mehr. Wo ist die Versammlung von London oder Paris? Der Schrift nach ist die Versammlung von London die Gesamtheit aller Gläubigen in London, die in offensichtlicher Einheit zusammenkommen (natürlich nicht alle am gleichen Ort). Wo kann man heutzutage eine derartige Einheit finden? Nirgendwo. Denn Gottes Gedanke, die Einheit des Leibes an einem Ort darzustellen, ist vollständig verloren gegangen, buchstäblich vom Erdboden verschwunden.

Und was ist anstelle dessen getreten? In jeder Stadt gibt es eine Vielzahl christlicher Gruppierungen, die sich in Bezug auf die Gemeindeordnung oder die Lehre oder einer anderen Sache von den anderen unterscheidet. Einige sind mehr oder weniger freundlich zu ihren Nachbarn und gestatten einen gewissen Austausch, andere schotten sich vollständig ab, manche zeigen sogar offene Ablehnung. In einigen dieser Gruppierungen nimmt man nur solche in die Gemeinschaft auf, bei denen hinreichende Beweise der Bekehrung vorhanden sind, in anderen Gemeinschaften ist es bereits ausreichend, wenn jemand den Wunsch hat, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wieder in anderen Gemeinden ist die Aufnahme in die Gemeinschaft von einem politischen Privileg abhängig oder soll der Erweckung geistlich Toter dienen. Es herrscht Chaos statt Ordnung, Spaltung statt Einheit; statt einem örtlichen Zeugnis gibt es einen Scherbenhaufen christlicher Gruppierungen, von denen keine behaupten kann, dass sie die Hauptmerkmale der Versammlung Gottes darstellt. Selbst innerhalb der einzelnen Gruppen wurde die kirchliche Ordnung weitestgehend aufgegeben. Jedes örtliche Zusammenkommen ist von den anderen unabhängig. Dort, wo es eine gemeinsame kirchliche Verwaltung gibt, wird diese entweder vom Staat vorgeschrieben oder von einer Organisation, die sich ganz auf den Menschen ausrichtet. All das ist weit entfernt von dem, was Gott in seinem Wort lehrt. Das Wort gebietet Einheit, diese Einheit soll jedoch aus dem Wirken Christi in der Versammlung hervorgehen. Die Einheit durch eine künstliche, von Menschen gemachte, Einheit zu ersetzen, ist genauso gegen seine Anordnung wie die Einheit öffentlich aufzugeben, damit jeder Ort für sich unabhängiger ist.

VI. Ämter beschränkten sich auf die örtlichen Versammlungen und wurden kraft apostolischer Autorität verliehen, während Gaben der ganzen Kirche gehörten und von dem aufgefahrenen Christus verliehen wurden. Gott in seiner Weisheit hatte dies so eingerichtet. Den Grund dafür werden wir später einmal erfahren, aber auch wenn wir nicht wissen, warum Er so handelte, sollte uns die Tatsache, dass es der Plan Gottes war, genügen. Die Menschen haben fast immer das zusammengefügt, was Gott getrennt hat. Es gab zwei Arten von Ämtern: Diakone, die den Tisch bedienten und Älteste oder Aufseher, die Zucht übten und die Aufsicht über die Herde hatten. Beide wurden von den Aposteln oder apostolischen Gesandten ernannt, und es gab keine Anweisungen für eine andere Art der Ernennung. Aber einige der menschlichen Systeme, die sich Kirche nennen, haben nicht mehrere Aufseher für eine örtliche Zusammenkunft ernannt, sondern haben einen Aufseher für mehrere örtliche Zusammenkünfte eingesetzt. In der Schrift gibt es einen solchen Aufseher nicht, und die Ernennung eines solchen ist daher ein Verstoß gegen die Anordnung Gottes. Andere verwechseln die Ältesten oder Aufseher mit den Diakonen und haben die Ernennung zu einem öffentlichen Wahlereignis gemacht, was beides in direktem Gegensatz zur Lehre des Wortes Gottes ist. In einigen Fällen haben die Ältesten oder Aufseher, was in der Schrift das gleiche Amt ist, ganz unterschiedliche Ämter erhalten und der Aufseher bekam die völlig unbiblische Aufgabe, den Kirchenvorsteher oder Ältesten zu ernennen. Es wird schon einmal gesagt, dass Timotheus und Titus eine ähnliche Funktion hatten wie die Aufseher der heutigen Zeit. Wenn das so ist, zeigt das nur, wie wenig ein moderner Aufseher dem Aufseher der Schrift gleicht, denn Timotheus und Titus bekamen den Auftrag, Aufseher zu ernennen. Es könnte keinen größeren Unterschied geben zwischen ihrer Arbeit und der der Aufseher, die sie ernennen sollten. Man könnte dem entgegenhalten, dass es alles eine Frage der Bezeichnung ist. Wenn Timotheus und Titus ein ähnliches Amt bekleideten wie die Aufseher der heutigen Zeit, dann hätte das Amt an sich seine Berechtigung, auch wenn man die Bezeichnung in Frage stellen könne. Aber Timotheus und Titus handelten direkt unter apostolischer Autorität, ohne diese Autorität hätte ihr Handeln gar keinen Wert und Gewicht gehabt. Wer hat heutzutage noch solch eine Autorität? Gemäß dem Wort Gottes ist keine Fortführung des Apostelamts oder der apostolischen Vertreter vorgesehen. Warum sollten wir heute keine Apostel mehr haben? Weil die Schrift uns keine Anweisung zu ihrer Ernennung gibt. Aus dem gleichen Grund gibt es auch keine apostolischen Vertreter mehr. Nimmt man daher an, dass die Aufgaben eines Aufsehers heutzutage den Aufgaben entsprachen, die Timotheus oder Titus ausführten, müssen wir feststellen, dass ihnen jegliche geistliche Grundlage sowohl für diese Tätigkeit als auch für das Apostelamt fehlt.

Aber viel wichtiger als der Irrtum über die genaue Funktion eines Aufsehers oder Diakons, ist die Einführung eines Amtes, das der „Pfarrer“ einnimmt. Dieser wird offiziell dazu befähigt, als einziger Gaben auszuüben, er allein bestimmt den Gottesdienst und die Verwaltung der „Sakramente“. Ich behaupte, dieses Amt hat seinen Ursprung schlicht und ergreifend in den Köpfen der Menschen. In der Schrift finden wir nur eine einzige Person, deren Verhalten an ein solches Amt erinnert. Das war Diotrephes „der gern unter ihnen der Erste sein will“ (3. Joh 9) und eine Art kirchlichen Vorsitz in der Versammlung eingenommen hatte. Diese Vorrangstellung wird jedoch nicht gebilligt, sondern der Apostel verurteilt sie aufs schärfste. Diakone und Älteste sind die einzigen Ämter, die wir in Gottes Wort finden und diese ähneln in keiner Weise der gerade beschriebenen Person. Zunächst einmal gab es in jeder örtlichen Zusammenkunft mehrere Diakone und mehrere Älteste. Außerdem wird nirgendwo in der Schrift erwähnt, dass einem durch eines dieser Ämter das Recht verliehen wird, seine eigene Gabe auszuüben oder über das Ausüben von Gaben anderer zu bestimmen. Jemand, der ein Amt hatte, konnte eine Gabe haben oder auch nicht. Sein Amt übte er jedoch nicht aufgrund seiner Gabe aus. Gaben wurden uns von dem aufgestiegenen Christus gegeben, und wenn man das Ausüben dieser Gaben von Menschen regulieren lässt, tauscht man Christus gegen den Mensch aus. Gaben sind der ganzen Versammlung gegeben, will man sie auf ein bestimmtes Zeugnis beschränken, schiebt man die göttliche Ordnung durch menschliche Regeln beiseite. Gaben sollen unter der Leitung des Geistes ausgeübt werden. Wenn man jedoch festlegt, wie die Ausübung von Gaben zu erfolgen hat, bedeutet das, dass man sich in den Wirkungsbereich des Heiligen Geistes drängt. Der Apostel Paulus hätte es selbst nie gewagt, zu bestimmen, wer als Evangelist, Hirte oder Lehrer tätig sein sollte, geschweige denn, die Ausübung aller drei Gaben in einer Person zu bündeln. Aber wenn er bereits davor zurückschreckte, weil er das als widerrechtliche Aneignung der Autorität Christi betrachtete, was hätte er wohl dazu gesagt, dass Personen offiziell dazu ernannt werden, eine Stellung einzunehmen, die weder ein Evangelist, noch ein Hirte oder Lehrer jemals innehatten? Was hätte er wohl davon gehalten, dass dieser Person die Aufgabe des Heiligen Geistes übertragen wurde, nämlich den Ablauf des Gottesdienstes zu bestimmen, und dass sie die Befugnis erhielt, die „Sakramente“ zu verwalten, was in direktem Widerspruch zu Gottes Wort steht?

VII. Die Versammlung kam am ersten Tag der Woche zum Brechen des Brotes zusammen. Der Heilige Geist allein bestimmte den Ablauf, entschied, wie und durch wen Gaben ausgeübt werden sollten. Der Mensch dagegen hat die göttliche Anordnung beiseitegesetzt und hat das Mahl des Herrn zu einem gelegentlichen Zusammenkommen degradiert. Das Mahl des Herrn wurde durch Lehrveranstaltungen, Evangelisationen oder andere Dinge seiner von dem Herrn zugedachten Vorrangstellung beraubt. Begründet wird ein solches Handeln nicht etwa mit der Schrift, sondern man meint, dass durch die stete Wiederholung der feierliche Ernst dieses Zusammenkommens abgenutzt würde! Wenn man gerne etwas theatralisch wirken möchte, wird das zweifellos hierdurch erreicht. Aber was für ein Gedanke für einen Gläubigen! Was Gott eingeführt hat, wird von dem Mensch beiseitegesetzt, weil dieser meint, es besser zu wissen als Er! Das wiederholte Gedenken an Christus und seine unermessliche Liebe wird so vertraut, dass es schließlich gering geachtet wird! So denkt der Mensch, wenn er vom einfachen Gehorsam abweicht und seine eigene Weisheit einbringt, um die Lehre Gottes zu ergänzen oder zu verdrängen. Und doch sind wir dieser Weisheit überlassen, sobald wir uns von den lebendigen Aussprüchen entfernen. Wir haben bereits gesehen, dass die Art und Weise, in der das Abendmahl begangen wurde, genauso wenig der Schrift entsprach wie die Seltenheit mit der dies geschah. Ich beziehe mich nicht auf diejenigen, die dem Mahl eine Opfer-Wirksamkeit anhängten, oder die es als „Gnadenmittel“ betrachten, gewissermaßen als Ansporn für das nachlassende Bewusstsein und Empfinden, sondern ich meine solche, die sich zumindest in einem gewissen Maß wahres Bewusstsein über das Wesen dieses Gedächtnismahls bewahrt haben. Selbst unter diesen wird, mit wenigen Ausnahmen, die Freiheit des Geistes nicht anerkannt und das Mahl wird von einem Priester oder einer anderen offiziellen Person „verwaltet“, eine Funktion, die im Wort Gottes weder in diesem noch in einem anderen Zusammenhang zu finden ist.

Lasst uns diese große Fläche der Verwüstung und Zerstörung einmal betrachten. Alles, was Gott eingerichtet hat, hat der Mensch verdreht oder zerstört. Gott hatte die Versammlung als Leib Christi gegründet, der Mensch hat daraus ein Mittel zur Errettung gemacht, wodurch jemand Glied am Leib Christi werden kann. Gott hat die Versammlung unter die Autorität Christi gestellt, der Mensch hat sie in Rivalität zu Christus gesetzt und hat sie zum maßgeblichen Richter über lehrmäßige Wahrheiten gemacht. Gott hat ihr einen himmlischen Charakter gegeben, der Mensch hat ihre Ressourcen und Hoffnungen auf das Niveau der Welt gesenkt, hat weltliche Unterstützung angefordert und hat ihr weltliche Erwartungen gegeben. Gott hat eine göttliche Einheit geschaffen, der Mensch hat diese in ein Wirrwar rivalisierender Gruppierungen zerschlagen. Gott hat sein Wort als göttlichen Maßstab gegeben, der Mensch jedoch bringt seine eigene Weisheit ein, um einem Mangel entgegenzuwirken oder Fehler auszumerzen, die er in seiner Überheblichkeit in der Schrift zu finden meint. Gott hatte örtliche Zusammenkünfte eingerichtet, um die Einheit der Versammlung in jeder Stadt darzustellen. Der Mensch hat diese in unzählige einzelne Gruppierungen gespalten, von denen sich keine nach den wahren Grundsätzen der Schrift versammelt. Gott hat in den örtlichen Zusammenkünften Ämter eingerichtet, die der Mensch zu jedem anderen Zweck außer ihrer eigentlichen Bestimmung missbraucht. Er hat die Art und Weise, wie diese Ämter der Schrift nach besetzt werden sollten, nach eigenem Gutdünken geändert und ihnen einen Charakter verliehen, den Gott weder diesen Ämtern noch sonst einem Menschen jemals gegeben hätte. Gott hatte der Versammlung Gaben gegeben, der Mensch bestand darauf, dass diese Gaben nur nach seinem Willen ausgeübt wurden, dass sie auf eine offiziell ernannte Personengruppe beschränkt sein und nur innerhalb der örtlichen Zusammenkunft praktiziert werden sollten. Ein Amt, das Gott nur örtlich eingerichtet hatte, hat der Mensch zu einem überörtlichen Amt gemacht. Gaben, die Gott überörtlich gegeben hatte, hat der Mensch örtlich begrenzt. Gott hatte Gaben und Ämter getrennt, der Mensch hat beides zusammengeführt, ungeachtet dessen, ob derjenige, der ein Amt innehatte, eine Gabe hatte oder ob jemand mit einer Gabe die entsprechende Qualifikation für ein Amt hatte. Gott hat die Ausübung von Gaben der Leitung des Heiligen Geistes unterstellt, der Mensch hat den Heiligen Geist in dieser Funktion beiseitegesetzt und jemanden offiziell ernannt. Gott hat der Versammlung mit dem Gedächtnismahl Christi einen speziellen Gegenstand für ihre Zusammenkünfte gegeben, der Mensch hat diesen Gegenstand jedoch vernachlässigt, hat ihn zu einer Nebensache und nicht zum Hauptgegenstand der gemeinsamen Zusammenkünfte gemacht. Er hat die Vorrangstellung, die Christus dem Gedenken seines Todes zugedacht hatte, durch eigene Ziele ersetzt.

Man kann berechtigterweise anführen, dass die hier genannten Praktiken, die im Widerspruch zu dem Wort Gottes waren, bereits kurz nach der Zeit der Apostel Einzug hielten, wenn sie nicht sogar noch in dieser Zeit begannen. Dieses Argument wird immer wieder von den verschiedensten christlichen Gruppierungen zur Verteidigung herangezogen. Auch manche Schreiber aus den Benennungen rechtfertigen sich damit und zwar nicht nur solche, die bekennen, die Traditionen der Väter zu übernehmen, sondern sogar auch solche, die sich von diesen distanzieren. Aber welchen Grund sollte es geben, anzunehmen, dass solche, die unmittelbar nach den Aposteln auftraten, eine reinere Lehre hatten, oder mehr an der Ordnung Gottes festhielten als die Christen heutzutage? Sie hatten die gleichen Anweisungen wie wir sie haben – das Wort Gottes – und wenn sie sich davon abwandten, müssen wir ihre Abweichung verurteilen anstatt ihr zu folgen. Aus den Praktiken der frühen Kirche Rückschlüsse zu ziehen, würde bedeuten, dass man die Wahrheit des Wortes Gottes an dem Verhalten der Väter misst anstatt die Wahrheit der Väter an dem Wort Gottes zu prüfen. Jeder Leser des Neuen Testaments wird feststellen, dass die Zeichen des Niedergangs nicht erst in den Tagen der apostolischen Väter sichtbar waren, sondern dass sie bereits in den Briefen erwähnt werden. Die Korinther hatten Spaltungen eingeführt, Unmoral geduldet und Trunkenheit am Tisch des Herrn toleriert. Die Galater hatten sich von dem Grundsatz der Rechtfertigung aus Glauben entfernt. Die Kolosser ließen sich von jüdischen Traditionen und griechischer Philosophie verführen. In Rom predigten die Menschen Christus „aus Neid und Streit“. Sogar von Paulus' persönlichen Gefährten verfolgten alle ihre eigenen Interessen und nicht die Dinge des Herrn. Schon viele wandelten als „Feinde des Kreuzes des Christus“. Später lehnt Diotrephes den Apostel Johannes ab. Von den sieben Versammlungen in Kleinasien wurden fünf zur Buße aufgerufen, die eine hatte ihre erste Liebe verloren, eine andere duldete die schlimmsten Übel, die dritte hatte sich fast vollständig von dem Bösen vereinnahmen lassen, die vierte hatte einen Namen, dass sie lebte und war doch tot, die fünfte war in ihrer Selbstgefälligkeit und Lauheit so ekelerregend, dass Christus ihr drohen musste, sie aus seinem Mund auszuspeien. Die Bibel ist voller Warnungen vor einer Überflutung durch das Böse, und das Wasser hatte – noch bevor das Wort Gottes abgeschlossen war – einen erschreckenden Pegel erreicht. Die Kirchengeschichte zeigt, dass die Flut danach rasant anstieg. In einen derart von Versagen, Verfall und Verunehrung der Person Christi geprägten Zustand war die Kirche in und unmittelbar nach der Zeit der Apostel unter menschlicher Führung geraten. Kämpferische Schreiber aus nahezu allen Benennungen bedienen sich dieser Epoche als Waffe um die Hiebe von dem „Schwert des Geistes, [das] das Gottes Wort ist“ zu parieren.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht