Die Rede und der Märtyrertod des Stephanus
Eine Bibelarbeit zu Apostelgeschichte 7

Teil 6: Die Anklage gegen das Volk (Verse 51–53)

Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstreitet allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten zuvor verkündigten, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid, die ihr das Gesetz durch Anordnung von Engeln empfangen und nicht beachtet habt.

Eine zutreffende Anklage

Stephanus geht nun frontal und vielleicht für viele seiner Zuhörer unerwartet zum Angriff über. Hatte er bisher nur indirekt gesprochen, ändert sich das nun abrupt. Seine Beweisführung war jedoch eindeutig, und nach dem Zitat aus Jesaja 66 gab es nichts weiter zu belegen.

Es muss Stephanus klar gewesen sein, was seine Worte auslösen würden. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass er sie unter der Leitung des Geistes Gottes aussprach. Der Verklagte wird zum Ankläger, und seine Anklage ist absolut zutreffend. Die Juden hatten versucht, Stephanus in die Defensive zu drängen. Doch er wurde der Ankläger, und sie wurden zu schuldigen Angeklagten. Er verbindet jetzt das Verhalten der Väter direkt mit dem Verhalten der Juden, zu denen er sprach und wirft ihnen Verrat und Mord vor. Es fällt auf, dass er nun nicht mehr über „unsere Väter“ spricht, sondern zweimal über „eure Väter“. Er geht damit auf Distanz zu diesen Verrätern und Mördern, die wenig später seine eigenen Mörder werden würden.

Den Vätern wirft er vor:

  1. gegen den Heiligen Geist gestritten zu haben
  2. die Propheten verfolgt zu haben
  3. die getötet zu haben, die die Ankunft des Gerechten (des Messias) zuvor verkündigt hatten

Seinen Ankläger wirft er vor:

  1. Halsstarrig und unbeschnitten an Herz und Ohren zu sein
  2. wie die Väter gegen den Heiligen Geist zu streiten
  3. Verrat und Mord begangen zu haben
  4. das Gesetz empfangen, aber nicht beachtet zu haben

Halsstarrig und unbeschnitten

Der erste Vorwurf in Vers 51 lautet, dass sie halsstarrig und unbeschnitten an Herz und Ohren waren. Das muss für die Juden ein Stich ins Herz gewesen sein. Beide Vorwürfe waren – objektiv betrachtet – für einen Juden ungeheuerlich. Und doch hätten sie wissen müssen, dass Gott selbst schon in 2. Mose 32,9 und 33,3 von einem „hartnäckigen Volk“ gesprochen hatte. Der „harte Nacken“ steht dafür, dass ein Mensch nicht bereit ist, sich vor Gott zu beugen. Gerade das wäre angebracht gewesen. Die Beschneidung war der Stolz der Juden, doch sie mussten wissen, dass es Gott nicht nur auf das äußere Zeichen ankam, sondern dass die innere Haltung das entscheidende ist. Gott hatte im Alten Testament mehrfach vom „unbeschnittenen Herz“ bzw. über die „Vorhaut des Herzens“ gesprochen (z. B. 3. Mo 26,41; 5. Mo 10,16; Jer 4,4). Unbeschnitten an Herz und Ohren zu sein bedeutet, dass man sich nicht innerlich verurteilt und nicht bereit ist, auf Gott zu hören. Sie verweigerten Gott die Liebe und den Gehorsam. Mit dem Ohr hört man, was Gott sagt und mit dem Herzen entscheidet man, den Willen Gottes zu tun. Herz und Ohr gehören deshalb zusammen (vgl. Spr 2,2; 18,15; 22,17). Äußerlich waren die Zuhörer Juden, doch innerlich waren sie weit von Gott entfernt (vgl. Röm 2,28.29).

Gegen den Heiligen Geist streiten

Dieser Vorwurf galt den Vätern ebenso wie den Juden, zu denen Stephanus sprach. Der Heilige Geist wohnte nicht in Menschen des Alten Testamentes, doch er wirkte in ihnen und unter ihnen. Deshalb konnte man gegen ihn streiten, d. h. sich seiner Wirksamkeit widersetzen. In Jesaja 63,10 sagt Gott deutlich: „Sie aber sind widerspenstig gewesen und haben den Geist seiner Heiligkeit betrübt“. Stephanus erweitert die Anklage dadurch, dass sie es „alle Zeit“, d. h. immer wieder taten. Besonders sichtbar wird dieser Widerstand im Leben des Herrn Jesus. Als er durch den Heiligen Geist Dämonen austrieb, unterstellten sie Ihm, dies durch den Obersten der Dämonen getan zu haben. Die Bibel nennt das die „Lästerung des Geistes“ (Mt 12,31) – ein trauriger Höhepunkt dieses „Widerstreits“. Und als der Heilige Geist zu Pfingsten auf die Erde kam und Menschen erfüllte, spottete die Juden, dass sie voll von süßem Wein seien.

Der nächste Vorwurf in Vers 52 richtet sich zunächst wieder an die Väter, wird jedoch unmittelbar mit dem Mord an Christus verbunden. Die Väter waren es, die die Propheten verfolgt hatte. Propheten waren Menschen, die im Auftrag Gottes zu ihnen redeten. Wenn ihre Rede lieblich war, wurden sie gerne angenommen, doch wenn sie das Herz und das Gewissen ansprachen, wurden sie abgelehnt, verfolgt und getötet (vgl. z. B. 2. Chr 36,11–16). Die Propheten hatten die Ankunft des Gerechten verkündigt, d. h. dessen, der selbst gerecht war und gerecht regieren würde. Direkt oder indirekt hatten sie von Ihm gesprochen – und zwar von seinen Leiden und von seinen Herrlichkeiten danach (1. Pet 1,11). Doch gerade weil die Väter ungerecht waren, wurden die Propheten getötet. Die Botschaft vom dem Reich war ihnen angenehm. Doch die Botschaft der notwenigen Buße löste das Gegenteil aus. Sie wollten ihre Sünde nicht einsehen und zu Gott umkehren. Das Gleichnis der Weingärtner macht den Tatbestand der Ablehnung sehr deutlich und zeigt zudem, dass die Juden zur Zeit des Herrn Jesus nicht besser waren (Lk 20,10–15). Und in der Tat: als der kam, von dem die Propheten gesprochen hatten, wurde Er verraten und ermordet.

Petrus hatten den Obersten kurze Zeit vorher noch gesagt, dass sie den Herrn in Unwissenheit gekreuzigt hatten (Apg 3,14.15). Er ließ sozusagen „mildernde Umstände“ gelten. Stephanus tut das nicht. Was sie getan hatten, war Verrat und Mord. Sie bedienten sich eines Verräters (Judas) und wurden damit selbst zu Verrätern. Sie bedienten sich eines römischen Gouverneurs (Pilatus), um Ihn zu kreuzigen und wurden damit zu Mördern. Wir wissen, dass es Gott war, der Ihn hingab. Wir wissen, dass der Herr Jesus sein Leben selbst gegeben hat und niemand Ihm das Leben nehmen konnte. Doch unter dem Gesichtspunkt der Verantwortung des Menschen war es nichts anderes als Mord.

In Vers 53 erfolgt die letzte Anklage, die Stephanus vorbringen kann, bevor er gewaltsam gestoppt wird. Das Gesetz, auf das die Juden so stolz waren und das sie auf Anordnung von Engeln empfangen hatten, hatten sie nicht beachtet. Die Juden hatten ihn beschuldigt, gegen das Gesetz gesprochen zu haben (Apg 6,11.13). Die Anklage war falsch. Stephanus gibt dem Gesetz höchste Ehre. Er kennt den erhabenen Ursprung des Gesetzes an (Gal 3,19; Heb 2,2) und wirft dem hohen Rat dann vor, dieses Gesetz missachtet zu haben.

Das Ende der Rede

Damit ist das Ende der Rede von Stephanus erreicht. Ob er noch mehr sagen wollte oder nicht, wissen wir nicht. Die Zuhörer stürzten auf ihn zu, um ihn zu steinigen. Stephanus stirbt als erster christlicher Märtyrer. Das ist die Seite der Verantwortung seiner Mörder, die dafür einmal zur Rechenschaft gezogen werden. Doch die andere Seite ist ebenso wahr: Gott hat es offensichtlich verhindert, dass Stephanus weiterreden konnte. Was gesagt worden war, genügte. Es sollte keinen weiteren Appell zur Buße und Umkehr geben. Die kollektive Schuld des Volkes war voll. Sie hatten das Zeugnis des Menschen Jesus Christus abgelehnt, der auf dieser Erde gelebt hatte. Sie hatten das Zeugnis der Apostel über den auferstandenen und verherrlichten Christus abgelehnt. Damit hatten sie die letzte Möglichkeit verpasst, dass Gott den „euch zuvor bestimmten Christus“ senden würde, damit „Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn“ (Apg 3,20). Gott würde wohl einzelnen aus diesem Volk immer noch Gnade und Barmherzigkeit erweisen (Saulus von Tarsus ist dafür ein herausragendes Beispiel), doch das Volk Israel als Ganzes würde nun sehr bald für einen langen Zeitraum völlig von der Bildfläche verschwinden. Erst in der Zukunft wird Gott sich diesem Volk wieder in Gnade zuwenden.

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