Die Rede und der Märtyrertod des Stephanus
Eine Bibelarbeit zu Apostelgeschichte 7

Teil 1: Abraham (Verse 2–8)

„Er aber sprach: Brüder und Väter, hört! Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, als er in Mesopotamien war, ehe er in Haran wohnte, und sprach zu ihm: „Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und komm in das Land, das ich dir zeigen werde.“ Da ging er aus dem Land der Chaldäer und wohnte in Haran; und von dort siedelte er ihn um, nachdem sein Vater gestorben war, in dieses Land, in dem ihr jetzt wohnt. Und er gab ihm kein Erbe darin, auch nicht einen Fußbreit; und er verhieß, es ihm zum Besitztum zu geben und seiner Nachkommenschaft nach ihm, als er kein Kind hatte. Gott aber sprach so: „Seine Nachkommen werden Fremde sein in fremdem Land, und man wird sie knechten und misshandeln vierhundert Jahre. Und die Nation, der sie dienen werden, werde ich richten“, sprach Gott, „und danach werden sie ausziehen und mir an diesem Ort dienen.“ Und er gab ihm den Bund der Beschneidung; und so zeugte er den Isaak und beschnitt ihn am achten Tag, und Isaak den Jakob, und Jakob die zwölf Patriarchen.

Brüder und Väter

Die Anrede ist bemerkenswert. Petrus hatte die Juden wiederholt mit „Brüder“ angeredet und auch wiederholt von den Vätern (den Vorvätern) gesprochen. Doch Stephanus sagt „Brüder und Väter“. Diese Anrede finden wir nur noch einmal in Apostelgeschichte 22,1, wo Paulus sie benutzt. Stephanus stellt sich damit nicht nur auf Augenhöhe mit den Juden (Brüder), sondern er nimmt eine respektvolle Haltung ein (Väter). Obwohl er ihre Gewissen erreichen will und ihnen deutliche Wort zu sagen hat, tut er es nicht von oben herab und mit Distanz, sondern als jemand, der Teil des Volkes ist (Brüder) und die Ältesten dieses Volkes (allen voran den Hohenpriester) respektiert.

Abraham

Stephanus beginnt seine Rede mit Abraham, dem Urvater der Israeliten. Die Juden waren stolz darauf, seine Nachkommen zu sein (vgl. z. B. Lk 3,8; Joh 8,33.39.53) und legten großen Wert auf ihre Abstammung.

Wenn wir die Biographie Abrahams im Alten Testament lesen, so sehen wir besonders den Mann des Glaubens vor uns, der von Gott gerufen worden war. Darin ist Abraham in der Tat ein Vorbild für jeden Glaubenden. Doch das ist in Stephanus Rede nicht der Hauptpunkt. Er greift vielmehr ganz bewusst einige wenige Einzelheiten aus dem Leben Abrahams heraus. Es gibt offensichtlich mindestens zwei Gründe, warum er die Geschichte Abrahams hier gerade so schildert, wie er es tut:

  1. um den Juden zu zeigen, dass sie keinen Grund hatten, sich auf ihre Vergangenheit und Herkunft etwas einzubilden. Abraham war ohne Frage ein Mann des Glaubens, doch das wird hier nicht so sehr betont. Stephanus spricht vielmehr von seinem Ursprung. Er spricht davon, dass er ein Fremder war, der außer einer Zusage Gottes nichts besaß und dass seine Nachkommen sogar viele Jahrhunderte lang Knechte einer anderen Nation (Ägypten) waren. Der Stolz der Juden war also völlig unbegründet, denn es war nichts als Gnade, die Abraham berufen hatte. Abraham war sogar – bevor Gott ihn berief – ein Götzendiener gewesen (Jos 24,2). Dennoch hatte Gott ihn berufen und ihn zu dem gemacht, was er war. Mose hatte später gesagt: „Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat der Herr sich euch zugeneigt und euch erwählt; denn ihr seid das geringste unter allen Völkern“ (5. Mo 7,7).
  2. Dem gegenüber steht der Gott der Herrlichkeit, der sich in Gnade gerade diesem Volk zugewandt hatte. Diese Gnade zeigt sich besonders in diesen Punkten:
    1. Gott erscheint Abraham und spricht zu ihm. Er nimmt persönlich Kontakt zu ihm auf und beruft ihn.
    2. Er zeigt ihm ein Land, um es zu besitzen. Für dieses Land hatte Abraham nicht gearbeitet. Es war ein Geschenk Gottes.
    3. Er verspricht ihm Nachkommen, als er schon alt war und noch kein Kind hatte. Seine Nachkommen sollten das Land besitzen.
    4. Gott richtet die Feinde, die sie in Ägypten knechteten und quälten.
    5. Israel würde Ägypten verlassen – was nichts als ein Wunder Gottes war.
    6. Israel sollte Gott im Land dienen. Er nimmt den Dienst eines Volkes an, das in Ägypten den Götzen gedient hatte.
    7. Gott gibt Abraham den Bund der Beschneidung und damit eine Identität im Unterschied zu allen anderen Völkern.

Der Gott der Herrlichkeit

Damit beginnt Stephanus seine Rede. Dieser Ausdruck ist besonders und im Neuen Testament sogar einmalig. Wir finden ihn noch einmal im Alten Testament. David sagt von Gott in Psalm 29,3: „Die Stimme des Herrn ist über den Wassern; der Gott der Herrlichkeit donnert, der Herr über großen Wassern“. Das zeigt die Allmacht Gottes in der Schöpfung. Hier ist es die Allmacht Gottes, die einen Menschen beruft.

Gott ist „der Gott der Herrlichkeit“. Er ist nicht nur herrlich, sondern wird durch Herrlichkeit geprägt. Seine gesamte Offenbarung, seine Wege und Pläne spiegeln seine Herrlichkeit wider. Wir kennen darüber hinaus den „Vater der Herrlichkeit“ (Eph 1,17), den „Herrn der Herrlichkeit“ (1. Kor 2,8) und den „Geist der Herrlichkeit“ (1. Pet 4,14). Alle drei Personen der Gottheit sind mit Herrlichkeit verbunden. Das kann nicht anders sein, denn wo Gott sich offenbart, wird etwas von Ihm und seinen herrlichen Eigenschaften sichtbar. Das gilt ebenfalls für die Berufung Abrahams. Wir sehen darin Gottes Herrlichkeit – jedoch nur zu einem Teil. Die ganze Herrlichkeit Gottes können wir nur im Angesicht Christi sehen (2. Kor 4,6).

Gott beruft aus der Herrlichkeit, und Er beruft zur Herrlichkeit. Die Berufung Abrahams hatte in letzter Konsequenz ein großes Ziel, dass nämlich Gott in der Mitte seines Volkes in einem Heiligtum wohnen wollte. In dieser Wohnung Gottes würde alles von Herrlichkeit sprechen. „Und in seinem Tempel spricht alles: Herrlichkeit!“ (Ps 29,9). Hätte Abraham wohl seine Heimat verlassen, wenn er nicht etwas von der Herrlichkeit Gottes gesehen hätte?

Mesopotamien und Haran

Einerseits ist es der Gott der Herrlichkeit, der Abraham berief, andererseits werden im gleichen Atemzug sowohl Mesopotamien als auch Haran genannt (und wenig später Chaldäa). Offensichtlich will der Heilige Geist zuerst zeigen, woher Abraham kam und dass er nicht sofort auf der Höhe seines Glaubens war.

  1. Mesopotamien: Das bedeutet: „Land zwischen den Strömen“. Ur im Land Chaldäa war ein Teil der Euphrat-Tigris-Ebene. Schon sehr früh gab es die Chaldäer, die späteren Babylonier. Dort war die Heimat Abrahams, und dort diente er fremden Göttern (Jos 24,2). Es war also reine Gnade, die sich Abrahams annahm und kein Grund, stolz zu sein. Alles ging von Gott aus und war unverdiente Zuwendung. Dennoch war Abraham gehorsam – und das zu einem Zeitpunkt, als es noch keinen Tempel und noch kein Gesetz gab. Das hätten die Juden gut bedenken sollen.
  2. Haran: Stephanus erinnert hier an Haran, die erste Zwischenstation der Reise Abrahams. Hier lernen wir etwas aus der Geschichte Abrahams, was wir in 1. Mose 12 nicht finden. Wenn man nur den historischen Bericht liest, könnte man denken, dass Abraham erst in Haran berufen worden sei. Doch das ist nicht der Fall. Gott berief ihn bereits in Mesopotamien. Haran war eine Zwischenstation, die allerdings nicht nach Gottes Gedanken war. Abraham war erst völlig gehorsam, nachdem sein Vater in Haran gestorben war.1 Die Tatsache, dass Abraham in Haran einen Zwischenstopp machte, war ohne Frage eine Glaubensschwäche, die Stephanus hier indirekt aufzeigt, um den Juden zu zeigen, dass Demut angemessen war, wenn sie an ihre Vergangenheit dachten. Letztlich war es wieder Gottes Initiative, die Abraham aus Haran in das Land brachte.

Doch es liegt noch etwas in diesen Worten. Die Juden mussten erkennen, dass Gott Menschen nicht immer dauerhaft in Umständen belässt, in denen sie zu Hause sind. Die Berufung Abrahams bedeutete einen völligen Wechsel aller bisherigen Lebensgewohnheiten. Nichts würde mehr so sein wie vorher. Ein solcher Wechsel stand jetzt ebenfalls bevor. Die Tatsache, dass die Juden Jesus Christus abgelehnt und gekreuzigt hatten, würde nun dazu führen, dass Gott sich ein Volk aus den Nationen nehmen würde.

Veränderung ruft häufig Widerstand hervor. Dieser Widerstand kann von innen und von außen kommen. Das wird im Leben Abrahams deutlich. Es dauerte, bis er tatsächlich da war, wohin Gott ihn berufen hatte. Bei Abraham waren es verwandtschaftliche Beziehungen, die das Hindernis waren. Doch wenn es um den Ruf Gottes geht, gibt es mehr als verwandtschaftliche Beziehungen – so gesegnet sie an sich sein können.

Die Berufung Abrahams

Wir können die Berufung Gottes unter verschiedenen Gesichtspunkten sehen. Zunächst sollten wir sehen, wer beruft. Es ist der Gott der Herrlichkeit. Dann lernen wir, woher Gott ruft. Das erinnert an die Vergangenheit. Doch schließlich müssen wir sehen, wozu Gott beruft. Im Fall Abrahams war es ein Land, das Gott ihm geben wollte. Dazu musste er zunächst sein Land und seine Verwandtschaft verlassen. Er musste auf etwas verzichten, um viel mehr zu bekommen. Das eine (das Land verlassen) tat er sofort; das andere (seine Verwandtschaft aufgeben) fiel ihm schwer. Doch schließlich kam Abraham in dem Land an, von dem Gott gesprochen hatte, ohne es konkret zu benennen.

Mit der Berufung Abrahams begann ein ganz neuer Abschnitt in den Wegen Gottes mit dem Menschen. Gott rief einen einzelnen Menschen heraus und sonderte ihn von allen anderen ab. Nach der großen Flut waren die Menschen erneut von Gott abgewichen und dem Götzendienst verfallen. Gott versprach nun Abraham als Einzelnem ein Land, dass Er ihm zeigen wollte. Er offenbart dem Glaubenden nicht von vornherein alles. Der Auszug Abrahams war ein Akt des glaubenden Gehorsams. Ohne Gehorsam gibt es keinen Segen. Die grundsätzliche Beziehung des Menschen zu Gott muss durch Gehorsam geregelt sein. Andererseits lebte Abraham durch Glauben (Heb 11,9). Dieser Glaube bestand gerade darin, dass Abraham Gott auf Schritt und Tritt folgte und Ihm vertraute. Man gewinnt beim Lesen dessen, was Stephanus sagt, den Eindruck, dass Gott dem Abraham in Mesopotamien nicht einmal gesagt hatte, dass er dieses Land einmal besitzen und zu einem großen Volk werden sollte. Das unterstreicht den Glauben Abrahams, der auszog „ohne zu wissen, wohin er komme“ (Heb 11,8).

An dieser Stelle liegt eine Anwendung für uns: Wir haben ebenfalls nichts, was zum Rühmen Anlass gibt. Gott hat uns mit heiligem Ruf berufen (2. Tim 1,9), und zwar zu einer Zeit, als wir unser Leben in Bosheit führten, „verhasst und einander hassend“ (Tit 3,3). Wir waren „tot in unseren Vergehungen und Sünden“ und „ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,1.12). Es ist Gnade, die uns gerettet und herausgenommen hat. Die Gnade können wir rühmen – sonst nichts. Unsere Berufung ist nicht ein Land auf der Erde, sondern eine „himmlische Berufung“ (Heb 3,1), eine Berufung „nach oben in Christus Jesus“ (Phil 3,14). Das sollte uns erstens dankbar machen und zweitens unser Leben prägen, in dem wir dieser Berufung entsprechend leben.

Kein Erbe

Vers 5 betont, dass Gott Abraham kein Erbe in dem Land gab – und es wird hinzugefügt, dass es nicht einmal ein Fußtritt war. Es blieb zwar das Land der „Verheißung“ (weil Gott es ihm versprochen hatte), doch diese Zusage Gottes wird hier ausdrücklich auf seine Nachkommen bezogen. Sie sollten das Land einmal besitzen.

Damit wird der Charakter der Fremdlingschaft Abrahams besonders betont. Er war in dem von Gott zugesagten Land ein Fremder. Er musste sogar eine Grabstätte für seine Frau kaufen, um diese zu beerdigen. Es gab keinen Besitz für Abraham selbst. Die Juden zur Zeit des Stephanus waren stolz darauf, das Land zu besitzen (das ihnen streng genommen nicht einmal gehörte), von dem Glauben Abrahams waren sie hingegen weit entfernt. Auf diesen Glauben wird hier nur indirekt angespielt, indem Stephanus darauf hinweist, dass Gott ihm die Zusagen im Blick auf seine Nachkommen gab, obwohl er (noch) kein Kind hatte, bereits 75 Jahre alt war (1. Mo 12,4) und schon lange auf einen Sohn wartete.

Abraham war ein Mann des Glaubens, und im Glauben wohnte er in dem Land, das nicht sein Eigentum war. Das „Land der Verheißung“ war für ihn ein fremdes Land, und als Fremder lebte er dort. Deshalb lesen wir in Hebräer 11,9: „Durch Glauben hielt er sich in dem Land der Verheißung auf wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung“. Die Juden hätten bedenken sollen, dass sie keinen Anspruch auf irgendetwas hatten und dass alles von Gott abhing.

Die Anwendung für uns liegt auf der Hand. Wir sollten daran denken, dass wir „Fremde“ sind, die hier auf der Erde kein Bürgerrecht haben (Phil 3,20). Wenn wir überhaupt etwas unser „Eigentum“ nennen, dann ist es nichts als Gnade Gottes. Wie Abraham sollten geistliche Söhne durch Glauben im Blick auf das leben, was vor ihnen liegt.

Fremde und Knechte

Mehr noch: Nicht nur Abraham war ein Fremder in seinem eigenen Land, sondern seine Nachkommen waren es ebenso – und zwar in einem noch weitergehenden Sinn. Stephanus zitiert in den Versen 6 und 7 aus dem Alten Testament und verbindet verschiedene Stellen miteinander (1. Mose 15,13.14 und 2. Mose 3,12). Er überspringt die komplette Geschichte der Söhne Abrahams und weist direkt auf die Zeit in Ägypten hin. Sie waren „Fremde in einem fremden Land“ und wurden dort vierhundert Jahre geknechtet und misshandelt (Vers 6). Das sollten die Juden gut bedenken. Es war durchaus kein Ruhmesblatt der Geschichte Israels, sondern ein überaus trauriges Kapitel. Gott hatte das vorausgesagt, und genauso war es eingetroffen.

Wieder stellt Stephanus die Gnade Gottes in den Fokus. Aus eigener Kraft wären die Israeliten niemals aus Ägypten ausgezogen. Gott musste die Nation richten, der sie dienten. Nur so konnten sie ausziehen, um Gott zu dienen (Vers 7). Das Bewusstsein dieser rettenden Gnade muss jeden Stolz vertreiben – damals wie heute. Wie Israel haben auch wir uns nichts darauf einzubilden, dass wir Gott als Knechte dienen dürfen. Ohne das richtende und rettende Werk Gottes wäre das unmöglich. Ein Recht auf die Zuwendung Gottes gab es für Israel ganz sicher nicht.

Die Juden mussten sich die Frage stellen, ob sie Gott tatsächlich dienten, oder ob sie nur vorgaben, es zu tun. Es war jedenfalls das Ziel Gottes, als Er Israel aus der Knechtschaft befreite (2. Mo 4,23). Es ist das Merkmal eines erlösten Volkes, dass es Gott dient. Das war damals so und hat sich bis heute nicht geändert. Die Thessalonicher hatten sich bekehrt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen (1. Thes 1,9). Für uns hat dieser Dienst zwei Seiten. Zum einen stehen wir Gott für die Aufgaben zur Verfügung, die Er uns zu tun gibt. Zum anderen wartet Gott darauf, dass wir Ihm als heilige Priester dienen und Ihn anbeten.

Die Beschneidung

Am Ende erwähnt Stephanus in Vers 8 noch den „Bund der Beschneidung“, den Gott Abraham gab und den Gehorsam Abrahams, das zu tun, was Gott ihm gesagt hatte. Er beschnitt Isaak, Isaak beschnitt Jakob und Jakob beschnitt die zwölf Patriarchen.

Die Juden hatten Stephanus vorgeworfen, gegen das Gesetz zu handeln. Auf diesen Punkt kommt Stephanus später zurück. Zunächst erwähnt er jedoch die Beschneidung, die Gott bereits lange vor dem Gesetz gegeben hatte und die ein Bund Gottes mit Abraham war. Die Juden waren nicht nur stolz auf das Gesetz, sondern ebenfalls auf die Beschneidung. Es war das äußere Kennzeichen, zum Volk Gott zu gehören. Auf diesen Status bildeten sie sich allerhand ein.

Und doch war der Bund der Beschneidung, den Gott Abraham gab, eine Gabe der Gnade Gottes und diente der Identität des Volkes. Es machte die Nachkommen Abrahams zu einem besonderen Volk. Und gerade deshalb war es kein Grund, sich über andere Nationen zu erheben. Doch genau das taten die Juden. Alle übrigen Nationen bezeichneten sie – sehr oft mit einem verachtungsvollen Unterton – als „Unbeschnittene“, als ob es Menschen „zweiter Klasse“ wären. Gerade die Apostelgeschichte zeigt, wie verhasst den Juden der Gedanken war, dass das Evangelium nun die Nationen erreichen sollte. Sie selbst lehnten es ab, doch den Nationen gönnten sie es keinesfalls. Dabei ist es tragisch zu sehen, dass sie die wahre Bedeutung der Beschneidung nie wirklich erkannte hatten (Röm 2,28.29). Gott musste ihnen schon im Alten Testament vorwerfen, dass sie selbst „unbeschnittenen Herzens“ waren (Jer 9,25. Die äußere Beschneidung allein war es nicht, die Gott gefordert hatte.

Für uns liegt die geistliche Bedeutung der Beschneidung darin, dass Gott nichts anerkennen kann, was aus dem Fleisch (der alten Natur, der Sünde in uns) kommt. Das Fleisch nützt nichts (Joh 6,63) und muss verurteilt und gerichtet werden. Die einzige Antwort auf die Sünde in uns ist der Tod Christi. Nur wenn man diesen Tod auf sich anwendet, kann man dem permanenten Einfluss des Fleisches entkommen. Nur dann kann man sich im Blick auf die Sünde tot halten (Röm 6,11) und nicht auf ihre Verlockungen reagieren.

Fußnoten

  • 1 Dies ist übrigens einer der vermeintlichen Fehler, den Kritiker Stephanus vorwerfen. Sie behaupten, dass in 1. Mose 12 steht, dass der Ruf Gottes in Haran stattfand, während Stephanus sagt, dass es in Mesopotamien war. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass Stephanus sich darin verrechnet haben muss, dass Abraham erst nach dem Tod seines Vaters auszog. Doch auch dieser Vorwurf kann leicht entkräftet werden (vgl. dazu ausführlich bei C. Briem: Ein Volk für seinen Namen (Apg 5–7), Seite 111–112).
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