Die Rede und der Märtyrertod des Stephanus
Eine Bibelarbeit zu Apostelgeschichte 7

Teil 2: Joseph und Jakob (Verse 9–16)

„Und die Patriarchen, neidisch auf Joseph, verkauften ihn nach Ägypten. Und Gott war mit ihm und rettete ihn aus allen seinen Drangsalen und gab ihm Gunst und Weisheit vor dem Pharao, dem König von Ägypten; und er setzte ihn zum Verwalter über Ägypten und über sein ganzes Haus. Es kam aber eine Hungersnot über ganz Ägypten und Kanaan, und eine große Drangsal, und unsere Väter fanden keine Nahrung. Als aber Jakob hörte, dass in Ägypten Getreide sei, sandte er unsere Väter zum ersten Mal aus. Und beim zweiten Mal wurde Joseph von seinen Brüdern wiedererkannt, und dem Pharao wurde die Herkunft Josephs offenbar. Joseph aber sandte hin und ließ seinen Vater Jakob holen und die ganze Verwandtschaft, an fünfundsiebzig Seelen. Und Jakob zog nach Ägypten hinab und starb, er und unsere Väter; und sie wurden nach Sichem hinübergebracht und in die Grabstätte gelegt, die Abraham für eine Summe Geld von den Söhnen Hemors, des Vaters Sichems, gekauft hatte“.

Joseph

Stephanus übergeht die gesamte Geschichte Isaaks und Jakobs und kommt direkt auf Joseph zu sprechen. Seine Geschichte ist nicht nur unter praktischen Gesichtspunkten äußert lehrreich, sondern spricht – wie kaum eine andere Begebenheit im Alten Testament – eine deutliche prophetische Sprache. Das Leben Josephs illustriert auf eine einzigartige Weise das Leben des Herrn Jesus. Er war wirklich der „Geliebte des Vaters“ (1. Mo 37,3), der „Abgesonderte unter seinen Brüdern“ (1. Mo 49,26) und der „Sohn eines Fruchtbaums“ (1. Mo 49,22).

Die Hauptlinie im Leben Josephs lautet „durch Leiden zur Herrlichkeit“, und das finden wir im Leben unseres Herrn wieder. Sein Leben ging durch tiefste Leiden zur größten Herrlichkeit (vgl. Lk 24,26). Genau das ist das große Thema der Propheten (1. Pet 1,11). Obwohl Stephanus die Linie nicht namentlich auf den von den Juden verachteten „Jesus von Nazareth“ zieht, sind die Parallelen unübersehbar, und den Zuhörern muss klar geworden sein, was Stephanus ihnen sagen wollte. Für uns ist es ein Beweis dafür, wie sehr er in dieser Rede vom Heiligen Geist geleitet wurde. Zwei Seiten werden deutlich: Erstens die böse Absicht der Brüder und zweitens das Handeln Gottes. Der Kontrast zwischen beiden könnte kaum größer sein. Die Brüder wollten Joseph eliminieren. Gott hingegen wollte ihn hoch erheben.

Die Parallelen zwischen dem Vorbild (Joseph) und der Wirklichkeit (Jesus) sind zahlreich. In der Rede des Stephanus erkennen wir einige davon:

  1. Joseph war der Bruder der Patriarchen. Jesus war von Geburt Jude wie die übrigen Juden.
  2. Die Motive des schändlichen Handels waren in beiden Fällen Neid und Eifersucht.
  3. Joseph wurde nach Ägypten verkauft. Der Herr Jesus wurde den Nationen überliefert.
  4. Gott war mit Joseph und ebenfalls mit Jesus.
  5. Gott rettete Joseph aus allen seinen Drangsalen. Ebenso wurde Jesus gerettet.
  6. Gott gab ihm Gunst und Weisheit bei Pharao. In Christus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis zu finden.
  7. Der Pharao setzte Joseph als Verwalter über Ägypten und sein Haus – so ist Christus über alle Menschen als Herr gesetzt, und zugleich ist er der Herr seines Hauses (der Glaubenden). Er wird jetzt von den Nationen anerkannt, während die Juden ihn weiter ablehnen.
  8. Joseph wird von seinen Brüdern erkannt – der Überrest wird einmal den Messias erkennen, und sie werden wehklagen.
  9. Der abgelehnte Joseph wird zum Retter der Welt, so wie der Herr Jesus in Wahrheit der „Heiland der Welt“ ist.
  10. Joseph lässt seinen Vater nach Ägypten holen. Israel wird einmal durch den Messias gesegnet werden.

In der Ablehnung Josephs liegt zum einen eine deutliche Anklage gegen die Juden, mit dem Sohn der Liebe Vaters nicht besser umgegangen zu sein als ihre Vorväter mit Joseph. Das mussten die Zuhörer erkannt haben. Zum anderen liegt darin zugleich ein Hoffnungsschimmer, den die Juden allerdings nicht erkannt haben werden. Der Tag wird kommen, an dem die Juden erkennen werden, was sie mit ihrem Messias getan haben und wie schuldig sie geworden sind (vgl. Jes 53).

Neid

Fast unmittelbar kommt Stephanus auf Joseph und den Neid der Patriarchen zu sprechen (Vers 9). Es gab keinen Grund, auf solche Vorväter stolz zu sein. Die Geschichte musste den Juden bestens bekannt sein. Ebenso wussten sie, dass ihr Motiv, Jesus von Nazareth den Nationen zu überliefern, ebenfalls Neid gewesen war. Selbst der Römer Pilatus hatte das erkannt. Er wusste „dass sie ihn aus Neid überliefert hatten“ (Mt 27,18). Wussten die Juden nicht, dass der Herr Jesus der von Gott geliebte Sohn war? (Mt 3,17) Wussten sie nicht, dass Er der von Gott gesandte Messias war? Sie hätten es wissen können und müssen, doch sie wollten nicht, dass gerade Er über sie herrschte – gerade so wenig wie die Brüder Josephs das akzeptieren wollten. Deshalb wurde Er für einen schändlichen Preis verkauft. Der Herr wurde ebenfalls überliefert – und zwar an die Nationen, um gekreuzigt zu werden.

Neid und Eifersucht sind besonders hässliche Wesenszüge des Menschen. Der religiöse Mensch bildet da keine Ausnahme. Wir sehen das schon bei dem ersten Mord – bei Kain. Er war neidisch auf Abel. Und warum waren die Brüder neidisch auf Joseph? Sicher weil ihr Vater ihn lieber hatte als sie, doch vor allem deshalb, weil sie anerkennen mussten, dass die Zuneigung des Vaters zu dem jüngeren Bruder berechtigt war. Das Verhalten Josephs war eine Anklage gegen sie.

Gott war mit ihm

Gott war mit Joseph (Vers 9): Diese kurze Aussage ist eigentlich eine Zusammenfassung seines ganzen Lebens. So war es im Haus seines Vaters, bei Potiphar, im Gefängnis und auch danach als Herrscher über Ägypten. Allein in Kapitel 39 wird das fünfmal erwähnt (1. Mo 39,2.3.5.21.23). Wie viel mehr gilt das für unseren Herrn. Petrus sagt von Ihm: „Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38).

Gerade den hatten die Juden ans Kreuz gebracht. Die Parallele ist unübersehbar. Einer aus ihren eigenen Reihen hatte gesagt: „Niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn Gott nicht mit ihm ist“ (Joh 3,2). Dennoch wurde Er abgelehnt.

Im Rückblick auf sein Leben, sah Joseph, dass Gott alles gut geführt hatte. Er sagt am Ende seines Lebens: „Ihr zwar hattet Böses gegen mich im Sinn; Gott aber hatte im Sinn, es gut zu machen, damit er täte, wie es an diesem Tag ist, um ein großes Volk am Leben zu erhalten“ (1. Mo 50,20). Zu dieser Erkenntnis werden die Juden einmal kommen, wenn sie ihren Messias anerkennen werden.

Die Erhöhung Josephs

Stephanus bleibt nicht bei Einzelheiten stehen. Er berichtet knapp über den Leidensweg Josephs und kommt dann direkt auf seine Erhöhung zu sprechen, die er ebenfalls mit wenigen Worten beschreibt (Vers 10). Er unterstreicht das Handeln Gottes, das sich im Leben Josephs offenbarte und das im Leben des Herrn Jesus noch deutlicher zu sehen ist (vgl. die eindrucksvolle Beschreibung in Psalm 105,16–24).

Stephanus fasst es in drei kurzen Aussagen zusammen:

  1. Gott rettete ihn aus allen seinen Drangsalen. Christus ist nicht im Tod geblieben, sondern Gott hat Ihn auferweckt.
  2. Gott gab ihm Gunst und Weisheit vor dem Pharao. Auf Christus ruht das ganze Wohlgefallen des Vaters, und in Ihm sind verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (Kol 2,3). Es gibt keinen anderen, der so weise ist wie Er (vgl. 1. Mo 41,38.39). Er ist einzigartig und unvergleichlich.
  3. Gott setzte ihn zum Verwalter über Ägypten und das Haus des Pharao. Der Herr Jesus ist jetzt gesetzt „über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird“ (Eph 1,21).

Wie Joseph wird Christus während der Zeit seiner Ablehnung durch sein Volk (seine Brüder) von den Nationen aufgenommen. Das mochten die Juden ganz und gar nicht hören, doch so war es. Sehr deutlich finden wir das in Apostelgeschichte 22, wo Paulus sich vor den Juden verantworten musste. In Vers 21 berichtet er von dem Ruf Gottes, weg zu den Nationen, und in Vers 22 sehen wir die Reaktion: „Sie hörten ihm aber zu bis zu diesem Wort und erhoben ihre Stimme und sagten: Weg von der Erde mit einem solchen, denn es geziemt sich nicht, dass er am Leben bleibt!“

Hungersnot im Land Ägypten

Stephanus geht weiter und spricht von der Hungersnot, die über Ägypten und über Kanaan kam (Vers 11), so dass die Brüder Josephs Not litten. Sie hatten von dem Handeln Gottes mit Joseph keine Ahnung. Sie wussten nicht, was geschehen war. Doch Gott trug Sorge dafür, dass sie es erfuhren und eines Tages vor Joseph standen, dem mächtigen Herrscher über Ägypten. Dazu benutzte Er eine Hungersnot, die Er über ganz Ägypten und Kanaan kommen ließ. Diese Hungersnot ist ein Beispiel dafür, wie Gott Naturkatastrophen benutzen kann, um seine Ziele zu erreichen (vgl. Ps 105,16.17). Ägypten und Kanaan waren betroffen. Erneut verbindet Stephanus sich mit seinen Zuhörern, indem er von „unseren Vätern“ spricht. Interessanterweise nennt er die Hungersnot eine „große Drangsal“. Das musste den kundigen Schriftgelehrten bekannt vorkommen (Jer 30,7). Diese Zeit der „Hungersnot“ stand ihnen bevor, und sie wird einmal der äußere Anlass für die Juden sein, den zu erkennen, den sie damals ans Kreuz gebracht haben.

Zweimal ausgesandt

Es war ein langer Weg, bis die Brüder Josephs zur Einsicht kamen. Zweimal wurden die Väter ausgesandt, weil Jakob gehört hatte, dass in Ägypten Getreide war (Verse 12 und 13). Erst beim zweiten Mal wurde er von seinen Brüdern wiedererkannt, und dem Pharao wurde die Herkunft Josephs offenbar. Stephanus fasst die Ereignisse, die im 1. Buch Mose beschrieben werden, sehr knapp zusammen und fokussiert sich genau auf diese beiden Punkte. Der erste Punkt zeigt das „Wiedererkennen“ und weist ohne Frage auf den Augenblick in der Zukunft hin, wenn der Überrest der Juden den Messias erkennen wird. Der zweite Punkt zeigt, wie Vorbild und Realität voneinander abweichen. Dem Pharao musste die Herkunft Josephs offenbart werden. Gott hingegen wusste immer, wer derjenige war, den Er zum Herrscher aller Werke seiner Hände bestimmt und gesetzt hat.

Doch bleiben wir bei dem ersten Punkt stehen. Die Brüder erkennen Joseph erst beim „zweiten Mal“. Das erinnert daran, dass der Herr Jesus zweimal von seinem irdischen Volk gesehen wird. Das erste Mal ist Vergangenheit. Das zweite Mal noch zukünftig. Beim ersten Mal sahen sie ihn zwar, doch sie erkannten Ihn nicht. Er war in das Seine gekommen, und die Seinen hatten Ihn nicht angenommen (Joh 1,11). Erst wenn Er zum zweiten Mal kommt, werden sie Ihn wirklich erkennen, wer Er ist. Diese Erkenntnis ist erst möglich, nachdem die Brüder sich selbst und ihr Handeln verurteilt haben. Nach der großen Drangsal werden die Juden (die Brüder) den abgelehnten Messias wiedererkennen und annehmen. Er wird zu ihnen reden und ihre Herzen erreichen. Sie werden bitterlich über Ihn Leid tragen, wenn sie den anschauen, den sie durchstochen haben (Sach 12,10). Das „zweite Mal“ weist hier also auf das zweite Kommen des Herrn hin – sein Kommen in Macht und Herrlichkeit, wenn Er sein irdisches Volk retten und ihm „Brot und Segen“ in Fülle geben wird.

Wie bereits bemerkt, wendet Stephanus die Begebenheiten nicht direkt an – er berichtet nur die Fakten. Wenn die Juden diese Parallelen nicht erkannten, dann war es ihren harten Herzen zuzuschreiben.

Jakob in Ägypten

Die Verse 14 und 15 berichten darüber, dass Jakob nach Ägypten kam. Ohne dass die Zuhörer es erkannten, gibt es in der Rede des Stephanus also einen Hoffnungsschimmer für sie. Es gibt eine Vereinigung zwischen Jakob und Joseph, so wie es einmal eine Vereinigung des Messias mit seinem irdischen Volk geben wird.

Stephanus beziffert die Nachkommenschaft Jakobs mit 75 Personen. Drei Stellen im Alten Testament hingegen sprechen von 70 Personen (1. Mo 46,27; 2. Mo 1,5; 5. Mo 10,22), obgleich die griechische Übersetzung des Alten Testamentes (die Septuaginta) in den ersten beiden Stellen ebenfalls 75 Personen angibt. Dies ist ein weiterer vermeintlicher Fehler in der Rede von Stephanus, doch es ist kein Fehler. Stephanus zitiert aus der Septuaginta, die nach 4. Mose 26,29.35.36 die später geborenen Enkel Josephs mit hinzuzählt und deshalb in 1. Mose 46,27 und 2. Mose 1,5 auf die Zahl 75 korrigiert. Der hebräische Text zählt nur die beiden Söhne Josephs hinzu und kommt deshalb auf 70 Personen.1

Jakob starb in Ägypten ebenso wie seine Söhne. Sie wurden nach Sichem gebracht und in die Grabstätte gelegt, die Abraham gekauft hatte (1. Mo 47,20; 49,29–31; 50,5–7). Auch Joseph wurde dort begraben (Joh 24,32). Das macht deutlich, welchen Wert Gott auf das Land legt, dass Er den Vätern zugesichert hatte.

Hier ergibt sich für den kritischen Leser eine weitere Schwierigkeit, denn Stephanus sagt, dass „Abraham eine Grabstätte von den Söhnen Hermors kaufte, während der geschichtliche Bericht in 1. Mose 23 sagt, dass er die Höhle von Machpela in Hebron von den Kindern Heths kaufte und Jakob ein Land in Sichem von den Kindern Hemor erwarb. Für diesen scheinbaren Widerspruch gibt es erneut gute Erklärungen.2 Es könnte sein:

  1. Dass das Wort Abraham nicht zum Text gehört, sondern dass es „er“ (Jakob) heißen muss.
  2. Dass es sich bei den Worten „von den Söhnen Hemors, des Vaters Sichems“ um eine Einfügung handelt, die nicht in den Text gehört.
  3. Dass Abraham das Feld bei seinem Aufenthalt in 1. Mose 12,6 gekauft hat, als er in Sichem war und dass Jakob es später noch einmal kaufen musste, weil eine lange Zeit vergangen war.

Die Möglichkeit, dass Stephanus sich schlicht und ergreifend geirrt hat, ist ebenfalls genannt worden, sie erscheint jedoch sehr unwahrscheinlich. Der Heilige Geist wird Lukas wohl kaum inspiriert haben, einen Fehler des Stephanus aufzuschreiben.

Es gibt an dieser Stelle eine weitere Ergänzung zu dem Bericht durch Mose im Alten Testament. Als Jakob starb, wurde er überführt, um im Land Israel begraben zu werden, und zwar im Erbbegräbnis Abrahams (1. Mo 50,1–13). Josephs Gebeine wurden beim Auszug aus Ägypten mitgenommen, und später wurde er ebenfalls im Land Israel begraben (1. Mo 50,26; Jos 24,32). Von den Brüder Josephs berichtet Mose hingegen nichts. Hier lernen wir jedoch, dass sie ebenfalls im Land der Verheißung begraben wurden.

Fußnoten

  • 1 Wen die Details dazu interessieren, der sei auf das bereits erwähnte Buch von C. Briem: „Ein Volk für seinen Namen“ (Apg 5–7) verwiesen.
  • 2 Vgl. noch einmal C. Briem: Ein Volk für seinen Namen (Apg 5–7), Seite 129
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