Die Bergpredigt
Eine Verständnishilfe zu Matthäus 5 - 7

27. Seid nicht besorgt (Matthäus 6,25-34)

Die Bergpredigt

Soeben hatte der Herr Jesus seine Jünger vor dem Streben nach irdischem Reichtum gewarnt und mit den Worten geendet: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Die jetzt folgenden Belehrungen stehen mit den vorigen in direktem Zusammenhang: „Deshalb sage ich euch: Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung, und der Leib mehr als die Kleidung?“ (V. 25).

Vorsorge oder Sorge?

Sorge und sogar Angst um die Zukunft bedrücken und beherrschen die Menschen mehr als je zuvor. An und für sich scheinen Sorgen schon etwas sehr Natürliches für uns Menschen zu sein, wie viel mehr aber dann, wenn wirtschaftliche und politische Stabilität überall zu wanken scheinen!

Der Herr Jesus sagt seinen Jüngern, dass dieses Sorgen das Kennzeichen der Nationen ist, die Gott nicht kennen (V. 32). Deshalb fordert Er sie in diesem zu Herzen gehenden Abschnitt auch wiederholt auf, nicht besorgt zu sein (s. V. 25.27.28.31.34). Wer sich Sorgen um die irdischen Notwendigkeiten und um die Zukunft macht, denkt im Grunde nicht anders als derjenige, der reich werden will! Eine solche Schlussfolgerung erscheint uns vielleicht übertrieben, aber sie geht eindeutig aus dem Zusammenhang hervor. „Deshalb“, d. h. weil Gott nicht will, dass wir dem Mammon dienen, sollen wir uns als Jünger Jesu auch keine Sorgen um Essen, Trinken und Kleidung, d. h. die Notwendigkeiten unseres irdischen Lebens machen. Denn das Leben besteht nicht nur aus der täglichen Nahrung, und der Leib ist nicht nur dafür da, bekleidet zu werden. Als Jünger des Herrn dürfen und sollen wir mit Leib und Seele Ihm zur Verfügung stehen und Ihm dienen.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht fleißig arbeiten und dadurch für unseren Lebensunterhalt sorgen sollen. Wir dürfen verantwortungsbewusste Vorsorge für uns selbst und andere nicht mit den ängstlichen, quälenden Sorgen um Beruf, Fortkommen und um die Zukunft verwechseln! Paulus schreibt später den Ephesern: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, damit er dem Dürftigen etwas zu geben habe“ (Eph 4,28). Er selbst gab auch in dieser Hinsicht den Gläubigen ein gutes Vorbild (2. Thes 3,7–12).

Zwei Beispiele

„Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie nicht säen noch ernten, noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie?“ (V. 26) – Als Beispiel der Fürsorge Gottes dafür, dass seine Geschöpfe zu essen und zu trinken haben, weist der Herr seine Jünger auf die Vögel hin. Dass sie nicht säen, ernten und in Scheunen sammeln, bedeutet nicht, dass wir Menschen dies auch nicht zu tun brauchten. Schon in Sprüche 6,6 wird dem Faulen die Ameise als Vorbild des Fleißes vorgestellt. Auch die Vögel müssen sich ihr Futter suchen. Aber sie kennen keine Sorgen. Gott, der sie ernährt (Ps 147,9), wird hier jedoch nicht „ihr“, sondern „euer himmlischer Vater“ genannt. Er ist hier nicht der Vater aller Menschen, geschweige denn der Tiere, sondern der himmlische Vater seiner Kinder (vgl. Mt 5,16.45.48).

„Wer aber unter euch vermag mit Sorgen seiner Größe eine Elle zuzufügen? (V. 27) – Ob es sich um die Körpergröße handelt wie in Lukas 19,3 oder das Lebensalter wie in Johannes 9,21 und Hebräer 11,11, wo im Grundtext derselbe Ausdruck verwendet wird, niemand kann daran durch eigene Anstrengungen und Sorgen das Geringste ändern, und es wäre auch völlig nutzlos.

Das zweite Beispiel, das der Herr anführt, entstammt ebenfalls der Natur, diesmal jedoch der Pflanzenwelt. „Und warum seid ihr um Kleidung besorgt? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie mühen sich nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass selbst nicht Salomo in all seiner Herrlichkeit bekleidet war wie eine von diesen. Wenn aber Gott das Gras des Feldes, das heute da ist und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet: dann nicht viel mehr euch, ihr Kleingläubigen?“ (V. 28–30).

Die Vögel müssen bei ihrer Nahrungssuche wenigstens noch etwas tun; aber die Lilien tragen zu ihrer „Bekleidung“ nicht das Geringste bei! Sie wachsen und entfalten sich sozusagen von selbst. Es ist einzig und allein die herrliche Größe des Schöpfers, die sich in der vielfältigen Farbenpracht, Schönheit und Zartheit der Pflanzenwelt – nicht zuletzt zu unserer Freude – offenbart. Nicht einmal die schon fast sprichwörtliche Herrlichkeit des Königs Salomo, die besonders in 1. Chronika 9 beschrieben wird, hält einem Vergleich mit der Schönheit der blühenden Natur stand. Und doch ist diese Blütenpracht – besonders im heißen Klima des Orients – nur von kurzer Dauer. Stängel und Blätter verblühter Blumen wurden dort früher oft gesammelt und zum Beheizen des Backofens verwendet.

Gott, der als Schöpfer die Tier- und Pflanzenwelt in so bewundernswürdiger Weise ausgestattet hat und erhält, wird auch die Seinen, die doch viel vorzüglicher sind, in väterlicher Weise mit Nahrung und Kleidung versehen. Aber wie kleingläubig sind auch wir in dieser Hinsicht oft!

„Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes ...“

Deshalb fasst der Herr Jesus seine Belehrung in der Schlussfolgerung zusammen: „So seid nun nicht besorgt, indem ihr sagt: Was sollen wir essen? oder: Was sollen wir trinken? oder: Was sollen wir anziehen? Denn nach all diesem trachten die Nationen; denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dies alles nötig habt“ (V. 31.32).

In der Welt zählt das Sichtbare, das Diesseits. Hier gilt es, für Fortkommen, Wohlstand und Ansehen zu sorgen. So war es damals, und so ist es noch heute. Im Gegensatz zu den heidnischen Nationen besaßen die Juden Gottes Verheißungen für materielle und geistliche Segnungen, insbesondere die des zukünftigen Reiches Gottes. Aber wie sah es in der Praxis aus? Die Sucht nach den irdischen Dingen und die damit verbundenen selbstgemachten Sorgen sind ein Übel, das vor keinem Volk Halt macht.

Auch wir als Christen müssen bekennen, dass wir uns in dieser Hinsicht oft kaum von den uns umgebenden Menschen unterscheiden. Und doch haben wir weit größere Segnungen empfangen als Israel. Zudem haben wir einen gütigen Vater im Himmel, der weiß, was wir brauchen, der für uns besorgt ist und der uns mit seinem geliebten Sohn, der größten aller Gaben, alles schenken will, was gut für uns ist (Röm 8,32; 1. Pet 5,7).

In dem nun folgenden Kernvers dieses Abschnitts lenkt der Herr Jesus deshalb den Blick seiner Jünger auf das Wesentliche: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden“ (V. 33). – Mit dieser positiven Aufforderung zeigt Er das Ziel, nach dem der Jünger in erster Linie trachten (oder: suchen) soll. Es ist das Reich und die Gerechtigkeit Gottes. Der Herr Jesus sagt nicht: Trachtet nur nach dem Reiche Gottes ..., sondern: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes ...“, denn Er will nicht, dass wir unsere übrigen Pflichten vernachlässigen. Aber Er weist seine Jünger klar auf das hin, was in ihrem Leben an erster Stelle stehen soll.

Normalerweise benutzt der Herr im Matthäusevangelium (im Unterschied zu den übrigen Evangelien) den Begriff „Reich der Himmel“. Nur fünfmal kommt der Ausdruck „Reich Gottes“ vor (s. Mt 12,28; 19,24; 21,31.43). Das hat folgenden Grund: Das Matthäusevangelium geht besonders auf die jüdischen Erwartungen ein und stellt den Herrn Jesus als den König Israels vor. Durch den Namen „Reich der Himmel“ wird für die Juden, die sich durch das verheißene Reich Gottes mehr oder weniger die Befreiung vom Joch der Römer und irdisches Wohlergehen erhofften, der himmlische Charakter dieser letzten Heilsepoche Gottes betont. Wenn dagegen in diesem Evangelium der Ausdruck „Reich Gottes“ vorkommt, wird der allgemeine Charakter der Regierung Gottes in Macht durch den Herrn Jesus persönlich oder während seiner Abwesenheit durch den Heiligen Geist hervorgehoben (vgl. Röm 14,17).

„Zuerst ...“

Was bedeuten nun die Worte „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes“ praktisch für uns? Sie fordern uns auf, in unserem Leben dem Herrn Jesus in unseren irdischen Verhältnissen, Aufgaben und Interessen den ersten Platz einzuräumen. Ob es sich um unsere Zeit, unsere Energie und unser Geld handelt, in allem möchte Er an erster Stelle stehen:

  • Wie viel Zeit verwenden wir täglich für das Gebet, das Lesen des Wortes Gottes, die Gemeinschaft mit den Geschwistern? Nehmen wir die Gelegenheiten wahr, wenn die Seinen in seinem Namen versammelt sind?
  • Verwenden wir die Mittel, die Er uns zur Verfügung stellt, für uns selbst oder auch für Ihn und sein Werk auf der Erde?
  • Die wichtigste Frage ist jedoch: Treffen wir unsere Entscheidungen, die großen wie die kleinen, in der Abhängigkeit von Ihm, d.h. unter Gebet und Warten auf Ihn, und lassen wir Ihn so in unserem Leben wirklich herrschen?

Nur so können wir nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit trachten. Die Gerechtigkeit Gottes ist hier (anders als später im Römerbrief) das praktische Verhalten, das der Autorität und Herrschaft Gottes in der Person des Herrn Jesus in unserem Leben entspricht (vgl. Kap. 5,20; 6,1 mit Anmerkung der Elberfelder Übersetzung).

Aber wird das nicht zu einer Vernachlässigung unserer irdischen Aufgaben und damit womöglich zu selbstverschuldeter Not und noch größeren Sorgen führen? Lesen wir noch einmal die Zusage des Herrn Jesus: „... und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“ Demjenigen, der das Wichtigste erkannt hat und danach trachtet, dem fügt der Herr also alles Übrige hinzu! Es kommt nur darauf an, die „Prioritäten“ richtig zu setzen.

Der Herr beschließt diesen Abschnitt mit fast den gleichen Worten, mit denen Er in Vers 25 begann: „So seid nun nicht besorgt auf den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat an seinem Übel genug“ (V. 34). – Wie oft haben sich unsere selbstgemachten inneren Nöte und Sorgen schon am nächsten Tag als völlig unbegründet erwiesen! Wie oft schon sind wir dadurch tief beschämt worden und mussten dem Herrn unseren Kleinglauben bekennen. Deshalb erinnert Er uns als seine Jünger zum Schluss nochmals daran, uns für morgen heute keine Sorgen zu machen.

Gestern ist vorbei
Morgen noch nicht da
Heute hilft der Herr.

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