Antworten auf Fragen in Römer 11

"Denn auch ich bin ein Israelit"

Die erste Antwort auf die wichtige Frage: „Hat Gott etwa sein Volk verstoßen?“ ist der große Apostel der Nationen selbst, wir lesen im ersten Vers: „Denn auch ich bin ein Israelit aus dem Samen Abrahams, vom Stamm Benjamin. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das Er zuvor erkannt hat.“ So weist der Heilige Geist zuallererst auf den Apostel und stellt ihn vor uns hin als einen Beweis dafür, dass Gott Israel nicht gänzlich und für immer verworfen hat. Es ist bezeichnend, dass in jedem der drei Kapitel, die den als „Verwaltung“ bezeichneten Teil des Römerbriefes bilden, der Apostel Paulus im Vordergrund steht. „Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, indem mein Gewissen mit mir Zeugnis gibt in dem Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit habe und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen, denn ich selbst, ich habe gewünscht, durch einen Fluch von Christus entfernt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch.“ Das ist der Anfang des neunten Kapitels, und im zehnten lesen wir von seinem Flehen für Israel, das sicherlich nicht nur sein Flehen, sondern auch das des Heiligen Geistes ist. „Brüder! Das Wohlgefallen meines Herzens und mein Flehen für sie zu Gott ist, dass sie errettet werden“ (10,1).

Auch am Anfang unseres Kapitels spricht er wieder von sich selbst, sagt aber außerdem noch: „Euch aber, den Nationen, sage ich: Insofern ich nun der Apostel der Nationen bin, ehre ich meinen Dienst, ob ich auf irgendeine Weise sie, die mein Fleisch sind, zur Eifersucht reizen und einige von ihnen erretten möge. „ (Röm 11,13.14). Das Werkzeug, das verwendet wird, um das Geheimnis Gottes und den unausforschlichen Reichtum unter den Nationen kundzutun, erklärt seine große Liebe für seine Verwandten und betet für ihre Errettung. Während die ersteren, die Nationen, Segnungen empfangen, sind die letzteren – Israel – noch immer „Geliebte um der Väter willen“ (Röm 11,28) und keineswegs vergessen.

Warum wird aber Paulus persönlich genannt, unmittelbar nachdem die Frage bezüglich Israels Stellung aufgeworfen ist? Gewöhnlich wird gesagt, dass er mit dem Hinweis auf sich selbst zeigen wollte, dass ein Israelit den Herrn Jesus Christus annehmen und errettet werden kann; war er, ein mit Hass gegen Christus erfüllter Israelit, errettet worden, so ist das ein Beweis dafür, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat. Doch lautet die Frage, die uns beschäftigt, nicht darin, ob ein einzelner Jude errettet werden kann oder nicht; vielmehr haben wir hier eine Frage, die das Volk als Ganzes betrifft. Außerdem ist die Möglichkeit, dass Juden das Heil ergreifen und errettet werden können am Tag der Pfingsten völlig erwiesen worden. Die dreitausend Menschen, die an jenem Tag gläubig geworden waren, sind alle Juden gewesen, ebenso wie auch die übrigen nach Tausenden zählenden Gläubigen, die nach jenem denkwürdigen Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes errettet worden sind. Wir müssen daher Ausschau halten nach einer tieferen Bedeutung dafür, dass der Name des Paulus am Anfang dieses Kapitels genannt ist.

Der Schlüssel zu dieser tieferen Bedeutung ist die Tatsache, dass der Heilige Geist von der Bekehrung Saulus' von Tarsus nicht nur als von einem besonders hervorragenden, sondern als von einem vorbildlichen Ereignis spricht. Er hat uns in der Apostelgeschichte in den Kapiteln 9,22 und 26 drei ausführliche Berichte darüber gegeben. Im ersten Timotheusbrief lesen wir: „Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteil geworden, damit an mir, dem ersten, Jesus Christus die ganze Langmut erzeige, zum Vorbild für die, die an Ihn glauben werden zum ewigen Leben“ (1.Tim 1,16). Und wiederum steht geschrieben: „Am letzten aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er auch mir“ (1. Kor 15,8). Diese inspirierten Darlegungen reden von der tieferen Bedeutung, die wir in der Bekehrung dessen erblicken sollen, der sich als ein „Hebräer von Hebräern“ (Phil 3,5) bezeichnet. Man hat gesagt, die Bekehrung des Saulus sei das Muster einer Bekehrung, deren verschiedene Stufen bei jeder echten Bekehrung wiedergefunden werden. Das ist aber durchaus nicht richtig. Die Bekehrung Saulus' von Tarsus war eine durchaus einzigartige, wie es bis heute keine zweite gegeben hat. Nie mehr hat sich der Himmel aufgetan, hat ein Licht den Glanz der Sonne übertroffen; nie mehr hat ein Sünder, der solch ein blinder Verfolger war, Jesus in Herrlichkeit gesehen und seine Stimme gehört; und nie mehr ist jemand in dieser Weise als ein „auserwähltes Gefäß“ berufen worden, um den Namen des Herrn „zu tragen sowohl vor Nationen als Könige und Söhne Israels“ (Apg 9,15). Seine Bekehrung ist sicherlich kein Muster, nach welchem jede andere Bekehrung verlaufen muss, und doch ist sie ein Vorbild, eine Hypotyposis (sinnbildliche Darstellung).

Alle großen Männer des Alten Testaments: Priester, Propheten und Könige waren in ihrem Leben und in ihren Erlebnissen Muster und Vorbilder. So ist auch der große Heidenapostel, der den Nationen das Heil kundtat, und der selbst Jude war, ein Vorbild. Seine wunderbare Bekehrung ist ein Vorbild von der künftigen Bekehrung des Volkes, dem er dem Fleisch nach angehörte. Was Gott an ihm getan hat, kann und wird Er an einem zukünftigen Tag an Israel vollbringen. Die Bekehrung Saulus' von Tarsus ist das Vorbild und das Pfand für die Bekehrung Israels. In diesem Licht wird die volle Bedeutung der aus dem ersten Timotheus- und aus dem ersten Korintherbrief angeführten Stellen leicht verständlich. In der Bekehrung des Saulus erzeigte Jesus Christus „dem ersten“ Barmherzigkeit. Diese Barmherzigkeit wird noch anderen zuteilwerden, und sie wird ihnen unter den gleichen Umständen und durch die gleiche himmlische Offenbarung des verherrlichten Menschensohnes erzeigt werden, und das Volk, dem solches geschehen wird, ist Israel. Der gleiche Gedanke liegt der Bemerkung des Paulus zugrunde, dass der Herr ihm gleichsam als einer unzeitigen Geburt erschienen ist. Die vor der Zeit erfolgte, unzeitige Geburt deutet sowohl auf eine andere Geburtszeit hin, als auch auf eine andere Geburt, nämlich auf die Geburt der Nation. Dann wird Israel, der Überrest seines Volkes, wiedergeboren werden, indem sie den in Herrlichkeit erblicken werden, den sie durchbohrt haben (Sach 12,10).

Die Gegenüberstellung der Bekehrung des Saulus und der zukünftigen Bekehrung Israels, wie sie in dem prophetischen Wort offenbart ist, muss jedem auffallen. Sie stellt eine vollkommene Parallele dar.

  1. Der ungläubige Saulus von Tarsus versinnbildlicht den Zustand Israels als Volk während des gegenwärtigen Zeitalters. Er war ein gelehrter Pharisäer, ein grimmiger Verfolger, der Drohung und Mord schnaubte gegen die Jünger des Herrn (Apg 9,1), blind und ungläubig. So ist auch Israel ein zweiter ungläubiger Saulus, und wie er, haben sie Eifer für Gott, aber nicht nach Erkenntnis (Röm 10,2).
  2. Der geöffnete Himmel, die Erscheinung und die Stimme des verherrlichten Jesus waren es, die Saulus von Tarsus in seiner Laufbahn aufhielten, und sie sind zugleich vorbildlich für den Tag, an dem der Himmel wiederum offenstehen und der Herr Jesus Christus in Macht und in Herrlichkeit offenbart werden wird. Bei seiner zweiten, sichtbaren und herrlichen Ankunft wird der Überrest Israels auf Ihn blicken und aus seiner Erscheinung und Herrlichkeit ersehen, dass Jesus ihr Messias und König ist (Sach 12,10–14; Mt 24,29.30; Off 1,7). Der geöffnete Himmel, das plötzlich hervorstrahlende, große Licht, die Erscheinung und die Stimme Jesu, der dort auf dem Weg nach Damaskus wie hingestreckt am Boden liegende Saulus, – dies alles war nur ein kleiner Vorgeschmack von dem, was Gott an dem Überrest seines irdischen Volkes tun, und wie dieses Ihn endlich erkennen und annehmen wird.
  3. Der Dienst des Paulus unter Nationen und Königen ist ein zukünftiges Bild von dem Dienst, den Israel einst unter den Nationen der Erde ausüben wird. Alle Völker sollen und werden die Herrlichkeit des Herrn kennen; aber die Bekehrung der Welt wird erst erfolgen, nachdem Israel bekehrt sein wird. Durch Israel werden schließlich alle Nationen der Erde gesegnet werden (1. Mo 18,18).

Diese drei wichtigen Dinge, die wir in der Bekehrung des Saulus finden und die den Unglauben Israels, sowie die Art und das Ergebnis ihrer Bekehrung vorbilden, werden wir nun in diesem Kapitel weiterverfolgen, und wir werden an Hand der Schrift einige der uns offenbarten Einzelheiten betrachten. Wir verstehen nun, warum der Heilige Geist den Apostel Paulus vor uns stellt, unmittelbar nachdem die Frage, die in diesem Kapitel behandelt werden soll, gestellt ist. Was für eine Offenbarung der Gnade und Weisheit Gottes! Er erwählt sich ein Werkzeug, um die Geheimnisse zu offenbaren, die in anderen Zeitaltern verborgen waren, und um das Wort Gottes zu vervollständigen; und dieses Werkzeug, dem die Fülle der Erkenntnis des Evangeliums der Gnade geschenkt wird – dieses Evangeliums, das unter den Nationen verkündigt werden soll, während Israel eine Zeit lang auf die Seite gestellt ist – wird zugleich zu einem Vorbild und Muster gemacht für das, was Israel in der Zukunft sein und empfangen wird, wenn Gott aufstehen und Zion Barmherzigkeit widerfahren lassen wird.

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