Unterredungen über den zweiten Brief an die Korinther

Kapitel 3-4,6

Unterredungen über den zweiten Brief an die Korinther

Bevor wir auf das dritte Kapitel eingehen, sei mir erlaubt, nochmals kurz auf die in den zwei ersten Kapiteln unseres Briefes enthaltenen Gedanken zurückzukommen. Wie wir wissen, ist ein besonderer Gegenstand dieses Briefes der Dienst, seine Ausübung, die ihm zufallende Aufgabe, sowie die Eigenschaften, die unumgänglich notwendig sind, um ein Diener Christi sein zu können. Auch möchte ich noch einmal auf die weitgehende Bedeutung des Dienstes hinweisen, wie wir ihn in diesem Briefe finden. Es ist nämlich hier nicht allein vom Apostelamt oder -dienst die Rede, und auch nicht nur vom Dienst am Wort. Wir alle haben irgend einen Dienst. Wenn wir auch nicht alle den Dienst am Wort ausüben können, so hat doch der Herr einem jeden von uns irgend einen Dienst anvertraut, und oft genug hat der in den Augen der Menschen geringste Dienst sehr großen Wert in den Augen Gottes. Später, im 8. und 9. Kapitel, spricht sich der Apostel eingehend über den Dienst der Hilfeleistung an den Heiligen aus, zeigt, welche Gesinnung nötig ist, um ihn auszuüben, und gibt seiner Freude Ausdruck, selbst daran teilnehmen zu dürfen. Möchten wir doch von der Wichtigkeit dieser Tatsache recht durchdrungen sein: Wenn wir auch keine Geistesgabe zum Nutzen der Versammlung oder für die Welt empfangen haben, so haben wir doch alle einen besonderen Dienst, dem wir uns ebenso sorgfältig hingeben sollten, wie ein anderer seinem öffentlichen Dienst. Wenn dieser letztere auch mehr Ansehen in den Augen der Menschen genießt, so bietet er anderseits auch mehr Gefahren für den, der ihn ausübt.

Aus der Betrachtung des ersten Kapitels geht klar hervor, dass unser Dienst für den Herrn, wenn er in Selbstvertrauen geschieht, deswegen wohl nicht ohne weiteres null und nichtig ist, - denn wer wäre unter uns, der nicht in der Ausübung seines Dienstes sich fortschreitend und eingehend selbst zu richten hätte? - sicherlich aber wird er um so schwächer sein, je mehr Wichtigkeit wir uns in dieser Hinsicht selbst beimessen. Wir erinnern uns der Ausdrücke, die der größte der Apostel in Bezug hierauf getan hat: „Auf dass unser Vertrauen nicht auf uns selbst wäre“; oder: „Ich, der Allergeringste von allen Heiligen“; oder schließlich: „Wenn ich auch nichts bin“. Nur in dem Maße, wie diese Wahrheit verwirklicht wird, ist der christliche Dienst gesegnet. Der Apostel unterzog sich einem unerbittlichen Selbstgericht, um seinen Brüdern zum Vorbild sein und sie auf diesem Wege ermuntern zu können.

Am Schluss des ersten Kapitels sahen wir noch, dass der Gegenstand des Dienstes Christus ist. Aus diesem Grunde ist es das Bemühen des Apostels, Christi Herrlichkeiten hervorzuheben. Weiter zeigt er, dass es, um Christum darzustellen, der Kraft bedarf, dass man dazu mit dem Heiligen Geiste gesalbt und versiegelt sein muss. Wie armselig ist es doch, den Seelen die Wahrheit Gottes als eine Angelegenheit des Verstandes oder als ein Ergebnis unserer Studien darzustellen! Wo bleibt dabei die Wirkung des Wortes auf die Gewissen, da doch der Geist Gottes dessen einzige Wirkungskraft ist?

Im zweiten Kapitel ist der Zweck des Dienstes nicht nur, Christum darzustellen. Hier handelt es sich auch um seine Ausübung in der Versammlung hinsichtlich der Zucht. Doch sollte, wie wir hörten, die Zucht in Liebe geschehen. Ohne Liebe ist sie nichts als eine gerichtliche Handlung, die mit dem Geiste Gottes nichts gemein hat. Am Schluss des Kapitels sahen wir dann den Dienst im Darstellen des Sieges Christi vor den Menschen und im Darbringen des Wohlgeruchs Christi vor Gott, Dingen, die uns sowohl unsere eigene ernste Verantwortlichkeit vor Augen bringen, als auch die Verantwortlichkeit aller derer, die unser Zeugnis verwerfen.

Hiermit sind wir beim 3. Kapitel angelangt. Hier begegnen wir einer neuen Betätigung des Dienstes. Es gilt nicht nur, den Wohlgeruch Christi in der Welt zu verbreiten, sondern auch, einen Brief Christi an sie zu richten, der allen Menschen zur Kenntnis kommt und von ihnen gelesen wird. Die Korinther waren zweifellos der Empfehlungsbrief des Apostels, aber für Paulus war dieser Brief durchaus gleichbedeutend mit dem Empfehlungsbrief Christi. Paulus hätte keineswegs seinen Namen den Korinthern ins Herz geschrieben, sondern einzig und allein den Namen Jesus. Wie viele Diener Christi folgen in dieser Hinsicht leider nicht dem Beispiel des Apostels, sondern betrachten es als ihre Aufgabe, eines Menschen Namen oder den Namen der Benennung, der sie selbst angehören, oder irgendetwas anderes den Gläubigen ins Herz zu schreiben.

Der Herr hatte Paulus mit den nötigen Werkzeugen versehen, um den Brief Christi zu schreiben, und der Apostel hatte sich seiner Aufgabe in Treue unterzogen. Seine Schreibtafeln waren fleischerne Tafeln des Herzens, nicht die steinernen Tafeln des Gesetzes. Seine Feder und seine Tinte waren der Geist Gottes. Sein Brief war die Kirche, sein Gegenstand Christus - ein Name und nichts anderes, aber ein Name, der in einem einzigen Wort die ewigen Ratschlüsse Gottes, alle seine Gedanken und alle seine Herrlichkeiten umfasst.

Wie die Korinther, so sind auch wir die Frucht des Dienstes des Apostels, da dieser Dienst im Wort der Wahrheit enthalten ist, und wie sie, so sind auch wir berufen, der Empfehlungsbrief Christi zu sein, „gekannt und gelesen von allen Menschen“. Aber, beachten wir es wohl, der Dienst des Apostels ist hier dazu bestimmt, nicht Einzelwesen, sondern ein Ganzes zu bilden. Der Apostel sagt nicht: ihr seid Briefe, sondern: ihr seid ein Brief Christi, wennschon es völlig wahr ist, dass jeder Gläubige für sich Christum vor der Welt darstellen sollte. Von solcher Bedeutung war die Kirche, die Versammlung Christi, in den Augen des Apostels. Am Ende des Kapitels vertraut Paulus den Korinthern das Geheimnis an, das ihnen ermöglichen würde, ein solcher Brief Christi zu sein; es ist ein einfaches Geheimnis, gleichsam das ABC in der Reihe der Geheimnisse, wenn man hier überhaupt von einem Geheimnis reden will. Für uns alle - denn es handelt sich hier immer um die Gesamtheit der Gläubigen - muss das Anschauen des Herrn der Gegenstand sein. „Wir alle, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend“ (V. 18). Dieses Anschauen verwandelt uns allmählich in sein herrliches Bild, derart, dass die Welt nur ihn in seiner Versammlung sieht.

Das 3. Kapitel stellt uns aber auch noch eine andere, ebenso wichtige Tätigkeit des christlichen Dienstes vor Augen, und zwar handelt es sich da um eine Belehrung. Zu diesem Zweck fasst der Apostel die gesamte christliche Lehre in den eingeklammerten Versen (V. 7-16) kurz zusammen. Diese Lehre steht im völligen Gegensatz zu dem, was das Gesetz bis dahin gelehrt hatte. Aber wie wenige von den Gläubigen unserer Tage, welche die Gnade zu kennen vorgeben, verstehen sie wirklich und vermögen sie infolgedessen scharf von dem Gesetz zu trennen!

Wir haben hier also den Unterschied zwischen dem Dienst des Buchstabens, das heißt des Gesetzes, und dem Dienst des Geistes. Der Apostel zeigt zunächst, dass der Dienst des Gesetzes ein Dienst des Todes ist. Das Gesetz verheißt zweifellos dem, der es hält, Leben. Aber wo ist der Mensch, der trotz der Verheißung imstande wäre, das Leben zu erlangen? Die Sünde macht ja die Sache zur Unmöglichkeit. Nun, die Sünde ist nichts anderes als der eigene Wille und der Ungehorsam des Menschen. So steht das Gesetz, obwohl es das Leben verspricht, im Dienst des Todes. Es verdammt den, der es nicht gehalten hat, und überführt ihn der Sünde. Jeder Mensch unter dem Gesetz befindet sich also in einem Dienst, der ihn tötet, indem er das Todesurteil über ihn ausspricht. Das ist der Inhalt von Kapitel 7 des Briefes an die Römer. Das Gesetz machte ein für allemal jeder Anmaßung des Menschen ein Ende, selbst seine Sache mit Gott in Ordnung bringen und auf diese Weise das Leben erlangen zu können. Im Gegensatz zum Dienst des Todes spricht der Apostel nicht von dem des Lebens, sondern von dem Dienst des Geistes, weil der Heilige Geist es ist, der, wenn er wirkt, der Seele das Leben bringt.

Anderseits ist der Dienst des Gesetzes ein „Dienst der Verdammnis“, während der Dienst des Geistes ein „Dienst der Gerechtigkeit“ ist. Dabei handelt es sich aber nicht um eine menschliche und gesetzliche Gerechtigkeit, denn der Geist ist gekommen, um uns die Gerechtigkeit Gottes zu verkündigen. Das nämlich ist der Inhalt des Evangeliums, und darum legt der Apostel einen so großen Wert darauf. Es zeigt, wie Gott seinen Hass gegen die Sünde (eine Gerechtigkeit, welche die Sünde verdammen muss) mit seiner Liebe zum Sünder in Übereinstimmung bringen konnte. Die Gerechtigkeit Gottes ist somit eine rechtfertigende Gerechtigkeit, und nicht eine Gerechtigkeit zur Verdammnis. Diese Versöhnung von zwei an sich unversöhnlichen Dingen war nur am Kreuze Christi möglich, wo „Gerechtigkeit und Friede sich geküsst haben“. Es gab nichts Ähnliches vor dem christlichen Dienst, dessen Vertreter der Apostel war. In diesem Dienst finden sich alle Gedanken Gottes im Blick auf die Menschen zusammengefasst. Durch ihn lernen wir Gott sowohl in all seiner Herrlichkeit kennen, als auch in der ganzen Vollkommenheit seiner Natur und seines Charakters.

Der Apostel fährt fort: „Das Bleibende wird in Herrlichkeit bestehen“ (Vers 11). Das Bleibende ist der Charakter Gottes selbst. Dem, was Gott uns von Sich selbst geoffenbart hat, ist nichts hinzuzufügen. Was Gott ist, die Fülle seiner Herrlichkeit, ist in dem Werke zutage getreten, das er am Kreuz für uns getan hat. Dieses Werk bleibt auf ewig in Herrlichkeit bestehen. Am Schluss dieser Abhandlung heißt es Vers 17: „Wo aber der Geist des Herrn ist, ist Freiheit.“ Das Gesetz war ein Sklavendienst, der den Menschen unfähig machte, Gott zu nahen; die Gnade dagegen stellt uns in seine Gegenwart, und dort können wir ohne Decke die Person des Herrn Jesus betrachten, „der uns geworden ist Gerechtigkeit von Gott“. Wie wir uns bereits sagten, heißt, volle Freimütigkeit zum Eintritt vor ihm haben, das Geheimnis besitzen, durch das man wirklich vor der Welt ein Brief Christi sein kann. Das Anschauen der Herrlichkeit des Herrn verwandelt uns allmählich - von Herrlichkeit zu Herrlichkeit - in sein Bild. Diese Verwandlung ist jedoch nur eine teilweise, denn wir haben die Vollkommenheit noch nicht erreicht und werden sie hienieden auch niemals erreichen.

Kapitel 3-4,6

Wie wir gelesen haben, stellt unser ganzer Abschnitt die völlige Gegensätzlichkeit dar, die zwischen dem Dienst des Gesetzes und dem des Geistes besteht. Die beiden Dienste stimmen auch nicht in einem Punkt überein. Der Dienst des Gesetzes ist ein Dienst des Todes und kann nur verdammen. Das Gesetz konnte auch in seinem weniger starren Charakter, in welchem Gott es dem Moses bekannt machte, als er ihm zum zweiten Mal die Gesetzestafeln gab, nichts als verdammen. Auch eine Herrschaft, bei der das Gesetz mit Erbarmen gemischt ist, also die Form, unter der Israel tatsächlich gestanden hat - denn das war nicht die absolute Gesetzes-Herrschaft -, ist immer noch von tödlicher Wirkung für die, welche sich ihr unterstellen. So haben auch heute alle, welche sich, obwohl sie keine Juden sind, sondern sich Christen nennen, dieser gemischten Herrschaft unterwerfen, nichts als Verdammnis zu erwarten, da dieses Gesetz nicht nur ein Dienst des Todes, sondern auch der Verdammnis ist. Jeder Mensch steht von Natur unter dem durch das Gesetz gefällten Urteil, und dieses Urteil ist unwiderruflich. Jeder Mensch unter Gesetz findet dort nichts anderes, aber Gott benutzt dieses Mittel, um ihn von der Sünde zu überführen, ihm seinen eigenen Zustand klarzumachen und ihn zur Erkenntnis zu bringen, dass die Gnade Gottes allein ein Opfer zu bringen vermag, das ihn vom Fluche des Gesetzes befreit. Durch das Kommen des Herrn, das den Sündern die Gnade brachte, ist das ganze System des Gesetzes als Mittel der Rechtfertigung zusammengebrochen.

Wenn nun das Gesetz ein Dienst der Verdammnis und des Todes ist, so ist der christliche Dienst, wie wir bereits sahen, der Dienst des Geistes und der Gerechtigkeit. Aber wir finden noch etwas anderes in unserem Abschnitt, und zwar dies: Das Evangelium, das der Apostel verkündigte, war das Evangelium der Herrlichkeit und brachte die Erkenntnis der Herrlichkeil Gottes im Angesicht Jesu Christi. (2. Kor 4,4.6) In den Briefen des Paulus ist häufig die Rede von dem Evangelium (oder der guten Botschaft) der Herrlichkeit, und viele lesen aus diesem Ausdruck lediglich den Gedanken heraus, dass der Herr nach vollbrachtem Werk in die Herrlichkeit hinaufgestiegen ist. Das ist gewiss eine gute Botschaft, aber der Ausdruck geht viel weiter. Er bedeutet nichts weniger als die Zusammenfassung aller Vollkommenheiten Gottes, die seit dem Kreuze so völlig zutage getreten sind. Und wo ist das geschehen? Wer bringt diese Vollkommenheiten zur Darstellung? Wo kann ich sie sehen? Im Angesicht Jesu Christi. In ihm hat Gott seinen Hass gegen die Sünde sowie seine Gerechtigkeit, welche die Sünde verdammen musste, kundgetan. Dort, in der Person des Heilands, hat er sie in Tat und Wahrheit verurteilt. Dort hat Gott seine Heiligkeit geoffenbart, eine Heiligkeit, die das Böse nicht sehen, noch es in seiner Gegenwart dulden kann. Dort hat er seine Majestät zur Schau gestellt, die Größe des alleinigen Gottes, der Sich herablässt, Sich mit seinen Geschöpfen zu beschäftigen. Dort hat er auch seine Liebe hervorstrahlen lassen, den Höhepunkt seiner Vollkommenheiten, eine Liebe, die uns gegenüber den erhabenen Namen der Gnade angenommen hat. Die Gnade ist erschienen, um uns in der Tiefe des Abgrunds zu suchen, wohin die Sünde uns gestürzt hatte, ist erschienen, um uns zu retten und zu Gott zu führen. Das ist das Evangelium der Herrlichkeit Gottes. In Kapitel 3,18 zeigt uns der Apostel, dass wir alle uns vor diese Herrlichkeit stellen und uns von ihr durchdringen lassen können. Für uns gibt es keine Furcht vor der Herrlichkeit: Die Gerechtigkeit Gottes ist voll und ganz befriedigt worden durch die Hingabe Christi. Wie könnte diese Gerechtigkeit mich je verdammen, da sie, nachdem sie meinen Heiland getroffen, ihn erhöht hat zur Rechten Gottes? Wir haben es hier mit vollendeten Tatsachen zu tun. Die Liebe Gottes ist einmal in ihrer ganzen Kraft gegen uns übergeströmt. An einem dunklen Ort, wo der Sohn Gottes, von den Menschen verworfen, gekreuzigt wurde, ist sie in ihrem ganzen Licht hervorgestrahlt. Könnte man sich eine vollkommenere Liebe denken als die am Kreuze sichtbar gewordene?

Der Apostel vergleicht dann die unter dem Gesetz geoffenbarte Herrlichkeit mit derjenigen, die unter der Herrschaft der Gnade so vollkommen hervorgetreten ist. Als Beispiel dafür dient ihm Moses. (V. 7) Auch unter dem Gesetz gab es eine gewisse Herrlichkeit, aber es war nicht die Herrlichkeit. Man kann sich hiervon überzeugen, wenn man das 33. Kapitel vom 2. Buche Mose liest (V. 18), wo Moses, nachdem die Sünde des goldenen Kalbes geschehen war, Gott bittet, seine Herrlichkeit sehen zu dürfen. Die Antwort Jehovas lautete, dass das nicht möglich sei. (V. 20-23.) Moses konnte das Angesicht Gottes nicht sehen; Gott blieb allein in seiner Herrlichkeit. Die Wolke war seine herrliche Wohnung, und niemand vermochte in sie einzutreten. Nur unter der Herrschaft der Gnade können die Jünger in die Wolke eintreten und den Vater zu ihnen reden hören über seinen Sohn. Trotz dieser Weigerung lässt Jehova aber „alle seine Güte“ an Moses vorüberziehen (Kap. 33, 19), das heisst einen Teil seiner Herrlichkeit, wie es unter dem Gesetz möglich war. (2. Mo 34,6-7) Auf den ersten Blick möchte es scheinen, als ob hier eine Verbindung mit der Herrschaft der Gnade statffinde. Das ist aber keineswegs der Fall. Wohl lässt Gott, der sich selbst nicht verleugnen kann, sich herbei, im voraus kundzutun, dass er ein Gott der Barmherzigkeit, der Güte und Geduld ist, aber ebenso ist er auch ein Gott, „der keineswegs den Schuldigen für schuldlos hält, der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, am dritten und am vierten Gliede“. Moses, der Vermittler des Gesetzes, war sozusagen der einzige Mensch in Israel, der selbst nicht unter dem Gesetz stand. Er kannte einige kostbare Züge von Gottes Gnaden-Charakter und war imstande, sie zu genießen. So kommt er aus Gottes Gegenwart und tritt vor das Volk. (2. Mo 34,29-35.) Und was zeigt sich? Sein Antlitz strahlte! Die wenigen Strahlen der Herrlichkeit Gottes, die er empfangen hatte, genügten, um sein Antlitz erstrahlen zu lassen. Welche Wirkung aber hat der Anblick dieser Herrlichkeit auf das Volk? Eine anziehende? Im Gegenteil: „Sie fürchteten sich, ihm zu nahen.“ Sie hatten Furcht vor der Herrlichkeit, weil gerade diese ihre Verurteilung in sich schloss. Dann legte Moses eine Decke auf sein Angesicht. Diese Tatsache ist der Ausgangspunkt der Belehrungen unseres Kapitels. Aber Moses legt die Decke nicht nur deswegen auf sein Angesicht, weil die Söhne Israels diesen strahlenden Glanz nicht hätten ertragen können, sondern auch aus dem Grund, damit das Volk seine Augen nicht auf das Ende dessen heften möchte, was hinweggetan werden sollte. Sie sollten die Herrlichkeit nicht sehen. Wenn sie sie gesehen hätten, wie wir sie sehen, so hätten sie sich der Herrschaft entzogen, unter die Gott sie gestellt hatte, und hätten Christum in all den Anordnungen des Gesetzes gesehen.

Die Herrschaft des Gesetzes wäre beendet und der ganze weitere Verlauf der Wege Gottes mit den Menschen unterbrochen worden. Wir erblicken heute im Angesicht Christi die Herrlichkeit Gottes in ihrer ganzen Fülle zu unseren Gunsten, und wunderbare Dinge sind's, die wir da entdecken. Gott bedient sich dieser Entdeckungen, um uns zu einer Würdigung des Schatzes zu führen, den wir in ihm besitzen, und um uns mit dem Wunsch zu erfüllen, unserem Vorbild nachzuahmen.

Der Apostel zeigt uns dann, dass diese Decke, die auf dem Antlitz Moses war, für die Juden auch auf den Schriften liegt. Sie stehen nach Jesajas 6 unter einem Gericht. Der einzige, den sie in den Schriften sehen sollten, ist Christus, und gerade ihn erkennen sie nicht darin. Sie wissen, wie viel Buchstaben und Silben die Schriften enthalten, aber sie wissen nichts von der Person des Heilands. Wir finden also folgendes hier: Die Decke liegt auf dem Antlitz Moses, der die Juden über die Herrlichkeit Gottes hätte unterrichten können. Sie liegt auf den Schriften, in denen sie Christum hätten erkennen sollen. Und schließlich: Die Decke liegt auf ihren eigenen Herzen. (V. 15)

Wie anders ist es mit uns heute! Wir können mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen. Die Decke ist von dem Angesicht unseres Moses, des Herrn Jesus, weggenommen. Wir können vor ihm verweilen, um ihn in voller Freimütigkeit zu betrachten. Durch die Erlösung ist alles, was Gott ist, seine ganze Herrlichkeit, geoffenbart worden in dem Sohne des Menschen und in dem Sohne Gottes. Das Ergebnis dieses Betrachtens ist, dass wir in dasselbe Bild verwandelt werden. Glückselig die Christen, die mit voller Freimütigkeit vor das enthüllte Angesicht Jesu Christi treten können, und die genügend mit seinen Vollkommenheiten beschäftigt sind, um sie auf ihrem Weg hienieden auszustrahlen! Beachten wir die Worte: „Wir alle, mit aufgedecktem Angesicht anschauend ...“ Keine Decke auf dem Antlitz Jesu Christi, keine auf unserem Angesicht! Unsere Augen sind geöffnet, heute geöffnet. Israels Augen werden später geöffnet werden. Das lehrt schon Jesaja 29,18; das lehrt auch der 16. Vers in unserem Kapitel: „Wenn Israel zum Herrn umkehren wird, so wird die Decke weggenommen.“

Gott hat uns die Augen geöffnet. An uns ist es nun, sie offen zu halten. Wie leicht schließen wir sie! Unter Satans Händen trägt ja, wenn wir nicht Acht geben, alles, was in dieser Welt ist, dazu bei, uns blind zu machen. Sobald wir den Anblick der Herrlichkeit Gottes verlieren, gibt es einen Stillstand, ja, was noch schlimmer ist, einen Rückgang in unserer geistlichen Entwicklung. Der Name Christi verschwindet gar schnell aus unseren Herzen, und andere Dinge treten an seine Stelle, Dinge, die uns in den Augen der Welt Ansehen verschaffen.

Nachdem der Apostel zu den Juden gesprochen hat, geht er im Anfang des folgenden Kapitels (2. Kor 4,1-6) zu den Nationen über, wenn er schreibt: „Wir empfehlen uns selbst jedem Gewissen der Menschen vor Gott“. Paulus tat das Gegenteil von dem, was Moses hatte tun müssen: Die Herrlichkeit ausstrahlend, die er im Angesicht Jesu Christi angeschaut hatte, stellte er sich selbst der Welt dar, indem er, wie Stephanus, auf seinem Angesicht den Abglanz dieser Herrlichkeit trug als Frucht des für die Sünder vollbrachten Werkes der Gnade. „Wenn aber auch“, sagt er, „unser Evangelium verdeckt ist, so ist es in denen verdeckt, die verloren gehen, in welchen der Gott dieser Welt den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, welcher das Bild Gottes ist“ (V. 3.4). Wie haben die Nationen dieses Evangelium aufgenommen? Ach, auch auf ihren Herzen liegt eine Decke. Müssen wir das nicht heute feststellen bei der uns umgebenden Welt, die, obwohl sie den Namen Christi trägt, dem Evangelium seiner Herrlichkeit gänzlich entfremdet ist? Fürwahr, es ist Satan gelungen, den Menschen, die doch in Verbindung stehen mit dem vollen Licht des Evangeliums, eine dicke Decke aufs Herz zu legen.

Der Apostel war ein auserwähltes Gefäß (V. 6), dazu bestimmt, das Evangelium in die Welt hinauszutragen. Um ihretwillen hatte Gott etwas ganz Wunderbares getan, eine Sache, die noch unendlich größer war als die Erschaffung der Welt selbst, und das war doch ganz gewiss keine Sache ohne Folgen! Bei Gelegenheit der Schöpfung, als noch „Finsternis über der Tiefe“ war, sprach Gott: „Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Das Licht durchbricht die Finsternis, und seitdem leuchtet es. Was aber das Herz des Menschen angeht, steht geschrieben: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5). Daher beschreibt der Apostel den Zustand seines Herzens zur Zeit seiner Bekehrung mit den Worten: „Der Gott, der aus Finsternis Licht leuchten hieß, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi.“ Das göttliche Licht, weitaus strahlender als das der Sonne bei der Schöpfung, hat in das Herz von Saulus von Tarsus geleuchtet, hat Gleicherweise auch mitten in die Finsternis unserer eigenen Herzen hineingeleuchtet, um sich hier in seiner ganzen Fülle zu offenbaren. Es ist eine neue Schöpfung, die um soviel höher als die erste Schöpfung ist, wie der Himmel höher ist als die Erde. Es ist eine Schöpfung, die nicht die ganze Erde zum Schauplatz hat, sondern ein armes, krankes und finsteres, enges und begrenztes Menschenherz, das Gott instand gesetzt hat, ihn zu umfassen, sowie den ganzen Lichtglanz der Erkenntnis seiner Herrlichkeit wieder zu strahlen im Angesicht eines Menschen! Das Alte ist vergangen; alles ist neu geworden. Alles, was Gott in Liebe ist, hat in einem Menschenherzen Wohnung gemacht, um darin zu leuchten. Aber zu welchem Zweck? Nicht damit der Apostel (und wir mit ihm) es für sich behielte, sondern damit dieses Licht leuchte und allen denen entgegenstrahle, welchen der Diener Christi es darstellt. Ohne Zweifel genoss der Apostel selbst viel von diesem Licht, und wir hoffentlich auch, aber der Zweck des Lichtes ist, zu strahlen, während es zugleich mit seinem Lichtglanz die Herzen erfüllt, in welche es geleuchtet hat.

Möchten wir doch diese unendliche Gnade genügend schätzen! Gott hat uns, so schwach wir auch sind, - keine „auserwählten Gefäße“ wie der Apostel - zu Bewahrern alles dessen gemacht, was er in der Person Christi ist, damit wir es in unserm Leben hervortreten lassen, und damit Seelen zu seiner Erkenntnis gebracht oder andere durch uns auf dem Wege des Glaubens und des Zeugnisses ermuntert werden.

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