Joseph, der Patriarch

Benjamin

Joseph, der Patriarch

1. Mose 43

„Und die Hungersnot war schwer im Land. Und es geschah, als sie das Getreide aufgezehrt hatten, das sie aus Ägypten gebracht hatten, da sprach ihr Vater zu ihnen: Zieht wieder hin, kauft uns ein wenig Speise. Und Juda sprach zu ihm und sagte: Der Mann hat uns ernstlich gewarnt und gesagt: Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, außer wenn euer Bruder bei euch ist. Wenn du unseren Bruder mit uns senden willst, so wollen wir hinabziehen und dir Speise kaufen; wenn du ihn aber nicht sendest, so werden wir nicht hinabziehen; denn der Mann hat zu uns gesagt: Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, außer wenn euer Bruder bei euch ist. Da sprach Israel: Warum habt ihr mir das Leid angetan, dem Mann mitzuteilen, dass ihr noch einen Bruder habt? Und sie sprachen: Der Mann erkundigte sich genau nach uns und unserer Verwandtschaft und sprach: Lebt euer Vater noch? Habt ihr noch einen Bruder? Und wir teilten es ihm mit nach diesen Worten. Konnten wir denn wissen, dass er sagen würde: Bringt euren Bruder herab? Und Juda sprach zu Israel, seinem Vater: Sende den Knaben mit mir, und wir wollen uns aufmachen und ziehen, dass wir leben und nicht sterben, sowohl wir als du, als auch unsere kleinen Kinder. Ich will Bürge für ihn sein, von meiner Hand sollst du ihn fordern; wenn ich ihn nicht zu dir bringe und ihn vor dein Angesicht stelle, so will ich alle Tage gegen dich gesündigt haben; denn hätten wir nicht gezögert, gewiss, wir wären jetzt schon zweimal zurückgekehrt. Und Israel, ihr Vater, sprach zu ihnen: Wenn es denn so ist, so tut dieses: Nehmt vom Besten des Landes in eure Gefäße und bringt dem Mann ein Geschenk hinab: ein wenig Balsam und ein wenig Honig, Tragant und Ladanum, Pistazien und Mandeln. Und nehmt doppeltes Geld in eure Hand, und bringt das Geld, das euch oben in euren Säcken zurückgegeben worden ist, in eurer Hand zurück; vielleicht ist es ein Irrtum. Und nehmt euren Bruder und macht euch auf, kehrt zu dem Mann zurück. Und Gott, der Allmächtige, gebe euch Barmherzigkeit vor dem Mann, dass er euch euren anderen Bruder und Benjamin freilasse. Und ich, wenn ich der Kinder beraubt bin, so bin ich der Kinder beraubt! Da nahmen die Männer dieses Geschenk und nahmen doppeltes Geld in ihre Hand und Benjamin und machten sich auf und zogen nach Ägypten hinab. Und sie traten vor Joseph.

Und als Joseph Benjamin bei ihnen sah, sprach er zu dem, der über sein Haus war: Führe die Männer ins Haus und schlachte Schlachtvieh und richte zu; denn die Männer sollen mit mir zu Mittag essen. Und der Mann tat, wie Joseph gesagt hatte; und der Mann führte die Männer in das Haus Josephs. Da fürchteten sich die Männer, dass sie in das Haus Josephs geführt wurden, und sprachen: Wegen des Geldes, das im Anfang wieder in unsere Säcke gekommen ist, werden wir hineingeführt, dass man über uns herstürze und über uns herfalle und uns zu Knechten nehme, samt unseren Eseln.

Und sie traten zu dem Mann, der über das Haus Josephs war, und redeten zu ihm am Eingang des Hauses und sprachen: Bitte, mein Herr! Wir sind im Anfang herabgezogen, um Speise zu kaufen. Und es geschah, als wir in die Herberge kamen und unsere Säcke öffneten, siehe, da war eines jeden Geld oben in seinem Sack, unser Geld nach seinem Gewicht; und wir haben es in unserer Hand zurückgebracht. Und anderes Geld haben wir in unserer Hand herabgebracht, um Speise zu kaufen. Wir wissen nicht, wer unser Geld in unsere Säcke gelegt hat. Und er sprach: Friede euch! Fürchtet euch nicht! Euer Gott und der Gott eures Vaters hat euch einen Schatz in eure Säcke gegeben; euer Geld ist mir zugekommen. Und er führte Simeon zu ihnen heraus. Und der Mann führte die Männer in das Haus Josephs und gab ihnen Wasser, und sie wuschen sich die Füße; und er gab ihren Eseln Futter. Und sie bereiteten das Geschenk zu, bis Joseph am Mittag kam; denn sie hatten gehört, dass sie dort essen sollten.

Als Joseph nach Hause kam, da brachten sie ihm das Geschenk, das in ihrer Hand war, ins Haus und beugten sich vor ihm nieder zur Erde. Und er fragte nach ihrem Wohlergehen und sprach: Geht es eurem alten Vater gut, von dem ihr gesprochen habt? Lebt er noch? Da sprachen sie: Es geht deinem Knecht, unserem Vater, gut; er lebt noch. Und sie verneigten sich und beugten sich nieder. Und er erhob seine Augen und sah seinen Bruder Benjamin, den Sohn seiner Mutter, und sprach: Ist das euer jüngster Bruder, von dem ihr zu mir gesprochen habt? Und er sprach: Gott sei dir gnädig, mein Sohn! Und Joseph eilte (denn sein Innerstes wurde erregt wegen seines Bruders) und suchte einen Ort, um zu weinen; und er ging in das innere Gemach und weinte dort. Und er wusch sein Gesicht und kam heraus und bezwang sich und sprach: Tragt Speise auf! Und man trug für ihn besonders auf, und für sie besonders, und für die Ägypter, die mit ihm aßen, besonders; denn die Ägypter dürfen nicht mit den Hebräern essen, denn das ist den Ägyptern ein Gräuel. Und sie saßen vor ihm, der Erstgeborene nach seiner Erstgeburt und der Jüngste nach seiner Jugend; und die Männer sahen einander staunend an. Und man trug Ehrengerichte von ihm zu ihnen; und das Ehrengericht Benjamins war fünfmal größer als die Ehrengerichte von ihnen allen. Und sie tranken und tranken sich fröhlich mit ihm“ (43).

„Und die Hungersnot war schwer im Land“ (V. 1). Mit diesen Worten leitet der Heilige Geist einen wichtigen Abschnitt im Blick auf die Brüder Josephs, wie auch auf das ganze Haus Jakobs ein. Die Not wurde immer größer und der Weg war mit Dornen verzäunt (Hos 2,8). Aber trotz aller äußeren Not, war in den Herzen der Söhne Jakobs kein gottgemäßer, gebahnter Weg zu erkennen (Ps 84,6). „Du hieltest meine Augenlider offen; ich war voller Unruhe und redete nicht“ (Ps 77,5). Sie hatten, da ihr Gewissen erwacht war, ihre Schuld erkannt, aber sie weder vor Gott noch vor Menschen bekannt und gerichtet. Ihre Sünde und Ungerechtigkeit war nicht zugedeckt (Ps 32,1.2). „Arglistig ist das Herz“ (Jer 17,9.10). „Denn meine Augen sind auf alle ihre Wege gerichtet; sie sind vor mir nicht verborgen, und ihre Ungerechtigkeit ist nicht verhüllt vor meinen Augen“ (Jer 16,17).

Die äußere Lage wurde immer schwerer, die Not stieg aufs höchste. Der einzige Ausweg war Ägypten, wo es Brot und Korn in Fülle gab. Aber keiner von den Söhnen Jakobs wagte davon zu reden, auch war die Reise ohne Benjamin zwecklos, er war die Schlüsselfigur, er allein konnte sie vor dem völligen Untergang retten. Dies hatte auch Jakob verstanden, und er wusste, dass er das Liebste hergeben, das Liebste würde opfern müssen. Damals war der Vater Abraham auch völlig willig gewesen, das Wertvollste seines Herzens dahinzugeben. Benjamin weigerte sich nicht, das Opfer für seine Brüder zu bringen. Welcher liebliche Hinweis auf den Herrn Jesus, der, vom Vater gesandt, herabkam um sich freiwillig als Opferlamm für die Sünde dahinzugeben, und zu erretten, was verloren war (Lk 19,10).

Juda wurde benutzt, um den Vater Jakob umzustimmen und ihn willig zu machen, das Opfer zu bringen. Seine Worte bezeugen, dass er ein anderer geworden war. Gott hatte das steinerne Herz in ein neues Herz umgewandelt; ein neuer Geist zeigte sich bei Juda (vgl. Hes 36,26). Dies wird sich auch später bei dem jüdischen Überrest zeigen, genauso wie zu allen Zeiten, wenn eine wahre Wiedergeburt stattgefunden hat.

„Ich will Bürge für ihn sein, von meiner Hand sollst du ihn fordern.“ Welche wunderbaren Worte! Es war etwas Neues; das Alte war vergangen. „Wer den Bruder nicht liebt, bleibt in dem Tod“ (1. Joh 3,14). Das war eine andere Sprache, als die Rubens. Juda wollte Bürge sein; er machte sich völlig eins mit Benjamin, wie auch mit dem Vater. „Wenn ich ihn nicht zu dir bringe und ihn vor dein Angesicht stelle, so will ich alle Tage gegen dich gesündigt haben“ (V. 9). Solche Worte waren bisher im Haus Jakobs nicht geredet worden. Das war himmlische Musik für die Ohren und das Herz des tief gebeugten Vaters. Er fühlte jetzt eine innere Verbindung mit Juda. Diese war von Gott; Balsam für die zerschlagene Seele Jakobs. Ein Licht der Hoffnung ging auf, und der alte Gotteskämpfer „Israel“ – nicht Jakob – sprach: „Wenn es denn so ist, so tut dieses: Nehmt vom Besten des Landes in eure Gefäße und bringt dem Mann ein Geschenk hinab: ein wenig Balsam und ein wenig Traubenhonig, Tragant und Ladanum, Pistazien und Mandeln.“ Das waren sechs Früchte oder Erzeugnisse des Landes Kanaan, er fühlte sich angezogen durch die seinem Haus vonseiten Josephs erwiesene Gnade. Jakob gab mit dieser Gabe seiner Ehrerbietung und Huldigung dem Mann gegenüber Ausdruck, von dem seine Söhne ihm erzählt hatten. Es war ja wenig, was er ihm anbieten konnte, doch seine Seele war ganz erfüllt von diesem Mann. Aber welchen Wert diese geringen Gaben für das Herz Josephs haben würden, das konnte Jakob zu dieser Stunde noch nicht ahnen. Es waren Früchte aus Kanaan, gesandt von Josephs Vater.

So wird allezeit das Herz des Herrn Jesus und das Herz Gottes des Vaters erfreut, wenn sich Früchte des neuen Lebens, als „Frucht des Geistes“ zeigen, wie gering und klein diese auch in unseren oder den Augen anderer sein mögen (Mt 25,40; 1. Thes 3,12; 1. Kor 13,13).

Wie wird später Gottes Herz erfreut sein, wenn sich bei seinem irdischen Volk die ersten kleinen Früchte der Buße und Sinnesänderung zeigen werden, wie wir es hier bei Juda sehen! Neues Leben wird sich zeigen. „Die Blumen erscheinen im Land ... Der Feigenbaum rötet seine Feigen, und die Weinstöcke sind in der Blüte“ (Hld 2,12.13).

Feigenbaum und Weinstock sind die bekannten Symbole für das Volk Israel. Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit kennzeichnete nun das ganze Haus Jakob. Das, worauf sie nicht Anspruch zu haben glaubten, sollte zurückgegeben werden, „vielleicht ist es ein Irrtum“. Wie zart, wie rührend ist jetzt die Sprache Israels (V. 12). Benjamin wurde für die Reise freigegeben; Jakob hatte sich selbst aufgegeben. Er beugte sich unter Gottes Willen und Zulassung. „Und Gott, der Allmächtige, gebe euch Barmherzigkeit vor dem Mann, dass er euch euren anderen Bruder und Benjamin freilasse.“

Im Jakobusbrief lesen wir: „Die Barmherzigkeit rühmt sich gegen das Gericht“ (Jak 2,13) und im Propheten Jesaja: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum, und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist“ (Jes 57,15). Aber dass Jakob von Gott, dem Allmächtigen, sprach, hatte für ihn eine besondere Bedeutung, im Gegensatz zu seinen Söhnen, da er ein gutes Gewissen hatte und mit Barmherzigkeit rechnen konnte, sie aber nicht. Sie hatten an Joseph keine Barmherzigkeit geübt. „Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat“ (Jak 2,13), aber „glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteilwerden“ (Mt 5,7).

Hinzu kam noch, dass sie eine große Verantwortlichkeit hinsichtlich Benjamins übernahmen. Sie konnten nur noch auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit rechnen, ein Hoffnungsstrahl in einer trostlosen, finsteren Nacht. Vielleicht gab es für sie auch noch Barmherzigkeit vor dem Mann, den sie so sehr fürchteten. Hatte er sich doch, trotz des ernsten Verhörs, teilnehmend erkundigt nach ihrer Verwandtschaft und gefragt: „Lebt euer Vater noch?“ (1. Mo 43,7). Das war eigentlich nicht die Art der Pharaonen und ägyptischen Machthaber.

So zogen sie nach Ägypten und traten vor Joseph. Diesmal allein, nicht wie beim ersten Mal mit den Ankommenden. Auch wussten sie, dass vor Zaphnat-Pahneach, der sie erwartete, eine Aussprache notwendig war. Wie würde alles werden? Es war nur gut, dass sie Benjamin bei sich hatten, das war die Bedingung. Auch hatten sie doppeltes Geld mitgebracht; alles dieses würde wohl zu ihren Gunsten sprechen, und der Verdacht, dass sie Kundschafter seien, dürfte wohl kaum mehr aufkommen.

Als nun Joseph Benjamin sah, erfolgte weder die gefürchtete Ansprache, noch irgendwelche Verhöre, wie bei ihrem ersten Besuch, sondern „er sprach zu dem, der über sein Haus war: Führe die Männer ins Haus und schlachte Schlachtvieh und richte zu; denn die Männer sollen mit mir zu Mittag essen“ (V. 16). Das war Gnade, unumschränkte Gnade. Die Brüder Josephs standen auf einem ganz neuen Boden, denn es zeigte sich Aufrichtigkeit bei ihnen. Es war in der Tat Barmherzigkeit, die so handelte. Wohl fehlte noch vieles, und sie mussten noch weitergeführt werden; es galt, in der Gnade zu wachsen. Ja, Gott ist gnädig, barmherzig, langsam zum Zorn, und groß an Güte. „Kommt her, frühstückt!“ sagte der Herr Jesus zu seinen Jüngern in Johannes 21, und danach stellte Er Petrus wieder ganz her.

Doch die Söhne Jakobs fürchteten sich und sprachen unter sich: „Wegen des Geldes, das im Anfang wieder in unsere Säcke gekommen ist, werden wir hineingeführt, dass man über uns herstürze und über uns herfalle und uns zu Knechten nehme“ (V. 18).

Genauso hatten sie es in Kapitel 34 gemacht, erst Hinterlistigkeit und dann Gewalttat. Wie waren sie in Dothan über Joseph hergefallen! Darum standen sie nun mit Furcht und Zittern am Eingang des Hauses. „Mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden“ (Mt 7,2). Im Blick auf ihre Sünden und Gewalttaten hatten sie auch nichts anderes zu erwarten, und das ganz besonders wegen Joseph. Sie urteilten richtig: „Siehe, sein Blut wird auch gefordert“ (1. Mo 42,22).

In ihrer Not und Angst wandten sie sich an den Mann, der über das Haus war: „Bitte, mein Herr!“, und gaben Aufschluss über das Geld, das sie – allerdings ohne Grund – beunruhigte. Im Blick auf den späteren Überrest lesen wir ähnliches: „ Herr, in der Bedrängnis haben sie dich gesucht ... flehten sie mit flüsterndem Gebet“ (Jes 26,16).

Neues Geld war in ihrer Hand; doch sie hatten noch nicht verstanden, dass sie auch jetzt kein Getreide kaufen konnten, denn alles, alles sollte Gnade sein und nichts aus Werken oder Verdienst. Worte der Gnade waren aus dem Mund Josephs hervorgegangen und Barmherzigkeit sollte ihnen zugewandt werden. Damit hatte ihr Vater Jakob auch gerechnet.

In der Hand des zurückgekehrten Sohnes in Lukas 15,19 war sozusagen auch anderes Geld, als er sagte: „ ...mache mich wie einen deiner Tagelöhner“. Doch durch Gnade wird der Sünder gerettet, nicht aus Werken, damit sich vor Gott kein Fleisch rühme. Der Mann, der über das Haus war, ein Bild des Heiligen Geistes, sagte zu ihnen: „Friede euch! Fürchtet euch nicht!“ Kostbare Worte!

Dann werden ihre Herzen und Blicke auf ihren Gott und den Gott ihres Vaters gelenkt. „Euer Gott und der Gott eures Vaters hat euch einen Schatz in eure Säcke gegeben; euer Geld ist mir zugekommen“, erklärte der Mann. Alles war rechtmäßig bezahlt, durch einen anderen. Das waren wieder Worte der Gnade, Huld und Liebe, köstlicher und wertvoller als ihr mitgebrachtes Geld. Ruhe war in die mit Frucht erfüllten Herzen eingekehrt. Die dunklen Wolken wichen, um dem Morgen eines neuen Tages Platz zu machen. So wird der Heilige Geist den Überrest am Ende der Tage zubereiten und ihre Blicke auf ihren Messias und Heiland richten, der für die Schuld anderer eingetreten ist (Jes 53,5.6). „Euer Geld ist mir zugekommen.“ „Erlöse ihn, dass er nicht in die Grube hinabfahre, ich habe eine Sühnung gefunden!“ (Hiob 33,24). So redet der heilige und gerechte Gott im Blick auf Christus und das Erlösungswerk am Kreuz von Golgatha. Dahin lenkt der Heilige Geist den Blick des bußfertigen Sünders.

Simeon wurde aus dem Gefängnis herausgeführt. So wird auch Gott später die Gefangenschaft Judas und die Gefangenschaft Israels wenden (Jer 33,7). Wie hier der Mann den Söhnen Jakobs Wasser gab, um ihre Füße zu waschen (V. 24), so wird der Heilige Geist sich durch Gottes Wort, wovon das Wasser ein Bild ist, mit dem Volk Israel beschäftigen, um es von seiner Ungerechtigkeit und Unreinheit zu reinigen (Jer 33,8; Hes 36,25.26; Ps 51,4).

Auch die Esel wurden mit Futter versorgt, denn „der Gerechte erbarmt sich seines Viehs“, und in Psalm 147,9 lesen wir, dass Gott „dem Vieh sein Futter gibt“. Die Söhne Jakobs hatten gewiss in ihrer früheren Hartherzigkeit auch darin oft gefehlt.

Alle diese Vorgänge gaben den Söhnen Jakobs die Gewissheit, dass man sie nicht zu Knechten machen wollte; denn Sklaven gab man kein Wasser für die Füße und diese wurden auch nicht in das Haus Zaphnat-Pahneachs geführt, um mit ihm zu Mittag zu essen – sie gehörten damit zur Familie des Herrschers von ganz Ägypten.

„Und sie bereiteten das Geschenk zu, bis Joseph am Mittag kam; denn sie hatten gehört, dass sie dort essen sollten“ (V. 25). Auch Gott wird später, wenn die Drangsal am Ende der Tage am größten sein wird, eine Erquickung und einen Ruheort für den Überrest bereiten (Hld 1,7; Ps 46,5.6; Ps 65,5). Die Söhne Jakobs hatten ihr Geld mitgebracht, und auch von den duftenden Erzeugnissen des Landes Kanaan, wertvoll und kostbar für Joseph.

Nun lesen wir zum zweiten Mal, dass sie sich zur Erde niederbeugten. Joseph fragte nach ihrem Wohlergehen und sprach: „Geht es eurem alten Vater gut, von dem ihr gesprochen habt? Lebt er noch?“ (V. 27). Welche Worte der Gnade, Liebe und des Erbarmens. Auch Sacharja berichtet, dass Gott „gütige, tröstliche Worte“ zu dem Überrest redet; genauso wie Hesekiel: „ ...ich will nach meinen Schafen fragen und mich ihrer annehmen. Wie ein Hirte sich seiner Herde annimmt an dem Tag, da er unter seinen versprengten Schafen ist, so werde ich mich meiner Schafe annehmen und werde sie erretten...“

Ihre Antwort lautete: „Es geht deinem Knecht, unserem Vater, gut; er lebt noch. Und sie verneigten sich und beugten sich nieder“ (V. 28). Aber jetzt war es mehr ein Niederbeugen im Blick auf die Herrlichkeit der Gnade und Liebe, die sie, besonders nach dem vorangegangenen Gespräch, anzog und überwältigte. Die Herrlichkeit der Gnade und Liebe Gottes, offenbart in Christus Jesus, zieht den Sünder hin zu Ihm, dem Mittler, „den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel durch den Glauben an sein Blut“ (Röm 3,25). Wie schön ist es, in dem Vorbild von Joseph so viele wunderbare Züge und Herrlichkeiten zu finden, die unsere Blicke auf unseren Herrn und Heiland hinlenken.

Joseph war durch seine Fragen bemüht, seine Brüder auf sein Interesse an ihnen aufmerksam zu machen, so wie auch damals ihr Vater Jakob und ihr Bruder Joseph um ihr Wohlergehen besorgt gewesen waren (1. Mo 37,14). Sie hatten die Liebe beider verachtet und mit Füßen getreten. Obwohl sie Joseph, ihren Bruder, so schändlich behandelt hatten, war Joseph doch derselbe geblieben; er fragte wieder nach ihrem Wohlergehen.

Dann erblickte Joseph Benjamin, den Sohn seiner Mutter, und sprach: „Ist das euer jüngster Bruder, von dem ihr zu mir gesprochen habt?“ Und er sprach: „Gott sei dir gnädig, mein Sohn!“ – Doch den Erstgeborenen in Bethlehem verwarf Israel. Aber Er wird wiederkommen und ein treuer Überrest wird Ihm huldigen!

Welche Worte der Gnade und der Liebe! „Und Joseph eilte, (denn sein Innerstes wurde erregt wegen seines Bruders) und suchte einen Ort, um zu weinen; und er ging in das innere Gemach und weinte dort. So lesen wir auch in Hosea 11,8: „Mein Herz hat sich in mir umgewendet, erregt sind alle meine Erbarmungen.“ So wird später Christus, der Messias, im inneren Gemach im Himmel voll Erbarmen, Liebe und Mitgefühl für sein irdisches Volk tätig sein, und die himmlischen Heiligen werden daran teilnehmen (Off 5,8; 8,3.4).

„Und er wusch sein Gesicht und kam heraus und bezwang sich und sprach: Tragt Speise auf.“ Obwohl sein Herz sich danach sehnte, sich den Brüdern zu erkennen zu geben, war doch dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen. Im Neuen Testament lesen wir von „dem Ausharren des Christus“, dem „Ausharren in Jesus“ und von dem „Wort seines Ausharrens“. Das alles weist uns auf die lebendige Erwartung des Herrn hin, seine Brautgemeinde heimzuholen, sowie das messianische Friedensreich aufzurichten.

Es folgte das Gastmahl; doch saßen die Brüder Josephs getrennt von den Ägyptern. So wird auch später das Volk Israel getrennt von den Nationen, abgesondert von den Völkern, gesehen werden (Off 7,1–8). Joseph nahm einen besonderen Platz ein. „Sie saßen vor ihm, der Erstgeborene nach seiner Erstgeburt, und der Jüngste nach seiner Jugend; und die Männer sahen einander staunend an.“ Auf dem Brustschild des Hohenpriesters waren später zwölf Edelsteine nach den zwölf Namen der Söhne Israels, nach ihrer Geburtsfolge, angeordnet (2. Mo 28,10) und nicht danach, wie würdig sie waren. So saßen auch hier die Brüder Josephs vor ihm. Dies alles erinnert an die Gnade! Jeder eigene Ruhm ist ausgeschaltet. „Die Männer sahen einander staunend an.“ „Forscht nach im Buch des Herrn und lest! Es fehlt nicht eins von diesen, keins vermisst das andere. Denn mein Mund hat geredet, er hat es geboten; und sein Geist, er hat sie zusammengebracht; und er hat ihnen das Los geworfen, und seine Hand hat es ihnen zugeteilt mit der Mess-Schnur.“ So schildert der Prophet Jesaja die Herrlichkeit des Reiches (Jes 34,16.17). So war es auch hier beim Gastmahl Josephs. Welche wunderbare Übereinstimmung im Wort Gottes!

„Und man trug Ehrengerichte von ihm zu ihnen.“ Womit hatten sie das verdient? „Das Ehrengericht Benjamins war fünfmal größer als die Ehrengerichte von ihnen allen“ (V. 34). Dennoch war kein Neid gegenüber Benjamin da – der Becher aller floss über. So wird es auch im Blick auf jeden einzelnen Gläubigen Unterschiede bezüglich der Ehre und der Belohnung geben, wenn Christus erscheinen wird (Dan 12,3; Lk 19,15–26). Joseph war mitten unter seinen Brüdern. Welcher Anblick! „Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“ (Ps 133,1). Wie schön sagt es der Prophet Zephanja: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein rettender Held. Er freut sich über dich mit Wonne; er schweigt in seiner Liebe, frohlockt über dich mit Jubel“ (Zeph 3,17). Das Wort in Psalm 22,22: „Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern: inmitten der Versammlung (Gemeinde) will ich dich loben“, wird dann voll und ganz erfüllt sein.

Am Schluss von 1. Mose 43 haben wir eine Schilderung von Freude und Segen, wie sie auch dem späteren Überrest im Reich zuteilwerden wird, und im Blick auf alles das, was ihn dort erwarten wird, wird er ausharren. In 1. Petrus 1 lesen wir im Hinblick auf unsere Prüfungen, welche Bedeutung das Ausharren hat. Gott wird alles herrlich hinausführen.

Wie Benjamin einen besonderen Platz im Herzen Josephs hatte, so sehen wir dasselbe auch beim Herrn Jesus, als Er auf der Erde lebte. Johannes war der Jünger, den Jesus liebte, wie schon früher Abraham, Mose, Daniel usw. in besonderer Weise die Gunst des Herrn genossen.

Joseph weinte. Auch den Herrn Jesus sehen wir bei verschiedenen Gelegenheiten weinen (Lk 19,42; Joh 11,35; Heb 5,7).

Wie alle Brüder Josephs Ehrengerichte empfingen und das angesichts der stolzen Ägypter, denen die Hebräer ein Gräuel waren, so wird das heute noch verachtete und geschmähte Volk der Juden später erhoben und geehrt sein (Jes 49,22.23; Sach 8,13–23). Alles wird nach Gottes Gedanken in wunderbarer Harmonie sein, und Jesus Christus wird der Mittelpunkt aller Segnungen sein! Friede, Freude und Segen werden den Erdkreis erfüllen.

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