Joseph, der Patriarch

Neue Prüfung

Joseph, der Patriarch

1. Mose 42,27–38

„Und einer öffnete seinen Sack, um seinem Esel in der Herberge Futter zu geben; und er sah sein Geld, und siehe, es war oben in seinem Sack. Und er sprach zu seinen Brüdern: Mein Geld ist mir zurückgegeben worden, und siehe, es ist sogar in meinem Sack. Da entfiel ihnen das Herz, und sie sahen einander erschrocken an und sprachen: Was hat Gott uns da getan!

Und sie kamen in das Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob und berichteten ihm alles, was ihnen widerfahren war, und sprachen: Der Mann, der Herr des Landes, redete hart mit uns und behandelte uns wie Kundschafter des Landes. Und wir sprachen zu ihm: Wir sind redlich, wir sind keine Kundschafter; zwölf Brüder sind wir, Söhne unseres Vaters; der eine ist nicht mehr, und der jüngste ist heute bei unserem Vater im Land Kanaan. Und der Mann, der Herr des Landes, sprach zu uns: Daran werde ich erkennen, dass ihr redlich seid: Einen eurer Brüder lasst bei mir, und nehmt den Bedarf eurer Häuser und zieht hin; und bringt ihr euren jüngsten Bruder zu mir, so werde ich erkennen, dass ihr keine Kundschafter, sondern redlich seid; euren Bruder werde ich euch zurückgeben, und ihr dürft im Land verkehren. Und es geschah, als sie ihre Säcke leerten, siehe, da hatte jeder sein Geldbündel in seinem Sack; und sie sahen ihre Geldbündel, sie und ihr Vater, und sie fürchteten sich.

Und ihr Vater Jakob sprach zu ihnen: Ihr habt mich der Kinder beraubt: Joseph ist nicht mehr, und Simeon ist nicht mehr; und Benjamin wollt ihr nehmen! Dies alles kommt über mich! Und Ruben sprach zu seinem Vater und sagte: Meine beiden Söhne darfst du töten, wenn ich ihn nicht zu dir zurückbringe. Gib ihn in meine Hand, und ich werde ihn zu dir zurückbringen. Er aber sprach: Mein Sohn soll nicht mit euch hinabziehen; denn sein Bruder ist tot, und er allein ist übrig geblieben, und begegnete ihm ein Unfall auf dem Weg, auf dem ihr zieht, so würdet ihr mein graues Haar mit Kummer hinabbringen in den Scheol“ (42,27–38).

In der Herberge kam eine neue Bestürzung über die Söhne Jakobs. Sie öffneten ihre Säcke, um ihren Eseln Futter zu geben, und siehe, ihr Geld war oben in den Säcken! „Da entfiel ihnen das Herz“ ... „Was hat Gott uns da getan?“ (Vers 28). Zum ersten Mal sprachen sie den Namen Gottes aus. Ihr Gewissen war erwacht. Es trat in Tätigkeit und klagte sie an. Sie verstanden, dass sie es mit Gott zu tun hatten. Wie würde das alles enden? Ihre Herzen waren verzweifelt.

Zu Hause angekommen, berichteten sie ihrem Vater Jakob alles – doch von ihrem Gespräch im Gefängnis (1. Mo 42,21) erwähnten sie nichts. Es erging ihnen wie später dem Psalmisten: „Als ich schwieg, verzehrten sich meine Gebeine durch mein Gestöhn den ganzen Tag. Denn Tag und Nacht lastete auf mir deine Hand; verwandelt wurde mein Saft in Sommerdürre“ (Ps 32,3.4).

Sie waren wieder die alten, unaufrichtigen Söhne Jakobs. Sie belogen ihren Vater: „Der eine ist nicht mehr“, sagten sie auch hier, statt offen und ehrlich ihre Sünde und Schuld zu bekennen; ihre heuchlerischen Tröstungen zu verurteilen und die Sache mit dem Ärmelkleid freimütig zu bekennen. Sie wiederholten: „Wir sind redlich, wir sind keine Kundschafter“. Ja, der Mann hatte hart mit ihnen geredet und sie zu Unrecht beschuldigt, erklärten sie ihrem Vater.

Ihr Vater Jakob nahm diese Beteuerungen wahrscheinlich nicht ernst, denn er erwiderte kein Wort zu ihrer Rechtfertigung und Entlastung. Er schwieg. Selbst im Blick auf Simeon, der gefangen in Ägypten zurückgehalten wurde, lesen wir kein Wort des Tadels oder der Verurteilung hinsichtlich des Handelns des Gewaltigen in Ägypten. Dass sie das Geld in den Säcken wiedergefunden hatten, verschwiegen sie ebenfalls, obwohl sie sich deshalb fürchteten. Doch Jakob hatte ein gutes Gewissen; seine Seele hatte nach wie vor keine Verbindung und Gemeinschaft mit seinen Söhnen. Ja, er redete hart mit ihnen: „Ihr habt mich der Kinder beraubt: Joseph ist nicht mehr und Simeon ist nicht mehr; und Benjamin wollt ihr nehmen! Dies alles kommt über mich!“ (1. Mo 42,36).

Zum ersten Mal wird seit vielen Jahren im Haus Jakobs der Name Joseph genannt. Die Wunde über Joseph war nicht verheilt, sie blutete noch, ja Jakob hatte Joseph mit Recht lieber gehabt als alle seine Söhne. Welche berechtigte Anklage Jakobs! Wie werden die Söhne gezittert haben unter den mächtigen Hammerschlägen des Wortes Gottes, geredet durch Jakob! Doch zu einem offenen Bekenntnis kamen sie nicht.

Solche Seelenübungen findet man bei Gläubigen, die Sünde in ihrem Leben haben, aber deren belastetes Gewissen in Tätigkeit kommt, immer wieder. Wir sehen, wie Satan die Herzen der Menschen erst verführt und dann einzuschüchtern sucht. Er will sie in der Sünde festbinden, in Ungerechtigkeit und in der Welt. Wie langmütig ist Gott! Der gute Hirte ermüdet nicht, dem Verirrten nachzugehen, bis Er es findet.

Viermal muss Gott zu Israel in Amos 4 sagen: „Ihr seid nicht bis zu mir umgekehrt!“ Ebenso fordert der Heilige Geist in den Sendschreiben an die Versammlungen die Gläubigen auf, Buße zu tun (Off 2 und 3).

Jakob beugte sich in Demut unter Gottes allmächtige Hand. „Dies alles kommt über mich!“ Welche wunderbare Szene, die eine Auswirkung auf seine Söhne hätte haben müssen, die in ihrer Schuld vor ihrem Vater standen! Aber leider vergeblich, obwohl der Heilige Geist ihnen die Worte sozusagen in den Mund legt (Hos 14,2.3).

Das Angebot Rubens war fleischlich und befriedigte Jakob nicht. Ruben erkannte später, dass Jakob ihm unmöglich Benjamin anvertrauen konnte. Für Ruben wäre es besser gewesen, er hätte seine im Gefängnis geredeten Worte hier wiederholt (1. Joh 1,8.9). Vor Gott ist ein „zerbrochener Geist“ und ein „zerschlagenes Herz“ angenehmer als alle Opfer (Ps 51,18.19; 1. Kor 13,3). „Mein Sohn soll nicht mit euch hinabziehen; denn sein Bruder ist tot; und er allein ist übrig geblieben, und begegnete ihm ein Unfall auf dem Weg, auf dem ihr zieht, so würdet ihr mein graues Haar mit Kummer hinabbringen in den Scheol“ (1. Mo 42,38).

Welche Anklage! Welches berechtigte Misstrauen! Wie ist hier Jakob der Mund Gottes! Er zeigte ihnen ihren breiten Weg, der zur Verdammnis führte, „auf dem Weg, auf dem ihr zieht“. Welcher scharfe Trennungsstrich zwischen Jakob und seinen Söhnen. Jakob redete nur noch von Benjamin, als allein übrig geblieben. Jakob erkannte die Übrigen nicht an, „...denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Weg der Gottlosen wird vergehen“ (Ps 1,6).

Diese ernste Familienszene im Haus Jakobs ist für uns alle, besonders aber für gläubige Eltern, eine ernste Belehrung. Wo Sünde sich zeigt, sei es in der Familie oder unter den Gläubigen, da gilt es, immer auf Gottes Seite zu stehen, wenn es auch, wie bei Jakob, damit verbunden war, dass er sich vor Gott beugte und demütigte. Dem Demütigen schenkt Gott Gnade. Wie viele Kinder haben ihren Eltern ein frühes Grab bereitet und ihnen Kummer gemacht. Wie ernst für alle Kinder, wenn durch ihr Verhalten der Segen Gottes zurückgehalten wird. Gott segnete Jakob und belohnte ihn.

Eine Antwort von Seiten der Söhne Jakobs erfolgte nicht. Selbst Ruben verstummte. Alles blieb wie es war. Nur Jakob stand auf der Seite Gottes. Er trauerte um Simeon, wie verfehlt auch sein Leben gewesen sein mochte; auch band Gott sich nicht an das vermessene Angebot Rubens. „Keineswegs vermag jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben“ (Ps 49,8).

Wie mag Jakob zu Gott gerufen haben, da die Dunkelheit und auch die Macht des Feindes zuzunehmen schienen. Er stand ganz allein. Gott griff nicht ein und zeigte sich nicht. Dennoch war Gott nicht gegen ihn; Er hatte für Jakob inniges Mitgefühl, wie Er es auch uns gegenüber hat. Er sah das Ende von allem und hielt den alten Pilger und Patriarchen aufrecht. Gott wollte auch im Blick auf seine Söhne noch alles gut machen, und sein Mund sollte noch voll Lachen und seine Zunge voll Jubel sein. Er wollte ihm ein „Elim“ bereiten. „Harre auf Gott, denn ich werde Ihn noch preisen, der die Rettung meines Angesichts und mein Gott ist“ (Ps 43,5).

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