Der erste Brief an die Korinther

Kapitel 11

Der erste Brief an die Korinther

Mit dem ersten Vers dieses Kapitels, worin der Apostel, wie wir gesehen haben, die Korinther ermuntert, seine Nachahmer zu sein, schließt er seine Anordnungen in Bezug auf die verschiedenen an ihn gerichteten Fragen und beginnt mit dem zweiten Vers vor allem über ihr Verhalten in den Versammlungen zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit stellt er, besonders in den folgenden Kapiteln, die Lehre von der Gegenwart und der Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Gemeinde sehr klar ans Licht, die Lehre, die zu allen Zeiten von höchster Wichtigkeit ist.

Zunächst lobt der Apostel die Korinther, dass sie in allen Dingen an ihn dachten und an den von ihm empfangenen Überlieferungen festhielten (Vers 2). Dann gibt er Vorschriften über das Verhalten der Frauen beim Beten, dass sie nämlich nicht beten sollten, ohne ihr Haupt bedeckt zu haben. Er entscheidet diese Frage einfach durch das, was anständig war und sich gehörte, indem er zugleich die erhabensten Grundsätze des Christentums zur Grundlage seiner Beweisführung stellt. Er zeigt die Beziehung und deren Ordnung, die zwischen dem Mann, als dem Träger der Herrlichkeit Gottes und Gott selbst besteht und bringt auf diese Weise den Menschen und sein Verhalten mit Gott selbst in Verbindung. „Ich will aber, dass ihr wisst, dass der Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, das Haupt der Frau aber der Mann, das Haupt des Christus aber Gott“ (Vers 3). Dies ist die Ordnung der Macht, die bis zu Gott selbst, der der Höchste ist, hinaufsteigt; und seine Ehre ist der einzig wahre Beweggrund, der uns in jedem Verhältnis leiten soll. Betete nun der Mann mit bedecktem Haupt vor anderen, so entehrte er sein Haupt, nämlich Christus, und betete die Frau unbedeckt, so entehrte sie ihr Haupt, den Mann (Verse 4.5). Es wurde aber nicht nur die gegenseitige Beziehung verletzt, sondern es war auch zugleich ungeziemend. „Denn wenn eine Frau nicht bedeckt ist, so lasse sie sich auch das Haar abschneiden, wenn es aber für eine Frau schändlich ist, dass ihr das Haar abgeschnitten oder sie geschoren werde, so lass sie sich bedecken“ (Vers 6). Der Mann hatte sein Haupt nicht zu bedecken, weil er eine Autorität darstellte und in dieser Stellung mit der Herrlichkeit Gottes, als Bild desselben, bekleidet war. Keine Macht auf der Erde ist über ihm, und darum darf er auch keine Macht auf seinem Haupt haben. Die Frau aber musste ihr Haupt bedecken zum Beweis ihrer Unterwürfigkeit unter den Mann; ihre Bedeckung war ein Zeichen der Macht, der sie unterworfen war; sie war des Mannes Ehre und Herrlichkeit (Vers 7).

Es ist überaus wichtig, über die Gedanken Gottes bezüglich der Beziehung zwischen Mann und Frau Einsicht zu haben. Bei der Schöpfung sehen wir ganz deutlich, dass der Mann sowohl das Haupt der Frau, als auch das der Schöpfung ist. Die Frau steht unter ihm und nimmt sozusagen den zweiten Rang unter den vernünftigen Geschöpfen ein. „Denn der Mann ist nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann; denn der Mann wurde auch nicht um der Frau willen geschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen“ (Verse 8.9). Gott selbst hat den Mann zum Herrn der Schöpfung gemacht; und wie tief auch der Mensch gefallen sein mag, so bleiben doch die Gedanken Gottes bezüglich der Ordnung in der Schöpfung immer dieselben. Auch Jakobus bezeugt, dass die Menschen „nach dem Gleichnis Gottes geworden sind“ (Jak 3,9); und obgleich er bezüglich seines Zustandes nötig hat, von neuem geboren zu werden, um das Bild Gottes zu sein, so bleibt er doch bezüglich seiner Stellung in der Welt, als Haupt und Mittelpunkt aller Dinge, eine Stellung, die ein Engel nie besaß – das Bild Gottes. Die Frau ist die Teilnehmerin seiner Herrlichkeit; doch ist sie ihm unterworfen. Wenn nun auch dieses Bild in seiner vollkommenen Schönheit hinsichtlich des Mannes in Christus, und hinsichtlich der Frau in der Kirche oder Versammlung gesehen wird, so bleibt es doch immer wahr in sich selbst und behält als göttliche Ordnung seine Rechte. Und aus diesem Grund sollte auch schon „um der Engel willen“ die Frau eine Macht auf dem Haupt haben (Vers 10), um vor ihnen, den Zuschauern der mannigfaltigen Weisheit Gottes, die Ordnung jener Beziehung nach den Gedanken Gottes zu zeigen, damit auch hierin die wunderbare Wirkung der vollbrachten Erlösung von ihnen gesehen und bewundert werden kann. Um nun aber den Mann vor Überhebung und die Frau vor Mutlosigkeit zu bewahren, fügt der Apostel die Worte hinzu: „Dennoch ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau im Herrn. Denn so wie die Frau vom Mann ist, so ist auch der Mann durch die Frau; alles aber von Gott“ (Verse 11.12). Beide sind eins in Christus; kein Teil kann ohne den anderen sein; beide brauchen einander nach Gottes eigener Anordnung; beide kommen von Ihm her und sollen sich, ungeachtet jener Unterwürfigkeit der Frau, als Gottes unmittelbare Geschöpfe betrachten, die in Christus völlig eins sind. Hier handelte es sich einfach um die Frage des Anstandes bezüglich der Frau, wenn sie vor den Augen anderer betete. „Urteilt bei euch selbst: Ist es anständig, dass eine Frau unbedeckt zu Gott betet?“ (Vers 13). Zugleich beruft sich der Apostel auf die Ordnung der Natur. Das lange Haar war eine Schande für den Mann, wogegen es für die Frau eine Ehre und ein Schmuck war. Ihr langes Haar gab aber schon ganz deutlich zu verstehen, dass sie eine Macht auf ihrem Haupt haben sollte, und es ihr nicht gestattet war, sich mit der Freimütigkeit ihres Mannes vor allen darzustellen. Ihr Haar, als ein Schleier gegeben, gab diese Bescheidenheit und Unterwürfigkeit zu erkennen und zeigte, dass hierin ihre besondere Ehre und ihre wahre Stellung auf der Erde bestand (Vers 15).

Der Apostel hat nun nach allen Seiten hin diese Sache beleuchtet und ihr nach den Gedanken Gottes den ihr gebührenden Platz gegeben. Gleichzeitig aber haben wir darin einen neuen Beweis von der Milde und Langmut Gottes, womit Er selbst in den kleinsten Dingen bemüht ist, den schwachen Gläubigen auf dieser Erde zu leiten und zu unterweisen; und darum ist es umso betrübender, wenn diese Bemühungen Gottes übersehen und seine liebevollen und langmütigen Unterweisungen nicht beachtet werden und wir im Gegenteil nach unserem eigenen Gutdünken handeln oder gar die Gedanken Gottes beurteilen und Einwände dagegen haben. Der Apostel kannte sehr wohl diese traurige Neigung des menschlichen Herzens und suchte ihr schon im Voraus mit den Worten zu begegnen: „Wenn es aber jemand für gut hält, streitsüchtig zu sein, so haben wir solch eine Gewohnheit nicht, noch die Versammlungen Gottes“ (Vers 16).

Der Apostel spricht nun von der Art und Weise ihres Zusammenkommens; und wenn er sie auch wegen ihres Gehorsams hinsichtlich der empfangenen Überlieferungen (Vers 2) loben konnte, so konnte er es doch in dieser Beziehung nicht, weil sie „nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren“, zum Niedergang zusammenkamen (Vers 17). Es offenbarte sich in ihren Zusammenkünften ein Geist des Zwiespalts, der das Band der Einheit völlig zu zerreißen drohte, und der, falls man ihm nicht entgegenwirkte, die Versammlung in offenbare Sekten oder Parteien zertrennen musste. Diese wurden dann zur Heilung des Schadens sogar notwendig, um den Bewährten die Augen zu öffnen und ihnen Gelegenheit zu geben, sich als solche durch Absonderung von denselben zu offenbaren (Vers 19). Für sie wurde sodann der Schaden zum Segen gewandt.

Diese Uneinigkeit oder dieser Parteigeist zeigte sich nun zunächst beim Mahl des Herrn, bei der Gedächtnisfeier des Todes des Herrn, und zwar auf eine so traurige Weise, dass der Apostel zu ihnen sagen musste: „Wenn ihr nun an einem Ort zusammenkommt, so ist das nicht des Herrn Mahl essen. Denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist trunken“ (Verse 20.21). Gerade das Mahl des Herrn, das in einer besonderen Weise der Einheit des Leibes, d. h. der Versammlung, seinen wahren und wesentlichen Ausdruck verleiht, offenbarte in der Versammlung in Korinth die traurigste Uneinigkeit. Viele dachten nur an sich und nicht an die Versammlung. Durch Selbstsucht geleitet, kamen sie an den Ort ihrer Zusammenkünfte, warteten nicht auf die übrigen, sondern nahmen ihr eigenes Mahl vorweg, aßen und tranken, während die später Kommenden hungrig waren. Welche Unehre für den Herrn und welche Verunstaltung der Feier seines Todes! Hungrige und Trunkene waren versammelt, um das Mahl des Herrn zu halten. Das war in der Tat eine höchst unwürdige Weise, wodurch der wahre Charakter des Zusammenkommens als Versammlung Gottes und der ernste und feierliche Zweck desselben gänzlich verloren ging. Selbstsucht und Streit erfüllten die Herzen derer, die zusammengekommen waren, um den Tod dessen zu feiern, der die Liebe ist, der sich selbst zu nichts gemacht und sich für alle dahingegeben hatte. Der Tod, den zu verkündigen sie gekommen und dessen Gedenkzeichen vor ihnen ausgebreitet waren, war gerade der höchste Beweis dieser Liebe und Hingebung. Wie unwürdig war es nun, hier an sich selbst zu denken, Parteizwecke zu verfolgen, ein geichgültiges Herz für andere oder gar für die Versammlung Gottes zu haben, wofür Christus sein kostbares Blut vergossen hatte, ohne Mitgefühl für die Armen zu sein, ja, wie unwürdig, hier mit seinen leiblichen Bedürfnissen beschäftigt zu sein, oder sogar die Begierden seines Fleisches zu befriedigen! Das war in der Tat nicht mehr „das Mahl des Herrn essen“. Sie machten seinen Tisch zu dem gewöhnlichen Tisch eines Menschen und entweihten ihn. Sie kamen nicht mehr, um ihre geistlichen, sondern um ihre leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen; und deshalb fragt der Apostel: „Habt ihr denn nicht Häuser, um zu essen und zu trinken? Oder verachtet ihr die Versammlung Gottes und beschämt die, die nichts haben? 1)“ (Vers 22). Dadurch, dass jeder sein eigenes Mahl, das er sich vielleicht mitgebracht hatte, vorweg nahm, wurde die Versammlung Gottes als solche nicht mehr gewürdigt, sondern im Gegenteil „verachtet“, und der Arme, der nichts hatte, beschämt. In den beiden letzten Versen dieses Kapitels kommt der Apostel noch einmal hierauf zurück, indem er anordnend sagt: „Daher, meine Brüder, wenn ihr zusammenkommt, um zu essen, so wartet aufeinander. Wenn jemand hungrig ist, so esse er daheim, damit ihr nicht zum Gericht zusammenkommt“ (Verse 33,34). Wohl war es lobenswert, wenn sie zum Essen zusammenkamen; aber sie sollten warten, bis die ganze Versammlung anwesend war und das Essen gemeinschaftlich geschehen konnte; und damit nicht etwa jemand durch den Hunger versucht würde, dieser Anordnung entgegen zu handeln, sollte er vorher daheim essen. Ihre bisherige Handlungsweise war durchaus nicht lobenswert (Vers 22).

Der Apostel benutzt dann diese Gelegenheit, um ihnen den wahren Charakter und die Wichtigkeit des Mahles des Herrn ans Herz zu legen und ihnen zu zeigen, welches Interesse dieser Gegenstand, während unseres ganzen Lebens auf der Erde, in den Gedanken Gottes einnimmt. Schon die traurige Wirkung, die auf die Vernachlässigung und Geringschätzung dieser Anordnung folgte, bestätigte sehr bestimmt deren Wichtigkeit und bewies, wie sehr der Herr deren Beachtung wünschte. Der Apostel war im Begriff, von der Macht des Heiligen Geistes, offenbart in seinen Gaben, zu sprechen, sowie von der Notwendigkeit, für die Ordnung und die Erbauung der Versammlung besorgt zu sein; bevor er aber dieses tut, stellt er zuerst das Mahl des Herrn als den erhabensten Gegenstand vor die Versammlung. Durch eine besondere Offenbarung wurde es ihm mitgeteilt und dessen Fortdauer bestätigt (Verse 23–25). Dies lässt uns auf den großen Wert schließen, den der Herr hinsichtlich unseres geistlichen Zustandes auf dasselbe legt. Der Tod des Christus, sein dahingegebener Leib und sein vergossenes Blut, wird als die Grundlage des ganzen Gottesdienstes vor unsere Seele gestellt. Auf dieses wunderbare Erlösungswerk ist die Kirche oder Versammlung gegründet, und alle ihre Segnungen sind davon abhängig. Ihre Errettung, ihre Freude in der christlichen Freiheit, die Gegenwart des Heiligen Geistes, die Ausübung seiner vielfältigen Gaben zu ihrer Erbauung, kurz, alles hat seinen Ausgangspunkt in der Liebe Gottes und dem Opfer Christi. Der Heilige Geist gibt stets Zeugnis davon und ist bemüht, die Wichtigkeit derselben in den Herzen der Heiligen zu bewahren.

Der Herr selbst, ehe Er diese Welt verließ und zum Vater ging, forderte die Seinen auf, durch die Feier seines Mahles seines Todes zu gedenken. Seine eigene Freude, das Sehnen seines eigenen Herzens war es, bei jenem letzten Passahmahl diese Feier mit seinen Jüngern zu begehen, damit sie von ihm selbst diese wunderbaren Worte hören möchten: „Dies ist mein Leib, der für euch ist“, und: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ So wichtig auch jeder andere Zweck unseres Zusammenkommens sein mag, der Feier des Mahles des Herrn gebührt der erste und vornehmste Platz. Keine andere Sache ist so geeignet, wie das Mahl des Herrn, uns unsere ganze Abhängigkeit und Nichtigkeit fühlen zu lassen. Christus und seine Liebe sind hier der alleinige Gegenstand unseres Herzens und unserer Anbetung; hier muss jeder Gedanke an uns selbst völlig ausgeschaltet sein. Bezeugt auch unser Gewissen, dass wir die Reinigung brauchen und von Natur nichts anderes als arme, verwerfliche Sünder sind, so verkündigen uns doch die Zeichen seiner Liebe, die wir hier vor uns haben, vollkommen, dass wir für immer errettet und dass alle unsere Sünden getilgt sind. Deshalb ist es auch ein Fest der Danksagung und der Freude und nicht der Seufzer und der Traurigkeit. Die innersten Gefühle der Liebe und der Anbetung werden dort geweckt. Es war in derselben Nacht, in der Jesus überliefert wurde und wusste, was Ihm alles bevorstand, als Er dieses Gedächtnis seines Todes und seiner Liebe einsetzte. So wie das Passahlamm den Auszug der Kinder Israel, der durch das in Ägypten dargebrachte Opfer bewirkt wurde, in Erinnerung brachte, so sollte auch das Mahl des Herrn, das Opfer des Christus und die dadurch bewirkte Erlösung von unseren Sünden in Erinnerung bringen. Christus ist jetzt in der Herrlichkeit und der Heilige Geist ist herniedergekommen, aber unser Gedächtnis an Ihn soll nicht aufhören; und bei diesem Gedächtnis ist sein dahingegebener Leib und sein vergossenes Blut der hohe und erhabene Gegenstand vor unserer Seele. Wir haben stets das Vorrecht, die Gemeinschaft des verherrlichten Christus zu genießen; aber bei seinem Mahl vergegenwärtigen wir uns durch den Glauben den gekreuzigten und haben teil an seinem dahingegebenen Leib und seinem vergossenen Blut. Es ist nicht Christus, wie Er gegenwärtig ist, denn sein Leib ist jetzt verherrlicht; noch handelt es sich um die Verwirklichung dessen, was Er ist, denn das würde kein Gedächtnis sein; sondern es ist die Erinnerung an das, was Er auf dem Kreuz war. Bei diesem Mahl ist der dahingegebene Leib unseres Heilandes vor unseren Augen, und sein vergossenes Blut nimmt alle unsere Gedanken und Gefühle in Anspruch. Es ist ein überlieferter und getöteter Christus, an den wir denken. Unsere Gedächtnisfeier aber umfasst Ihn selbst, seine eigene Person und nicht nur den Wert seines Opfers. Es ist auch nicht so sehr die Absicht des Geistes Gottes, uns in dieser Stelle die Wirkung seines Todes vorzustellen, sondern vielmehr das, was das Herz, beim Gedenken an seinen Tod, an Ihn selbst kettet. Wir feiern „den Tod des Herrn“. Wie viele köstliche Gedanken knüpfen sich für uns an diese drei Worte „Tod des Herrn“. Wie unermesslich ist die Gnade und Liebe, die sie in sich bergen und wie unergründlich der Wert und die Tragweite ihrer Wirkung! Durch sie wird das Gewissen völlig zum Schweigen gebracht und das Herz mit seliger Ruhe erfüllt. Zu gleicher Zeit aber sehen wir hier auch das Ende der Beziehung Gottes mit der Welt aufgrund der Verantwortlichkeit des Menschen; für sie, die Welt, bleibt nur das Gericht übrig. Dieser Tod hat jedes Band mit der Welt gelöst und die Unmöglichkeit jeder Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, als Kind des ersten Adams, ans Licht gestellt. Wir aber verkündigen diesen Tod (Vers 26), der uns das Leben brachte, der uns aus dem Verderben erlöste und alle unsere Sünden für immer wegnahm; wir feiern ihn als den Triumph über Welt, Sünde, Tod und Teufel, bis der verworfene Herr zurückkommt und uns zu sich in den Himmel aufnimmt, um uns dann in Vollkommenheit an dem gesegneten Band teilnehmen zu lassen, das zwischen Ihm und Gott besteht. Welche frohe Aussicht in einem Augenblick, in dem uns die Fülle der Liebe dessen entgegenströmt, der seinen Leib für uns gegeben und sein kostbares Blut für uns vergossen hat! Wir gedenken seiner Liebe; wir verkündigen seinen Tod; wir bekennen die Einheit des Leibes, die Einheit mit allen denen, die mit uns an dem einen Brot teilnehmen (Kap. 10,17), und erwarten seine Wiederkehr. Und der Herr selbst ist es, der unsere Gedanken auf diese Anordnung richtet, und zwar in einer rührenden Weise, in derselben Nacht, als Er überliefert wurde. Es ist daher ganz natürlich, dass derjenige, der auf eine unwürdige Weise daran teilnimmt, den Leib und das Blut verachtet oder sich daran versündigt (Vers 27). Es handelt sich hier nicht darum, wer am Tisch des Herrn erscheinen darf, ob sich jemand dazu würdig fühlt, sondern einfach um die Art und Weise, in der er daran teilnimmt. Jeder Gläubige hat das Vorrecht dort zu sein, wenn ihn nicht irgendeine bestimmte Sünde davon ausschließt. Wenn sich aber ein Christ nicht selbst richtet, sondern auf eine leichtfertige Weise am Tisch des Herrn teilnimmt, ohne das zu würdigen, was das Mahl des Herrn vor seine Seele hinstellt und was Christus damit verbunden hat und so zwischen dem Tisch des Herrn und einer gewöhnlichen Mahlzeit keinen Unterschied macht, so verachtet und verunehrt er den dahingegebenen Leib und das vergossene Blut des Herrn, und es erfolgt Züchtigung. Deshalb sagt der Apostel: „Jeder aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch. Denn wer unwürdig isst und trinkt, isst und trinkt sich selbst Gericht, indem er den Leib nicht unterscheidet“ (Verse 28.29). Gegen eine solche Sorglosigkeit kann der Herr nicht gleichgültig sein. Er kann nicht zulassen, dass jene Sache, die diesen Tod, den Er für die Sünde litt, darstellt, durch Sünde und Nachlässigkeit entweiht wird. Es würde nichts anderes bedeuten, als den Leib des Herrn selbst entweihen, und Christus, der lieber sterben wollte, als erlauben, dass Sünde vor Gott sei, entehren. Und wie höchst verwerflich und unwürdig wäre es, wenn wir mit seinem Tod, wodurch Er alle unsere Sünden tilgte, gleichgültig Sünde verbinden wollten! Geschieht es aber, dass wir den Leib nicht unterscheiden und an dem Mahl des Herrn, diesem unsichtbaren Mittelpunkt der Gemeinschaft und dem Ausdruck seines Todes für unsere Sünden, auf eine unwürdige und leichtfertige Weise teilnehmen, so wird uns Gott durch Züchtigung begegnen. Er wacht mit heiligem Eifer über das, was zur Heiligkeit bestimmt und wofür das Blut seines Geliebten geflossen ist. Sobald wir aber vergessen haben, uns selbst zu richten, dann tritt Er mit seinen Züchtigungen ein, um uns zu bessern und zu reinigen. Diese Züchtigungen können sogar bis zum Tod gehen. So geschah es in Korinth. „Deshalb sind viele unter euch schwach und krank, und ein gut Teil sind entschlafen“, d. h. gestorben (Vers 30; vgl. 1. Joh 5,16; Jak 5,14.15).

Es ist also notwendig, dass wir uns selbst richten. Dieses Selbstgericht besteht aber nicht nur in dem Bekennen begangener Sünden, sondern zu gleicher Zeit in der Verurteilung des Zustandes des Herzens, woraus das Böse hervorkam. Wir müssen uns selbst richten, unsere Neigungen, unsere Nachlässigkeit, kurz alles, was nicht in Gemeinschaft mit Gott ist oder dieselbe verhindert. Sobald dieses Selbstgericht in Wahrheit stattgefunden hat, sind wir von dem Bösen, wodurch wir uns befleckt hatten, gereinigt, und die Gemeinschaft mit Gott ist wiederhergestellt. Der Herr aber erwartet nicht nur unser Bekenntnis, sondern auch die Unterscheidung des Zustandes unseres Herzens, wodurch wir vor dem Fall, sei es in Gedanken oder in der Tat, bewahrt bleiben und nicht nötig haben, vom Herrn gerichtet zu werden (Vers 31). Zu dieser Unterscheidung sind wir aber nur dann fähig, wenn wir im Licht leben, wie Gott selbst im Licht ist. Sobald wir aber gefallen sind oder gleichgültig in Dingen weiterleben, woran Gott sein Missfallen hat, und uns nicht selbst richten, tut es der Herr. „Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden“ (Vers 32). Welches tröstliche Wort inmitten der Züchtigung! Der Herr ist immer für das Beste der Seinen besorgt, und deshalb kann Er uns nicht in einem unreinen Zustand hingehen lassen; aber wir können nicht „mit der Welt verurteilt werden“, weil Christus für uns gestorben ist und alle unsere Sünden getilgt hat. Sein Tod ist das Fundament, auf das wir für immer gestellt sind; aber wir werden vom Herrn gezüchtigt. Er kann unmöglich das Böse in seinem Haus dulden, weil es sich mit seiner Heiligkeit nicht verträgt. Er reinigt uns durch die Züchtigung und stellt uns wieder her; aber Er wird uns nicht mit der Welt verdammen. In seinem Herzen ist nur Liebe gegen uns und kein Zorn mehr. Alle seine Handlungen gegen uns haben die Liebe zur Quelle, selbst die Züchtigung. Ist ihre Ausübung auch ein Akt der Gerechtigkeit, so bezeugt sie doch aufs deutlichste seine ununterbrochene Mühe und Fürsorge für die Seinen.

Fußnoten

  • 1 Wir können nicht annehmen, dass es sich an dieser Stelle um Arme und Reiche handelt, denn die Worte: „…der eine ist hungrig, der andere ist trunken“ (Vers 21) können sich, im Zusammenhang mit der Belehrung, unmöglich auf Arme, die hungrig sind, und Reichen, die Überfluss haben, beziehen. Der Apostel sagt: „Wenn ihr als Versammlung zusammenkommt“. In Vers 22 richtet er sich wieder an alle und fragt: „Habt ihr denn nicht Häuser, um zu essen und zu trinken?“ Der Apostel will vor allem der eingerissenen Unordnung, die das Mahl des Herrn zu einem gewöhnlichen Mahl herabwürdigt, wehren; man soll also nicht zum Mahl des Herrn kommen, um den Hunger zu stillen; darum soll der Reiche und der Arme zu Hause essen. „…die die nichts haben“ (Vers 22) sind also nicht Arme, sondern solche, die an dem Tisch des Herrn nichts mehr vorfanden, weil die, die nicht auf sie gewartet hatten, alles vorweggenommen hatten. Das konnten Arme und Reiche sein, die nun „beschämt“ dastanden.
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