Der erste Brief an die Korinther

Einleitung

Der erste Brief an die Korinther

Der erste Brief an die Korinther behandelt einige Gegenstände, ganz verschieden von denen, die wir im Brief an die Römer finden. Statt von den Heilswahrheiten des Christentums und den gesegneten Ergebnissen des Werkes Christi zu sprechen, behandelt er fast ausschließlich die Zustände der Versammlung, ihre Mängel und Probleme.

Obwohl das Herz bei der Betrachtung dieses Briefes einerseits durch die traurige Schwachheit des Menschen, der in jeder Beziehung gefehlt hat, tief betrübt und niedergebeugt wird, so wird es andererseits durch das köstliche Zeugnis von der unfehlbaren Liebe und Treue Gottes, der die Seinen selbst in dem beklagenswertesten Zustand nicht vergisst, erfreut und ermutigt. In aller Geduld und Sanftmut unterweist der Herr die Gläubigen in Dingen, deren Erkenntnis man bei jedem nüchternen und geistlichen Herzen voraussetzen darf; und gerade dies macht den vorliegenden Brief so überaus wertvoll. Auch wenn er vor allem die Zustände der Versammlung in Korinth behandelt, so finden wir doch in diesem Brief für alle Zeiten, und besonders auch für die gegenwärtige, gesegnete Belehrungen über die innere Ordnung der Versammlung Christi und über die verschiedenen Beziehungen und Pflichten der einzelnen Glieder gegeneinander, die es zu beachten gilt.

Was war nun die Veranlassung zum Schreiben dieses Briefes? Zur Beantwortung dieser Frage ist es zunächst nötig, den Zustand der Versammlung etwas näher kennenzulernen.

Nachdem der Apostel Paulus durch Mazedonien gereist war und Athen besucht hatte, kam er auch nach Korinth – eine reiche und blühende Stadt in Achaja (Apg 18). Hier verkündigte er ein Jahr und sechs Monate das Wort Gottes. Viele Korinther, die das Zeugnis von Christus, dem Gekreuzigten hörten, wurden gläubig; denn der Herr hatte „ein großes Volk in dieser Stadt“. Reichtum und Luxus gingen gepaart mit tiefster Sittenlosigkeit, dass Korinth selbst unter der Welt zum Sprichwort wurde. Nachdem er Korinth verlassen hatte, ging Paulus nach Ephesus und von da nach Jerusalem, um „das Fest zu feiern“. Von Jerusalem ging er nach Antiochien, durchreiste wiederum Kleinasien und kam nach Ephesus, wo er nochmals zwei Jahre blieb. Im Begriff, durch Mazedonien zu reisen und die Gemeinde in Korinth zu besuchen – seine Absicht war gewesen, von Ephesus aus über Korinth nach Mazedonien zu reisen und die Versammlung sowohl auf dem Hinweg, als auch, wenn er von dort zurückkehrte, zu besuchen, „damit sie“, wie er selbst sagt, „eine zweite Gnade hätten“ (2. Kor 1,15.16) – vernahm er „durch die Hausgenossen der Chloe“ (Kap. 1,11), teils durch umlaufende Gerüchte (Kap. 5,1), teils durch einen Brief, den die Korinther ihm geschrieben hatten, um über einige Fragen Auskunft zu erbitten (Kap. 7,1 usw.), dass viele verkehrte Dinge in ihrer Mitte vorhanden waren. Der Feind des Werkes Gottes hatte nicht geschlafen und in der Abwesenheit des Apostels viel Schaden in der mit so vielen Gnadengaben bevorzugten Versammlung angerichtet, der das schöne Werk wieder zu zerstören drohte.

Zunächst begann der Geist der Weltweisheit, der in Korinth auf einer so hohen Stufe stand, seinen verderblichen Einfluss geltend zu machen, Streitigkeiten zu erwecken, Parteiungen hervorzurufen und somit die Versammlung ihres wahren Charakters, ihrer Einheit in Christus zu berauben und die einfache, göttliche Wahrheit mit der heidnischen Philosophie zu vermengen. Schon war man bemüht, gewisse Trennungen zu machen, wo der eine diesen und der andere jenen verehrte, und entweder in Paulus oder in Apollos oder Kephas, oder sogar in dem Herrn selbst das Haupt seiner Partei erkannte und verehrte (Kap. 1,12). Die unzähligen Parteien, in die jetzt die Kirche Gottes auf der Erde zersplittert ist, liefern uns den traurigen Beweis, wie sehr selbst unter den Gläubigen der menschlichen Weisheit  immer mehr Bedeutung beigemessen wird, und wie sehr es so dem Feind gelungen ist, sein verderbliches Werk, mit dem er in der Versammlung in Korinth begonnen hatte, bis in unsere Zeit fortzuführen. Diese Grundsätze der Weisheit dieser Welt sind in uns so tief verwurzelt, dass ihre traurigen Ergebnisse in der Kirche Gottes auf der Erde nicht nur wenig erkannt und bedauert werden, sondern dass selbst Gläubige diesem verderblichen Machwerk des Feindes nicht selten zustimmen, indem sie meinen, in den verschiedenen Parteien einen Vorteil für die Erkenntnis der Wahrheit zu sehen. Doch der Apostel dachte nicht so. Mit dem größten Ernst und mit der äußersten Entschiedenheit tritt er, besonders in den ersten Kapiteln des vorliegenden Briefes, diesem schrecklichen Übel, das die Versammlung so bald zu verderben drohte, entgegen und sucht es in seinem ersten Keim zu ersticken; und wenn er in Kap. 11,19 sagt: „Es müssen auch Parteiungen unter euch sein“, so sagt er dies sicher nicht, um dieselben gutzuheißen, sondern, wie er selbst hinzufügt „damit die Bewährten unter euch offenbar werden“ – nämlich jene, die sich nicht durch den Geist der heidnischen Philosophie sondern durch den Geist Gottes leiten ließen und sich von allem Parteiwesen fernhielten.

Eine andere Gefahr drohte der Versammlung in Korinth in dem Einschleichen der Sittenlosigkeit. Das übermütige, sittenlose Treiben in der reichen Stadt Korinth fing an, seinen verderblichen Einfluss auch auf die dortige Versammlung auszuüben und viele zu verunreinigen. Vor allem war es die Sünde der Hurerei, gegen die der Apostel so ernst und entschieden auftreten musste. Er zeigt ihre ganze Verwerflichkeit vor Gott und ihre Verderben bringende Wirkung für die Gläubigen, deren Stellung als Tempel Gottes und Glieder des Christus (Kap. 6,15–19), durch diese Sünde völlig verunehrt und verleugnet wurde.

Die dritte Gefahr endlich, die die Versammlung in Korinth bedrohte, war der Einfluss der falschen Lehrer, besonders solcher, die aus dem Judentum waren. Diese suchten nicht nur die Berufung und Autorität des Paulus als Apostel, sondern auch die aufrichtigen Beweggründe in der Ausführung seines Amtes zu untergraben und zu verdächtigen und somit sein gesegnetes Wirken zu vernichten. Das letztere war zwangsläufig die Folge des ersteren. War das Ansehen und die lautere Absicht des Apostels bei den Korinthern infrage gestellt, so war es auch sein Wort und Werk. Dieses fiel und stand mit jenem. Aus diesem Grund war der Apostel auch oft genötigt, sowohl in diesem als auch in seinem zweiten Brief, von sich selbst, von seinem Apostelamt und von seinem Verhalten unter den Korinthern zu reden. Das wunderbare Vorrecht der Gläubigen späterer Zeit bis jetzt, auch die Schriften des Neuen Testaments als Autorität und als absolut sicheren Prüfstein der Wahrheit zu besitzen, hatten jene noch nicht, und je mehr Gott durch Paulus in Bezug auf die Versammlung Segnungen offenbarte, die im Alten Testament nur dunkel angedeutet oder auch gar nicht offenbart waren (Kap. 15,51.52; Eph 3,2–6), ein umso weiteres Feld hatten die jüdischen Irrlehrer, die schwachen Seelen zu beeinflussen.

Heidnische Philosophie, Sittenlosigkeit, besonders die Sünde der Hurerei, und falsche Lehre waren also die drei Hauptübel, wodurch der Feind bemüht war, seinen verderblichen Einfluss auf die Versammlung in Korinth auszuüben und die gesegnete Wirksamkeit der Wahrheit zu zerstören. Wenn dort auch noch einige andere Missstände vorhanden waren, so hingen diese doch mit den genannten mehr oder weniger zusammen und waren meist nur der Ausfluss derselben.

Dies war also mit wenigen Worten der Zustand der Versammlung in Korinth, wie wir nachher aus dem Brief selbst ersehen werden. Paulus war in Ephesus, wo ihm der Herr eine große und wirkungsvolle Tür geöffnet hatte (Kap. 16,9). Als er jedoch von all diesen Übeln hörte, gab er sein Vorhaben auf, jetzt schon Korinth zu besuchen. Denn unter den gegenwärtigen Umständen wäre er genötigt gewesen, von seiner apostolischen Gewalt (2. Kor 10,2–6) Gebrauch zu machen und unter seinen Kindern mit der Rute zu erscheinen (1. Kor 4,21); und dazu konnte seine große väterliche Liebe sich nicht entschließen (2. Kor 1,23). Er schreibt ihnen einen Brief und gedenkt, sie erst auf seiner Rückkehr von Mazedonien zu besuchen (1. Kor 16,5); bis zu der Zeit erwartete er von seinem Brief einen gesegneten Erfolg, um dann mit Freuden unter ihnen sein zu können. Welche schonende Zärtlichkeit zeigt uns dieses Benehmen des Apostels! Und zugleich benutzte der Heilige Geist diese traurigen Zustände in Korinth, um der wunderbaren Kette der Offenbarungen Gottes eine unschätzbare Perle hinzuzufügen.

Was nun die einzelnen Abschnitte dieses Briefes betrifft, so ist ihre Unterscheidung nicht schwer, weil der Übergang von dem einen Gegenstand zum anderen meist ganz deutlich hervortritt. Ehe aber der Apostel mit den einzelnen Ermahnungen beginnt, ehe er irgendein tadelndes Wort ausspricht, erwähnt er zuerst den unermesslichen Reichtum der Gnade, mit dem Gott die Korinther schon gesegnet hatte und noch ferner segnen würde. Diese Erwähnung und Anerkennung der empfangenen Gnade von Kap. 1,1–9 bildet sozusagen die Einleitung zu diesem Brief.

Danach spricht er in den ersten Kapiteln besonders vom Charakter seines Dienstes, und indem er von den Spaltungen und der Weisheit dieser Welt redet, zeigt er deren völligen Gegensatz zu der Offenbarung und der Weisheit Gottes (Kap. 1–4).

In Kap. 5 spricht er von der Sittenlosigkeit und vom Verhalten gegenüber solche Christen, die in offenbaren Sünden leben.

In Kap. 6 tadelt er den gegenseitigen Rechtsstreit wegen der irdischen Angelegenheiten und zeigt die Verwerflichkeit der Hurerei.

Kap. 7 behandelt die Frage des Heiratens, spricht zuerst von der Verpflichtung derer, die verheiratet sind und ermahnt dann hauptsächlich, in der Stellung zu bleiben, in der man berufen ist.

Kap. 8 handelt vom Essen der Götzenopfer und stellt den allgemeinen Grundsatz fest, das schwache Gewissen nicht zu verletzen.

In Kap. 9 spricht der Apostel von seinem Amt, und dass er von seinem apostolischen Recht bei den Korinthern keinen Gebrauch gemacht und was ihn dazu veranlasst hatte.

Kap. 10 zeigt, dass man mit der Kirche oder Versammlung, mit der Taufe und dem Mahl des Herrn in Verbindung sein und doch verloren gehen kann. Dann spricht er in demselben Kapitel von der Gefahr der Korinther, durch den Götzendienst oder durch die den Götzen geweihten Feste verführt zu werden und erwähnt zum besseren Verständnis dieser Sache das Mahl des Herrn.

In Kap. 11 haben wir das Verhalten in gottesdienstlichen Zusammenkünften, sowohl persönlich (Verse 1 und 16), als auch im Allgemeinen.

Kap. 12 spricht vom wahren Charakter und der Ausübung der geistlichen Gaben.

In Kap. 13 zeigt der Apostel, dass die Liebe jede andere Gabe weit übertrifft.

Er fährt in Kap. 14 damit fort und spricht dann gleichzeitig von der richtigen Anwendung der Gaben.

In Kap. 15 beweist er ausführlich die Lehre von der Auferstehung, die von einigen geleugnet wurde und die überaus wichtigen Folgen derselben. Am Schluss des Kapitels spricht er von der Verwandlung der bei der Ankunft des Herrn Lebenden und vom Triumph derer, die durch Auferstehung oder Verwandlung des verweslichen Leibes von den letzten Folgen der Sünde, d. h. dem Tod, für immer befreit sind.

In Kap. 16 endlich ermuntert der Apostel zu einer Sammlung für die Armen in Judäa, ermahnt die Korinther, denen untertan zu sein, die ohne Berufung von Menschen, allein durch die Kraft des Heiligen Geistes, sich selbst zum Dienst der Heiligen verordneten und darin treu erfunden würden – eine wichtige Wahrheit für alle Zeiten – und schließt dann den Brief mit einigen Grüßen.

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