Die Erziehung in der Schule Gottes

Ruth

Die Geschichte zu verfolgen, durch die eine Frau befähigt wird, den Platz eines Zeugnisses für Gott auf Erden einzunehmen, muß sicherlich ein interessantes und wichtiges Studium für uns bieten. Zugleich ist es ein Studium, das in unseren Tagen besonders notwendig ist, sowohl im Blick auf den einzelnen wie auch in bezug auf die Kirche. Das Weib wurde gebildet, um eine Gehilfin für den Mann zu sein, ihm entsprechend. Es scheint, daß sie diese hohe Stellung bei dem Sündenfall eingebüßt hat und von da an mehr in einer abhängigen und untergeordneten Stellung, als in einer Stellung der Gleichheit und Hilfeleistung, geschaut wird. Die Gnade ist die große Kundmachung der Liebe Gottes, und es ist der Grundsatz der Gnade: „Wo die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwenglicher geworden!“ Gerade dort, wo sich Versagen und Schwäche am meisten gezeigt haben, betätigt sich die göttliche Gnade in der Wiederherstellung. Die Wiederherstellung ist aber stets mit einem Gefühl des Versagens und der Schwäche verbunden, über welche die Gnade triumphiert hat. Führt unser teurer Herr eine Seele in die Segnungen Seiner Gnade ein, so muß Er sie notwendigerweise über die Gerechtigkeit und über die Güte Seiner Handlungen belehren. In dem Maße, wie wir „den Herrn Jesus Christus gelernt haben“, verstehen wir diese beiden Seiten in unseren Herzen und Gewissen, und die Mittel und einzelnen Abschnitte der Wiederherstellung belehren uns über die Erziehungswege und die Zurechtweisung des Herrn. Er leitet uns Schritt für Schritt dahin, zu erkennen, wie wir Seiner Gnade bedürfen. Er bereitet uns für Seine Gnade zu, indem Er in uns jene Selbstverleugnung hervorbringt, die für Seine Gabe Raum schafft. Gott lehrt uns durch Seine Zucht einzusehen, wie das Fleisch uns behindert. Er zeigt uns, was das Fleisch ist, und beschäftigt Sich mit ihm, um es beiseitezusetzen.

Welche Gnade ist es daher von dem Herrn, uns durch die Vorbilder, die Er uns in Seinem Worte vor Augen stellt, über die Grundsätze der Zucht zu belehren, die uns nach Seinen eigenen Absichten für den Dienst und für die Herrlichkeit passend machen soll.

Dies ist es, was wir auch bei Ruth finden und was unser Interesse an ihrer Geschichte hervorruft. Wir werden hier belehrt, wie Gott eine Frau leitete, die einem besonders verachteten Stamm, den Moabitern, angehörte, und wie Er sie dazu befähigte, die erhabene Stellung, zum königlichen Geschlecht Israels zu gehören, einzunehmen, ja, sowohl die Segnungen der Rahel als auch der Lea in sich zu vereinigen. Wir können nicht aufmerksam genug den Weg und die geistige Einstellung betrachten, die zu diesem großen Ziel führten.

Elimelech, Noomi und ihre beiden Söhne waren wegen der in ihrem eigenen Land herrschenden Hungersnot aus Bethlehem in Juda in das Land Moab ausgewandert. Es war ein Zeichen des Verfalls und des Gerichts, daß ein lsraelit sein eigenes Land verlassen mußte, weil es jener natürlichen Segnungen ermangelte, die einem heidnischen Land geschenkt wurden. Die notwendige Folge dieses Zustandes war es, daß Elimelechs beide Söhne sich moabitische Frauen nahmen. Indem ein Sohn des verheißenen Samens eine moabitische Frau heiratete, erhob er sie aus ihrer niedrigen Stellung, obwohl er dadurch gleichzeitig seine eigene Stellung verdunkelte und sie preisgab, indem er im Lande Moab wohnte. Ruth wurde somit durch ihre Heirat aus ihrer niedrigen nationalen Stellung in die Verbindung mit einem Stamm des Volkes Israel erhoben. Bei dem Tode ihres Mannes mußte sie, eine Witwe, der nur eine verwitwete Schwiegermutter verblieben war, entweder wie Orpa in ihren früheren niedrigen Zustand zurückfallen, oder sie mußte versuchen, jene Stellung aufrecht zu erhalten, zu der sie erhoben worden war. Dies konnte nur dadurch geschehen, daß sie an ihrer Verbindung zu Israel festhielt, selbst auf Kosten persönlicher Vorteile; das heißt, indem sie an Noomi festhielt, obwohl alle natürlichen Erwartungen aus diesem Verhältnis verloren schienen. Ruth wählte diesen Weg, nicht mit Berechnung irgendwelcher Art, welchen stellungsmäßigen Vorteil ein solches Festhalten an ihrer Schwiegermutter ihr bringen würde, sondern geleitet von dem höheren Beweggrund persönlicher Anhänglichkeit zu derjenigen, durch die sie aus ihrem Zustand der Niedrigkeit bereits so hoch erhoben worden war. Ihre Handlungsweise und die Folgen dieses Weges werden uns im einzelnen in diesem interessanten Buch mit großer Genauigkeit mitgeteilt, als ein Gegenstand von großer Bedeutung für uns selbst. Denn, mögen wir Ruth als ein Bild der Kirche, oder eines Heiligen aus dem Heidentum, oder aber jedes Gläubigen betrachten, so stellt ihre Geschichte ein Kapitel über Gottes Handlungsweise dar, das für uns sehr lehrreich ist.

Als welches Vorbild wir Ruth auch betrachten mögen, ‑ ein einfältiges Festhalten an der erkannten Wahrheit ist das erste Merkmal. Und dieses Merkmal ist in Ruth in lieblicher Weise ausgeprägt. Sie opfert jede Aussicht auf eine Veränderung ihres Zustandes der Zuneigung zu Noomi, mag kommen, was wolle. Sie sagt zu ihr: „Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, hinter dir weg umzukehren; denn wohin du gehst, will ich gehen, und wo du weilst, will ich weilen; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, will ich sterben, und daselbst will ich begraben werden. So soll mir Jehova tun und so hinzufügen, nur der Tod soll scheiden zwischen mir und dir!“ - Welch ein Ausspruch ist dies! Es ist die Sprache dessen, der sich einem Ziel unbeirrbar verschrieben hat. Welcher Ausdruck einer Seele, die fest entschlossen ist, von der Wahrheit Gottes, der Verbindung mit all Seinen Absichten und Segnungen, nicht zu weichen! Der erste Teil der Waffenrüstung Gottes (Eph 6) ist das „Umgürtetsein mit Wahrheit“, und das erste Erfordernis eines Knechtes in Christo, besonders wenn es sich um die zurückgezogene Sphäre einer Frau handelt, ist das einfältige Festhalten an der Wahrheit Gottes.

Noomi stellte, wie wir gesehen haben, das Bindeglied zum Volke Israel dar. Ruth mag darüber keine klare Erkenntnis gehabt haben, aber das gerade läßt ihre Hingabe nur um so bewundernswerter erscheinen. Denn wäre ihr Wissen größer gewesen, so hätte sie mehr Grund und Ansporn zu ihrem Handeln gehabt, anstelle der reinen Zuneigung und Wertschätzung, durch die sie sich leiten ließ.

Wenn ein Herz die Wahrheit ergreift, ohne von dem Warum zu wissen, aber mit der Entschlossenheit, sie zu „erwerben, und nicht wieder zu verkaufen“ (Spr 23,23), so können wir gewiß sein, daß sich die Wahrheit dem Herzen weiter offenbaren wird und daß dem, der da hat, „hinzugefügt werden wird.“(Mt 13,12) Hingabe an ein wahres Ziel veredelt eine Frau. Besitzt sie die Hingabe nicht, so fehlt ihr die erste Eigenschaft ihrer Stellung. Versagt sie in dieser und denkt an sich selbst, wie Eva dem Adam gegenüber, oder die Kirche Christus gegenüber, so wird jede Unordnung die Folge sein. Die Hingabe an die Wahrheit, an das was wir als das wirklich Wahre und Gute erkannt haben, ist das erste große Merkmal einer Seele, die zum Dienst und Zeugnis bereitet und befähigt ist. Besitzen wir diese Eigenschaft nicht, so werden alle unsere Wege notwendigerweise unvollkommen sein, denn wir können dann kein genau erkanntes Ziel vor Augen haben. Um ein Zeuge Gottes zu sein unter denen, die einer Lüge über Ihn geglaubt und in ihr gewandelt haben und sich ihrer Gottesfeindschaft brüsten, müssen wir zuerst und vor allem anderen mit Glaubensmut für die Wahrheit eintreten. Mangelt es an dieser Eigenschaft bei uns, so ist augenscheinlich unsere Befähigung zum Zeugendienst mangelhaft. Mehr als das: indem wir versuchen, ein Zeugnis zu sein, verunehren wir gerade den Namen, Dem wir zu dienen meinen. Unser Herz ist nicht vollkommen darauf gerichtet, die erste Voraussetzung des Dienstes zu erfüllen. Wir mögen eine gewisse Zuneigung besitzen, wie Orpa sie durch ihren Kuß ausdrückte, aber, wie bei ihr, ruht unsere Zuneigung nicht auf dem allein Wahren, und wir werden uns bald abwenden auf unsere eigenen Wege. Die Wirklichkeit des einfältigen Festhaltens an der Wahrheit kann uns nicht ernst genug vor die Seele gestellt werden.

Wenn unsere Herzen mit tiefer Liebe zum Herrn erfüllt sind, trachten wir danach, Gemeinschaft mit Ihm zu haben. Er ist der Gegenstand unserer Zuneigung, und in dem Maße unserer Liebe hangen wir Dem an, Der sie hervorgerufen hat. In dem Maße, wie wir Ihn verehren, werden wir Ihm gleichgestaltet. Nichts anderes kann eine wahrhaft hingegebene Seele befriedigen. Die Wahrheit über Seine Person kann auf keinen Fall preisgegeben werden, und Falsches wird abgelehnt. Ich verweile besonders bei diesem Punkt, weil die Stellung eines wahren Dieners der Kirche in so starkem Maße davon abhängt. Ruth war, wie wir gesehen haben, einfältig und unbeirrbar in ihrem Herzensentschluß. Sie gibt uns daher ein treffendes Bild dieser so wichtigen Eigenschaft, die auch, wie wir sehen werden, reichen Lohn empfing.

Aber ehe wir uns mit diesem Lohn beschäftigen, wollen wir noch eine andere Eigenschaft betrachten, die in der Geschichte der Ruth so stark hervortritt und uns reiche Beispiele liefert, und das ist der einfache Gehorsam in der untergeordnetsten und unbeachtetsten Stellung des Dienstes. Sie betrat das Land Israel in unzertrennlicher Gemeinschaft mit der einstigen Noomi (“Liebliche“), aus der jetzt eine Mara (“Bittere“) geworden war. Indem sie sich mit ihren Umständen abgefunden hatte, nein, indem sie mit ihnen zufrieden war, wendet sie sich dem kleinsten sich ihr bietenden Ausweg zu ‑ was stets ein Beweis einer gesunden und aktiven Seele ist‑ und ergreift ihn ohne Zaudern oder Zweifel. Sie sagt: „Laß mich doch aufs Feld gehen und unter den Ähren lesen hinter dem her, in dessen Augen ich Gnade finden werde“.

Es ist der eindeutigste Beweis wahrer Kraft, wenn wir in einer Notlage nicht nur ergeben sind, sondern auch bereit sind, jeden kleinen Ausweg zu benutzen, und fähig sind, uns zu erniedrigen, und dadurch vor allen - auch vor unserer eigenen Seele - zu bezeugen, daß Gott uns nicht vergessen hat und daß das, was wir gerade vor uns sehen, völlig zur Befriedigung unserer Bedürfnisse ausreicht. Wir bedürfen nur der Demut, um die Umstände so zu beurteilen. Sollten wir anders reden oder empfinden, würden wir Seine Fürsorge und Anteilnahme an uns antasten. Ruth sieht, daß der einzige Ausweg für sie ist, Ähren zu lesen, und so wendet sie sich dem Ährenlesen zu, und gerade dies war der vom Herrn für sie bestimmte Weg. Zweifellos war es ein sehr niedriger, unbeachteter Dienst, aber der Herr sieht nicht, wie der Mensch sieht, und Er leitete sie auf rechtem Wege. „Er lehrt die Sanftmütigen seinen Weg“ (Ps 25,9); deswegen „traf sie zufällig das Feldstück des Boas, der aus dem Geschlecht Elimelechs war“. „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Luk 18,14). Sind wir Ihm unterworfen, so werden wir zur Fülle der Segnung geführt. Ergreifen wir nicht den geringen Ausweg, den Er uns bietet, so werden wir nie das Ziel der Segnung erreichen. Ruth war die demütige, sich mühende Magd, und als solche erhält sie wegen ihrer Hingabe an Noomi ihren Lohn. Beachte es wohl! Es ist ihre Hingabe, die belohnt wird, mehr als ihr Dienst. Boas sagt zu ihr: „Es ist mir alles wohl berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan hast nach dem Tode deines Mannes, indem du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volke gezogen bist, das du früher nicht kanntest. Jehova vergelte dir dein Tun, und voll sei dein Lohn von Jehova, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln Zuflucht zu suchen du gekommen bist!“

Boas segnete sie ‑ eine Segnung, an der er später (wie es bei Segnenden stets der Fall ist) selber teilhatte ‑ und zugleich befahl er seinen Jünglingen: „Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen; und auch sollt ihr selbst aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie sie auflese, und sollt sie nicht schelten.“ So sehen wir, daß Ruth mehr zuteil wird aufgrund ihrer Hingabe an Noomi, als sie durch ihre mühevolle und unermüdliche Arbeit erhielt. Und dies ist stets der Fall. Wie groß der Lohn für treuen Dienst auch sein mag, er wird von der Belohnung treuer Hingabe unermeßlich übertroffen. Wäre Ruth auf das Feld zum Ährenlesen gegangen wie die anderen Mägde es taten, so hätte sie das bekommen, was ihr zustand und was ihrer Mühe entsprach, nicht mehr. Aber bei ihr war es etwas ganz anderes. Die Hingabe an eine andere Person (Noomi) war die Triebfeder ihres ganzen Handelns. Der Erfolg war für sie (wie er auch uns zuteil wird, wenn wir von dem gleichen Geiste beseelt sind), daß die Ernte überströmend war. Nicht nur das, sondern die ergebene Seele wird weitergeführt, Schritt um Schritt, bis sie wahre Ruhe, Ehre und zuletzt ein Erbteil erlangt.

Der Schluß ihrer Geschichte zeigt uns, wie sie  schließlich die Frau des Boas, des wahren Blutsverwandten, wird, der das Erbe löst, und wie sie gemäß dem Segen, der über sie ausgesprochen wurde, das königliche Haus Davids erbaut, „wie Rahel und wie Lea, welche beide das Haus Israel erbaut haben.“ Die Moabitin tritt in enge Verbindung zu dem Thron Judas, und durch sie wird der Name ihres  Blutsverwandten und Lösers mächtig in Bethlehem‑Ephrata, der Stätte des Todes und der Auferstehung, ‑ der wunderbare Abschluß eines so geringen Anfangs, aber völlig den Wegen der göttlichen Erziehung entsprechend.

Und nun, wo wir diesen Schluß der Geschichte der Ruth erreicht haben, laßt uns, zum Gewinn für unsere Seelen, innehalten, um den Erziehungsweg zu überschauen, auf dem der Herr sie zu diesem Platz der Ruhe und Ehre führte (der gleiche Weg, auf dem Er tatsächlich jede Seele führt, die das gleiche Ziel erreicht). Denn es ist segensreich für uns, zu beachten, wie Er zuerst entleert, ehe Er füllt, wie Er erniedrigt, ehe Er erhöht. Ruth war zunächst eine Witwe, ohne alle menschliche Hoffnung für jenen Lebensweg, der für sie ehrenvoll gewesen war und zu dem sie durch ihre Verbindung mit einem Sohne Israels erhoben wurde. Dann gibt sie Heimat, Verwandtschaft und die natürlichen Aussichten preis, die sie durch eine Rückkehr zu ihrer früheren niederen Stellung als Moabitin hätte haben mögen, um der Gemeinschaft mit derjenigen willen, die mit ihrer Witwenschaft verbunden, aber aus „Lieblichkeit“ zu Bitterkeit geworden war, und deren Gemeinschaft für Ruth ununterbrochene demütige Mühe bedeutete. Indem sie keinen Ausweg, wie bescheiden er auch war, ablehnt oder geringschätzt, geht sie Tag für Tag ihren niedrigen, mühevollen, anspruchslosen Weg und erlebt dabei täglich, wie gnädig und barmherzig der Herr zu ihr ist. Dies erfüllt sie mit Bewunderung und Staunen, denn am ersten Tage sagt sie zu Boas, indem sie auf ihr Angesicht fällt und sich zur Erde niederbeugt: „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, daß du mich beachtest, da ich doch eine Fremde bin“? Die Seele ist noch wenig zubereitet für Gottes unerwartete Gnadenbezeugung. Doch was war diese im Vergleich zu der Gnade, die noch folgen sollte? Was war ihre frühere Stellung, vor ihrer Witwenschaft, verglichen mit der Stellung voller Ehre und Würde, in die der Herr sie jetzt stellte? Gesegnete Witwenschaft, die sie für solch eine Stellung zubereitete! Gesegnetes Wirken, das dorthin führte auf den Pfaden der einfältigen Herzenshingabe und Demut! Gepriesen sei Gott, der in solcher Weise an ihr handelte!

Wir erinnern uns daran, daß Ruth nach Bethlehem kam zu Beginn der Gerstenernte, die unmittelbar nach dem Passahfest einsetzte, und daß sie ihren Dienst während der sieben Wochen der Ernte fortsetzte (eine vollkommene Zeitspanne gemäß dem symbolischen Zahlengebrauch der Heiligen Schrift), bis zum Ende der Weizenernte, das ist bis Pfingsten. Erst nach Pfingsten fordert Boas sie als sein Eigentum. Ich erwähne dies als bedeutsam, ob wir nun Ruth als ein Vorbild vom praktischen oder vom stellungsmäßigen Standpunkt aus betrachten, denn das Pfingstfest bezeichnete den Vollgenuß der Segnung, wie er durch das Herniederkommen des Heiligen Geistes eingeführt wurde. Nach einer Zeitspanne von sieben Wochen zwischen dem Tode des Herrn und den Geschehnissen in Apostelgeschichte 2 wurde jener große Tag der Pfingsten erfüllt, auf den alle früheren Pfingstfeste hingedeutet hatten, und die Braut wurde in die Stellung des Vorranges eingeführt. Andererseits kann die Kirche aber, obwohl sie jetzt in den Segnungen des Pfingsttages steht, die hohen Vorrechte, die ihr geschenkt wurden, nicht verwirklichen, wenn sie nicht in Treue gegenüber der ihr anvertrauten Wahrheit und in geduldigem, pflichttreuem Dienst vorangeht. Der Grund hiervon ist leicht zu erkennen.

Wenn ich dem Herrn, insoweit ich Ihn kenne, nicht treu bin, werde ich nicht von Seinem Geiste geleitet. Wandle ich aber nicht im Geiste, dann kann ich unter keinen Umständen die Vorrechte und die traute Gemeinschaft verwirklichen, die der Brautstellung entsprechen, und in die der Heilige Geist uns einführen möchte. Was aber in bezug auf die Kirche wahr ist, ist auch wahr in bezug auf jedes einzelne Glied. Es wurde uns hier als Symbol das Weib hingestellt, weil sie, als Einheit, die Kirche, die Braut des letzten Adam, darstellen sollte, erlöst aus dem Ruin und der Schande, in die das erste Weib sie gestürzt hatte. Sei es nun Mann oder Frau, wenn wir nicht in Unterwürfigkeit unter die Wahrheit in geduldigem demütigem, unbeachtetem Dienst als Fremdlinge über die Erde pilgern, so können wir nicht in die Stellung und den Ort der Ruhe eingehen, den unser Boas jeder treuen Ruth im Geiste auch heute darbietet. Je mehr wir Seine Wege mit uns verstehen lernen, je besser werden wir erkennen, wie Er jeden von uns in dieser Weise erzieht: Er belehrt uns, als treu gemäß dem uns geschenkten Licht, darin bis zum vollen Genuß Seiner Liebe zu gelangen; als „Witwen“ in dieser Welt zu wandeln, die Ihm ergeben sind, die Ihm geduldig und in Niedrigkeit dienen, glücklich in dem Bewußtsein dessen, was jetzt bereits unser Teil ist ‑ unsere Einsmachung mit Ihm und der Besitz alles dessen, an dem Seine Liebe uns hier schon Anteil geben kann. Lehre uns, o Herr, Dir treu zu folgen!

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