Die Erziehung in der Schule Gottes

Abraham

In Abrahams Geschichte finden wir auf besondere Weise die für das Leben des Glaubens notwendige und passende Zucht dargestellt. In Babel hatten die Menschen das geheime Ziel ihres Herzens geoffenbart. Sie bauten eine Stadt und einen Turm, dessen Spitze an den Himmel reichen sollte. Sie sagten: „Machen wir uns einen Namen, daß wir nicht zerstreut werden über die ganze Erde“ (1.Mo 1,14)! Sie versuchten, das durch eigene Werke und unabhängig von Gott zu erreichen. Gott verwirrte sie beim Versuch und ließ das ganze Menschengeschlecht fühlen, daß ihm geistige Verbindung durch den Verlust des gemeinsamen Verständigungsmittels versagt ist, so daß der Mensch seinem Mitmenschen entfremdet wurde. Was auch immer sein Gefühl der gemeinsamen Verwandtschaft sein mochte, seine Gedanken waren gehemmt oder nicht mitteilbar. Nachdem Gott in dieser Weise dem Unabhängigkeitsstreben des Menschen Einhalt geboten hatte, blieb Er der Absicht Seiner Liebe treu und offenbarte - wieder mittels eines Menschen - wie dieser Wunsch, dem der Mensch in Unabhängigkeit von Gott nachgestrebt hatte, verwirklicht werden kann: In einer völligen Abhängigkeit von Gott!

Und so, darf ich am Rande bemerken, sind Gottes Wege mit uns immer. Wir fühlen unser Bedürfnis und suchen es mit eigenen Mitteln zu stillen. Der Herr muß uns bei dem Versuch dazu „verwirren“, aber danach führt Er unsere Seelen dazu, eine unbegreiflich viel größere Antwort auf unsere Wünsche zu finden als die, die wir uns ausgedacht hatten. Der verlorene Sohn suchte nur Nahrung bei einem Bürger jenes Landes, aber im Hause seines Vaters fand er nicht nur Brot, sondern einen überschwänglichen Empfang und ein gemästetes Kalb. Doch gehen wir zurück. Nachdem die Verwirrung der Sprachen geschehen ist, betritt Gott den Schauplatz und ruft aus ihm einen Mann heraus - nämlich Abraham -, der Zeuge der Abhängigkeit sein und nicht nach einem „Babel“, sondern nach einer „Stadt, welche Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“, ausschauen sollte. Und in Gnade wird uns die Geschichte dieses Zeugen und Knechtes Gottes gegeben, um uns zu belehren, was unsere Natur in ihrer Tätigkeit unter dem Ruf Gottes ist, und wie Gott Sich mit ihr in ihren vielen Stufen des Eigenwillens und der Unabhängigkeit beschäftigt, wie Er sie zurechtweist, unterwirft und sie zu unserem Segen auf Seinen Wegen leitet.

Das Wort Gottes an Abraham lautet: „Gehe aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen werde“ (1.Mo 12,1), und das Wort wird der Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens. Wir kennen nie die wahre Absicht unseres eigenen Willens, bis wir ihn zwingen, sich bedingungslos dem Willen Gottes, den Sein Wort uns zeigt, zu unterwerfen. Vielleicht sehen wir gar keinen großen Unterschied zwischen unserem Lauf und dem Willen Gottes, bis wir ihn mit den genauen Forderungen des Wortes Gottes messen; und zwar nicht nur mit den Forderungen eines Teiles dieses Wortes, sondern des ganzen. Wenn wir es teilweise erfüllen, ändern oder schränken wir Gottes geoffenbarten Willen ein; wenn wir uns von Seinem Geiste entfernen, verlieren wir die Belehrung. Aber nur dadurch, daß wir es annehmen und daran festhalten, wird unsere Seele vom Eigenwillen befreit und zu dem Segen geführt, den seine Belehrung uns vorstellt. Aber hier treten dann die Versuchungen und Übungen auf, denn Übungen und Streit müssen sein, weil unser natürlicher Wille das Wort Gottes immer flieht oder einschränkt und weil die Unbeugsamkeit der Absicht Gottes (wegen Seiner Liebe) uns immer streng auf Seinen Willen beschränkt. Dieser Streit macht Zucht notwendig und erklärt so Ereignisse in unserem Leben, die uns sonst unverständlich wären. Der Ruf an Abraham war klar und deutlich. Er forderte ihn auf, den Ort und alle verwandtschaftlichen Beziehungen zu verlassen und einen von Gott bereiteten Schauplatz zu betreten. Die Genauigkeit seines Gehorsams zeigt das Maß seiner Kraft. Er beginnt, dem Ruf zu gehorchen; er verließ Ur in Chaldäa, „um in das Land Kanaan zu gehen“; er kam aber nur aus dem Lande der Chaldäer und hielt sich in Haran auf. Er empfing das Wort und begann, zu gehorchen, und doch sehen wir, daß er es unvollständig tat; er verließ wohl sein Land, nicht aber seine Verwandtschaft! Er blieb in Haran, bis sein Vater gestorben war. Die Natur war dazwischengetreten und hinderte ihn, dem Ruf Gottes vollkommen zu gehorchen. Das ist eine ernste Warnung für uns. Wir stimmen dem Ruf zu und nehmen ihn an; aber erst wenn wir in Übereinstimmung mit ihm wandeln, entdecken wir die Forderungen, die er an unsere Natur stellt. Nichts beweist so sehr den Mangel an wahrer Energie, wie die Unfähigkeit das zu vollenden, was wir bereitwillig auf uns nehmen. Wie viele beginnen das Glaubensleben eifrig und freudig, die dann aber entdecken, daß sie nicht imstande sind, „die Toten ihre Toten begraben“ zu lassen, und, obgleich sie im Herzen bereit sind, „ein anderes Land“ zu suchen, durch irgendwelche Bindung des Fleisches abgelenkt und abwendig gemacht werden. Nichts ist für den Menschen so schwierig, als fleischliche Verbindungen ohne Ersatz abzubrechen, weil solch ein Abbruch Einsamkeit hervorrufen muß, wenn er nicht eine andere vollkommene Verbindung gefunden hat; und gerade darauf zielt der Herr ab, wenn Er sagt: „Folge du mir nach.“ Aber wenn ein Abbruch dieser Beziehungen den Verlust der engsten Verbindungen mit der natürlichen Existenz bedeutet, so muß ihre Aufrechterhaltung die Erhaltung der unmittelbarsten Zugänge zum menschlichen Herzen sein, und deshalb steht geschrieben: „Des Mannes Feinde sind seine Hausgenossen.“ Außer in der Gnade gibt es kein Entfliehen vor der Natur. Als Barnabas seinen Verwandten Markus wählte, wählte er zugleich Zypern, seine Heimat. Sein Fehltritt war nicht nur in dem Fleisch, sondern auch zum Fleisch.

Abraham versäumte zunächst also, den zweiten Teil des Rufes Gottes zu erfüllen; er verließ seines „Vaters Haus“ nicht und wird demzufolge zurückgehalten, bis sein Vater gestorben ist. Dies ist die erste Stufe im Glaubensleben, und obwohl er sie bereitwillig und mit dem Herzen betrat, wie geschrieben steht: „und er zog aus, nicht wissend, wohin er komme“, entdeckte er, daß er es nicht vollbringen konnte, ehe nicht der Tod das Band, das ihn mit der Natur verknüpfte, zerrissen hatte. Der Glaube ist Abhängigkeit von Gott, und die Unabhängigkeit von allem, was menschlich ist. Der Weg, der Abraham vorgestellt wurde, erforderte demgemäß den unbedingten Ausdruck der Abhängigkeit von Gott allein. Er konnte nicht ohne Opfer sein und wollte es auch nicht; und außer den Übungen, die Abrahams Herz auf diesem Pfade des Glaubens durchgemacht haben muß, erfährt er, daß der Tod praktisch das Band, das ihn auf dem Wege zurückhält, lösen muß. Die erste Stufe wird nicht überschritten, ohne daß das Herz den Schmerz des Todes verspürt, aber der Tod bringt eine neue Befreiung. Wenn Abram nicht durch seinen Vater zurückgehalten worden wäre, sondern den unbekannten Weg ohne Pause verfolgt hätte bis zu dem Platz, zu dem Gott ihn berufen hatte, wäre er dem Schmerz, den der Tod mit sich brachte, entgangen; aber da er es selbst zugelassen hatte, daß er zurückgehalten wurde, konnte nichts als der Tod ihn befreien, und deshalb geht er durch diese Zucht. So ist es in Gnade bei vielen von uns; unsere Abhängigkeit von Gott ist nicht einfältig und bedingungslos; wir halten auf dem Pfade des Glaubens inne und werden durch irgendeine fleischliche Bindung zurückgehalten, bis sie „stirbt“, denn sterben muß sie, wollen wir unseren Weg mit Gott fortsetzen, oder wir müssen ihr absterben.

Als der Tod so Abrams Verbindung mit der Natur gelöst hatte, mußte er seinen Lauf von neuem beginnen, zweifellos dadurch gezüchtigt, daß das Gewicht, das ihn behindert hatte, entfernt war. Dieser Zucht hätte er entgehen können, wenn er in größerer Glaubensenergie gewandelt hätte; aber doch empfing er Belehrung durch sie.

Es war eine sehr nützliche Lehre, nämlich, daß der Glaube die fleischliche Begierde in den Tiefen des Herzens nicht beeinflußt und daß die Begierde, selbst wenn die Segnungen groß sind, sich dem Wort Gottes nur selten unterwirft, und selbst wenn es für eine kurze Zeit der Fall sein sollte, wird sie immer nach einer freien Entfaltung ihrer Tätigkeit streben; und wenn sie öffentlich tätig ist, muß sie öffentlich unterjocht werden. Wenn ich mich von meinem fleischlichen Willen leiten lasse und mich so vom Pfade des Glaubens abwende, muß ich, wenn Gott in Seiner Gnade mich wieder in rechte Bahnen lenkt, lernen, meinen Willen beiseite zu setzen. Das ist Selbsterniedrigung und Zucht.

Für junge Gläubige, aber auch für alle ist es wichtig, wie wir diese erste Stufe des Glaubenslebens beginnen und vollenden; Versagen und Unentschlossenheit hier können Kummer und Unschlüssigkeit auf dem ganzen Wege nach sich ziehen. Denn niemals weichen wir vom Pfade des Glaubens ab, ohne einen „Dorn“ von der Natur aufzulesen, die wir berufen sind zu verleugnen. Das Fleisch muß im Tode gehalten werden; und obgleich wir befreit sein mögen wie Abraham durch den Tod seines Vaters, braucht ein Fehler, obgleich er berichtigt wird, nicht in seinen Wurzeln ausgerottet zu sein, und wenn das der Fall ist, muß die Zucht fortgesetzt werden. Lot ging mit Abram, aber er war nicht nur für Abram persönlich eine beständige Prüfung, sondern seine Nachkommen waren die größte Plage für Abrams Nachkommen, und ihre boshaften Versuchungen auf Betreiben Balaams sind in der Schrift als Vorbild der schlimmsten Machenschaften gegen die Kirche Gottes niedergelegt (Offb 2, 14). Wo wir einmal versagen, werden wir wie ein Pferd, das stolpert, wahrscheinlich noch einmal versagen deshalb warnt Gott uns in Seiner Fürsorge beständig vor unseren Neigungen, obgleich die Gnade, wenn sie in uns wirkt immer am deutlichsten gesehen wird, wenn sie am nötigsten gebraucht wird.

Abram betritt nun die zweite Stufe seines Glaubenslebens: als Fremder im fremden Land, abhängig von Gott, baut er einen Altar, denn die Fremdlingschaft, in die uns der Glaube führt, befestigt unsere Herzen in Gott, und das führt zur Anbetung. Wenn aber die Folgen oder Umstände unserer Fremdlingschaft uns beschäftigen, verlieren wir die Ruhe, die der Glaube bietet und suchen anderswo Trost. So wandte sich Abram, als er sah, daß eine Hungersnot im Lande war, vom Glaubenspfade ab, den er betreten hatte, und ging nach Ägypten hinab.

Es ist demütigend, zu sehen, wie wankelmütig wir auf diesem Pfade sind, und wenn wir auch glücklich und sicher auf ihm zu wandeln scheinen, ist es doch nötig zu sagen: „Wer zu stehen sich dünkt, sehe zu, daß er nicht falle“. Obgleich Abram in Gnade auf den Pfad, von dem er abgewichen war, zurückversetzt wird und sogar zu dem Orte, wo im Anfang sein Altar gewesen war, zurückkehrt, sehen wir, daß die Dornen, die er auf seinen Wanderungen aufgelesen hatte, ihn bei seiner Wiederherstellung stechen. Das Vieh, der Gewinn Ägyptens, ruft einen Konflikt zwischen den Hirten Abrams und Lots hervor. Aber die Wiederherstellung fördert uns immer in sittlicher Hinsicht, denn sie stellt uns über das, wovon wir wiederhergestellt werden. Jetzt, nachdem Abram wahrhaft wiederhergestellt ist, sieht er nicht auf die Folgen, sondern bleibt in Abhängigkeit von Gott und in hoher sittlicher Kraft auf dem Wege des Glaubens. Meine erste Schwierigkeit auf dem Pfade des Glaubens ist, vom Fleisch, vom Ort, und von der Verwandtschaft loszukommen; wenn ich davon befreit bin und die Fremdlingschaft fühle, ist das nächste der Drang zum Vorwärtsschreiten oder mich zu erfreuen oder in dieser neuen Stellung Ruhe zu finden, so wie ein Auswanderer in einem fernen und wilden Lande sich so schnell wie möglich ein Heim zu bauen sucht. Dieser Wunsch zum Vorwärtsschreiten, eine so starke Leidenschaft im menschlichen Herzen und der Beweggrund aller großen Anstrengungen Babylons, kann Ehrsucht genannt werden, aber er muß vom Mann des Glaubens, der Gottes Zeuge in dieser bösen Welt ist, überwunden werden. So wird Abrams Ehrsucht nun geprüft; aber die Zucht hat ihr Werk getan, und seine Wiederherstellung ist vollständig. Sucht er Anerkennung oder Emporkommen in diesem neuen Land? Nein! er wandelt durch Glauben und überläßt Lot alle zeitlichen Vorteile, der, um seine Ehrsucht zu befriedigen, die ganz bewässerte Ebene wählt, während Abram eine vollere Offenbarung als Lohn für seinen Glauben erhält. Aber selbst jetzt geht es nicht ohne Leiden, denn sobald ich mich mit Christus auf dem Weg befinde, gehe ich den Weg eines Gesandten Gottes, um Seinem Volk hier auf Erden zu dienen. Abram, der abhängige Mensch, der seinen unsichtbaren Pfad der Absonderung verfolgt, muß in Erscheinung treten und den gleichen Dienst tun, den Christus erfüllte, und seinen Bruder Lot retten, der seinen Ehrgeiz befriedigt hatte, indem er sich mit den Menschen dieses Zeitlaufs eingelassen hatte und demzufolge in Trübsale kam. Und wenn Abram in den Gefahren und Übungen seines Dienstes zu fühlen bekam, was er durch diesen Neffen, den er aus Ur in Chaldäa mitgebracht hatte, zu leiden hatte, wurde seine Seele zugleich auf dem Pfade der Abhängigkeit von Gott befestigt. Während er bei der vorigen Gelegenheit durch eine vollere Offenbarung des verheißenen Erbes belohnt worden war, werden Streit und Dienst jetzt durch die Erquickung und den Segen im Namen Jehova-Gottes, der Himmel und Erde besitzt, belohnt, wahrlich mehr als genug, um ihn für den Verzicht auf den Ehrgeiz des Fleisches zu entschädigen!

Hier möchte ich hinzufügen, daß, wenn die Neigungen unseres Fleisches nicht besiegt sind und wir uns auf irgendeine Art in unserer neuen Stellung auszuzeichnen oder vorzudrängen suchen, wir wie Lot sein werden, wenn wir auch von „Haus“ und „Verwandtschaft“ getrennt sind und die himmlische Stellung einnehmen. Wenn wir aber wirklich versuchen, den Pfad der Absonderung zu gehen, wird unser Glaube durch vermehrte Offenbarungen gestärkt werden, und unser Dienst wird belebt durch die Verbindung mit Ihm, der unser Vorläufer innerhalb des Vorhangs ist, „Jesus, ein Hoherpriester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks“.

Wir kommen nun zum dritten Abschnitt der Geschichte Abrams auf dem Wege des Glaubens, und zwar wird er hier unter eine völlig neue Art der Belehrung gestellt, welche seine Zuneigungen prüfte. Der Ehrgeiz seines Fleisches ist geprüft worden; nun werden seine Zuneigungen unter die Zucht gestellt, und das wird in erster Linie durch die Verheißung eines Sohnes bewerkstelligt. Das ist der Gegenstand von 1. Mose 15. Ich möchte kurz bemerken, daß ich mich bei der Betrachtung des Lebens dieses Knechtes Gottes auf einen Gegenstand, nämlich die Zucht, beschränke. Ich übergehe viele Ereignisse, die von anderer Seite ausführlich betrachtet worden sind, z. B. seine Gemeinschaft mit Gott, seine Fürbitte, usw. Alles das ist sehr anziehend, kann aber hier nicht behandelt werden.

Es scheint mir, daß sich der wahre Zustand des Herzens Abrams in seiner Antwort auf Gottes gnadenreiche Anrede am Anfang des Kapitels offenbart. Zwar war es richtig, daß er sich einen Sohn wünschte; das war ein Wunsch, der den Ratschlägen Gottes betreffs seiner entsprach, und hätte er den Wunsch nicht gehabt, wäre es nicht dem Willen Gottes gemäß gewesen. Dennoch erhebt sich seine Antwort „Was willst du mir geben?“ nicht zu der Höhe, in die Gott ihn einführen wollte, nämlich innige Zufriedenheit mit Ihm, denn was konnte Er ihm Größeres geben“ als die Verheißung, daß Er sein „sehr großer Lohn“ war? Nichtsdestoweniger kommt Gott ihm entgegen und verheißt das, was Er früher nur angedeutet hat. Aber ein langer Weg liegt zwischen ihm und der Erfüllung der Verheißung, und als Abraham muß er in seinem Hause eine Vorbereitung für die Prüfung seiner Zuneigungen über sich ergehen lassen, die ihn viele Jahre später erwartete, die er aber durchmachen mußte, um im Leben des Glaubens vervollkommnet zu werden. Es war nicht so, daß er die Fülle und Nähe, in der Gott Sich ihm offenbart hatte, unterschätzte, aber er zeigte die geheime Schwäche der menschlichen Seele, getrennt von jeder rnenschlichen Bindung zu ruhen. Gott weiß das und will gnädig helfen; aber wenn Er Isaak verheißt und gibt, muß Abraham ihn auch als von Gott gegeben ansehen.

Abraham glaubte Gott, aber sein Herz brauchte Vorbereitung und Zucht, wie wir an der Ungeduld des Fleisches sehen, die er bekundet, während er auf die Erfüllung der Verheißung wartet, und er ist ihr im engsten Familienkreise unterworfen. Es gibt vielleicht kein größeres Hindernis für die Erfüllung dessen, was Gott uns zuteil werden lassen will, als wenn eine fleischliche Gesinnung handelt. Wie es eine Eigenschaft Satans ist, das, was er nicht vereiteln kann, zu verderben, so ist es auch mit dem Eigenwillen unseres Fleisches, der gerne etwas annehmen und vollenden möchte, was eigentlich vollkommen außer ihm, bei Gott seinen Ursprung hat: so hält Eva Kain für den verheißenen Samen, weil sie eine geistliche Wahrheit in fleischlicher Gesinnung auslegt. Der Mensch kann nie das Ausmaß dessen erkennen, was Gott denen bereitet, die Ihn lieben.

Ein Ismael war der Maßstab Abrahams, ein Isaak derjenige Gottes. Inzwischen muß Abraham durch Streit und Kummer erfahren, welches die Frucht seiner Ungeduld ist, und schließlich muß er tun, was „übel in seinen Augen“ ist, nämlich seinen Sohn vertreiben. So verzögern unsere eigenen Pläne nur die wirklichen Segnungen. Es müssen fast 20 Jahre zwischen der Verheißung und der Geburt Isaaks verflossen sein, und mannigfaltig waren die Prüfungen, die er in der Zeit durchmachen mußte, obwohl der Herr ihm ebenso viele und große Mitteilungen machte.

Wir kommen nun zum vierten Abschnitt auf Abrahams Pfad der Zucht: Kapitel 21. Sein Becher scheint voll zu sein: Isaak wird geboren; die Magd und ihr Sohn vertrieben; die Mächte der Nationen - vorgestellt in Abimelech - kommen, um zu bezeugen, daß Gott mit ihm ist in allem, was er tut; er pflanzt eine Tamariske und ruft den Namen des ewigen Gottes an. Aber noch mehr Zucht war nötig, um seiner Seele deutlich zu machen, daß jener volle Becher ganz allein Gottes Gabe war; daß nur Er ihn füllen, leeren und wieder füllen konnte, und daß Er allein es konnte. Abraham erwartete nichts mehr von der Welt; würde er nun den Gegenstand seiner Hoffnungen und Zuneigungen aufgeben können? und noch mehr, würde er selbst diese schreckliche Tat ausführen wollen? Es war „übel in seinen Augen“, Ismael zu vertreiben; was mußte es für ihn sein, nun zu hören: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und ziehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst als Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir sagen werde.' Er opferte ihn nicht wie Jephtah auf sein eigenes Versprechen, sondern auf das eindeutige Gebot Gottes hin, das nicht nur seine Zustimmung forderte, sondern auch, daß er selbst der Täter sein sollte! Abraham gehorchte. Er geht den Weg der Abhängigkeit von Gott, erhaben über jeden Einfluß von Ehrsucht oder Gefühl. Aber welche Zucht! Welche Verleugnung langgehegter Hoffnungen und Gefühle! Der Gegenstand des Verzichts war nicht wie Jonas Wunderbaum, der in einer Nacht emporwuchs und in einer Nacht verdorrte, sondern die Frucht jahrelanger Geduld, Prüfungen und Anteilnahme; und nun sollte er sich selbst den vollen Becher von der Lippe reißen. Wo war das Fleisch? - wo seine Forderungen? War Abraham an jenem Tage wie Jephta „tief niedergebeugt“, oder „zürnte“ er wie Jona? Nein! der Mann der, Glaubens stand an jenem für das Fleisch so schrecklichen Tage „des Morgens früh auf und sattelte seinen Esel und nahm mit sich zwei von seinen Knaben und Isaak, seinen Sohn; und er spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf und zog hin an den Ort, den Gott ihm gesagt hatte“. Welch eine dauernde Ruhe und Würde verleiht der Glaube! Nichts geschah hastig oder überstürzt; die Zeit der Erwägung war lang, denn am dritten Tage war der Ort noch „ferne“. Wer kann im Geiste diesen Übungen einer Seele, die der Glaube treu im Gehorsam gegen das Wort Gottes bewahrte, folgen, ohne zu erstaunen über die alles übersteigende Kraft, die jener Glaube verleiht? Das Opfer ist vollständig! Abraham nimmt mit eigener Hand das Messer, um seinen Sohn zu schlachten, aber er vertraut auf Gott, „indem er urteilte, daß er auch aus den Toten zu erwecken vermöge.“ Die Abhängigkeit von Gott triumphiert über die Forderungen des Fleisches, und die Belohnung erfolgt sogleich. Der im Dickicht festgehaltene Widder, - Christus, das wahre Brandopfer, Der uns in eine herrliche Stellung vor Gott versetzt, was keines unserer Opfer je vermocht hätte, - Er ist unsere Entschädigung nach allem Verzicht und auch die wahre, vollständige Befriedigung unserer Herzen. Und so wird der Ort Jehova-jireh genannt; er ist „der Berg Jehovas“, weil hier Jehova das, was allen unseren Bedürfnissen entspricht, bereithält. Hier erhält Abraham auch die größte und vollste Offenbarung der Segnungen, die ihm jemals zuteil wurde. Das Fleisch war so zum Schweigen gebracht und die Abhängigkeit von Gott so wahr und echt, daß Jehova ihm die geheimsten Ratschlüsse Seiner Liebe offenbaren kann. Er war so vollkommen und „erwachsen“, daß er ein Ohr zu hören und ein Herz um die Weisheit zu verstehen hatte. Alles dieses hatte Gottes Zucht bewirkt; und dazu will Er, in der Größe Seiner Gnade, auch jeden von uns führen. Möchten wir wirklich Gnade und Weisheit haben, den Pfad des Glaubens zu erkennen und auf ihm zu wandeln, zur Ehre und Verherrlichung Dessen, der bei aller Erziehung unserer Herzen unseren Segen und unsere Freude im Auge hat.

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