Die Erziehung in der Schule Gottes

Jakob

Die Geschichte Jakobs ist besonders lehrreich für uns, denn in ihr wird die Tätigkeit des fleischlichen Willens dargestellt, nicht so sehr im Handeln gegen den Ratschluß Gottes, als vielmehr in dem Versuch, das durch eigene Bemühungen zu erlangen, was von Gott zuvor bestimmt ist. Je verständnisvoller der Wille des Menschen ist, und je tiefer er von der Absicht Gottes beeindruckt ist, soviel nötiger ist seine Unterwerfung unter Gott, denn sonst wird er versuchen, mit fleischlichen Mitteln zu erreichen, was der Weisheit Gottes überlassen werden sollte; und daraus entsteht Unruhe.

Der solchermaßen tätige Wille benötigt Selbstgericht; denn sein Fehler ist nicht, daß er den Willen Gottes zurückweist oder mißversteht, sondern daß er ihn mit eigener Kraft zu unterstützen und zu verwirklichen trachtet. Wenn das der Fall ist, läßt der Herr zu, daß Sein Knecht durch traurige Erfahrungen das Ende seiner eigenen Pläne sieht. Und obwohl die Ratschlüsse Seiner Liebe dieselben bleiben, müssen sie unter Bedingungen durchgeführt werden, die erkennen lassen, daß Der, welcher segnet, Sich mit dem Willen dessen beschäftigen mußte, der gesegnet wird. „Die Furcht Jehovas ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.“ Wenn ich Gott nicht vor mich stelle, kann ich, mit meinem fleischlichen Willen in einer bösen Welt, niemals in Weisheit wandeln, denn Gott ist die Quelle der Weisheit. Daher ist bloße Erkenntnis an sich nichts, d. h., sie führt den Menschen nie dazu, mit Gott zu wandeln.

Der Glaube kommt vor der Erkenntnis; durch Erkenntnis kommen wir nicht in Verbindung mit Gott, wenn der Glaube ihr nicht vorangeht. Wenn ich in Abhängigkeit von Gott wandle, muß jede wahre Erkenntnis die Abhängigkeit verstärken, denn durch die Erkenntnis lerne ich, daß niemand als Gott der Abhängigkeit würdig ist. Wenn ich Gott liebe, kenne ich ihn, aber die Liebe nährt meine Erkenntnis, sonst „bläht die Erkenntnis auf.“ Jakob ist ein bemerkenswertes Beispiel eines Menschen, der die Segnungen genießt, aber immer wieder die Pläne Gottes hemmt und ihnen durch seine eigenen Pläne zuvorkommt. Sein Herz stand gut, könnten wir sagen; aber sein Wille war ungebrochen, und der Wille des Fleisches kann nur nach seiner eigenen Verderbtheit handeln.

So zeigte er in der ersten Tat seines Lebens, die uns überliefert ist, daß er mehr auf den Segen und die Stellung, die das Erstgeburtsrecht verleiht, blickt, als auf die Mittel, durch die er diese erlangen kann. Er nützt die Lage seines Bruders aus, um den mit Recht hochgeschätzten Preis zu ergreifen, den Esau für den größten Gewinn nicht hätte aufgeben dürfen. Aber der Besitz des Erstgeburtsrechtes gab Jakob nicht den Genuß des Segens, den jenes darstellte; denn sonst hätte er sich später nicht so bereitwillig dem unwürdigen Plan gefügt, den seine Mutter ersann, um ihm den Segen zu verschaffen. Und warum? Er hatte den ersehnten Segen auf fleischlichem Wege ergriffen, und er genoß nichts von der Befriedigung, die er erfahren haben würde, wenn er ihn auf göttlichem Wege erreicht hätte; denn der göttliche Weg verbindet die Seele immer mit Gott. Wenn ein Segen nicht mit Gott in Verbindung gebracht wird, kann er mich oft noch elender machen; aber wenn ich weiß, daß er aus Seiner Liebe hervorströmt, empfängt ihn mein Herz in Ruhe und Vertrauen. Denn ich weiß, daß ich, obgleich ich den Beweis Seiner Liebe nicht sehe, ich doch die Liebe selbst nicht verlieren kann, und daß die Liebe nicht bestehen kann, ohne sich zu offenbaren.

Mose war in seinen Bemühungen, die Kinder Israel aus der Sklaverei Ägyptens zu befreien, schnell entmutigt. Er schätzte seinen Dienst, aber indem er ihn nicht mit Gott in Verbindung brachte, verlor er bald die Gewißheit bezüglich seines Erfolges. Früher oder später wird der Herr uns lehren, alle unsere Segnungen und Dienste mit Ihm in Verbindung zu bringen; denn er weiß, daß wir sonst nicht damit rechnen, daß Seine Kraft uns stützt. Deshalb ist Mose 40 Jahre in  Midian, wo er auf die Stimme aus dem brennenden Dornbusch vorbereitet wird. Im Gefängnis zu Rom wird Paulus in der Wirklichkeit von Wahrheiten befestigt, die ihm lange vorher mitgeteilt worden sind. Und als Jakob Gott nahegebracht worden war und Seine Macht erkannte, als er gegen sie rang, erhielt er durch Gnade den Namen Israel, und er empfing die Versicherung von Segnungen, auf die er schon seit vielen Jahren ein Anrecht hatte. Der Besitz des Erstgeburtsrechts, der Segen seines Vaters, das Gesicht in Bethel, der Traum in Paddan-Aram, das alles konnte Jakob nicht von der Gewißheit des Teiles überzeugen, das er so schätzte und benötigte. Der starke Arm Gottes, der mit ihm rang in Machanaim, wo er Gott persönlich nahegebracht und unterworfen wurde, er allein gab ihm die Gewißheit der Nähe Gottes und seiner Unterwerfung unter Gott.

Der Traum zu Bethel war die göttliche Mitteilung des Segens; aber erst als Jakob in einem Zeitraum von 20 Jahren in Paddan Aram die bitteren Früchte seines Eigenwillens schmeckt, wird er in jenen Umgang mit Gott gebracht, dessen Ergebnis die Geringschätzung der eigenen Person ist. Jeder, der von Gott nach einem Weg des Eigenwillens wiederhergestellt wird, muß wissen, daß der Erfolg der Gnade Gottes seine Natur, durch die er geleitet und betrogen wurde, überstrahlt; und in dem Maße wie die Gnade ihren Platz und ihre Würdigung erhält, muß das Fleisch verurteilt und verabscheut werden.

Welch ein Weg der Zucht ist nötig, um eine eigenwillige Seele zu unterwerfen! Jakob wird in allem, was er wünscht, gesegnet, obwohl seine Pläne, und immer gerade die, die ihm am wichtigsten sind, oft durchkreuzt werden. Sein älterer Bruder überläßt ihm das Erstgeburtsrecht, sein Vater segnet ihn mit dem größten Segen, Jehova offenbart ihm die Absicht Seiner Liebe mit ihm, als er ein Wanderer fern vom Hause seines Vaters ist, in Paddan-Aram gelingt ihm alles, wenn auch nach Mühen und einer Reihe von Fehlschlägen. Und als er zurückkehrt, um die aufgehäuften Segnungen im Lande der Verheißung zu genießen, begegnet ihm schon beim Eintritt sein Bruder Esau, und es muß sich herausstellen, ob er nun wirklich der Besitzer des Segens ist. Welch ein Augenblick der Pein und Ungewißheit muß das für sein eigenwilliges Herz gewesen sein! Noch ist er unfähig, Gott zu vertrauen und fürchtet, daß der Becher, den Gott Selbst gefüllt hat, nun bald von seinen Lippen gerissen wird und alle seine Segnungen verloren gehen werden. Alle Züchtigungen seines früheren Lebens waren im Hinblick auf diesen Augenblick geschehen. Er war der Gesegnete; aber besaß er Selbstverleugnung genug, um mit völligem und befriedigendem Besitz betraut zu werden? Er muß soweit mit sich selbst am Ende sein, daß er in bezug auf die Gewißheit der Segnungen allein auf Gott vertraut.

Aus jenem Kampf, - einem Kampf gegen Gott, geht er als ein Israel hervor, aber mit dem tiefen Gefühl persönlicher Schwachheit, deren Zeichen er an seinem Körper trägt. Das Hüftgelenk Jakobs war verrenkt. Er war Verlierer, was seine Person anging, aber Sieger, was seine Stellung betraf, oder mit anderen Worten: er verliert in fleischlicher Hinsicht und gewinnt in göttlicher Hinsicht. Er hatte versucht, sich die Segnungen des Landes mit der Kraft und den Hilfsquellen des Fleisches anzueignen; nach 20 Jahren der Zucht, als er das Land wirklich betreten will, wird er in solche Verlegenheit und Übungen der Seele gebracht, daß Gott seine einzige Zuflucht wird. Er wird auf Ihn geworfen und kann schließlich nur noch vorwärts schreiten, wenn Gott ihn nicht nur segnet, sondern auch unterwirft. Aber als dies erreicht ist, betritt er das Land im Glauben, als Israel, gedemütigt und gesegnet, doch mit dem äußerlichen Zeichen persönlicher Schwachheit.

Und in diesem Charakter als Israel, obgleich hinkend, kann er Esau und jedem anderen, der seinen Titel anficht, entgegentreten. Alle seine Mühen und aller Erfolg von 20 Jahren waren umsonst in Bezug auf jenen Titel; denn Gottes Segen, nicht der Beweis davon, befestigt seine Seele und sendet ihn aus als den gedemütigten Israel, den unbestreitbaren Besitzer des Landes! So ist es auch mit uns. Wir begehren die Segnungen, sind aber zu wenig unterwürfig, um ihre Ausführung dem Herrn allein zu überlassen; wir fürchten sie zu verlieren und werden uns unserer Schwachheit bewußt, wenn irgendeine Forderung an uns gestellt wird. Aber der Gott Jakobs ist auch unser Gott, und Er wird uns nicht nur züchtigen, sondern auch segnen.

Hier endet eigentlich der erste Abschnitt im Leben Jakobs. Er nimmt nun den Platz des Glaubens ein, der die einzige wahre Verbindung zum Segen darstellt; und er ist für uns das Vorbild der Ehre, die dem zuteil wird, der seinen eigenen Willen aufgibt und aus dem Kampf als Sieger über Gott und Menschen hervorgegangen ist. Wir sehen, daß Gott Sich dadurch, daß Er den verkehrten Willen eines Menschen zerbricht, auf besondere Weise auszeichnet, indem Er nämlich einem solchen Macht gibt, über Ihn Selbst und Menschen zu siegen.

Nun müssen wir Jakob in dem Lande betrachten. Obgleich der Wille gebrochen sein muß, um unseren Zugang auf einen Boden des Segens zu ermöglichen, bleiben wir selten auf jenem Platz, ohne daß eben jener Eigenwille, der unseren Eingang verzögerte und verhinderte, wiederkehrt. Soll der Pfad ein wahrhaftiger und Gott wohlgefälliger sein, muß das Fleisch, das einen entgegengesetzten Einfluß ausüben möchte, niedergehalten werden; daher muß der Platz des Segens, den ich durch die Verleugnung meines Willens betreten habe, auf dieselbe Art festgehalten werden, wenn ich ihn genießen will. Ich muß durch Gottes Zucht lernen, daß die Unterwerfung, die mich für den Eingang passend gemacht hat, nicht im geringsten gelockert werden darf, weil ich das Land erreicht habe und den Besitz genieße.

Wie oft erfahren wir das genaue Gegenteil hierzu in uns! Wie oft geschieht es, daß wir, nachdem wir große Wachsamkeit gezeigt haben, vorsichtig gewandelt sind und wahrhaft demütig einzutreten versuchten, die Weise und den Geist vergessen, mit denen wir das, was wir gesucht und erreicht haben und genießen, und so neue Zucht nötig wird! Die Kinder Israel kämpften und litten, um die Segnungen des Landes zu erreichen, aber als sie sie besaßen und genossen, wurden sie fett und schlugen aus und vergaßen den Gott, der sie erhöht hatte. Es ist schwerer, mit Gott zu wandeln, wenn die Segnungen überströmen, als wenn sie selten sind. Das Wasser war eine größere Probe für Gideons Heer als die Leiden, die der Feldzug mit sich brachte.

Jakob, der nun friedlich die Segnungen genoß, mit denen Gott ihn umgab, und der nun in dem Land, mit dem jede Segnung verbunden war, wohnte, hätte seinem Gelübde zufolge nach Bethel zurückkehren müssen. Aber stattdessen sorgt er für seine eigenen unmittelbaren Bedürfnisse und baut ein Haus in Sukkoth. Man könnte behaupten, daß seine Bedürfnisse das erforderten; dennoch wich er vom Grundsatz des Glaubens ab, durch den er den Besitz erlangt hatte. Es war ein wenn auch noch so geringes Abweichen vom Pfade eines Pilgers, und außerdem ein Halten auf dem Wege, den er hätte verfolgen sollen, bis Bethel erreicht war. Aber da es von einem Fehltritt zum andern immer nur ein kleiner Schritt ist, lesen wir als nächstes, daß er ein Stück Feld von den Söhnen Hemors kaufte. Er erwirbt eine andere Gewähr für seinen Besitz als den Willen und den Arm des Allmächtigen. Es ist eine Wiederholung des Eigenwillens, der ihn so kennzeichnete; immer versuchte er durch eigene Mittel die Segnungen zu erlangen, die von Gott kamen und die er zweifellos als solche besaß. Dies ist eine weit verbreitete Neigung, und sie ist viel schwieriger bloßzustellen und zu richten als jene, die einfach die Dinge der Welt sucht. Gott ist nicht der wichtigste Gegenstand der Seele. Gottes Gaben schließen Ihn Selbst oft aus; und wo Er nicht der Mittelpunkt ist, muß irgendwo der eigene Wille tätig sein, und in Wirklichkeit denken wir daran, uns an den Gaben statt an Ihm zu erfreuen.

So war es mit Jakob in Sichem. Er hat dem Fleisch nachgegeben und im Eigenwillen den Pfad der einfältigen Abhängigkeit von Gott verlassen und errichtet nun einen Altar, den er „Gott, der Gott Israels“ nennt; er vergißt nicht, daß er Israel, der Gesegnete, ist, aber er mißt dieser Tatsache mehr Wert bei als der Gnade Gottes, die ihn dazu gemacht hat. Der wahre Zustand unserer Seele wird, wenn ich so sagen darf, am Namen unseres Altars offenbar, mit anderen Worten, an der Art unseres Nahens zu Gott. Wenn die Seele mit sich selbst beschäftigt ist, d. h., wenn ihr eigener Zustand sie mehr beschäftigt als die Größe und Erhabenheit des Herrn, ist es klar, daß diese nicht völlig verstanden werden, sonst würden sie in den Vordergrund treten. Wenn wir in der Gegenwart Gottes sind, können wir nicht mit unserem eigenen Zustand beschäftigt sein, außer um dafür zu danken, daß wir zu einem so hohen Platz zugelassen sind. Wenn wir wirklich bei Gott sind, versinken wir in Ihm und in Seinen Schönheiten; aber wenn wir mit unseren eigenen Segnungen und Bedürfnissen beschäftigt sind, - obgleich die Beschäftigung damit zu ihrer Zeit gut ist -, so ist sie doch nicht so erhaben wie die, die Ihn zu ihrem höchsten Gegenstand macht, - nicht so erhaben wie das, was Paulus kannte, als es sein Ziel war, „Christum zu gewinnen“.

Jakob ist hier nicht nur mit seinen Segnungen beschäftigt, sondern gibt seinem Eigenwillen nach, und dafür ist Zucht notwendig. Das Gewicht, das ihn behindert, muß entfernt werden. Er muß lernen, daß seine eigenen Pläne nur Kummer und Niederlagen verursachen. So bringt sein Aufenthalt in Sichem Schande und Kummer über seine Familie, und die einzige Abhilfe ist Gehorsam gegen das Wort des Herrn.

Er muß die Schande und Erniedrigung der von ihm gewählten Stellung fühlen, und dann redet das Wort Jehovas wirkungsvoll zu seiner Seele, und die Zucht hat ihn bereitet, zu gehorchen. „Mache dich auf“, sagt Jehova, ziehe hinauf nach Bethel und wohne daselbst, und mache daselbst einen Altar dem Gott, der dir erschienen ist als du vor deinem Bruder Esau flohest.“

Wenn wir den vor uns liegenden Lauf verfolgen, geht alles gut! Jakob verläßt Sichem, um nach Bethel zu gehen und läßt alle Befleckungen zurück. Die Götzenbilder müssen in Sichem bleiben; sie können nicht nach Bethel mitgenommen werden. Sobald wir den Weg zu Gottes Haus einschlagen, müssen wir rein sein; „Seinem Hause geziemt Heiligkeit auf immerdar.“ Als er in Bethel ist, heißt der Altar El-Bethel, der Gott des Gotteshauses ist der einfache Gegenstand seiner Anbetung. Und während er den Ort so nennt in Verbindung mit Gott, so ist sein Name in Verbindung mit ihm selbst Allon Bakuth, Eiche des Weinens. Das gibt uns eine wichtige Belehrung. Wenn Jakob den hohen Platz bei Gott erreicht hat, wie der Name El-Bethel andeutet, muß er seinerseits die Ausschließung von allem, was ihn behindert hatte, erfahren. Debora, die Amme seiner Mutter, stirbt: die letzte Verbindung zu ihr, die ihn so geliebt hatte und ihrer Liebe erlaubt hatte, sich vom Pfade des Glaubens zu entfernen, ist nun zerrissen. Wir dürfen annehmen, daß die Mutter lange vorher gestorben war, aber nun stirbt die Amme. Jakob kommt unvermutet mit dem Tode in Berührung, als seine Seele sich zu ihrem wahren Platz vor Gott erhoben hatte.

Ein neuer Schritt auf dem Glaubenspfade ist getan, und nun erscheint Gott dem Jakob noch einmal, segnet ihn und bestätigt ihm den Namen Israel. Segnungen können gegeben werden, ohne bestätigt zu werden. Um bestätigt zu werden, müssen sie mit dem Geber in Verbindung gebracht werden und der Seele als in Seiner Gegenwart bestehend bekannt sein. Aber als Jakob nun Bethel erreicht und die Segnungen, die, mit diesem Glaubensschritt verbunden waren, empfangen hat, macht er sich wieder auf, um nach Hebron zu gehen, wo sein Vater wohnte. Ich sage nicht, daß diese Reise gegen den Willen Gottes, der ihn nach Bethel geführt hatte, war; aber wir sehen, daß er die Reise kaum begonnen hat, als er von der größten Probe seiner Zuneigungen heimgesucht wird. Rahel stirbt in Bethlehem. Hier entstand für ihn eine Lücke, die nie wieder geschlossen werden konnte, ein schmerzlicher Verlust den er für den Rest seines Weges nicht mehr vergessen sollte. Vgl. 1. Mose 35,16 und 48,7. In dem Vers Kapitel 48,7 spricht Jakob von jenem Kummer, als ob er alle seine Hoffnungen auf Erden vernichtet habe. „Denn ich“, sagt er, „als ich aus Paddan kam, starb Rahel bei mir im Lande Kanaan, auf dem Wege, als noch eine Strecke Landes war, um nach Ephrat zu kommen; und ich begrub sie daselbst auf dem Wege nach Ephrat, das ist Bethlehem.“ Er begräbt den Gegenstand seiner Liebe dort, wo Christus, der wahre Balsam für jedes wunde Herz, einmal geboren werden sollte. Wenn Jakob Bethel, das Haus Gottes, den Ort wo Gott ihm erschien und befahl, dort zu bleiben, verläßt, muß er lernen, daß außerhalb dieses Ortes nichts als Gram und Elend ist. Wolken umgeben seinen Weg. Die unsittliche Tat seines Erstgeborenen und der Tod seines Vaters folgen bald darauf. Wie sehr ihn die Tat Rubens traf, sehen wir in Kapitel 49,3+4, wo der Kummer seines Herzens, der hier nicht beschrieben wird, einen Weg findet alles im Lichte der Ratschläge Gottes zu überblicken.

Den nächsten Bericht von Jakob finden wir in Kapitel 37, wo wir lesen, daß er „wohnte in dem Lande, in welchem sein Vater als Fremdling geweilt hatte.“ Das war seine eigentliche Stellung, zu der ihn der Glaube berufen hatte; aber nichtsdestoweniger wird die Zucht nach einiger Zeit fortgesetzt. Es war noch immer notwendig, daß er von der Abhängigkeit auf irgendeinen Gegenstand abgebracht würde. Rahel ist tot, aber ihre beiden Söhne leben, und durch sie erfährt Jakob einen beständigen Prozeß der Kreuzigung seiner Zuneigungen.

Wenn wir die Art und Weise, in der Gott mit uns handelt, sorgfältiger beachten würden, fänden wir, daß zwar der Kummer aufhört und oft eine lange Zeit der Ruhe eintritt, daß aber die Prüfungen auf eine sehr ähnliche Weise fortgesetzt werden, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist.

Wir könnten denken, daß Jakobs Geist so gebrochen, so ohne Interessen und Gefühle war, daß er seinen Weg von nun an in Unterwerfung unter Gott fortsetzen würde. Aber nein, es gibt keine völlige Aufgabe des menschlichen Willens, solange noch eine Verbindung zum Fleisch wirksam ist; und aller Kummer seines Herzens, von dem wir in Kapitel 37 und 43 in Verbindung mit Joseph und Benjamin lesen, ist notwendig, um Jakobs Herz und Willen in völlige Unterwerfung zu bringen.

Daß die Zucht dies bewirkte, können wir nicht bezweifeln, wenn wir seine Worte in Kapitel 37, 34-35 und 43, 14 vergleichen. In Kapitel 37 zerreißt er seine Kleider, legt Sacktuch um seine Lenden und verweigert es, sich trösten zu lassen. „Denn“, sagt er, „leidtragend werde ich zu meinem Sohne hinabfahren in den Scheol!“ Aber in Kapitel 43 sagt er: „Wenn ich der Kinder beraubt bin, so bin ich der Kinder beraubt!' Mit anderen Worten: „Ich beuge mich!“ Welch ein Unterschied! Welch ein Elend, wenn das Herz gequält ist und in Gott keine Zuflucht findet, und welch ein Gegensatz, wenn Gott die Zuflucht ist und der Beraubte sagen kann: „Wenn ich beraubt bin, bin ich beraubt.' „Ich nehme diesen Platz ein.“ Das ist einfältige Unterwerfung unter den Willen Gottes und bewirkt für uns, was Gott so sehr wünscht, - dass wir unsere Quellen in Ihm suchen sollen; und die Seele, die dazu gebracht worden ist, ist vollkommen befriedigt. Das Herz in der Nähe Gottes weiß, daß Er seine Stärke und sein Teil für immerdar ist. So sagt unser Herr zum Weibe von Samaria: „jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wiederum dürsten; wer irgend aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.' Dies ist die Gabe Gottes; und der Gegenstand, dessen Verlust dem Geprüften und Gezüchtigten solchen Kummer verursacht hatte, wird ihm nach einer Zeit der Vorbereitung und Reifung in Abhängigkeit von Gott zurückgegeben.

Jakob erhält sowohl Joseph als auch Benjamin wieder. Aber er ist so unvorbereitet auf die liebende Gnade Gottes, daß schon ihre Ankündigung sein Herz erstarren läßt. Die Tiefen seines Kummers waren so groß gewesen, daß der Versuch, den Kummer zu beenden, ihn für einen Augenblick fast überwältigte. Viel Zucht war nötig gewesen, um seinen starken Willen und seine nicht unterworfene Natur zu zerbrechen, aber sie hatte ihr Ziel erreicht. Wie gebrochen ist er nun! Einer der besonderen Dienste Christi ist, das gebrochene Herz zu trösten; aber mancher Jakob kann es nicht glauben, daß so zärtliche Gnade ihn erwartet, und ihre Größe unterwirft den Gedemütigten mehr, als die Zucht es getan hat.

Aber der Herr geht immer den sicheren Weg. Er neigt Sich zu unserer Schwachheit herab und gibt uns Beweise. Der königliche Beamte (Joh 4) wurde durch Beweise überführt, daß, zur selben Stunde, als Jesus zu ihm sagte: „Dein Sohn lebt“, der Knabe gesund geworden war. So ist es hier: erst wird Jakob durch Beweise von der Wirklichkeit der Gnade überzeugt, und dann, als er Joseph wieder erhält, ist der Trost so vollständig, daß er Gefühle äußert, die denen des alten Simeon ähnlich sind, als er das Kindlein Jesus in den Armen hält: „Nunmehr mag ich sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe.“ Der Becher ist voll! Das Herz, schon so gebrochen und unterworfen, ist nun befriedigt, als es das Verlorene von Gott zurückerhält, und zwar zu Seiner größeren Ehre und Verherrlichung. Wenn die Zucht ihr Werk beendet hat, sehen wir, daß nach dem Herzen Gottes Fülle von Freude unser Teil ist.

Jakobs Leben in Ägypten ist eigentlich der dritte Abschnitt seines bewegten Pilgerlebens, und es ist eine glänzende Zeit. In seinen letzten Augenblicken geschieht die große Begebenheit, die von dem Apostel als der leuchtendste Beweis des Glaubens beschrieben wird: „Durch Glauben segnete Jakob sterbend einen jeden der Söhne Josephs und betete an über der Spitze seines Stabes.“ Dort erscheint er vor uns als der Zeuge Gottes, verständnisvoll bezüglich Seiner Ratschläge, mit gebrochenem Willen, heilig und erhaben in seinen Äußerungen. Welch ein glänzender und ruhiger Schluß seines verwirrten, eigenwilligen und zuchtreichen Lebens! Wieviel können wir von seiner Geschichte lernen! Er schätzte die Segnungen, aber er nahm immer wieder Zuflucht zu seinen eigenen Mitteln und Wegen, um sie zu erlangen; er erkannte durch kummervolle Erfahrungen die Torheit seiner Pläne und daß, mit welchem Maß der Mensch mißt, ihm wieder gemessen wird. Aber andererseits erfährt er, daß Gott die einzige wahre Ruhe und Zuflucht im Kummer ist; und dieses unvergleichliche Teil erwirbt er zur Befriedigung seines Herzens, bevor sein Lauf sich endet.

Wie nützlich und lehrreich ist es, allen Wegen Gottes mit uns nachzuspüren, wenn wir endlich in Ihm, als unserer wahren Zuflucht, ruhen.

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