Die Erziehung in der Schule Gottes

Noah

Noahs Geschichte ist deshalb besonders interessant, weil sie uns das Vorbild eines Dieners Gottes auf Erden gibt, der der Welt bezeugt, daß hier alles eitel ist, indem er eine Arche baut, um aus der Welt zu entkommen. Er ist eigentlich der Anfang der neuen Ordnung in sittlicher Kraft. Adam war erst wenige Jahre tot, ebenso Seth und Henoch, und daher hätte Lamech, Noahs Vater, damit rechnen können, daß Gott ihnen ein wenig „Ruhe“ sandte, - irgendein Zeichen Seiner Fürsorge und Regierung. Als solches erwies sich Noah (“Trost“, „Ruhe“), und daher ist sein Leben für die Diener Gottes sehr lehrreich.

Abel und Henoch waren Zeugen von Grundsätzen. Noah ist der Zeuge Gottes auf einem Schauplatz, wo diese Grundsätze verkündet, aber nun mißachtet wurden. Noah ist deshalb Gottes geduldiger Zeuge und Diener in großer Langmut, der vor dem kommenden Gericht warnt. Die Erde war verderbt vor Gott und voll Gewalttat; alle Schranken zwischen rein und unrein waren niedergerissen. Die Söhne Gottes heirateten die Töchter der Menschen, „welche sie irgend erwählten“. Der Wille war der einzige Führer und Prüfstein bei diesen unheiligen Verbindungen. Der Name Gottes wurde auf der Erde verunehrt. Die Religion Henochs und der Väter mag noch bestanden haben, aber die Richtschnur, die die Kinder Gottes beobachten sollten, um Seinen Namen zu bewahren, wurde nun zugunsten ihres eigenen Willens aufgegeben. So wurde also schon in jenen Tagen offenbar, daß die Befriedigung unseres eigenen Willens die Aufgabe jenes Zeugnisses für einen heiligen Gott zur Folge hat, das uns in einer bösen Welt geziemt. Eine Stellung ist wertvoll, wenn man sie einnimmt, wenn aber nicht, so verschlimmert sie den Abfall. Denn je höher die Stellung ist, umso weniger wird sie auch nur den geringsten Abfall ertragen. Ein Fehltritt, der in einer niedrigeren Stellung nicht bemerkt wird, wird in einer höheren untragbar. Es war notwendig, Timotheus nicht nur zu sagen, sich von den „jugendlichen Lüsten“ zu reinigen, sondern sie zu fliehen. Der Wille darf sich nicht einmischen, wenn die abgesonderte Stellung des Volkes Gottes aufrechterhalten werden soll. Folglich ist das entschlossene Festhalten der eigenen Meinung in bezug auf irgendeinen Gegenstand Sektiererei. Nun war dieses Handeln „welche sie irgend erwählten“ die herrschende Macht in den Menschen jener Zeit nach der Entrückung Henochs, dessen Prophezeiungen unbeachtet blieben; und Gott in Seiner Güte und Nachsicht errichtete Sich Selbst ein Zeugnis in der Person Noahs.

Noah war 500 Jahre auf der Erde gewesen, bevor er zu seinem besonderen Werk berufen wurde, und wir lesen, daß er unter seinen Zeitgenossen ein Zeuge der Wahrheiten war, die schon durch Abel und Henoch auf der Erde geoffenbart worden waren. Es wird gesagt, daß er ein „gerechter Mann“ war wie Abel, und er „wandelte mit Gott“, das war die große und heilige Linie, der Henoch gefolgt war. Das ist der Mann, der berufen wird, den Namen Gottes zu verkünden, d. h., was Gott ist und wie Er Sich in der Welt kundgetan hat. Grundsätze der Wahrheit, wodurch der Mensch gesegnet werden sollte, waren ausdrücklich auf der Erde bezeugt worden. Wenn nun aber alle sittliche Verpflichtung gegenüber der Heiligkeit Gottes und alle Furcht vor ihr aufgegeben wird, kommt Gott Selbst hervor, um Sich zu offenbaren, und Sein treuer Diener widmet sich dem Erforschen des Wesens Gottes in neuen, tiefen und vollen Zügen. Der Mensch kann seine Würde und Stellung unwiederbringlich verwirken und aufgeben, aber die Wahrheit Gottes und was Gott ist, der ihm diese Würde und Stellung verschaffte, kann nicht aufgegeben werden, sondern jeder wahre Diener steht zu ihr und hält sie aufrecht, - nicht um den Menschen wiederherzustellen, der sie hätte bewahren sollen, sondern um den Namen Gottes und Seine Güte zu verteidigen, die man aus dem Auge verloren hat. Wenn Gott Grundsätze verkündet, sind sie zum Segen des Menschen und haben deshalb besonders den Menschen zum Gegenstand. Aber wenn die Menschen, die sie empfangen, sie vernachlässigen, so daß ihre Schönheit und ihr Wert beeinträchtigt werden, dann geziemt es dem Diener, sie wieder zu erneuern. Nicht für die Menschen, obgleich sie noch für sie bestimmt sind, sondern für Gott, Dessen Ehre über alles geht, wenn in bezug auf sie die Gleichgültigkeit vorherrscht. Und je deutlicher und heller diese Grundsätze dargestellt werden, um so schärfer werden die Gleichgültigen und Ungläubigen verurteilt, aber soviel mehr werden auch die treuen Diener mit Ehre gekrönt und gesegnet. Ein Diener wie Noah hat in seiner Umgebung viel zu lernen außer der Tatsache seiner Annahme und seiner Verbindung mit Gott.

Die Zucht ist dem Dienst, den Noah tun soll, angepaßt. Noah mußte vor allem Geduld lernen; aber die Geduld war auch mit schwerer Mühe verbunden. Henoch besaß Geduld, aber er wandelte auf einem Pfade der Absonderung. Noah benötigte sie im praktischen Leben, denn er beschäftigte sich nicht mit dem, was angenehm war, sondern mit feindlichen Geistern. Henoch entflieht den Menschen, um mit Gott zu wandeln, und ist dann 300 Jahre geduldig. Noah hat es bei seiner täglichen Mühe mit den Menschen zu tun und verurteilt die Welt. Er ist ein Prediger der Gerechtigkeit, die er durch den Glauben an den Gott, der in der Welt sittlich verleugnet wurde, besaß. Statt Ruhe und Trost, die sein Vater Lamech erwartet hatte, gibt es Arbeit und Mühe, um Ruhe und Trost zu erlangen und um die Welt zu verurteilen, auf der der Fluch Gottes ruhte. Geduldig arbeitete er, und die Geduld zeigt ihre Früchte, obwohl wir später sehen werden, daß seine Natur das Gegenteil beweist. Um in einer bösen Welt zu Trost und Ruhe zu kommen, muß ich geduldig den Namen Gottes und die Wahrheit festhalten. Oft nehmen wir uns im Herzen ein gutes und würdiges Ziel vor, aber den versuchungsreichen und schwierigen Pfad, den wir gehen müssen, um es zu erreichen, kennen wir nur wenig. Es war zweifellos wahr, daß Noah nach dem Ausspruch Lamechs „uns trösten wird über unsere Arbeit und die Mühe unserer Hände“, ob schon Lamech es selbst nicht erlebte. Er sah es nur im Werden. Der Vorsatz, ein gutes und erwünschtes Ziel zu erreichen, vermindert in großem Maße die auftretenden Schwierigkeiten. Noah bereitete eine Arche zur Rettung seines Hauses und verurteilte die Welt wegen ihres Unglaubens und weil sie Gott leugneten, während er geduldig Zeugnis ablegte mit einer Klarheit, die alle Kinder Gottes kennzeichnen sollte. Selbst wenn er nur der geduldige Diener gewesen wäre, wäre seinem Hause der Segen infolge eben der Mühe, durch die er die Welt wegen ihrer Unkenntnis Gottes verurteilte, zugeströmt.

Gott wird den Knecht, der Ihn ehrt, immer ehren. „Der du ... hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet ... ; siehe, ich werde sie zwingen, daß sie kommen und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe“ (Offb 3,8-9). Wenn Gott und Seine Wahrheit (gemäß ihrer Offenbarung) ihre wahre sittliche Wirkung auf das menschliche Gewissen verloren haben, ist das einzig wahre und sichere Mittel zu ihrer Wiederherstellung - auch für jeden einzelnen -, nachdrücklich zu erklären, daß Gott wahrhaftig ist und jeder Mensch ein Lügner! Ich wende  mich von den Menschen weg, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben, denn ein Gewissen kann letzten Endes wahrhaft gesegnet werden, wenn Gott ihm nicht der Wahrheit gemäß vorgestellt wird.

Deshalb, wenn „die Wahrheit auf dem Markt gestrauchelt ist“, möge der Mutige bekennen, wie der wahrhaft Mutige, „ich bin dazu in die Welt gekommen, auf daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe.“

Nach Jahren der Zucht und Mühe befindet sich Noah nun in der Arche. Sehr oft wird die Eigenschaft, durch die wir uns am meisten hervortun und durch die wir am meisten erreicht haben, unwirksam, und wir leiden viel. Zweifellos wartete Noah ungeduldig darauf, die Arche zu verlassen, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatte. Unsere Ungeduld und unser Eigenwille werden in nichts so sehr bloßgestellt wie hier. Noah war ein Zeuge der Anhänglichkeit an Gott, im Gegensatz zum Eigenwillen der Menschen um ihn herum. jahrelang hat er sich abgemüht, die Arche zu bauen, und nun ist er ungeduldig, sie zu verlassen, sobald sie ihm die Errettung ermöglicht hat. Gott ist gerechtfertigt, Seiner Wahrheit ist Zeugnis gegeben, Noah und sein Haus sind errettet; und nun will er die Arche verlassen, bevor Gottes Zeit da ist. Es ist eine größere Probe, auf dem Platz des Segens zu verharren, als ihn zu erreichen, denn manche widrigen Umstände können uns bewegen oder drängen, ihn zu suchen. Aber wenn das Herz nicht befriedigt ist, wenn es nicht mit den Schätzen des göttlichen Erbteils beschäftigt ist, wenn es statt nach dem Wohlgefallen Seines Herzens an Seinen Freuden teilzuhaben, seine Aufmerksamkeit auf den „Lauch“ und die „Zwiebeln“ draußen richtet, dann ist der Errettete und Gesegnete in größerer Gefahr, abgelenkt zu werden, als der nicht Errettete, - der Wille ist tätig, und gerade die Ruhe seines Gewissens gewährt seinem unbeschäftigten Sinn Freiheit, selbst zu suchen und zu planen. Der freigelassene Rabe, der hin und wieder flog, ist ein treffendes Bild von der Ruhelosigkeit unseres ungeduldigen Geistes. Die Taube gibt Noah eine andere Unterweisung. Der Rabe hatte ihn die wahren Gründe des Eigenwillens gelehrt, gegen den er selbst gezeugt hatte, und der wie ein Hund unbefriedigt umherstreift.

Die Taube lehrt ihn zuerst, daß er Geduld haben muß. Wie demütigend ist es, wenn wir durch den sanften, weichen Ton der Liebe zurechtgewiesen werden! Die Taube hatte ihren Platz in der Arche; warum sollte Noah ihn da nicht haben? Das zweite Mal kehrt die Taube mit dem Friedenszweig zurück, so daß Noah nicht nur nachgeben muß, sondern, da die Geduld ihr Werk vollendet hat, ist er zufrieden. Das Olivenblatt zeigt uns die Fülle der Segnung, die sein ist. Und wenn die Taube noch einmal hinausfliegt, kann sie fortbleiben. Die Zucht hat Noah reifen lassen, und er wird auf einen neuen Schauplatz gerufen, auf dem er die wertvolle Erziehung beweisen soll, die ihm zuteil geworden ist; er, der aus der Arche hervorgegangen ist in aller Kraft und Treue eines siegreichen Knechts, um Gott auf Seinem wahren Platz auf Erden zu offenbaren. Gott ist befriedigt, das Zeugnis wiederhergestellt, und zwar mit vermehrtem Segen für den Menschen.

Danach beginnt Noah, Ruhe und Trost für sich zu finden. Selbstgefälligkeit tritt an die Stelle der Geduld, und so offenbart sich die Schwachheit der größten Knechte Gottes, wenn sie ihre eigene Ruhe und Befriedigung suchen. Das Hin- und Wiedergehen unserer Gedanken, wenn wir noch von unbeseitigten Schwierigkeiten umringt sind, zeigt uns, wohin unsere Neigungen gehen. Aber wenn wir Erfolg gehabt haben, dann wird unsere Schwachheit in ihrer ganzen Größe offenbar - (verflucht sei, der sie verkündet! vgl. 1.Mose 9,22+25). Obwohl Gott lange Nachsicht mit uns hat, muß Er uns Seine Gnade lehren. Wenn ich meine Schwachheit im Übermaß meiner Freude zeige, erfahre ich, wie sündhaft ich bin; und so sieht auch Noah nach all seiner Selbstverleugnung und seinem Dienst, wie sündhaft er ist. Bezeichnenderweise schließt mit dieser Warnung die Geschichte Noahs.

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