Betrachtung über das Buch Josua (Synopsis)

Kapitel 9-12

Betrachtung über das Buch Josua (Synopsis)

 Wenn aber eine Stellung wie diese die Rechte Gottes proklamierte und das Vertrauen des Volkes zum Ausdruck brachte, so führte dies bald zum Streit. Der Feind wird nicht der Eroberung und der Inbesitznahme des ganzen Gebietes zustimmen, das er sich widerrechtlich angeeignet hat.

Die Hinterlist des Feindes ist aber mehr zu fürchten als seine Kraft; ja, es ist nur diese Hinterlist, die zu fürchten ist; denn in seiner Kraft begegnet er dem Herrn, mit seiner Hinterlist betrügt er die Menschensöhne, oder versucht, es zu tun. Wenn wir dem Teufel widerstehen, flieht er; aber um wider seine List zu bestehen, brauchen wir die ganze Waffenrüstung Gottes. Christus begegnete seiner List auf dem Pfade des einfachen Gehorsams mit der Schrift, und als er sich offenbarte, sagte der Herr: „Geh hinweg, Satan!“

Die Bewohner von Gibeon gaben vor, von weither gekommen zu sein. Die Fürsten Israels gebrauchen ihre eigene Weisheit, anstatt Jehova um Rat zu befragen. Diesmal ist es nicht Vertrauen auf die Kraft des Menschen, sondern auf seine Weisheit. Die Fürsten der Gemeinde, gewohnt zu überlegen und zu führen, verfallen leichter diesem Fallstrick. So schlecht wie sie in ihrem Unglauben sind, ist das Volk – gespannt auf das Ergebnis – oft dem Sinne Gottes näher, dem das Ergebnis sicher ist. Die Fürsten ahnten, daß etwas nicht stimmte, so daß sie nicht zu entschuldigen sind. Offensichtlich war es sehr vorteilhaft, an einem Orte, wo sie so viele Feinde hatten, Verbündete zu gewinnen. Die Gibeoniter schmeichelten ihnen auch, indem sie sie Knechte Jehovas nannten. Alles war darauf abgestimmt, sie zu beruhigen.

Satan kann so gut wie jeder andere im religiösen Sinne reden; er betrügt aber erfolgreich nur dann, wenn wir die Erledigung der Sache in unsere Hände nehmen, anstatt den Herrn zu befragen. Gemeinschaft mit Ihm war nötig, um zu unterscheiden, daß diese Menschen von dem Lande waren, Fremde, die es nicht wagten, Feinde zu sein; mit solchen aber Frieden zu schließen bedeutet, sich eines Sieges zu berauben und auch seines Rechtes, das Gericht und die Herrlichkeit Gottes in dem unvermischten Besitz des Landes der Segnung zu nutzen. Verbündete können nur jene einfältige Abhängigkeit von Gott und diese Reinheit der moralischen Beziehungen beseitigen, die zwischen Gott und Seinem Volke bestehen, wenn es seine Macht allein ist, die sie aufrechterhält. Denn Verbündete waren nicht Israel. Israel verschont den Feind, und der Name Jehovas, der dabei gebraucht wurde, verpflichtet Sein Volk, einen beständigen Fallstrick in seiner Mitte zu behalten.

Vier Jahrhunderte später, in den Tagen Sauls, erzeugte dieses traurige Früchte. Für einen geistlichen Sinn würde die Anwesenheit der Gibeoniter immer etwas Böses sein. Außerdem, was hatte Israel mit Verbündeten zu tun? Genügte Jehova nicht? Möchte Er uns geben, Ihm allezeit zu vertrauen, bei Ihm Rat zu suchen, niemanden außer Ihn anzuerkennen und Ihm stets unterwürfig zu sein! Das wird den Sieg über jeden Feind sichern, und das ganze Land wird unser sein.

Übrigens brachte dieser Friede mit den Gibeonitern weitere Angriffe auf Israel mit sich. Jetzt ist jedoch alles klar. Jehova spricht zu Josua: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich habe sie in deine Hand gegeben.“ Das ist alles, was der Kampf für einen solchen bedeutet, der im Geiste vor Gott wandelt. Kampf muß sein, aber Kampf ist nur Sieg. Der Herr ist es, der den Feind in unsere Hände gegeben hat, niemand kann vor uns bestehen.

Alles ist unser. Die Sonne steht still, und der Mond bleibt stehen in seinem Laufe, um die Macht Gottes und das Interesse, das Er an der Segnung Seines Volkes nimmt, zu bezeugen. Wir können sicher sein, daß überall, wohin der Geist geht, auch die Räder gehen werden (Hes 1, 20). Josua besiegte alle seine Feinde, weil Jehova, der Gott Israels, für Israel stritt. Diesmal waren sie treu, sie schlossen keinen Frieden. Was hatten die Kanaaniter im Lande Jehovas zu tun? Hat Satan irgendein Recht auf das Land der Verheißung? Dies ist das Licht, in dem Josua das Land Kanaan stets betrachtet (Kap. 10, 27). Nach dem Siege aber kehrte Israel in das Lager zu Gilgal zurück. Wir haben schon erklärt, was Gilgal bedeutet. Aber die Rückkehr der Eroberer der Könige von Kanaan nach dort enthält die aufschlussreiche Belehrung, daß wir, welcherart unsere Siege und unsere Eroberungen auch sein mögen, immer zu dem Orte zurückkehren müssen, der uns vor Gott in Selbstvernichtung geziemt – zu der Anwendung der Erkenntnis, die wir vor Gott haben (indem uns die Auferstehung Christi in die himmlischen Örter gesetzt hat), zu der Verurteilung und dem Töten des Fleisches, zu der geistlichen Beschneidung, die der Tod des Fleisches durch die Kraft der Auferstehung ist. Es gibt eine Zeit zum Handeln, und eine Zeit, stillzustehen und auf Gott zu harren, damit wir zum Handeln geschickt sein möchten. Tätigkeit, die uns begleitende Kraft, Erfolg – alles neigt dazu, uns von Gott abzulenken, oder wenigstens das Augenmerk unserer unbeständigen Herzen zu teilen.

Dieses Lager ist aber der Ausgangspunkt eines jeden Sieges, und die Rückkehr vom Triumph nach Gilgal bedeutet wahre Kraft. Dort wird uns der Feind nicht angreifen, wenn wir treu sind. Der Angriff wird von uns ausgehen, welcherart die Machenschaften unserer Gegner sein mögen.

Lasst uns auch hier bemerken, daß trotz der Verfehlungen des Volkes und Josuas schließlich alles gut auslief. Es gab Fehler, und diese Fehler bekamen ihre Züchtigung, wie im Falle von Gibeon und von Ai. Da aber der Wandel des Volkes in der Hauptsache treu war, ließ Gott alles zum Guten zusammenwirken. Auf diese Weise führte der Friede mit Gibeon zu dem Sieg über die Könige, die das Volk angriffen. In den Einzelheiten ihrer Geschichte gab es Gründe für Demütigung und Züchtigung, aber im ganzen erscheint die Hand Gottes darin höchst offenkundig.

Es ist selten, daß jeder Schritt unseres Weges im Glauben und in Abhängigkeit von Gott unternommen wird. Wir tun wohl, uns dieserhalb zu demütigen. Wenn aber das Ziel das Ziel des Herrn ist, geht Er vor uns her und ordnet alles zum Triumph Seines Volkes in diesem heiligen Krieg, der Sein eigener Krieg ist. Fehler können ihre Früchte noch nach langer Zeit tragen.

Die Siege Israels bringen ihnen neuen Streit ein; das Bündnis ihrer Feinde dient jedoch nur dazu, sie alle zusammen in ihre Hand zu geben. Wenn Gott keinen Frieden haben will, so deshalb, weil Er Sieg haben will. Jetzt wird uns ein neuer Grundsatz vor Augen gestellt. Gott wird keinesfalls zulassen, daß der Sieg der weltlichen Macht zu dem Sitz der Macht Seines Volkes wird, denn Sein Volk ist ausschließlich von Ihm abhängig. Die natürliche Folge der Eroberung Hazors wäre, es zum Regierungssitz und zu einem Mittelpunkt des Einflusses in der Regierung Gottes zu machen, auf daß diese Stadt für Gott das sei, was sie früher für die Welt war: „Hazor war vordem die Hauptstadt aller dieser Königreiche.“ Das Gegenteil traf aber ein. Hazor wurde total vernichtet. Gott wird keine Spur der früheren Macht bestehen lassen. Er wird alles neu machen. Der Mittelpunkt und die Quelle der Macht muß Sein sein, vollständig und ausschließlich Sein – eine sehr wichtige Belehrung für Seine Kinder, wenn sie ihre geistliche Redlichkeit bewahren wollen.

In einem gewissen Sinne schien die Eroberung des Landes vollständig zu sein, d. h. es war keine äußere Macht geblieben, weder um vor ihnen zu bestehen, noch um ein Königreich zu bilden. Israel hatte aber immer noch eine Menge Feinde in diesem Lande, Feinde, die sie zwar nicht belästigten, während sie treu waren, die das Volk jedoch viele Dinge lehrten, die ihnen später zu ihrem Untergang verhalfen. Sie hatten das eroberte Land verteilt; sie hatten Ruhe vom Streit. Wenn alles beendet ist, dürfen wir unsere Siege aufzählen, aber nicht früher; bis dahin sollten wir uns eher damit befassen, noch mehr zu gewinnen.

Wir dürfen hier bemerken, daß der vor dem Angriff auf Ai gemachte Fehler als Ergebnis der Verfahren Gottes ausgelöscht zu sein scheint, er hatte sogar zur Entfaltung Seiner Vorsätze beigetragen. Gleichzeitig hatte er sie aufgehalten und fand seine Strafe. Gott widmete Sich aber der moralischen Wiederherstellung Israels zu der Zuversicht des Glaubens, und das große Ziel Seines Verfahrens wurde in keiner Weise gehindert. Das ist keine Entschuldigung; es ist vielmehr ein süßer und starker Trost, der um so mehr zur Anbetung führt. Der Fehler in der Angelegenheit der Gibeoniter scheint mir ernster zu sein. Er hielt ihren Vormarsch nicht auf, da dies aber die Tat Josuas und der Fürsten war, brachte diese sie für immer in eine falsche Stellung in bezug auf diejenigen, die sie verschont hatten.

Kapitel 11 schließt den ersten Abschnitt des Buches ab, d. h. die Geschichte der Siege Josuas (im Vorbilde ist es die Geschichte der Macht des Herrn durch den Geist, der Sein Volk in den Besitz der Verheißungen führt).

Kapitel 12 ist nur eine Zusammenfassung ihrer Eroberungen. Der Heilige Geist gibt uns nicht nur den Sieg über unsere Feinde, sondern Er läßt uns das ganze Ausmaß des Landes verstehen und erkennen, und Er bestimmt das besondere Teil eines jeden; Er gibt uns Einzelheiten über alles, was es enthält, über Gottes vollkommene Vorkehrungen für die Aneignung des Ganzen, und über die Austeilung jedes Anteiles Seines Volkes, um ein wohlgeordnetes Ganzes hervorzubringen, vollkommen in allen seinen Teilen, der Weisheit Gottes gemäß. Hier müssen wir uns aber der Unterscheidung bewusst werden, die im Neuen Testament zwischen den Gaben Gottes und dem Genuss der verliehenen Gaben gemacht wird. „Ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles.“ Er hat „uns mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern“, durch dieselbe Kraft, die Christum dahin setzte, als Er Ihn aus den Toten auferweckte und Ihn über jeden Namen setzte, der genannt wird. Doch ach! wie viele irdischen Dinge bleiben unter Christen immer noch unbesiegt. Doch der Heilige Geist nimmt diesen Zustand im Blick auf das, und in Verbindung mit dem, was ihnen rechtmäßig gehört, zur Kenntnis; das ist dies, was uns befähigt, die zweite Einteilung dieses Buches zu verstehen.

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