Nehemia - die Rückkehr der Gefangenen nach Jerusalem

Nehemia 1-6

Zwölf Jahre waren nach Vollendung des Werkes Esras verflossen, als Nehemia auf dem Schauplatz erschien. Er hielt sich noch als Gefangener in Babel auf (oder in Persien, was grundsätzlich dasselbe ist), während Esra dem Herrn in Jerusalem gute Dienste leistete. Mit dem persischen Königspalast verbunden, wie er war, besaß er zu Esras Zeit vielleicht noch nicht die Freiheit, an der damaligen Bewegung oder Erweckung teilzunehmen; vielleicht war er auch noch nicht durch den Geist dazu ermuntert worden.

Nehemia stellt eine neue Erweckung dar, wenn auch die Schwachheit auf allen Seiten zugenommen hat. Er ist nicht ein Fürst aus Davids Haus, wie Serubbabel, noch ein Priester aus dem Geschlecht Aarons, wie Esra. Er ist sozusagen ein Laie, der Mundschenk des Königs.

In allem diesem gibt es jedoch etwas, das die Gnade, die in ihm wirkte, nur umso größer erscheinen lässt. Die Lasten, unter denen seine Brüder seufzten, verliehen ihm die Kraft, sich von dem persischen Palast loszumachen, geradeso wie sie einst die Trennung Moses von Ägypten veranlasst hatten. Kein Wunder zeichnete diese Tage aus, aber wir finden in ihnen viele Zeugnisse von einer schönen sittlichen Entschiedenheit bei den zurückkehrenden Gefangenen.

Esra war sowohl Schriftgelehrter als auch Priester. Er war ein nachdenkender, anbetender Erforscher des göttlichen Wortes, und fand deshalb die Quellen seiner Kraft sowie seine Leitung in jenem Wort. Mit Nehemia war es anders. Er war ein praktischer Mann, der im Getriebe des täglichen Lebens stand, inmitten der Umstände und Verhältnisse, die die menschliche Geschichte ausmachen. Aber er war ein ernster, aufrichtiger Mann wie Esra, und er nahm das, was er hörte, und ging damit in Gottes Gegenwart, wie Esra es mit dem Gelesenen gemacht hatte.

Er hatte vernommen, dass die Mauern Jerusalems niedergerissen und seine Tore verbrannt seien, und er weinte darüber vor Gott, geradeso wie Esra die Sünden Israels gesehen und vor Gott darüber geweint hatte. Doch mag die Frage hier wohl in uns laut werden: Wie kam es, dass der Anblick dieser Trümmer bei Esra nicht dieselben Gefühle hervorrief? Er hielt sich doch die ganze Zeit in Jerusalem auf, während Nehemia im Palast des Perserkönigs war und nur durch gelegentliche Berichte etwas von der Stadt seiner Väter erfahren konnte. Hatte vielleicht die Energie in Esra abgenommen, und bedurfte er jetzt selbst der Belebung, er, der vor einigen Jahren das Werkzeug gewesen war, um andere aufzuwecken? Solche Dinge kommen vor und sind vorgekommen. In Apostelgeschichte 1,15 sehen wir Petrus als Führer unter seinen Brüdern; in Galater 2 bedurfte er selbst der Belebung, Zurechtweisung und Leitung. Der jüngere Paulus musste seinen älteren Bruder Petrus aufwecken, der dem Herrn schon jahrelang gedient hatte, als Paulus Ihn noch lästerte. Und hier möchte es fast scheinen, als ob der jüngere Nehemia, der dazu noch ein Laie war, den ehrwürdigen Schriftgelehrten aufzuwecken hätte, der viele Jahre vor ihm nach Jerusalem übergesiedelt war, um dort Gott zu dienen.

Sollte diese Annahme nicht zutreffen, so mag uns die Begebenheit zeigen, dass Gott eine Arbeit für den einen Seiner Diener hat, eine zweite für einen anderen; dass Er einen Zweck durch diese Erweckung verfolgt, einen zweiten durch jene. Serubbabel hatte sich mit dem Tempel beschäftigt, Esra mit der Wiederherstellung des Gottesdienstes; und nun steht Nehemia auf, um nach den Stadtmauern und dem inneren Zustand Jerusalems zu sehen. Auch diese Erklärung ist möglich, weil es ähnliche Fälle gibt und gegeben hat. So gab es früher einen Dienst der Gersoniter, der Merariter und der Kehathiter. Derselben Erscheinung begegnen wir in den verschiedenartigen Erweckungen, die im Zeitalter des Christentums stattgefunden haben, besonders seit der Reformation, die auch eine Art Rückkehr aus Babylon war.

Doch wo auch die Ursache liegen mag, dass Esra scheinbar so unbewegt blieb, obwohl die zerstörten Stadtmauern ihm jahrelang vor Augen waren - in jedem Fall steht er, gleich Nehemia, sehr rühmlich da in den Aufzeichnungen und in der Erinnerung des Volkes Gottes.

Nehemia war ein einfacher Mann, voll ernster und aufrichtiger Gefühle für die Ehre Gottes und das Wohl seines Volkes. Sein Buch gibt uns wohl die einzige Selbstbiographie, die wir in der Schrift finden. Dieser treue Mann Gottes schreibt seine eigene Geschichte nieder, und zwar in dem einfachen Stil, der einem wahrheitsgetreuen Bericht angemessen ist. Er lässt uns wissen, wie er sich wieder und wieder beim Fortschreiten seines Werkes zu Gott wendet, im Geist  eines glaubend vertrauenden Kindes. Sein Stil erinnert an ein Wort, das ein anderer Schreiber ausgesprochen hat, und das lautet: „Lass Christus bei jedem Gedanken den zweiten sein.“ Das will sagen: Sieh zu, dass deine Seele sich immer schnell zum Herrn kehrt inmitten der Beschäftigungen des Lebens; lass es dir zur Gewohnheit werden, vor Ihm zu sein, nicht durch eine mühevolle Wachsamkeit, sondern durch eine ungezwungene, glückliche und natürliche Übung der Seele.

Neben dieser Gott wohlgefälligen Übung seines Geistes war Nehemias Herz für seine Brüder geöffnet. In tiefer Liebe und mit jener Beredsamkeit, die frisch vom Herzen kommt, nennt er Jerusalem die „Stadt der Begräbnisse seiner Väter“. So tritt uns also in Nehemia eine nach jeder Seite hin anziehende Person vor Augen. Wir gewinnen ihn lieb und können ihn nicht wegen seiner guten Eigenschaften und Vortrefflichkeiten beneiden. Wir verfolgen seine Spur mit liebender Bewunderung.

Die Übung des Geistes, durch die Nehemia ging, ehe er die Erlaubnis seines königlichen Herrn zum Besuch Jerusalems erhielt, ist sehr schön. Vom Monat Kislew bis zum Monat Nisan, das ist vom dritten bis zum siebten Monat, trauerte er vor Gott betreffs der Stadt. Schließlich kommt er vor den König, erhält seinen Urlaub, und eine Zeit wird ihm bestimmt für Reise und Besuch. Ja, es werden ihm selbst Heeroberste und Reiter mitgegeben, die ihn führen und unterwegs beschützen sollen. In all diesem war er bis dahin viel vor Gott allein gewesen. Erweckungen beginnen gewöhnlich mit Einzelnen. Und als Nehemia Jerusalem erreichte, war er zunächst immer noch allein. Während der Nacht besichtigte er die Stadtmauern, um sich mit der Natur des Werkes, das jetzt vor ihm lag, bekannt zu machen. Er prüfte das, was er im Begriff stand, an die Öffentlichkeit zu bringen. Das war sehr richtig, denn das ist der Weg der vom Geist geleiteten Diener, wie geschrieben steht: „Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben“ (Joh 3,11).

Auch ist Nehemia kein Gönner oder Beschützer. Nein, er ist ein Jochgenosse, ein Mitarbeiter wie Paulus, oder gar wie der göttliche Meister des Apostels selbst - der, da Er Herr der Ernte war, doch auch auf dem Erntefeld mitarbeitete. Und dies ist tatsächlich stets die Art und Weise, wie der Geist Gottes die Diener Christi zubereitet. Sie prüfen, was sie lehren, und sie arbeiten als Diener, nicht als Herren oder als Gönner des Werkes Gottes. Sie hüten die Herde nicht als herrschend über ihre Besitztümer, sondern als Vorbilder der Herde. Sie herrschen nicht über den Glauben, sondern sind Mitarbeiter der Freude (vgl. 1. Pet 5,3; 2. Kor 1,24).

Gehen wir jetzt zum 3. Kapitel über und besehen uns Nehemias Gefährten am Werk. Auch da finden wir vieles, was uns belehrt und uns unsere eigenen Tage und Umstände vor Augen führt.

Alle zusammen, Vornehme und Geringe, bilden ein Volk von Arbeitern. Der Dienst an der Stadt Gottes hat sie alle auf einen Boden gestellt. Die Reichen werden erniedrigt, die Armen erhöht - ein schöner Anblick zu seiner Zeit und an seinem Platz. Dann finden wir einige mit Auszeichnung genannt: Baruk, der Sohn Sabbais, bessert „eifrig“ aus (V. 20); die „Töchter“ Schallums bessern mit ihrem Vater aus (V. 12); einige der Priester „heiligen“ ihr Werk an ihrem Teil der Stadtmauer (V. 1), während andere von ihnen in gewöhnlicher Weise arbeiten (V. 22.28). Wieder andere bauen „tausend Ellen“ (V. 13). Dann aber ist es schmerzlich, an einer Stelle hinzugefügt zu sehen, dass die Vornehmen der Tekoiter überhaupt nicht arbeiteten. „Sie beugten ihren Nacken nicht unter den Dienst ihres Herrn“ (V. 5).

Derartige Unterschiede hat es zu allen Zeiten gegeben. Auch in unseren Tagen sind sie reichlich vorhanden. Wir sehen sie bei der Errichtung der Stiftshütte in der Wüste, bei den Kämpfen in Kanaan, bei den Begleitern Davids am Tag seiner Verbannung, wie später unter den Jochgenossen des Apostels Paulus. Dabei können auch heute Frauen an der Arbeit am Evangelium und am Dienst Jerusalems teilnehmen, wie einst die Töchter Schallums und später die Frau des Aquilla. Ja, sie können ein gutes Werk tun. Doch es ist nützlich daran zu denken, dass ein jeder seinen Lohn empfangen wird nach seiner eigenen Arbeit (1. Kor 3), und ferner, dass der Herr sowohl die Beschaffenheit als auch die Menge dessen abwägt, was Ihm gegeben wird (Mt 20,1–16).

Beim Lesen des 4. Kapitels finden wir, dass die Bauenden zu Kriegsleuten und Arbeitern geworden sind. Die Fortführung des Werkes findet statt angesichts der Feinde und trotz der „Verhöhnung“ ihrerseits, wie es Hebräer 11 ausdrückt. In dieser Vereinigung von Schwert und Kelle erblicken wir die Symbole unserer eigenen Berufung. Es gibt Dinge, denen wir zu widerstehen, und andere, die wir zu pflegen und auszubilden haben. Was vom Geist in uns ist, sollten wir als Bauleute entwickeln und zu fördern suchen. Dem, was vom Fleisch ist, gilt es zu widerstehen, ja, wir sind berufen, es zu töten. Wir sind Bau- und Kriegsleute.

Die Feinde sind dieselben Samariter wie im Anfang. Zu Serubbabels Zeit fanden sie ihre Vertreter in Rechum und Schimschai, oder in Tatnai und Schetar-Bosnai. Hier in den Tagen Nehemias sind es Sanballat und Tobija. Es sind nicht Heiden, um die es sich hier handelt, sondern ein verdorbener Same Israels, der nach dem Urteil von „Fleisch und Blut“ wohl als die Beschneidung hätte gelten können. Und in jenen Tagen scheinen sie noch besonders verderbt gewesen zu sein. Denn soweit wir urteilen können, waren Edomiter, Araber, Philister und Ammoniter mit ihnen im Bund, ja, vielleicht ganz mit ihnen vermengt.

Noch ernster und noch mehr zu unserer persönlichen Warnung ist der Umstand, dass wir eine Anzahl Juden in der Nähe jener Samariter wohnen sehen. Und diese Juden waren in die Geheimnisse der Samariter eingeweiht - ein schlechtes Zeichen (vgl. V. 6). Sie waren Grenznachbarn. Sie erinnern uns an Lot in Sodom und an Obadja im Haus Ahabs. Sie waren keine Samariter. Nein, sie waren Juden und hatten auch eine gewisse Liebe und Sorge für ihre im Dienst schwer arbeitenden Brüder zu Jerusalem. Aber sie wohnten nahe bei den Samaritern und kannten deren Geheimnisse. Und das war, ich wiederhole es, ein schlechtes Zeichen. Vielleicht waren sie von dem alten Stamm, der im Land zurückblieb, als Juda gefangen weggeführt wurde. Die belebenden Einflüsse, die von Serubbabel, Esra und Nehemia ausgingen, hatten sie nie berührt. Ihr Geschmack war ihnen geblieben und ihr Geruch nicht verändert; sie waren nicht von Fass zu Fass ausgeleert worden, wie Jeremia von Moab sagt (vgl. Jer 48,11).

Verschieden, sehr verschieden von diesen Leuten war der Posaunenbläser, den Nehemia neben sich stellte. Denn wenn jene Juden in das Geheimnis der Samariter eingeweiht waren, so kannte dieser Posaunenbläser das Geheimnis Gottes. Das ist es, was diejenigen stets darstellen, die die Posaunen tragen und in sie stoßen. Mögen wir sie sehen als Priester, die ihr verschiedenartiges Werk in 4. Mose 10 verrichten oder ihr jährliches Werk am ersten Tag des siebten Monats tun (vgl. 3. Mo 23,24), oder mögen wir ihnen begegnen als den befähigten Dienern in Gottes Versammlung, wie sie lehrend und ermahnend nach 1. Korinther 12,8.9 tätig sind.

Wir finden in Nehemia sehr stark hervortretende Eigenschaften vereinigt. Das 5. Kapitel zeigt uns Tugenden in ihm, die mehr privaten Charakter haben, während wir in den vorhergehenden Kapiteln seine Energie im öffentlichen Auftreten sahen. Er verzichtet auf seine persönlichen Rechte als Landpfleger, um völlig der einfache Knecht Gottes und seines Volkes zu sein. Dies erinnert uns an Paulus in 1. Korinther 9, der dort nicht handeln will auf Grund seiner Rechte und Vorrechte als Apostel, ebenso wenig wie hier Nehemia auf Grund seiner Stellung als der Tirsatha oder der Landpfleger von Juda unter persischer Oberhoheit. Das ist schön. Es zeigt uns die verwandten Wirkungen des Geistes Gottes in seinen auserwählten, wenn auch noch so weit voneinander entfernten Dienern Nehemia und Paulus.

Jedoch enthält dieses Kapitel außer dem vorbildlichen Beispiel auch eine Warnung für uns. Die Juden, die sich jetzt schon lange Zeit in Jerusalem aufhielten, bedrückten einander. Daraufhin sagt ihnen Nehemia, dass ihre Brüder, die sich noch unter den Nationen befänden, hierin weit besser handelten. Denn diese kauften einander los, während sie, die im Herzen des Landes, ihres eigenen Landes, wohnten, sich gegenseitig verkauften.

Das ist ernst und beachtenswert. Möchte es uns zur Warnung dienen! Es sagt uns, dass diejenigen, die den richtigen Platz eingenommen hatten, verkehrter handelten als diejenigen, die sich noch am falschen Ort befanden. Die Juden in Jerusalem waren, wenn ich mich so ausdrücken darf, in besserer gemeindlicher Verfassung, während ihre Brüder in Babel sich in sittlicher Beziehung in einem reineren Zustand befanden.

Ist das nicht eine Warnung? Ist es nicht eine ernste bildliche Erläuterung dessen, was wir oft bei uns wahrnehmen und wahrgenommen haben? Ach, wie demütigend ist diese Warnung! Nicht dass wir Jerusalem verlassen und nach Babel zurückkehren sollten, sicherlich nicht. Aber wir sollten daraus lernen, dass das Einnehmen eines richtigen Platzes keine Gewähr für einen guten inneren Zustand bietet. Im Gegenteil, wir können durch die Befriedigung, die eine richtige Stellung in kirchlicher Beziehung gewährt, dahin betrogen werden, dass wir in sittliche Erschlaffung verfallen. Das ist ein sehr natürlicher Betrug. „Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN ist dies!“ (Jer 7,4). So kann die Sprache eines Volkes lauten, selbst am Vorabend des Gerichts Gottes. Man kann Minze, Dill und Kümmel treulich verzehnten, und bei alledem die wichtigeren Dinge – das Gericht (das Recht) und die Barmherzigkeit und den Glauben (Mt 23,23) – vergessen.

Doch unser Kapitel berichtet noch von anderen lieblichen Vereinigungen in dem Charakter Nehemias. Neben einer schönen Einfalt bemerken wir in ihm eine nachahmenswerte Entschiedenheit und Bestimmtheit. Seine Einfalt war so ausgeprägt, dass er sich, indem er einen Pfad des Dienstes nach dem anderen betritt, wie ein Kind zu Gott wendet. Damit geht aber eine Bestimmtheit einher, die ihn stets als von sich selbst aus handeln lässt in der Furcht und Gegenwart Gottes. So sagt er uns hier, dass sein Herz auf die Mitteilung von jenen Bedrückungen, die Brüder an Brüdern verübten, Rat in ihm hielt, bevor er handelte (V. 7). Auch seine früheren Handlungen verraten die gleiche Klarheit und Bestimmtheit. Er war der Freigelassene Christi, und nicht der Knecht der Menschen: einfältig wie ein Kind in Gottes Gegenwart und ein zielbewusster, unabhängiger Mann angesichts seiner Mitmenschen.

Das sind schöne Vereinigungen, die den Charakter dieses teuren Mannes Gottes hoch auszeichnen.

In Kapitel 6 ist Nehemia wieder im Kampf. Aber diesmal ist es ein persönlicher Kampf, den er allein auszufechten hat. Er führt hier nicht, wie in Kapitel 4, den Feldherrnstab, indem er seinen Leuten in die eine Hand das Schwert und in die andere die Kelle gibt, sondern er kämpft eigenhändig, Stirn gegen Stirn gegen die Ränke seiner Feinde. Auch sehen wir ihn in diesem Kapitel durch verschiedene Versuchungen hindurchgehen. Aber durchweg erscheint er als ein aufrichtiger Mann, dessen „ganzer Leib“ deswegen „licht“ ist. Er deckt die Listen des Feindes auf und ist in Sicherheit. Daneben finden wir jedoch noch gewisse besondere Sicherheiten, deren kurze Betrachtung uns nur nützlich sein kann.

Erstens beruft er sich seinen Feinden gegenüber auf die Wichtigkeit des Werkes, an dessen Vollendung er arbeitete (V. 3).

Zweitens stellt er ihnen die Bedeutung seiner eigenen Person vor (V. 11).

Das sind für jeden Heiligen Gottes schöne, brauchbare Beweisgründe angesichts des Versuchers. Ich glaube, dass wir den Herrn selbst sie benutzen sehen und dass Er uns lehrt, dasselbe zu tun. In Markus 3 kommen seine Mutter und seine Brüder zu Ihm, anscheinend in der Absicht, Ihn von dem zurückzuhalten, was Er für sie tat. Sie machen es geradeso, wie hier die Feinde Nehemias. Aber der Herr weist, angesichts dieser Absicht oder in Beantwortung der Ansprüche, die Fleisch und Blut an Ihn stellten, auf die Wichtigkeit des Werkes hin, das Er damals vollführte. Er war beschäftigt, seine Jünger und die Menge zu belehren, indem Er ihnen das Licht, die Wahrheit und das Wort Gottes mitteilte. Und das gesegnete Ergebnis eines solchen Werkes überstieg nach seinen eigenen Worten weit den Wert aller fleischlichen Verbindungen mit Ihm. Die Ansprüche des Wortes Gottes, das Er in jenem Augenblick verkündigte, hatten viel größeres Gewicht als die der Natur.

In gleicher Weise führt der Herr seine Jünger in die Erkenntnis der Würde ihres Dienstes ein. Er fordert sie auf, „niemand auf dem Weg zu grüßen“, wenn sie im Dienst seien, und sich durch nichts aufhalten zu lassen - weder durch ein Abschiednehmen von den Ihrigen, noch selbst durch die Teilnahme an dem Begräbnis eines Vaters (vgl. Lk 10,4; 9,59.61).

In Lukas 13,31ff versuchen dann die Pharisäer, den Herrn in Menschenfurcht zu versetzen, geradeso wie Schemaja es in unserem Kapitel mit Nehemia zu tun sucht (V. 10). In dem Bewusstsein der Würde seiner Person lässt der Herr die Pharisäer dann aber wissen, dass Er allein das Verfügungsrecht über sich hatte, dass Er so lange wandeln konnte, wie es Ihm gefiel, und seine Reise beenden konnte, wann Er wollte - dass also die Pläne des Herodes eitel waren, es sei denn, dass Er selbst ihnen erlaubte, ihren Lauf zu nehmen. Ähnlich ist es in Johannes 11. Hier waren es die Jünger, die Ihn hindern wollten, nach Judäa zu gehen, wo noch kurz vorher sein Leben in Gefahr war. Hier zeigt Er sich wieder in gleicher Weise als Der, der Er war, offenbart seine persönliche Würde und antwortet ihnen gleichsam von dieser Höhe herab (vgl. V. 9-11).

In 1. Korinther 6 ist es die Absicht des Heiligen Geistes, den Heiligen durch den Apostel Mut und Kraft einzuflößen, indem Er sie an den erhabenen Platz, an die Ehrenstellung erinnert, die ihr Teil war. „Wisst ihr nicht“, schreibt Paulus dort, „dass wir Engel richten werden?“ (V. 3) und  „dass ihr nicht euer selbst seid? Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden“ (V. 19.20). „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (V. 19).

In allem diesem gibt es große Schönheiten. Fürwahr, es sind Kriegswaffen, Waffen, aus göttlichem, himmlischem Metall geschmiedet. Mit ihnen Siege zu erringen, das ist tatsächlich christlicher Kampf. Den Versuchungen wird begegnet und dadurch widerstanden, dass die Seele das Gefühl in sich trägt von der Wichtigkeit des Werkes, zu dem Gott uns gesetzt, und von der persönlichen Würde, zu der Er uns erhoben hat. O möchten wir diese Waffen nicht nur bewundern, sondern auch nehmen und benutzen, wie sie da vor unseren Augen in Gottes Rüstkammer hängen! Man kann so leicht die Tauglichkeit eines Werkzeuges für die zugedachte Arbeit betrachten und anerkennen, und doch dabei schwach und ungeschickt bleiben, es zu benutzen und durch dasselbe jene bestimmte Arbeit zu verrichten.

In Bezug auf Nehemia, diesen treuen Knecht Gottes, möchte ich noch kurz den Gedanken eines Freundes wiedergeben. Er machte darauf aufmerksam, dass, obwohl das nach Nehemia benannte Buch von ihm selbst geschrieben ist und ein Stück Selbstbiographie darstellt, er uns doch mit sich selbst nicht weiter bekannt macht, als es notwendigerweise aus seiner Verbindung mit dem Volk Gottes und seinem Dienst in dessen Mitte hervorgeht. Von seinem Familienleben oder von seinen häuslichen Verhältnissen hört man nichts – ebenso wenig von seinem Alter oder von seinem Geburtsort, so dass man wohl sagen kann, er habe sich selbst nicht nach dem Fleisch gekannt.

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