Gottes Rettung
Die Rechtfertigung des Sünders und die Befreiung des Gläubigen

Das Gesetz und die Befreiung des Gläubigen davon

Unterabschnitt (h), (Kapitel 7,1–8,10)

Wir haben also aus Kapitel 6, Verse 21 und 22, gesehen, dass Gott Frucht und Dienst von seinen Erlösten wünscht; und den ersten Schritt hin zum Fruchtbringen und zum Dienst tut der Gläubige, wenn er die Wahrheit verwirklicht, die in Kapitel 6 dargelegt wurde, dass er in Christus der Sünde gestorben ist und somit Befreiung von ihr hat und frei ist, mit den Dingen des Herrn beschäftigt zu sein, anstatt mit der Sünde in Konflikt zu stehen. Aber sogar etwas mehr als dies wird benötigt, denn wir stellen fest, dass das Thema Fruchtbringen und Dienst in Kapitel 7,4.6 fortgesetzt wird, aber dort in Verbindung mit dem zweiten Zweig der Befreiung, den wir in der Einleitung erwähnt haben, nämlich, dass der Gläubige in Christus nicht nur der Sünde gestorben ist (wie in Kapitel 6), sondern auch dem Gesetz, wie in Kapitel 7.

Darüber hinaus, wenn dieser zweite Zweig der Befreiung nicht herausgestellt worden wäre, würden wir den Christen als einen zwar geretteten Menschen finden, der nicht arbeitet, um Rettung zu erhalten, aber der immer noch versuchen würde durch seine Werke Gott auf einem bloß gesetzlichen Weg zu dienen, anstatt dass der Ursprung und die Quelle all seines Dienstes die wertvolle Wahrheit wäre, dass er in Christus ist und ohne die gesegneten Ergebnisse, die daraus zu ihm hinfließen. Wie verschieden wird zum Beispiel der Dienst sogar von dem treuesten Diener ausgeführt im Gegensatz zur liebevollen Zuwendung – Dienst können wir es kaum nennen – einer Frau gegenüber ihrem Mann! Und entsprechend werden wir feststellen, dass die Ehe genau das Beispiel ist, das der Apostel gebraucht, um die Befreiung des Gläubigen, nicht von der Sünde, sondern vom Gesetz, klarzumachen.

Und wie nötig ist diese Unterweisung! Wenn wir uns umschauen, wie viele wahre Gläubige sehen wir, die nichts von der Freiheit der Gnade wissen, sondern immer noch unter der Knechtschaft des Gesetzes stöhnen und die darum entweder daran scheitern, dieses siebte Kapitel des Römerbriefes überhaupt zu begreifen oder andererseits, weil sie feststellen, dass es zu ihrem Zustand passt, behaupten, dass es wahre christliche Erfahrung enthält! Wahr ist es tatsächlich, dass der Apostel sich selbst sozusagen in ihre Position begibt, um uns ein Bild von den geistlichen Übungen solcher Seelen zu geben und die Mittel der Befreiung, aber echte christliche Erfahrung wird uns in diesem Kapitel überhaupt nicht gezeigt (außer beiläufig, wie in den Versen 5 und 6), das finden wir erst in Kapitel 8: Auch wenn wir in der Tat nur zu gut wissen – die meisten von uns durch bittere Erfahrung –, dass es unsere Erfahrung während einer gewissen Zeit in unserem christlichen Werdegang ausgemacht hat.

Befreiung vom Gesetz ist nötig

Wir wollen uns also dem Kapitel zuwenden und zu Beginn bemerken, dass der Schlüssel, der seine Schwierigkeiten aufschließt, der ist, dass, wie der Tod einem Menschen sein Ende setzt, so der Tod für den, der mit Christus gestorben ist, für immer die Fesseln gelöst hat, die ihn als einen Menschen im Fleisch an das Gesetz gebunden hatten; denn das Gesetz herrscht nur über einen Menschen, solange er lebt; aber der Christ ist mit Christus gestorben, darum herrscht das Gesetz nicht länger über ihn. Der Leser muss diese drei kleinen Worte begreifen: „solange er lebt“ und alles wird klar sein.

Für Frucht und Dienst

Nun, um unseren Punkt zu veranschaulichen, lasst uns den Fall einer Ehe aufgreifen. Eine verheiratete Frau ist durch das Gesetz an ihren Ehemann gebunden, solange er lebt; aber wenn er tot ist, ist sie frei, um wieder zu heiraten. Stünde sie im Begriff während seiner Lebzeiten wieder zu heiraten, wäre sie eine Ehebrecherin; aber wenn er tot ist, gibt es nicht länger irgendein Ehegesetz, das sie an ihren toten Ehemann bindet; der Tod hat das Band gelöst. Also, sagt der Apostel, sind wir dem Gesetz durch den Leib Christi gestorben – das bedeutet, durch Identifikation mit ihm im Tod, der unter Gesetz starb. Beachte hier, dass der Apostel seine Argumentationslinie aus einem speziellen Grund ändert. Um seine Analogie genau auszuführen (denn in dem genannten Fall einer Ehe musste der Ehemann sterben), hätte das Gesetz, das den Ehemann symbolisiert, sterben müssen: Aber weil das Gesetz von Gott ist und niemals stirbt – es bindet den Menschen immer, wenn dieser unter ihm ist –, verändert der Apostel sein Bild und zeigt, dass wir (als Menschen, die mit Christus identifiziert sind) dem Gesetz gestorben sind; und wir sind ihm gestorben, damit wir mit einem anderen Ehemann verheiratet würden, nämlich dem aus den Toten auferstandenen Christus, um Gott Frucht bringen zu können – das rechtmäßige Ergebnis dieser neuen Verbindung. Frucht, die aus Gesetzlichkeit heraus gebracht wurde, aus der Verbindung zum Gesetz, gibt es für Gott nicht; es ist das Produkt der Verbindung mit unserem neuen Ehemann, dem auferstandenen Christus. Denn als wir im Fleisch waren (und der Apostel spricht in der Freude der vollen christlichen Position hier davon als von einem vergangenen Stand), wirkten die Leidenschaften der Sünde, die in unserem Fleisch durch unseren alten Ehemann, das Gesetz, erregt worden waren, in unseren Gliedern, um dem Tod Frucht zu bringen. Aber jetzt sind wir befreit vom Gesetz, sind selbst dem gestorben, worin wir festgehalten worden waren (denn so sollte es übersetzt werden), so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen, einem wahren geistlichen Dienst, und nicht in dem Alten des Buchstaben – dieser Knechtschaft gegenüber dem Gesetz, unter dem der Mensch im Fleisch war. So stellen wir fest, dass wir am selben Ergebnis angekommen sind wie in Kapitel 6 – das heißt Fruchtbringen und Dienst, die aus der bewussten Befreiung von Sünde und Gesetz fließen.

Der Apostel kommt als nächstes dazu, uns ein Bild von den Erfahrungen einer Seele zu geben, die von neuem geboren ist, aber unter Gesetz steht, die noch nicht ihre Befreiung kennt („ich aber bin fleischlich“, Vers 14, vgl. dagegen 8,9). Er freut sich im Gesetz und erkennt an, dass es von Gott ist, aber er ist kraftlos, es zu halten (Vers 22); aber er findet zu guter Letzt, als seine Hilflosigkeit völlig anerkannt wird, die herrliche Befreiung, die er in Christus hat (Vers 25); und um das Bild noch lebendiger zu machen, überträgt der Apostel alle Erfahrungen einer nicht befreiten Seele bildhaft auf sich selbst (Vers 14, vergleiche auch den ähnlichen Fall in 1. Korinther 10,30), obwohl er eigentlich von der Höhe der vollen christlichen Position aus spricht.

Ist das Gesetz Sünde?

Sünde durch das Gesetz geweckt

Aber um den Faden wieder aufzunehmen: Ist also das Gesetz Sünde, weil ich sehe, dass durch dasselbe die Leidenschaften der Sünden in unseren Gliedern wirkten, um dem Tod Frucht zu bringen? Sicherlich nicht; denn ohne das Gesetz wäre die Sünde als ein Prinzip nicht aufgedeckt worden;1 denn ich hätte von Begierde nichts gewusst außer durchs Gesetz, das mir befohlen hat, nicht zu begehren. Aber die Sünde, die in dem Gebot einen Anlass fand, bewirkte in mir alle Arten von Begierde; denn im selben Moment, in dem die Zügel des Gebotes „Du sollst nicht begehren“ angelegt werden, rebelliert die böse Natur gegen die Einschränkung, und Übertretung ist das Ergebnis. Aber als ein Prinzip war Sünde untätig, bis das Gesetz kam; und Paulus, der sich selbst in die Lage eines Menschen versetzt, der dessen geistliche Bedeutung nicht kennt, sagt: „Ich aber lebte einst ohne Gesetz.“ Aber als das Gebot kam, wurde die Sünde sofort aktiv und ihre offensichtliche Anwesenheit verurteilte mich, den Sünder, zum Tod. Ich stellte fest, dass das Gebot, das auf das Leben hinwies (denn es sagte: „Tu dies, und du wirst leben“), zum Tod war; denn es verfluchte alle die, die nicht in allem blieben, was in dem Gesetz zu tun geschrieben war
(5. Mo 27,26). Somit betrog die Sünde mich durch das Gesetz, anstatt dass dies mir Kraft gegen die Sünde gab (und der Apostel personifiziert hier wieder die Sünde), und sie fand im Gesetz eine Gelegenheit, mich anzugreifen, denn die Sünde wusste, dass meine bösen Leidenschaften durch die Einschränkung des Gebotes nur geweckt und an die Oberfläche gebracht würden. Also ist das Gesetz in keiner Weise Sünde, sondern es ist heilig, und das Gebot ist heilig und gerecht und gut. Hat Gott also bewirkt, dass das Gebot, von dem ich zugebe, dass es gut ist, mir zum Tod gereichte? Sicherlich nicht. Es ist die Sünde (die durch das Gebot dahingebracht wird, ihren wahren Charakter anzunehmen) und nicht das Gebot, die durch das Gebot, das gut ist, Tod in mir bewirkt; damit die Sünde durch das Gebot völlig in ihrer überaus großen Sündhaftigkeit gezeigt würde.

Nun, wir Christen2 (und hier spricht der Apostel wieder von der Höhe der vollen christlichen Position), die wir befreit worden sind – wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; aber ich bin, leider, fleischlich, ein Sklave, der unter die Sünde verkauft ist; denn ich stelle fest, dass ich selbst eine Sache will und doch das Gegenteil tue, und dass ich hasse, was ich tue, und so unterdessen der Tatsache zustimme, dass das Gesetz gut ist. Wenn dies nun der Fall ist, dann ist es nicht mehr das wahre von neuem geborene Ich, das handelt, sondern dieses böse Prinzip der Sünde, die in mir wohnt.

Kraftlosigkeit ist nötig für die Befreiung

Ich habe also diesen Punkt erreicht: Ich habe durch bittere Erfahrung gelernt, dass in mir, so weit mein Fleisch betroffen ist, nichts Gutes wohnt: Ich bin jetzt einen Schritt weiter geführt, und lerne, dass ich kraftlos gegenüber dem Bösen bin, das in mir wohnt: Denn ich will Gutes tun, das stimmt, aber mir fehlt die notwendige Kraft, meine guten Absichten auszuführen; und tatsächlich werde ich, anstatt sie auszuführen, von der Sünde überwältigt, und tue genau das Böse, das ich nicht zu tun wünschte. So stelle ich fest, wie verhasst mir die Entdeckung auch ist, dass in mir ein beständiges Prinzip des Bösen tätig ist (daher rührt die Bezeichnung ein „Gesetz“), selbst wenn ich tun will, was gut ist. Denn auf der einen Seite freue ich mich in Gottes Gesetz als ein von neuem geborener Mensch; aber leider habe ich keine Kraft gegen das andauernde Handeln der Sünde, die mich zu einer nicht gewollten Gefangenschaft zurückführt. Ich elender Mensch – ein armer, hilfloser Gefangener gegenüber der Sünde, die ich hasse! Und doch ist der Moment, in dem ich aufhöre, zu versuchen, das Fleisch zu verbessern und auch aufhöre zu kämpfen, indem ich meine völlige Kraftlosigkeit gegenüber der Sünde eingestehe (eine Lektion, die wir alle nur sehr langsam lernen), der Moment der Befreiung. Der Endpunkt des Menschen oder hier besser gesagt der Endpunkt des Gläubigen ist Gottes Ausgangspunkt.3

Wer wird mich retten?

Und der Mensch in seiner düsteren Not, nachdem sich jeder Versuch von seiner Seite als vergeblich erwiesen hatte, nachdem er „ich“ und „mich“ etwa vierzig Mal genannt hatte, erkennt seine Hilflosigkeit an, und sucht außerhalb von sich selbst nach Hilfe. „Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“, schreit er, – nicht „Wie werde ich mich selbst retten?“ und im nächsten Atemzug dankt er Gott, der ihn durch Jesus Christus, unseren Herrn, befreit hat. Er hat sich selbst aufgegeben; er hat sich an Christus gewendet. Er ist in ihm und ist der Sünde und dem Gesetz gestorben, und darum findet er Befreiung von ihnen beiden.

Aber beachte, dass das Fleisch unverändert bleibt (Vers 25). Viele haben versucht, ihre alte Natur zu verbessern, indem sie sich selbst in Klöstern versteckt haben und die unnachgiebigste Selbstverleugnung geübt und ihre Körper abgetötet haben – aber leider nur um festzustellen, dass die alte Natur bis zum Ende unverändert und unveränderbar bleibt. Andere haben auch gedacht, dass die böse Natur komplett überschrieben werden könnte, so dass der Gläubige einen Zustand von „sündloser Vollkommenheit“ erreichen könnte; aber der Geist Gottes, als ob er solchen menschlichen Gedanken eine völlige Abfuhr erteilen wolle, zeigt uns, selbst nach der Freude, die aus dem ersten Eindruck der Befreiung folgt, dass es bis zum Ende einen Konflikt zwischen dem wahren „ich“ und dem Fleisch geben wird, wenn dem Fleisch erlaubt wird, zu handeln; denn bis zum Tod oder der Entrückung (1. Thes 4,13–18) wird der Gläubige niemals frei sein vom Fleisch, auch wenn das keine Entschuldigung für dessen Tolerierung ist.

Verwirklichte Befreiung

Wir haben also gesehen, dass nicht nur das Problem unserer individuellen Sünden durch das Blut Christi gelöst worden ist, sondern dass wir durch unseren Tod mit Christus auch Befreiung von Sünde und dem Gesetz bekommen haben. „Also ist jetzt keine Verdammnis“, sagt der Apostel, „für die, die in Christus Jesus sind.“4 Es geht nicht länger darum, dass der Gläubige nicht gerichtet wird (das ist die Lehre der Kapitel 1–5,11), sondern dass es in Christus Jesus tatsächlich jetzt keine Verdammnis für ihn gibt. Wie könnte es sie geben? Christus ist der Sünde einmal gestorben, wie wir gesehen haben; er lebt für Gott; und ihm, der der zweite Mensch ist, der letzte Adam, als Haupt unterstellt, besitzt der Gläubige eine Stellung, mit der man Verdammnis (und wir haben gesehen, dass die Tragweite der Tat des ersten Adam zu einer Stellung der Verdammnis führte) nicht in Verbindung bringen kann. Denn das Gesetz (d. h. das andauernde Handeln) des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Sicher ein gesegneter Abschluss (denn es ist das letzte, was wir von ihm hören) für das elende „Ich“ aus Kapitel 7!

Denn was das Gesetz nicht tun konnte – nämlich seine gerechten Forderungen zu erfüllen, weil es schwach war – natürlich nicht in sich selbst, sondern wegen der Tatsache, dass es seine Forderungen an das Fleisch stellte – tat Gott. Er hat die Sünde im Fleisch verurteilt; und das, indem Er seinen Sohn in Gleichgestalt des sündigen Fleisches und als ein Opfer für die Sünde gesandt hat. Gerade die Erscheinung des zweiten Menschen auf diesem Schauplatz verurteilte die Stellung all derer, die dem ersten als Haupt folgten. Welches Bedürfnis hätte es nach dem Zweiten gegeben, wenn der Erste nicht versagt hätte? Aber darüber ist der Zweite als ein Opfer für die Sünde5 gesandt worden, so dass im Ergebnis die Sünde im Fleisch durch dieses Opfer verurteilt worden ist und das Gesetz seine Rechtsforderungen6 in uns erfüllt findet, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln.

So sehen wir, dass uns die ersten drei Verse von Kapitel 8 sozusagen eine Zusammenfassung der Kapitel 5,12 bis Kapitel 7 geben.

  • Ist es eine Frage nach dem Haupt Adam und daher eine Frage der Verdammnis, wie in Kapitel 5,12–21? Ich bin in Christus Jesus, dem Haupt einer neuen Gruppe von Menschen und darum jenseits der Zugriffsmöglichkeiten der Verdammnis.

  • Ist es eine Frage nach Sünde, wie in Kapitel 6? Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.

  • Ist es eine Frage des Gesetzes, wie in Kapitel 7? Die Sünde im Fleisch ist verurteilt worden, und die Rechtsforderungen des Gesetzes werden in mir erfüllt, der ich nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandle.

Das Fleisch und der Geist

Nun, sehr eng mit der Frage, ob ich in Adam oder in Christus bin, ist die Frage verbunden, ob ich im Fleisch oder im Geist bin, und der Apostel fährt darin fort, dies zu entfalten. Denn die, die nach dem Fleisch sind, denken über die Dinge des Fleisches nach, aber die, die nach dem Geist sind, über die Dinge des Geistes. Denn was die Gesinnung des Fleisches kennzeichnet, ist der Tod, aber was die Gesinnung des Geistes kennzeichnet, ist Leben und Frieden. Denn die fleischliche Gesinnung ist Feindschaft gegen Gott, da sie dem Gesetz Gottes nicht untertan ist. Sie kann es tatsächlich auch nicht sein. Aber, sagt der Apostel, ihr seid nicht im Fleisch (wir haben gesehen, wie diese Wahrheit in Kapitel 7,5 betont wurde) – in keinem Fall in diesem Zustand vor Gott anerkannt –, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes in uns wohnt. So lautet wirklich Gottes Bewertung über uns, eine Tatsache von größter Bedeutung für uns, die wir begreifen müssen. Es ist eine festgelegte, unveränderliche Position, ein moralischer Charakter in den Augen Gottes, mit dem unsere Position als Menschen, die durch diese Welt gehen, natürlich übereinstimmen sollte; denn wir sollten praktisch immer im Geist sein; aber weil wir darin ständig versagen, wird eine gnädige Vorsorge für uns getroffen, um unsere Position hier mit unserer Position vor Gott in Übereinstimmung zu bringen, wozu Christus seine Ämter als Priester und Beistand ausübt, ob für unsere Schwachheiten (Heb 4,14–16) oder unsere Sünde (1. Joh 2,1).

Weil wir aber den Unterschied zwischen unserem praktischen Zustand und unserer Position oder dem moralischen Charakter vor Gott nicht klar begriffen haben, werden so viele Gläubige von Zweifeln und Ängsten beunruhigt. Das letztgenannte ist, wie schon gesagt wurde, festgelegt und unveränderbar; das erste verändert sich ständig; ein wandernder Gedanke, ein unheiliges Verlangen, reicht aus, um unsere Gemeinschaft zu stören; aber diese Dinge, so unentschuldbar sie sind, lassen – Gott sei Dank – unsere Position vor ihm unberührt. Aber weil wir darin versagen, das zu begreifen, verbinden viele ihre Position dort mit ihrem Verlust an Gemeinschaft hier; und weil wir denken, dass das eine vom anderen abhängig ist, hören wir so viel von ihnen über „Abfallen“, „die Notwendigkeit, sich erneut zu bekehren“ etc. Sie machen im Endeffekt ihre eigentliche Rettung von ihren Werken abhängig, obwohl sie gleichzeitig eingestehen, dass Rettung allein durch das Blut Christi erfolgen muss. „Ihr seid nicht im Fleisch, sondern im Geist“, ist eine absolute Feststellung des Geistes Gottes.

Der Wandel im Geist

Lasst uns diese gewaltige Wahrheit dankbar anerkennen, und wir werden feststellen, dass ihre Anerkennung darin resultiert, dass das Fleisch in uns gerichtet wird und der Geist handelt, so dass unser Zustand als Gläubige auf der Erde mit dem festgesetzten und entschiedenen moralischen Charakter in Übereinstimmung gebracht wird, den wir vor Gott haben.

Aber wie wenig entsprechen wir leider Gottes Gedanken! Denn auch wenn wir nicht im Fleisch sind, ist das Fleisch noch immer in uns und jederzeit bereit zu handeln, sobald unsere Wachsamkeit nachlässt und wir darin versagen, uns selbst für das Fleisch für tot zu halten.

Nun, dieser Geist ist der Geist Christi, und wenn jemand den Geist Christi nicht hat, ist er nicht Christi – er gehört nicht zu dieser Gruppe von Menschen, deren Haupt Christus ist (vgl. Gal 3,29).

Der Apostel kommt dann vom Reden über unser Sein in Christus zu der verwandten Wahrheit von Christus in uns, und fügt hinzu: „Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib tot der Sünde wegen“; das bedeutet, dass der Gläubige das Todesurteil über seinen Leib behält, weil das böse Prinzip der Sünde in ihm wohnt; aber der Geist ist Leben, was auch bewiesen wird durch die Darstellung praktischer Gerechtigkeit in dem Gläubigen.

Fußnoten

  • 1 Beachte, dass dieser zweite Abschnitt des Briefes davon handelt, was ich bin, nicht mit dem, was ich getan habe, was das Thema des vorherigen Teils dargestellt hat. Das Gesetz bringt die Tatsache ans Licht, dass ich eine sündige Natur habe. Ich bin de facto ein gefallenes Kind Adams; aber Gottes Antwort darauf ist, wenn ich ein Gläubiger bin, dass ich in Christus bin.
  • 2 „Wir wissen“ ist allgemeine christliche Erkenntnis; „ich bin fleischlich“ ist individuelle Erfahrung, die jeder selbst für sich lernen muss.
  • 3 Im Englischen ein Sprichwort: „Man’s extremity is God’s opportunity.“ Wörtl. etwa: „die Notlage des Menschen ist Gottes Gelegenheit.“
  • 4 Die Worte „die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ wurden hier aus Vers 4 heraus von manchen Bibelübersetzern eingebaut, sollten hier aber weggelassen werden. Für die Unterscheidung zwischen Gericht und Verdammnis vgl. die Fußnote 19.
  • 5 περὶ ἁμαρτίας.
  • 6 δικαίωμα.
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