Gottes Rettung
Die Rechtfertigung des Sünders und die Befreiung des Gläubigen

Der Zustand des Juden

Unterabschnitt (d), (Kapitel 2,17–3,20)

Der Jude steht unter dem Gericht

Wir haben schon im Zusammenhang des ersten Kapitels aus Psalm 19 zitiert, der vom Geist Gottes in zwei Teile geteilt wird, und zwar entsprechend dem Umgang des Psalmisten mit der Herrlichkeit Els in der Schöpfung einerseits (Vers 2) und mit dem Gesetz des HERRN in Beziehung zu Israel andererseits (Vers 8); und wir haben gesehen, wie der Mensch, der das Zeugnis der Schöpfung auf Gott hin hatte, ohne Entschuldigung war, und das, obwohl ihm weder Gesetz noch direkte Offenbarung gegeben waren. Wir werden jetzt über das nachdenken, worauf sich der zweite Teil des Psalmes bezieht, d. h. die Beziehung des HERRN zu Israel.

Das Gesetz war nur Israel gegeben

Denn der HERR war allein mit Israel eine Beziehung eingegangen und hatte nur diesem Volk sein Gesetz gegeben: „Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt“ (Amos 3,2; vgl. auch 2. Mo 19,3–8). Um den Bibeltext richtig zu verstehen, ist es sehr wichtig festzuhalten, dass das Gesetz niemals den Nationen gegeben wurde; eigentlich offensichtlich, wenn die Verse 14 und 17 unseres Kapitels und eine Menge anderer Schriftstellen von den Menschen verstanden würden. Aber wie immer, seit Kain, neigte das Fleisch zu Knechtschaft, und Nationen, selbst Gläubige aus den Nationen, für die Christus das Ende des Gesetzes ist zur Gerechtigkeit, meinen, das Gesetz halten zu müssen, was Gott sicherlich nie wollte, anstatt sich über ihre Freiheit aus Gnade als Söhne Gottes zu freuen. Wie der heimkehrende verlorene Sohn erstreben sie bestenfalls den Platz des Tagelöhners, ohne an die Zuneigung des Vaters, das Kleid, den Ring und das gemästete Kalb zu denken. Wir werden bei der Betrachtung von Kapitel 7 sehen, wie der Apostel den Gedanken, dass der Gläubige unter Gesetz ist, verwirft. Wir haben schon gesehen, dass der Nichtjude es in keinem Fall war; im Gegenteil, der Apostel spricht von dem Gesetz in Verbindung mit den Juden allein.

Der Jude verurteilt sich selbst

Nachdem er bewiesen hat, dass der Nichtjude völlig herabgewürdigt und der Moralist ein unbußfertiger Sünder ist, der sich selbst verdammt hat, wendet sich der Apostel in diesem Kapitel 2,17 (das, wie wir gesehen haben, einen Abschnitt des lehrmäßigen Teils des Briefes bildet), dem Juden zu und spricht ihn als einen an, der sich „auf das Gesetz stützt“ (was er ja auch als einziger empfangen hatte), der sich des „Gottes rühmt“, der sich selbst den Vätern als El Schaddai (1. Mo 17,1) oder als der HERR in Verbindung mit seinem Volk (2. Mo 6,2.3) offenbart hatte: Dieser bevorrechtigte Jude, der den Willen Gottes kennt und das Vorzüglichere unterscheidet, da er aus dem Gesetz unterrichtet ist, bewies doch, während er sich selbst als Führer und Licht der blinden Nichtjuden einschätzte, die in Finsternis sitzen, weil er die Form der Erkenntnis und der Wahrheit in dem Gesetz hatte, dass alle seine Privilegien dahin führten, dass er das, was er, gemäß dem Gesetz, anderen zu tun verbat, selbst tat. Das hatte zur Folge, dass tatsächlich der Name Gottes unter den Nationen gelästert wurde, anstatt dass er durch die Juden erhoben wurde, wie ihre eigenen Schriften sogar bezeugten. Was seine gerühmten Privilegien betrifft: Beschneidung würde wirklich etwas nützen, wenn er das gesamte Gesetz hielte – was er nicht tun konnte – denn Beschneidung bedeutete das Abschneiden des Fleisches (das Todesurteil über das Fleisch); aber wenn er das Gesetz brechen würde, und damit das Fleisch handeln ließe, wäre seine Beschneidung bedeutungslos. Und sofern ein unbeschnittener Nichtjude (nicht das Gesetz, sondern) das beachten würde, was das Gesetz rechtmäßig forderte,1 würde nicht sein Unbeschnittensein für Beschneidung gerechnet werden? Und würde er nicht dadurch den Juden richten, der mit Buchstaben und Beschneidung das Gesetz übertreten hat? Denn Gott möchte Wahrhaftigkeit haben und ein Jude war nicht einfach ein Jude, weil er äußerlich einer war, auch war Beschneidung nicht bloß das äußerliche Abschneiden des Fleisches; sondern der war ein Jude, der innerlich einer war, und Beschneidung war die des Herzens und geistlich (nicht in dem bloßen Buchstaben), dessen Lob nicht von Menschen, sondern von Gott war.

Was ist der Vorteil des Juden?

Wenn das so ist, kommt vielleicht naturgemäß die Frage auf: „Was ist der Vorteil des Juden?“ oder „Was ist der Nutzen der Beschneidung?“ Paulus beantwortet die Frage damit, dass die Vorteile des Juden groß seien. Um mit dem größten von allen zu beginnen: Gottes niedergeschriebenes Wort war ihnen anvertraut. Und was, wenn einige in dieser bevorzugten Position versagt und nicht geglaubt haben? Wird etwa ihr Unglaube Gott davon abbringen, Israel die Treue zu halten? Niemals! Es wäre besser, viel besser für Israel, wenn sie, anstatt solche Dinge leichtfertig zu behaupten, besiegeln würden, dass Gott wahrhaftig ist, jeder andere aber falsch, und wenn sie Davids Sprache sprechen würden, als er wie Israel furchtbar versagt hatte: „Denn ich kenne meine Übertretungen, und meine Sünde ist beständig vor mir. Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt, und ich habe getan, was böse ist in deinen Augen; damit du gerechtfertigt wirst, wenn du redest, für rein befunden, wenn du richtest“ (Ps 51,5.6). Israel sollte besser seine eigene Untreue anerkennen und Gottes gute Treue unter allen Umständen rechtfertigen, welche Form auch immer sein Handeln mit ihnen als Nation2 annehmen mag, so dass Gott wirklich im Gericht gerechtfertigt werden möge.

Aber angenommen, Israels Ungerechtigkeit hätte auf diese Weise nur dazu gedient, Gottes Gerechtigkeit zu betonen, dürften sie dann sagen, dass Gott ungerecht wäre, wenn er Vergeltung an denen von Israel übt, die untreu waren? („Ich rede nach Menschenweise“, sagt der Apostel; die bloße Unterstellung, Gott könne ungerecht sein, führt ihn dazu, sich zu entschuldigen.) Dieser Gedanke sei fern; denn wenn das so wäre, wie könnte Er dann die Welt richten, d. h. die nichtjüdische Welt, die Israel gerne unter dem Gericht sehen würde? Denn ihre eigene Erhöhung hing in Übereinstimmung mit Gottes treuen Versprechen von dem Gericht der Nationen ab und war eine Folge davon (Jes 13,14, 34;45; Jer 47–51; Sach 9,12–17; 12,6–9; 14; Micha 7,10–16), eine Wahrheit, die wir vorgeschattet finden in der Erhöhung Israels durch Gott in Kanaan, aber erst als die Bosheit der Amoriter erfüllt war. Aber wenn Gottes gute Treue gegenüber Israel durch Israels schlechte Treue Gott gegenüber noch mehr aufgewertet wird, so dass Gott wirklich dadurch verherrlicht wird, dass Er solch einem Volk die Treue hält, warum, sagt der jüdische Nörgler, richtet Er mich dann noch als einen Sünder, wo doch meine Untreue Gottes Herrlichkeit vergrößert hat? Einige behaupteten sogar, Paulus würde lehren, man müsse „das Böse tun, damit das Gute komme“. Der Apostel lässt sich gar nicht herab, auf eine solch ungeheuerliche Behauptung wie diese zu antworten, außer dass das Gericht solcher Nörgler gerecht sei.

Sind die Juden besser als die Nichtjuden?

Nachdem der Apostel so die Nörgler abgewiesen hat, stellt er jetzt die Frage, ob die Juden, nachdem sie alle Privilegien empfangen hatten, irgendwie besser seien als die Nichtjuden; und er beantwortet seine eigene Frage negativ. Er erklärt, dass Juden und Nichtjuden gleichermaßen Sünder sind; und er fährt fort, aus den Psalmen und Propheten zu zitieren, um zu beweisen, dass es niemand Gerechten gebe, sondern dass Kehle, Zunge, Lippen, Füße und Wege des Menschen alle gleichermaßen falsch seien. Und da es eben menschliche Kehlen etc. sind, ist es eine viel größere Frage als nur eine, die sich auf Israel bezieht. „Wir wissen aber“, fährt er fort, „dass alles, was das Gesetz sagt,“ (und hier schließt er die vorangegangenen Zitate aus den Psalmen und Propheten unter dem Begriff „Gesetz“ mit ein) „es zu denen redet, die unter dem Gesetz sind,“ – d. h. zu den Juden, „damit jeder Mund [von Juden und Nichtjuden] verstopft werde und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei.“ Denn wie wir gesehen haben, wurden die Nichtjuden völlig herabgesetzt ohne Gesetz, und die Juden unter Gesetz verübten genau die Dinge, die das Gesetz verurteilte, während ihre eigenen Schriften (und kein Juden könnte das Zeugnis von David und Jesaja ablehnen) erklärten, dass niemand gerecht sei, auch nicht einer. „Darum“, schließt Paulus, „aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden.“

Lasst uns hier beachten, dass es im Original nicht heißt „Werke des Gesetzes“, sondern „Gesetzeswerke“ oder gesetzliche Werke egal welcher Art – Worte, die weitreichend genug sind (wie die in dem Zitat: „kein Gerechter, auch nicht einer“), um menschliche Anstrengung nach Rechtfertigung jeder Art zu beinhalten, ob vom Juden, der das Gesetz hatte oder vom Nichtjuden, der es nicht hatte. Wehe dem armen Menschen, sei er Nichtjude, Moralist oder Jude! Seine Werke verdammen jeden gleichermaßen! Gottes eigenes Wort erklärt, dass es bei Ihm keine Rechtfertigung auf dieser Grundlage zu erreichen gibt – es kann jedoch vorkommen, dass einige in den Augen ihrer Mitmenschen dadurch gerechtfertigt werden; und in Bezug auf das Gesetz muss gesagt werden, dass es kraftlos war, vorkommen dem Menschen zu helfen, und alles, was es tun konnte, war, den Sünder von seiner Unfähigkeit zu überzeugen, das Gesetz zu halten, und zu erkennen, dass er eine Natur hat, die unheilbar schlecht ist und sich immer gegen das Gesetz auflehnt.

Fußnoten

  • 1 δικαίωμα nicht δικαιοσύνη.
  • 2 Es ist wichtig, zu sehen, dass dieser Abschnitt von Gottes Handeln mit Israel als Nation, nicht als Individuen, handelt.
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