Gottes Rettung
Die Rechtfertigung des Sünders und die Befreiung des Gläubigen

Einleitende Bemerkungen

Abschnitt I, (Kapitel 1,1–5,11)

Unterabschnitt (a), (Kapitel 1,1–17)

Der Apostel beginnt diesen Brief, indem er den Gläubigen in Rom sehr ausführlich seine Berechtigungen vorstellt; und der Grund dafür ist offensichtlich – nämlich, dass er sie noch nicht persönlich kennengelernt hatte (außer vielleicht die, die er später grüßt), auch war er nicht das Werkzeug zu ihrer Bekehrung gewesen, wie es bei anderen der Fall war, an die seine Briefe (mit Ausnahme des Kolosserbriefes) adressiert waren (Röm 1,11; Kol 2,1).

Die Berufung des Paulus

Er beginnt dann, nachdem er sich selbst als Knecht Jesu Christi bezeichnet hat, damit, den römischen Gläubigen deutlich vor Augen zu malen, dass er ein berufener Apostel war (denn so sollte es übersetzt werden). Der Heilige Geist erachtet diese Berufung des großen Apostels der Nationen für sehr wichtig, insofern als die Geschichte davon dreimal in der Apostelgeschichte erzählt wird. Der Apostel ist in seinem wahnsinnigen Eifer gegen die Nachfolger Jesu auf seinem Weg nach Damaskus. Da scheint ein Licht, stärker als alles geschaffene Licht, auf ihn herab und er hört die Stimme des Nazaräers, dessen Jünger er verfolgte. Dieser gibt ihm mit folgenden Worten den ersten Hinweis auf die Lehre von der Kirche als dem Leib Christi (was in der Tat die spezielle Offenbarung für Paulus wurde1): „Was verfolgst du mich?“ Dadurch verbindet der Herr in Gnade seine verfolgten Glieder auf der Erde mit sich selbst. Und Saulus, der Verfolger, muss den Sprecher als Herrn anerkennen, während er mit dem Gesicht auf der Erde liegt. Aber in souveräner Gnade fährt Er, der Verfolgte, fort: „Richte dich auf und stelle dich auf deine Füße; denn dazu bin ich dir erschienen, dich zu einem Diener und Zeugen zu bestimmen, sowohl dessen, was du gesehen hast [d. h. den geöffneten Himmel und Jesus Christus in der Herrlichkeit, der immer noch mit seinem Leib auf der Erde verbunden ist], als auch dessen, worin ich dir erscheinen werde, indem ich dich herausnehme [die Stoßrichtung dieses Wortes ist die Absonderung2] aus dem Volk [d. h. den Juden] und aus den Nationen, zu denen ich dich sende.“ Damit wird er sowohl aus den Juden als auch aus den Nationen durch seine Verbindung mit Christus im Himmel herausgenommen, damit er, so mit ihm verbunden, zurück zu den Nationen gesendet werden könnte (Apg 26,13–18).

Seine Absonderung

Das ist noch nicht alles. Denn später sehen wir, dass er in Antiochien eindeutig zum Dienst bestimmt wird: „Sondert mir nun“, spricht der Heilige Geist, „Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe“ (Apg 13,2). Leicht konnte er seinen Anspruch geltend machen, ein „berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes“, zu sein!

Das Evangelium von Christus, als Nachkomme Davids und Sohn Gottes

Nun, die Absonderung des Apostels, mit der wir uns gerade beschäftigt haben, geschah nicht zu einem unvollständigen Dienst, sie geschah vielmehr zum Evangelium Gottes (der guten Nachricht, die zuvor verheißen war von den Propheten), über Gottes Sohn3, Jesus Christus, unseren Herrn, der, als Sohn des Menschen aus dem Geschlecht Davids gekommen ist dem Fleisch nach, während er dem Geist der Heiligkeit nach, der immer in ihm wirkte, als Sohn Gottes erwiesen worden ist in Kraft – einer Kraft, die gleichermaßen dadurch erwiesen wurde, dass Er Tote auferweckte, wie auch durch seine eigene Auferstehung aus den Toten. Denn der, der sagen konnte: „Lazarus, komm heraus!“, konnte auch von seinem menschlichen Leben sagen: „Ich habe Gewalt es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen.“ Auch war das Apostelamt des Paulus dem der Zwölf, wie wir gesehen haben, nicht ähnlich, denn ihr Amt war vom Herrn Jesus gegeben worden, während Er noch auf der Erde war. Das Amt des Paulus war ihm von dem gegeben worden, der aufgefahren und verherrlicht war, und zwar unter seinem vollen Titel „Jesus Christus, unser Herr“4 und für seinen Namen. Das Thema und die Reichweite seines Dienstes standen in auffallendem Kontrast zu dem von Mose, der sich nur auf eine einzige Nation erstreckte, die Juden, und von ihnen absoluten Gehorsam gegenüber dem Gesetz forderte. Aber das Apostelamt des Paulus war zum Glaubensgehorsam und das unter allen Nationen. Damit umfasste es die Nationen, unter denen eben diese römischen Gläubigen gefunden wurden, die er anschreibt – Heilige durch die Berufung Jesu Christi und Geliebte Gottes. Für solche wünschte sich der Apostel Gnade und Friede von Gott – seinem und ihrem Vater – (denn durch einen Geist hatten Juden und Nationen gleichermaßen Zugang zum Vater) und ihrem gemeinsamen Herrn Jesus Christus.

Der Ursprung der Kirche in Rom

Hier müssen wir besonders darauf achten, wie wunderbar der Geist Gottes gegen die Irrtümer der Kirche in Rom – diese Versammlung sei ihre Mutter – Vorkehrungen getroffen hat. Denn sie verdankte – darauf sollte man achten – ihren Ursprung nicht der Mühe eines Apostels, am wenigsten von allen der des Petrus, den die Kirche von Rom als ihren ersten Papst beansprucht, der aber, wie wir wissen, überhaupt nicht der Apostel der Nationen war, sondern der der Juden (Gal 2,8). Dazu wohnte er normalerweise zusammen mit Jakobus in Jerusalem (Gal 1,18.19; 2,7–9), während Paulus, selbst der Apostel der Nationen, zum Zeitpunkt, als er diesen Brief schrieb, Rom noch nie besucht hatte (1,11–13). Wie nun die Versammlung in Rom entstanden ist, darüber schweigt die Bibel. Aber wir wissen, dass Fremde aus Rom – Juden und Proselyten – am ersten Pfingsttag nach dem Tod des Herrn anwesend waren, als der Heilige Geist gegeben wurde, und dass sie Petrus predigen hörten (Apg 2,10). Diese Leute könnten vielleicht die Keimzelle der Versammlung gebildet haben, die dort existierte, als Paulus diesen Brief schrieb.

Keine apostolische Nachfolge bei Paulus

Angetrieben vom Heiligen Geist bemüht sich Paulus zu erklären, dass sein Apostelamt nicht durch Nachfolge von Petrus oder den zwölf Aposteln her erlangt wurde, sondern von Jesus Christus selbst. Er erlaubt damit keine offizielle menschliche Nachfolge wie die, die von Gott im Fall des jüdischen Priesteramtes bestimmt worden war. Gleichzeitig spricht er jeden wahren Gläubigen als einen Heiligen Gottes an. Wie die falsche Lehre Roms leider die bekennende Christenheit durchzieht, kann allein schon daran beurteilt werden, dass man genau diesen Begriff „Heiliger“, mit dem Gläubige vom Heiligen Geist und ihren Mitgläubigen in der Zeit der Apostel gegrüßt wurden, heute ins Lächerliche zieht, wenn ein Kind Gottes jetzt so genannt wird. Leider ist das nicht alles, sondern diese unberechtigte apostolische Nachfolge wird begleitet von dem tödlichen Irrtum, nämlich dass dieses selbstgemachte Apostelamt durch seine Sakramente Leben und Sohnschaft übertragen könne. „Berufene Jesu Christi“, „berufene Heilige“, so lautet das Wort Gottes. Sein Lob an die Kirche von Ephesus ist doch gleichzeitig ernst, als er, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelte, sagte: „Du hast die geprüft, die sich Apostel nennen und es nicht sind, und hast sie als Lügner befunden.“ Ernst sind auch seine Worte an Smyrna in Bezug auf ein traditionelles Priestertum und Gesetz und Zeremonien: „Ich kenne die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind es nicht, sondern eine Synagoge des Satans“ (Off 2,2.9). Völlig zu Recht schreibt also der Apostel diesen römischen Heiligen, dass er als Apostel und sie als Heiligen berufen waren durch Jesus Christus!

Der Glaube der Heiligen in Rom

Der Apostel hat sich selbst damit den römischen Gläubigen vorgestellt und beginnt jetzt zu danken (wie es in der Tat fast ausnahmslos seine Gewohnheit war). Er dankt für das, was ihn beeindruckte, was besonders von Gott in denen bewirkt war, die er anschrieb – in diesem Fall: „Glaube, verkündigt in der ganzen Welt.“ Wir sehen auch, wie er Gott dankt, dass die Korinther in Wort und Erkenntnis reich gemacht worden waren, so dass sie an keiner Gnadengabe Mangel hatten (1. Kor 1,4.5); ebenso für den Glauben an den Herrn Jesus Christus und die Liebe zu allen Heiligen bei den Ephesern und Kolossern (Eph 1,15.16; Kol 1,3.4); für all seine Erinnerung an die Philipper und ihre beständige Teilnahme an dem Evangelium (Phil 1,3–5); für das Werk des Glaubens, die Bemühung der Liebe und das Ausharren der Hoffnung auf das Kommen des Herrn Jesus im Fall der Thessalonicher im ersten Brief (1. Thes 1,2.3); und im zweiten Brief, als diese Hoffnung schwach geworden war, für ihren Glauben und ihre Liebe allein (2. Thes 1,3). Aber den Galatern, die von der Gnade wieder zum Gesetz zurückgekehrt waren, und die durch Gesetzeswerke und fleischliche Bestimmungen vollendet werden wollten, obwohl sie im Geist begonnen hatten, schreibt er folgendermaßen: „Jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr aber von Gott erkannt worden seid, wie wendet ihr euch wieder um zu den schwachen und armseligen Elementen, denen ihr wieder von neuem dienen wollt? Ihr beachtet Tage und Monate und Zeiten und Jahre. Ich fürchte um euch, dass ich etwa vergeblich an euch gearbeitet habe“ (Gal 4,9–11).

Als er Gott für den Glauben dieser römischen Heiligen gedankt hat, ruft Paulus Ihn als Zeugen an (Ihn, dem er diente – nicht wie die Galater es zu tun versuchten, nämlich im Fleisch – sondern im Geist, im Evangelium seines Sohnes) für seine unablässigen Gebete, endlich durch Gottes Willen in die glückliche Lage zu kommen, sie zu besuchen. Denn er sehnte sich danach, sie zu sehen, damit er ihnen etwas geistliche Gnadengabe mitteile, die er in seiner apostolischen Gnade und Kraft vermitteln konnte, um sie aufzuerbauen. Der Apostel nennt es sogar ein gegenseitiges Gestärkt werden durch den jeweiligen Glauben des anderen. Darin offenbart er wahre Demut.

Auch wollte er sie wissen lassen, dass er sich oft vorgenommen hatte, sie zu besuchen, aber bis jetzt verhindert worden war (diese Hindernisse waren ihm zweifellos von Satan in den Weg gelegt worden, wurden aber von Gott zum Segen umfunktioniert, weil wir ihnen diesen gesegneten Brief verdanken), um etwas Frucht unter ihnen zu haben wie auch unter den anderen Nationen.

Paulus, der Apostel der Nationen

Der Apostel war ein Diener der Nationen und ihnen allen ein Schuldner, ob nun außerhalb der zivilisierten Welt oder in deren Zentrum, so dass er bereitwillig war, so viel an ihm lag, das Evangelium auch denen in Rom zu predigen, denn er schämte sich des Evangeliums nicht. Dieses Evangelium stellte Gottes Kraft zu retten dar, und zwar jeden, der glaubt und hing nicht von menschlicher Kraft ab.

Das allgemeine Evangelium

Weil es Gottes Kraft ist, schließt es den Menschen und seine Werke und außerdem auch natürliche Unterschiede aus – Unterschiede, die sogar von Gott gegeben waren, aber zur vergangenen Haushaltung des Gesetzes5 gehörten, wie der Unterschied zwischen Juden und Nationen. Aber die Juden hatten den Vorrang, bis schließlich Gottes Gericht, das über den Tempel, den von Gott zuvor erwählten Platz für Anbetung, ausgerufen worden war, von Titus ausgeführt und der Tempel zerstört werden würde.

Es offenbart Gottes Gerechtigkeit

Jetzt wird im Evangelium Gottes Gerechtigkeit in der Errettung offenbart, wo der Mensch keine hatte. Denn der Mensch war erprobt worden: in Eden in Unschuld unter einem einzigen Gebot; außerhalb Edens unter dem Gewissen ohne direkte Offenbarung; unter Gesetz mit Offenbarung; dann mit Gott geoffenbart im Fleisch in seiner Mitte; aber in jeder Haushaltung und unter jedem Test versagte der Mensch völlig. Aber von jetzt an verlangte Gott nicht länger Gerechtigkeit vom Menschen auf der Grundlage von Werken, sondern offenbarte dem Menschen durch das Evangelium seine eigene Gerechtigkeit auf der Grundlage von Glauben, wenn er denn gefunden wurde – ein Prinzip, das von den Schriften der Juden selbst bezeugt wurde, denn „der Gerechte aber wird aus Glauben leben“ (Hab 2,4). Unsere deutsche Übersetzung schafft eine Schwierigkeit in diesem letzten Vers 17, indem sie ihn wiedergibt „aus Glauben zu Glauben“. Die Bedeutung ist, wie oben angegeben, „auf der Grundlage des Glaubens“, wie aus der zitierten Schriftstelle ersichtlich ist, die genau dieselbe Wahrheit ausdrückt, aber dort im Alten Testament richtig übersetzt wird mit „durch“ – der Gerechte wird durch oder auf der Grundlage seines Glaubens leben. Der Gebrauch der Gegenwarts-Zeitform in dem Wort, das „wird offenbart“ übersetzt wurde, zeigt nicht, dass Gottes Gerechtigkeit über dem Gläubigen zunimmt, wie einige meinen, sondern dass die Gerechtigkeit Gottes durch das Evangelium permanent offenbart wird.

Was ist Gottes Gerechtigkeit?

Die Frage „Was ist Gottes Gerechtigkeit?“ hat viele beunruhigt. Aber wir werden feststellen, dass das Wort Gottes uns eine vollständige und abschließende Antwort gibt. So lesen wir in Vers 26 des dritten Kapitels: „Zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist.“ Daher bedeutet Gerechtigkeit Gottes keine angerechnete Gerechtigkeit – eine Gerechtigkeit, die Gott dem Menschen gemäß seinem Glauben anrechnet wie in Kapitel 4 (obwohl diese letztere Art eng verbunden ist mit der ersteren und auch von ihr abhängt), sondern es ist Gottes Übereinstimmung mit seinem eigenen Charakter, wodurch Er aufgrund des Blutes Christi genauso gerecht ist im Vergeben und Rechtfertigen des Sünders, wie Er es sein wird in der Verurteilung dessen, der Christus missachtet oder abgelehnt hat. Denn jetzt, wo seinen Forderungen gegenüber der Sünde vollständig von dem entsprochen worden ist, der selbst keine Sünde kannte und doch für uns zur Sünde bzw. zum Sündopfer gemacht wurde, kann Er ohne jeden Widerspruch in sich selbst auftreten und durch das Evangelium seine Gerechtigkeit in der Rechtfertigung des Gottlosen verkündigen.

So weit zu den einleitenden Bemerkungen von Paulus.

Fußnoten

  • 1 Eph 3,3–7; Kol 1,24.25.
  • 2 ἐξαιρούμενος.
  • 3 Beachte, dass Paulus als Erster predigte, dass Christus der Sohn Gottes ist (Apg 9,20). Petrus hatte bis dahin nur Juden angesprochen, denn Gott machte ihnen in Gnade ein letztes Angebot. Und er hatte ihnen Jesus als Knecht dargestellt (παῖς, nicht υἱός – Apg 3,13; 4,27).
  • 4 „Jesus“ ist der Titel des Herrn als Mensch auf der Erde (auch wenn Er schon damals für den Glauben „Christus“ war – Mt 16,16); Er war zum Herrn und Christus gemacht worden, als Er auferstand und in den Himmel auffuhr (Apg 2,36) – „Gott hat ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“
  • 5 Vgl. Anhang A
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