Gottes Rettung
Die Rechtfertigung des Sünders und die Befreiung des Gläubigen

Der natürliche Zustand der Nationen im Allgemeinen

Unterabschnitt (b), (Kapitel 1,18–32)

Die Nationen stehen unter dem Gericht

Aber wenn das so ist, wenn durch das Evangelium jetzt die Gerechtigkeit Gottes offenbart wird auf der Grundlage des Glaubens, folgt daraus, dass die damit zusammenhängende Wahrheit, der Zorn Gottes, gleicherweise offenbart wird; zwar nicht durch das Evangelium – denn die gute Botschaft spricht nicht vom Zorn, sondern das Evangelium offenbart Gottes Gerechtigkeit, wie wir gesehen haben; dennoch bringt das Evangelium, weil es den Weg des Entkommens verkündigt, in letzter Konsequenz die Offenbarung des Zornes Gottes vom Himmel her mit sich, vor dem man entkommen kann.

Der Zorn Gottes

Der Zorn Gottes, wird also vom Himmel her offenbart: Er ist nicht länger beschränkt auf Regierungswege Gottes mit der Erde, die von Zeit zu Zeit gegen bestimmte Phasen oder Höhepunkte der Bosheit gerichtet waren – wie beispielsweise die Flut oder die Zerstörung Sodoms und Gomorras, sondern er wird vom Himmel her offenbart über alle Gottlosigkeit und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen. Aber die Offenbarung des Zornes Gottes über die Sünde wird im Kreuz gesehen, wo sein Zorn völlig über den ausgegossen wurde, der, sündlos in sich selbst, dort zur Sünde gemacht wurde – und der dadurch mit einem Mal bewies, was Gottes gerechte Natur verlangte und was wir als Sünder waren. Gott prüfte den Menschen jetzt nicht länger, um zu sehen, ob er irgendwelche Gerechtigkeit für ihn hervorbringen könne, denn die lange Erprobung von viertausend Jahren war abgeschlossen und Gottes Urteil „kein Gerechter“ war gesprochen worden; der Herr selbst hatte mit Blick auf das Kreuz erklärt: „Jetzt ist das Gericht dieser Welt“; und Gottes Zorn über die Sünde, der bis dahin nicht vom Himmel her offenbart worden war, aber jetzt enthüllt wurde, musste auf das Haupt des hingegebenen Mittler fallen, der zwischen Gott und Mensch stand (1. Tim, 2,5).

Auf wen er gerichtet ist

Jetzt hat der Zorn Gottes nicht nur alle Gottlosigkeit, sondern auch alle Ungerechtigkeit der Menschen als Gegenstand, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen. Und er richtet sich genauso an die, die den offenbarten Gott nicht kennen wie auf die pharisäischen Juden oder den christuslosen Bekenner der gegenwärtigen Zeit, der vielleicht religiös ist und viel über Christus und Gottes Wort weiß, aber doch keinen lebendigen Glauben hat, keine persönliche Kenntnis Christi und der nie von neuem geboren wurde durch die Anwendung des Wortes auf seine Seele durch den Geist.

Warum?

Nun, es gibt zwei Gründe für die Offenbarung des Zornes Gottes, beide beziehen sich auf die Verantwortlichkeit des Menschen; der eine dem gegenüber, was von Gott erkennbar war, der andere dem gegenüber, was bekannt war, entsprechend den beiden Kategorien aus Vers 18, dem Gottlosen und dem Ungerechten.

Nun zum ersten Grund, der Verantwortung des Menschen dem gegenüber, was von Gott erkennbar war: Für den Gottlosen, der Gott nicht kannte (an den keine direkte Offenbarung gerichtet worden war), gab es das stille Zeugnis der Schöpfung. Denn in der Schöpfung – durch sichtbare Dinge oben am Himmel und rundherum auf der Erde – hatte Gott ein Zeugnis für seine ewige Kraft und seine Göttlichkeit gegeben, Dinge, die an sich unsichtbar sind. Der Mensch konnte also den Sonnenaufgang oder -untergang am Tag nicht anschauen oder den Sternenhimmel nachts nicht betrachten, ohne in seiner Seele das stille Zeugnis von einem Gott zu empfangen, der diese Dinge gebildet hatte, und von einer ewigen Kraft, die sie aufrechterhielt und lenkte. Selbst der Psalmist hatte gesungen: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündet seiner Hände Werk. Ein Tag berichtet es dem anderen, und eine Nacht meldet der anderen die Kunde. Keine Rede und keine Worte, doch gehört wird ihre Stimme. Ihre Mess-Schnur geht aus über die ganze Erde, und ihre Sprache bis an das Ende des Erdkreises“ (Ps 19,2–5). „Damit sie“, fügt der Geist hinzu, „ohne Entschuldigung seien.“

Das von Gott „Bekannte“

Aber nun zum zweiten Grund, zur Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber dem, was von Gott bekannt war, wie im Fall derer, die ein gewisses Maß an Erkenntnis hatten, die Gott kannten, wie Noahs Nachkommenschaft ihn kannte – diese verherrlichten ihn weder als Gott, noch brachten sie ihm Dank dar für die Segnungen, die sie besaßen1, sondern in ihrer eingebildeten Weisheit, die in Wirklichkeit Torheit war, verloren die, die Gott gekannt hatten, in ihren Überlegungen den Maßstab von dem, was Gott ist – den einzig wahren Maßstab, an dem der Mensch sich selbst messen kann – und verwandelten die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes in ein Bild (das heißt, sie setzten Götzendienst ein – eine Sünde, die vor der Flut unbekannt war). Und in dem Verhältnis, in dem sie in ihren Gedanken Gott herabsetzten, zuerst auf die Ebene ihres eigenen verdorbenen Ichs, dann auf die von Vögeln und dann von vierfüßigen Tieren und zuletzt, als ob das noch nicht genug Erniedrigung bedeutet hätte, auf die Ebene von kriechenden Tieren (so dass der Mensch, der von Gott an die Spitze der Schöpfung gesetzt worden war, wenn er in den Begierden seines eigenen Herzens von Gott hingegeben wurde, als Anbeter des Bildes endet, das Satan selbst darstellt), so wurden sie selbst, in ähnlichem oder größerem Maß, herabgewürdigt, bis die Männer – und leider sogar die Frauen – zu einer niedrigeren Ebene als die kriechenden Tiere selbst hinabsanken. Und weil sie es sogar nicht für gut befanden, Gott in ihrer Erkenntnis zu haben, so hat Gott sie im Gegenzug hingegeben, so dass sie das richtige Unterscheidungsvermögen verloren haben (das mit „verworfen“ übersetzte Wort bedeutet „einen nicht unterscheidenden Sinn“) und Dinge tun, die sich nicht geziemen, und das törichte Herz von Vers 21 wird zum Herzen der Begierde in Vers 24. Das Herz des Menschen ist für Gott bestimmt und Er allein kann es zufriedenstellen. Wenn es aber Erfüllung woanders sucht, dann wehe dem Menschen! Mit all seiner gerühmten Kultur und Philosophie wird er sich selbst nur noch mehr herabwürdigen und seine Begierden vergöttlichen: Der stolze Römer, der verfeinerte Grieche, der sogenannte Christ unseres Jahrhunderts, sie enden nur dort. Und die geblendeten Anhänger Satans tun diese Dinge nicht nur selbst, sondern haben Wohlgefallen an denen, die es tun, obwohl sie Gottes Urteil über ihre Sünde erkennen.

Fußnoten

  • 1 Diese Segnungen und die Abschwächung des Fluches von 1. Mose 3,17.18 sind das Ergebnis des lieblichen Geruchs von Noahs Brandopfer (1. Mo 8,20–22) und sind die Erfüllung der Prophezeiung Lamechs, der seinen Sohn Noah nannte (d. i. „Trost“ oder „Ruhe“), indem er sagte: „Dieser wird uns trösten über unsere Arbeit und über die Mühe unserer Hände wegen des Erdbodens, den der Herr verflucht hat“ (1. Mo 5,29).
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel