Das Buch Ersa
Botschafter des Heils in Christo 1913

Esra 5 und 6 – Das Wiedererwachen und die Erbauung des Tempels

Bei der Betrachtung der Tätigkeit des jüdischen Überrestes in den früheren Kapiteln haben wir gesehen, dass dieser größtenteils aus Leuten bestand, die ihre Abstammung nachweisen konnten. Die das nicht vermochten, waren dadurch als unrein von dem Priestertum ausgeschlossen, aber Gott erkannte sie nichtsdestoweniger an (sozusagen als Gesamtheit), und ihren Feinden gegenüber besaßen sie gewisse Charakterzüge, die sie von den sie umgebenden Völkern unterschieden.

Wenn wir in der Christenheit etwas dieser Sachlage Ähnliches suchen wollten, so möchten wir sagen, dass die Reformation ein ähnliches Beispiel darbietet. Der aus einer beinahe götzendienerischen Umgebung hervorgegangene Protestantismus glänzte von Anfang an durch Charakterzüge, welche die Anwesenheit der wahren Gläubigen ihm ausprägte. Es gab dort, ohne den Vergleich zu weit zu ziehen, unter dem Einfluss des wieder ans Licht gebrachten Wortes Gottes kostbare, wiedergefundene Wahrheiten, welche auf das Leben und Verhalten des Volkes Gottes großen Einfluss ausübten. Doch die Intrigen des Feindes und seine Gewalt verführten und beängstigten die Mehrzahl so, dass der Bau des Hauses Gottes erst verzögert und schließlich ganz aufgehalten wurde. Das Sendschreiben an die Gemeinde in Sardes (Off 3,1–6) beschreibt den Zustand, in welchen die aus dem Papsttum ausgegangene Kirche verfiel, nachdem das göttliche Wirken sie im Anfang in einem so lebhaften Glanz hatte erstrahlen lassen.

Hier im Buch Esra haben wir gesehen, wie nach dem ersten Anlauf, wobei das Volk wie ein Mann dastand, das Vertrauen auf die Macht Gottes wankte und die Arbeit eingestellt wurde. 15 Jahre gingen dahin. Nur die Grundlagen waren gelegt, der Bau war völlig unterbrochen. Nun, während dieser langen Zeit musste das Volk sich doch mit etwas beschäftigen. Wenn der Herr nicht mehr den Ihm gebührenden Platz im Herzen hat, womit soll dieses sich beschäftigen, es sei denn mit seinen eigenen Interessen? Dass es Israel so erging, zeigt uns das Buch des Propheten Haggai. Das Volk begann, sich getäfelte Häuser zu bauen, während das Haus Gottes wüst lag (Hag 1,4). Doch die geistliche Untätigkeit hatte noch verhängnisvollere Folgen: das Volk verband sich mit den Nationen, von denen es gesagt hatte: „Ihr habt nichts mit uns zu tun“ (Kap. 4,3). Den Folgen davon werden wir in dem 9. und 10. Kapitel unseres Buches begegnen.

Doch die Gnade, welche sie befreit hatte, konnte durch ihr Verhalten nicht unwirksam gemacht werden, und wir sehen im 5. Kapitel ein durch Gottes Geist hervorgerufenes Erwachen. Unter Hiskia und Josia hatten einst, wie wir bei der Betrachtung des 2. Buches der Könige gesehen haben, Erweckungen stattgefunden, bevor das über Israel ausgesprochene Urteil „Lo-Ammi“ (Nicht mein Volk) vollzogen war (Hos 1,9). Eigentlich bestanden diese Erweckungen mehr in einem Aufwachen der Könige, der Leiter des Volkes. Das Volk hatte den Nutzen davon, ohne dass indes im Allgemeinen sein Gewissen erreicht worden wäre. Hier aber, nach der Zucht der Gefangenschaft und der Zurückführung der Reste von Juda, bekommt die Erweckung einen anderen Charakter. Es ist ein Erwachen des Volkes, und es handelt sich nicht wie ehemals darum, sich von den Götzenbildern zu trennen und den Tempel zu reinigen, sondern, da der Tempel nur noch ein Trümmerhaufen ist, ihn wieder aufzubauen.

Das ist auch der Charakter des heutigen Zeugnisses inmitten der Christenheit. Es handelt sich darum, Material zum Hause Gottes herbeizuschaffen. Gott hat die Wahrheit wieder ans Licht gebracht, dass dieses Haus, die Kirche, die Versammlung des lebendigen Gottes, in den Augen Christi von höchstem Wert ist. Trotz des Verfalls betrachtet Er seine Versammlung so, wie Er sie haben will, obwohl sie durch die Untreue des Volkes Gottes als öffentliches Zeugnis völlig verschwunden ist. Ihr Bestehen, ja, noch mehr, ihre Einheit sind – nicht in den Augen der Welt, aber in Gottes Augen – heute ebenso wirklich wie damals, als sie, ähnlich dem Tempel Salomos, erbaut wurde und wuchs zu einem heiligen Tempel im Herrn. Es ist dasselbe Haus. In Esra (Kap. 5) betrachtet es der Überrest auch von diesem Gesichtspunkt aus: „Wir bauen“, sagt er, „das Haus wieder auf, das viele Jahre zuvor gebaut wurde; und ein großer König von Israel hatte es gebaut und vollendet“ (V. 11). Und: „Nebukadnezar hat dieses Haus zerstört“ (V. 12); und: „Kores hat Befehl gegeben, dieses Haus Gottes wieder aufzubauen“ (V. 13); und weiter: „Da kam dieser Sesbazar und legte den Grund des Hauses Gottes, das in Jerusalem ist; und von da an bis jetzt wird daran gebaut, es ist aber noch nicht vollendet“ (V. 16).

Das Haus Gottes zu bauen, das ist auch der Charakter des Aufwachens, welches der Herr in unseren Tagen hervorgerufen hat. Seit ungefähr 80 Jahren ist diese große Aufgabe des Volkes Gottes wieder ans Licht gebracht worden. Hat sie die Herzen aller Gläubigen aufgeweckt? Wiederholen wir, es handelt sich keineswegs darum, eine neue Kirche zu bauen, denn sie besteht, von Gott erbaut, und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn; und dafür genügt es, dass Gott sie sieht. Doch Gott erwartet von seinem Volk, dass es sie für aller Augen sichtbar mache, indem es das für ihre Erbauung geeignete Material herbeischafft. Die Evangelisten, die Hirten und die Lehrer sind die zur Auferbauung der Versammlung von dem Heiligen Geist benutzten Werkleute (vgl. Eph 4,11.12); doch würde man sich sehr täuschen, wenn man dächte, dass die Verkündigung des Evangeliums allein dem Gebäude Seelen hinzufüge. Sie ist eines der hauptsächlichsten Mittel, aber diese Arbeit bedarf der Mitwirkung aller Gaben; und noch mehr, jeder der Zeugen Christi ist dafür verantwortlich, edles und lebendiges Material zum Haus Gottes herbeizuschaffen. Unsere Untreue hat dieses Material zerstreut, anstatt es zusammenzubringen, so dass es nur noch für Gottes Augen sichtbar ist. Den Treuen obliegt heute die Sorge, das gute Material zu unterscheiden und es an seinen Platz zu bringen, so dass das Haus Gottes in dieser Welt wieder sichtbar werde, sei es auch nur durch einige Bausteine, die da zeigen, was es sein soll.

Das war das Zeugnis, zu welchem der Überrest von Juda berufen war. Wie manches Mal hören wir sagen, dass die Verkündigung des Evangeliums das Zeugnis sei, und dieser von Grund auf falsche Gedanke hat zur Folge, dass man meint, in Gott wohlgefälliger Weise an dem Haus Gottes gebaut zu haben, wenn Seelen bekehrt worden sind, die man dann inmitten der menschlichen, der Versammlung (Gemeinde) Gottes fremden Systeme sich selbst überlassen hat.

Lasst uns diese Dinge im Gedächtnis behalten, geliebter Leser! Wir haben in den Tagen, in denen wir leben, etwas zu bauen. Das sind aber nicht jene hinfälligen Gebäude, die man „Kirchen“ nennt, die Gott nicht anerkennt, und für welche in dem Herzen Christi keine Gefühle sind. Er hat die Versammlung (Gemeinde) geliebt; indem Er sich für sie hingab, hat Er gezeigt, welchen Wert sie in seinen Augen hat (vgl. Eph 5,25). Hat sie für uns denselben Wert wie für Ihn? In diesem Fall werden wir ein weites Herz haben, das uns über engherzige und sektiererische Anschauungen erhebt, ein in Liebe brennendes Herz, welches nur dadurch befriedigt werden kann, dass es alle Erlösten in der Einheit des Leibes Christi zusammengebracht sieht. Und wenn auch diese Aufgabe nicht verwirklicht werden kann, wie es im Anfang der Geschichte der Kirche geschehen ist, so wird Gott doch den Seinen die Tätigkeit anrechnen, die sie entfaltet haben, um zu verkündigen und praktisch zu verwirklichen, dass es nur ein Haus, nur eine von Gott in dieser Welt anerkannte Versammlung des lebendigen Gottes gibt.

„Und Haggai, der Prophet, und Sacharja, der Sohn Iddos, die Propheten, weissagten den Juden, die in Juda und in Jerusalem waren, im Namen des Gottes Israels, der über ihnen war“ (V. 1). Um dieses Aufwachen zu bewirken, genügen hier zwei Propheten. Sie waren die Träger und die Vertreter des Wortes Gottes für das Volk. Durch sie erreichte das in der Kraft des Heiligen Geistes ans Licht gebrachte Wort die Gewissen. Wir werden später sehen, wenn Esra auf den Schauplatz tritt (Kap. 7–10), wie dasselbe Wort den Seelen vorgestellt wird, ohne irgendein Zeichen prophetischer Macht. Esra, der derzeitige Träger desselben, begehrt nichts anderes, als die Treuen in den Wahrheiten, die die Schriften darstellen, zu befestigen, damit ihr Wandel mit diesen in Übereinstimmung sei. Die zwei Propheten auf der einen, Esra auf der anderen Seite stellen uns zwei verschiedene Wirkungen des Wortes Gottes dar. Nachdem es aufgeweckt hat, gründet und nährt es, und durch das Wort werden die Seelen geheiligt, um in einer Gott würdigen Weise zu leben. Eine Zeit der Erweckung, auf die nicht eine schriftgemäße Unterweisung folgt, wird von kurzer Dauer sein und wird vorübergehen, ohne andere Spuren ihres Auftretens zu hinterlassen, als einzelne errettete und zur Erkenntnis Christi gebrachte Seelen. Ohne Zweifel ist das ein unschätzbarer Segen, aber er erschöpft nicht den Schatz der christlichen Segnungen. Auch kann man nie genug auf die Wichtigkeit der Belehrung für den Fortschritt erweckter Seelen hinweisen.

Der Dienst Haggais und Sacharjas hatte den unmittelbaren Erfolg, dass die Häupter des Volkes, Serubbabel und Jeschua, ihr Wort zu Herzen nahmen. „Sie machten sich auf und fingen an, das Haus Gottes in Jerusalem zu bauen, und mit ihnen die Propheten Gottes, die sie unterstützten“ (V. 2). Die Führer erwarten nicht eine allgemeine Zustimmung, noch suchen sie ein gemeinschaftliches Handeln hervorzurufen, wenn der Bau des Hauses in Frage steht. Das wird immer so sein. Das einzige Mittel, um die Tätigkeit des Glaubens bei anderen wachzurufen, ist: diese Tätigkeit selbst zu entfalten, und zwar mit einem Herzen, das erfüllt ist von dem Gefühl dessen, was wir dem Herrn und unserer Verantwortlichkeit Ihm gegenüber schuldig sind. Wenn wir auch nur zu zwei oder drei wären, die mit ungeteiltem Herzen auf dem Weg der Hingebung für die Versammlung Gottes gehen, wir dürfen gewiss sein, dass unser Eifer seine Früchte bringen wird. Nur zwei oder drei? Ja, Haggai und Sacharja, Serubbabel und Jeschua vertraten in jenem Augenblick den wahren Geist Christi. Es waren, kurz gesagt, das Königtum, das Priestertum und der Geist der Prophezeiung am Werke zum Segen für alle. Diese beiden Männer, und mit ihnen die Propheten Gottes, begannen zu bauen. Bald schlossen sich ihnen andere an. Das Volk stand dem Feind gegenüber für seine Führer ein: „Wir sagten ihnen, welches die Namen der Männer wären, die diesen Bau ausführten. Aber das Auge ihres Gottes war über den Ältesten der Juden“ (V. 4 u. 5).

Seit dem ersten Widerstand gegen die Erbauung des Tempels waren neue Männer, Tatnai, Schetar-Bosnai und seine Genossen (V. 6), an die Stelle der alten Feinde des Volkes, Bischlam, Mithredat, Tabeel und ihre Genossen (Kap. 4,7), getreten. In Nehemia 6,1 sind es wieder andere: Sanballat, Tobija und Geschem, der Araber, und ihre Genossen. In der mehr oder weniger gewalttätigen oder gehässigen Feindschaft gegen das Werk Gottes mögen die Personen wechseln, aber der Widerstand bleibt derselbe, weil der Feind, der alle diese Werkzeuge benutzt, sich nicht geändert hat. O dass doch der Glaube sich nie durch die Hindernisse, welche die Werkzeuge Satans aufrichten, aufhalten ließe! Möchten wir wohl verstehen, dass Gottes Werk nicht zerstört werden kann, denn Gott steht über allem! Er kann zulassen, dass unser Unglaube und unsere Feigheit das Werk verzögern und Unterbrechungen herbeiführen, und das geschieht, damit wir uns kennen lernen, uns richten und demütigen, aber nichtsdestoweniger wird sein Werk vollendet werden. Sein Haus bleibt, selbst wenn es zerstört ist. Mögen auch die feindseligen Menschen schnell aufeinander folgen, die Serubbabel, die Jeschua und ihre Genossen bleiben, bis sie das Werk, zu welchem sie berufen wurden, vollendet haben, und bis neue Werkzeuge Esra und Nehemia erweckt worden sind, um ihm ein neues Gepräge zu geben.

Das Zeugnis, das diesem, durch die Propheten hervorgerufenem Aufwachen angehört, hat indes schon nicht mehr ganz denselben Charakter wie das im 3. und 4. Kapitel. Es könnte in einiger Hinsicht mit der Verkündigung des Evangeliums verglichen werden, welches mit dem Christentum verbunden ist. Der Überrest verkündet hier nicht nur (wie in Kap. 4,1.3) „den HERRN, den Gott Israels“, sondern „den Gott des Himmels und der Erde“ (Kap. 5,11.12); und der Tempel ist nicht länger nur „der Tempel des HERRN, des Gottes Israels“, (Kap. 4,1) sondern „das Haus Gottes“ (Kap. 5,13.15.16.17). Diese Ausdrücke reden deutlich von Gott in dem Charakter, wie Er sich den Nationen offenbart, sowie von dem Titel Christi im Tausendjährigen Reich. Der zukünftige Tempel Jerusalems wird nicht für die zwölf Stämme allein errichtet werden; auch die Heiden werden ihren Anteil an ihm haben, und die Nationen mit ihren Königen werden zu ihm hinaufziehen, um „den Gott des Himmels und der Erde“ anzubeten (vgl. Sach 14,17). Das Volk des HERRN stellt sich hier den Nationen gegenüber dar als dem Gott dienend, dem sie selbst dienen sollten. Wir stellen in unseren Tagen auf gleiche Weise unseren Vater der Welt dar als den „Heiland-Gott, der will, dass alle Menschen errettet werden“ (1. Tim 2,4). In diesem Sinn möchte ich das Aufwachen im 5. Kapitel eine Evangeliums-Erweckung nennen.

Wenn das so von seinen Feinden verklagte Volk nachdrücklich den Namen und die Charakterzüge seines Gottes bekennt, so geschieht es keineswegs mit dem Gefühl seiner Überlegenheit gegenüber denen, die es umgeben. Es sucht nicht seine Straffälligkeit zu verringern, sondern erkennt vor den Nationen an, dass es sich unter dem Gericht Gottes befindet. Wenn die Treuen „Knechte des Gottes des Himmels“ sind, so geben sie zugleich zu, dass sie gerechterweise für ihre Übertretungen gestraft worden sind: „Aber seitdem unsere Väter den Gott des Himmels gereizt haben, hat er sie in die Hand Nebukadnezars, des Königs von Babel, des Chaldäers, gegeben, und er hat dieses Haus zerstört und das Volk nach Babel weggeführt“ (V. 12). Ihre Unterjochung unter die Nationen war die Strafe für ihre Sünde. Geziemt sich dieses Verhalten nicht auch für die schuldige Kirche, die für das ihr Anvertraute verantwortlich ist? Gott fordert auch heute, wie damals, von seinen Knechten, dass ihr Zeugnis, soll es anders wirksam sein, vor allem von dem Verfall Kunde gebe, in welchem sie sich befinden.

Machen wir hier noch eine Bemerkung bezüglich der Angriffsart der Feinde des Volkes. Unter Artasasta, dem falschen Smerdis1 (Kap. 4), der ein Hauptinteresse daran hatte, Auflehnungen gegen seine angemaßte Macht zu abzuwehren, machen die Gegner politische Gründe geltend, um das Werk Gottes aufzuhalten. Dieser Herrscher würde sich kaum um religiöse Gründe gekümmert haben, aber es kam ihm vor allem darauf an, dass das Volk nicht seine Einheit wieder erlange und zugleich das Mittel, diese in einer befestigten Hauptstadt zu verteidigen. Die Feinde schrieben deshalb an den König: „Die Juden bauen die aufrührerische und böse Stadt wieder auf und vollenden die Mauern“. Artasasta gibt dementsprechend Befehle.

Unter Darius, dem Perser, hat sich die Angriffsweise der Feinde geändert. Darius verabscheute, wie die übrigen Herrscher von persischer Abstammung, den babylonischen Götzendienst, obwohl er den unter seinem Gehorsam stehenden Ländern das Recht zugestand, ihren besonderen Götzendienst zu behalten. Er erkannte den wahren Gott an, wie wir im 6. Kapitel sehen werden, und hatte eine gewisse Furcht vor Ihm. Die Ankläger der Juden meinen daher eine empfindliche Seite bei ihm zu berühren, wenn sie den Tempelbau und die religiösen Interessen des Reiches voranstellen. Hat Kores wirklich den Wiederaufbau des Tempels erlaubt, wie die Juden behaupten? Die Feinde verbergen ihre Feindseligkeit unter einem Schein von Gleichgültigkeit und beinahe Duldsamkeit. Wenn die Urkunde über den Erlass des Kores nicht vorhanden war oder nicht aufgefunden wurde, so konnten sie auf einen ausdrücklichen Befehl des Königs rechnen, mit dem Werke aufzuhören. Ihre erste Sorge ist, mit der weltlichen Macht auf gutem Fuß zu bleiben; der Name Gottes hat keinen Wert für ihr Herz oder ihr Gewissen. „Der König“, sagen sie, „sende uns seinen Willen hierüber zu“ (V. 17).

Kapitel 6

Gott begünstigt die von Ihm hervorgerufene Erweckung in besonderer Weise, während Er zugleich die Entronnenen mehr und mehr den durch ihre Untreue verursachten Verfall fühlen lässt. Darius, der Perser, unterstützt die Juden und fällt einen billigen Urteilsspruch, der sich übrigens auf die Tatsache gründete, dass „nach dem Gesetz der Meder und Perser kein Verbot und keine Verordnung, die der König aufgestellt hat, abgeändert werden darf“ (Dan 6,16). In dem allen kann man die Vorsehung Gottes sehen, die über das Volk wachte. Die Verordnung des Kores wurde in Ekbatana in der Landschaft Medien, nicht in Babel, gefunden; das beweist, dass ohne göttliches Einschreiten auch die sorgfältigsten Nachforschungen vergeblich hätten sein können.

Darius geht nicht so weit, wie einst der gedemütigte Nebukadnezar. Er verkündet nicht, dass der Höchste über die Königreiche der Menschen herrscht, aber erkennt doch den Gott des Himmels und den Tempel zu Jerusalem als das Haus Gottes an (Kap. 6,3–10). Er ordnet (in Anlehnung an den Erlass des Kores) die Abmessungen desselben an, die seine Unkenntnis zeigen, weil sie nicht mehr mit den symbolischen Zahlen des ursprünglichen Tempels übereinstimmen (vgl. V. 3 mit 1. Kön 6,2), so dass mehr als ein Gedanke Gottes wie unter den neuen Zahlen begraben bleibt. Darius erkennt auch an, dass die Gebete dieser verachteten und gedemütigten Leute von Wirkung seien für das Leben des Königs und seiner Söhne (V. 10). Er benutzt die ihm gegebene Autorität, um solche zu strafen, die sich dem Willen Gottes widersetzen würden und schließlich richtet er eine feierliche Aufforderung an den Gott, der zu Jerusalem wohnt, dass Er Rache üben möge an denen, die sich wider Ihn auflehnen: „Der Gott aber, der seinen Namen dort wohnen lässt, stürze jeden König und jedes Volk nieder, die ihre Hand ausstrecken werden, diesen Erlass abzuändern, um dieses Haus Gottes zu zerstören, das in Jerusalem ist!“ (V. 12). Die Gegner, die keinerlei Achtung vor dem Volk Gottes haben, beeilen sich, nach dem Erlass des Königs zu handeln, denn Menschenfurcht erfüllt ihre Herzen. Doch Gott benutzt alles, sogar diese Furcht, um seine Gnadenabsichten bezüglich der Beschützung der Seinen auszuführen.

Die Ältesten der Juden bauen, und es gelingt ihnen durch die Weissagung Haggais und Sacharjas. Sie vollenden den Tempel nicht nur nach dem Befehl Gottes, sondern auch nach dem Befehl der Könige von Persien (V. 14). Das ist der besondere Charakter dieser Erweckung, die inmitten tiefer Demütigung und unter der Knechtschaft der Heiden entstand. Die Arbeit am Tempel war fünfzehn Jahre lang unterbrochen gewesen, vom zweiten Jahre Kores' bis zum zweiten Jahre Darius', des Persers. (Kap. 4,24; Hag 1,1). Vier Jahre später wurde das Haus Gottes vollendet (V. 15). Wie verhängnisvoll sind die Verzögerungen, die durch Menschenfurcht und Mangel an Gottvertrauen, die notwendige Folge der ersteren, hervorgerufen werden!

Im Monat Adar, dem zwölften Monat, der unserem Monat März entspricht, fand die Einweihung des Hauses statt. Dasselbe hatte aber, wie wir gesehen haben, nicht mehr die ersten und göttlichen Abmessungen. Die Einweihung wird nur in sehr ärmlicher Weise gefeiert, im Vergleich mit der Einweihung Salomons, herrlichen Angedenkens; doch trotzdem erfüllt Freude das Herz des Volkes, denn Gott lässt aufs Neue in diesem wiederhergestellten Haus in öffentlicher und anerkannter Weise „seinen Namen wohnen“ (V. 12). Nicht als ob seine Herrlichkeit wieder einzöge oder sein Thron zwischen den Cherubim errichtet würde, aber seine geistliche Gegenwart kann nicht fehlen, wenn der Mittelpunkt des Zusammenkommens seines Volkes anerkannt wird. Hatten sie neunzehn Jahre vorher bei der Errichtung des Altars ihre Einheit offenbart, so verwirklichten sie jetzt bei der Einweihung des Tempels die gesegnete Wahrheit, dass der HERR in ihrer Mitte war. Er weihte sozusagen ihre Einheit durch seine Gegenwart, aber auch hier wieder trägt sie die Spuren ihrer Sünde und ihres Verfalls. Als Sündopfer bringen sie zwölf Ziegenböcke nach der Zahl der Stämme Israels dar (V. 17). Kein Stamm wird bei dem öffentlichen Bekenntnis der Sünde, das durch das Opfer ausgedrückt wurde, ausgeschlossen. Man findet nicht mehr, wie zur Zeit Elias, einen Altar von zwölf Steinen, der die Einheit des Volkes ausdrückte, sondern zwölf Böcke, die auf dem Altar zur Sühnung einer gemeinsamen Sünde dargebracht werden. Sie erkennen damit an, dass sie alle zusammen und in gleicher Weise an der Sünde beteiligt waren. Die Sünde Judas und Benjamins, zu denen diese Weggeführten gehörten, war in ihren Augen genau so groß wie die der übrigen zehn Stämme und erforderte dieselbe Sühnung. Auch nahmen sie unter diesen Umständen für die Einrichtung des Dienstes ihre Zuflucht nur zu dem Wort, zu „der Vorschrift des Buches Moses“ (V. 18).

Redet das alles nicht zu uns von der Stellung der Gläubigen in unseren Tagen? Ihnen allen kommt es zu, die Sünde der Kirche anzuerkennen und die Verantwortlichkeit dafür vor Gott zu tragen, ohne daran zu denken, die Schuld anderen zuzuschieben. Sie sollten die Gegenwart Gottes suchen in der Mitte der Seinen, die um seinen Namen versammelt sind, nicht aber den Anspruch erheben, das, was durch gemeinsame Schuld verdorben worden ist, im Ganzen wiederherzustellen.

Für die Errichtung und Aufrechthaltung der Ordnung in der Versammlung dürfen wir uns allein an das Wort Gottes halten und bei unserer großen Armut uns darüber freuen, dass wir in unserer Erniedrigung den Heiligen und Wahrhaftigen für uns und bei uns haben. Das ist es, was wir als unser gegenwärtiges Teil und als unsere heutigen Vorrechte betrachten sollten.

Außer diesen Segnungen entdeckt der Überrest noch neue. Im zwölften Monat hatte die Einweihung des Tempels stattgefunden und im folgenden Monat, dem Monat Abib (April), dem ersten des neuen Jahres, feiert das Volk das Passah. Es findet die Ordnung der Feste, so wie Gott sie eingesetzt hatte, wieder, in dem Augenblick, da eine vollkommene Ordnung – der Altar und der Tempel, das Zusammenkommen und die Einheit des Volkes, die Gegenwart Jehovas in ihrer Mitte – wieder erlangt ist. Im 3. Kapitel hatten sie, nach der Errichtung des Altars, das Laubhüttenfest mit den Brandopfern gefeiert, und das mit Recht, denn sie hatten ihren Wohnsitz in Kanaan wiedergefunden. Jetzt bereiten sie das Passah, die Erinnerungsfeier an das Opfer, durch welches Israel einst vor dem Gericht Gottes bewahrt und zugleich aus der Knechtschaft Ägyptens befreit worden war. Dieses Fest entspricht für uns Christen dem Gedenken an den Tod Christi, an unsere Errettung und an die Segnungen des neuen Bundes in seinem Blut (Mt 26,28). Diese Gedenkfeier findet am ersten Tag der Woche statt (Apg 20,7), am Tag der Auferstehung, der für uns „der Anfang der Monate“ ist.

Die Priester und Leviten hatten sich gereinigt „wie ein Mann“. Sie waren alle rein (V. 20), um das Passah zu feiern. Sie fühlten, dass sie zu diesem heiligen Gedächtnismahl keine Unreinheit mitbringen durften, und so wie sie eines Sinnes gewesen waren beim Bauen des Altars, bei der Überwachung des Werkes und der Grundlegung des Tempels, so sind sie es jetzt auch in dem Bestreben sich zu reinigen; und mit ihnen „jeder, der sich von der Unreinheit der Nationen des Landes zu ihnen abgesondert hatte, um den HERRN, den Gott Israels, zu suchen“ (V. 21).

Das muss stets das Zeugnis eines Überrestes inmitten des Verfalls kennzeichnen. Er fühlt, dass keine Befleckung zum Tisch des Herrn zugelassen werden darf, und dass die Welt dort keinen Platz hat. Er fühlt, dass dieses Mahl nicht ohne Selbstgericht stattfinden kann: „Jeder aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch“ (1. Kor 11,28).

An letzter Stelle „feierten sie das Fest der ungesäuerten Brote sieben Tage mit Freuden, denn der HERR hatte ihnen Freude gegeben und ihnen das Herz des Königs von Assyrien zugewandt, so dass er ihre Hände stärkte im Werk des Hauses Gottes, des Gottes Israels“ (V. 22). Dieses Fest der ungesäuerten Brote, das Vorbild einer völligen Heiligung, dauerte ununterbrochen sieben Tage lang – eine vollkommene Zahl, die auf den ganzen Lauf unseres Lebens hinweist, ein Leben der Hingebung für Ihn, der uns durch seinen Tod errettet hat, und dem wir nun angehören. Es ist vorbildlich die gemeinsame und persönliche Heiligung, von der in 2. Korinther 6,177,1 die Rede ist. Der wiederhergestellte Überrest feiert dieses Fest mit Freude, wie er es bei dem Laubhüttenfest und bei der Grundlegung und der Einweihung des Hauses getan hatte (Kap. 3,13; 6,16.22). In einem Punkt jedoch unterschied es sich von dem, was im Gesetz Moses' geschrieben war. Dort heißt es: „Sieben Tage sollst du Ungesäuertes dazu essen, Brot des Elends – denn in Eile bist du aus dem Land Ägypten herausgezogen“ (5. Mo 16,3). Hier, angesichts all der wiedererlangten Segnungen, war nur Raum für die Freude.

Noch eins: „Die Kinder der Wegführung“ feierten das Fest nicht allein. Auch aus dem Volk, das während der Dauer der Gefangenschaft im Land zurückgeblieben war, hatten alle, die „sich von der Unreinheit der Nationen des Landes zu ihnen abgesondert hatten, um den HERRN zu suchen“, teil an der Festfeier. Mochten sie, genau genommen, auch kein Teil an dem Zeugnis haben, so kamen sie doch, um sich in wahrer praktischer Heiligkeit ihm anzuschließen. Auch hatten sie teil an der Gedächtnisfeier und am Fest.

Diese Wahrheit ist von großer Wichtigkeit für die gegenwärtigen Tage. Alle Christen, die sich von der Welt und dem uns umgebenden leblosen Bekenntnis absondern, haben ein Anrecht an dem Tisch des Herrn und werden von ihren Brüdern mit Freuden dort empfangen.

Trotz so großer Segnungen waren die Hilfsmittel des Volkes, sei es für die Opfer, sei es für den Dienst, sehr viel geringer als zur Zeit Salomos (vgl. 1. Kön 8,63). Aber das beeinträchtigte nicht die Ordnung des Dienstes. Sie hatten für diese Ordnung eine unfehlbare Autorität, zu der sie stets ihre Zuflucht nehmen konnten: „die Vorschrift des Buches Moses“, mit anderen Worten: das Wort Gottes (V. 17 u. 18).

Fußnoten

  • 1 Wie er in der Weltgeschichte genannt wird.
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