Das Buch Ersa
Botschafter des Heils in Christo 1913

Esra 3 – Der Altar und die Grundlegung des Tempels

Den beiden oben erwähnten Charakterzügen des Überrestes wird in unserem Kapitel noch eine große Zahl anderer hinzugefügt.

„Und als der siebte Monat1 herankam und die Kinder Israel in den Städten waren, da versammelte sich das Volk wie ein Mann nach Jerusalem. Und Jeschua, der Sohn Jozadaks, und seine Brüder, die Priester, und Serubbabel, der Sohn Schealtiels, und seine Brüder machten sich auf und bauten den Altar des Gottes Israels, um Brandopfer darauf zu opfern, wie geschrieben steht in dem Gesetz Moses, des Mannes Gottes. Und sie richteten den Altar auf an seiner Stätte, denn Furcht war auf ihnen vor den Völkern der Länder; und sie opferten auf ihm Brandopfer dem HERRN, die Morgen- und Abend-Brandopfer“ (V. 1–3).

Während der 70 Jahre der Gefangenschaft war dieses arme, von Gottes Gericht getroffene Volk des Dienstes des HERRN beraubt gewesen. Der Tempel war zerstört, alle Schätze waren geraubt, der eherne Altar selbst war zertrümmert. Doch in dem Augenblick, als der Überrest sein Land wieder betritt, wird der Altar, das erste Symbol des Gottesdienstes, ohne den dieser nicht bestehen konnte, wieder aufgebaut.

Ein treffendes Vorbild, das zu unserer Belehrung bestimmt ist. In Haran hatte Abraham keinen Altar; erst als er die Grenze Kanaans überschritten hatte, erscheint der Altar. Infolge seines Zuges nach Ägypten verliert der Patriarch seinen Altar, nach seiner Rückkehr findet er ihn wieder. So ist der Altar mit dem Wohnen im Land der Verheißung innig verbunden. Man muss zu dem himmlischen Kanaan gehören, um wirklich Gottesdienst ausüben zu können; ja, noch mehr, man muss sich dort befinden, von seinem Erbteil Besitz genommen haben, man muss verwirklicht haben, dass man aus der Gewalt der Finsternis befreit und in ein neues Reich, das Reich des Sohnes der Liebe des Vaters, versetzt ist – nichts Geringeres als das ist nötig, um Gott eine Anbetung darbringen zu können, die Ihm wohlgefällig ist. Die Kirche Christi hat in ihrer Untreue diese Dinge aus dem Auge verloren. Aber sind wir in diesen Tagen des Endes aufgewacht, um wirklich dem Herrn zu dienen und Ihm Anbetung darzubringen? Wenn man die Christen heute fragt, was das Wort „Gottesdienst“ bedeute, so beweisen die meisten durch ihre Antwort, dass sie nur eine schwache Vorstellung davon haben. Doch wir wollen uns bei diesem Gegenstand nicht länger aufhalten, lasst uns vielmehr sehen, worin der Gottesdienst für diesen armen Überrest bestand.

An erster Stelle waren sie nicht sich selbst überlassen, denn sie hatten das Gesetz Moses und die Verordnungen Gottes. Auch wird in Vers 4 gesagt: „wie es vorgeschrieben ist“, und „nach der Vorschrift“. Das göttliche Wort unterwies sie bezüglich des Gottesdienstes nach dem Gesetz, wie es uns heute über den Gottesdienst nach dem Geist unterweist. Es ist sehr wichtig zu beachten, welche Rolle das Wort in dem allem spielt. Es war für das Volk nicht die Frage, zu wissen, was andere zu tun gewohnt waren, sondern was das Gesetz Moses ihnen in Bezug hierauf offenbarte. Die Schriften hatten für den Überrest ihren Platz und ihren Wert wiedergefunden.

Zweitens verstanden sie, dass der Gottesdienst mit dem Altar verbunden war. Der letzte bildete den Mittelpunkt des ersten, wie der Tisch des Herrn für den Christen den Mittelpunkt des Gottesdienstes ausmacht. Das Opfer wurde auf den Altar gebracht, und kraft Opfers betete das Volk Gottes an, denn nur durch dieses konnte das Volk versöhnt und mit dem HERRN in Verbindung gebracht werden.

Sie errichteten den Altar an seiner Stätte. Da in Jerusalem alles in Unordnung war und in Trümmern lag, hätten sie sich mit einem beliebigen Platz zufrieden geben können, um dort ihren Altar zu bauen. Bietet die heutige Christenheit nicht gerade dieses Schauspiel dar? Jeder wählt seine Stätte, um da seinen Altar zu errichten, unter dem Vorwand, da ja doch der wahre Tempel zerstört sei, habe ein jeder die Freiheit den Ort zu wählen, der ihm am besten gefällt. So war es nicht bei diesen Treuen. Sie kannten die Stätte des Tempels, des Vorhofs, des Altars, und an dieser Stätte, und an keiner anderen, errichteten sie den Altar, indem sie damit den Mittelpunkt des Zusammenkommens und des Gottesdienstes für das Volk Gottes bestimmten. Sie wollten keinen anderen und kannten in den Tagen des Verfalls, wie in denen des größten Gedeihens Israels, keine andere Stätte als diese. Die Tenne Ornans auf dem Berge Morija blieb der einzige Platz, wo der Gottesdienst ausgeübt werden konnte (vgl. 2. Chr 3,1).

Man beachte drittens, dass dieser anscheinend so arme und schwache Überrest sich nicht begnügte mit der Übereinkunft oder dem gegenseitigen Zugeständnis, den Altar an seiner Stätte zu errichten. Sie offenbarten praktisch die Einheit des Volkes, die durch den Altar in sichtbarer Weise dargestellt wurde. Ihr ganzes Verhalten war ein Zeugnis für diese Einheit: das Volk versammelte sich wie ein Mann nach Jerusalem. Die Entfernung ihrer Wohnstätte hinderte sie keineswegs, zu dem Altar in Jerusalem (und nicht anderswohin) zu kommen, um dort dieser Einheit Ausdruck zu geben.

Gerade so ist es heute mit dem Tisch des Herrn. Er ist, wie der Altar des Überrestes, die Offenbarung der Einheit des Volkes Gottes, die ihren Ausdruck findet in dem „einen Brot“, an dem alle teilhaben (1. Kor 10,17). Die geringe Zahl der Juden machte wenig aus; so macht es auch wenig aus, ob wir nur zwei oder drei sind. Ob Israel aus der Gefangenschaft wieder heraufgezogen war, oder ob es noch an den Flüssen Babels weilte oder in den Städten Persiens und Mediens zerstreut wohnte – die Einheit des ganzen Volkes wurde durch den im Vorhof aufgerichteten Altar ausgedrückt. Es war für die ins Land Zurückgekehrten nicht die Frage, ob andere ihrem Beispiel folgen würden; als Grundlage ihres Handelns diente ihnen der durch Mose verkündigte Wille Gottes. Das Wort vereinigte sie; ihr Zusammenkommen war eine Tat des Gehorsams. Sie gehorchten, ehe sie sich an das Werk des Hauses machten; das sollte später kommen. Für den Augenblick wurde der Gottesdienst, etwas Größeres als das Heiligtum, etwas Größeres als die Bundeslade oder der Thron zwischen den Cherubim, wiederhergestellt. Ist es nicht geradeso mit dem, was die Gläubigen heute um das Gedächtnis des Kreuzes Christi vereinigt, dieser gesegneten Stätte, wo das Lamm Gottes geopfert worden ist, das „geschlachtete Lamm“, das wir als solches in der Herrlichkeit anbeten werden?

Doch es gab in der Errichtung des Altars noch etwas anderes, als eine Tat des Gehorsams. Der jüdische Überrest war die Schwachheit selbst. Die feindlichen Völker, die in jenen Gegenden rings um sie her wohnten, waren wohl geeignet, ihnen Furcht einzuflößen. „Sie richteten den Altar auf an seiner Stätte, denn Furcht war auf ihnen vor den Völkern der Länder“ (V. 3.). Wo sollten sie Schutz und Schirm gegen die Feinde finden? An keinem anderen Ort als vor dem Gott, den sie an seinem Altar aufsuchen wollten. Sie verwirklichten so durch den Glauben die Gegenwart des HERRN in dem Haus, das sie bauen wollten. Da, wo sich der Altar befand, konnte Gott wohnen. Was hatten sie hinfort zu fürchten? Sie konnten sagen: „Er wird mich bergen in seiner Hütte am Tag des Unglücks, er wird mich verbergen im Verborgenen seines Zeltes; auf einen Felsen wird er mich erhöhen. Und nun wird mein Haupt erhöht sein über meine Feinde rings um mich her; und Opfer des Jubelschalls will ich opfern in seinem Zelt, ich will singen und Psalmen singen dem HERRN“ (Ps 27,5.6).

Noch ein anderer Umstand ist der Beachtung wert. Es war im siebten Monat, dass das Volk aus allen seinen Städten nach Jerusalem hinauszog (V. 1). Am ersten Tag dieses siebten Monats war das Fest des Neumondes, das durch Trompetenschall eingeleitet wurde (3. Mo 23,24; 4. Mo 10,10; Ps 81,4). Dieser Tag passte in bemerkenswerter Weise zu der Lage des aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Volkes und zu den Gnadenerweisungen, die Gott ihm soeben gegeben hatte. Israel hatte einst die göttlichen Segnungen durch seine eigene Schuld verloren; das Licht der Herrlichkeit des HERRN, die das Volk hätte zurückstrahlen sollen, wie der Mond die Strahlen der Sonne zurückwirft, war verschwunden. Doch siehe da, der Neumond, das Bild des wiederhergestellten Volkes, begann wieder zum Vorschein zu kommen. Es war noch nicht der Glanz des vollen Mondes, aber das erste Viertel ließ die zukünftige Offenbarung der Herrlichkeit des Volkes Gottes ahnen. Welches bezeichnendere Fest hätte gewählt werden können? Es war ein Tag der Ruhe und der Freude (3. Mose 23,24). Keine Trauer sollte ihn beeinträchtigen und doch lag der Schrecken der sie umringenden Nationen auf ihnen! Seit dem ersten Tag dieses siebten Monats war der Altar errichtet, und das Morgen- und Abendbrandopfer wurde auf ihm dargebracht (V. 6); nicht das Sündopfer, sondern das Brandopfer, das wahre Bild des Gottesdienstes; und das Volk sollte fortfahren es darzubringen ohne Unterbrechung, bis der Tempel vollendet wäre.

Soll es damit nicht ebenso sein in den gegenwärtigen Tagen, die eine solch treffende Übereinstimmung mit dem Buch Esra haben? Soll das Volk Gottes nicht auch seinen Altar besitzen und durch ihn unaufhörlich ein Opfer des Lobes darbringen, die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen, und soll es das nicht tun, bis „der heilige Tempel im Herrn“ durch sein Kommen vollendet wird? (Heb 13,10.15; Eph 2,21; 1. Kor 11,26)

Beachten wir noch einen sehr bemerkenswerten Punkt. Der zehnte Tag des siebten Monats, der große Versöhnungstag, an dem das Volk seine Seele kasteien sollte (3. Mo 23,26–32), wird hier nicht erwähnt. In einer Zeit, die für das jüdische Volk noch kommen soll (vgl. Sach 12,10–14), wird dieser Tag keineswegs ausgelassen werden. Dann wird es eine große Wehklage in Jerusalem geben, „wie die Wehklage von Hadad-Rimmon im Tal Megiddo“. Denn dann wird es sich darum handeln, wiederum, und zwar als König der Herrlichkeit, den Messias anzunehmen, den das nämlich in sein Land zurückgekehrte Volk des Buches Esra verworfen und gekreuzigt hat. Der zukünftige Überrest wird das Laubhüttenfest (Sach 14,16) erst nach diesem großen Versöhnungstag feiern können.

So war es nicht in den Tagen Esras. Das Volk war zum Teil wiederhergestellt worden, um den Messias anzunehmen, wenn Er sich Israel darstellen würde. Seine Verwerfung stand noch nicht in Frage, sondern es handelte sich darum, Ihn als den Gesalbten des HERRN anzunehmen. Infolge dessen kam noch nicht eine Demütigung des ganzen Volkes in Betracht, wie sie der große Versöhnungstag ausdrückt, sondern es handelte sich einfach darum, Ihn aufzunehmen, wenn Er kommen würde. Konnte es in Hinsicht auf diesen Augenblick im Herzen des Volkes etwas anderes geben als Freude? (Wir reden hier nicht von der Sendung Johannes' des Täufers, von der Taufe zur Buße, die unmittelbar dem Kommen des Messias zu Israel vorhergehen sollte und nicht dem großen Versöhnungstag entsprach).

Im Buch Esra folgt daher das Laubhüttenfest (V. 4), das Fest des fünfzehnten Tages des siebten Monats (3. Mo 23,34), unmittelbar auf den Neumond. Es war das Fest, an dem man nur fröhlich sein sollte (5. Mo 16,13–15). Dieses Fest sollte stattfinden vom Eintritt in das Land Kanaan an, nach der Erlösung aus Ägypten und dem Pilgerzug durch die Wüste. Es wurde im Andenken an diesen Zug gefeiert, aber nicht mehr unter Zelten, die in der Sonnenhitze mitten im Sand der Wüste aufgeschlagen waren. Nein, die Ruhe des verheißenen Landes war gekommen, das frische Laub der schönen Bäume des guten Landes bildete die Zelte, unter denen ein fröhliches Volk sich an die ehemaligen Beschwerden erinnerte. Hier im Buch Esra begegnen wir mit dem Laubhüttenfest gleichsam einem wiedergefundenen Kanaan, indem die Erscheinung des Messias erwartet wird, und es ist, wie wenn das Volk nie vorher das Land der Verheißung betreten hätte. In Nehemia 8,9–15 feiert der Überrest dasselbe Fest zum ersten Mal in vollständiger Weise, nach den Vorschriften des Gesetzes, während wir hier mehr den Platz finden, den das Laubhüttenfest in der Wiederherstellung des Volkes einnimmt.

Für die Gläubigen unserer Tage, die man den Überrest des christlichen Haushalts nennen könnte, entspricht dieses Freudenfest der himmlischen Stellung des Volkes Gottes, die als eine ganz neue und im Wort wiedergefundene Sache verwirklicht wird, nach den Jahrhunderten geistlicher Gefangenschaft, wo diese Stellung entweder vergessen oder doch aus dem Auge verloren war. Sie konnte übrigens, wie hier in Esra 3, nur mit der Errichtung des Altars, das heißt mit der Verwirklichung des Gottesdienstes, wieder ans Licht gebracht werden. Bei dem Gottesdienst muss die himmlische Stellung der Kirche notwendigerweise verstanden werden. Die Gläubigen der Gegenwart haben nicht eine irdische Religion wie das jüdische Volk. Der Gottesdienst führt sie in den Himmel ein, wenn auch äußerlich alles um sie her in Verfall ist, und die Kirche, wie der Tempel im Anfang des Buches Esra, nur noch einen Trümmerhaufen bildet. Auch trägt Esra Sorge, uns zu sagen: „Aber der Grund des Tempels des HERRN war noch nicht gelegt“ (V. 6).

Noch eine dritte Segnung erwartet diesen armen Überrest. Im zweiten Jahr ihres Kommens zum Haus des HERRN in Jerusalem, im zweiten Monat (V. 8), werden die Leviten (die, wie wir gesehen haben, für uns den Dienst darstellen) nach den Gedanken Gottes bestellt, um über das Werk des Hauses des HERRN Aufsicht zu führen. Hier, wie bei der Errichtung des Altars, offenbart das Volk seine Einheit, indem es „wie ein Mann“ dasteht (V. 9). Da ist nicht die geringste Uneinigkeit zwischen ihnen bezüglich der Einrichtung des Dienstes nach dem Wort. Auch das ist ein wiedergefundener Segen. Der Epheserbrief, der unsere Stellung in Christus in den himmlischen Örtern ins Licht setzt, enthüllt uns auch die Rolle und den Charakter der Gaben, die Christus seiner Versammlung geschenkt hat (Eph 4).

Nach diesen drei Dingen – Altar oder Gottesdienst, Laubhüttenfest oder die Freude der himmlischen Stellung und die Einsetzung der Leviten oder der Dienst – beschäftigt sich der Überrest mit der Grundlegung des Hauses.

Es war in der Tat für dieses arme Volk nicht damit getan, dass der Gottesdienst wiederhergestellt war, es musste auch der Bau des Hauses Gottes ganz von neuem beginnen. Welche Zerstörung dieses Haus auch erlitten haben mochte, – und wie völlig war es dem äußeren Anschein nach durch Nebukadnezar zerstört worden! – es wird im Wort doch immer als das Haus betrachtet. Es hat nur eine Geschichte, nur ein Bestehen in Gottes Augen während der verschiedenen Wandlungen, die es im Erbauen oder Zerstören durchgemacht hat. Wiederaufgebaut, ist es für Gott nicht ein neuer Tempel, sondern derselbe Tempel mit verschiedener Herrlichkeit. Darum wird in Haggai 2,9 bezüglich des von dem Überrest zur Zeit Serubbabels wiederaufgebauten Tempels gesagt: „Die letzte Herrlichkeit dieses Hauses“ (eine Anspielung auf den Tempel im Tausendjährigen Reich, den der Herr mit seiner Herrlichkeit erfüllen wird) „wird größer sein als die erste“ (eine Anspielung auf den Tempel Salomos).

Diese Bemerkung ist sehr wichtig für die gegenwärtige Zeit. Inmitten der Trümmer der Christenheit, die die Kirche Christi hätte sein sollen, aber sich mit der Welt vereinigt hat, indem sie ihr Zeugnis aufgab, sind die Christen, die diesen Zustand erkennen und sich darüber demütigen, nichtsdestoweniger berufen, an dem Aufbau des Hauses Gottes zu arbeiten. Nicht dass Gott sie beriefe, ein neues Haus zu errichten, denn es gibt und wird immer nur ein Haus Gottes geben, nur eine Kirche2 Christi. Die von dieser Wahrheit überzeugten Christen werden vor der Forderung zurückschrecken, Kirchen zu errichten3, welche der Herr nicht gutheißen und niemals anerkennen wird. Christus hat eine Kirche, einen Leib, eine Braut, welche Er geliebt und für die Er sich selbst hingegeben hat. Er hat ein Haus hier auf der Erde, und in Ihm selbst, dem kostbaren Eckstein, wächst der ganze Bau zu einem heiligen Tempel im Herrn, zu einer Behausung Gottes im Geist (Eph 2,18–22).

Das alles ist sein Werk. Aber Er hat dieses Werk auch der Verantwortlichkeit seines Volkes anvertraut; denn Er ist es nicht allein, der Baumaterial, lebendige Steine, hinzufügt, sondern auch wir sind gehalten, der Heiligkeit dieses Bauwerks entsprechendes Material herbeizubringen. Dieses Material ist im Lauf der Zeit mit Holz, Heu und Stroh (zerstörenden Lehren oder dem Haus Gottes fremden Personen) vermengt worden, während es nur aus Gold, Silber und köstlichen Steinen hätte bestehen sollen (1. Kor 3), und das Bauwerk ist verderbt worden wie sein Gegenbild, der Tempel zu Jerusalem; doch das verhindert keineswegs, dass dieser Bau auch weiterhin dem Volk Gottes anvertraut ist. In seiner Verantwortlichkeit, das Werk zu einem guten Ende zu führen, hat dieses Volk gefehlt, aber nichtsdestoweniger ist es berufen, daran zu arbeiten, als wenn sich alles in einem regelrechten Zustand befände.

Zur Zeit Serubbabels waren sogar die Grundlagen des Tempels zerstört, und es handelte sich darum, sie von neuem zu legen (V. 6 u. 10). Konnten sie von den Grundlagen des Tempels Salomos verschieden sein? Keineswegs: die Leviten, die dazu bestellt waren, unter dem Beistand der Priester „Aufsicht zu führen über das Werk des Hauses des HERRN“ und „über die, die das Werk am Haus Gottes taten“ (V. 8 u. 9), mussten alles nach den im Anfang durch David, den König von Israel, gegebenen Anweisungen machen (V. 10). So auch heute; wer auch die Arbeiter sein mögen, kein anderer Grund kann gelegt werden als Jesus Christus. Auf diesen Felsen, sagt der Herr, will ich meine Versammlung bauen; und der Apostel Paulus seinerseits hatte als ein weiser Baumeister sich dieser Aufgabe entledigt, indem er denselben Grund legte (1. Kor 3,10), und zwar so, dass niemand das Recht hat, anders zu handeln als er.

Zur Zeit des Buches Esra, wie in den gegenwärtigen Tagen, kann der Grund kein neuer sein, aber nach den Jahrhunderten, während deren er aufgegeben war, ist er wiedergefunden und gleichsam neu gelegt worden, da er allein fähig ist, das Haus, die Versammlung Gottes, zu tragen.

Wir müssen hier noch darauf hinweisen, dass die Wiedererbauung des Hauses Gottes unzertrennlich war von dem Ablegen des Zeugnisses über seinen Verfall und den des Volkes. Alles was der Überrest ausführte, tat er „entsprechend der Vollmacht Kores', des Königs von Persien, an sie“ (V. 7). Sie waren um ihrer Sünden willen den Nationen unterworfen und mussten beständig ein Bewusstsein von ihrer Lage haben, bis die herrliche Wiederherstellung des Volkes durch den verheißenen Messias kommen wird. Das ist es, was später die Makkabäer so wenig verstanden, und was das stolze Herz des Volkes zur Zeit Jesu so tief verletzte, dass sie Ihm zu sagen wagten: „Wir sind nie jemandes Knechte gewesen“. Das Bewusstsein unseres Verfalls soll uns heute kennzeichnen, wie es das Volk zu Esras Zeit kennzeichnete. Wir können und sollen ihn nicht leugnen, noch seine Last von unseren Schultern abschütteln, sondern müssen die Demütigung, die darin liegt, tragen, indem wir zugleich das Haus Gottes wieder auf seine einzige wahre Grundlage stellen, auf Christus, mit den Aposteln und Propheten, die von Ihm gezeugt haben.

Die Priester und das ganze Volk feiern in dem Augenblick, da der Grund des Tempels neu gelegt wird, ein Fest des Lobens und Dankens (V. 10–13), und diese Tatsache, in Verbindung mit der Errichtung des Altars, ist von größter Wichtigkeit für uns. Inmitten des größten Verfalls bleiben zwei Dinge unveränderlich: das Werk Christi und seine Person, Christus, Altar und Grundlage, Christus unser Heiland und der, auf den wir für immer gebaut sind, Christus, der Gegenstand des Gottesdienstes und des unaufhörlichen Lobes der Seinigen. In den finsteren Zeiten, durch die wir gehen, unter der verdienten Demütigung und Schande, die unser Teil sind, können wir nichtsdestoweniger den Lobgesang der Zukunft singen, – denn Er hat sich nicht verändert – so wie wir hier den Überrest inmitten der Verwüstungen seiner Geschichte und der Trümmer Jerusalems den Gesang der tausendjährigen Herrlichkeit anstimmen hören. „Sie stimmten dem HERRN einen Wechselgesang an mit Lob und Dank: denn er ist gütig, denn seine Güte währt ewig über Israel“ (V. 11). Er ist Derselbe, seine Liebe verändert sich nicht und wird völlig offenbart werden, wenn Er sein geliebtes Volk in seine eigene Herrlichkeit einführen wird.

Doch konnten inmitten dieser Freude auch Trauer und Schmerz nicht fehlen; und das ist wieder ein Kennzeichen, das dem Überrest von damals und von heute gemeinsam ist. Der Tempel, den sie bauten, konnte nicht mit dem Tempel Salomos verglichen werden. Die jetzige Kirche kann nicht in Vergleich gestellt werden mit dem, was sie war, als sie durch die Kraft des Heiligen Geistes, als Zeugin des in die Herrlichkeit aufgefahrenen Christus, gebildet wurde. Die Freude konnte unvermischt sein bei denen, die noch jung waren und von dem Vergangenen kein Bewusstsein hatten. Sie waren Zeugen einer Art Auferweckung des Volkes und sahen darin das wunderbare Einschreiten der Gnade Gottes. Wer hätte sie also hindern wollen, sich zu freuen? Doch die Priester, die Leviten und die Häupter der Vater weinten, weil sie mehr in Gemeinschaft mit Gott waren und daher ein tieferes Bewusstsein von der Unehre hatten, die seinem Namen angetan worden war; und die Alten weinten, weil sie bessere Zeiten gekannt hatten.

Dieses Gemisch von Freude und lautem Weinen stieg hinauf zu Gott; es war so miteinander vermengt, dass man das eine von dem anderen nicht zu unterscheiden vermochte, und „der Schall wurde gehört bis in die Ferne“. So sollen auch diejenigen, denen es heute am Herzen liegt, das Haus Gottes zu bauen und seine zerstörten Grundlagen zu legen, durch ihr Verhalten erkennen lassen, dass eine wahre Demütigung über ihren Zustand nicht von der Freude getrennt werden kann, welche sie genießen, indem sie das Werk und die Person Christi als einzige Grundlage der gegenwärtigen und zukünftigen Segnungen preisen.

Autor: Henri Rossier

Fußnoten

  • 1 Der Monat Ethanim, der Monat, in dem der Tempel Salomos eingeweiht wurde.
  • 2 oder Versammlung, so auch später
  • 3 sogenannte „biblische Gemeinden“, oder „Gemeinden auf biblischer Grundlage“ zu bilden (Anmerkung des Übersetzers).
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