Die gute Hand Gottes
Eine Auslegung zum Buch Esra

Kapitel 5: Prophetendienst und weiterer Widerstand

Die gute Hand Gottes

Das Kapitel beginnt mit dem Auftreten der Propheten Haggai und Sacharja. Ihr schriftlicher Dienst wird in den gleichnamigen Prophetenbüchern ausführlich beschrieben. Durch den Prophetendienst dieser Männer Gottes fasste das Volk wieder Mut zur Arbeit. Nach ungefähr zwei Jahren Unterbrechung begannen sie von neuem.

Doch die Angriffe der Feinde beginnen ebenfalls erneut. In den zwei Jahren des „Baustopps“ gab es wohl keine Anfeindungen gegen die Juden. Aber sobald sie wieder anfingen zu bauen, regte sich der Widerstand. Satans Ziel ist immer, das Werk des Herrn zu verhindern. Wenn es ruht, hat er sein Ziel erreicht. Wo man für den Herrn arbeitet, beginnt auch er sein Werk der Störung und Zerstörung. Dazu benutzt er jetzt Tatnai und seine Bundesgenossen. Auch sie schreiben einen Brief an den persischen Hof, wo nun der König Darius I. regiert. Dieser verleumderische Brief nimmt den größten Teil des fünften Kapitels ein.

Prophetendienst von Haggai und Sacharja (V. 1. 2)

Vers 1: Und Haggai, der Prophet, und Sacharja, der Sohn Iddos, die Propheten, weissagten den Juden, die in Juda und in Jerusalem waren, im Namen des Gottes Israels, der über ihnen war.“

„Haggai (hebr. für „Meine Feste“, „Festlich“), der Prophet, und Sacharja („Der HERR erinnert sich“), der Sohn Iddos“ treten hier unvermittelt auf. Beide werden als „Propheten“ bezeichnet. Der Dienst Haggais erstreckte sich vom ersten Tag des sechsten Monats bis zum vierundzwanzigsten Tag des neunten Monats des zweiten Jahres des Königs Darius I., genannt „der Große“ (522 bis 485 v. Chr.). Wir befinden uns hier also im Jahr 521/520 v. Chr. Der im Wort Gottes registrierte recht kurze Dienst Haggais dauerte knapp vier Monate (s. Hag 1,1; 2,10.20).

Sacharja begann seine Weissagungen im achten Monat des zweiten Jahres Darius‘ I. (um 520 v. Chr.); sein letzter datierter Ausspruch fand am vierten Tag des neunten Monats des vierten Regierungsjahres Darius‘ statt, das heißt im Jahr 519/518 v. Chr. (Sach 1,1; 7,1). Wann er die danach aufgezeichneten Aussprüche des HERRN gehört und schriftlich niedergelegt hat, ist nicht bekannt.

Der Dienst der beiden Propheten begann also in genau dem Jahr, das in Esra 4,24 genannt wird. Über den Inhalt ihrer Weissagungen schreibt Esra nichts. Dazu müssen wir die Schriften dieser beiden Propheten lesen. Wir finden gewisse Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede in ihren Botschaften.

Haggai befasst sich in seinem kurzen Buch hauptsächlich mit dem Tempelbau. In seiner ersten Botschaft ermahnt er die Juden, den Bau des Tempels wieder aufzunehmen, anstatt sich mit ihren eigenen Häusern und ihrem eigenen Wohlergehen zu beschäftigen. Die Botschaft lautet:

„So spricht der HERR der Heerscharen und sagt: Dieses Volk spricht: Die Zeit ist nicht gekommen, die Zeit, dass das Haus des HERRN gebaut werde. Und das Wort des HERRN erging durch den Propheten Haggai, indem er sprach: Ist es für euch selbst Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus wüst liegt? Und nun, so spricht der HERR der Heerscharen: Richtet euer Herz auf eure Wege! Ihr habt viel gesät und wenig eingebracht; ihr esst, aber nicht zur Sättigung; ihr trinkt, aber nicht zur Genüge; ihr kleidet euch, aber es wird keinem warm; und der Lohnarbeiter erwirbt Lohn für einen durchlöcherten Beutel. So spricht der HERR der Heerscharen: Richtet euer Herz auf eure Wege! Steigt auf das Gebirge und bringt Holz herbei und baut das Haus, so werde ich Wohlgefallen daran haben und verherrlicht werden, spricht der HERR. Ihr habt nach vielem ausgeschaut, und siehe, es wurde wenig; und brachtet ihr es heim, so blies ich hinein. Weshalb das?, spricht der HERR der Heerscharen. Wegen meines Hauses, das wüst liegt, während ihr lauft, jeder für sein eigenes Haus. Darum hat der Himmel den Tau über euch zurückgehalten und die Erde ihren Ertrag zurückgehalten. Und ich habe eine Dürre gerufen über das Land und über die Berge und über das Korn und über den Most und über das Öl und über das, was der Erdboden hervorbringt, und über die Menschen und über das Vieh und über alle Arbeit der Hände“ (Hag 1,2–11).

Daraufhin fassen die Führer des Volkes und das ganze Volk Mut und beginnen den Bau von neuem. In der zweiten Botschaft (Kap. 2,3–9) ermuntert er die Juden, sich nicht von der Erinnerung an den zerstörten Tempel niederdrücken zu lassen. Viele der Älteren hatten bei der Grundlegung des Tempels gerade deshalb mit lauter Stimme geweint (Esra 3,12). In dieser und in seiner letzten Weissagung weist Haggai das Volk Gottes auf die Zukunft hin, in der Gott Himmel und Erde erschüttern wird, bevor „das Ersehnte aller Nationen“, der Messias, Gottes Sohn, in seiner Herrlichkeit kommen wird, von dem Serubbabel, der Nachkomme Davids, ein schwaches Abbild ist (Hag 2,7–9; 21–23).

Andererseits erwähnt Sacharja in seinem Buch nur wenige Einzelheiten über den Tempelbau und dessen Hauptverantwortliche, Serubbabel und Jeschua/Josua. Dafür enthalten seine Botschaften viele Aussprüche Gottes über das Volk der Juden und dessen zukünftige Geschichte bis zur „Vollendung des Zeitalters“, der herrlichen Erscheinung Christi zur Aufrichtung seines Reiches.

Die beiden Propheten bringen durch den Geist Gottes Dinge ans Licht, die im Buch Esra kaum erwähnt werden. Nicht nur der Widerstand von außen, sondern auch innere Trägheit (die Haggai anprangert) und Schwachheit (die Sacharja erwähnt) waren die Gründe für das Aufhören der Arbeit. Beide Propheten weisen jedoch gemeinsam auf die Zukunft und auf die kommenden Herrlichkeiten hin.

Haggai ermahnt das Volk zur Weiterarbeit. Die von Esra erwähnte Unterbrechung der Bauarbeiten am Haus Gottes nach dem Verbot des persischen Königs Artasasta hatte in Wirklichkeit also einen weiteren Grund, die Nachlässigkeit im Blick auf die Interessen Gottes. Der Trägheit im Blick auf das Haus Gottes stand der Eifer für die eigenen Belange gegenüber!

Besteht diese Gefahr nicht auch heute? Zeitliche, körperliche und geistige Anspannung im Berufs- und Privatleben wird von manchen Christen in einem derartigen Maß akzeptiert, dass kaum noch Energie für das Wichtigere, die Sache des Herrn und seiner Versammlung, übrig bleibt. Dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn Dürre in den Herzen zur Lähmung des Versammlungslebens führt. Dann benötigen auch wir den ernsten Aufruf: „Richtet euer Herz auf eure Wege!“, den Haggai mehrmals im Auftrag Gottes an die Juden richten musste (Hag 1,5.7; 2,15.18).

Der Prophet Sacharja, der mehr die Zukunft des Volkes Gotte im Blickfeld hatte, musste in einem Gesicht den Hohenpriester Josua mit schmutzigen Kleidern vor dem Engel des HERRN sehen, während Satan ihm widerstand (Sach 3). Josua repräsentiert das Volk Gottes vor dem HERRN. Satan, der Widersacher des von Gott gesegneten Volkes, stand dabei, um ihm zu widerstehen. Aber der HERR selbst nahm sich des Hohenpriesters und seines Volkes an. Er hatte Jerusalem erwählt. Er hatte das Volk wie ein Brandscheit aus dem Feuer gerissen, aber Satan wollte es wieder hineinwerfen! Durch seine Gnade tat Er, der Böses nicht sehen kann und will, die Sünde weg, nicht den Sünder. Er bekleidete Josua mit neuen Kleidern, die seiner eigenen Vollkommenheit entsprachen. So wird auch die trotz aller Widerstände Satans herbeigeführte Wiederherstellung Israels in der Zukunft allein das Werk der Gnade Gottes sein.

Auch diese Begebenheit hat uns viel zu sagen. Satan versucht auf alle Weise, den Dienst für den Herrn und sein Haus zu verhindern. Er schreckt auch vor Verleumdung von Personen nicht zurück – insbesondere, wenn es sich um geistliche Führer oder Repräsentanten handelt. Leider findet er dafür nur zu oft einen Anhaltspunkt. Ihre Schwachheit, ihr Versagen und ihre Sünde können vom Teufel zum Anlass genommen werden, sie als unfähig hinzustellen oder gar völlig auszuschalten. Wir können nicht einfach über unsere Schwachheit und Sünde hinweggehen. Wenn wir unsere Schuld bekennen, kann und wird der Herr uns davon reinigen und auf diesem Weg weiter leiten und stärken (Spr 28,13; 1. Joh 1,9).

Beide Propheten ermuntern den Überrest der Juden mit Hinweisen auf die unveränderte Gnade Gottes für sein Volk. Haggai erinnert sie an zwei Dinge, die ihnen von Anfang ihrer Geschichte als Volk Gottes zur Verfügung standen: „Das Wort, das ich mit euch eingegangen bin, als ihr aus Ägypten zogt, und mein Geist bestehen in eurer Mitte: Fürchtet euch nicht!“ (Hag 2,5). Und Sacharja macht ihnen deutlich, dass nicht menschliche Kraft, sondern sein Geist allein zustande bringt, was Er wünscht: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der HERR der Heerscharen“ (Sach 4,6). Dieser zweifache Hinweis auf den Geist Gottes soll auch uns in der gegenwärtigen Zeit ermuntern, wo so viel geistliche Schwachheit im Volk Gottes zu finden ist. Sein Wort und sein Geist sind zugleich Richtschnur und Kraftquelle für alle Erlösten, die im Bewusstsein ihrer eigenen Kraftlosigkeit seine Gedanken über sein Haus festhalten und verwirklichen wollen.

Alles dies und mehr finden wir in den Büchern Haggai und Sacharja. Esra berichtet nur, dass Haggai und Sacharja ihre Botschaften „den Juden, die in Juda und in Jerusalem waren, im Namen des Gottes Israels, der über ihnen war“, brachten. Die in Babel zurückgebliebenen Juden erhielten diese Botschaften Gottes nicht. Sie waren für den kleinen Überrest derer bestimmt, die nach Juda und Jerusalem, der „Stadt Gottes“ zurückgekehrt waren. Wie ermunternd ist es zu lesen, dass Gott diese kleine, schwache Schar der Seinen trotz ihres Versagens nicht verließ!

Ausdrücklich wird dabei vermerkt: „im Namen des Gottes Israels“. Was Haggai und Sacharja redeten und schrieben, war nicht Menschenwort, sondern Gottes Wort (vgl. 1. Thes 2,13). Erneut wird auch die Tatsache der Einheit des zersplitterten Volkes Gottes hervorgehoben, wenn es heißt: „des Gottes Israels“. Dieser Name war „über ihnen“, das heißt über den beiden Propheten. Von Ihm allein strömte ihnen alle Kraft und Autorität zu.

Vers 2: Da machten sich Serubbabel, der Sohn Schealtiels, und Jeschua, der Sohn Jozadaks, auf und fingen an, das Haus Gottes in Jerusalem zu bauen, und mit ihnen die Propheten Gottes, die sie unterstützten.“

Durch den Dienst der Propheten Haggai und Sacharja wurden zunächst die beiden Führer des Volkes, Serubbabel und Jeschua, angesprochen, wie Haggai berichtet (Hag 1,1b). Sie trugen die größte Verantwortung. Sie waren es auch, die sich aufmachten und wieder anfingen, „das Haus Gottes in Jerusalem zu bauen“. Aber nicht nur sie, sondern mit ihnen der „ganze Überrest des Volkes hörten auf die Stimme des HERRN, ihres Gottes, und auf die Worte des Propheten Haggai“ (Hag 1,12). Da Sacharja erst zwei Monate später mit seinem Dienst begann, gibt Esra also einen allgemeiner gehaltenen Überblick über die Geschehnisse, wenn er hier vom Dienst und der Unterstützung beider Propheten spricht.

Diese beiden Männer Gottes sprachen nicht nur zum Volk, sondern unterstützten es auch. Damit ist in erster Linie ihr prophetischer Dienst gemeint. Aber wie Elia eigenhändig den zerstörten Altar des HERRN auf dem Karmel wiederhergestellt hatte (1. Kön 18,30–32), haben auch diese beiden Männer Gottes beim Tempelbau sicher tatkräftig mit angefasst. Das war eine Unterstützung, durch die sie zugleich Vorbilder für andere wurden. Und wir wissen, ein Vorbild ist der beste Lehrmeister. Der Apostel Paulus war so ein Vorbild, das seine Bedeutung bis heute nicht verloren hat. Er ruft uns durch das Wort Gottes noch immer zu: „Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi!“ (1. Kor 4,16; 11,1; Phil 3,17).

An der Gesamtsituation hatte sich seit dem Aufhören der Bauarbeit am Haus Gottes nichts geändert. Das Schreiben des Königs Artasasta war nicht zurückgezogen worden, und die Feinde des Volkes Gottes hatten ihre Haltung nicht geändert. Aber die Juden hatten durch den Dienst der Propheten wieder neuen Mut gefasst. Sinn und Zweck des prophetischen Dienstes ist: „Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung“ (1. Kor 14,3). Das hatten die Juden erfahren und zu Herzen genommen. Dadurch waren sie wieder so erstarkt, dass sie Gott mehr gehorchten als den Menschen (Apg 5,29).

Erneuter Widerstand (V. 3–5)

Vers 3: In jener Zeit kamen Tatnai, der Statthalter diesseits des Stromes, und Schetar-Bosnai und ihre Genossen zu ihnen und sprachen zu ihnen so: Wer hat euch Befehl gegeben, dieses Haus zu bauen und diese Mauer zu vollenden?“

„In jener Zeit“, nicht während der Ruhe beim Bau des Tempels, sondern als die Juden wieder mit dem Tempelbau begonnen waren, meldeten sich die Gegner von neuem. In der Zeit, in der die Juden nach den Worten Haggais mit ihren eigenen Häusern beschäftigt waren, hatte auch die Aktivität des Feindes geruht. Ein Christ, der mit den Dingen dieser Erde und der Welt beschäftigt ist, stellt für Satan kein lohnendes Angriffsziel dar, weil er kein klares Zeugnis für den Herrn Jesus mehr ist. Er liegt wie ein Schlafender unter den Toten (Eph 5,14). Aber sobald er durch den Heiligen Geist aufgeweckt worden ist, wird der Teufel sich ihm in irgendeiner Weise in den Weg stellen. So auch hier.

Das persische Reich bestand zur damaligen Zeit aus einer Anzahl von Satrapien, die von hohen Beamten, den Satrapen, verwaltet wurden. Eine dieser Satrapien hieß „jenseits [oder: diesseits] des Stromes“, das heißt westlich des Euphrat. Die Satrapien wiederum waren in kleinere Landschaften aufgeteilt, an deren Spitze jeweils ein Statthalter stand (vgl. Esra 8,36). Serubbabel/Sesbazar und später Nehemia waren Statthalter von Juda (Esra 6,7; Neh 5,14; Hag 1,1). „Tatnai, der Statthalter diesseits des Stromes“, war entweder als Beamter dem Satrapen „diesseits des Stromes“ untergeordnet oder einer der übrigen Statthalter in diesem großen Gebiet, das unter anderem auch Syrien, Ammon und Samaria umfasste (vgl. Neh 2,7.9; 3,33f.; 4,1).

„Tatnai [,Gabe; Lehre‘], der Statthalter diesseits des Stromes, und Schetar-Bosnai [„Leuchtender Stern“] und ihre Genossen“ kamen nun zu den Bauenden. Offenbar hatten sie die Absicht, den Bau erneut zu unterbinden. Ob auch dieser Angriff auf die Samariter zurückging, die durch falsche Angaben schon einmal die Unterbrechung des Tempelbaus bewirkt hatten, oder ob Tatnai von sich aus die Anfrage an die Juden richtete, wissen wir nicht. Es fällt jedenfalls auf, dass die Gesandtschaft jetzt nur mit einer Frage kam, die sich auf den Tempelbau bezog. Die falsche Anklage, die Stadt und ihre Mauern1 würden wieder aufgebaut, wurde nicht wiederholt, obwohl gerade sie der Grund für die Unterbrechung des Tempelbaus gewesen war (Kap. 4). Tatnai bezog sich auf das, was zu sehen war, und fragte nach der entsprechenden Genehmigung, dem Befehl des persischen Königs. Wie aus Vers 10 hervorgeht, wurde auch nach den Namen der für die Arbeit verantwortlichen Männer gefragt.

Vers 4: Darauf sagten wir ihnen, welches die Namen der Männer wären, die diesen Bau ausführten.“

Die Widersacher der Juden stellten zwei Fragen: erstens, wer den Juden den Befehl zum Wiederaufbau des Tempels gegeben habe, und zweitens, wie die Verantwortlichen hießen (V. 9 und 10). In Vers 3 wird jedoch nur die erste Frage und in Vers 4 nur die Antwort auf die zweite Frage erwähnt. Diese Besonderheit der Berichterstattung hat ihren Grund. Die Gegner werden hier als Menschen dargestellt, denen die weltliche Autorität das Wichtigere ist, die Juden dagegen als solche, die bereit sind, die Verantwortung für die Arbeit für den HERRN, ihren Gott, auf sich zu nehmen und dafür gerade zu stehen.

Eine weitere Besonderheit in diesem Vers stützt diesen Gedanken. Esra, der Verfasser dieses Buches, schreibt nämlich nicht „Darauf sagten sie ihnen“, sondern: „Darauf sagten wir ihnen“. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich jedoch noch in Babel. Dennoch liegt hier weder eine falsche Aussage Esras noch ein Schreibfehler vor. Wie der erste Teil des Buches (Kap. 1–6) an mehreren Stellen bezeugt, fand Esra bei seiner Ankunft in Jerusalem Aufzeichnungen über die Ereignisse der ersten Jahre vor, auf die er sich bei der Abfassung seines Buches stützen konnte. In diesem Fall hat er das „wir“ in dem ihm vorliegenden Bericht belassen, um sich damit einszumachen und um zu zeigen, dass die Führer des Überrests sich ihrer Verantwortung beim Bau des Tempels vor Gott und gegenüber der Welt bewusst waren und in allem auf Ihn vertrauten.

Wir haben hier keinen direkten Angriff der Gegner vor uns, wie es in Kapitel 4 der Fall war. Es war mehr eine getarnte Attacke, vielleicht, weil die Fragesteller sich ihrer Sache nicht sicher waren. Eine ähnliche Situation beschreibt Petrus mit den Worten: „Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt, damit, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, die zuschanden werden, die euren guten Wandel in Christus verleumden“ (1. Pet 3,15.16). In jeder Lage sollen wir als Kinder Gottes bereit sein, der Welt, die uns umgibt, Rechenschaft zu geben über den Glauben und die Hoffnung, die wir haben. Durch unser sanftmütiges und demütiges Verhalten, das immer mit einem guten Gewissen gepaart gehen sollte, können wir dann von unserem Erlöser und Herrn Zeugnis ablegen. Eine solche Haltung hatten auch die Ältesten von Juda.

Vers 5: Aber das Auge ihres Gottes war über den Ältesten der Juden, dass man ihnen nicht wehrte, bis die Sache an Darius gelangte und man dann einen Brief darüber zurückschickte.“

„Denn die Augen des HERRN durchlaufen die ganze Erde, um sich mächtig zu erweisen an denen, deren Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist“ (2. Chr 16,9; vgl. 5. Mo 11,12; Ps 33,18). Diese Worte bewahrheiteten sich bei den Ältesten der Juden, die sich mit dem Werk befassten, das zur Ehre Gottes dienen sollte. Er gab ihnen einen Schutz, den Menschen ihnen nicht geben konnten, außerdem aber auch Mut und Kraft.

Die hier erwähnten Ältesten nahmen seit dem Anfang der Geschichte des Volkes Israel einen wichtigen Platz bei allen Entscheidungen ein (2. Mo 3,16 und viele andere Stellen). Sie waren ursprünglich wohl tatsächlich die ältesten Vertreter des Volkes. Später entwickelte sich daraus eine mehr oder weniger offizielle Stellung, die auch in den ersten Versammlungen der Christen ihre Fortsetzung und ihr Ende fand. In den ersten Versammlungen aus den Nationen wurden „an jedem Ort“ Älteste (griech. presbyteros) oder Aufseher (griech. episkopos) gewählt oder ernannt, und zwar nur von den Aposteln und deren Beauftragten (Apg 14,23; Tit 1,5.7).2 Eine Fortsetzung dieser Einsetzung konnte es nach dem Heimgang der Apostel demnach nicht geben. Das Amt der Ältesten hörte auf zu bestehen. Der Dienst solcher erfahrenen, gereiften und daher notwendigerweise älteren Brüder sollte aber unter der Leitung des Heiligen Geistes weitergeführt werden (vgl. Apg 20,28).

Tatnai und seine Genossen mussten wissen, dass sie gegen die Autorität des persischen Königs machtlos waren. Von sich aus hätten sie wohl nicht die Macht gehabt, die Juden an der Fortführung des Tempelbaus zu hindern. Im Vorgriff auf das Folgende wird hier schon festgestellt, dass man ihnen die Weiterarbeit nicht verwehrte, bis das Antwortschreiben des persischen Königs auf die Anfrage der Widersacher eingetroffen war. Der Inhalt des Schreibens an den König wird nun mitgeteilt.

Die Anklageschrift (V. 6–17)

Verse 6 und 7: Abschrift des Briefes, den Tatnai, der Statthalter jenseits des Stromes, und Schetar-Bosnai und seine Genossen, die Apharsakiter, die jenseits des Stromes wohnten, an den König Darius sandten. Sie sandten einen Bericht an ihn, und so war darin geschrieben: Darius, dem König, allen Frieden!“

Vers 6 zeigt, dass Esra sich bei der Abfassung seines Buches auf vorhandene Dokumente stützen konnte. Offensichtlich lag ihm eine Kopie des Briefes vor, den die Gegner an König Darius geschickt hatten.

Im Gegensatz zu dem in Kapitel 4,8–16 wiedergegebenen Brief war der jetzige jedoch eher ein „Bericht“ über den damaligen Stand des Tempelbaus (s. V. 8). Obwohl er nicht in guter Absicht geschrieben wurde, enthielt er doch keine direkte Anklage gegen die Juden. Man hatte die Antwort des Königs Artasasta wohl noch so gut in Erinnerung, dass man meinte, ein Bericht über die Fortführung der Arbeit würde ausreichen, um einen erneuten „Baustopp“ zu erzielen.

Vers 8: „Dem König sei mitgeteilt, dass wir in die Landschaft Juda zum Haus des großen Gottes gegangen sind; und es wird mit Quadersteinen erbaut, und Balken werden in die Wände gelegt; und diese Arbeit wird eifrig betrieben, und sie gedeiht unter ihrer Hand.“

Zunächst gaben die Verfasser des brieflichen Berichts einen kurzen Überblick über den Stand des Baus. Sie wussten genauso gut wie die früheren Ankläger, dass es keineswegs um den Wiederaufbau der Stadt und ihrer Mauern ging. Daher hatten sie sich von vornherein „zum Haus des großen Gottes“, dem Tempel, begeben. Diese Heiden sprachen mit gewisser Ehrfurcht von dem „großen Gott“. Vielleicht hatten sie von der Anerkennung Gottes durch Kores, ihren ersten König, gehört und in Erinnerung behalten (s. Kap. 1,2–4).

Gott, der seit Salomos Zeiten in Jerusalem an dem von Ihm erwählten Ort sein Haus hat, steht auch jetzt über allem (5. Mo 12,5–12; 1. Kön 11,36). Obwohl es völlig zerstört war, blieb die Stätte doch das Haus Gottes, wie wir in Kapitel 3,8 gesehen haben. Als der Tempel wieder aufgebaut wurde, mussten sogar die Gegner es „das Haus des großen Gottes“ nennen, obwohl es noch gar nicht fertiggestellt war. Gott selbst nannte den wieder aufgebauten Tempel „mein Haus“ und sagte im Blick auf die Zukunft voraus: „Die letzte Herrlichkeit dieses Hauses [d.h. im Tausendjährigen Reich] wird größer sein als die erste“ (Hag 1,9; 2,9). Sogar den gewaltig erweiterten und ausgeschmückten Tempel des Königs Herodes bezeichnete der Herr Jesus als das „Haus meines Vaters“ (Joh 2,16). Durch alle Jahrhunderte hindurch gab es nur den einen Tempel in Jerusalem, der in der Zukunft wieder erstehen wird (Hes 40).

Ebenso ist es bei der Versammlung, dem Haus und Tempel Gottes in der Gegenwart. Christus hat sie auf Sich selbst, den ewigen Felsen, gegründet, Er baut sie, indem Er jeden Gläubigen als lebendigen Stein hinzufügt, und Er wird sie mit sich in der Herrlichkeit vereinen, damit sie in Ewigkeit die „Hütte [oder: das Zelt] Gottes bei den Menschen“ sei (Mt 16,18; 1. Pet 2,5; Off 21,3)! Menschen mögen versuchen, Eigenes zu bauen, zu verändern oder gar zu zerstören – selbst der Hades vermag die Versammlung Gottes und Christi nicht zu überwältigen! Gott sei ewig Dank dafür, und zugleich seinem Sohn Jesus Christus, der „die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, damit er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei“ (Eph 5,25–27).

Im Bericht des Statthalters Tatnai wird als Erstes festgehalten, mit welchen Materialien der Tempel errichtet wurde. Die Mauern bestanden aus Quadersteinen (eig.: „Steinen des Wälzens“, das heißt wahrscheinlich große Steine, die man auf Rollen zur Baustelle wälzte). Die Balken wurden wohl in erster Linie für die Decken und Böden verwendet (s. Kap. 3,7).

Weiter bezeugt der Brief: „Und diese Arbeit wird eifrig betrieben, und sie gedeiht unter ihrer Hand“. In sachlichen, fast zustimmenden Worten mussten die Gegner den Fortgang der Arbeiten beschreiben. Sehen wir darin nicht das Ergebnis des prophetischen Dienstes von Haggai und Sacharja (V. 1 und 2)? Der Heilige Geist hatte durch diese Männer zu den Gewissen und den Herzen der Juden und ihrer Führer geredet. Das Ergebnis war erstens ein erneuter Eifer für das Werk am Haus Gottes. Und zweitens versagte Gott ihnen nicht den Erfolg, denn Er schenkte Gedeihen. Beides steht im Gegensatz zu den Anklagen, die Haggai im ersten Kapitel seines Prophetenbuches aussprechen musste. Seine ernsten Worte hatten Wirkung gezeigt.

Verse 9 und 10: „Da haben wir jene Ältesten gefragt und so zu ihnen gesprochen: Wer hat euch Befehl gegeben, dieses Haus zu bauen und diese Mauer zu vollenden? Und auch nach ihren Namen haben wir sie gefragt, um sie dir mitzuteilen, damit wir die Namen der Männer aufschrieben, die ihre Häupter sind.“

Sodann wird von einer Befragung der Ältesten von Juda berichtet. Die bereits in Vers 3 erwähnte Frage nach dem Ursprung des Befehls zum Tempelbau wird wörtlich wiederholt. Aber auch nach den Namen „der Häupter“, das heißt der Verantwortlichen für den Bau, wird gefragt. In der Wiedergabe des Briefes werden die Namen jedoch übergangen.

Auch hier sehen wir wieder die gütige Hand Gottes über den Seinen. Obwohl die Briefschreiber keine freundlichen Absichten hatten, ist von einer direkten Anklage gegen die Juden keine Spur zu erkennen.

Vers 11: „Und so gaben sie uns Antwort und sprachen: Wir sind die Knechte des Gottes des Himmels und der Erde, und wir bauen das Haus wieder auf, das viele Jahre zuvor gebaut wurde; und ein großer König von Israel hatte es gebaut und vollendet.“

Jetzt folgt die Wiedergabe der Antwort der Ältesten von Juda. Sie bezeichnen sich zunächst als „Knechte des Gottes des Himmels und der Erde“. Sie sehen sich als Diener Gottes. Ihre Väter hatten sich anderen Göttern zugeneigt und waren deshalb in die Gefangenschaft nach Babel geführt worden. Aber nun wollte ein kleiner Überrest dem wahren Gott wieder treu dienen.

Sie nennen Ihn den „Gott des Himmels und der Erde“. Damit bringen sie zum Ausdruck, dass Er der alleinige Gott ist. Alle heidnischen Völker besaßen jeweils ihre eigenen Landes- oder Volksgötter, die sie sich selbst gemacht hatten (vgl. 2. Kön 18,34; Ps 96,5). Nur Er ist der Schöpfer und auch der Erhalter der Welt, der über allem steht. Daher nennt schon Melchisedek Ihn „den Höchsten, der Himmel und Erde besitzt“ (1. Mo 14,22), was auch Abraham tut (1. Mo 24,3). Im Neuen Testament sagt Paulus von Ihm: „Der Gott, der die Welt und alles darin gemacht hat, dieser, der der Herr des Himmels und der Erde ist“ (Apg 17,24). Schließlich nennt der Herr Jesus seinen Vater „Vater, Herr des Himmels und der Erde“ (Mt 11,25).

Auch hier sprechen die Ältesten von Juda von dem „Haus“, das sie wieder aufbauen. Dieses Haus war „viele Jahre zuvor gebaut“ worden. Ungefähr 450 Jahre waren seit dem Beginn des Tempelbaus durch Salomo, den „großen König von Israel“, vergangen (s. 1. Kön 6). Der Sohn Davids ist ein Vorbild auf Christus, und zwar speziell im Blick auf seine Herrschaft im Tausendjährigen Reich. Der irdische Tempel in Jerusalem, den Salomo erbaute, ist ein Vorbild auf den geistlichen Tempel, dessen Bau der Herr Petrus mit den Worten ankündigte: „Auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Der Tempel Salomos wurde aufgrund der Untreue des Volkes Gottes zerstört. Aber „heilige Tempel im Herrn, ... die Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,21), wird von keiner Macht der Welt je zunichte gemacht werden können. Dafür trägt der Herr Jesus selbst Sorge!

Vers 12: „Aber seitdem unsere Väter den Gott des Himmels gereizt haben, hat er sie in die Hand Nebukadnezars, des Königs von Babel, des Chaldäers, gegeben, und er hat dieses Haus zerstört und das Volk nach Babel weggeführt.“

Schon Salomo hatte angefangen, fremden Göttern zu dienen und dadurch Gott zu reizen (1. Kön 11,1–4; vgl. 5. Mo 4,25; Ri 2,12). Seine Nachkommen folgten ihm darin zum größten Teil. Der Götzendienst nahm immer mehr zu, so dass es schließlich keine Heilung mehr gab (2. Chr 36,14–16). Der Grund der Verbannung der Juden lag hauptsächlich in ihrem Götzendienst.

Nun wird Gott nicht mehr wie in Vers 11 „Gott des Himmels und der Erde“, sondern „Gott des Himmels“ genannt. Dieser Wechsel ist von Bedeutung. Die Ältesten, die Ihn so nennen, sind sich der Tatsache bewusst, dass Gott sich wegen des Götzendienstes von seinem irdischen Volk abgewandt und die Herrschaft den Nationen übertragen hat. Er selbst hat sich gleichsam in den Himmel zurückgezogen (s. Kap. 1,2). In den Büchern aus der Zeit des Exils wird Er daher häufig so genannt.

Es war Gottes Strafgericht, durch das Juda in den Jahren 605–586 v. Chr. in die babylonische Gefangenschaft geführt wurde. Er gab sie „in die Hand Nebukadnezars, des Königs von Babel, des Chaldäers“. Mit diesem König begannen für die Erde aus prophetischer Sicht die „Zeiten der Nationen“ (Lk 21,24), die erst mit der Vernichtung des vierten Weltreiches bei der Erscheinung Christi enden werden. Nebukadnezar war das von Gott eingesetzte „Haupt von Gold“ des ersten dieser vier Weltreiche (Dan 2,38).3 Er zerstörte den Tempel in Jerusalem, nahm die heiligen Geräte zum Teil als Kriegsbeute mit nach Babel und führte den größten Teil des Volkes in die babylonische Gefangenschaft.

Doch in seinem unergründlichen Erbarmen hatte Gott die Zeit der Babylonischen Gefangenschaft auf siebzig Jahre begrenzt und dies auch durch den Propheten Jeremia vorher ankündigen lassen (2. Chr. 36,21; Jer 25). Diese Zeit war nun bereits seit mehr als einem Jahrzehnt vorüber.

Verse 13–15: „Doch im ersten Jahr Kores', des Königs von Babel, hat der König Kores Befehl gegeben, dieses Haus Gottes wieder aufzubauen. Und auch die goldenen und silbernen Geräte des Hauses Gottes, die Nebukadnezar aus dem Tempel, der in Jerusalem war, herausgenommen und in den Tempel in Babel gebracht hatte, die hat der König Kores aus dem Tempel in Babel herausgenommen und sie einem Sesbazar (so sein Name) gegeben, den er zum Statthalter einsetzte. Und er sprach zu ihm: Nimm diese Geräte, zieh hin, lege sie nieder in dem Tempel, der in Jerusalem ist; und das Haus Gottes werde wieder aufgebaut an seiner Stätte.“

Das Babylonische Reich der Chaldäer war im Jahr 539 v. Chr. durch die Meder und Perser besiegt worden. Kores, der erste König des zweiten großen Weltreichs (559–529 v. Chr.), war damals bereits zwanzig Jahre an der Macht. Das hier erwähnte „erste Jahr Kores‘“ war demnach nicht sein erstes Regierungsjahr überhaupt, sondern seiner Herrschaft als „König von Babel“. Er war und blieb der „König von Persien“ (Kap. 1,1), aber er war jetzt auch „König von Babel“.4

Nach dem Bericht der Juden in diesem Brief hatte Kores in seinem ersten Jahr nach der Eroberung Babels „den Befehl gegeben, dieses Haus Gottes wieder aufzubauen“. Das entspricht genau dem geschichtlichen Bericht in Esra 1,2–4 (V. 13). Gleiches gilt für die „goldenen und silbernen Geräte des Hauses Gottes, die Nebukadnezar aus dem Tempel, der in Jerusalem war, herausgenommen und in den Tempel in Babel gebracht hatte“. (Kap. 1,7–11). Schließlich wird noch Sesbazar erwähnt, bei dem die Juden hinzufügen: „(so sein Name)..., den er zum Statthalter einsetzte“. Dieser Mann wird in Kapitel 1,8 als „Fürst Judas“ bezeichnet und ist identisch mit dem Statthalter Serubbabel (Kap. 2,2; Hag 1,1). Anders als in Vers 2 steht hier – im offiziellen Briefwechsel mit dem Königshof – sein chaldäischer Name Sesbazar. Die Erklärung „so sein Name“ könnte darauf hinweisen, dass dies eigentlich ein fremder Name war (V. 14).

Sodann werden die Rückführung der Tempelgeräte nach Jerusalem und der Auftrag zum Tempelbau erwähnt. Alles entspricht genau den in Kapitel 1 genannten Tatsachen (V. 15). Sogar die Angabe „an seiner Stätte“ wird nicht übergangen. Wir haben gesehen, wie wichtig dies sowohl in Gottes Augen als auch für die Juden war.

Vers 16: „Da kam dieser Sesbazar und legte den Grund des Hauses Gottes, das in Jerusalem ist; und von da an bis jetzt wird daran gebaut, es ist aber noch nicht vollendet.“

Die brieflich festgehaltene Stellungnahme der Juden endet mit der Grundlegung „des Hauses Gottes, das in Jerusalem ist“. Es folgt die Bautätigkeit, die aber bis jetzt noch nicht beendet ist. Die Unterbrechung des Baus nach dem Brief des Königs Artasastas (Kap. 4,17–24) wird nicht erwähnt. Die Ausdrucksweise „und von da an bis jetzt wird daran gebaut“ schließt sie andererseits auch nicht aus.

Vers 17: „Und nun, wenn es der König für gut hält, so werde im Schatzhaus des Königs nachgesucht, das dort in Babel ist, ob es so sei, dass vom König Kores Befehl gegeben worden ist, dieses Haus Gottes in Jerusalem zu bauen; und der König sende uns seinen Willen hierüber zu.“

Nach der ausführlichen Darstellung der Situation und der Begründung der Juden für den von ihnen betriebenen Tempelbau bitten Tatnai und seine Genossen nun den König in Babel um Nachforschung im Archiv des Königspalastes. Sie hoffen offensichtlich, dass das Edikt des Königs Kores zum Wiederaufbau des Tempels nicht mehr vorhanden oder aufzufinden ist. Mit scheinbarer Sachlichkeit und Geduld bitten sie um Mitteilung, wie in dieser Angelegenheit weiter verfahren werden soll.

Die Gesetze der Meder und Perser durften nicht abgeändert werden. Was einmal festgelegt war, behielt seine Gültigkeit (Dan 6,16). Der erneute Versuch, den Bau des Hauses Gottes zu verhindern, musste also fehlschlagen. Die Juden wussten, dass ein Befehl des Königs von Persien zum Aufbau des Tempels vorlag (Kap. 1). Deshalb vertrauten sie nun im festen Glauben auf ihren Gott. Dazu hatte nicht zuletzt der Dienst der beiden Propheten Haggai und Sacharja beigetragen. – Wie gut ist es auch für uns, auf unseren Gott und Vater und auf sein Wort zu vertrauen!

Fußnoten

  • 1 Die in der Frage (V. 3) genannte Mauer ist die des Tempels, nicht die Stadtmauer.
  • 2 Bei den Ältesten der Versammlung in Jerusalem lesen wir dagegen nichts von einer Wahl. Sie hatten diese Stellung unter den Juden wohl schon vor ihrer Bekehrung eingenommen. Nach ihrer Bekehrung behielten sie ihre Stellung offensichtlich bei (Apg 11,30; 15,2.4.22; Jak 5,14). Sogar zwei der Apostel nannten sich Älteste (1. Pet 5,1; 2. Joh 1; 3. Joh 1).
  • 3 Nach den Aussagen des Wortes Gottes wird die Welt von der Zerstörung des Tempels bis zum öffentlichen Erscheinen Christi von vier Weltreichen regiert: Babel, Medo-Persien, Griechenland und Rom. Das wird hauptsächlich im Buch Daniel ausgeführt (Dan 2 und 7; vgl. dazu Dan 5,28; 8,20f.; 11,30; Lk 2,1; Off 17,7–14 und viele andere Stellen). Das Römische Reich, das beim ersten Erscheinen Christi herrschte, wird vor dem zweiten Erscheinen Christi wieder erstehen und dann von Ihm vernichtet werden.
  • 4 Ebenso wird Artasasta in Esra 7,1 „König von Persien“ und in Neh 13,6 „König von Babel“ genannt. In Esra 6,22 ist Darius sogar „König von Assyrien“ (vgl. 1. Kön 22,52 und 2. Kön 1,3). Sowohl Babel als Assyrien gehörten zum Machtbereich der Perserkönige, die sich daher durchaus mit entsprechenden Titeln schmücken konnten.
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