Die gute Hand Gottes
Eine Auslegung zum Buch Esra

Kapitel 1: Erweckung durch den Erlass des Königs Kores

Die gute Hand Gottes

Der Auftrag des Kores (V. 1–4)

Der Anfang des Buches Esra weist eine in der Bibel einmalige Tatsache auf: Er stimmt fast buchstäblich mit den letzten Versen des 2. Buches der Chronika (Kap. 36,22.23) überein. Esra schließt denn auch geschichtlich und inhaltlich unmittelbar an 2. Chronika an. Zwischen beiden Büchern liegt jedoch die siebzigjährige babylonische Gefangenschaft (vgl. Jer 25). Diese begann mit der ersten Wegführung eines Teiles der Juden unter der Regierung Jojakims im Jahr 605 v. Chr.1 und endete mit dem Edikt des Perserkönigs Kores (Cyrus) im Jahr 537/536 v. Chr. Über die Zeit der Verbannung schweigt Gottes Wort. Nur in vereinzelten Bemerkungen lesen wir etwas darüber, wie es den Juden in Babel und Chaldäa ergangen ist. Ergreifend sind die Worte, mit denen Psalm 137 beginnt: „An den Flüssen Babels, da saßen wir und weinten, als wir uns an Zion erinnerten.“ Doch diese Zeit war nun zu Ende – wenigstens für diejenigen, die dem Aufruf Gottes durch den König Kores folgten.

Kores gab den Juden die Erlaubnis, nach Palästina zurückzukehren, um den zerstörten Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Das ist der Inhalt des ersten Kapitels.

Vers 1: „Und im ersten Jahr Kores', des Königs von Persien – damit das Wort des HERRN aus dem Mund Jeremias erfüllt würde – erweckte der Herr den Geist Kores', des Königs von Persien; und er ließ einen Ruf ergehen durch sein ganzes Königreich, und zwar auch schriftlich, indem er sprach:

Das Buch Esra beginnt mit dem Bindewort „Und“.2 Damit will der Heilige Geist, von dem „alle Schrift eingegeben ist“ (2. Tim 3,16), uns zeigen, dass Gottes Wege mit den Seinen auf der Erde nicht zu Ende sind. Mochte der Abfall seines irdischen Volkes auch so groß sein, dass es aus dem von Gott selbst verheißenen und geschenkten Land Israel vertrieben werden musste – es war nicht das Ende, sondern es gab eine Hoffnung! Gott hatte die Zeit der Gefangenschaft bestimmt, und Er erweckte auch den Geist Kores‘, des mächtigen Königs von Persien. Die Jahre der Züchtigung waren vorüber. Gott wandte sich nun wieder seinem Volk zu.

Der erste Vers dieses Buches enthält noch eine weitere Belehrung. Die Zeitangabe „im ersten Jahr Kores', des Königs von Persien“ richtet sich nach den Regierungsjahren der weltlichen Macht. Unter Anführung des Königs Kores hatten die Meder und Perser im Jahr 539 v. Chr. das babylonische Weltreich der Chaldäer besiegt und Babel eingenommen. Kores wurde dadurch der erste König des zweiten der vier prophetischen Weltreiche. Er regierte von 559–529 v. Chr., war also bereits zwanzig Jahre an der Macht, als dies geschah. Das „erste Jahr Kores‘“ war demnach nicht sein erstes Regierungsjahr überhaupt, sondern das erste Jahr seiner Herrschaft als König in Babel und damit der Aufrichtung des zweiten Weltreiches (s. Dan 7,2–27).

Gott regierte jetzt nicht mehr unmittelbar über sein Volk durch das von Ihm eingesetzte Königtum. Er hatte seine Wohnung im Tempel vor der babylonischen Gefangenschaft verlassen und wird erst zu Beginn des Tausendjährigen Reiches dahin zurückkehren (Hes 9,3; 10,18; 11,23; 43,1–5). Die „Zeiten der Nationen“ waren angebrochen (Lk 21,24). Schon war das zweite Weltreich der Prophezeiungen Daniels an die Macht gekommen. Daniel hatte dies dem letzten König Belsazar (der eigentlich nur Vizekönig war) angekündigt, als er die geheimnisvolle Schrift Mene, mene, tekel upharsin an der Wand des Königspalastes deutete: „Peres – dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben“ (Dan 5,28 mit Fußnote der Elb. Übers. Edition CSV). Der persische König Kores wird hier nicht wie im Buch Jesaja als schwacher Schatten des Messias gesehen, sondern als Repräsentant des zweiten Weltreiches der Nationen, deren Zeiten mit der Zerstörung des Tempels des HERRN angebrochen waren.

Die erste Tat, die uns hier von Kores berichtet wird, geschieht vor dem Hintergrund, „damit das Wort des HERRN aus dem Mund Jeremias erfüllt würde“. Wenn Gott die Geschicke seines Volkes nicht mehr direkt lenkt, so tut Er es jetzt indirekt mittels der irdischen Mächte. Das Wort des Herrn, das Jeremia über die Dauer der Gefangenschaft gesprochen hatte, lautete: „Und dieses ganze Land wird zur Einöde, zur Wüste werden; und diese Nationen werden dem König von Babel dienen siebzig Jahre. Und es wird geschehen, wenn siebzig Jahre voll sind, werde ich an dem König von Babel und an jenem Volk, spricht der HERR, ihre Schuld heimsuchen, und an dem Land der Chaldäer; und ich werde es zu ewigen Wüsteneien machen“ (Jer 25,11.12). Das durch den Götzendienst Israels und Judas verunreinigte Land sollte seine „Sabbate genießen“. Damit ist das Brachliegen der Felder alle sieben Jahre gemeint, das von den Juden nicht beachtet worden war (2. Chr 36,21; vgl. 3. Mo 25 und 26,33–35). Die Weissagung über die siebzig Jahre der Gefangenschaft war jetzt erfüllt. Ungefähr zur gleichen Zeit las der Prophet Daniel in Babel die Worte Jeremias und demütigte sich deswegen vor Gott (Dan 9).

Die Juden waren abhängig von den Machthabern dieser Welt. Von Babel waren sie in die Gefangenschaft geführt worden. Von Persien erhielten sie jetzt die Erlaubnis zurückzukehren. Gott steht hinter und über allem. Er hat es auch zugelassen, dass die Regierung in Deutschland im Jahr 1937 das Zusammenkommen der Gläubigen im Namen des Herrn verbot. Dieses Ereignis war ohne Zweifel eine Zuchthandlung Gottes. Aber nach acht Jahren (1945) wurde die Freiheit wieder gewährt. Beide Handlungen geschahen durch die damaligen Regierungen unter der Hand Gottes. Wir erkennen daran, dass Gott auch heute noch in ähnlicher Weise handelt wie damals. Aber wie damals nur ein kleiner Teil von der geschenkten Freiheit, Gott zu dienen, Gebrauch machte und sich durch Ihn erwecken ließ, sind auch nach dem Zweiten Weltkrieg bei weitem nicht alle Gläubigen aus der ihnen aufgezwungenen Organisation ausgetreten und zu dem Platz zurückgekehrt, der den Gedanken Gottes entspricht. Eine ernste Parallelität der Ereignisse.

Die Zeit der Züchtigung Judas war zu Ende. Zu diesem vorausgesagten Zeitpunkt „erweckte der HERR den Geist Kores‘, des Königs von Persien“. Bereits über 150 Jahre vorher hatte Gott durch den Propheten Jesaja voraussagen lassen, dass Kores sein Wohlgefallen ausführen würde, „indem er von Jerusalem sagen wird: Es werde aufgebaut!, und vom Tempel: Er werde gegründet!“ (Jes 44,28). Nun wirkte Gott an diesem Monarchen, das zu tun, was nach seinen Gedanken war. Ob Kores wirklich an Gott glaubte, wissen wir nicht. Zwar legte er eine gewisse Anerkennung der Größe des HERRN an den Tag, aber im Buch Jesaja musste Gott zweimal feststellen: „Und du kanntest mich nicht“ (Jes 45,4.5). Doch Gott kann auch solch einen Menschen „erwecken“, seinen Willen, ja Ihn selbst anzuerkennen, und seinen Auftrag auszuführen. Wir brauchen nur an den Propheten Bileam und an den Hohenpriester Kajaphas zu denken, wenn wir nach Parallelen in der Heiligen Schrift suchen (4. Mo 22–24; Joh 11,49–52). Was für wunderbare Dinge mussten diese Männer über das Volk Israel und Christus aussprechen!

Vers 2: „So spricht Kores, der König von Persien: Alle Königreiche der Erde hat der HERR, der Gott des Himmels, mir gegeben; und er hat mich beauftragt, ihm ein Haus zu bauen in Jerusalem, das in Juda ist.“

Gott ist hier „der Gott des Himmels“ (vgl. Dan 2,18.19.37.44). In seiner Beziehung zum Volk Israel wird Er der Herr der ganzen Erde genannt, weil Israels Charakter und Verheißungen im Wesentlichen irdischer Natur sind (Jos 3,11; Mich 4,13; Sach 4,14). Der Titel „Gott des Himmels“ weist auf die Tatsache hin, dass Er sich während der „Zeiten der Nationen“ gewissermaßen in den Himmel zurückgezogen und den menschlichen Regierungen die Macht übergeben hat. Das geht aus den Worten Daniels an Nebukadnezar, den Herrscher der ersten Weltmacht, hervor: „Du, o König, du König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat; und überall, wo Menschenkinder, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels wohnen, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gesetzt – du bist das Haupt aus Gold“ (Dan 2,37f.). – Aber der Titel „Gott des Himmels“ offenbart darüber hinaus auch einen wesentlichen zeitunabhängigen Charakterzug Gottes (Jona 1,9; 2. Chr 20,6; Pred 5,1; Dan 2,28). Er ist der Gott des Himmels, weil Er außerhalb der sichtbaren Schöpfung im Himmel wohnt und damit der allein wahre Gott ist, der Himmel und Erde geschaffen hat und erhält.

Gott hat diesem heidnischen König Autorität und Macht verliehen. Deshalb bestimmt Kores über das Volk Gottes. Wie bereits erwähnt, hängt auch heute das äußere Wohlergehen der Christen oft von den jeweiligen Regierungen ab. Lasst uns daher dankbar sein für die Freiheit zum Zusammenkommen und Evangelisieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Gott hatte dem persischen König jedoch nicht nur Macht gegeben. Der König sah sich von Gott „beauftragt, ihm ein Haus zu bauen in Jerusalem, das in Juda ist.“ Auf diesen Ort hatte Gott zur Zeit Moses bereits mit den Worten hingewiesen: „Der Ort, den der HERR, euer Gott, erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, dahin sollt ihr alles bringen, was ich euch gebiete: eure Brandopfer und eure Schlachtopfer, eure Zehnten und das Hebopfer eurer Hand und alle Auswahl eurer Gelübde, die ihr dem HERRN geloben werdet“ (5. Mo 12,11). Gott hatte zwar nicht namentlich von Jerusalem gesprochen. Die Israeliten hatten die Aufgabe, diesen Ort zu suchen. Allerdings dauerte es Jahrhunderte, bis es so weit war. Das Interesse war offenbar nicht sehr groß. David fand diesen Ort unter vielen Mühen in Jerusalem auf der Tenne Ornans (1. Chr 21,18–22,1), und Salomo erbaute dort später den Tempel (2. Chr 1–7).

„Jerusalem, das in Juda ist“, war also der Ort, den Gott für sich und seine Wohnung in der Mitte seines Volkes erwählt hatte. Jerusalem bedeutet „Gründung des Friedens“ und Juda „Gegenstand des Lobes“. Wunderbare Namen für die Umgebung, in der Gott wohnt und wo Er geehrt werden will! Gefestigter Frieden und immerwährendes Lob sollen auch alle diejenigen kennzeichnen, in deren Mitte Gott heute seine geistliche Wohnung hat und wo der Herr Jesus in der Mitte der Seinen ist.

Der von den Chaldäern zerstörte Tempel sollte nun wieder aufgebaut werden. Menschen mögen vom ersten und zweiten Tempel usw. sprechen, aber Gottes Wort tut das nicht. Dort gibt es nur einen Tempel, den sogar der Herr Jesus noch „das Haus meines Vaters“ nennt, obwohl die Menschen ihn zu einem „Kaufhaus“ gemacht hatten (Joh 2,16). Und der Prophet Haggai, der das Volk beim Aufbau des Tempels unterstützte, sagt: „Die letzte Herrlichkeit dieses Hauses wird größer sein als die erste, spricht der Herr der Heerscharen“ (Hag 2,9).

Der Tempel Gottes in Jerusalem ist ein Vorbild des Hauses Gottes im Neuen Testament, das heißt seiner Versammlung, die ebenfalls „Tempel“ genannt wird (1. Kor 3,16; Eph 2,21). Von Gottes Seite aus betrachtet ist alles vollkommen und unerschütterlich. Wenn der Herr Jesus vom Bau seiner Versammlung auf dem Felsen spricht, fügt Er hinzu: „... und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Sie ist „wohl zusammengefügt“ und besteht nur aus „lebendigen Steinen“ (Eph 2,21; 1. Pet 2,5). Da gibt es keine Zerstörung. Aber vom Standpunkt menschlicher Verantwortung aus gesehen kann die Versammlung als Tempel „verdorben“ werden, wie wir aus 1. Korinther 3,17 wissen. Um diesen Gesichtspunkt der Verantwortung geht es hier. Der Tempel war von den Feinden des Volkes Gottes zerstört worden. Aber es kann nicht etwas völlig Neues an die Stelle des Alten treten. Kores mag zwar sagen und schreiben lassen: „... ihm ein Haus zu bauen in Jerusalem“, doch die angesprochenen Juden sehen ihre Aufgabe zu Recht darin, „das Haus des HERRN zu bauen in Jerusalem“ (V. 5).

Gott will auch heute nicht irgendetwas Neues bauen oder bauen lassen. Sein Wille ist, dass alle seine Erlösten wieder zu seinen ursprünglichen Gedanken zurückkehren, die Er in seinem Wort niedergelegt hat. Durch seine Gnade sind alle Erlösten dazu berechtigt, daran teilzuhaben. Um heute im Namen des Herrn Jesus zusammenzukommen, müssen auch wir „Babel“ verlassen und nach „Jerusalem“ kommen. Die Gedanken Gottes über das Zusammenkommen der Seinen sind nicht in einem menschlichen religiösen System zu finden. In einer sektiererischen oder unabhängigen Position können sie nicht verwirklicht werden. Sie sind mit „Jerusalem“ und dem „Tempel Gottes“ verbunden und können nur von denen verstanden und praktiziert werden, die aus der „babylonischen Gefangenschaft“ der Christenheit befreit worden sind.

Die Stadt Jerusalem ist ebenfalls ein Vorbild der Versammlung. Aber im Unterschied zum Tempel, der uns die Gedanken der Wohnung Gottes, des Gottesdienstes und der Heiligkeit Gottes vorstellt, sehen wir in der Stadt Jerusalem die Gemeinschaft der Gläubigen in ihrem praktischen Leben. In Epheser 2,19 werden wir als „Mitbürger der Heiligen“ betrachtet, und in Offenbarung 21,2 ist die „heilige Stadt, das neue Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt“, zugleich die „für ihren Mann geschmückte Braut“ Christi, das heißt die Versammlung.

Die heilige Stadt Jerusalem mit dem Tempel liegt im Land Kanaan, dem Bild der himmlischen Örter (s. Eph 1,3). Die Segnungen und Verheißungen für alle Kinder Gottes tragen himmlischen Charakter (worauf schon in 5. Mo 11,11.21; 28,12 ein Hinweis zu finden ist). Alle, die durch den Glauben an Christus das ewige Leben und den Heiligen Geist empfangen haben, gehören zu dem einen Leib Christi, und durch den einen Geist haben sie alle den Zugang zum Vater im Himmel (s. Eph 1 und 2). Das sind keine irdischen, sondern himmlische und geistliche Segnungen.

Babel dagegen ist ein Abbild des Systems, das aus dem christlichen Glauben geworden ist: eine Religion, in der Gläubige und Ungläubige vereint sind, eine Religion, die zugleich sektiererisch und unabhängig von Gott ist. Aber nach Gottes Wort können unmöglich Weltmenschen und Gotteskinder zusammengehen. Ein wahrer Christ, der die Freiheit des Geistes der Sohnschaft kennt und an einem Gottesdienst teilnimmt, in dem der Heilige Geist keinen Raum findet, ist in Gefangenschaft. In „Babel“ gibt es keinen wirklichen Gottesdienst. Den gibt es nur in Gottes Haus, und das befindet sich in „Jerusalem“, im Land „Kanaan“.

Noch ein weiterer wichtiger Gedanke scheint in diesem Vers zu liegen. Menschlich gesehen wäre es sinnvoll gewesen, dass die Juden nach ihrer Rückkehr zunächst für ihre eigenen Unterkünfte sorgten, um danach in Ruhe das Haus Gottes zu bauen. Aber nein, Gott und sein Haus müssen den ersten Platz einnehmen! Erst danach darf der Aufbau der ebenfalls vollkommen zerstörten Stadt Jerusalem und ihrer Mauern erfolgen, der im Buch Nehemia berichtet wird, nicht umgekehrt! Diese Reihenfolge wurde später von den Juden außer Acht gelassen (vgl. Hag 1). Andererseits ist es sehr bemerkenswert, dass als Erstes – noch vor dem Tempel – der Altar „an seiner Stätte“ aufgerichtet wurde. Die damit verbundene Belehrung wird uns noch beschäftigen.

Vers 3: „Wer irgend unter euch aus seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem, das in Juda ist, und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels (er ist Gott), in Jerusalem.“

Nun folgt der Appell an die Juden, die Kores als Menschen „aus seinem [d.h. Gottes] Volk“ bezeichnet. Trotz der jahrzehntelangen Gefangenschaft war weder ihnen selbst noch den Unterdrückern das Bewusstsein ihrer Zugehörigkeit zum Volk Gottes verlorengegangen. Vieles mochte ihnen fehlen, aber diese Tatsache blieb bestehen!

Außerdem werden hier nicht nur alle Juden, sondern alle Israeliten ohne jede Ausnahme angesprochen, nicht nur einige. Ebenso steht es in dem Brief, den der König Artasasta einige Jahrzehnte später dem Schriftgelehrten und Hohenpriester Esra mitgibt: „Von mir wird Befehl gegeben, dass jeder in meinem Reich, vom Volk Israel und seinen Priestern und den Leviten, der bereitwillig ist, nach Jerusalem zu ziehen, mit dir ziehen mag“ (Kap. 7,13). Was die zurückkehrenden Juden taten, war nicht die Marotte einer strengen oder superreligiösen jüdischen Gruppe. Sie erfüllten einen Auftrag, der das ganze zwölfstämmige Volk betraf, das schon seit Jahrhunderten zerrissen war! Genauso gilt der Aufruf hinauszugehen auch heute allen wirklichen Christen in der großen Christenheit. Aber zur Zeit Serubbabels kam es darauf an, dass sich Menschen fanden, die „bereitwillig“ waren und deren Herzen der Geist Gottes „erwecken“ konnte. Das Gleiche gilt für unsere Zeit heute!

Schon Jeremia hatte in seiner Weissagung über Babel und dessen Untergang das Volk Gottes prophetisch dazu aufgerufen. In Kapitel 51,50 heißt es: „Ihr dem Schwert Entronnenen, geht, bleibt nicht stehen! Erinnert euch an den HERRN aus der Ferne, und Jerusalem komme euch in den Sinn!“ Das bewahrheitete sich beim Rückzug Serubbabels, aber auch später bei Esra und Nehemia. Wer wirklich den HERRN suchte, den musste es nach Jerusalem ziehen.

Martin Luther hat während der Reformationszeit im Jahr 1520 eine Broschüre mit dem Titel „Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ verfasst, in der er die damalige Kirche stark kritisierte. Sein Aufruf, sich von ihren Irrtümern zu trennen, galt allen Christen, die sich (wenigstens im Westen Europas) in dieser Kirche befanden, nicht nur einigen. Viele leisteten diesem Aufruf des Reformators Folge. Aber leider wurden auch damals nicht die Gewissen aller erreicht.

Vor fast 200 Jahren gab es in weiten Teilen Europas eine erneute Erweckungsbewegung, die viele wahre Christen veranlasste, die babylonische Verwirrung der Kirchen (vor allem angesichts der aufkommenden Kritik an der Inspiration der Bibel) zu verlassen und sich einzig und allein auf der Grundlage der Heiligen Schrift und in der Anerkennung aller Gläubigen als Glieder des einen Leibes Christi zu versammeln. Damals erging der Mitternachtsruf „Siehe, der Bräutigam! Geht aus, ihm entgegen!“ an alle Christen (Mt 25,6). Aber bei weitem nicht alle folgten ihm. Sogar in der Endzeit, nach der Entrückung der Braut Christi, werden die dann lebenden Gläubigen nochmals eine Stimme aus dem Himmel hören: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet und damit ihr nicht empfangt von ihren Plagen“ (Off 18,4). Und wovon sollen sich die Angesprochenen trennen? Von Babylon, der großen Hure! Ist es nicht bemerkenswert, dass die letzte große religiöse Macht in dieser Welt den gleichen Namen trägt wie in der Zeit Israels im Alten Testament? Babel ist das Bild religiöser Macht ohne Gottesfurcht und ohne Leben aus Gott.

Aus alledem ergibt sich die Schlussfolgerung, dass Gläubige, die ihrem Herrn treu sein möchten, zu aller Zeit die Pflicht haben, sich von allen menschlichen religiösen Organisationen zu trennen, die die Freiheit der Leitung des Heiligen Geistes und damit die Autorität Christi in der Mitte der versammelten Seinen beschränken oder sogar abschaffen. Wenn Christus nicht mehr der Mittelpunkt ist, wie kann man dann in seinem Namen versammelt sein? Wie früher Jerusalem der Ort war, den der Herr erwählt hatte, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, ist heute der geistliche Ort des Zusammenkommens da, wo zwei oder drei Erlöste im Namen des Herrn Jesus versammelt sind. In ihrer Mitte will der Herr Jesus nach seiner Verheißung anwesend sein (Mt 18,20). Das ist eine der Belehrungen, die der Rückzug der Juden aus Babel nach Jerusalem für uns enthält.

Kores wünscht allen den Beistand Gottes beim Hinaufziehen nach Jerusalem. Diese Worte verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. Nach Jerusalem geht es in der Bibel immer „hinauf“!3 Sogar die Geographie des verheißenen Landes enthält geistliche Belehrungen. Andererseits geht es von Jerusalem weg immer hinab (vgl. Lk 10,30). Es ist schwieriger aufwärts als abwärts zu gehen. Zum Hinaufsteigen braucht man Energie, im physischen wie im geistlichen Sinn. Hinab geht es fast wie von selbst. Im Gegensatz zum sich ausbreitenden moralischen Niedergang brauchen die Kinder Gottes Energie und Hingabe, um „hinaufzuziehen“!

Ist in den Worten „und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels (er ist Gott)“ ein Fortschritt in der Erkenntnis Gottes und seines Willens bei Kores zu sehen? Wir wissen es nicht, sehen aber, dass die Wortwahl hier mehr den Gedanken und dem Wesen Gottes entspricht als in Vers 2.4 Jedenfalls wird Gott nicht der Gott der Juden genannt, sondern der Gott Israels. Er ist nicht nur der allein wahre Gott (Joh 17,3), sondern ganz Israel ist sein Volk! Wie wichtig diese Tatsache gerade auch in einer Zeit des Niedergangs ist, zeigt die Häufigkeit des Wortes „Israel“ im Buch Esra. Es kommt hier vierzig Mal vor. – Möchte auch uns immer bewusst sein, dass alle Erlösten in der heute so uneinigen Christenheit das wahre Volk Gottes bilden!

Vers 4: „Und jeden, der übrig bleibt an irgendeinem Ort, wo er sich aufhält, den sollen die Leute seines Ortes unterstützen mit Silber und mit Gold und mit Habe und mit Vieh, außer den freiwilligen Gaben für das Haus Gottes in Jerusalem.“

Alle Weggeführten, die noch übriggeblieben waren und den Wunsch hatten, mit nach Jerusalem zu ziehen, sollten von den Mitbewohnern der Orte, wo sie wohnten, unterstützt werden. Wahrscheinlich handelt es sich bei den „Leuten seines Ortes“ eher um Juden als um Angehörige anderer Völker.

Silber ist ein Bild des Preises, den der Herr Jesus für die Erlösung bezahlt hat (Apg 20,28; vgl. 2. Mo 30,11–16; 38,25–28). Gold ist ein Symbol der Herrlichkeit Gottes (Off 21,11.18). Vieh wurde sowohl zur Ernährung der Rückkehrer als auch für die Opfer benötigt. Alle diese Gaben entsprechen dem, was der christliche Überrest auch heute noch von anderen Gläubigen geistlich empfangen kann. Denken wir nur an verschiedene gute Lieder, die aus älteren Liederbüchern übernommen wurden und mit geistlichem Gewinn gesungen werden können.

In seinem Erlass fordert Kores jedoch am Schluss auch zu zusätzlichen „freiwilligen Gaben für das Haus Gottes in Jerusalem“ auf. Was damit gemeint ist, wird nicht gesagt. Aber ein Vergleich mit 2. Mose 36,3 und anderen Stellen zeigt, dass es sich um Gaben handelt, die im Bewusstsein gebracht wurden, dass sie für den Gottesdienst im Haus Gottes verwendet werden sollten.

Entscheidung und Unterstützung (V. 5–11)

Verse 5 und 6: „Und die Häupter der Väter von Juda und Benjamin machten sich auf, und die Priester und die Leviten, jeder, dessen Geist Gott erweckte, hinaufzuziehen, um das Haus des HERRN in Jerusalem zu bauen. Und alle, die um sie her wohnten, unterstützten sie mit silbernen Geräten, mit Gold, mit Habe und mit Vieh und mit Kostbarkeiten, außer allem, was freiwillig gegeben wurde.“

Die Häupter der Väter von Juda und Benjamin“ waren die Repräsentanten der Juden in Babel. Diese wiederum bestanden aus den beiden Stämmen, die nach der Reichsteilung unter Rehabeam das Süd-Reich gebildet hatten und von Nebukadnezar nach Babel weggeführt worden waren. Bei ihnen waren auch „die Priester und die Leviten“, die Angehörigen des Stammes Levi, den Gott zum Dienst an seinem Haus berufen hatte. Die Priester entstammten alle einer einzigen Familie aus dem Stamm Levi. Sie waren die Nachkommen Aarons, des Bruders Moses, die den Dienst am und im Heiligtum versahen (s. 4. Mo 3 und 4; 1. Chr 23 und 24). Die Priester waren die Einzigen, die Zutritt zum Heiligtum hatten, um dort Gott zu dienen (2. Mo 28,1–4). Die Leviten waren den Priestern zur Unterstützung ihres Dienstes im Blick auf die Wohnung Gottes und das Volk gegeben worden (4. Mo 3,5–9). Im Unterschied zu den übrigen Stämmen erhielten die Angehörigen des Stammes Levi kein Erbteil im Land Kanaan (4. Mo 18,20–24; 5. Mo 10,9). Ihr Erbteil war der Herr selbst.

Hier kommt zum zweiten Mal das Wort „erwecken“ vor. Gott erweckte sowohl den Geist des Kores (V. 1) als auch derjenigen, die bereit waren, das Haus des HERRN zu bauen (V. 5). Die Führer und die Diener Gottes gingen mit gutem Beispiel voran. Wie viele aus dem Volk ihnen und damit dem Ruf Gottes folgten, wird in Kapitel 2 berichtet. Es waren leider nicht sehr viele.

Auch in der Zeit des Christentums erging verschiedene Male ein Ruf des Heiligen Geistes, um die Gläubigen aus den Verstrickungen falscher Lehre herauszuführen. Und so ist es auch heute: Grundsätzlich ist jeder Christ berufen, „hinauszugehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13). Wie wir gesehen haben, werden sogar in der Endzeit die Gläubigen noch einmal aufgefordert, aus Babylon hinauszugehen. Gott ruft zu aller Zeit die Seinen auf, diese Umgebung zu verlassen, um bei Ihm und für Ihn zu leben.

In Vers 6 sehen wir, wie auch der Teil des Auftrags des Königs Kores (V. 4) ausgeführt wurde, der nicht die rückkehrenden Juden, sondern die zurückbleibenden Nachbarn betraf. Es wurde sogar mehr gegeben, als gefordert wurde, denn die „Kostbarkeiten“ werden nur hier erwähnt. Dieser Ausdruck (hebr. migdana) kommt zum ersten Mal bei der Werbung Rebekkas als Braut für Isaak vor (1. Mo 24,53; 2. Chr 21,3; 32,23). Er zeigt den Wert dieser nicht näher bezeichneten Gegenstände für Gott und sein Haus. Auch hier wird wieder von „allem, was freiwillig gegeben wurde“, gesprochen (vgl. V. 4 und 68). Gott zwingt niemand – weder die Fernstehenden, um zu dem Retter Jesus Christus zu kommen, noch die Seinen, um etwas für Ihn zu tun! Er sucht das Herz des Menschen, die Hingabe und Liebe als Reaktion auf seine eigene „unaussprechliche Gabe“, die Er uns in Christus, dem höchsten Beweis seiner Liebe zu uns, den Verlorenen, geschenkt hat.

Vers 7: „Und der König Kores ließ die Geräte des Hauses des HERRN herausbringen, die Nebukadnezar aus Jerusalem gebracht und in das Haus seines Gottes gelegt hatte.“

Schließlich wurden auf Geheiß des Königs Kores „Geräte [oder: „Gefäße“, hebr. keli] des Hauses des Herrn“ herausgebracht. Nebukadnezar, der König von Babel, hatte sie bei der ersten Einnahme Jerusalems im Jahr 605 v. Chr. geraubt und in Babel „in das Haus seines Gottes gelegt“ (s. 2. Chr 36,7; Dan 1,2). Die bei der zweiten Belagerung Jerusalems 597 v. Chr. geraubten Gegenstände wurden dagegen zerschlagen (2. Kön 24,13), ebenfalls ein Teil der 586 v. Chr. bei der Zerstörung Jerusalems erbeuteten Dinge (2. Kön 25,13ff.). Bei seinem letzten Fest hatte Belsazar die Trinkgefäße des Tempels aus dem Schatzhaus in Babel herausbringen lassen, damit er und seine Gäste in gotteslästerlicher Weise daraus trinken konnten (Dan 5,1–4). So waren diese Geräte, die zur Ehre Gottes dienen sollten, zum Gegenstand des Hohnes und des Götzendienstes geworden!

Viele heilige Dinge sind im Lauf der Christenheit in ähnlicher Weise in den Schmutz gezogen worden. Aber Gott eifert um seine Ehre und um sein Haus. Viele Kostbarkeiten, die geraubt worden waren, wurden wieder ans Licht gebracht, um wieder ihren Platz im Tempel Gottes zu finden.

Das Fehlen des Artikels vor „Geräte“ deutet wohl darauf hin, dass nicht alle heiligen Geräte des Tempels gemeint sind. Die Geräte des Heiligtums, die Bundeslade, der goldene Altar, der Schaubrottisch und der Leuchter, die alle von der Person und dem Werk Christi sprechen, werden nicht genannt. Diese waren wohl zerstört worden und werden danach nicht mehr erwähnt. Teilweise wurden sie später offenbar neu angefertigt (vgl. Lk 1,11). Von der Bundeslade lesen wir nach dem Exil nie mehr etwas (vgl. Jer 3,16). So kehrte auch die Herrlichkeit des HERRN, der zwischen den Cherubim (auf dem Sühndeckel) thronte, nicht wieder in den wieder aufgebauten Tempel zurück. – Die in Vers 7 genannten Gefäße waren wohl eher für den täglichen Dienst bestimmt, der im Haus Gottes stattfand.

Wir finden also insgesamt drei Quellen von Gaben:

  • Mit den „Leuten des Ortes“ (V. 4 und 6) sind Gläubige gemeint, die Kenntnis und geistliches Verständnis haben. Sie sind selbst nicht zurückgekehrt, aber von ihren Diensten können auch wir profitieren. Denken wir nur an manche alten geistlichen Lieder, an biblische Konkordanzen und Wörterbücher, aber auch an bestimmte Auslegungen. Zum Beispiel war die (nicht vollzogene) Opferung Isaaks durch Abraham als Vorbild des Opfers Christi schon im Mittelalter bekannt, wie alte Bilderbibeln beweisen.
  • Kores gab die „Geräte des Hauses des HERRN zurück (V. 7–11): Das zeigt uns, wie verloren gegangene und sogar missbrauchte biblische Wahrheiten wieder entdeckt wurden. In diesen „Geräten“ oder „Gefäßen“ sind jedoch auch wohl Personen zu sehen, die zum Dienst für Gott und den Herrn Jesus befähigt sind (vgl. Apg 9,15; 2. Tim 2,21).
  • Die „freiwilligen Gaben“ der Häupter der Väter werden erst in Kapitel 2,68f. erwähnt. Hier handelt es sich vielleicht um Gnadengaben, die der Herr denen geschenkt hat, die sich aus religiöser Bevormundung befreit und zur Freiheit des Geistes zurückgekehrt sind.

Verse 8–11: „Und Kores, der König von Persien, ließ sie herausbringen unter der Aufsicht Mithredats, des Schatzmeisters; und dieser zählte sie Sesbazar, dem Fürsten Judas, vor. Und dies ist ihre Zahl: 30 goldene Becken5, 1000 silberne Becken5, 29 Messer, 30 goldene Becher6, 410 silberne Becher6 von zweiter Gattung, 1000 andere Geräte. Alle Geräte aus Gold und aus Silber waren 5400. Das alles brachte Sesbazar hinauf, als die Weggeführten aus Babel nach Jerusalem hinaufgeführt wurden.“

Es folgt die Aufzählung der Geräte des Tempels, die Kores unter Aufsicht Mithredats (persisch: „Von Mithra, dem Sonnengott, gegeben“), des Schatzmeisters, herausbringen ließ. „Sesbazar, der Fürst Judas“ (s. Kap. 1,11; 5,14.16), wird an den übrigen Stellen Serubbabel, der Sohn Schealtiels, genannt. Serubbabel war ein hebräischer Name, Sesbazar wohl chaldäisch.7 Serubbabel bedeutet „Spross aus Babel“, der Name Sesbazar ist nicht abschließend gedeutet. Die Vergabe von Zweitnamen in Babel finden wir auch bei Daniel/Beltsazar und seinen Freunden (Dan 1,7). Wie hier mit den Worten „der Fürst Judas“ angedeutet wird, stammte Sesbazar aus dem königlichen Geschlecht Davids (vgl. 1. Chr 3,15–19). Er wird daher auch als Serubbabel im Geschlechtsregister des Herrn Jesus in Matthäus 1,12 erwähnt.

Obwohl das Königtum in Juda nicht wiederhergestellt wurde, bestellte der persische König Serubbabel/Sesbazar zum Statthalter über die Landschaft Juda. Dadurch gibt der Heilige Geist einen – wenn auch schwachen – Hinweis auf den königlichen Charakter des Überrests seines Volkes. Der priesterliche Charakter wird durch Jeschua (Kap. 2,2) repräsentiert. Beide Züge wollte Gott von Anfang an in seinem irdischen Volk sehen: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“ (2. Mo 19,6). – Auch in dieser Hinsicht ist Israel ein Vorbild der Versammlung Gottes. Denn alle, die an den Herrn Jesus glauben, kennen seine Liebe und wissen, sie sind in seinem Blut von ihren Sünden gewaschen und von Ihm zu einem Königtum und zu Priestern für seinen Gott und Vater gemacht worden (Off 1,5f.; vgl. 1. Pet 2,5.9).

Dass die Zahlen von 30 goldenen Becken, 1.000 silbernen Becken, 29 Messer, 30 goldenen Becher, 410 silbernen Becher und 1.000 anderen Geräten nicht mit der Summe von 5.400 goldenen und silbernen Geräten übereinstimmen, ist kein Rechenfehler, sondern eher ein Hinweis darauf, dass nicht alles einzeln aufgeführt wurde. Die Gesamtsumme könnte auch die Gaben der in Babel verbliebenen Juden beinhalten. Diese gaben somit die restlichen 2.901 wertvollen Gegenstände, wie aus Vers 6 zu entnehmen ist: Und alle, die um sie her wohnten, unterstützten sie mit silbernen Geräten, mit Gold, mit Habe und mit Vieh und mit Kostbarkeiten, außer allem, was freiwillig gegeben wurde.

Das alles brachte Sesbazar hinauf, als die Weggeführten aus Babel nach Jerusalem hinaufgeführt wurden.“ Als „Fürst Judas“ trug Sesbazar von Anfang an eine hohe Verantwortung. Er brachte diese Kostbarkeiten „hinauf“, und er war auch derjenige, der die Rückkehrer nach Jerusalem „hinaufführte“. Geistliche Führung ist richtig und wichtig. Der Weg der Juden zurück zu dem Ort, den Gott für sich und für sie erwählt hatte, führte aufwärts. Ein Weg nach dem Willen Gottes und zu seiner Ehre ist auch heute ein aufsteigender Weg des Segens für uns selbst.

Fußnoten

  • 1 Insgesamt gab es in einer kurzen Zeitspanne drei Wegführungen von Juden nach Babel: die oben erwähnte im Jahr 605 v. Chr., eine zweite 597 v. Chr (2. Kön 24,10–16) und die dritte 586 v. Chr. in Verbindung mit der Zerstörung des Tempels (2. Kön 25,1–21). – Die Zeitangaben „im vierten Jahr Jojakims“ (Jer 25,1) und „im dritten Jahr Jojakims“ (Dan 1,1) beziehen sich auf den ersten Angriff im Jahr 605. Jeremia benutzt die die gewöhnliche Zählung, Daniel die babylonische, bei der das Thronbesteigungsjahr nicht mitgerechnet wurde.
  • 2 Es gibt die Meinung, die vielen Vorkommen von „und“ im Bibeltext seien in einer Zeit, als es noch keine Satzzeichen gab, nur zur Unterteilung der Sätze eingefügt worden; sie seien also eigentlich nichts anderes als „Satzzeichen“. Aber wir besitzen Gottes Wort „nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist“ (1. Kor 2,13). Das zeigt sich auch in dem Wort „und“ am Anfang dieses Buches (übrigens auch bei mehreren anderen Büchern wie 2.-4. Mo, Jos – 2. Kön, während es in 5. Mo und 1. Chr fehlt).
  • 3 Insgesamt 12 Mal kommt dieses Verb (hebr. ‘alah „hinauf-/heraufziehen“) im Buch Esra vor: Kap. 1,3.5.11; Kap. 2,1.59; 4,2.12; 7,6.7.9.28; 8,1.
  • 4 Die Ergänzung „in Jerusalem“ hier und in V. 4 und 5 wird im Hebr. durch die Relativpartikel ascher (hier: „der“ oder „das“) eingeleitet. Daher beziehen einige Übersetzungen die Worte „in Jerusalem“ in allen drei Fällen auf Gott, „der in Jerusalem (ist/wohnt)“. In V. 3 mag dies noch angehen, aber wohl kaum in V. 4 und 5.
  • 5 Hebr. agartal, ein Wort, das nur hier vorkommt. Es handelt sich viell. um große, flache Schalen für das Sprengen des Blutes oder das Feinmehl des Speisopfers (J. N. Darbys engl. Bibelübersetzung).
  • 6 Hebr. kefor: viell. eine Schale mit Deckel, sonst nur noch in 1. Chr 28,17 und Esra 8,27 (J. N. Darbys engl. Bibelübersetzung).
  • 7 Viele heutige Ausleger sehen in Sesbazar und Serubbabel zwei verschiedene Personen. Es handelt sich jedoch um zwei Namen für eine und dieselbe Person. Von beiden wird übereinstimmend gesagt, dass sie aus fürstlichem Haus stammten, zu den ersten Rückkehrern gehörten, zur Zeit des Königs Darius Statthalter von Juda waren und den Grund zum Tempel legten (1. Chr 3,15–19; Esra 1,8.11; 3,8–10; 5,14–16; Hag 1,1; Sach 4,9; Mt 1,12).
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht