Botschafter des Heils in Christo 1857

Gedanken zu Jakobus 1,2.3

„Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Prüfungen fallt, da ihr wisst, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt“ (Jak 1,2.3).

Ehe wir dieses ebenso köstliche als wunderbare Trostwort näher betrachten, geliebte Brüder, ist es gut, dass wir den Charakter dieser vielfachen Versuchungen, wovon der Apostel Jakobus hier redet, verstehen. Wir lesen im 14. Vers desselben Kapitels: „Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird.“ Auch hier ist von Versuchungen die Rede, und doch tragen diese einen ganz anderen Charakter. Jenen begegnen wir dann am meisten, wenn wir in Christus Jesus gottselig leben wollen. Diese aber sind dann besonders wirksam, wenn jene mehr oder weniger aufgehört haben, uns zu begegnen. Jene waren bei der Versammlung zu der Zeit reichlich vorhanden, als sie in ihrer ersten Liebe, getrennt von der Welt und in der Erwartung ihres geliebten Herrn, wandelte – deshalb reden auch die Briefe der Apostel so oft hiervon – von diesen aber spricht man so viel in der jetzigen Zeit, wo die Christen in so vielfacher Beziehung weltlich geworden sind; ja die meisten von ihnen kennen kaum eine andere Versuchung, als die, wenn sie von ihrer eigenen Begierde fortgezogen und gelockt werden. Unter dem oben angeführten Wort „mancherlei Prüfungen“ versteht der Apostel also vornehmlich solche Versuchungen, die sich auf unserem Wege durch diese Wüste uns entgegenstellen, Leiden und Trübsale aller Art, Schmach und Verfolgung, schwierige Lagen, worin wir uns befinden, oder welche uns bevorstehen, Versuchungen in unserem äußeren Stand oder Beruf – mit einem Wort alles, gering und groß, was uns als Christen Unangenehmes oder Schwieriges auf unserm Pilgerlauf auf der Erde begegnet.

Durch diese Versuchungen ging auch Jesus, als Er in seiner Niedrigkeit auf dieser Erde lebte, wo Er sich selbst zu nichts machte und Gott durch einen vollkommenen Gehorsam verherrlichte, aber die Worte: „Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird“, finden auf Ihn keine Anwendung. Der Apostel sagt in Hebräer 4,15 von Ihm: „Der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde.“ Auch Paulus und die übrigen Apostel hatten viele Versuchungen dieser Art zu erdulden (Röm 8,36; 1. Kor 15,30–32; 2. Kor 1,8.9; 11,23–26; Phil 2,17; Apg 12,4; 16,22–24). Ebenso finden wir die Versammlungen in Philippi, Thessalonich, usw. in vielen und schweren Drangsalen. Wir lesen von den Hebräern: „Erinnert euch aber an die früheren Tage, in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden wart, viel Kampf der Leiden erduldet habt“ (Heb 10,32).

Dies wird genügen, um den Charakter der vielfachen Versuchungen, wovon der Apostel Jakobus in obiger Stelle redet, zu verstehen. Aber es könnte sich uns hier leicht die Frage aufdrängen: Wie ist es möglich, es für lauter Freude zu halten, wenn wir in diese vielfachen Versuchungen geraten? Dieses ein wenig näher zu untersuchen, ist der Zweck dieser Zeilen.

Haben wir unsere Stellung in dieser Welt wirklich verstanden, so erkennen wir, dass wir gleich Israel in der Wüste sind. Wir haben Ägypten, das ist die Welt verlassen und unsere Füße haben den dornenvollen Weg nach dem himmlischen Kanaan betreten. Wir haben den Wert und die Kraft des Blutes des Christus, des Lammes Gottes, welches alle unsere Sünden getilgt und die Gerechtigkeit Gottes uns betreffend völlig befriedigt hat, erfahren. Wir haben das Rote Meer durchschritten, indem die Kraft des Todes und der Auferstehung Christi in uns verwirklicht worden ist. Jetzt sind wir in der Wüste. Obgleich wir durch den Glauben schon in das himmlische Kanaan in Christus mitversetzt sind, so bleibt es dennoch wahr, dass wir hienieden in der Wüste sind, wo wir Versuchungen aller Art zu erdulden haben. Wir sind hier Fremdlinge, und nirgends ist für uns eine bleibende Stadt, aber wir wissen, dass wir Hausgenossen Gottes sind, deren Vaterhaus droben ist. Wir sind sein Volk und werden nach dem Wert und der Kraft des Blutes Christi in Gnade, Langmut und Liebe von Ihm getragen und geleitet.

Es ist uns bekannt, wie viele Schwierigkeiten und Kämpfe dem Volk Israel auf seinem Weg durch die Wüste begegnete und wie traurig es sich in all den Versuchungen benommen hat, indem es stets Misstrauen und Unglauben gegen seinen Gott an den Tag legte. Wir sehen aber auch, welch große Zahl Ägypten verließ, das Rote Meer durchschritt und in der Wüste mit großer Geduld und Langmut von dem HERRN getragen wurde, und wie doch so wenige von den Ausgezogenen das verheißene Land wirklich erreichten. Dies zeigt uns die Verantwortlichkeit des Volkes Gottes, Israel verantwortlich nach dem Gesetz und wir nach der Gnade. Auch auf uns liegt also eine Verantwortlichkeit und nicht umsonst stellt uns der Apostel in 1. Korinther 10 das traurige Verhalten dieses Volkes als ein warnendes Beispiel vor unsere Augen und sagt uns in Hebräer 3,19, dass jene wegen Unglauben nicht hätten eingehen können. Dies Volk hielt die vielfachen Versuchungen nicht für lauter Freude, sondern vielmehr für Traurigkeit.

Lasst es uns aber auch verstehen, geliebte Brüder, dass uns in Christus eine viel größere Errettung zu Teil geworden ist und dass deshalb der Apostel sagt: „Wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen?“ (Heb 2,3) und dass der ernste Zuruf an die Hebräer auch uns gilt: „Dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide“ (Heb 12,15). Doch wie ermunternd und Zuversicht erweckend ist es, was wir in Hebräer 10,19–22 lesen: „Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch, und einen großen Priester haben über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und so gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ Wir haben einen großen Hohenpriester, der ein für alle Mal in das Heiligtum, den Himmel, eingegangen ist1, um für uns vor Gott zu erscheinen, um uns kraft seines Blutes allezeit zu vertreten und unsere Beziehungen mit Gott aufrecht zu erhalten. Wir haben einen unbeschreiblich großen Vorzug vor Israel, wir haben das wahre Wesen in Christus, während jene nur den Schatten davon hatten. Unser Heil ist fest gegründet. Für immer ist der Eintritt in das Heiligtum uns erlaubt und der neue und lebendige Weg uns eingeweiht, und für immer behält das Blut des Christus für uns seinen ganzen Wert und seine vollkommene Kraft. Nur der Unglaube kann uns die Freimütigkeit rauben und den Genuss der Segnungen verkümmern, sonst nichts. Es gibt keine Lage, noch irgendeinen Zustand eines Christen, worin er weniger Freimütigkeit haben dürfte, weil diese Freimütigkeit in keiner Weise von unserem praktischen Leben, sondern allein von dem Blut Christi, welches sich für immer vor dem Gnadenthron befindet, abhängt. Dieses Blut hat uns den Zugang für immer geöffnet und nichts kann ihn schließen, nur kann, wie gesagt, der Unglaube unseren Zutritt verhindern. So köstlich nun auch dieser Gegenstand ist, so will ich doch jetzt nicht weiter auf denselben eingehen und vielmehr auf die Versuchungen in der Wüste zurückkommen.

Wenn wir unsere Verantwortlichkeit verstehen, so wissen wir, dass sich darum handelt, dass wir bis ans Ende ausharren. „Wer verharrt bis ans Ende, der wird errettet werden.“ Warum haben wir Ägypten, das meint die Welt und ihre Freuden verlassen? Ist es der Wüste wegen, oder der Erfahrungen wegen, die wir auf diesem Weg machen können? Gewiss nicht, sondern um das köstliche Ziel, das himmlische Kanaan, wirklich zu erreichen. Die Versuchungen in der Wüste aber benutzt Gott, unseren Glauben zu bewähren und so unser Ausharren bis ans Ende zu bewirken. Und hierin liegt zunächst der Grund, weshalb wir die vielfachen Versuchungen für lauter Freude halten können.

Das Fleisch liebt den Weg nach Kanaan nicht, es erschwert und verkümmert uns nur denselben. Es fängt vielleicht mit guten Vorsätzen an, aber es schreckt vor der kleinsten Versuchung zurück und zeigt nichts als Furcht und Ohnmacht. Nach jeder Durchhilfe von Seiten des Herrn ist es zu neuen Vorsätzen bereit, aber es wird auch immer aufs Neue sein wahres Wesen offenbart werden und wir werden erfahren, dass Fleisch stets Fleisch bleibt. Wir können nur mit Gott sicher durch diese Wüste gehen, und da wir Ihn nicht mit unseren Augen sehen, so ist unser Leben ein Leben durch den Glauben. Durch diesen sind wir sowohl von seiner Gegenwart, als auch von seiner Macht und Liebe überzeugt. Durch diesen anbeten wir, als sähen wir den Unsichtbaren, und so verwirklichen wir auf dem Weg das, was Er uns ist. Es ist nicht zu leugnen, dass es auf diesem Weg viele Schwierigkeiten gibt, die uns in Sorge und Unruhe bringen können, aber wir gehen hindurch, sobald wir im Glauben leben. Was uns einzig und allein vor diesen Versuchungen zurückschrecken lässt, sind nicht die Versuchungen selbst, sondern wenn wir uns selbst, das ist das Fleisch, durch den Unglauben hineinbringen. Ja wir erschrecken schon vorher und suchen zu entfliehen, wenn wir unsere Kraft mit der vor uns liegenden Schwierigkeit messen. Durch den Glauben aber halten wir uns an Gott, wir vertrauen allein auf seine Kraft und also bleiben wir getrost. Nur dann, wenn wir völlig von unserem Nichts überzeugt sind, wenn wir unsere ganze Abhängigkeit von Gott fühlen, sind wir fähig in der Wüste voranzugehen. Ruht aber das Auge auf den Schwierigkeiten oder auf uns, dann schrecken wir zurück oder fallen.

Diese Versuchungen nun, meine Brüder, denen Gott erlaubt, uns in der Wüste zu begegnen, haben den Zweck, unseren Glauben zu bewähren und unser Ausharren zu bewirken. Durch den Glauben machen wir in den Versuchungen immer neue Erfahrungen von der Macht, Liebe und Gnade Gottes, überall begegnen wir seiner treuen Hand, und dies gerade befestigt den Glauben, und macht uns immer mehr zum Ausharren bereit. Dieselben Schwierigkeiten, die für so viele durch den Unglauben ein Anlass zum Zurückweichen werden, werden durch den Glauben für uns ein Mittel, bis ans Ende auszuharren. Gehen wir in Gemeinschaft mit Gott durch die vielfachen Versuchungen, so sind freilich unsere Füße in der Wüste, aber mit unseren Herzen leben wir im Himmel. Wir gleichen sozusagen Paulus und Silas im Gefängnis zu Philippi. Ihre Füße befanden sich unter vielen Schmerzen im Stock, aber ihre Herzen waren droben und sangen Lobgesänge. „Denn die Freude an dem HERRN ist eure Stärke“ (Neh 8,10). Und je mehr wir die Gemeinschaft Gottes in unserem Leben verwirklichen und je mehr wir unser Leben in den Himmeln, woher wir den Herrn Jesus erwarten, haben, desto geistlicher und himmlischer wird unsere Gesinnung werden, und umso mehr werden wir geeignet sein, bis ans Ende auszuharren.

Wir können aber, wie schon gesagt, in den vielen Versuchungen nicht anders als durch den Glauben und in der Gemeinschaft mit Gott bestehen, und deshalb wird es uns nicht schwer sein, zu erkennen, wie gut und nötig dieselben sind, weil wir beim Ausharren in den Schwierigkeiten, der steten Gemeinschaft mit Gott bedürfen, wodurch gerade unsere Gesinnung immer mehr ein himmlisches Gepräge erhält und wir so zum Ausharren immer fähiger werden. Wie wunderbar ist es doch, dass selbst die eine Versuchung dazu dient, um uns zum Ausharren in einer anderen zuzubereiten. Unser treuer Gott aber ist es, der uns diesen reichen Segen in der Versuchung finden lässt. Wir werden in allen Umständen und Schwierigkeiten seine fürsorgende Liebe für uns wirksam finden, um uns zu segnen. Wie groß ist doch seine Weisheit und Liebe, dass Er gerade das, was uns das Schwierigste auf dem Weg zu sein scheint, in einen so reichen Segen für uns verwandelt hat, dass gerade unter der Leitung seines Geistes die vielfachen Versuchungen dazu dienen, unseren Glauben immer mehr zu bewähren, unsere Herzen zu befestigen und unser Ausharren zu bewirken. Deshalb haben wir gewiss Ursache, geliebte Brüder, wenn es uns von Herzen darum geht, unser Kanaan, das ist die himmlische Herrlichkeit, wirklich zu erreichen und die vielfachen Versuchungen für lauter Freude zu achten. Wir haben keinen Grund, davor zu erzittern noch zurückzuschrecken, weil unser Gott uns nur Liebe und Segen darin finden lässt. Er wolle uns reichlich Weisheit geben, um dies recht zu verstehen.

Noch in anderer Beziehung haben wir, meine Brüder, Grund genug, die vielfachen Versuchungen für lauter Freude zu achten. Wir sind Kinder Gottes, und sind überzeugt, dass unser Vater uns nicht verlassen noch versäumen kann. Wir wissen, dass unser Gott die Liebe ist, und wir verstehen dieses, weil seine Liebe, durch den uns mitgeteilten Geist, in unsere Herzen ausgegossen ist. Er hat seinen eingeborenen Sohn für uns dahingegeben und gerade dies ist der vollkommene Beweis seiner großen Liebe zu uns. „Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“ (Röm 8,32).

So verstehen wir, dass Gott die Liebe ist und dass Er die Liebe zu uns ist, aber das Kind wird gerade in den vielfachen Versuchungen am meisten Gelegenheit haben, das Herz des Vaters kennen zu lernen. Seine Güte und Treue, seine Liebe, Langmut und Gnade werden wir dann am reichlichsten erfahren, wenn wir in unserer Schwachheit durch die Versuchungen dieser armen Erde gehen. Er trägt und leitet uns hindurch und lässt uns überall, wenn wir denn Augen dafür haben, seine beseligende Gegenwart empfinden. Überall können wir erfahren, dass „der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott allen Trostes“ ist (2. Kor 1,3). Diese Erfahrungen machen unser Herz glücklich und getrost.

Betrachten wir die Versuchungen von dieser Seite, so werden sie uns nichts anderes als Freude sein. Wir werden in ihnen nur eine Gelegenheit sehen, in welcher unser Gott und Vater auf eine besondere Weise offenbaren kann, was Er für uns ist, und wir werden darin eine Gelegenheit finden, immer besser das Herz unseres treuen Vaters zu verstehen.

Doch noch mehr. Die vielfachen Versuchungen sind nicht nur für unseren Gott eine Gelegenheit sich in seiner Macht und Liebe an uns zu verherrlichen, sondern auch für uns eine Gelegenheit, Ihn vor der Welt zu verherrlichen. Leben wir im Glauben durch die Versuchungen, harren wir darin aus, so beweisen wir dadurch, dass wir etwas haben und kennen, dass höher und köstlicher für uns ist, als die Welt und ihre Freuden, dass wir für das Unsichtbare, für unseren Gott und seine Herrlichkeit, das Sichtbare verleugnen. Wir geben dadurch zu verstehen, dass seine Ehre und sein wohlgefälliger Wille uns mehr gelten, als die Ehre und der Wille der Menschen, und dass es uns köstlicher ist, in den Leiden Ihm zu gehorchen und unterworfen zu sein, als in den Freuden der Welt seiner zu vergessen.

Ebenso wissen wir, teure Brüder, dass wir uns selbst nicht mehr angehören, sondern dem, der für uns gestorben und auferstanden ist, dass wir Sklaven Jesu Christi sind. Ist Er uns nun teuer und köstlich, ja Ein und Alles geworden, dann wird uns nichts mehr am Herzen liegen, als dass sein Name an uns verherrlicht werde. Wir wünschen dann mit Paulus, dass „Christus erhoben werden wird an meinem Leib, sei es durch Leben oder durch Tod“. Es wird uns eine Freude und eine Ehre sein, für seinen Namen Schmach zu leiden (Phil 1,20). Dann verstehen wir auch die Worte des Apostels in 2. Korinther 12,9.10: „Daher will ich mich am allerliebsten viel mehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus über mir wohne. Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten für Christus; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Dies Wenige reicht schon hin, um uns verstehen zu lassen, wie viel Ursache wir haben, die vielfachen Versuchungen für lauter Freude zu halten.

Ehe ich jedoch diese Zeilen schließe, möchte ich noch für einen Augenblick unsere Gedanken auf einige ernste Aussprüche des Apostels Jakobus, die auf den 2. und 3. Vers des angeführten Kapitels folgen, lenken. Zuerst ermahnt er uns: „Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk“ (Jak 1,4). Es ist nicht genug, nur für eine Zeit in den Versuchungen zu verharren, sondern bis ans Ende. Sind wir durch den Glauben in der Kraft Gottes bis dahin gebracht, dann hat das Ausharren sein vollkommenes Werk, und wir werden von allen Kämpfen und Mühsalen ausruhen. Im 5. Vers fügt er eine köstliche Zusage hinzu, die uns in unserer Schwachheit und Unweisheit so Not tut: „Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so erbitte er sie von Gott, der allen willig gibt und nichts vorwirft, und sie wird ihm gegeben werden.“ Wie tröstlich ist es für uns, zu wissen, meine Brüder, dass Gott sich nicht durch unsere Mängel beschränken lässt, sondern uns die auf unserem Glaubensweg so nötige Weisheit willig darreicht. Er stillt nach dem Reichtum seiner Gnade und Liebe alle unsere Bedürfnisse.

In Vers 6 und 7 sehen wir, wie traurig der Unglaube ist, und wie leer der Zweifler ausgeht. Er bekommt nichts. Der Apostel sagt: „er ist ein wankelmütiger Mann, unstet in allen seinen Wegen.“ Ein solcher will es mit Gott halten, und doch die Dinge dieser Welt nicht fahren lassen. Er unterwirft den Willen Gottes seinen Vernunftschlüssen und folgt nur dann, wenn es keine Verleugnung kostet. Und dies eben bringt in allen seinen Handlungen nichts weiter als Verwirrung hervor.

Ebenso zeigt uns der Apostel im 9. und 10. Vers die Nichtigkeit alles Reichtums. Nicht nur gleicht dieser des Grases Blume, sondern auch der Mensch, dessen Schatz der Reichtum dieser Welt ist, wird in seinen Wegen verwelken. Wie töricht ist es deshalb, in dieser Welt etwas zu suchen und zu besitzen, wie töricht ist es, sein Herz an irgendetwas Sichtbares zu hängen – denn noch ein wenig und „Die Sonne ist aufgegangen mit ihrer Glut und hat das Gras verdorren lassen, und seine Blume ist abgefallen, und die Zierde seines Ansehens ist verdorben“ (Jak 1,11).

Doch „Glückselig der Mann, der die Prüfung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die er denen verheißen hat, die ihn lieben“ (Jak 1,12).

Die Krone des Lebens ist der kostbare Kampfpreis, der dem Ausharrenden am Ziel seiner Wanderschaft zu Teil wird. Wo der Reiche dieser Welt nichts mehr hat, da findet der, welcher ausgeharrt hat, ein unverwesliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbteil. Um wie viel köstlicher sind deshalb alle die vielfachen Versuchungen in der Wüste, die Leiden und Trübsale, die für den Bewährten eine Brücke zur ewigen Glückseligkeit geworden sind, als alle die Freuden dieser Welt, die nichts als Kummer und Herzeleid zurücklassen. Ja, „Glückselig der Mann, der die Prüfung erduldet!“ Deshalb, geliebte Brüder, lasst uns nicht ermatten, sondern die vielfachen Versuchungen für lauter Freude halten, lasst uns in der Verleugnung des Sichtbaren bekennen, dass wir unseren Gott mehr lieben als alles, so wird Er am Ende unserer Laufbahn uns die herrliche Krone des Lebens darreichen. Und wir werden auch nicht mehr weit bis zu unserem Ziel haben, denn, wenn je, so gilt uns jetzt besonders das liebliche Trostwort des Apostels an die Hebräer: „Denn noch eine ganz kleine Zeit, und „der Kommende wird kommen und nicht ausbleiben“ (Heb 10,37). So lasst uns denn in diesen wenigen Tagen es „für lauter Freude halten, wenn wir in mancherlei Prüfungen geraten“, und nicht ermatten.

Das wolle der treue Herr durch seine Gnade in uns Allen reichlich verwirklichen.

Fußnoten

  • 1 Ursprünglich: „der mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum, den Himmel, eingegangen ist“; siehe Heb 9,11.12
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