Botschafter des Heils in Christo 1857

Mose in Äqypten und Mose in Midian

Apostelgeschichte 7,20–36 1

Jeder wahre Dienst ist mit dem Bewusstsein verbunden, dass wir von Gott darin erhalten werden. Dasselbe finden wir auch in dem vollkommenen Dienst des Herrn Jesus Christus. Wir lesen Jesaja 42,1: „Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Der große Charakterzug seines Dienstes war, dass Er nie aus sich selbst handelte. – „Ich kann nichts von mir selbst aus tun; so, wie ich höre, richte ich, und mein Gericht ist gerecht, denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 5,30). „Wenn ihr den Sohn des Menschen erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und dass ich nichts von mir selbst aus tue, sondern wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich allezeit das ihm Wohlgefällige tue“ (Joh 8,28.29). – Sobald ein Knecht unabhängig handelt, handelt er aus sich selbst und nicht in seinem Charakter als Knecht.

Es ist nicht zu leugnen, dass wir in der gegenwärtigen Zeit unter den Christen um uns her viel Aktivität finden – aber es ist auch ebenso gewiss, dass dabei der wahre Dienst Gottes oft missverstanden wird. Ich bin aber überzeugt, dass es Gottes Absicht ist, sowohl das, was der natürliche Verstand und die natürliche Kraft des Menschen, als auch das, was die Macht und Weisheit des Heiligen Geistes vermag, sehr bestimmt zu unterscheiden. Unsere Gabe als Christ ist der Geist des Herrn – der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist der Besonnenheit und der Macht, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn – um unsere Einsicht in der Furcht Gottes zu beleben.

Wenn wir anstatt vor Gott vor Menschen leben, so wird stets Sorge und Unruhe in uns sein. Wir mögen Verlangen haben, viele Dinge, welche in dem Wort Gottes geschrieben stehen, zu tun, aber sie werden nicht in ruhiger und seliger Freude getan. Wir werden nie ganz vor Heuchelei bewahrt bleiben, wenn wir nicht vor Gott leben. Das Leben vor Gott ist aber auch das beste Heilmittel, um von dem Hochmut, wozu das Herz so sehr geneigt ist, befreit zu werden.

Lasst uns jetzt die Geschichte Moses, des Knechtes Gottes, ein wenig untersuchen, und wir werden über diesen Gegenstand reiche Belehrung für uns finden.

Mose ist ein ausgezeichnetes Vorbild auf den Herrn Jesus. Beiläufig könnte ich hier bemerken, dass beide die einzigen Personen sind, welche in der Schrift erwähnt werden, deren Lebenslauf wir von ihrer Geburt bis zur Herrlichkeit verfolgen können.  

Es ist beachtenswert, dass das Leben Moses in drei unterschiedene Perioden von je vierzig Jahren eingeteilt ist. Die ersten vierzig Jahre brachte er in Ägypten als „Sohn der Tochter des Pharaos“ zu, die nächsten in der Wüste, die Herde seines Schwiegervaters weidend. Dort auf dem Berg Gottes hatte er ein Gesicht von der Herrlichkeit, welches ihm in Ägypten nicht offenbart werden konnte. In den letzten vierzig Jahren haben wir seinen schweren und versuchungsreichen Lauf, welchen er als Knecht Gottes zu durchwandern hatte. Wir sehen, wie vieles er von dem Volk Israel erdulden musste, indem er die Last dieses Volkes trug.

Der erste Teil seines Lebens wurde also in Ägypten zugebracht. Stephanus sagt in dem oben angeführten Kapitel der Apostelgeschichte in Vers 22: „Und Mose wurde unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter; er war aber mächtig in seinen Worten und Werken.“ Doch diese Weisheit der Ägypter war nicht etwas, das Gott anerkennen konnte. Ohne Zweifel wusste Mose, dass Gott ihn als Befreier seines Volkes gebrauchen wollte – aber das, was er in Ägypten erworben hatte, konnte des Herrn Volk nicht aus Ägypten befreien.

Die Eltern Moses erkannten das Außergewöhnliche ihres Kindes. Wir lesen Hebräer 11,23: „Durch Glauben wurde Mose, als er geboren war, drei Monate von seinen Eltern verborgen, weil sie sahen, dass das Kind schön war; und sie fürchteten das Gebot des Königs nicht.“ – Und Mose selbst verweigerte durch den Glauben, „als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter des Pharaos zu heißen, und wählte lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung“ (Heb 11,24–26).

„Als er aber ein Alter von vierzig Jahren erreicht hatte, kam es in seinem Herzen auf, sich nach seinen Brüdern, den Söhnen Israels, umzusehen“ (Apg 7,23). – Welche Bequemlichkeit und Freude auch immer Mose in dem Haus des Pharao hätten erfreuen können – alles war ja sein, der Luxus und die Annehmlichkeit des Hofes, die Schätze Ägyptens –, so trauerte doch sein Herz über seine Brüder, und schaute auf ihren Druck. – „Und als er einen Unrecht leiden sah, verteidigte er ihn und rächte den Unterdrückten, indem er den Ägypter erschlug“ (V. 24). Er war „mächtig im Handeln,“ und zwar zum Besten des Volkes Gottes; aber er handelte in der Energie des Fleisches und nicht als von Gott gesandt. Er dachte daran, als Mose  das Volk zu befreien. „Er meinte aber, seine Brüder würden verstehen, dass Gott ihnen durch seine Hand Rettung gebe; sie aber verstanden es nicht“ (V.25). Nein, sie verstanden ihn nicht. Mose hatte eine andere Aufgabe zu lernen. Gott musste ihn zuerst unterweisen, dass Er Sich nur der Macht und Kraft bedienen würde, die von ihm selbst kam, und nicht der Macht und Weisheit Ägyptens. Es gibt keine zwei Dinge von größerer Verschiedenheit, als wenn einer in der Energie des Fleisches oder wenn er in der Macht des Geistes handelt. In dem ersten Fall gibt es bei dem Fehlschlagen unserer Anstrengungen immer viel Widerwärtigkeit und Verdruss.

Als Mose vierzig Jahre sozusagen in Untätigkeit in der Wüste zugebracht hatte, sehen wir, dass er auf die Berufung Gottes: „So gehe nun hin, ich will dich senden...“ antwortete: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und dass ich die Kinder Israel aus Ägypten herausführen sollte?“ (2. Mo 3,11). – Als er von Gott gesandt werden sollte, da erfüllte ihn ein tiefes Gefühl der Verantwortlichkeit, welche auf ihn gelegt wurde, und er erschrak davor. Früher, als er in der Energie des Fleisches voranging, sah er sich bei den Widerwärtigkeiten, die ihm begegneten, bitter getäuscht. Jetzt, nachdem er seine Untüchtigkeit gelernt hatte, sagte er: „Wer bin ich?“
Und so ist es immer. Wenn ein Heiliger fühlt, dass er von Gott zu irgendeinem Dienst gesandt werden soll, so ist immer die tiefste Beugung des Geistes da. Dies wird oft durch schmerzliche Züchtigungen in der Seele hervorgebracht; aber das Ende der Erziehung Gottes ist: alles Selbstvertrauen in der Seele zu brechen, so dass, wenn zuletzt die also zubereitete Person im Dienst vorangeht, es mit dem Gefühl geschieht: „Wer bin ich?“ – Ein großer Charakterzug des Fleisches aber ist die Abneigung gegen dies: „Wer bin ich?“ Diese Abneigung ist durch den so langen Aufenthalt in Ägypten genährt worden. Gott aber muss in uns zuvor diese Beugung in Wahrheit erwecken, ehe Er uns in seinem Dienst gebrauchen kann. Der ausgebildetste Verstand, die menschliche Weisheit oder Kraft werden nie in irgendeiner Weise im Dienst Gottes Stand halten.

„Und am folgenden Tag zeigte er sich ihnen, als sie sich stritten, und drängte sie zum Frieden, indem er sagte: Männer, ihr seid Brüder, warum tut ihr einander unrecht? Der aber dem Nächsten unrecht tat, stieß ihn weg und sprach: Wer hat dich zum Obersten und Richter über uns gesetzt? Willst du mich etwa umbringen, wie du gestern den Ägypter umgebracht hast?“ (Apg 7,26–28). – Er wurde gänzlich von jenen, welchen er zu dienen suchte, missverstanden. Als er der Mann des Friedens sein wollte, da wurde Verachtung sein Lohn: „Wer hat dich zum Obersten und Richter über uns gesetzt?“

Lasst uns dieses wohl beachten, geliebte Brüder. Mose war in einem gewissen Sinn von der Gemeinschaft mit Gott beseelt. Er wusste, was diese Gemeinschaft war, aber er hatte noch nicht gelernt, auf die Kraft und Weisheit Ägyptens völlig zu verzichten. Doch wir werden nie in diesem Kampf überwinden, wenn wir auf unsere eigene Kosten Kriegsdienste tun.

Mancher Heilige geht eine Zeitlang mehr oder weniger in seiner natürlichen Kraft und in dem Eifer des Fleisches voran. Er mag vielleicht die richtigen Dinge tun, aber er tut sie nicht im Geist der Abhängigkeit von Gott. Nach und nach erschlafft seine Kraft und er hat das Gefühl, als ob er ganz unbrauchbar wäre, als ob Gott ihn nie wieder in seinem Dienst gebrauchen könne. Dies ist eine nützliche Lektion, obgleich eine tiefe Demütigung für ihn. Der Herr erzieht oft den Einzelnen in dieser Weise, um ihn später in der Versammlung zu benutzen.

Ebenso war es mit Mose. – „Mose aber floh bei diesem Wort und wurde ein Fremder im Land Midian, wo er zwei Söhne zeugte“ (V. 29).

Diese ersten vierzig Jahre in dem Leben Moses sind vorüber gegangen, wenig von Gott beachtet. Ohne Zweifel würden wir, wenn der Mensch die Geschichte Moses geschrieben hätte, eine wundervolle Mitteilung über alles das, was er in diesem Land getan und gesagt, erhalten haben, aber der Geist Gottes schweigt darüber. Und warum, Geliebte? Weil die „Weisheit“ Ägyptens „Torheit“ bei Gott, und die „Kraft“ Ägyptens „Schwachheit“ bei Gott ist.

Während der nächsten vierzig Jahre hat Mose Ägypten und Israel verlassen und er war jetzt allein mit Gott. In der Einsamkeit begegnet ihm der Herr am Horeb, dem „Berg Gottes“ (2. Mo 3). Und ich zweifle nicht, dass der Horeb so genannt ist, weil es ein Platz war, wo sich Mose der Gemeinschaft Gottes erfreute und wo er eine Aufgabe lernte, die er nie in Ägypten würde gelernt haben: Abhängigkeit von Gott. Im Verborgenen wurde er für alle jene mächtigen Taten vorbereitet, welche er vor Pharao, den Ägyptern und den Israeliten ausführen sollte.

Gott lehrt sein Volk vornehmlich in der Verborgenheit. Unser geliebter Herr Jesus suchte auf dieser Erde zu seiner Stärkung mit Gott allein zu sein. Und dies ist auch der Weg, auf welchem ein Heiliger seine Schwachheit und Gottes Kraft kennen lernt. Er dringt ein in die Tiefen seines eigenen Verderbens, aber auch in die Tiefen der Gnade Gottes. Er lernt, sich selbst zu verleugnen, alle Einbildungen zu unterdrücken und jede Höhe zu zerstören, die sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes (2. Kor 10,5).2

„Und es geschah während jener vielen Tage, da starb der König von Ägypten; und die Kinder Israel seufzten wegen des Dienstes und schrien; und ihr Schreien wegen des Dienstes stieg hinauf zu Gott. Und Gott hörte ihr Wehklagen, und Gott gedachte seines Bundes mit Abraham, mit Isaak und mit Jakob; und Gott sah die Kinder Israel, und Gott nahm Kenntnis von ihnen“ (2. Mo 2,23–25). „Die Zeit der Verheißung“ war endlich gekommen, und jetzt finden wir Mose zubereitet und gesandt, um Führer und Befreier Israels zu sein.

Ein Teil seiner Vorbereitung hatte vierzig Jahre gedauert, die er in der Einsamkeit zugebracht hatte – im Verborgenen in der Wüste von Gott erzogen. Jetzt aber war etwas anderes nötig: die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. „Und als vierzig Jahre verflossen waren, erschien ihm in der Wüste des Berges Sinai ein Engel in der Feuerflamme eines Dornbusches“ (Apg 7,30). Nie war etwas dergleichen in Ägypten gesehen worden, denn Ägypten war nicht der Ort, wo Gott seine großen Gesichte offenbarte. Die Wunder der Natur waren dort zu finden, z.B. in dem periodischen Austreten des Flusses und dergleichen, aber hier war etwas, was Mose, während seiner Erziehung in der ägyptischen Weisheit, nicht gesehen hatte. „Als aber Mose es sah, wunderte er sich über das Gesicht“ (V. 31).

Der Busch brannte mit Feuer, und wurde nicht verzehrt. Erst dann, wenn die Weisheit Gottes in unserem Herzen ist, verstehen wir, warum der Busch von dieser Flamme nicht verzehrt wurde. Dieselbe Herrlichkeit aber wurde in der Feuersäule gesehen, welche das Volk Israel durch die Wüste geleitete, und sie wird wiederum gesehen werden, wenn der Herr in einer Feuerflamme offenbart werden wird, um seine Widersacher zu zerstören.

„Während er aber hinzutrat, um es zu betrachten, erging die Stimme des Herrn: Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs. Mose aber erzitterte und wagte nicht, es zu betrachten“ (V. 31.32). – Wir mögen nun den Menschen von diesem Gesicht erzählen; aber  sie werden uns nicht glauben. Nie kann durch einen ägyptischen Mund so etwas ausgesprochen, noch durch ein ägyptisches Ohr verstanden werden; wir müssen mit Augensalbe gesalbt sein, um es zu sehen. Es geht über alle menschlichen Begriffe; und dies eben beweist uns, dass die menschliche Weisheit zu tadeln ist.

In dem armen, schwachen und wertlosen Busch, in dessen Mitte das Feuer brannte, ohne ihn zu verzehren, haben wir ein Sinnbild von dem, was, obgleich schwach und unvollkommen in sich selbst, dennoch mit der Herrlichkeit Gottes umgeben ist, nämlich die Versammlung. Und was Mose lernte, war dieses: dass es Gottes Absicht war, Israel mit Seiner eigenen Herrlichkeit zu umgeben. Woher kommt es aber, sowohl was Israel, als auch was die Versammlung betrifft, dass sie von dieser Herrlichkeit nicht verzehrt werden? Das Heil, welches Gott bereitet hat, umgibt beide und erhält sie.

So lange jemand die Sicherheit der Versammlung nicht kennt – wie köstlich sie vor Gott ist, und dass nichts wider sie etwas vermag –, ist er nicht fähig, ein Knecht Gottes darin zu sein. Gott hat sein gnadenreiches Heil für sie als Bollwerk und Schutzwache bestimmt.

Welch eine wunderbare Sache, dass sich auf dieser Erde ein kleiner schwacher Busch, wie es ja die Versammlung ist, befindet, welcher alles entgegen ist, und doch nichts imstande ist, etwas dagegen zu vermögen! Gott hat sie mit seiner eigenen Heiligkeit eins gemacht. Und dies ist eine tiefe und wichtige Wahrheit. Wie würde sie anders bestehen können, da unser Gott ein verzehrendes Feuer ist? – Und dieser Charakter Gottes ändert sich nicht; deshalb erlaubt Er auch nicht, dass irgendeine Sünde, verbunden mit der Versammlung, vor Ihn kommt. Er hat sie an dem Kreuz gerichtet. Das Urteil ist nicht allein darüber ausgesprochen, sondern auch vollzogen worden. Wenn die Kraft des Kreuzes wirklich verstanden ist, so finden wir, dass gerade dieselbe Heiligkeit Gottes, welche gesehen wird, die Bürgschaft für die Sicherheit der Versammlung ist.

Der Herr sagte zu Mose: „Löse die Sandale von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land“ (V. 33). – Wir sind durch die Gnade an den Ort der Heiligkeit gebracht, und erfreuen uns derselben. Hier lernt die Seele in Wahrheit verstehen, was die Sünde ist. Sie sieht nicht nur ihr eigenes Nichts, sondern auch ihre Empörung gegen Gott. Hier lernt sie verstehen, dass es Errettung durch Gnade vom Ersten bis zum Letzten sein muss. Und sobald wir von der Welt errettet sind, werden wir an diesen Ort der Heiligkeit gebracht, und Gott handelt jetzt in diesem Charakter mit uns. Der Zweck seiner Züchtigung und Bestrafung ist, „seiner Heiligkeit“ teilhaftig zu werden. Er wünscht, dass wir Ihm so nahe im Geist sein möchten, als wir es auch unserem Haupt sind.

Was mögen die Gedanken Moses in Betreff der Herrlichkeit Gottes gewesen sein, als er sich seitwärts wandte, um dieses „große Gesicht“ zu sehen? Und was würden die unseren in Betreff der Welt sein, wenn das Auge immer fest auf die Herrlichkeit Gottes gerichtet bliebe? Als Mose in die Einsamkeit versetzt war, die Herde in der Wüste zu weiden, da mag wohl einige Sehnsucht nach der Herrlichkeit Ägyptens gewesen sein, aber dies wird aufgehört haben, nachdem er diese Offenbarung von der Herrlichkeit Gottes gemacht hatte, – „des Gottes Abrahams, des Gottes Isaaks und des Gottes Jakobs.“ Ebenso ist es mit uns. Wenn wir von der wahren Herrlichkeit der Versammlung erfüllt sind, so sind wir fähig, auf die Herrlichkeit Ägyptens zu schauen und sie zu verachten, indem wir uns von derselben wie auch von der Macht und Weisheit Ägyptens entwöhnt fühlen. Aber wenn unsere Seelen nur auf ihre eigene Schwächen schauen, so werden wir sehr bald versucht werden, uns nach Ägypten und nach seinen Schätzen umzuschauen. Lasst uns auch das Folgende wohl beachten: „Diesen Mose, den sie verleugneten, indem sie sagten:,Wer hat dich zum Obersten und Richter gesetzt?‘, diesen hat Gott sowohl zum Obersten als auch zum Retter gesandt mit der Hand des Engels, der ihm in dem Dornbusch erschienen war“ (V. 35).

Zuerst musste Gott Mose aus Ägypten bringen, denn Ägypten war nicht der Ort, um ihm solche Mitteilungen zu machen. Lesen wir z.B. die Geschichte Abrahams, so finden wir, dass sein Aufenthalt in Ägypten kein Segen für ihn war. Er hatte dort keinen Altar. Und ebenso ist auch unsere gesegnete Gemeinschaft mit dem Herrn unterbrochen, wenn wir in die Welt gehen, d.h. wenn unsere Herzen in den Dingen dieser Welt leben.

Was nun Gott zuerst Mose offenbart, ist Sein Name: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ (2. Mo 3,6). Dann offenbart Er ihm seine Gnade: „Gesehen habe ich das Elend meines Volkes...“ (V.7). Wie köstlich ist es, versichert zu sein, dass keine Sorge, keine Last auf dem Volk Gottes liegt, die Er nicht völlig kennt. Und endlich erteilt ihm Gott seinen Auftrag: „Und nun geh hin, denn ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten herausführst“ (V.10).

Mose aber sagt zu Gott: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und dass ich die Kinder Israel aus Ägypten herausführen sollte?“ (V.11). Nachdem er mit entblößten Füßen in der Gegenwart Gottes angebetet hatte, erschrak er über das, was Gott jetzt auf seine Schultern legen wollte, obgleich er vierzig Jahre vorher, mit wildem Eifer einen ähnlichen Dienst ausführen wollte. Es ist aber auch stets eine feierliche Sache, mit dem Volk Gottes zu tun zu haben. Wir treten dadurch in eine Verantwortlichkeit, unter deren Gewicht wir zusammensinken würden, wenn sie uns selbst überlassen wäre. Dennoch ist es nötig, sowohl den Wert dieses Volkes in den Augen Gottes zu erkennen, als auch unsere Verantwortlichkeit in dem Dienst selbst zu fühlen, doch in dem Bewusstsein, dass es eine Verantwortlichkeit nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade ist.

Moses wusste, dass er, wenn er Israel freimachen sollte, viel Schimpf und Schande zu erwarten hatte. Daher auch dieses Zögern, welches er anwandte. Ebenso ist es in Betreff des Dienstes in der Versammlung. Wenn Paulus „ein auserwähltes Gefäß“ sein sollte, um Seinen Namen vor Nationen und Könige und Söhne Israels zu tragen, so fügt der Herr, der dies dem Ananias offenbarte, hinzu: „Ich werde ihm zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss“ (Apg 9,15–16). Und was war die nachherige Erfahrung des Paulus? Er sagt selbst: „Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten für Christus“ (2. Kor 12,10). Und wiederum: „Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überreichlicher ich euch liebe, umso weniger geliebt werde“ (V. 15). Paulus befand sich auf dem Weg der Verleugnung vom Anfang bis zum Ende. Er ging in seinem Dienst nicht in der Energie des Fleisches vorwärts, sondern als einer, der wohl wusste, dass es nötig war, bis ans Ende auszuharren.

Wie oft denkt ein junger Christ: „Ich will diesem oder jenem von der Liebe des Herrn erzählen, und er wird mir glauben“, oder: „Ich will den Christen die Vollkommenheit der Versammlung, die himmlische Berufung der Heiligen, die Ankunft des Herrn usw. verkündigen, und sie werden es annehmen.“ Doch wie bald sieht er sich getäuscht. Wir haben nötig zu lernen, dass wir nicht alles nach eigenem Gutdünken vor uns hertragen können. Wo aber die meiste Überzeugung von der Sendung Gottes ist, da ist auch immer die tiefste Demut. Wenn Paulus von seinem schwierigen Dienst spricht, so sagt er: „Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war“ (1. Kor 15,10).

Die Zubereitung zu dem wahren Dienst geschieht, wie wir gesehen haben, in dem verborgenen Umgang mit Gott. In seiner Gemeinschaft lernen wir verstehen, was wir sind. Es ist für uns nötig, ruhig zu den Füßen des Herrn zu sitzen, um von seinen Lippen unsere Erkenntnis der Gnade und Wahrheit zu nehmen. Die Kraft des Dienstes wird nicht in dem Dienst selbst erlangt, sondern in dem Umgang mit Gott. In der Verborgenheit mit Ihm muss zuerst die Schlacht geliefert werden. Unseren Dienst können wir aber auch nur als Anbeter verrichten. Diese Stellung wird das Gefühl unserer Verantwortlichkeit gegen Gott wach erhalten. Und sie gerade ist es, worin wir für uns und andere Segen finden.

Der Dienst vor Gott ist aber auch ein großes Vorrecht für uns. Wir sind gesegnet, wenn wir seine Kraft erkennen, wenn wir im Geist und in der Wahrheit zu dienen verstehen, wenn wir stets in dem Gefühl unseres Nichts, und dass alles sein ist, darin einhergehen. Die wahre Stellung des Knechtes ist, sich selbst zu verbergen, und Gott allezeit zum Vorschein kommen zu lassen. Dies charakterisierte den Dienst des vollkommenen Knechtes, ohne welches aber auch die glänzendste Tat kein Dienst ist.

Der Gott aller Gnade aber wolle uns stärken, gründen und befestigen und uns durch seinen Geist fähig machen, in seliger und ruhiger Freude in diesem heiligen Dienst vorwärts zu gehen. Er bedarf unserer zwar nicht, doch wir sind gesegnet, wenn Er an unserem Leib und Geist, welche sein sind, verherrlicht wird.

[Hinweis: Der Jahrgang 1928 enthält einen Aufsatz mit gleichem Titel, der inhaltlich/sprachlich überarbeitet ist].

Fußnoten

  • 1 Dieser Artikel ist aus dem Englischen übersetzt und stand zuerst in der Zeitschrift „Words of Truth for the Saints of God“, Band 3, S. 33 ff. (1840er Jahre). Später wurde er nachgedruckt in „The Christian's Friend“ 1874, siehe hier: www.stempublishing.com
  • 2 Ursprünglich: „Er lernt sich selbst verleugnen — alle Vernunftschlüsse und alle Höhe, die sich wider das Erkenntnis Gottes erheben, zu unterwerfen. Er erprobt die Notwendigkeit des Kreuzes.“; vgl. überarb. Art.BDH 1928, S.309.
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