Bemerkungen über die Johannesbriefe

1. Johannes 4

Danach warnt Johannes seine Leser vor falschen Geistern. Nicht jeder Geist ist der Geist Gottes. (V. 1–6). In der Welt gibt es viele falsche Propheten. Die Erlösten müssen aufpassen. Es geht nicht darum, ob ein Mensch bekehrt ist, sondern ob der Redende durch Gottes Geist oder durch einen Dämon spricht. Der Test besteht in dem Bekenntnis, daß Jesus im Fleisch gekommen ist. Wer von Gott geleitet wird, bekennt, daß Jesus  auf diese Weise gekommen ist (und nicht einfach nur,  daß Er gekommen ist). Das Bekenntnis Seines Kommens ist die Anerkennung einer Wahrheit; das Bekenntnis, daß  Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, bedeutet die Anerkennung der Person Jesu und der Tatsache, daß Er Herr ist. Wenn ein Dämon erst einmal als Dämon erkannt worden ist, muß er unbedingt als ein solcher behandelt werden, sonst ist das Schwert in deiner Hand zerbrochen. Menschliche Erwägungen und wenn du unter solchen Umständen den Liebenswürdigen herauskehren möchtest, offenbaren dich als kraftlos gegen Satan. Das spricht keinesfalls von Gemeinschaft mit Gott in Seinen Gedanken über den Teufel. Wie kostbar ist das Wort Gottes angesichts solcher Gefahren! Falls wir es aufrichtig und demütig festhalten, kann nichts uns zum Stolpern bringen. Gott ist treu und wird den Schwächsten Seiner Erlösten bewahren. Außerhalb jener Unterwürfigkeit unter Gott und Seinem Wort hingegen wird ein Mensch, auch wenn seine Gefühle noch so schön und seine Fähigkeiten noch so groß sind, früher oder später unter die Macht des Feindes geraten.

Aber wir kommen jetzt zu einem neuen Thema. Neben dem Leben Christi wohnt Gott in uns und wir in Ihm. Das wurde vollkommen in Christus geoffenbart; und je mehr wir daran denken, desto mehr erkennen wir, daß das neue Leben, welches wir empfangen haben, ein Leben der Abhängigkeit ist. Unser Herr selbst sagte: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Worte, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ (Mt 4, 4). Daher sehen wir, wie Er als Mensch immer betete. Er stützte sich auf Seinen Vater; denn obwohl Er Gott war, benutzte Er diese Tatsache nie, um eine falsche Stellung als Mensch einzunehmen. Statt dessen nahm Er den Platz der Abhängigkeit ein. Auf diesen Platz sind auch wir gestellt – auf den Platz der Abhängigkeit und somit auf den Platz der Kraft von oben. Es geht nicht um Aufrichtigkeit, sondern um jene Demut, welche auf Abhängigkeit beruht und von einem Anderen Hilfe und Kraft erwartet.

Was für ein Vorrecht und welch ein Beweggrund für Heiligkeit, wenn wir daran denken, daß Gott in uns wohnt! Und wenn wir Gott verherrlichen wollen, ist die Gegenwart Seines Geistes die Kraft dazu. Wie nachdrücklich ist Gott in enge Gemeinschaft zu uns getreten und hat Er uns in jene Vertrautheit mit Sich selbst eingeführt, indem Er uns vergeben, errettet und ein Leben geschenkt hat, in welchem wir mit Ihm wandeln! Es ist ein Leben beständiger Versuchung hier auf der Erde. Doch wir besitzen Gott durch den Heiligen Geist als unsere Kraft, die in uns wohnt, während wir durch die Welt schreiten; und darauf sollen wir achten: Daß sich das Leben des Erlösten nach dem Vorbild Christi entwickelt! In diesem Zusammenhang spielt die tägliche Erfahrung eine Rolle; und wir erkennen unsere Schwachheit, wenn wir nicht auf Christus blicken.

Eine andere große Wahrheit, welche am Ende von dem, das wir kürzlich sahen, eingeführt wurde, war die Gabe des Heiligen Geistes. Im ersten Vers dieses Kapitels weist der Apostel darauf hin, daß wir die Geister – und nicht einfach nur böse Menschen – unterscheiden sollen. Satan handelt in einem noch weit größeren Umfang innerhalb der Kirche (Versammlung), als wir vermuten möchten. Wenn wir dieses Böse nicht richtig behandeln, besitzen wir keine Kraft. Falls wir mit demselben Kompromisse machen, können wir keine Kraft haben, weil Gott mit Satan keine Kompromisse machen kann.

Danach finden wir im 6. Vers noch einen anderen Gesichtspunkt. „Wir sind aus Gott; wer Gott kennt, hört uns; wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht. Hieraus erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.“  Die Annahme der Belehrung des Apostels ist eine der Proben, inwiefern wir Gott kennen. „Wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht.“  Ein Mensch, der nicht auf die heiligen Schriften als solchen lauscht, ist keineswegs aus Gott.

Johannes kommt nun unter der Berücksichtigung der Gabe des Heiligen Geistes zum dritten Teil – der Liebe zu den Brüdern – und zeigt, wie tief ihre Quelle liegt. Sie ist nicht einfach eine Verpflichtung oder ein Zeichen von Gerechtigkeit, sondern die eigentliche Natur Gottes – das, was Er ist. In entsprechender Weise ist Christus das Muster menschlicher Gerechtigkeit. Johannes geht zurück zur Natur Gottes als Solchem. „Geliebte, laßt uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott.“ (V. 7). Sie stammt von Ihm, hat ihre Quelle in Ihm. „Liebe ist aus Gott.“  Da wir Seine Natur empfangen haben, können wir sagen: „Jeder, der die Gerechtigkeit tut, (ist) aus ihm geboren.“ (1. Joh 2, 29). Hier gehe ich nicht weiter. Das ist ein Weg der Gerechtigkeit. Jetzt hingegen sage ich: „Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott.  Das ist nicht einfach die Erfüllung einer Pflicht. Es ist die wahre Natur, die ich besitze. Wenn ein Mensch diese Natur besitzt, dann hat er sie von Gott. Johannes spricht nicht von den gewöhnlichen natürlichen Zuneigungen. Die findest du auch in einem wilden Tier. Es geht vielmehr um die göttliche Natur. Die göttliche Liebe ist zunächst einmal dadurch gekennzeichnet, daß sie uns liebte, als wir noch Sünder waren. (Röm 5). Sie steht über dem Bösen. Wo die Sünde überströmte, war die Gnade noch viel überschwenglicher. Wer liebt, kennt Gott. Das ist eine große Aussage. Ich weiß, was ein Mensch ist; denn ich bin selbst ein Mensch. Ein Tier kann nicht sagen, was ich bin, weil es nicht meine Natur besitzt. Auf diesem Weg aber, d.h. wenn wir lieben und somit die Natur Gottes besitzen, wissen wir, was Gott ist. Wir mögen noch viel zu lernen haben; wir haben indessen diese Natur empfangen und wissen, was das für eine Natur ist. „Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott.“  Falls jene neue Natur in mir ist, genieße ich sie. Ich besitze diese Natur, sodaß ich fähig bin, mich ihrer zu erfreuen. Jede Natur kann sich dessen erfreuen, was ihr angemessen ist. Wenn wir die göttliche Natur empfangen haben, erfreuen wir uns Gottes. Wir kennen Ihn dadurch, daß wir uns dessen erfreuen, was zu unserer neuen Natur gehört.

„Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.“ (V. 8). Falls ich diese Liebe nicht habe, kenne ich Ihn nicht, gerade weil Er Liebe ist. Es ist für den Erlösten eine gewaltige Wahrheit zu wissen: Ich kenne Gott! Ich habe die Natur empfangen, welche sich an Gott erfreut; und darin besteht die ewige Freude.

„Hierin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbart worden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir durch ihn leben möchten.“ (V. 9). Der Apostel blickt nach außen, um Beweise von dieser Liebe zu liefern. Er schaut nicht in sich selbst, wie es viele andere tun. „Hierin ist die Liebe: nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt.“ (V. 10). Wenn ich die göttliche Liebe, Gottes Liebe, erkennen möchte, schaue ich nicht in mich selbst; denn „hierin ist die Liebe: nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.“ Noch etwas anderes zeigt hier die Vollkommenheit dieser Liebe: Sie hatte keinen Beweggrund. Sie ist Gottes Wesen. „Wenn ihr liebet, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr?“ (Mt 5, 46). Die Entfaltung dieser Liebe zeigt hier einen doppelten Charakter. Erstens wurde der Sohn als Sühnung für unsere Sünden gesandt. Er liebte uns, als wir schuldig und verunreinigt waren. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab ...“ (Joh 3, 16). Zweitens erweist sich die Liebe Gottes zu uns darin: Als in uns überhaupt nichts war, um es Ihm zu bringen, und als wir nicht den geringsten Zug zu Gott hatten, zog es Gott zu uns. Wir besaßen kein geistliches Leben, sondern waren als aus Adam geboren schuldig. Daher ist diese Liebe eine vollkommene Liebe. Sie fand keinen Beweggrund in uns, darum ist sie vollkommen in sich selbst; und sie wirkte unserem Bedürfnis entsprechend. Darin sehen wir den Beweis für diese Liebe.

„Geliebte, wenn Gott uns also geliebt hat, so sind auch wir schuldig, einander zu lieben.“ (V. 11). Wieder zieht Johannes die praktische Schlußfolgerung! Wenn Gott mich so geliebt hat, sollte ich die Brüder lieben. Ich sollte über alles Widerwärtige und Unerfreuliche erhaben sein, weil Gott auch mich liebte, als ich so widerwärtig wie möglich war.

Jetzt kommen wir zu einem anderen Gegenstand: Gott Selbst ist gegenwärtig. Ich habe nicht nur die göttliche Natur empfangen, sondern Gott ist auch Selbst in einer bemerkenswerten Weise anwesend. „Niemand hat Gott jemals gesehen.“ (V. 12). Wie kann ich ein Wesen kennen und lieben, das ich niemals gesehen habe? „Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns.“  Der Apostel Paulus drückt diese Wahrheit in einer anderen Weise aus. „Die Liebe Gottes“, sagt er, „ist ausgegossen in unsere Herzen.“ (Röm 5, 5). Was macht jene Wahrheit hier so bemerkenswert? Wenn wir Johannes 1, 18 anschauen, erfahren wir: „Niemand hat Gott jemals gesehen.“  Wie kann ich eine Person kennen und lieben, die ich niemals gesehen habe? „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.“  Das heißt: In dem Evangelium, welches Christus vor unsere Blicke stellt, erkennen wir die folgende Zielrichtung: „Gut, du hast Gott nicht gesehen – und doch hast du es; denn Er, der die Wonne des Vaters – der im Schoß des Vaters und der unmittelbarste Gegenstand des Wohlgefallens des Vaters – ist,  Er hat Ihn kundgemacht. Daher kenne ich Ihn.“ Das ist die Antwort auf das Problem, daß niemand jemals Gott gesehen hat. Christus hat Ihn mir kundgemacht. Hier in unserem Brief lesen wir: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns.“  Das, was in Christus geoffenbart wurde, wird unmittelbar in unsere Herzen getragen, weil der Heilige Geist in uns ist. Als Christus in der Welt war, trieb Er, der Sohn, Dämonen aus und tat Er die mächtigen Werke; und doch sagte Er: „Der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke.“ Außerdem sagt Er: „Durch den Heiligen Geist „werden wir zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“(Joh 14, 10. 23). Die Tatsache, daß Gott in uns wohnt, ist hier die Antwort auf das Problem, daß wir Gott nicht sehen, so wie damals Christus in der Welt die Antwort auf dasselbe Problem darstellte. Nachdem Er uns in dem Blut des Lammes gewaschen hat, kommt Er zu uns und wohnt in uns. Auf diese Weise besitzen wir eine Kenntnis von Gott. „Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns.“  In uns ist nicht allein diese neue Natur, sondern sogar Gott. „Hieran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er uns von seinem Geiste gegeben hat.“  (V. 13). Die Tatsache, daß Gott als der Unendliche in uns wohnt, ist der Beweis, daß wir in Ihm sind. Er ist unser Heim; wir wohnen in Ihm; Er ist unsere Wohnung. Die Gegenwart des Heiligen Geistes schenkt das Bewußtsein, daß Gott anwesend ist.

Doch Johannes kehrt zu den geschichtlichen Tatsachen zurück. „Und wir haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt.“ (V. 14). Ich habe in mir Gott empfangen und besitze das Wissen von jener Liebe. Wie beweist Gott es mir? Indem Er Seinen Sohn als Heiland der Welt sandte! Der Beweis liegt demnach nicht irgendwie in mir, sondern in einem Geschehen außerhalb von mir. Jemand mag sagen: „Das habe ich aber nicht empfangen.“ Dann sage ich ihm: „So hast du gar nichts.“ Wenn du sagst: „Das ist mir zu hoch. Ich kann nicht sagen, daß Gott in mir wohnt“, dann antworte ich: „Du bist überhaupt kein Christ.“ „Wer irgend bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, in ihm bleibt Gott und er in Gott.“ (V. 15). Johannes spricht von jenem gesegneten Bewußtsein als unserem Teil, aber danach erklärt er auch, daß diese Wahrheit für jeden Christen gilt. Falls ich dieselbe nicht genieße, muß folglich ein Hindernis vorliegen. Wenn die englische Königin in unserem Haus wäre, ohne daß wir uns ihretwegen Mühe gäben, zeigte dieses nur, daß wir die Ehre und das Vorrecht, einen solchen Gast zu haben, nicht schätzen. So können auch wir unseren Weg gehen, ohne das Bewußtsein zu haben, daß Gott in uns ist. Das zeigt die Gewohnheit eines Lebens, das nicht mit dem Gott, der in uns wohnt, Umgang pflegt. Der Christ hat von Gott ein Leben empfangen, das mit Gott lebt. Johannes schreibt daher im Zusammenhang mit dieser Wahrheit: „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.“  Diese Natur schreibt Johannes dem Christen zu. „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.“  Da gibt es keine Ungewißheit. „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott ...“  Es handelt sich um die Natur Gottes.

Johannes geht jetzt weiter. Wir haben die Liebe gesehen, wie sie sich entfaltete als wir Sünder waren – schuldig und tot. Damit begann alles. Wir waren geistlich tot. Es gab in unseren Herzen nicht die geringste Bewegung, die sich auf Gott gerichtet hätte. Dennoch liebte Gott uns. Aber wir besaßen auch ein natürliches Leben von Adam her; und darum waren wir schuldig. Da sandte Gott Seinen Sohn als Sühnung für unsere Sünden. Die nächste Wahrheit ist, daß wir in Gott sind und Er in uns. Wir besitzen diese gesegnete Gemeinschaft, indem Er in unseren Herzen wohnt. Danach geht Johannes auf den dritten Punkt im 17. Vers ein. „Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tage des Gerichts, daß, gleichwie er ist, auch wir sind in dieser Welt.“  Das heißt nicht nur, daß Er mich geliebt hat, als ich ein Sünder war, und daß ich Seine Gemeinschaft genieße, sondern auch daß jegliche Furcht vor der Zukunft vergangen ist. Ich empfange Freimütigkeit für den Tag des Gerichts. Das ist etwas ganz anderes.

Es ist eine gesegnete Liebe, daß Christus für solche Sünder wie wir in die Welt kam. Doch es gibt noch den Gerichtstag. Wenn ich an die Liebe denke, bin ich vollkommen glücklich. Wenn ich hingegen an das Gericht denke, ist mein Gewissen nicht unbeschwert. Obwohl ich mit dem Herzen die Liebe geschmeckt habe, ist das Gewissen vielleicht nicht unbedingt rein. Folglich bin ich bei dem Gedanken an das Gericht keinesfalls glücklich. Dafür wird hier Vorsorge getroffen. „Gleichwie er ist, (sind) auch wir in dieser Welt.“  Die Liebe zeigte sich zuerst darin, daß sie uns als Sünder besuchte. Danach erfreuen wir uns ihrer in der Gemeinschaft. Doch sie ist erst dadurch vollkommen, daß ich in Christus bin. Christus müßte sich selbst am Tag des Gerichts verdammen, wenn Er mich verdammen wollte, denn so wie Er ist, bin auch ich in dieser Welt. Bis dahin werde ich verherrlicht sein. Er verwandelt diesen hinfälligen Leib und macht ihn Seinem Herrlichkeitsleib gleich. (Phil 3, 21). Wenn ich vor den Richterstuhl trete, befinde ich mich schon in diesem verwandelten und verherrlichten Leib. Ich bin meinem Richter gleich. Wenn Er meine Gerechtigkeit ist – so wie Er ist, bin ich jetzt schon. Das ist Christi Werk; und Christi Werk ist vollendet; und Er erscheint für mich im Himmel. Obwohl ich Übungen und Versuchungen des Herzens erlebe, gilt: „Gleichwie er ist, (sind) auch wir in dieser Welt.“  Dort ist die Liebe vollendet.

Gott kann nichts Gesegneteres für mich bewirken als diese Gleichheit mit Christus in Seiner Gegenwart. Das Gericht als Gegenstand praktischer Furcht ist für mich beendet, weil ich dem Richter gleich geworden bin. Er richtet entsprechend Seiner eigenen Gerechtigkeit; und das ist auch meine Gerechtigkeit. Ich bin dazu gemacht worden. Ich bin mit Ihm vereinigt; und in diesem Sinn genauso wie Er. „Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tage des Gerichts.“ Darin wurde die Liebe gezeigt; und es macht mich elend, wenn mein Herz nicht auf diese Liebe antwortet. Dann habe ich keine Freimütigkeit für den Tag des Gerichts empfangen. Es gibt zweifellos ein Gericht; und damit die Liebe in unseren Herzen vollkommen sein kann, dürfen wir das Gericht nicht fürchten. Um alles in Vollkommenheit genießen zu können, muß ich Freimütigkeit haben „an dem Tage des Gerichts.“  Diese besitze ich, indem ich so bin, wie Christus ist. Das gilt schon jetzt. Die Herrlichkeit haben wir noch nicht empfangen. Aber alles gilt schon für uns, weil wir Christus als unser Leben besitzen und mit Ihm vereinigt sind. Nun zieht Johannes sofort die Schlußfolgerung. „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ (V. 18). Die Furcht ist zu Ende. Falls ich meinen Vater fürchte, kann ich mich seiner Liebe nicht erfreuen – statt dessen empfinde ich „Pein“. Liebe treibt die Furcht aus. Wir haben nichts zu fürchten, wenn Gott uns vollkommen liebt und nicht anders kann, als uns lieben. Das sagt auch der Herr Jesus: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, auf daß die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.“ (Joh 17, 26). Und außerdem spricht Er: „Frieden lasse ich euch,  meinen Frieden gebe ich euch.“ (Joh 14, 27). Denselben Frieden, den Er besaß, hat Er uns gegeben. Er fürchtete Seinen Vater nicht. Er genoß unaussprechlichen Frieden und unsagbare Freude. Nun, „gleichwie er ist, (sind) auch wir in dieser Welt.“  Darauf folgt als Ergebnis, daß wir diese Liebe kennen: „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (V. 19). Das ist die Frucht und Konsequenz in unseren Herzen. Die ganze Liebe, die Er uns erzeigt hat, wohnt in uns und ist dort vollendet worden. „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“  Das Herz wendet sich in Dankbarkeit und Liebe zu Ihm zurück.

Wie überall in diesem Brief bringt der Apostel jetzt eine Art Gegenprobe. „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, wie kann der Gott lieben, den er nicht gesehen hat?“ (V. 20). Wenn Gottes Bild in den Erlösten keine Zuneigungen hervorruft, liebst du Ihn in Wirklichkeit gar nicht. Du magst sagen, daß du liebst, aber es stimmt nicht. Wir finden überall im Brief solche Proben. Doch wir erkennen hier noch eine andere beachtenswerte Einzelheit. Sogar die Liebe kann in ihrer Ausübung nicht den Platz der Abhängigkeit verlassen. „Und dieses Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe.“ (V. 21). Wie gesegnet die Wirkungen der göttlichen Natur in uns auch immer sein mögen – sie geschehen stets in Gestalt von Gehorsam. Das galt sogar für Christus. Als Er von Seinem Tod sprach, in dem Seine Vollkommenheit sich zur Gänze enthüllte, sagte Er: „Der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir; aber auf daß die Welt erkenne, daß ich den Vater liebe und also tue, wie mir der Vater geboten hat.“ (Joh 14, 30f.). Dort war sowohl ein Gebot als auch Liebe. So veranlaßt uns die Liebe, unseren Geschwistern zu dienen und sie zu lieben; und dennoch ist es Gehorsam. Was nicht aus Gehorsam ist, entspricht nicht Christus. Das ist kein Gebot gegen unsere Natur; denn wir freuen uns, das auszuführen, was Gott gebietet. Aber es ist nichtsdestoweniger Gehorsam, obwohl es der Gehorsam einer freudigen Natur ist, welche ihre Wonne daran findet zu gehorchen. Das geschieht durch Gottes Wohnen in uns, indem Er sich gerade auf diese Weise und in dieser Natur in unseren Seelen offenbart.

Das führt die Stellung des Christen zu einem wunderbaren Höhepunkt. Es ist sein tatsächlicher Zustand durch seine Verbindung mit Gott. Der Heilige Geist ist in uns nicht nur in Hinsicht auf Kraftentfaltungen. Das wäre ein Beweis davon, daß Er, d. h. Gott, in uns wohnt, aber nicht davon, daß wir in Gott sind. Falls wir daran denken, welche Freude und Vorrechte wir hierin besitzen – welche törichten Geschöpfe wären wir, wenn wir Gottes Gegenwart nicht mehr verwirklichen und uns nicht mehr an Ihm erfreuen würden! „Die Seele der Fleißigen wird reichlich gesättigt.“ (Spr 13, 4).

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