Betrachtungen über die Briefe des Apostels Johannes

1. Johannes 4

Betrachtungen über die Briefe des Apostels Johannes

„Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen“ (V. 1). In dem letzten Vers des dritten Kapitels ist die Rede vom Heiligen Geist, den uns Gott gegeben hat und durch den wir seine Gemeinschaft genießen. Der Heilige Geist befähigt uns auch, die schon in der Apostelzeit auftretenden „falschen Apostel und Arbeiter“ (2. Kor 11,13) zu unterscheiden, sie als solche zu erkennen, die nicht aus Gott sind. Warnend ruft der Apostel den Gläubigen zu: „Denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen“. Wenn das damals schon ein wichtiges Wort war, wie viel mehr heute! Es gilt vor allem größte Vorsicht walten zu lassen, wenn Menschen auftreten, die vorgeben neue Offenbarungen und neue Erkenntnis zu besitzen. Da ist es notwendig, alles an Hand des Wortes Gottes genau zu prüfen, ob das Vorgebrachte mit demselben in Übereinstimmung ist. Besteht es die Prüfung im Licht Gottes nicht, dann muss es abgewiesen werden. Hier ist eine mitleidsvolle Duldung nicht am Platz, denn „ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (Gal 5,9).

„Hieran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus im Fleisch gekommen bekennt, ist aus Gott; und jeder Geist, der nicht Jesus Christus im Fleisch gekommen bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er komme, und jetzt ist er schon in der Welt» (V. 2.3).

Die ersten drei Verse unseres Kapitels lassen uns neu erkennen, dass der Angriff des Feindes der Person unseres Herrn Jesus Christus galt. Man fing an, sein Kommen „im Fleisch“ zu leugnen.

Wie klar redet von Ihm die Heilige Schrift! Sein übernatürliches Geborenwerden als Mensch ist schon in 1. Mose 3 angedeutet, wo Gott von dem „Samen der Frau“ redet. Noch deutlicher ist es zu sehen in Jesaja 7,14: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.“ Die Erfüllung dieser Verheissungen erwähnt Paulus, wenn er schreibt: „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau“ (Gal 4,4). Der 40. Psalm teilt uns die wunderbare Unterredung mit, die in der Herrlichkeit zwischen dem Vater und dem Sohn stattfand, wo der Sohn sich bereit erklärte herabzukommen, um das große Werk zur Verherrlichung Gottes und zur Erlösung der Verlorenen zu vollbringen: „Ohren hast du mir bereitet: Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. Da sprach ich: Siehe, ich komme; in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben“ (Ps 40,7.8). In dem Brief an die Hebräer sehen wir dann, dass dem Herrn ein Leib bereitet worden ist zur Ausführung dessen, was Ihm von Gott aufgetragen wurde (Heb 10,5–7). Wie Er nun in diese Welt kam und wie Ihm der Leib bereitet worden ist, lesen wir in Lukas 1,30 bis 35. Der Glaube neigt sich angesichts dieser Tatsache anbetend vor Ihm nieder und bekennt: „Anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Er, der offenbart worden ist im Fleisch, ist gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Nationen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit“ (1. Tim 3,16).

O Lebenswort! Wer dankt genug,
Dass du im Fleisch gekommen,
Und nach der Liebe tiefstem Zug
Das Knechtsbild angenommen!
Du schämtest dich der Sünder nicht,
Gingst selber für sie ins Gericht
Und starbst für ihre Sünden.

Dass der Sohn Gottes, Jesus Christus, im Fleisch gekommen ist, sucht der Feind, wie damals, so auch heute, auf alle mögliche Art und Weise zu leugnen. Darüber brauchen wir uns auch gar nicht zu wundern, denn Fleisch und Blut vermögen es nicht zu erkennen, wie der Herr es schon dem Petrus kundtat. Es war der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dem Petrus offenbarte, dass Jesus „der Christus ist, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Es war auch Gott, dem es wohlgefiel, seinen Sohn in Paulus zu offenbaren, und auch jetzt ist Gott der Vater tätig, Menschenkinder zu seinem Sohn zu ziehen, und es ist in Wahrheit „Glückseligkeit“, Ihn erkannt und im Glauben erfasst zu haben. Lasst uns alle, die wir dieser Gnade teilhaftig geworden sind, dafür dankbar sein und mit aller Entschiedenheit alles abweisen, was die Person unseres hochgelobten Herrn herabwürdigt und verunehrt. Lasst uns auch, wie die Israeliten, die angesichts der Bundeslade im Jordan eine Entfernung von zweitausend Ellen einzuhalten hatten, in geziemender Ehrfurcht anbetend die Person des Herrn betrachten.

Die Schrift belehrt uns deutlich über das Auftreten und über die Wirksamkeit des Antichrist. Wir haben von ihm schon früher etwas erwähnt. Der Herr selbst hat auch schon auf ihn hingedeutet, als Er sagte: „Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen“ (Joh 5,43). Paulus gibt auch sehr klar an, dass der Antichrist selbst nicht offenbart werden kann, so lange die Versammlung (Gemeinde) noch hier auf der Erde ist (2. Thes 2,1–12; siehe auch Off 13,11–18). Der Geist des Antichristen – der da leugnet, dass Jesus der Christus ist – war schon in jenen ersten Zeiten sehr wirksam, und in unseren Tagen bietet er alles auf, um den Sohn Gottes herabzusetzen und Ihn den gewöhnlichen Sterblichen gleich zu stellen. Es ist überaus lieblich auf dem Berg der Verklärung zu sehen, wie Gott selbst darüber wacht, dass sein geliebter Sohn nicht mit uns auf einen Boden gestellt wird. Als Petrus sagte: „Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen, dir eine und Mose eine und Elia eine. Während er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke, und siehe eine Stimme erging aus der Wolke, die sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe, ihn hört“ (Mt 17,4.5).

„Ihr seid aus Gott, Kinder, und habt sie überwunden, weil der, der in euch ist, größer ist als der, der in der Welt ist. Sie sind aus der Welt, deswegen reden sie aus der Welt, und die Welt hört sie. Wir sind aus Gott; wer Gott erkennt, hört uns; wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht. Hieraus erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums“ (V. 4–6).

Der Gnadenstand der Gläubigen hat seinen Ursprung in Gott. „Ihr seid aus Gott“ schreibt der Apostel. Wie lieblich und inhaltsreich ist dieser Ausspruch! Die Kinder Gottes sind aus Gott geboren. Er hat uns „nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergezeugt“ und uns teilhaftig gemacht der göttlichen Natur. Dadurch fand in unserem Leben ein wunderbarer Wechsel statt. Die volle Auswirkung davon werden wir droben in der Herrlichkeit genießen. Aber schon jetzt dürfen wir bewegten Herzens dankbar singen:

Ja, wahrlich, unser Glück ist groß,
Wir sind aus dir entsprossen!
Du machtest uns – welch köstlich Los! –
Zu deinen Hausgenossen.
Noch pilgern wir als Fremde hier,
Doch kann uns nichts mehr trennen,
Weil wir dich Vater nennen.

Im 2. Kapitel sahen wir, dass die Jünglinge „den Bösen“ überwunden haben; in unserem Kapitel hören wir, dass die Kinder, also die Gläubigen insgesamt, die falschen Propheten überwunden haben. Wie gesegnet auch die Stellung der Kinder Gottes ist, so ernst ist es auch daran zu denken, wie verantwortlich wir dafür sind. Der Feind versucht auf jede mögliche Weise den Kindern Gottes Schaden zuzufügen und sie zu Fall zu bringen. Welche Kämpfe für die treuen Heiligen mochte es da gegeben haben, bevor der Sieg über jene Verführer errungen war! „Ihr habt sie überwunden“. Welch liebliches Zeugnis für die Gläubigen in jenen ersten Zeiten, wo man das Wort Gottes noch nicht so besaß, wie wir es in den Händen haben. Leider blieb es nicht immer so, und allmählich kam man immer mehr und mehr von diesem Boden ab. Es muss uns nur tief beugen und demütigen, dass dies sich immer wieder in der Geschichte des Werkes Gottes wiederholt. Ein großer Trost bleibt uns aber darin, dass heute wie damals die Kinder überwinden, weil der, der in ihnen ist, größer ist als der, der in der Welt ist. Auch in unseren Tagen gilt dies für jedes Kind Gottes. Eigene Weisheit und Kraft reichen freilich für diesen Kampf nicht aus. Paulus schreibt:

„Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen; indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus“ (2. Kor 10,4.5). Gottes Wort begegnet unter der Leitung des Heiligen Geistes allen Einwendungen, sowohl des Unglaubens wie auch des Aberglaubens. Im Licht dieses Wortes vermögen wir die Irrtümer zu erkennen und werden auch befähigt, sie abzuweisen.

Die Verse 4 bis 6 kennzeichnen wieder deutlich die Geister und geben den Kindern Gottes eine klare Handhabe für ihr Verhalten. Hier finden wir auch die Erklärung, warum so manche Irrlehren und der Aberglaube Anhänger finden. Es ist der Geist des Irrtums. Die Irrlehrer sind aus der Welt, und deshalb hört sie die Welt. Aber auch Kinder Gottes sind schon oft irregeführt worden, wenn sie sich nicht einfältig auf Gottes Wort gestützt haben. Dies ist die einzige Waffe, sowohl zu unserer Bewahrung wie auch zur Abweisung des Feindes. Lasst uns das Schwert des Geistes, welches Gottes Wort ist, gebrauchen, wenn der Feind irgendwie an uns herantritt!

Im 2. Kapitel wendet sich der Apostel mehr persönlich an die Kinder Gottes. Hingegen wo es gilt vom „Wort des Lebens“ zu berichten, da spricht er im Namen aller Apostel. Und wenn die Unterweisungen, die der Herr gab, in Betracht kommen, da werden all die Belehrungen der Apostel, und zwar sowohl die mündlichen wie auch die schriftlichen, mit eingeschlossen. Von denen, die aus Gott sind, wird angenommen, dass sie die Schriften der Apostel anerkennen und sich ihnen rückhaltlos unterwerfen, und nicht diesen allein, sondern dem ganzen Wort Gottes.

Sehr zu bedauern ist, dass manche Kinder Gottes dem Wort Gottes gegenüber nicht so stehen, wie hier der Apostel so ganz naturgemäß es von denen sagt, die Gott kennen. „Wer Gott kennt, hört uns.“ Wenn die Apostel dies annahmen, wieviel mehr erwartet der Herr selbst von allen, die Ihm angehören und die Er so teuer erworben hat, dass sie sowohl hören, als auch folgen. Es verrät keinen guten Zustand des Herzens, wenn man bekennt, durch das Opfer des Herrn Jesus errettet zu sein und doch nicht darauf bedacht ist, sein ganzes Verhalten durch Gottes Wort zu regeln. Dass ergebener Gehorsam besonderen Segen in sich schließt, ist ja ganz naturgemäß.

Wort des Lebens, wer dich höret,
Dem versprichst du ew'ges Heil;
Doch nur dem, der dich bewahret,
Wird das Kleinod einst zuteil.
Nun, so will ich dich bewahren,
Schwert des Geistes, Gottes Wort!
Hilf mir hier auf Erden streiten
Und die Kron' erwerben dort.

„Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe“ (V. 7.8).

Vom 7. Vers an behandelt der Apostel nun einen neuen Gegenstand: die Liebe Gottes. Er hat wohl auch zuvor schon von der Liebe Gottes geredet, aber hier redet er darüber viel eingehender, und zwar sowohl über ihr Tun, entsprechend den Bedürfnissen des Sünders als auch hinsichtlich des Weges der Heiligen durch diese Welt.

Über den Menschen von Natur lesen wir in den Briefen zweimal, „ohne natürliche Liebe“. (Röm 1,21; 2. Tim 3,3.) Den Kindern Gottes wird aber zugerufen: „Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott.“ Während der natürliche Mensch durch Selbstsucht gekennzeichnet ist, wird uns hier zugerufen, dass wir einander lieben sollen. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, dass, sobald ein Mensch der Vergebung seiner Sünden und der Wiedergeburt teilhaftig geworden ist, dies sich in der Liebe zu den Brüdern offenbart. Die wiederholten Aufforderungen in unserem Brief, „einander zu lieben“, sollen der Gefahr, aneinander gefühllos oder gleichgültig vorüberzugehen, vorbeugen. Diese Gefahr ist ja vorhanden und unendlich viel Schaden wurde durch Lieblosigkeit schon verursacht. Lasst uns deshalb alle, die wir Kinder Gottes sind, diese wiederholte Aufforderung „einander zu lieben“, sowohl beherzigen als auch befolgen. Es gilt, diese Pflanze, die aus dem Himmel, ja aus Gott selbst ist, sorgfältig zu pflegen, damit sie nicht verkümmert, sondern gedeiht und sich immer mehr entwickelt zur Freude und zum Segen, wo wir gehen und stehen. Je mehr diese Liebe, die aus Gott ist, sich betätigt, umso mehr wird dadurch Gott, aus dem sie ist und der ihre Quelle ist, verherrlicht.

Die Liebe ist zugleich die Bestätigung des Vorhandenseins der neuen Natur, die aus Gott ist. Es gibt wohl in der Welt manche Menschen, die viel Gutes tun, ohne dass sie der göttlichen Natur teilhaftig sind. Vielfach beschämt ihr Tun die Kinder Gottes; aber dies ist nicht Liebe, die aus Gott ist. Insofern solche Personen aufrichtig sind, wird der Herr sie weiterführen, wie wir es bei dem Hauptmann in Kapernaum und auch bei dem Hauptmann Kornelius sehen (Lk 7,1–10; Apg 10). Aber auch das Beste, was ein natürlicher Mensch tut, nennt die Schrift: „tote Werke“, und selbst von diesen muss man gereinigt werden (Heb 9,14). Göttliche Liebe ist nur da vorhanden, wo man Gott in seiner Liebe zu seinem ewigen Heil kennen gelernt hat, und deshalb wird auch hier das Auge auf Gott, der die Liebe ist, gerichtet.

„Gott ist Liebe.“ Keine menschliche Zunge und keine Feder vermag die volle Bedeutung und Tragweite davon kundzutun. Selbst solche, denen besondere Blicke in diese Liebe gewährt wurden, mussten bekennen, dass sie gleichsam nur den Rand dieses unendlichen Ozeans sahen. Der Augenblick aber naht, wo es nicht nur ein Wunsch, sondern Wirklichkeit sein wird, dass man ungestört in das Meer der Liebe sich versenken, und dort, an der Quelle, völlig und ewig sich ihrer erfreuen und den Gott der Liebe anbeten wird.

Es gibt vieles bei uns und um uns her, was scheinbar dagegen redet und zeugt, dass Gott Liebe ist. Satan, der Lügner von Anfang, ist auf alle mögliche Weise bemüht, den Menschen vorzugaukeln, dass es keinen Gott der Liebe gibt.

„Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten“ (V. 9). In unserem Abschnitt werden wir gleichsam bei der Hand genommen und unter das Kreuz von Golgatha geführt. Und was erblicken wir da? Gottes eingeborenen Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der herabkam, um Gott, den nie jemand gesehen hat, zu offenbaren. Wir sehen dort den, von dem der Vater gezeugt hat: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; ihn hört!“ (Mt 17,5). Wir sehen Ihn, der Tote auferweckte, wie Er selbst in die Fluten des Todes hinabsteigt. Und warum geschah dies? Weil Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, „damit wir durch ihn leben möchten.“

Der große Zweck dieser Mitteilung ist, die alles Denken übersteigende Liebe Gottes und die Bedeutung der Sendung und des Todes des Sohnes Gottes, uns vor Augen und Herzen zu stellen. Der geistliche Tod eines jeden Menschen wird da nicht so eingehend beschrieben wie in dem Brief an die Epheser; er ist aber darin mit inbegriffen. Der Sohn Gottes kam zu uns, die wir im Tod gefangen lagen. Er stieg in den Tod hinab und hat „durch den Tod den zunichte gemacht, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel.“

Zugleich ist dadurch eine wunderbare Befreiung bewirkt worden. Er hat „die Wehen des Todes aufgelöst“ und „Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht“. Ganz allein nahm Er im Tod den Platz ein, aber in seiner Auferstehung und in seinem Sieg brachte Er uns, die wir im Tod gefangen lagen, vom Tod zum Leben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben.“ Es ist Leben aus Gott, ewiges Leben durch den Glauben an den Sohn Gottes. „Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden.“ Er machte im Tod sich mit uns eins, und in seiner Auferstehung machte Er uns mit sich eins.

Dies allein war aber nicht genug. Ja, es wäre gar traurig für uns, wenn nichts mehr geschehen würde. Weil wir von Natur Sünder sind, und dadurch von Gott getrennt, musste auch ein dementsprechendes Opfer gebracht werden. Wir besaßen kein passendes und ausreichendes Opfer. Gott ist aber voll Erbarmen auch diesem begegnet.

„Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden“ (V. 10). Dies zeigt uns die andere Seite des Werkes der Liebe Gottes und zwar in der Dahingabe seines eingeborenen Sohnes, um die Sühnung zu bewirken. Der Mensch ist voll Schuld und Sünden und ein Feind Gottes. Gott ist aber heilig und zu rein von Augen, um Sünde anzuschauen. Er ist zugleich auch vollkommen gerecht und kann unmöglich die Sünde und das Böse übersehen. Bevor seine Liebe ausströmen und armen, hassenswürdigen Sündern zuteilwerden konnte, musste seiner Gerechtigkeit voll Genüge geschehen. Dies hat nach dem Willen und Wohlgefallen seines Gottes und Vaters der Sohn Gottes übernommen und auch zur vollen Verherrlichung seines Vaters ausgeführt.

„Er ist die Sühnung für unsere Sünden“ (V. 10). Es sind nur sieben Worte, aber von welch einer Tragweite sind sie! Sie schließen in sich jene drei Stunden, wo unser Herr, beladen mit unseren Sünden, unter der Hand des gerechten und heiligen Gottes so unsäglich litt. Sowohl vorbildlich wie auch prophetisch ist schon zuvor davon geredet worden. Die Evangelien und manche Stellen in den Briefen machen uns eingehender damit vertraut. Für unsere Schuld ertrug Er dort das Gericht und in der Not seiner heiligen Seele rief Er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Sein Gott hat Ihn „nicht geschont“, um uns, dich und mich, nicht nur zu verschonen, sondern völlig frei ausgehen zu lassen. „Gott ist Liebe!“ Davon zeugt aufs klarste das Kreuz von Golgatha, wo der Sohn Gottes für uns dahingegeben wurde.

In unseren Tagen gibt es so viele enttäuschte und verbitterte Menschen. Es ist oft sehr schwer, ihnen beizukommen. Aber lasst uns sie voll Mitgefühl bei der Hand nehmen und unter das Kreuz von Golgatha führen. Die dort offenbarte Liebe Gottes hat schon viele Herzen überwältigt und für ewig glücklich gemacht. So kam vor einigen Jahren eine etwa sechzigjährige Frau in die Evangelisationsversammlung. Es war zum ersten Mal, dass sie einer solchen beiwohnte. Der Geist Gottes wirkte an ihrem Herzen und Gewissen, und die Liebe Gottes hat sie überwunden. Zu Hause ankommend, bat sie auf den Knien Gott um Rettung und Erbarmen und erfasste im Glauben die Liebe Gottes zu ihrem ewigen Heil. Am zweiten Tag kam sie und erzählte, dass sie schon einen Strick bereit hatte, um sich zu erhängen. So wirkt die Liebe Gottes!

Im 11. Vers ruft der Apostel den Gläubigen noch einmal zu: „Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, sind auch wir schuldig, einander zu lieben.“ Wenn im 7. und 8. Vers die Tätigkeit der Liebe hervorgehoben wird als der Beweis, dass man aus Gott geboren ist, so wird sie in Vers 11 mehr als die Frucht der erkannten und genossenen Liebe Gottes betrachtet. Im 3. Kapitel sahen wir, dass angesichts der Liebe unseres Herrn Jesus uns eine Schuld auferlegt wird, für die Brüder das Leben darzulegen. Unser Vers hebt auch die Ermahnung, einander zu lieben, als eine Schuld hervor. Es ist aber wohl zu beachten, dass hier nicht gesagt wird, dass wir von den anderen Liebe erwarten oder fordern sollen. O nein! Ein jeder von uns ist schuldig, die anderen zu lieben. Unter den gläubigen Hebräern war die Liebe tätig, sodass ihnen gesagt werden konnte: „Die Bruderliebe bleibe!“ Es hat einmal jemand geäußert, dass heutzutage gesagt werden müsste: „Die Bruderliebe komme!“ Niemand möge denken, er könne keine Liebe üben. Das wäre ein Trugschluss. In irgendeiner Weise kann ein jeder von uns Liebe üben, und wenn man sich selbst der Liebe Gottes in Christus Jesus erfreut, dann drängt es uns, Liebe zu üben.

Ein kleiner Dienst, den Brüdern hier erwiesen,
Wie lohnt ihn Gott so gern!
Drum folge treu, dass Er nur werd' gepriesen,
Den Spuren deines Herrn!
Hast deines Heilands Liebe du empfunden,
Des Glaubens Seligkeit,
So bist du an sein sanftes Joch gebunden
Nun auch für alle Zeit.
Das anvertraute Pfund darfst du behalten
Nicht nur für dich allein,
Nein, treu für andre sollst du es verwalten
Und ganz dem Herrn dich weihn.
Den Blinden führe hin zur ew'gen Helle,
Dem Schwachen reich' die Hand,
Den Dürstenden geleit' zur Lebensquelle,
Bis er Erquickung fand.
So werde liebend vielen hier zum Segen
Auf ihrer Kampfesbahn,
Beim Herrn ruhst du von mühevollen Wegen,
Wenn hier dein Werk getan.

„Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet“ (V. 12). Hier kommt nicht die Errettung in Betracht, sondern es handelt sich um die Erlösten. Im Verlauf unserer Betrachtung sahen wir, dass wir durch die Mitteilung der göttlichen Natur völlig passend gemacht worden sind für die Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Dies gesegnete Bewusstsein bewirkt „völlige Freude“. Auch wissen wir, dass wir „jetzt Kinder Gottes sind“. Aber obwohl uns solch Großes und Herrliches geschenkt ist, so kann doch niemand sagen, dass er Gott gesehen hat. Als der Herr Jesus hier war, hat Er, der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, Ihn kundgemacht (Joh 1,18). In Ihm ist Gott vollkommen offenbart worden. Weil wir aber das ewige Leben besitzen und der göttlichen Natur teilhaftig geworden sind, genießen wir Gott innerlich so, wie der Herr Ihn hier in Liebe kundgemacht hat. Wenn aber die göttliche Liebe unter uns wirksam ist, so ist dies ein Beweis, dass Gott in uns ist. Die tätige Liebe ist die Bestätigung, dass „die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist“ (Röm 5). Wie betrübend ist es doch, dass die Auswirkung dieser Liebe oft durch unseren niedrigen geistlichen Zustand gehemmt wird. Wenn sie sich aber betätigt, so wird Gott verherrlicht und wir selbst erfreuen uns umso mehr seines Wohnens in uns. Gott selbst wohnt in uns durch den Heiligen Geist, und infolge dessen ist seine Liebe in uns vollendet, denn mehr und größeres konnte uns nicht werden. Es ist hier nicht von unserer Liebe die Rede, sondern von der Liebe Gottes in uns durch die Innewohnung des Heiligen Geistes. Dies kann nicht vollkommener sein, als es tatsächlich ist, und deshalb wird hier gesagt, dass „seine Liebe in uns vollendet ist“. Dieses ist das gesegnete Teil eines jeden Kindes Gottes.

Der eigene Genuss dieser Liebe Gottes durch den Heiligen Geist ruft Liebe zu den Brüdern hervor. Uns seiner Liebe erfreuend und in ihr ruhend, erkennen wir unsere Verbindung mit Ihm und sein Bleiben in uns! Welch gesegnetes Teil! Worauf stützen wir uns aber hinsichtlich des Beweises, dass wir in Ihm bleiben und Er in uns? Es ist der Geist Gottes, der in uns wohnt, und dieser Geist, durch den wir die wunderbare Liebe Gottes genießen, zeigt uns, auf welchem Weg die Liebe Gottes sich offenbarte und entfaltete. Da ist alles klar und bestimmt.

„Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt“ (V. 14). In der Dahingabe des Sohnes zur Verherrlichung Gottes und zu unserem ewigen Heil, sehen wir die vollkommene Entfaltung dieser Liebe. Alles ist von Gott. Er sei jetzt und ewig für seine Liebe gepriesen!

„Heiland der Welt“ wurde der Herr Jesus schon von den Samaritern, die zu Ihm kamen und Ihn kennen lernten, genannt. Sie sagten zu der Frau, die ihnen zuerst über Ihn Zeugnis gab: „Wir glauben nicht mehr um deines Redens willen, denn wir selbst haben gehört und wissen, dass dieser wahrhaftig der Heiland der Welt ist“ (Joh 4,42). Das Zeugnis, „dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt“, ist seit jener Zeit nicht verstummt. Nicht allein die Knechte des Herrn, die Er in besonderer Weise mit der Aufgabe beauftragt hat, sondern auch ein jeder, der den Herrn Jesus, den Sohn Gottes, als seinen persönlichen Heiland und Erretter kennen lernte, legten weiter Zeugnis von Ihm ab. Gehörst auch du, mein geschätzter Leser, zu diesen, durch die Liebe Gottes in Christus Jesus gedrängt, kundzutun, was ihnen zuteil geworden ist? Wenn ja:

„Dann geh' und rühme selig, wie wohl dir dort geschah;
Der Weg zum Paradiese geht über Golgatha.“

Sehr bedeutungsvoll und zugleich auch äußerst lieblich ist es, wahrnehmen zu dürfen, wie der Heilige Geist bemüht ist, immer neu zu betonen, dass es sich nicht um unsere Liebe handelt, sondern immer um die Liebe Gottes. Diese Liebe zu uns offenbarte sich außer uns, da in uns keine Liebe zu Gott war. Gott selbst ist ihre Quelle, und durch seinen eingeborenen Sohn ist sie das gesegnete und ewige Teil aller Erlösten geworden. Gott hat seinen eingeborenen Sohn gesandt, um uns durch Ihn das ewige Leben schenken zu können. Der Sohn ist auch die Sühnung für unsere Sünden und der Heiland der Welt. Wahrlich, glückselig alle, die diese Liebe erkannt und geglaubt haben!

Immer neu leitet der Heilige Geist den Schreiber an, hervorzuheben: „Gott ist Liebe“. Gott verändert sich nicht, und weil Er Liebe ist, so ist auch seine Liebe unveränderlich. Diese seine Liebe und somit Gott selbst, ist der gesegnete Ruheort für seine Kinder. Sehr zu beklagen ist es, dass wir praktisch viel zu wenig in dieser Liebe ruhen. Es gilt, sich darin zu üben, und je mehr dies geschieht, umso mehr wird es zu allen Zeiten und in allen Umständen des Lebens offenbar. Das ist der Weg, der Weg in der Liebe, d.h. in Gott, zu bleiben; und die naturgemäße Folge davon ist, dass Gott in uns bleibt und wir es in unseren Herzen bewusst genießen und uns dessen erfreuen. Wir können niemals genug Gott danken für diese Liebe, die uns in solch eine vollkommene und ewig sichere Verbindung gebracht und uns, einst verlorene und hassenswürdige Sünder, zu ihrem – der Liebe – Gegenstand gemacht hat. Dies soll uns aber eben deshalb mächtig anspornen, in unserem täglichen Leben in dieser Liebe, in Gott, zu bleiben. Sehr zu bedauern ist es, dass dies so sehr bei uns mangelt, und dass eben deshalb unser tägliches Verhalten den Gott der Liebe nicht so verherrlicht, wie es eigentlich der Fall sein sollte, und wie es auch überall da ist, wo das Kind Gottes in dem Genuss der Liebe Gottes praktisch steht. Da genießt das Herz auch die Gegenwart, die Innewohnung Gottes durch den Heiligen Geist, und dies bleibt nicht ohne Einfluss auf das Verhalten des Erlösten. Möge es dem Heiligen Geist gelingen, bei uns allen, die wir dem Herrn angehören, zu bewirken, dass wir immer mehr uns mit der Liebe Gottes zu uns beschäftigen und uns ihrer erfreuen. Dann bleibt auch nichts aus, ja, es ist die natürliche Folge, dass diese Liebe in uns, in unserem Leben und Verhalten ihren Ausdruck findet. Würde dies bei uns mehr verwirklicht, dann würde unter uns nicht so mancher Neid, Zwietracht u.a.m. aufkommen. Wie wichtig ist doch das Wort: „Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott“ (V. 7).

Angesichts dessen, was wir bis jetzt sahen, könnten wir sagen: „Genug!“ Und doch würde sozusagen der Schlussstein zu dem, was die Liebe tut, fehlen. Wir sind noch nicht am Ziel,sondern in einem Leib der Schwachheit und Niedrigkeit. Auch wissen wir, dass es einen Tag des Gerichts gibt. Wie steht es nun mit den Kindern Gottes hinsichtlich des Gerichts? Hat die Liebe auch dafür Vorsorge getroffen? Gott sei dafür gepriesen, dass auch diese Frage durch seine Liebe vollkommen geordnet, und wir darüber auf das Klarste belehrt werden.

Was Er sich vorgenommen, und was Er haben will,
Das bringt Er endlich herrlich zu seinem Zweck und Ziel.

„Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tag des Gerichts, dass, wie Er ist, auch wir sind in dieser Welt“ (V. 17). Wunderbare Liebe! „Dein Tun übersteigt alles Denken und Erkennen!“ so müssen wir beim Lesen vorstehender Worte in heiliger Bewunderung ausrufen. Wir wiesen schon darauf hin, dass die Liebe an alles gedacht hat, selbst hinsichtlich des Tages des Gerichts. Die Liebe Gottes hat uns kraft des Erlösungswerkes des Herrn Jesus in eine ewig sichere und unantastbare Stellung gebracht. Der Herr selbst ist droben zur Rechten der Majestät verherrlicht. Wir sind durch den Glauben mit Ihm verbunden, und obwohl noch in einem Leib der Schwachheit und Niedrigkeit, hören wir dennoch: wie Er ist, sind auch wir in dieser Welt. Was unseren Leib betrifft, so sahen wir, dass die Stunde kommt, wo wir Ihm in der Herrlichkeit gleich sein werden. „Unser Leib der Niedrigkeit wird umgestaltet zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen“ (Phil 3,21).

Was will das aber sagen: „dass, wie er ist, auch wir sind in dieser Welt?“ (V. 17). Wovon redet das Sitzen des Herrn Jesus zur Rechten Gottes? Es bezeugt das Wohlgefallen Gottes an seinem geliebten Sohn. Wenn wir nun in dieser Welt sind „wie er ist“, dann besagt es, dass der Stellung nach ein jedes, auch das schwächste Kind Gottes, infolge der Geburt aus Gott und durch den Besitz des ewigen Lebens, jetzt schon auch der Gegenstand des Wohlgefallens Gottes ist. Freilich, wenn ich mich selbst betrachte, dann finde ich immer Ursache zur Beugung und Demütigung und es ist gut und heilsam, wenn wir uns im Selbstgericht üben, sonst wird unser Gewissen abgestumpft.

Der Ausspruch, „dass wie Er ist, auch wir sind in dieser Welt“, will aber noch mehr sagen: Er bezeugt die Gerechtigkeit Gottes. Er, der für uns auf dem Kreuz im Gericht war, hat durch seinen Opfertod alle Forderungen Gottes vollkommen befriedigt. Zugleich entspricht seine Dahingabe allen Bedürfnissen des Sünders. Die Sündenschuld ist gesühnt, die Sünde gerichtet und hinweggetan. Zum Beweis dieser Tatsachen hat Gott seinen Sohn auferweckt und Ihn zu seiner Rechten gesetzt. Sein Opfer ist angenommen, und so wie Er von Gott angenommen, ist in Ihm auch jeder, der an Ihn glaubt, angenommen. Christus zur Rechten Gottes ist unsere Gerechtigkeit (Siehe 2. Kor 5,21). Dieses Bewusstsein erfüllt das Herz mit tiefem Frieden und seliger Freude.

Es kann sein, dass sich aber in deinem Herzen die Frage erhebt: „Unser Wort redet von dem Tag des Gerichts, und das beunruhigt mich.“ Nun, mein lieber Mitpilger, lass uns hier ein Bild nehmen. Du schuldest irgendwo eine große Summe, die du nie tilgen kannst. Ein reicher Herr aus der Stadt, der dort auch Richter ist, dem du lieber deshalb aus dem Weg gingest, bekommt Kenntnis von deiner Not und ohne dass du ihn darum bittest, bezahlt er deine Schuld und sendet dir die Quittung darüber zu. Es sind in der Stadt noch manche Schuldner, die ihren Verpflichtungen nicht nachkamen. Sie sind deshalb verklagt worden und müssen vor dem Richter erscheinen. Du bist auch vorgeladen worden. Sage nun, gibt es für dich irgendeinen Grund zur Furcht hinsichtlich des Erscheinens dort? Du sagst: „O nein! Der Richter hat sich als mein bester Freund erwiesen, indem er meine große Schuld bezahlte, und mir auch die Bestätigung darüber ausstellte. Mögen die anderen alle wegen ihrer Schuld voll Furcht sein; ich habe keinen Grund mich zu fürchten, ja, ich freue mich darauf, vor ihm zu erscheinen und meinem Wohltäter den tief empfundenen Dank zum Ausdruck zu bringen.“

Wir wissen, dass alle Bilder und Beispiele mangelhaft sind, aber immerhin können sie uns helfen, dieses oder jenes leichter zu erfassen. Wende nun unser Beispiel auf dich an! Obwohl noch im Leib der Niedrigkeit, sind wir dennoch schon in dieser Welt, wie Er ist. Bei der Entrückung wird auch unser Leib verwandelt zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, und erst dann kommen wir vor den Richterstuhl. Warum denn? Um gerichtet zu werden? O nein! Der Herr selbst sagte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen“ (Joh 5,24). Noch mehr. Wer sitzt auf dem Richterstuhl? – Es ist doch der Herr, der einst hier für uns das Gericht erduldet hat. Kann Er diejenigen richten, für die Er gelitten hat? Unmöglich! Auch erscheinen wir dort nicht mit unserer Sündenschuld, die ist ja durch den Herrn auf dem Kreuz getilgt. Und wenn wir schon hier in der Welt sind, wie Er ist, so werden wir es vollkommen und in jeder Hinsicht dann sein, wenn wir droben sind. Wir sind, dem Richter völlig gleich und sind sowohl die Gegenstände der Liebe Gottes, wie auch der Liebe des Christus, der uns für Gott erwarb und dessen Liebe nicht ruhen wird, bis wir dort an seiner Seite verherrlicht stehen!

Es ist wohl auch die Genauigkeit des Wortes Gottes zu beachten. Weil es im 5. Kapitel des 2. Korintherbriefes allgemein gesagt wird, so heißt es dort nicht: „Dass jeder gerichtet wird“, sondern „Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbart werden, damit ein jeder empfange, was er in dem Leib getan, nachdem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses“ (V. 10). Dort werden wir völlig die Liebe erkennen, die uns dem ewigen Verderben entrissen und kraft des Werkes des Herrn Jesus für jenen Tag völlig passend gemacht hat, so dass wir schon jetzt mit Freimütigkeit an jenen Tag denken dürfen. Diese Liebe, die Liebe Gottes in Christus, ist vollkommen und sie treibt die Furcht aus.

Es gibt so manche Kinder Gottes, die, anstatt mit der Liebe Gottes, sich mit ihrer eigenen Liebe beschäftigen. Dass sie dabei nicht ruhig und glücklich sein können, ist ja gut zu verstehen. Vor einigen Jahren besuchte ich mit noch einem Bruder ein liebes, gläubiges Ehepaar. Bei der Unterhaltung fragte ich die Schwester, ob sie die vollkommene Liebe habe. Sie wurde sehr verlegen und bekannte dann: „O nein, die vollkommene Liebe habe ich noch nicht.“ Ähnlich erging es auch ihrem Mann. Dann fragte ich meinen Begleiter: „Nun, Bruder J., wie ist es mit dir, hast du die vollkommene Liebe?“ Seine Antwort lautete: „Ja, dem Herrn sei Lob und Dank! Ich habe die vollkommene Liebe!“ Diese Antwort überraschte unsere Freunde, und ich sagte dem Bruder J.: „Wie wagst du zu sagen, dass du die vollkommene Liebe hast?“ Er antwortete: „Das ist nicht meine, sondern die Liebe Gottes in Christus Jesus, das ist die vollkommene Liebe und diese ist mein.“

Ja, Gott sei jetzt und ewig dafür gepriesen, dass Er uns solche Liebe gegeben, die für alles vollkommen gesorgt hat. Hinsichtlich des geistlichen Todes brachte uns der Sohn Gottes das ewige Leben. Handelt es sich um unsere Sünden und Übertretungen, der Sohn Gottes ist die Sühnung dafür. Und in Bezug auf den Tag des Gerichts werden wir hier unterwiesen, „dass wie Er ist, auch wir sind in dieser Welt.“ Anbetungswürdige Liebe! Möge sie von uns mehr genossen und noch mehr durch einen dieser Liebe würdigen Wandel geehrt werden!

O Liebe, goldner Sonnenschein / Fürs arme Menschenherz,
Strahlst du nur hell in mich hinein, / Versüßt ist jeder Schmerz.

Das Dunkel weicht, die Nacht entflieht, / Wenn warm die Sonne scheint,
Und Freud und Lebenswonne zieht / Hinein ins Herz, das weint.

Als von der Lieb' am Kreuzespfahl / In meine Sündennacht
Eindrang der helle Sonnenstrahl, / Bin ich für Gott erwacht.

Seitdem ich weiß, wer mich geliebt / Bis in den Tod so heiß,
Mein Herz sich Ihm zu eigen gibt, / Zu seines Namens Preis.

Die Sonne, die mir scheinet hell, / Mir Lebenswonne heut,
Ist Jesus, mein Immanuel, / Nur Er in Ewigkeit!

Ihm singe ich mein Jubellied / Schon hier im Tränental
Und ewig, wenn mein Aug Ihn sieht, / In seinem Himmelssaal.

O Gottes Lieb' so voll und frei / Von alters her und immer neu,
Sie quillt für mich, sie quillt für dich / Und zieht uns alle hin zu sich!

„Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (V. 19). Allenthalben, wo diese Liebe Gottes Einzug gehalten und nun genossen wird, ruft sie ein Echo, einen Widerhall hervor. Die in unsere Herzen ausgegossene Liebe Gottes offenbart ihre Tätigkeit, und zwar zunächst Gott und seinem Christus gegenüber in tiefer Dankbarkeit und in williger Hingabe. Wie wohlgefällig dies für unseren Gott und Vater ist, haben wir schon früher erwähnt. Es erfreut sein Herz, wenn er inmitten der Vielen, die nicht nach Ihm fragen, einige wahrnimmt, die in liebender Dankbarkeit danach trachten, seinen Willen zu tun und seinen Christus zu ehren.

Diese Liebe Gottes in unseren Herzen umschließt aber auch alle Heiligen, alle Kinder Gottes, die jetzt die Gegenstände derselben Liebe sind. Und selbst, wenn es nicht möglich ist, mit manchen praktische Gemeinschaft zu pflegen, so trauert die Liebe darüber; denn dies bedeutet großen Verlust, und man schließt sie wenigstens in seine Fürbitte ein. Aber auch dabei bleibt die Liebe nicht stehen. O nein! Sie sieht die armen Menschenkinder dem ewigen Verderben zueilen, und sucht sie in herzlichem Erbarmen auf die Liebe Gottes hinzuweisen und dem Heiland der Welt zuzuführen.

Eine Witwe schrieb an den Mörder ihres Mannes u.a. folgendes: „Gott hat mir durch Ihre Hand meinen Mann genommen, hat mich aber dadurch zu dem rechten Mann, dem Herrn und Heiland Jesus Christus geführt, der am Kreuz für uns gestorben ist und sein unschuldiges, heiliges, teures Blut für uns arme sündhafte Menschen vergossen hat, auch für meine und Ihre Sünden. Gott hat mir jetzt die Kraft geschenkt, nachdem ich meinen Heiland im Glauben gefunden habe, Ihnen gänzlich zu verzeihen, Sie auch wissen zu lassen, dass ich Ihnen jetzt in der Kraft Jesu alles verziehen habe. Aber mit der herzlichsten Bitte ermahne ich Sie nun mit allen Ihren Sünden und ihrer großen Schuld zum Herrn Jesus zu kommen und dort mit aufrichtigem Herzen, wahrer Reue und Buße unter dem Kreuz Christi, bei Ihm, dem Sünderheiland Vergebung zu erflehen...“ Die Liebe Gottes im Herzen wandte sich an den Mann, der Ihr solch Schweres zugefügt hat. Wie ergreifend ist das!

Der Herr wolle gnädig wirken, damit die Antwort auf die Liebe Gottes: „Wir lieben, weil Er uns zuerst geliebt hat“, nicht in Worten allein, sondern in Tat und Wahrheit bei uns sich offenbare und wahrgenommen werde. Dadurch wird unser Gott und Vater und der Herr Jesus geehrt und verherrlicht und andere empfangen Segen. Dann werden wir nicht beschämt werden bei der Ankunft des Herrn und stehen auch nicht fruchtleer da. Vor dem Richterstuhl des Christus wird dem Treuen, neben der Glückseligkeit in der Herrlichkeit, was das Teil eines jeden Erlösten sein wird, außerdem noch eine besondere Belohnung werden für die Treue und Hingabe, die man hier für den Herrn an den Tag gelegt. Möge dort niemand mit leeren Händen erscheinen.

„Wir lieben!“ Welch herrliches Bekenntnis! Aber wie leichtfertig wird solch ein Bekenntnis abgelegt! Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass der Herr oft sehr große Mühe hatte, bis wir endlich die Liebe in dieser oder jener Hinsicht betätigten. Nehmen wir z.B. das Wort: „Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu“ (1. Kor 13,5). Hand aufs Herz lieber Bruder und teure Schwester, wie steht es damit uns? Lasst uns unser Leben prüfend unter dieses Wort stellen, muss dann nicht unser Bekenntnis vor dem Herrn lauten: „Schuldig!“ Wieviel Selbstsucht, Bitterkeit und Unversöhnlichkeit gibt es doch unter uns!

Gott kennt uns durch und durch. Er weiß auch, wie viel Heuchelei oft vorhanden ist, und deshalb wird hier eine ernste Prüfung vorgenommen. Das Bekenntnis: „Ich liebe Gott“ kostet nicht viel; ob es aber echt ist, wird an dem Verhalten dem Bruder gegenüber erkannt. Wenn Hass gegen den Bruder vorhanden ist, dann straft uns dies! Der Bruder ist doch ein Gegenstand derselben Liebe wie auch ich. Für ihn ist derselbe Kaufpreis dargebracht worden wie für mich. Er ist durch dasselbe kostbare Blut erlöst wie auch ich; und er ist teilhaftig geworden derselben göttlichen Natur. Der Heilige Geist, der in uns wohnt, wohnt auch in Ihm, und wir sind auch als Kinder Gottes in ein und demselben Verhältnis zu Gott, dem Vater gebracht und auch derselben Hoffnung teilhaftig geworden. Gott ist mir unsichtbar, der Bruder hingegen sichtbar und nahe. Je mehr ich seinen Wert für Gott, den Vater, erkenne, umso mehr wird sich dies in einer aufrichtigen und ungeheuchelten Liebe ihm gegenüber offenbaren und das ist der Beweis der Liebe zu Gott.

Außerdem hat der Herr die Liebe zu den Brüdern geboten; und wie sein Leben des Gehorsams der Beweis seiner Liebe zum Vater war, so ist jetzt die Liebe zu den Brüdern der Beweis des Gehorsams und der Liebe gegen Gott. Möge auch von uns allen gesagt werden: „Denn das tut ihr auch gegen alle Brüder“ (1. Thes 4,9).

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