Bemerkungen über die Johannesbriefe

1. Johannes 3

„Sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, daß wir Kinder Gottes heißen sollen!“ (V. 1). Wenn wir uns der Gnade zuwenden, wird wieder vom Vater gesprochen. Wir werden „Kinder Gottes“ genannt, weil wir wirklich solche sind. „Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie  ihn nicht erkannt hat.“  Wen? Jetzt meint das „ihn“ Christus. Die Welt kannte Ihn nicht. Aus demselben Grund kennt sie auch uns nicht. Wir besitzen dasselbe Leben und denselben Charakter wie Er. Die Welt kann das, was von Christus in uns ist, weder wahrnehmen noch anerkennen, weil sie es auch in Christus nicht wahrnahm. Es ist für uns außerordentlich bemerkenswert und gesegnet, jenen Menschen, den demütigsten Menschen, den es jemals gab, anzuschauen und dabei herauszufinden, wer Er wirklich war und daß Gott wirklich Mensch geworden ist. Das Wort war Gott und wurde Fleisch. (Joh 1, 1–14).

Wir haben dasselbe Leben empfangen; und wenn wir Christus gefunden haben, wissen wir, daß Gott in all Seiner Gesegnetheit uns nahe ist. Allerdings kann die Welt uns nicht kennen. Sie kennt Gott nicht und kann uns nicht kennen. Manche finden eine Schwierigkeit darin herauszufinden, ob hier von Gott oder von Christus gesprochen wird, weil der Apostel sie bedachtsam zusammenstellt.

„Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.“ (V. 2). Es kann noch nicht gesehen werden, was wir sein sollen. Der Apostel erblickte es einen kurzen Augenblick bei der Verklärung. Die eigentliche Zeit dieser Offenbarung ist noch nicht gekommen. Da wir jedoch Heilige Gottes sind und dasselbe Leben besitzen, wissen wir, daß wir Ihm gleich sein werden. Johannes setzt Gott Christus gleich und in einem gewissen Sinn auch uns. Seine Herrlichkeit ist noch nicht offenbar geworden; aber wir werden Ihm gleich sein, „denn wir werden ihn sehen, wie er ist“  - nicht, wie Er sein wird, sondern wie Er jetzt ist in himmlischer Herrlichkeit zur Rechten Gottes. Das Fleisch kann dieses nicht sehen und danach weiter bestehen bleiben. Daniel fiel wie tot zu Boden – und auch Johannes –, als diese Herrlichkeit vor ihnen erschien. Doch wir werden Ihm gleich sein und darum fähig, Ihn zu sehen, wie Er ist. Das ist von unendlicher Segnung. Wir sollen in das Bild des Sohnes Gottes verwandelt werden, damit Er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Wenn wir ausschließlich  wissen würden, daß es diese Segnungen gibt, und dabei denken müßten, daß wir ihnen nicht entsprechen, gäbe es keine Freude. Aber wir besitzen sie in der Überzeugung,  daß wir ihnen entsprechen. „Wir (werden) ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“  Das ist Christus in der Herrlichkeit, wie Er zur Rechten des Vaters sitzt. In dieser Weise werden wir Ihn sehen.

„Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist.“ Das ist die Hoffnung: Ihm gleich zu sein – „der diese Hoffnung zu ihm hat“, d.h. zu Christus – die Hoffnung, Ihm gleich zu sein. Es wird nicht gesagt, daß er rein ist, wie Christus rein ist. Ich habe jedoch die Herrlichkeit empfangen; und da sie mir gehört und ich auf dem Weg bin, Ihm gleich zu werden, soll ich schon jetzt, soweit ich kann, Ihm gleich sein. Ich muß mich reinigen; und der Maßstab dafür ist Er. Wir sind durch die Herrlichkeit berufen, um ihr auch praktisch zu entsprechen. Der Apostel sagt: „Mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christo Jesu.“ (Phil 3, 14). Die Auferstehung aus den Toten habe ich noch nicht erreicht; ich jage ihr nach. Wenn Christus kommt, wird Er unsere vergänglichen Leiber verwandeln.  Dann werden wir sie empfangen. Die Verbindung zwischen Herrlichkeit und dem gegenwärtigen Wandel ist auffallend. So lange wir hienieden in diesen vergänglichen Leibern leben, gibt es nicht eine Spur von Herrlichkeit. Der Geist Gottes indessen bringt diese ganze Herrlichkeit mit unseren Zuneigungen in Verbindung. Ich sehne mich danach, Christus gleich zu sein; und darum werde ich es jetzt schon im Geist. Das entspricht einem Menschen, der eine strahlend helle Lampe am Ende einer langen Passage vor sich sieht. Er besitzt die Lampe nicht, solange er ihr entgegengeht; er empfängt aber nach jedem Schritt mehr Licht von ihr. So ist es auch mit der Herrlichkeit. Ich besitze sie nicht, bis ich in sie eintrete; aber ich empfange mehr von ihr, je näher ich Christus komme.

Das finden wir auch im Epheserbrief. Christus liebte die Kirche (Versammlung) und gab Sich selbst für sie. Er wäscht und reinigt sie und will jeden Flecken wegnehmen. Das geschieht jedoch, damit Er sie Sich selbst ohne Flecken darstellen kann. Der Geist Gottes nimmt die Dinge Christi und legt sie uns vor; dabei verwandelt Er uns in das Bild Christi. Im Philipperbrief spricht Paulus von der geistlichen Wirkung auf das Herz, wenn die Auferstehung wirklich geschieht: „Um ihn zu erkennen und die Kraft seiner Auferstehung ..., ob ich auf irgend eine Weise hingelangen möge zur Auferstehung aus den Toten.“ (Phil 3, 10–11). Dort geht es um das wirkliche Ereignis; und er wendet es auf sein Herz an. „Nicht daß ich es schon ergriffen habe ...; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, indem ich auch von Christo Jesu ergriffen bin.“ (Phil 3, 12). Christus hatte ihn in Gnade für die Herrlichkeit bestimmt. Jetzt sieht er die Herrlichkeit und jagt ihr nach. Es handelt sich um die Herrlichkeit in der Auferstehung, die ein Mensch während seines Weges auf sein Herz einwirken läßt. So auch hier im Johannesbrief. „Jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist.“ Diese strahlende und gesegnete Herrlichkeit zieht die Zuneigungen auf sich, reinigt das Herz und gestaltet den rechtmäßigen christlichen Pfad. Es ist eine heiligende Hoffnung: Die Seele ist mit Christus beschäftigt, sodaß sie vor dem Bösen bewahrt wird.

Danach beschäftigt Johannes sich mit einem anderen Gegenstand. Falls ich hingehe und eine Sünde begehe, so ist das die Gesetzlosigkeit des Fleisches, die mit Christus nichts zu tun hat. „Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit.“ (V. 4). Sobald er kann, tut er seinen eigenen Willen im Gegensatz zu Gott. Auch ohne das Gesetz gab es Sünde in der Welt. Johannes betrachtet sozusagen den Hintergrund. Falls du dich nicht selbst reinigst, wie Christus rein ist, zeigst du die Gesetzlosigkeit des Fleisches. Es widerspricht ganz und gar Christus. Es gibt keinen Mittelweg. In der Welt gibt es nichts Gutes. Es handelt sich entweder um Christus oder um das Fleisch. Der Mensch ist gefallen und nicht mehr im Paradies. Nichts, das vom Menschen ist, wird mehr anerkannt. Gott hatte das Paradies gemacht; und der Mensch befindet sich nicht mehr darin. Er hatte den Himmel gemacht. Auch darin befindet sich der Mensch nicht. Dennoch gibt es zwischen diesen beiden nichts, das Gott anerkennt. Gott hat die Welt niemals so erschaffen, wie sie ist, noch den Menschen, so wie er ist. Dabei handelt es sich selbstverständlich um den sittlichen Zustand, in dem sich Welt und Menschen befinden. Dieser Zustand wuchs heran, nachdem Gott den Menschen aus Seiner Gegenwart vertrieben hatte. Damals ging Kain weg und baute eine Stadt. Er gründete für sich und seine Nachkommen eine Existenz fern von Gott. Es geht um die beiden Grundsätze: „Ihr seid von dem, was unten ist“ und: „Ich bin von dem, was oben ist.“ (Joh 8, 23). „Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt.“ (Röm 7, 18). Wenn also das Gesetz auf das Fleisch angewandt wird, übertritt letzteres natürlich das Gesetz. „Und ihr wisset, daß er geoffenbart worden ist, auf daß er unsere Sünden wegnehme; und Sünde ist nicht in ihm.“ (V. 5). In Ihm war keine Sünde; und Er kam, um sie wegzunehmen.

Danach zeigt Johannes in nachdrücklichster Weise den Gegensatz zwischen beiden. „Sünde ist nicht in ihm. Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen noch ihn erkannt.“  Er zeigt, daß Christus und die Sünde im strengsten Gegensatz zueinander stehen. Er hatte vorher zu denselben Personen gesagt: „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst.“ (1. Joh 1, 8). Hier schreibt er jedoch: „Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht ...“  Die göttliche Natur kann nicht sündigen. Das, was aus Gott geboren ist, kann nicht sündigen; und das sind wir selbst, soweit wir in Christus sind. Genauso hatte der Apostel Paulus geschrieben: „Ich bin mit Christo gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2, 20). Das ist natürlich keine Sünde. Der Gläubige wird niemals als im Fleisch betrachtet, sondern: „Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, gleichwie er gerecht ist.“ (V. 7). Wir sind nicht nur verwandelt, sondern wir sind auch Teilhaber der göttlichen Natur geworden. „Kinder, daß niemand euch verführe! Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, gleichwie er gerecht ist.“  Er hat dieselbe Natur wie Christus empfangen und wandelt auf demselben Weg.

Christus ist in Hinsicht auf unsere Schuld gestorben. Jetzt wird von der Mitteilung Seiner Natur gesprochen. Jemand mag kommen und sich sehr seiner Erkenntnis hoher Lehren rühmen und trotzdem nicht die Gerechtigkeit tun. Dann sage ich: „Das ist nicht die göttliche Natur.“ Diese finden wir in Römer 6 (V. 2): „Wir, die wir der Sünde gestorben sind, wie sollen wir noch in derselben leben?“  Du bist tot. Wie kannst du in der Sünde leben? Du magst durch Unachtsamkeit in dieselbe fallen; das bedeutet aber nicht, in Sünde zu leben. Johannes nimmt im allgemeinen das auf, was die Wahrheit in sich selbst bedeutet, damit wir sie in all ihrer Kraft erkennen. „Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel.“  Er spricht jetzt vom größten Gegensatz. „Denn der Teufel sündigt von Anfang. Hierzu ist der Sohn Gottes geoffenbart worden, auf daß er die Werke des Teufels vernichte. Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde.“ (V. 8–9). Wie könnte er? „Denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“  Es wird nicht gesagt: „Er sollte nicht sündigen“, sondern: „Er kann nicht sündigen.“  Das redet nicht von einer Entwicklung, sondern von der Natur. Der Mensch besitzt die Natur, in welcher er geboren ist. Betrachte jedes beliebige Tier, und du erkennst, wie wahr dieses ist!  Wir sind aus Gott geboren; und wir haben jene Natur empfangen; und ich sage, daß  letztere nicht sündigen kann. Es ist wahr: Ich besitze diesen Schatz in einem irdenen Gefäß. Das Fleisch ist noch da; aber die neue Natur ist sündlos. Daher gilt: „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde ...“

„Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt.“ Das sind die beiden Kennzeichen, die sich in tausend Einzelheiten des Lebens offenbaren, nämlich Gerechtigkeit, praktische Gerechtigkeit, und Liebe zu den Geschwistern. Eine freundliche Natur findest du auch in Hunden oder anderen Tieren. Es ist eine tierische Natur. Die Liebe zu den Geschwistern hingegen beruht auf einem göttlichen Beweggrund. Ich liebe sie, weil sie aus Gott sind. Ich habe in göttlichen Dingen Gemeinschaft mit ihnen. Ein Mensch mag von Natur wenig liebesfähig sein und doch die Geschwister mit seinem ganzen Herzen lieben. Ein anderer mag sehr herzlich sein und dennoch für die Geschwister überhaupt keine Liebe empfinden. Weiter unten schreibt Johannes: „Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder lieben.“ (V. 14). Diese Liebe ist der große Test für die göttliche Natur. Es ist das Leben Christi in uns, welches sich in unserem Handeln und Wandeln entfaltet. Das bedeutet nicht nur, daß wir die Sünde meiden, denn in Christus ist viel mehr als nur die Abwesenheit von Sünde. In Ihm gab es die Enthüllung dieser göttlichen Liebe. Er war die göttliche Natur in Person, als Er durch die Welt wandelte; und Er hatte eine besondere Liebe zu den Jüngern, so wie wir jetzt eine besondere Liebe zu den Geschwistern haben sollen. Christus war etwas Neues, welches in diese Welt eingeführt wurde, um Gott zu offenbaren; und das sollen wir allezeit: Gott in dieser Welt repräsentieren. „Ihr (seid) ein Brief Christi.“ (2. Kor 3, 3). Die Menschen sollen in dir Christus „lesen“, so wie sie die Zehn Gebote auf Tafeln von Stein lasen. Wenn sie das lesen, lesen sie nichts Falsches. Gegen das Fleisch sollen wir ankämpfen, aber nicht danach wandeln. Dabei geht es nicht um den Versuch, wie Christus zu sein, sondern darum, daß wir, von Ihm erfüllt, Sein volles Wesen herausstellen. Daher spricht Er von dem Bleiben in Ihm. „Wer mein Fleisch ißt ..., bleibt in mir.“ (Joh 6, 56). Er wurde unser Leben; doch Er ist auch unser Leben in den täglichen Übungen. Wir sind ausgesandt, um in der Welt Gott zu offenbaren. Dann treten Schwierigkeiten und Hindernisse auf; und wenn wir nicht von Christus erfüllt sind, geben wir ihnen nach. Wenn hingegen Christus uns erfüllt, offenbaren wir Ihn in den Übungen. Anderenfalls zeigen wir Hitzigkeit, Leidenschaft oder sonstiges Böses. Wir müssen indessen nicht unbedingt in der alten Natur leben. Wir können uns auch niemals für ein Leben darin rechtfertigen; denn Christus ist unser.

In Vers 11 erkennen wir erneut, was hier der Ausdruck „von Anfang“  bedeutet. Das große Ziel, das wir anschauen sollen in Hinsicht auf Leben und was jenes Leben darstellt, ist Christus, geoffenbart in der Welt. „Dies ist die Botschaft, die ihr von Anfang gehört habt, daß wir einander lieben sollen.“  Christus wird uns ausdrücklich als Derjenige gezeigt, der uns von allem das wahre Maß und Wesen vorstellen kann. Er ist die Wahrheit. Bevor Christus kam, gab es kein solches göttliches Licht. Er war der treue Zeuge. Danach finden wir noch einen anderen Punkt: Es gibt das schlechte Leben, bzw. den alten Adam, und das gute Leben, nämlich Christus. Beide Grundsätze sind wirksam. In dem einen finden wir Haß und Adams böse Werke, in dem anderen Liebe und Gerechtigkeit. Beide wirken nebeneinander. Es begann mit Kain und Abel und ist immer so geblieben. Jene, die wirklich Gottes Volk sind, werden gehaßt. Darum wird gesagt, daß „Kain aus dem Bösen war und seinen Bruder ermordete.“ „Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt.“ Kain handelte entsprechend dem Geist und der Natur, die nach seinem Abweichen von Gott in ihm waren und deren Quelle und Kraft vom Teufel stammten. „Denn dies ist die Botschaft, die ihr von Anfang gehört habt, daß wir einander lieben sollen; nicht wie Kain aus dem Bösen war und seinen Bruder ermordete; und weshalb ermordete er ihn? weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht.“

Du darfst daher nicht überrascht sein, wenn die Welt dich haßt. Das gehört zur menschlichen Natur. An erster Stelle gilt, daß Satan der Fürst dieser Welt ist, und an zweiter, daß die Natur des Menschen so ist, wie sie ist. Geistlich gesehen befanden wir uns im Tod; und wo immer dieses der Fall ist, beherrscht und leitet der Geist Satans alles; darum der Haß gegen Gottes Kinder. Aber es gibt auch das neue Leben und den Grundsatz: „Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder lieben.“  (V. 14). Wenn ein Mensch die Brüder nicht liebt, bleibt er im Tod. Dort befinden wir uns alle von unserer Natur her gesehen. Johannes blickt auf das  Prinzip des Lebens. Falls ich ausschließlich Kennzeichen eines wilden Apfelbaums finde, weiß ich, um welchen Baum es sich handelt. Auf der anderen Seite: Empfange das Leben Christi, und die Frucht wird entsprechend sein! Das spricht nicht von einer Verwandlung der menschlichen Natur, so wie sie ist; denn diese bleibt im Tod. Das neue Leben hingegen, welches gekommen ist, trägt seine eigenen Früchte so wie ein Trieb, der in einen Baum gepfropft wird. Was aus dem alten Stamm hervorsprießt, entspringt jener Natur, welche der Baum vorher besaß. „Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschenmörder, und ihr wisset, daß kein Menschenmörder ewiges Leben in sich bleibend hat.“ Er besitzt nicht dieses gute Pfropfreis. Der Fall ist eindeutig.

Dann beschäftigt Johannes sich mit der Quelle. „Hieran haben wir die Liebe erkannt.“ (V. 16). Um welche Liebe handelt es sich? Wie kann ich sie erklären? Damit, „daß er für uns sein Leben dargelegt hat.“ Wenn Christus wirklich mein Leben ist, wird Er im Geist in mir dasselbe Wesen zeigen, das in Ihm war. Christus hielt das Gesetz, weil Er unter demselben geboren wurde. Das Gesetz forderte von dem Menschen, Gott und seinen Nächsten zu lieben; und so handelte Christus auch. Außerdem war Er die Offenbarung der Liebe Gottes zu den Menschen, insbesondere zu Seinen Jüngern, und zwar als sie Gott nicht liebten. So sollen auch wir sein. Christus, die personifizierte Liebe Gottes in Tätigkeit, gab Sein Leben hin. Daran erkennen wir, was die Liebe Gottes ist. Aber du sollst dasselbe zeigen. Das ist ein sehr großes Vorrecht. Von mir wird nicht einfach gefordert, gewisse Dinge zu tun, sondern ich bin auch berufen, ein Zeuge Gottes in einer Welt zu sein, die fern von Ihm ist. Dafür gibt es keine Beschränkung. Ich soll dabei so weit gehen, wie auch Christus ging; und so manche haben das bis zum Tod getan. Viele Märtyrer haben ihr Leben für Christus hingegeben. „Wir sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen.“  Neben diesem großen Vorrecht erfahren wir hier auch noch von einer grundlegenden Wahrheit. Wir haben Gott in dieser Welt zu offenbaren, weil Christus in uns ist. Das heißt: Wenn wir Kinder Gottes sind, stehen wir in Gemeinschaft mit der Quelle, und dann sollte es sich auch in unserem Wandel zeigen. Wir sollen ein Brief Christi sein, gekannt und gelesen von allen Menschen. (2. Kor 3, 2–3).

„Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?“ (V. 17). Wir besitzen noch ein anderes Kennzeichen in der Tatsache, daß die Liebe Gottes in uns wohnt. Es geht nicht nur um die Liebe zu Gott, sondern auch um den Geist, in der jemand in Hinsicht auf seine Brüder wandelt. Die Kraft jener göttlichen Natur, die in uns wohnt, wird sich unbedingt in Liebe zu Gott und den Menschen zeigen. Die in uns wohnende Liebe Gottes entspricht den Wegen Gottes, der durch den Heiligen Geist Seine Liebe in uns hineingelegt hat. Das ist nicht einfach Gottes Liebe zu uns, sondern auch die Kraft jener Liebe, welche in uns wirkt. Darum wird sie sich bald anderen gegenüber entfalten. „Kinder, laßt uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. Und hieran werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind, und werden vor ihm unsere Herzen überzeugen.“ Johannes betrachtet jetzt die Wirkung eines Wandels mit Gott. Dieser Wandel gibt uns nicht so sehr das Bewußtsein der Vergebung, sondern vielmehr Vertrauen. Er schrieb ihnen, weil ihnen vergeben war. Doch wenn ich mein Herz vor Gott „überzeugt“ haben möchte, muß ich entsprechend wandeln. Wenn mein Umgang mit Gott mich ständig verurteilt, kann ich das keineswegs als „Freimütigkeit“ (V. 21) bezeichnen. Falls ich nicht in Übereinstimmung mit Gott meinen Weg gehe, muß ich mich entweder von Ihm entfernen oder ich werde in Seiner Gegenwart von Seinem Geist unablässig getadelt. Letzteres ist keine Zuversicht.

„Wenn unser Herz uns verurteilt, (ist) Gott größer als unser Herz“,  und Er kennt alles. (V. 20). Er weiß sehr viel über mich, das ich selbst nicht weiß. Wenn ein Kind ein schlechtes Gewissen hat, drückt es sich herum, sobald sein Vater kommt – wenn nicht, rennt es ihm entgegen, um ihn zu begrüßen, und wirft sich in seine Arme. Diese Art Vertrauen kann es nicht besitzen, wenn sein Herz es tadelt. Darauf sollten wir immer achten: Bei Gott zu sein im vollen Vertrauen zu Ihm. Kein Gedanke sollte bestehen, daß Er vielleicht etwas gegen uns haben könnte. Das bezieht sich natürlich nicht auf unsere Verdammung, sondern auf unser gegenwärtiges Vertrauen. Wie weit reicht dieses – jenes rückhaltlose, volle Rechnen auf Gott, das Rechnen mit Seiner gegenwärtigen Tätigkeit für uns! Hier geht es nicht ausschließlich um den Tag des Gerichts. Wir sehen vielmehr den heutigen Umgang einer Seele mit Gott und Gottes Wirksamkeit für eine Seele. „Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott.“ (V. 21). In Kapitel 5 (V. 14) wird gesagt: „Dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, daß, wenn wir etwas nach seinem Willen bitten, er uns hört.“  Wir sind in eine schon heute vorhandene, vertrauensvolle Gemeinschaft mit Gott geführt worden, sodaß wir alles Gute von Ihm erwarten. Falls ein Kind nichtsnutzig handelt, kann es nicht vertrauensvoll seinen Weg gehen. Es mag sagen: „Mein Vater liebt mich zwar; aber er steht im Begriff, mich zu züchtigen.“ Wenn indessen sein Herz richtig steht, erwartet es nur Dinge, die aus der Vaterliebe hervor strömen. So ist es hier. „Was irgend wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun.“ (V. 22). Das hat nichts mit unserer Annahme zu tun, sondern mit dem tagtäglichen Überfließen der Güte des Vaters, sodaß das Kind darauf zählt. Als schreckliche Wirkung dessen, daß viele Gläubige ihre Annahme bei Gott und die Vergebung erst am Ende ihres christlichen Weges erwarten, ist diese Zuversicht fast völlig unbekannt. Der Apostel   begann mit der Vergebung. „Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.“  (Kap. 2, 12). Nun spricht er von der Freimütigkeit des Herzens Gott gegenüber. Davon lesen wir auch in Johannes 14. „Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben ...“ (V. 23). Das ist nicht die errettende Gnade. Die finden wir in den Worten: „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1. Joh 4, 19). In Johannes 14 (V. 21) steht: „Wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbar machen.“  Johannes spricht hier von unserer gegenwärtigen Entfaltung dieser Liebe zu Christus.

Es ist etwas Großes, daß wir sagen dürfen: Ich muß nur nach dem Willen Gottes bitten und bin sicher, daß ich es bekomme. Er liebt uns so, daß ich um nichts bitten kann, ohne eine Antwort zu empfangen. Ich benötige Kraft und erhalte sie unmittelbar. Ein Hindernis muß mir aus dem Weg geräumt werden; und es wird sofort weggenommen. Meinen irdischen Vater mag ich um so manches bitten; und er mag sagen: „Ich kann es nicht“ oder: „Ich kann mich jetzt nicht um dich kümmern.“ Das gilt aber nie für Gott. Du kannst nichts nach Seinem Willen bitten, ohne es zu erhalten. Auf dem richtigen Weg steht mir die ganze Kraft Gottes zur Verfügung. Berge mögen sich vor mir erheben – alle Macht Satans. Aber das macht nichts. Falls du richtig wandelst – bitte, was du willst, und es wird dir geschehen! Du darfst schon heute völliges Vertrauen auf Gott haben. Er ist niemals zu beschäftigt, um auf uns zu hören. Womit wir auch kommen mögen – es ist unser. „Was irgend wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten ...“  Das ist die unmittelbare Leitung Gottes mit unseren Seelen. Hier geht es um die Frage, ob zwischen Gott und uns alles richtig steht. Hinsichtlich unserer Verantwortlichkeit als Menschen sind wir hoffnungslos verdorben. Wir sind indessen auch errettet. Gott begegnet uns auf dieser Grundlage; und es gefällt Ihm, alles für uns zu tun. Es handelt sich nicht um das, was wir wollen, sondern um „was irgend wir bitten.“  Das ist der Wille der neuen Natur, d.h. echter Gehorsam. Auf diesem Weg des Gehorsams hörte Gott stets auf Christus, denn Er war gehorsam. So hört Gott auch auf uns. Er versetzt uns in dieses Leben Christi, auf denselben Platz wie Er.

„Und dies ist sein Gebot, daß wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, gleichwie er uns ein Gebot gegeben hat. Und wer seine Gebote hält, bleibt in ihm, und er in ihm; und hieran erkennen wir, daß er in uns bleibt, durch den Geist, den er uns gegeben hat.“ (V. 23–24). Johannes kommt nun zu einem anderen, sehr wichtigen Punkt. Wir besitzen nicht nur Leben, sondern Gott wohnt auch durch Seinen Geist in uns. Neben Leben gehört uns auch die Kraft der Gemeinschaft. Gott wohnt bei dem, der Liebe ist. Das bedeutet nicht einfach die Erlösung. So wie von Israel gesagt wird: „Sie werden wissen, daß ich Jehova bin, ihr Gott, der ich sie aus dem Lande Ägypten herausgeführt habe,  um in ihrer Mitte zu wohnen“ (2. Mos. 29, 46), so erfahren wir über uns: „Wisset ihr nicht, daß euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (1. Kor 6, 19). Christus war der gehorsame Mensch; und Gott wohnte in Ihm. Auch in dem, der jetzt gehorsam ist, wohnt Gott. Christus sagte: „Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.“ (Joh 2, 19). Für uns gilt das Wohnen Gottes in uns nur in einem abgeleiteten Sinn durch Seinen Geist; und dennoch wohnt Er in uns. In einem gehorsamen Menschen wohnt Gott so wie in Christus selbst. „Und hieran erkennen wir, daß er in uns bleibt, durch den Geist, den er uns gegeben hat.“  Das heißt: Es ist die Gegenwart des Heiligen Geistes in uns, welche uns das Bewußtsein gibt, daß Gott in uns wohnt. In diesem letzten Teil des Verses wird nicht hinzugefügt, daß wir in  Ihm wohnen. Es besagt nur, daß die Wirkung des Heiligen Geistes in unserem Wissen besteht und bestehen wird, daß Gott in uns bleibt.

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