Der Prophet Micha

Kapitel 6: Rechtsstreit Gottes mit Israel

1. Der Aufruf Gottes durch den Propheten: V. 1–5

Der Prophet gibt die Worte Gottes direkt an sein Volk weiter, welches noch als solches gesehen wird, bis das Urteil „Lo-Ammi“ (Nicht-mein-Volk) seine Anwendung findet (Hos 1,9). Im ersten Aufruf zu hören (Kap. 1) wurden die Gründe genannt, warum dieses Urteil gegen das untreue Volk beschlossen worden war. Jetzt richtet sich der Appell Gottes an das Herz des treuen Überrestes (Hos 2,14) mit dem Ziel, dass dieser zu ihm umkehrt.

Die Zeugen des Plädoyers: V. 1.2

Diese flehende Bitte des HERRN, welcher die Rolle des Anklägers übernimmt, enthält einen Hauch von Zärtlichkeit und schmerzlichem Empfinden. Er ruft die Berge, die Hügel und die Grundfesten der Erde, ein Bild von fest etablierten Mächten, als Zeugen an. Vorher werden diese Mächte selbst dazu aufgefordert, das Wort des HERRN zu hören. Wie die Jury eines Geschworenengerichts müssen sie dem Dialog zwischen Gott und seinem Volk beiwohnen1. Letzteres soll seinen Fall verteidigen, während Gott einen Rechtsstreit mit ihm führt und mit ihm rechtet.

Das Thema des Plädoyers: V. 3–5

Durch die Fragen und Antworten dieses Plädoyers versucht der HERR sein Volk zu gewinnen und ihm seine Undankbarkeit bewusst zu machen. Warum hatte es sich von Gott entfernt, der doch so viel für es getan hatte? Die göttliche Sorge für sein Volk wird durch bewegende Beweise bestätigt:

  1. Die Befreiung aus Ägypten und die Erlösung: Dies war die Grundlage aller Wege Gottes mit Israel. Gott war der große Erretter seines Volkes, für das er Sorge getragen hatte wie ein Vater (5. Mo 1,31).
  2. Die Errettungen in der Wüste: Schon vor dem Durchzug durch das Rote Meer hatte Gott Mose, den Gesetzgeber und König in Jeschurun (ein dichterischer Name Israels; 5. Mo 33,1.5), Aaron, den Hohenpriester, und Mirjam, die Prophetin (2. Mo 15,20), berufen, um das Volk in der Wüste zu führen und seinen materiellen und geistlichen Bedürfnissen zu entsprechen (Ps 105,26; 1. Kor 10,3.4).
  3. Die Umwandlung des Fluches von Balak und Bileam in Segen: Am Ende der Wüstenwanderung waren Miriam und Aaron schon gestorben und Mose wusste, dass er das verheißene Land nicht betreten würde. Da wollten Balak, der König von Moab (eines befeindeten Volkes), und Bileam, ein falscher Prophet, das Volk Israel anklagen und seine Annahme durch seinen Gott in Frage stellen. Dieser teuflische Versuch, das Volk zu verfluchen, schlug ins Gegenteil um, wobei Gott Bileam dazu zwang, Segnungen über Israel auszusprechen: „Er (Gott) erblickt keine Ungerechtigkeit in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel“ (4. Mo 23,21). Der HERR erwähnt hier Sittim, den Ort, an dem Israel direkt danach der Hurerei und dem Götzendienst verfallen war (4. Mo 25,1.2), und Gilgal, den Ort der Beschneidung. Diese beiden Orte bestätigten die Gerechtigkeit (oder die Wege der Gerechtigkeit) des HERRN. In Gilgal verurteilte Gott im Bilde die Sünde Fleisch (Röm 8,3).

2. Die Antwort der Glaubenden: V. 6–8

Die Entfaltung der Güte und Gerechtigkeit Gottes ruft in den Herzen der Glaubenden (inmitten des Volkes Israels) die Einsicht hervor, dass sie gesündigt und sich von Gott entfernt haben.

Aber wie sollen sie vor Gott treten? „Und wie könnte ein Mensch gerecht sein vor Gott?“ (Hiob 9,2). Die nach dem Gesetz zu bringenden Opfer ließen dies nicht zu. Sie führten nur die Existenz von Sünde vor Augen, um sich vor Gott daran zu erinnern, aber ohne sie wegzunehmen (Heb 10,3). Das Opfer der Erstgeborenen (V. 7; 2. Mo 13,1.2) konnte den sündigen Menschen auch nicht reinigen, der die Frucht seines Leibes nicht für seine Sünden geben konnte. Gott verbot die Opferung von Kindern unter Androhung der Todesstrafe (3. Mo 18,21; 20,2–5; 5. Mo 12,31; 18,10).

Der Prophet gibt dann auf diese furchtbaren Fragen eine allgemeingültige Antwort („o Mensch“), um den wahren Zustand des Herzens vor Gott zu beschreiben und das Leben eines jeden Gläubigen in Frömmigkeit zusammenfassend zu beschreiben:

  1. Recht zu üben: Die Werke der Gerechtigkeit, die hervorgebracht werden, bestätigen den Glauben.
  2. Güte zu lieben: Der Gläubige hat jetzt Gefallen am Guten.
  3. Demütig zu wandeln mit seinem Gott: Wer hat nach Henoch das Zeugnis empfangen, Gott wohlgefallen zu haben (1. Mo 5,24; Heb 11,5)? Dieses Leben mit Gott ist das Ergebnis des Glaubens.

Diese drei moralischen Satzungen geben kein Seelenheil, vielmehr sind sie der Beweis desselben. Dieses Heil gründet sich auf das Werk Christi, das mittels des Glaubens in das Herz aufgenommen wird. Micha zeigt hier die Bemühungen der göttlichen Gnade, welche die zukünftige Wiederherstellung des Überrestes Israels bewirken wird. Der moralische Grund-satz bleibt für die Gläubigen aller Zeiten bestehen. Jesaja stellt einen vergleichbaren Appell vor: Die Herzenshaltung muss sich ändern, wenn man dem göttlichen Gericht entfliehen will (Jes 1,16.17).

3. Ein erneuter Appell Gottes an das Gewissen: V. 9–16

Die gesamte Weissagung Michas berichtet das Wort des HERRN betreffs Samaria und Jerusalem (Mich 1,1), der beiden Mittelpunkte des Lebens der ganzen Nation (Mich 1,5). Der HERR richtet sich jetzt aufs Neue an die Stadt Samaria, die Hauptstadt Israels, um ihren traurigen Zustand zu unterstreichen (V. 16). Dort beachtete man die Satzungen Omris, des gottlosen Königs (1. Kön 16,25). Sein Sohn Ahab hatte dem Bösen in seinem eigenen Haus und in Israel die Krone aufgesetzt (1. Kön 21,25).

Wenn der Ruf der Gnade nicht beachtet wird, nimmt Gott die Rute, um zu züchtigen. Denn trotz der Warnungen der Propheten blieb das Böse in verschiedenen Formen in Samaria existent:

  • „im Haus des Gottlosen Schätze der Gottlosigkeit“ (V. 10);
  • falsche Maße, die Waage der Gottlosigkeit und betrügerische Gewichtssteine (V. 11);
  • Gewalttat und Lügen (V. 12);

Gott hatte deutlich gesagt, wie er über solche Praktiken inmitten seines Volkes, das er aus Ägypten erlöst hatte, dachte. Dies war der genaue Gegensatz dessen, was Gott unter „Recht üben“ verstand (V. 8).

Daher war das Gericht durch die Rute „bestellt“ worden (V. 9), die Krankheit, Verwüstung und Unfruchtbarkeit über die gottlose Stadt bringen würde (V. 13–15). Dieser Teil der Prophezeiung zeigt gut, wie Gott in seinen Wegen mit dem Menschen seine Gnade zur Verwirklichung seines Ratschlusses und seine gerechte Herrschaft als Antwort auf die Verantwortlichkeit des Menschen in Einklang bringen kann.

Fußnoten

  • 1 Jedes Urteil in Bezug auf das Volk oder die Nationen gilt für die Erde und muss immer unterschieden werden von dem Gericht über die Personen, die einzeln vor dem großen weißen Thron erscheinen werden – ohne Plädoyer und ohne andere Zeugen als die Bücher, in denen ihre Werke niedergeschrieben sind.
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