Betrachtungen über das zweite Buch Mose

Mose als Mittler und das zweite Gesetz

Betrachtungen über das zweite Buch Mose

Das Zelt der Zusammenkunft

Der HERR weigerte sich, das Volk in das Land der Verheißung zu geleiten. „Ich werde nicht in deiner Mitte hinaufziehen, denn du bist ein hartnäckiges Volk, dass ich dich nicht vernichte auf dem Weg“ (V. 3). Am Anfang dieses Buches, als das Volk sich in der Sklaverei Ägyptens befand, hatte Er sagen können: „Gesehen habe ich das Elend meines Volkes, das in Ägypten ist, und sein Geschrei wegen seiner Treiber habe ich gehört; denn ich kenne seine Schmerzen“ (Kap. 3,7). Aber jetzt muss Er sagen: „Ich habe dieses Volk gesehen, und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk.“ Solange das Volk bedrängt ist, wendet Er ihm seine Gnade zu, aber wenn es hartnäckig geworden ist, muss es gedemütigt werden.

„Ihr seid ein hartnäckiges Volk; zöge ich nur einen Augenblick in deiner Mitte hinauf, so würde ich dich vernichten. Und nun, lege deinen Schmuck von dir, und ich werde wissen, was ich dir tun will“ (V. 5). Nur wenn wir wirklich alle Vorzüge, die wir von Natur aus haben, ablegen, kann Gott sich uns zuwenden. Ein nackter Sünder kann bekleidet werden, aber wer sich seiner natürlichen Qualitäten rühmt, muss entblößt werden.

„Und die Kinder Israel rissen sich ihren Schmuck ab am Berg Horeb“ (V. 6). Da standen sie am Fuß dieses denkwürdigen Berges. Ihre Festgesänge hatten sich in Klagelieder verwandelt, ihr Schmuck war dahin, und die Tafeln des Zeugnisses lagen in Stücken am Boden. Das war ihr Zustand, und Mose beginnt augenblicklich, diesem Zustand gemäß zu handeln. Er konnte das Volk nicht mehr in seiner Gesamtheit anerkennen. Die Gemeinde hatte sich ganz und gar verunreinigt, indem sie ein selbst gefertigtes Götzenbild an den Platz Gottes gestellt hatte. „Und Mose nahm das Zelt und schlug es sich außerhalb des Lagers auf, fern vom Lager, und nannte es: Zelt der Zusammenkunft“ (V. 7). Das Lager wurde also nicht länger als die Stätte der Gegenwart Gottes anerkannt. Gott war nicht dort und konnte nicht dort sein. Er war durch eine menschliche Erfindung verdrängt worden. Demzufolge wurde ein neuer Versammlungspunkt gebildet. „Und es geschah, ein jeder, der den HERRN suchte, ging hinaus zu dem Zelt der Zusammenkunft, das außerhalb des Lagers war“ (V. 7).

Hier wird ein Grundsatz deutlich, den der geistlich gesinnte Christ leicht verstehen wird. Der Platz, den Christus jetzt einnimmt, liegt „außerhalb des Lagers“ (Heb 13,13). Es erfordert eine große Unterwürfigkeit unter das Wort Gottes, um genau unterscheiden zu können, was eigentlich „das Lager“ ist, und es bedarf viel geistlicher Kraft, sich von diesem Lager zu trennen. Und noch größerer Kraft bedarf es für den, der sich schon getrennt hat, um sowohl in Heiligkeit als auch in Gnade denen zu begegnen, die noch im Lager sind. Denn es ist die Heiligkeit, die uns von dem verunreinigten Lager absondert, und die Gnade, die uns fähig macht, denen zu helfen, die noch darin sind.

„Und der HERR redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund redet; und er kehrte zum Lager zurück. Sein Diener aber, Josua, der Sohn Nuns, ein Jüngling, wich nicht aus dem Innern des Zeltes“ (V. 11). Mose legt hier mehr geistliche Tatkraft an den Tag als sein Diener Josua. Es ist viel leichter, eine Stellung der Absonderung einzunehmen, als den richtigen Umgang mit denen zu finden, die noch im Lager sind.

„Und Mose sprach zu dem HERRN: Siehe, du sprichst zu mir: Führe dieses Volk hinauf, aber du hast mich nicht wissen lassen, wen du mit mir senden willst. Und du hast doch gesagt: Ich kenne dich mit Namen, und du hast auch Gnade gefunden in meinen Augen“ (V. 12). Mose bittet, dass Gott ihn begleiten möge, zum Beweis dafür, dass er Gnade gefunden habe in seinen Augen. Wäre es nur nach der Gerechtigkeit Gottes gegangen, so hätte Er das Volk vernichten müssen, denn es war ein „hartnäckiges Volk“. Aber nun ist der Mittler da, der gerade wegen dieser Hartnäckigkeit an die Gnade des HERRN appelliert. „Wenn ich denn Gnade gefunden habe in deinen Augen, Herr, so ziehe doch der Herr mit in unserer Mitte – denn es ist ein hartnäckiges Volk – und vergib unsere Ungerechtigkeit und unsere Sünde, und nimm uns an als Eigentum“ (Kap. 34,9). Gerade ein hartnäckiges Volk brauchte die unerschöpfliche Gnade und Geduld Gottes. Nur Er konnte ein solches Volk ertragen.

Mein Angesicht wird mitgehen

„Und er sprach: Mein Angesicht wird mitgehen, und ich werde dir Ruhe geben“ (V. 14). Könnte uns noch irgendetwas fehlen? Gott ist mit uns während der ganzen Wanderung durch die Wüste, und am Ende gibt Er uns ewige Ruhe! Für die Gegenwart haben wir die Gnade Gottes und für die Zukunft seine Herrlichkeit.

In Kapitel 34 wird das zweite Paar der Gesetzestafeln gegeben, nicht um wie das erste zerbrochen, sondern um in die Bundeslade gelegt zu werden, über der Gott als der Herr der ganzen Erde seinen Platz einnehmen wollte. „Und er hieb zwei steinerne Tafeln aus wie die ersten; und Mose stand frühmorgens auf und stieg auf den Berg Sinai, so wie der HERR ihm geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. Und der HERR stieg in der Wolke herab, und er stand dort bei ihm und rief den Namen des HERRN aus. Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt – aber keineswegs hält er für schuldlos den Schuldigen –, der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und an der vierten Generation“ (V. 4–7). Denken wir daran, dass Gott sich hier als der Herr vorstellt, der die ganze Welt regiert, und nicht wie Er sich am Kreuz offenbart hat, nicht wie Er im Angesicht Jesu erscheint und nicht wie Er in dem Evangelium der Gnade angekündigt wird. Das Evangelium stellt uns ihn in den Worten dar: „Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat: Nämlich dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, und er hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt“ (2. Kor 5,18). Die Missetat „heimsuchen“ und die Übertretungen „nicht zurechnen“ sind zwei sehr verschiedene Dinge. Im ersten Fall sehen wir Gott in seiner Regierung, im zweiten in dem Evangelium. In 2. Korinther 3 stellt der Apostel den Dienst nach 2. Mose 34 dem Dienst des Evangeliums gegenüber. Wer jenes Kapitel aufmerksam liest, der erkennt daraus, dass jeder, der den Charakter Gottes, so wie er Mose auf dem Berg Horeb offenbart wurde, als eine Entfaltung des Evangeliums betrachtet, eine völlig verkehrte und mangelhafte Vorstellung von dem Evangelium haben muss. Weder in der Schöpfung noch in den Wegen der Regierung Gottes kann man jemals die tiefen Geheimnisse des Vaterherzens kennen lernen. Aber Gott hat sich im Angesicht Jesu offenbart (2. Kor 4). Am Kreuz hat Er alle seine Eigenschaften in göttlicher Harmonie ans Licht gestellt. „Güte und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Friede haben sich geküsst“ (Ps 85,11). Die Sünde ist gänzlich beseitigt und der glaubende Sünder vollkommen gerechtfertigt „durch das Blut seines Kreuzes“ (Kol 1,20).

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